Das ist eine ungemein hilfreiche Übersicht über die Lehre der Schöpfung (aus Herman Selderhuis, Calvin’s Theology of the Psalms, Kapitel 3):
Die Schöpfungslehre als Grundlage der Theologie
- Für Calvin ist die Lehre von Gott dem Schöpfer der erste und grundlegende Aspekt der Gotteserkenntnis (cognitio Dei Creatoris).
- Die Schöpfung ist kein einmaliges Ereignis der Vergangenheit, sondern ein fortdauerndes Werk Gottes (creatio continua).
- Die gesamte Schöpfung ist ein “Theater der Herrlichkeit Gottes” (theatrum gloriae Dei), in dem Gott sich offenbart.
- Calvin betont die Güte und Weisheit Gottes in der Schöpfung: Alles ist wunderbar geordnet und dient dem Menschen.
- Die Schöpfung ist nicht nur Material, aus dem Gott formt, sondern eine Schöpfung ex nihilo – aus dem Nichts.
- Gottes Wort ist das Mittel der Schöpfung: Er sprach, und es geschah (Ps 33,6.9).
- Die Schöpfungsordnung offenbart Gottes Weisheit, Macht und Güte allen Menschen.
- Selbst die Gottlosen können Gott in der Schöpfung erkennen, auch wenn diese Erkenntnis nicht zur Erlösung führt.
- Die Schöpfung hat einen pädagogischen Zweck: Sie soll uns zu Gott als Schöpfer führen.
- Calvin unterscheidet zwischen der allgemeinen Offenbarung in der Schöpfung und der besonderen Offenbarung in der Schrift.
- Die Schrift funktioniert als “Brille” (spectacula), durch die wir Gott in der Schöpfung richtig erkennen können.
- Ohne die Schrift sind wir blind für die Offenbarung Gottes in der Schöpfung durch die Sünde.
- Die Schöpfung ist hierarchisch geordnet: Der Mensch steht an der Spitze der irdischen Schöpfung.
- Der Mensch ist als Bild Gottes (imago Dei) geschaffen, was seine besondere Stellung und Verantwortung begründet.
- Die imago Dei besteht primär in geistigen Fähigkeiten: Vernunft, Wille, Unsterblichkeit der Seele.
- Durch den Sündenfall ist das Bild Gottes zwar entstellt, aber nicht völlig zerstört.
- Die Schöpfung stöhnt unter der Sünde und wartet auf Erlösung (Röm 8,19-22).
- Calvin betont die Providenz (providentia Dei): Gott erhält und regiert die Schöpfung kontinuierlich.
- Nichts geschieht durch Zufall; alles untersteht Gottes weiser Regierung.
- Die Vorsehung schließt sowohl Naturgesetze als auch Wunder ein.
- Gott wirkt durch Zweitursachen, bleibt aber immer die Erstursache alles Geschehens.
- Die Erhaltung der Schöpfung ist ein ständiges Wunder und Zeichen von Gottes Güte.
- Die Ordnung der Schöpfung (Jahreszeiten, Tag und Nacht, Gestirne) offenbart Gottes Treue.
- Die Schöpfung lädt zur Anbetung ein: Alle Geschöpfe sollen Gott loben (Ps 148).
- Der Mensch hat die besondere Aufgabe, als Priester der Schöpfung das Lob der gesamten Schöpfung zu artikulieren.
- Calvin warnt vor Pantheismus: Gott ist nicht mit der Schöpfung identisch, sondern transzendent.
- Gleichzeitig betont er Gottes Immanenz: Gott ist in der Schöpfung gegenwärtig und aktiv.
- Die Schönheit und Vielfalt der Schöpfung sind Zeichen von Gottes unendlicher Weisheit und Kreativität.
Mensch und Schöpfung
- Der Mensch ist das Meisterwerk der Schöpfung, gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre (Ps 8).
- Die menschliche Würde gründet in der Gottebenbildlichkeit, nicht in eigenen Leistungen.
- Der Mensch hat eine Vermittlerrolle zwischen Gott und der übrigen Schöpfung.
- Die Herrschaft des Menschen über die Schöpfung ist eine treuhänderische Verwaltung, keine absolute Macht.
- Calvin betont die Leiblichkeit des Menschen: Der Körper ist Gottes Schöpfung und gut.
- Die Seele ist unsterblich und überlebt den Tod des Körpers.
- Der Mensch ist ein soziales Wesen, geschaffen für Gemeinschaft mit Gott und anderen Menschen.
- Die Arbeit ist Teil der ursprünglichen Schöpfungsordnung, nicht Folge des Sündenfalls.
- Calvin lehnt eine asketische Weltflucht ab: Die Schöpfung ist gut und soll dankbar genutzt werden.
- Gleichzeitig warnt er vor Weltlichkeit: Die Schöpfung darf nicht zum Götzen werden.