Die Ausarbeitung Ortlunds zur Theologischen Triage (deutsche Übersetzung; Artikel) erachte ich als ungemein hilfreich.
Theologische Triage ist notwendig. Wie Ärzte auf dem Schlachtfeld entscheiden müssen, welche Verletzungen zuerst behandelt werden, müssen Christen unterscheiden, welche Lehren essentiell sind und welche nicht. Es gibt Glaubensfragen, für die es sich zu sterben lohnt, und andere, die keine Spaltung rechtfertigen.
Lehren haben unterschiedliche Grade der Wichtigkeit. Nicht alle biblischen Lehren sind gleich bedeutsam. Manche sind fundamental für das Evangelium, andere wichtig für die Gesundheit der Kirche, wieder andere theologisch bedeutsam aber nicht trennend, und einige sind schlichtweg unwichtig. Diese Unterscheidung leugnen oder ignorieren viele Christen – entweder wollen sie über alles streiten oder über nichts.
Das vierstufige Schema. Ortlund schlägt vier Kategorien vor: (1) Lehren ersten Ranges sind essentiell für das Evangelium selbst (z.B. Trinität, Rechtfertigung). (2) Lehren zweiten Ranges sind dringend für die Gesundheit der Kirche und führen häufig zu denominationellen Trennungen (z.B. Taufe, Gemeindeleitung). (3) Lehren dritten Ranges sind wichtig für die christliche Theologie, rechtfertigen aber keine Trennung (z.B. Millennium, Schöpfungstage). (4) Lehren vierten Ranges sind theologisch unwichtig (z. B. musikalische Instrumente im Gottesdienst).
Die doppelte Gefahr. Christen neigen zu zwei entgegengesetzten Extremen: doktrinärer Sektierertum (über alles streiten) oder doktrinärer Minimalismus (über nichts streiten). Beide schaden der Mission der Kirche. Die Weisheit liegt in der Balance – in einer “Haltung der Ausgewogenheit” zwischen Mut und Sanftmut, zwischen Wahrheit und Gnade.
Kontext entscheidend. Theologische Triage ist keine rein intellektuelle Übung. Der Kontext bestimmt mit, wie wichtig eine Lehre ist. Was in einem kulturellen oder historischen Kontext von höchster Dringlichkeit sein mag, kann in einem anderen weniger kritisch sein. Auch die Form der Partnerschaft macht einen Unterschied – für Gemeindemitgliedschaft gelten andere Kriterien als für gemeinsame Konferenzen.
Die Einheit der Kirche ist essentiell für ihre Mission. Jesus betete für die Einheit seiner Nachfolger, “damit die Welt glaube” (Johannes 17,21). Die Einheit der Kirche ist kein optionales Extra, sondern fundamental für ihre Identität und Wirksamkeit im Evangelium. Unnötige Spaltungen schaden dem Zeugnis der Kirche und behindern die Ausbreitung des Evangeliums.
Theologie erfordert Demut. Ortlund teilt seine persönliche Geschichte – wie seine theologischen Überzeugungen zu Taufe, Millennium und Schöpfungstagen ihn in eine einsame Position brachten. Diese Erfahrungen lehrten ihn, dass theologische Überzeugungen mit Demut, Liebe und Weisheit getragen werden müssen, ohne Kompromisse bei der Wahrheit einzugehen.