Übersicht: Definition und Kennzeichen von christlicher Mystik

Im Umgang mit mystischer Frömmigkeit innerhalb und ausserhalb des Christentums bietet Justin Taylor eine ausgezeichnete Übersicht zur Stärkung der Unterscheidungsfähigkeit.

1) Warum ist „Mystik“ so schwer zu definieren?

  • „Mystik“ ist ein notorisch vager und komplexer Begriff, der bei zu enger Fassung Selbstbezeichnungen historischer Mystiker ausschließen und bei zu weiter Fassung fast alles einschließen kann.
  • Die Forschung ringt seit Langem damit, eine einheitliche Erklärung über mindestens zwei Jahrtausende Praxis hinweg zu bieten.

2) Arbeitsdefinition der Mystik nach Winfried Corduan

  • Mystik wird als das „Suchen einer unmittelbaren Verbindung mit dem Absoluten“ verstanden.
  • Diese Definition setzt voraus, dass ein Absolutes existiert, vom Phänomenalen verschieden ist, dass eine Verbindung zu ihm möglich ist und dass diese Verbindung direkt und unvermittelt sein kann.
  • Diese weite Definition umfasst christliche Mystiker ebenso wie mystische Strömungen östlicher Religionen (z. B. Hinduismus).

3) Arbeitsdefinition der christlichen Mystik nach D. D. Martin

  • Christliche Mystik beschreibt eine erfahrene, direkte, nicht-abstrakte, unvermittelte, liebende Gotteserkenntnis, die so unmittelbar ist, dass sie als „Vereinigung mit Gott“ bezeichnet werden kann.
  • Die Begegnung mit Gott ist primär erfahrungsbezogen und zielt auf Teilhabe, nicht nur auf Mehrwissen über Gott.
  • Die Begegnung ist direkt auf Gott selbst gerichtet und nicht lediglich auf Mittel oder Inhalte über Gott.
  • Das Gewusste ist nicht abstrakt, sondern konkret, wirklich und bestimmt.
  • Die Erkenntnis ist möglichst unvermittelt; Schrift und Christus spielen zwar eine Rolle, doch das Ziel ist ungeteilte Gottesvereinigung ohne Zwischeninstanzen.
  • Das Ziel der Erkenntnis ist Liebe; paulinische Aussagen über „vollständiges Erkennen“ stehen im Kontext der Vorrangstellung der Liebe (1Kor 13,12).

4) Historische Beispiele und Begriffsweite

  • Wegen der terminologischen Vagheit lassen sich sehr unterschiedliche historische Phänomene als „christlich-mystisch“ einordnen.
  • Der Kirchenvater Origenes führte „mystische“ Schriftauslegung ein, indem er geistliche, verborgene Sinnschichten (mysterion, Offenbarung) vom wörtlichen Sinn unterschied.
  • Maximus Confessor entwickelte eine „mystische Theologie“, die den Prozess der Teilhabe am trinitarischen Leben betont.
  • Je nach Definition werden auch Augustinus, Thomas von Aquin, Wesley und Edwards mystisch eingeordnet, was den Begriff stark ausweitet.
  • Auf engerer Begriffsgrundlage gelten als Schlüsselgestalten u. a.: Gregor von Nyssa, Pseudo-Dionysius Areopagita, Jan van Ruusbroec, der anonyme Autor der „Wolke des Nichtwissens“, Juliana von Norwich, Theresia von Lisieux, Thomas von Kempen, Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz, Franz von Sales, Madame Guyon, François Fénelon, George Fox, John Woolman sowie die Schwenkfeldianer.
  • Im 20. Jh. werden u. a. Thomas Merton, Henri Nouwen, Brennan Manning und Richard Foster genannt; A. W. Tozer verkörperte eine gemäßigte protestantische Mystik.

5) Der „mystische Weg“ (klassisches Stufenmodell)

  • Teresa von Ávila („Die innere Burg“) und Johannes vom Kreuz („Die dunkle Nacht der Seele“) prägten das Stufenmodell.
  • Häufig wird ein dreifacher Weg genannt: Erwachen (awakening), Reinigung (purgation) und Erleuchtung (illumination).
  • Dieses Dreischrittmodell gilt als unvollständig, wenn echte Gottesvereinigung gesucht wird; dafür sei zusätzlich die „dunkle Nacht der Seele“ nötig.
  • Vollständiges Fünf-Stufen-Schema:
    1. Erwachen: plötzliche, freudige Bewusstwerdung der göttlichen Realität als lebendige Attraktivität; vor allem gesteigerte Wahrnehmung, keine einzelne Handlung.
    2. Reinigung: Konflikt zwischen erhöhter Gottesausrichtung und irdischen Bindungen; asketische Selbstdisziplin und „Tötung“ sündiger Begehrlichkeiten.
    3. Erleuchtung: freudesatte Schau und Ekstase, in der göttliche Wirklichkeit „in neuem Licht“ gesehen wird; hier enden viele Mystiker.
    4. Dunkle Nacht der Seele: radikale Entleerung, in der sogar die Freude an Gott als ego-gebunden erkannt und „gestorben“ wird; es gilt, nicht nur die Sünde, sondern das „Selbst als solches“ zu verleugnen.
    5. Vereinigung: unbeschreibliche transformative Teilhabe, in der das Selbst in das Göttliche „aufgenommen“ wird und Zweiheit in Einheit übergeht.

6) Biblische Spiritualität: Definition und Grundvision

  • Biblische Spiritualität ist eine gnadenmotivierte, fruchttragende Suche nach dem dreieinigen Gott gemäß seiner Selbstoffenbarung.
  • Das ewige Leben besteht im Leben mit diesem Gott und kommt ausschließlich durch das Mittlerwerk des inkarnieren, gekreuzigten, auferstandenen und regierenden Sohnes (Joh 14,6).
  • Der Heilige Geist bezeugt Christus, lehrt und erinnert an Jesu Lehre und führt in die Wahrheit (Joh 14,26; 15,26).

7) Ziele biblischer Spiritualität

  • Das Ziel ist identisch mit dem Ziel des christlichen Lebens: Gott zu verherrlichen, Gemeinschaft mit Gott zu genießen und ihm in seinem Bild ähnlich zu werden.
  • Alles, auch Alltägliches, geschieht zur Ehre Gottes (1Kor 10,31).
  • Das höchste Gut ist die Erkenntnis Christi (Phil 3,8.10).
  • Christi Werk bringt uns „zu Gott“ (1Petr 3,18).
  • Gottes Wille ist Heiligung, die ein „Trainieren zur Gottesfurcht“ einschließt (1Thess 4,3; 1Tim 4,7).
  • Gottes ewiger Plan ist unsere Konformität zum Bild seines Sohnes (Röm 8,29).

8) Mittel biblischer Spiritualität („means of grace“)

  • Die Praxis umfasst persönliche und gemeinschaftliche Gnadenmittel.
  • Es gibt einmalige Handlungen (z. B. Taufe), regelmäßige Handlungen (z. B. Abendmahl) und kontinuierliche Haltungen (z. B. betende Meditation, 1Thess 5,17; Jos 1,8).
  • Diese Mittel sind göttliche Gaben, in denen wir aktiv mitwirken, um Gemeinschaft mit Gott zur Ehre Gottes in Konformität mit seinem Charakter zu suchen.

9) Kriterien für „biblisch“ in der Spiritualität

  • Theologie und Praxis müssen aus der Schrift hervorgehen oder klar von ihr erlaubt sein.
  • Alles ist zu prüfen; das Gute ist festzuhalten (1Thess 5,21).
  • Gottes Wort ist wahr, hinreichend, nötig und autoritativ (Joh 17,17; Mt 4,4; Hebr 4,12).
  • Biblische Spiritualität ist schriftgegründet und schriftgebunden.

10) Voraussetzungen für die Praxis biblischer Spiritualität

  • Echte „geistliche“ Aktivität setzt den Geist Gottes voraus; sie ist Sache der Wiedergeborenen (Joh 3; 1Kor 2,14–16).
  • Alle Menschen sind von Natur Sünder und bedürfen der Gnade in Christus (Röm 3; 5).
  • Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade durch Glauben (Eph 2,8–9; Röm 5,1).
  • In der Vereinigung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus werden wir real zu dem, was wir forensisch sind; Heiligung folgt aus der Rechtfertigung (Röm 6; Eph 2,10; 1Joh 3,2).

11) Positives Überschneidungsfeld: Christliche Mystik und biblische Spiritualität

  • Christliche Mystiker bejahen in der Regel den trinitarischen Gottesglauben und stehen damit gegen untrinitarische Sekten.
  • Sie halten Gottes Transzendenz und Immanenz zusammen und streben intime Gottesbegegnungen an.
  • Sie erkennen das „visio Dei“ als summum bonum und begehren gegenwärtige Fülle Gottes (Eph 3,19; Ps 16,11; 2Petr 1,4).
  • Sie nehmen Jesu Gebot des verborgenen, persönlichen Gebets ernst (Mt 6,6).
  • Sie betonen die Herzensdimension des Glaubens und die Notwendigkeit fiducia über bloßes Wissen hinaus.
  • Sie anerkennen das Geheimnisvolle und Unermessliche Gottes, das rationaler Erfassung entzogen bleibt (Eph 3,8.19; Röm 11,33–34).
  • Sie wissen, dass Gottesbegegnung nicht selbst-erzeugbar ist und Anstrengung, Verzicht und „Erweckung“ erfordert.

12) Kritische Differenzen: Defizite der christlichen Mystik gegenüber biblischer Spiritualität

  • (1) Anthropologie/Optimismus: Viele Mystiker wirken semi-pelagianisch, indem sie eine innere „Gnadenspur“ oder ein „göttliches Fünkchen“ voraussetzen; biblisch ist der Mensch geistlich tot, und Gott allein macht lebendig (Eph 2,1–7).
  • (2) Kopf–Herz-Dualismus: Mystische Praxis trennt häufig Lehre und Hingabe und relativiert den Verstand zugunsten „herzförmiger“ Erfahrung; biblisch sollen Herz und Sinn mit den Verheißungen gefüllt werden, nicht entleert werden (Jos 1,8; 2Petr 1,4; Mt 4,4).
  • (3) Gnade als Anfang vs. Formel: Mystische Wege können den Eindruck erwecken, Gott beginne, der Mensch perfektioniere; Paulus verwirft „Beginn im Geist, Vollendung im Fleisch“ (Gal 3,3; Röm 10,6–10).
  • (4) Forensik unterbelichtet: Mystik neigt dazu, Christus primär als Vorbild statt als Stellvertreter zu sehen und verfehlt die rechtliche, sichere Annahme in Christus.
  • (5) Union vs. Kommunion verwechselt: Biblisch ist jeder Wiedergeborene unauflöslich mit Christus vereint; die wechselhafte Gemeinschaft (Kommunion) wird mystisch oft als erst zu erstrebende „Union“ missverstanden.
  • (6) Überrealisierte Eschatologie: Mystik sucht endgültige Gottesnähe „jetzt“ und übersieht, dass volle Verklärung erst bei Christi Wiederkunft geschieht (Kol 3,3–4).
  • (7) Unmittelbarkeit ohne Mittler: Das Begehren unvermittelter Gotteserfahrung ignoriert den gottgewollten Mittler Christus, sein Wort und die Fürbitte des Geistes (1Tim 2,5–6; Hebr 1,2; Joh 14,6).
  • (8) Tendenz zur Isolation: Mystik begünstigt spirituellen Rückzug und vernachlässigt die gemeindliche, öffentliche Dimension der Heiligung und der gegenseitigen Ermutigung.
  • (9) Gnostische Neigung: Materielles und Leibliches werden nicht selten als Hindernis statt als Gabe Gottes gesehen; biblisch sind Ehe, Speise und Schöpfung gut, wenn mit Danksagung empfangen (1Tim 4,1–5; Kol 3,2ff richtig verstanden).
  • (10) Schriftprinzip: Mystische Suche überschreitet mitunter die von der Schrift gesetzten Grenzen; biblische Spiritualität erkennt die Klarheit, Autorität, Notwendigkeit und Genügsamkeit der Schrift als normierende Norm (2Tim 3,16–17).

13) Literaturhinweise

  • D. D. Martin, „Mysticism“, in: W. A. Elwell (Hg.), Evangelical Dictionary of Theology (1984), 744.
  • Winfried Corduan, Mysticism: An Evangelical Option? (1991; reprint Wipf & Stock).
  • Arthur L. Johnson, Faith Misguided: Exposing the Dangers of Mysticism (1988).
  • Donald S. Whitney, „Doctrine and Devotion: A Reunion Devoutly to Be Desired“.