Aus dem sehr lesenswerten Überblick über Chestertons Werk “Common Sense 101: Lessons from Chesterton” (Kapitel 1):
Chesterton beginnt sein berühmtes Buch “Orthodoxy” mit den Worten, dass es ein Buch darüber sei, wie er zu dem kam, was er glaubt. Er sagt, er habe versucht, eine Ketzerei zu erfinden und dabei die Orthodoxie entdeckt. Das zentrale Thema ist das Wunder – das Wunder der Existenz selbst. Moderne Menschen haben das Gefühl des Wunders verloren. Sie nehmen die Welt als selbstverständlich hin. Aber Chesterton besteht darauf, dass nichts selbstverständlich ist. Die Sonne geht jeden Morgen auf – das ist kein langweiliges Gesetz der Natur, sondern ein tägliches Wunder.
Er sagt, dass Kinder das richtige Verhältnis zur Welt haben. Ein Kind ist begeistert, wenn es zum ersten Mal den Mond sieht, und ist genauso begeistert beim hundertsten Mal. Die Wiederholung nimmt dem Kind nicht die Freude, sondern erhöht sie. “Repetition in Nature may not be a mere recurrence; it may be a theatrical encore.” Vielleicht sagt Gott jeden Morgen zur Sonne: “Tu es noch einmal!” Das Problem mit Erwachsenen ist, dass sie ihre Fähigkeit zur Verwunderung verloren haben.
Das Wunder ist nicht das Ungewöhnliche, sondern das Gewöhnliche. Wir sind so an die Gewöhnlichkeit gewöhnt, dass wir blind für ihre Außergewöhnlichkeit geworden sind. Jede Blume, jeder Stein, jeder Sonnenaufgang ist ein Wunder. Die wissenschaftliche Erklärung eines Phänomens macht es nicht weniger wunderbar. Zu sagen, dass die Sonne aufgrund der Gravitation und der Rotation der Erde aufgeht, erklärt nicht, warum es Gravitation oder eine rotierende Erde gibt. Die ultimative Frage bleibt: Warum existiert überhaupt etwas?
Chesterton argumentiert, dass das Gefühl des Wunders der Anfang aller Weisheit ist. Ohne Verwunderung gibt es keine Philosophie, keine Poesie, keine Kunst, keine Religion. Die modernen Materialisten haben das Universum zu einer mechanischen Maschine reduziert, aber eine Maschine ist nicht weniger mysteriös als ein Wunder. Die Ordnung des Universums schreit nach einer Erklärung, die über sich selbst hinausweist. Das Wunder der Existenz verlangt nach einem Schöpfer.