Wann habt ihr das letzte Mal in einer Gemeinde über Krankheitssymptome des geistlichen Lebens gehört? Hier David Jany:
1. Evangeliumsmüdigkeit und Verlust geistlicher Vitalität
- Wir können über das Evangelium reden, ohne dass es den Alltag wirklich prägt.
- Freude, Staunen und geistliche Kraft nehmen ab, Predigt wird moralistischer, Gebet mechanisch oder resigniert.
- Wenn Gemeinschaft mit Gott nicht mehr als Wert an sich gesucht wird, zeigt sich eine tiefere geistliche Oberflächlichkeit.
2. Gesetzlichkeit oder billige Gnade
- Gesetzlichkeit zeigt sich in Leistung, Regeln, Pflichten und dem permanenten Gefühl, „genüge ich“.
- Billige Gnade zeigt sich in Lauheit, Trägheit, Abstumpfung und der Frage, warum Gemeinde überhaupt noch wichtig sei.
3. Geistlicher Aktivismus ohne geistliche Kraft
- Viel Aktivität, Programme, Visionen und Projekte
- Aktivismus kann Gemeinden auslaugen, dauernde Mitarbeitersuche erzeugen und Frust auf „Unengagierte“ produzieren.
- Anti-Aktivismus kann ebenso ungesund sein, wenn Mitarbeit grundsätzlich als „Leistungsgemeinde“ abgewertet wird.
- Echte Erneuerung braucht Gefäße und Formen, aber die entscheidende Kraft kommt von innen nach außen.
4 Verlust von Buße, Heiligkeit und Sensibilität für den Geist
- Buße meint nicht Selbsterniedrigung, sondern tägliches realistisches Schuldbewusstsein vor Gott und Menschen.
- Es ist ungesund, Schuld zuerst bei anderen zu suchen, statt zu erkennen, dass auch wir schuldig werden und Vergebung brauchen.
- Wenn Evangeliumskraft fehlt, nimmt Sensibilität für das Reden des Heiligen Geistes ab, etwa beim Ton, bei Rechtfertigungen oder umgekehrt mit Harmoniesucht.
5 Subjektivismus und Verlust von Gemeinschaft
- In einer individualistischen Zeit kann „was mir einleuchtet“ zum Maßstab werden, sodass Glaube privat wird statt gemeinschaftlich.
- Konflikte werden eher vermieden, Beziehungen oberflächlicher, und man wird schnell Konsument statt Mitträger.
- Verbindlichkeit wird schwierig, weil Verpflichtung als Einschränkung erlebt wird.
- Menschen werden enttäuscht und zynisch wurden und verlieren den Anschluss an Gemeinschaft.
6 Kultureller Rückzug oder völlige Anpassung
- Zwei Extreme: Rückzug in ein religiöses Ghetto oder Anpassung an säkulare Muster, bis kaum Unterschied bleibt.
- Evangeliumserfasste Christen wollen anders leben und zugleich mitgestalten, damit das Evangelium nach außen dringt.
- Christen sollen das Schöne, Wahre und Gute stärken, Hoffnung zeigen, in Konflikte hineingehen und auch kulturell (z. B. künstlerisch) ausdrücken, dass es Wahrheit und Hoffnung gibt.
7 Verlust geistlicher Unterscheidung und Wachstum von Extremformen
- Geistliche Krise zeigt sich auch darin, dass man kaum mehr unterscheiden kann, was wirklich Gott wirkt und was nur fromm klingt.
- Umgekehrt kann man Emotion und geistliches Wirken verwechseln und alles göttlich nennen, was berührt.
- Mangelnde Unterscheidungskraft begünstigt Extremformen und Spezialbewegungen.
Wiederentdeckung des Evangeliums: Wen sie erreicht und was sie bewirkt
- Sie erreicht „zu traurige“ Menschen, die fürchten, vor Gott nicht bestehen zu können, geleichzeitig „zu wenig traurige“ Menschen, die Buße nötig haben.
- Sie erreicht Gesetzliche und Gesetzlose, weil beide Umkehr brauchen und sowohl Freiheit als auch Heiligkeit neu verstehen.
- Sie erreicht den „jüngeren Bruder“ und den „älteren Bruder“ aus dem Gleichnis (Lk 15), ebenso Zöllner und Pharisäer, also Menschen am Rand ebenso wie im Zentrum religiöser Selbstgewissheit.
- Sie erreicht religiöse und a-religiöse Menschen und ruft beide zum wahren Glauben.
- Sie ruft aus Vergötzung von Besitz, Erfolg, Beziehungen und Sexualität.
Zusammenfassung der Wirkung: Heiligkeit und Gnade als Doppelbewegung
- Wenn wir vom Evangelium erfasst sind, entsteht eine andauernde Orientierung an Gottes Heiligkeit, die zu Buße, Gebet, Selbstprüfung und einer realistischen Selbstsicht führt.
- Gleichzeitig entsteht eine andauernde Orientierung an Gottes Gnade, in der wir ruhen und Freiheit erfahren, ohne Angst, Druck oder Selbstgerechtigkeit.
- Heiligkeit und Gnade gehören zusammen, weil Gnade ohne Heiligkeit billig wird und Heiligkeit ohne Gnade zerstörerisch wirkt.
- Diese Evangeliumskraft nimmt Stolz, stabilisiert Identität und löst Abhängigkeit von Menschenmeinungen.