Es gibt eine Entwicklung in unserem freikirchlichen und evangelikalen Umfeld, die mich tief betrübt. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, sehe ich bei vielen Menschen, die in konservativ-evangelikalen, kultur- und denkfeindlichen Milieus sozialisiert wurden, eine giftige Mischung mit Langzeitwirkung. Es geht um drei Tendenzen, die sich gegenseitig verstärken und geistlich verheerend wirken – besonders für die nächste Generation. Diese drei Faktoren möchte ich hier beschreiben, weil sie auch mich selbst betreffen und herausfordern.
Erstens erlebe ich eine Ablehnung des geistlichen und geistigen Erbes unserer Väter und Mütter im Glauben. Damit meine ich nicht eine kritische Auseinandersetzung mit problematischen Traditionen – die ist notwendig –, sondern eine pauschale Distanzierung, bei der das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird. Alles, was „alt“ wirkt, landet im Verdacht, rückständig oder irrelevant zu sein, und so gehen tragfähige Einsichten, geistliche Erfahrungen und sorgfältig geprüfte Überzeugungen verloren. Ich erinnere mich an eine massive Krise mit etwa dreißig Jahren, als mir bewusst wurde, wie dünn unser Boden geworden ist: wie wenig theologisch fundiert viele Positionen sind, wie rasch wir bereit sind, auf den nächsten Modetrend aufzuspringen. Je länger ich Lebensverläufe beobachte, desto deutlicher erkenne ich die fatalen Folgen dieser Entwurzelung. Vor allem für die nächste Generation ist das ein „blödes Ticket“: Kinder und Jugendliche wachsen ohne bewusst angenommenes, geprüftes Erbe auf, ohne einen belastbaren Grundbestand des Glaubens, auf dem sie stehen und aus dem heraus sie die Gegenwart deuten könnten.
Zweitens beobachte ich eine extreme Naivität gegenüber der Gegenwartskultur und ihrem säkularen Gedankengut. Kultur als solche schätze ich sehr: Viele Errungenschaften sind gut, von Gott gegeben und historisch oft durch das Christentum mitgeprägt und weiterentwickelt worden. Problematisch wird es dort, wo kulturelle Deutungsmuster unkritisch übernommen werden. Dann verwandeln sich kulturelle Güter und Denkformen in neue Götzen. Sie versprechen Freiheit, führen aber in neue Formen von Abhängigkeit und Unglück. Besonders deutlich zeigt sich das im Umgang mit Leid. Ich erlebe christliche Sprache – biblische Begriffe, Gebete, geistliche Floskeln – in Kombination mit einer säkular geprägten inneren Logik: Leid soll verdrängt werden, darf nicht stören, oder wird vor allem zum Anlass, Gott anzuklagen. Das Ergebnis ist ein zerstörerischer Mix. Das Problem liegt nicht in den christlichen Worten, sondern in den unbemerkt übernommenen Grundannahmen. Am Ende wird das christliche „Gewand“ abgelegt, während die säkularen Deutungsmuster bleiben. So verliert der Glaube seine innere Substanz und wird nur noch dünne Hülle, die leicht abgestreift wird, wenn sie als hinderlich empfunden wird.
Drittens nehme ich eine erschreckende Denkfeindlichkeit oder zumindest eine allergische Vermeidungshaltung wahr. Weltweit gibt es so zahlreiche bedeutende und weiterführende intellektuelle Initiativen unter Christen. Ich habe enorm von Geschwistern in Asien, Nord- und Südamerika gelernt. Über diese Umwege bin ich neu auf die eigenen europäischen Traditionen gestoßen: auf Theologie aus dem Mittelalter, aus der Reformationszeit, aus der protestantischen Orthodoxie und Erweckungsbewegungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Dort liegen Schätze, die anderswo entdeckt und fruchtbar gemacht werden, während wir hier das Denken vernachlässigen. Die Folgen sind gravierend: Wir sind geistlich nicht mehr wirklich aktuell, gesellschaftlich kaum anschlussfähig und kommunikativ geschwächt. Viele Gemeinden können zu zentralen Themen unserer Zeit – technologischen Entwicklungen wie der künstlichen Intelligenz oder geopolitischen Konflikten wie dem Krieg in der Ukraine – kaum tragfähige Deutungen anbieten. Die Sprache des Glaubens verliert den Kontakt zur Realität, in der Menschen tatsächlich leben, leiden, hoffen und entscheiden.
Wenn ich diese drei Linien zusammennehme – Ablehnung des Erbes, Naivität gegenüber der Kultur, Denkfeindlichkeit –, erkenne ich eine Langzeitwirkung, die mich innerlich aufrüttelt. Sie betrifft nicht nur „die anderen“, sie betrifft auch mich. Ich merke zugleich, dass Menschen außerhalb der kirchlichen Milieus oft offener sind für ehrliche, tiefgehende geistliche und intellektuelle Auseinandersetzung. Im beruflichen Umfeld begegne ich immer wieder Leuten, die schweres Leid, Scheitern und Zerbruch erlebt haben und gerade deshalb spüren, dass sie etwas anderes brauchen als die gängigen Muster der Gegenwartskultur. Dort stoße ich häufig auf mehr Resonanz als in frommen Kreisen, in denen viele gar nicht merken, mit welchen „Tickets“ sie unterwegs sind.
Für mich hängt das alles an einer zentralen Frage: Gebe ich das Kostbarste preis, wenn ich kulturelle Formen übernehme, aber Gott – seine Offenbarung, sein Reden, seine Souveränität – daraus herauslöse? Genau das geschieht, wenn ich das Erbe der Väter verwerfe, die Kultur unkritisch umarme und das Denken vernachlässige. Dann verliert der Glaube seine Tiefenschärfe, seine Deutungskraft und seine Strahlkraft. Ich wünsche mir, dass gerade unsere Generation neu lernt, dankbar und kritisch auf das Erbe zurückzugreifen, kulturelle Entwicklungen sorgfältig zu prüfen und das Denken als geistlichen Dienst zu verstehen. Nur so werden wir für die kommenden Generationen ein anderes „Ticket“ ausstellen: eines, das tragfähig ist – in den persönlichen Krisen, in den kulturellen Umbrüchen und in den globalen Konflikten unserer Zeit.