Literatur: Lewis und Chesterton zu George MacDonald

Ich habe mich über mehrere Tage mit dem sehr einflussreichen christlichen – allerdings heterodoxen – Autor George MacDonald (1824-1905) beschäftigt.

Zunächst lernende Zustimmung anhand von C. S. Lewis, der massgeblich von MacDonald profitierte:

I. Wo Lewis über MacDonald spricht

Hauptwerke:

  1. “George MacDonald: An Anthology” (1946)
    • 365 Auszüge aus MacDonalds Predigten und Essays
    • Präfatorisches Essay: Lewis’ theologische Interpretation MacDonalds
    • Wichtigste Quelle für Lewis’ MacDonald-Verständnis
  2. “Surprised by Joy” (1955)
    • Kapitel XII: Die berühmte “Taufe meiner Imagination” durch “Phantastes”
    • Beschreibt das Lesen von “Phantastes” 1916 (mit 18 Jahren) als transformativ
    • “What it actually did to me was to convert, even to baptize my imagination”
  3. “The Great Divorce” (1945)
    • MacDonald erscheint als Figur – Lewis’ himmlischer Führer (wie Dante/Vergil)
    • Dialogischer Rahmen erlaubt Lewis, MacDonalds Theologie zu explizieren und zu modifizieren
    • Zeigt Bewunderung UND kritische Distanz
  4. Briefe:
    • “Collected Letters” (3 Bände): Hunderte Erwähnungen MacDonalds
    • An Arthur Greeves (1916): Erste begeisterte Reaktion auf “Phantastes”
    • An verschiedene Korrespondenten: Theologische Diskussionen über MacDonald

Essays und Vorträge:

  1. “The Mythopoeic Gift of Rider Haggard” (Essay)
    • Vergleicht Haggard mit MacDonald bezüglich mythischer Imagination
  2. “On Stories” (1947)
    • MacDonald als Exemplum für “romantic theology”
  3. Diverse Buchrezensionen und literaturkritische Essays
    • Streuverweise in Cambridge-Vorlesungen

II. Was Lewis an MacDonald schätzte

1. Die “Taufe der Imagination” – Das Holiness-Erlebnis

Aus “Surprised by Joy”:

“I saw the bright shadow coming out of the book into the real world and resting there, transforming all common things and yet itself unchanged. Or, more accurately, I saw the common things drawn into the bright shadow.”

Was geschah:

  • “Phantastes” vermittelte Heiligkeit ohne Moralismus
  • Lewis erlebte das Gute als beautiful, desirable – nicht nur als Pflicht
  • Die Imagination wurde von blossem Eskapismus befreit und als Wahrheitsträger legitimiert

Theologisch: MacDonald zeigte Lewis, dass Sehnsucht (Joy/Sehnsucht) nicht von Gott wegführt, sondern zu ihm hin.

2. Mythopoeische Methode

Aus dem Vorwort zur “Anthology”:

“I have never concealed the fact that I regarded him as my master; indeed I fancy I have never written a book in which I did not quote from him.”

Lewis schätzte:

  • MacDonald als ersten “christlichen Mythopoeten” der Moderne
  • Die Fähigkeit, Dogma in Mythos zu übersetzen ohne Reduktion
  • “Phantastes” und “Lilith” als Prototypen christlicher Fantasy

3. Romantische Theologie vs. klassische Apologetik

Lewis erkannte:

  • MacDonald erreichte Menschen durch die Hintertür der Imagination
  • Wo Argumentation versagt, öffnet Mythos das Herz
  • Dies prägte Lewis’ eigene Methode: Narnia als “supposal” statt Allegorie

4. Universelle Sehnsucht (Joy)

Aus “The Weight of Glory”:

  • Lewis’ Konzept der “Sehnsucht nach dem Unbekannten” stammt von MacDonald
  • “Phantastes” lehrte: Diese Sehnsucht ist nicht pathologisch, sondern zeigt auf transzendente Realität
  • “If I find in myself desires which nothing in this world can satisfy, the only logical explanation is that I was made for another world”

5. Die Güte Gottes

Aus der “Anthology”-Einleitung:

“The divine goodness differs from ours, but it is not sheerly different: it differs from ours not as white from black but as a perfect circle from a child’s first attempt to draw a wheel.”

Lewis übernahm:

  • MacDonalds Betonung göttlicher Güte gegen calvinistische Härte
  • Gott will nicht nur Gehorsam, sondern Freude und Heiligkeit
  • Dies gegen Lewis’ früheren “Job-like reluctance”

Gleichzeitig bestanden deutliche lehrmässige Unterschiede, wie dies am Beispiel von G. K. Chesterton deutlich wird.

I. Eschatologie

Universalismus vs. ewige Hölle

MacDonalds Position:

  • Vertrat einen qualifizierten Universalismus (Apokatastasis)
  • In “Unspoken Sermons”: Alle werden letztlich erlöst, auch wenn dies äonenlanges Leiden erfordern mag
  • Hölle als pädagogisches Purgatorium, nicht ewige Verdammnis
  • “I believe that no hell will be lacking which would help the just mercy of God to redeem his children”

Chestertons Kritik würde lauten:

  • Die Realität der menschlichen Freiheit erfordert die Möglichkeit endgültiger Verweigerung
  • In “Orthodoxy”: “The man who opens his mind too far risks losing his brain altogether”
  • Chesterton bestand auf der Orthodoxie der ewigen Hölle als logische Konsequenz menschlicher Wahlfreiheit
  • Universalismus unterminiert den Ernst der moralischen Entscheidung

II. Hamartiologie (Sündenlehre)

Erbsünde und menschliche Natur

MacDonalds Position:

  • Tendierte zu einem optimistischeren Menschenbild
  • Sünde als Unreife, Unwissenheit, kindliche Verirrung eher als rebellische Verdorbenheit
  • In seinen Romanen: Charaktere sind im Kern gut, aber fehlgeleitet

Chestertons Kritik würde lauten:

  • In “Orthodoxy” und “The Victorian Age in Literature”: Die Erbsünde ist das einzige empirisch verifizierbare christliche Dogma
  • MacDonald romantisiert menschliche Natur und unterschätzt die radikale Dimension der Sünde
  • Die “fairy tale optimism” (die Chesterton eigentlich schätzte) wird bei MacDonald theologisch problematisch naiv
  • Fehlende Anerkennung der Perversion des Willens selbst, nicht nur der Taten

III. Soteriologie (Erlösungslehre)

Satisfaktionslehre vs. moralisches Vorbild

MacDonalds Position:

  • Lehnte penal substitution theory ab
  • In “Unspoken Sermons”: Christus rettet durch Vorbild und transformative Präsenz, nicht durch stellvertretende Strafe
  • “I do not believe that God has ever said ‘I forgive but I cannot forget'”
  • Erlösung als Heilung und Transformation, nicht als forensische Rechtfertigung

Chestertons Kritik würde lauten:

  • Obwohl Chesterton selbst die krude Substitutionstheorie nicht vertrat, brauchte er die objektive Dimension der Erlösung
  • In “The Everlasting Man”: Das Kreuz als kosmisches Ereignis, nicht nur moralisches Exemplum
  • MacDonald droht, Erlösung zu subjektivieren und zu psychologisieren
  • Das “scandal of particularity” wird bei MacDonald abgeschwächt

IV. Ekklesiologie

Kirche, Sakramente, Autorität

MacDonalds Position:

  • Verließ die Church of Scotland wegen theologischer Differenzen
  • Stark anti-institutionell, betonte individuelle Beziehung zu Gott
  • Sakramente als Symbole, nicht als Heilsmittel
  • “Unspoken Sermons” kritisiert kirchliche Dogmatik scharf

Chestertons Kritik würde lauten:

  • Konvertierte 1922 zur römisch-katholischen Kirche aus Überzeugung von der Notwendigkeit autoritativer Lehre
  • In “The Catholic Church and Conversion”: Die Kirche als notwendige Institution gegen subjektiven Relativismus
  • MacDonald’s “spiritueller Individualismus” ist letztlich protestantischer Subjektivismus
  • Fehlende sakramentale Theologie – “Where two or three are gathered” reicht nicht

V. Biblische Autorität und Hermeneutik

Schriftverständnis

MacDonalds Position:

  • Sehr freie Bibelauslegung, allegorisch-spirituell
  • Kritisierte Bibelwörtlichkeit und fundamentalistische Lesarten
  • In Predigten: Geist des Textes wichtiger als Buchstabe
  • Zweifel an historischer Genauigkeit mancher biblischer Berichte

Chestertons Kritik würde lauten:

  • Obwohl nicht fundamentalistisch, bestand Chesterton auf “common sense” Lesart der Schrift
  • Die historische Realität von Inkarnation, Auferstehung etc. sind nicht verhandelbar
  • MacDonald’s allegorische Methode droht, Geschichte in Mythologie aufzulösen
  • In “The Everlasting Man”: Das Christentum ist “true myth” – aber eben TRUE

VI. Theodizee und das Böse

Realität und Natur des Bösen

MacDonalds Position:

  • Böses als Privation, Mangel an Gutem (augustinisch)
  • Aber: tendierte dazu, das Böse zu pädagogisieren – als Lerngelegenheit
  • In “Lilith”: Selbst die Dämonin wird letztlich erlöst
  • Optimismus über die ultimative Überwindung allen Übels

Chestertons Kritik würde lauten:

  • In “Orthodoxy” Kapitel “The Flag of the World”: Das Böse ist real und muss bekämpft werden, nicht nur verstanden
  • MacDonald’s Theodizee ist zu “gemütlich” – sie nimmt das Grauen nicht ernst genug
  • Die aktive, aggressive Dimension des Bösen wird unterschätzt
  • Chesterton brauchte den Teufel als reale Person, nicht nur als Symbol

VII. Christologie (implizit)

Göttlichkeit und Menschheit Christi

MacDonalds Position:

  • Starke Betonung der Menschlichkeit Christi
  • Christus primär als Offenbarer des Vaters, Lehrer, Vorbild
  • Weniger Betonung der präexistenten Göttlichkeit
  • Die “Brüderlichkeit” Christi wichtiger als seine Göttlichkeit

Chestertons Kritik würde lauten:

  • In “The Everlasting Man”: Die paradoxe Identität Christi – vollkommen Gott UND vollkommen Mensch
  • MacDonald neigt zu einer unitarischen Tendenz
  • Die nizänische Christologie wird bei MacDonald implizit abgeschwächt
  • Chesterton brauchte den “scandal” der Inkarnation in voller Härte

VIII. Dogmatik vs. Imagination

Methodologische Differenz

MacDonalds Position:

  • “I would rather be a pagan and believe something false than disbelieve what is true”
  • Imagination als primärer Erkenntnisweg, Dogma als sekundär oder hinderlich
  • In “A Dish of Orts”: Gegen “theological systems”

Chestertons Kritik würde lauten:

  • Orthodoxie als Garant gegen sentimentalen Subjektivismus
  • In “Heretics” und “Orthodoxy”: Dogma ist nicht Begrenzung, sondern Befreiung
  • “The Christian ideal has not been tried and found wanting; it has been found difficult and left untried”
  • MacDonald’s anti-dogmatische Haltung ist selbst ein (verstecktes) Dogma