Mangalwadi beschreibt in “The Book that Made Your World” (Kapitel 1) den geistigen und geographischen Kontext von Bach sowie dessen Bildungs- und Glaubenshintergrund.
Vom Bach-Haus in Eisenach in Deutschland braucht man kaum fünf Minuten zu Fuß bis zu dem Haus, in dem Luther als Student gelebt hatte, und weniger als zehn Minuten mit dem Auto hinauf zur Wartburg, wo Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Als Johann Sebastian Bach (1685–1750) geboren wurde, war dieses Gebiet bereits eine lutherische Provinz. Philosophisch verstärkte Johannes Kepler die biblisch-augustinisch-lutherische Sicht von Schöpfung und Musik, indem er lehrte, dass Musik die von Gott geordnete mathematische Harmonie des Universums widerspiegelt. Bach war ein musikalisches Genie, weil er ein mathematisches Genie war, das im Rahmen seiner Ausbildung diese (nicht-polytheistische) biblische Sicht einer geordneten Schöpfung vermittelt bekam. In dieser Denkweise war Ästhetik untrennbar mit der letztgültigen Harmonie verbunden.
Dazu zitiert über Bachs Schulerziehung in Ohrdruf:
An der Schule, die Bach in Ohrdruf besuchte, war das Bildungssystem kaum gegenüber der alten [augustinisch-lutherischen] Vorschrift verändert. Musik stand in ihrer Bedeutung gleich nach der Theologie und wurde vom gleichen Lehrer unterrichtet, der glaubte, dass Musik das Herz bereit und aufnahmefähig für das göttliche Wort und die Wahrheit macht, so wie Elischa bekannte, dass er durch Harfenspiel den Heiligen Geist fand.
Mangalwadi fasst Bachs Musikverständnis so zusammen:
Für Bach wie für Luther verfolgt die ‚wahre Musik‘ als ihr letztliches Ziel oder ihren Endzweck die Ehre Gottes und die Erquickung der Seele. Bach glaubte, dass Musik eine ‚harmonische Wohlklangfülle zur Ehre Gottes‘ ist.
Mangalwadi will zeigen, dass die Blüte der westlichen Musik (mit Bach als Kulminationsfigur) aus einer spezifisch biblisch-lutherisch geprägten Weltsicht hervorgeht: Schöpfung ist geordnet, mathematisch strukturiert, und Musik ist ein Mittel, diese göttliche Harmonie zu spiegeln und Gott zu ehren. Die theologische und schulische Prägung Bachs ist dafür exemplarisch.
Zweitens schildert Mangalwadi Bachs familiären Hintergrund und seine Verarbeitung von Leid im Kontrast zu Kurt Cobain.
In seinen prägenden Jahren griff Bach stark auf das musikalische Erbe seiner Familie zurück, das bis zu seinem Urur-Großvater zurückreichte. Der Bach-Clan hatte sich zu einem weit verzweigten Netzwerk musikalischer Lehrverhältnisse und Ermutigung entwickelt. Dieses Netzwerk erwies sich als entscheidend für Bachs Entwicklung. Bach und Cobain hatten mehr gemeinsam als nur ihr musikalisches Talent. Beide verloren ihre Eltern, als sie neun Jahre alt waren – Cobains Eltern durch Scheidung, Bachs Eltern durch den Tod. Ein tragisches Ereignis wie der Tod der Eltern hätte Bachs seelisches Gleichgewicht unwiederbringlich zerstören können. Aber damals bedeutete ‚Familie‘ mehr als nur Eltern und Kinder. Johann zog zu seinem älteren Bruder, der ihn das Orgelspiel lehrte und half, seine Begabung als Komponist zu entfalten. Dem Beispiel seines Bruders folgend unterrichtete Johann später seine eigenen Kinder, die zu den besten Musikern ihrer Generation wurden. Sein jüngster Sohn wurde seinerseits zu einem der wichtigsten Einflüsse auf Mozarts Werk. Es ist verlockend, die Ordnung und Harmonie in Bachs Musik als metaphorische Spiegelung der Ordnung in seiner Familie zu deuten. Die Stabilität und Unterstützung durch seine erweiterte Familie gab Bach die seelische Kraft, seine Schmerzen zu überwinden. Diese Kraft spiegelt sich nicht nur in seinem Leben, sondern auch in seinem Werk. Dennoch kann die Familie allein seine Fähigkeit nicht erklären, die ‚Passion‘ (das Leiden) des Johannes oder des Matthäus zu feiern. Diese Fähigkeit, das Leiden zu feiern, entsprang seinem Glauben an die Auferstehung – an Gottes Sieg über Leid und Tod. Philosophisch gesprochen kam Bachs innere Kraft, mit dem Tod seiner Eltern fertigzuwerden, aus seinem Glauben an einen souveränen und liebenden Gott. Sein Leben und seine Kompositionen waren von dem Buch durchdrungen, das ihm tiefgreifende persönliche und gesellschaftliche Hoffnung gegeben hatte.
Hier entfaltet Mangalwadi die These, dass Bachs Musik nicht nur von familiärer Stabilität, sondern vor allem von seinem biblisch geprägten Auferstehungsglauben und seiner intensiven Bibelkenntnis getragen ist. Die Passionsmusik wird zum Musterfall: Sie „feiert Leiden“, weil sie es in Gottes Sieg und in der Hoffnung auf Auferstehung verankert sieht – im Gegensatz zur nihilistischen Verzweiflung Cobains.
Den Kontrast zwischen Bach und Cobain fasst Mangalwadi in einer zugespitzten Gegenüberstellung zusammen:
In diesem Sinn steht Cobain als direkter Gegenpol zum Leben, Denken und Werk von J. S. Bach. Während Bachs Musik den Sinn des Lebens als ewige Ruhe der Seele in der Liebe des Schöpfers feierte, wurde Cobain zu einem Symbol für den Verlust eines Zentrums und von Sinn in der gegenwärtigen westlichen Welt.
Bach steht hier für eine theozentrische, von „Tonika“ und „Zentrum“ geprägte Welt- und Musikauffassung, Cobain für Atonalität und Sinnverlust. Damit fungiert Bach im ganzen Kapitel als Chiffre für das „biblische“ Erbe der westlichen Kultur, Cobain für deren säkular-nihilistische Spätform.