Literatur: Reformierter Kommentar zu Aristoteles’ Ethik

Manche Reformatoren bleiben bis heute unbekannt, so Peter Martyr Vermigli (1499-1562). Ich habe mich mit seinem Kommentar zu Aristoteles Nikomachischer Ethik (wovon er nur den ersten Teil behandelt hat) auseinandergesetzt.

Dies sind seine tragenden Argumente:

1. Vermigli verfolgt eine Synthese von aristotelischer Philosophie und christlicher Theologie, ohne eine der beiden Seiten zu dominieren oder zu absorbieren.

2. Die Ethik ist eine praktische Wissenschaft, die nicht auf theoretische Erkenntnis, sondern auf gutes Handeln zielt.

3. Das höchste Gut des Menschen ist die Glückseligkeit (eudaimonia), verstanden als Tätigkeit der Seele gemäß vollkommener Tugend in einem vollständigen Leben.

4. Glückseligkeit ist nicht identisch mit Lust, Reichtum oder Ehre, sondern mit tugendhafter Tätigkeit, die allerdings äußere Güter als Instrumente benötigt.

5. Die Politik ist die architektonischste praktische Wissenschaft, da sie das Gemeinwohl als höchstes irdisches Gut anstrebt.

6. Das Wohl der Gemeinschaft ist größer und göttlicher als das Wohl des Einzelnen, ohne dass damit das individuelle Wohl negiert würde.

7. Die Ethik kann nicht die Präzision der Mathematik erreichen, da sie veränderliche menschliche Angelegenheiten behandelt.

8. Für das Studium der Ethik sind Lebenserfahrung und charakterliche Reife notwendig; bloßes Jugendlichsein oder charakterliche Unreife disqualifizieren.

9. Die menschliche Seele hat einen irrationalen Teil (vegetativ und appetitiv) und einen rationalen Teil (praktisch und theoretisch).

10. Entsprechend gibt es intellektuelle Tugenden (sophia, nous, episteme, techne, phronesis) und moralische Tugenden (Mut, Mäßigung, Gerechtigkeit, etc.).

11. Intellektuelle Tugenden werden primär durch Belehrung erworben, moralische Tugenden durch Gewöhnung (ethos).

12. Moralische Tugenden entstehen durch wiederholte entsprechende Handlungen: Durch gerechtes Handeln werden wir gerecht.

13. Das Paradox der Tugenderziehung wird aufgelöst durch die Unterscheidung zwischen anfänglich tugendgemäßem Handeln und späterem Handeln aus der Tugend.

14. Tugend ist wesentlich mit Lust und Schmerz verbunden: Der Tugendhafte findet Freude am tugendhaften Handeln.

15. Tugend ist weder Affekt noch bloße Fähigkeit, sondern erworbene Disposition (hexis) zur rechten Wahl.

16. Tugend ist die Mitte (mesotēs) zwischen zwei Extremen: Übermaß und Mangel.

17. Die Mitte ist nicht mathematisch-arithmetisch, sondern relativ zum Menschen und zur Situation bestimmt.

18. Die Bestimmung der Mitte erfordert praktische Weisheit (phronesis), die Fähigkeit, in konkreten Situationen richtig zu urteilen.

19. Nicht jede Handlung und nicht jeder Affekt haben eine rechte Mitte: Manche sind intrinsisch schlecht (z.B. Ehebruch, Neid).

20. Die Haupttugenden sind Mut, Mäßigung, Großzügigkeit, Hochherzigkeit, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, und Gerechtigkeit.

21. Zwischen den drei Dispositionen (zwei Extreme und die Mitte) bestehen komplexe Gegensatzverhältnisse.

22. Praktische Regeln zum Treffen der Mitte: Meide das schlimmere Extrem, kenne deine eigenen Neigungen, hüte dich vor Lust.

23. Moralische Verantwortlichkeit setzt Freiwilligkeit voraus: Nur freiwillige Handlungen sind lobens- oder tadelnswert.

24. Unfreiwilligkeit entsteht durch Zwang (äußere Gewalt) oder Unwissenheit (der Umstände, nicht der Prinzipien).

25. Gemischte Handlungen (unter Druck, aber ohne physischen Zwang) sind eher freiwillig als unfreiwillig.

26. Unwissenheit entschuldigt nur, wenn sie Reue verursacht und nicht selbstverschuldet ist.

27. Bewusste Wahl (prohairesis) ist mehr als bloße Freiwilligkeit: Sie setzt Deliberation voraus und ist charakteristisch für vernünftige Wesen.

28. Deliberation betrifft Mittel, nicht Zwecke: Die Zwecke sind durch Charakterdisposition vorgegeben.

29. Wir sind verantwortlich für unseren Charakter, da dieser durch wiederholte freiwillige Handlungen gebildet wird.

30. Platos Ideenlehre ist für die praktische Ethik unbrauchbar, da sie zu abstrakt ist und nicht bei konkreten Handlungsentscheidungen hilft.

31. Die menschliche Funktion (ergon) besteht in vernunftgemäßem Leben, das den Menschen vom Tier unterscheidet.

32. Vollkommene Glückseligkeit schließt die Tätigkeit des theoretischen Verstandes ein: Kontemplation (theoria).

33. Es gibt eine Hierarchie der Lebensformen: das genussvolle, das politische und das kontemplative Leben.

34. Äußere Güter sind für Glückseligkeit notwendig, aber nicht hinreichend: Sie sind Instrumente der Tugend.

35. Glückseligkeit ist das stabilste aller menschlichen Güter, da sie auf Tugend beruht, die beständiger ist als äußere Umstände.

36. Selbst unter extremem Unglück kann der Tugendhafte eine gewisse Glückseligkeit bewahren, indem er Unglück mit Würde trägt.

37. Glückseligkeit wird geehrt, nicht gelobt, da sie das höchste Gut ist und keinen übergeordneten Maßstab hat.

38. Die aristotelische Ethik ist mit der christlichen Lehre grundsätzlich vereinbar, sofern man ihre Grenzen erkennt.

39. Aristoteles spricht nur von natürlicher Glückseligkeit und natürlicher Tugend, nicht von der übernatürlichen Seligkeit durch Gottes Gnade.

40. Die Heilige Schrift ist der letzte Maßstab aller Wahrheit, auch der ethischen: Wo Aristoteles von der Schrift abweicht, muss er korrigiert werden.

41. Philosophische Ethik kann zur natürlichen, bürgerlichen Tugend führen, aber nicht zur christlichen Heiligkeit.

42. Die rechte Methode der Ethik ist dialektisch: Sie beginnt mit endoxa und führt zur philosophischen Klarheit.

43. Die Tugenden bilden eine Einheit in der praktischen Weisheit: Ohne phronesis sind die moralischen Tugenden unvollkommen.

44. Erziehung ist wesentlich für die Tugendbildung: Von Jugend an müssen die richtigen Gewohnheiten kultiviert werden.

45. Der Gesetzgeber hat die Aufgabe, Bürger durch gute Gesetze tugendhaft zu machen.

46. Wahre Selbstgenügsamkeit (autarkeia) findet sich nur in der tugendhaften Tätigkeit, nicht in äußeren Gütern.