Predigt: Biblische Theologie des Single-Seins

Predigt von John W. Stott “All By Myself” (hier):

Grundthese und Klärung des Single-Begriffs

Weder Ehe noch Ehelosigkeit sind als Fluch zu betrachten, sondern beide sind Segen und Liebesgabe Gottes.

„Single-Sein“ umfasst nicht nur nie Verheiratete, sondern auch Getrennte, Geschiedene, Verlassene und Verwitwete, also alle ohne Lebenspartner.

Die Zahl der Singles in der westlichen Welt wächst aus unterschiedlichen Gründen, und Menschen reagieren sehr verschieden auf ihre Ehelosigkeit.

Ehelosigkeit kann Freiheit und besondere Möglichkeiten zum Dienst eröffnen, zugleich aber Schmerz durch unerwiderte Liebe, sexuelle Versuchung, Ablehnung oder Einsamkeit bedeuten, und beides kann sich mischen.

Biblische Spannung und Grundentscheidung: Komplementarität statt Ausflüchte

Als Ausgangspunkt dienen zwei scheinbar gegensätzliche Aussagen: Genesis 2,18 („nicht gut, dass der Mensch allein sei“) und 1. Korinther 7,1 („gut, nicht zu heiraten“).

Beide Aussagen gelten gleichzeitig als wahr und ergänzen einander, statt sich aufzuheben.

„Gut“ ist hier nicht primär moralisch („gut vs. böse“) gemeint, sondern als Werturteil im Sinn von „schön, edel, würdig, Gott wohlgefällig“.

Daraus folgt, dass sowohl Ehe als auch Ehelosigkeit „gut“ sind und keine Lebensform so aufgewertet werden darf, dass die andere entwertet wird.

1. Korinther 7,7 stützt dies, weil Paulus beide Lebensformen als je eigene Gnadengabe (charisma) bezeichnet.

Gesamtperspektive der Bibel: Ehe als Normalfall, Ehelosigkeit als sinnvolle Ausnahme

Ehe wird grundsätzlich als allgemeiner Wille und Zweck Gottes für Menschen dargestellt, und Sexualität, Ehe und Geschlechtsgemeinschaft gelten als gute Gaben des Schöpfers (Genesis 1–2).

Die alttestamentliche Heilsgeschichte setzt Familie und Nachkommenschaft voraus, und Jesus sowie die Apostel achten die Ehe hoch, bis hin zu Hebräer 13,4 („Ehe in Ehren bei allen“).

Ehelosigkeit muss als Ausnahme weder Unglück noch zweitbeste Lösung sein, weil Jesus selbst unverheiratet war und zeigt, dass menschliche Erfüllung auch ohne Ehe möglich ist.

Jesu Lehre in Matthäus 19: Gabe, Ruf und drei Kategorien von Ehelosigkeit

Ehelosigkeit ist nicht für alle bestimmt, sondern Gabe und Berufung „für die, denen es gegeben ist“.

Drei Gruppen werden unterschieden: Menschen, die „so geboren“ sind, Menschen, die „von Menschen so gemacht“ werden, und Menschen, die um des Himmelreiches willen bewusst verzichten.

Zur ersten Gruppe gehören angeborene Bedingungen, die Heirat erschweren oder unmöglich machen, etwa körperliche Defekte, vererbbare Krankheiten oder psychische Dispositionen bis hin zu homo- oder bisexueller Orientierung.

Zur zweiten Gruppe gehören äußere Umstände, die Ehelosigkeit auferlegen, etwa Unfälle, grausame Behandlung, familiäre Pflegepflichten, fehlende Partnerschaftsmöglichkeiten oder eine zerbrochene Verlobung.

Zur dritten Gruppe gehört die bewusste Hingabe an den Dienst am Reich Gottes, wenn Ehe unzweckmäßig wäre, etwa bei Verfolgung, ausserordentlichemDienst, fehlender finanzieller Tragfähigkeit oder Aufgaben, die ungeteilte Verfügbarkeit verlangen.

Paulus in 1. Korinther 7: Endzeithorizont, Krisenrealität und Loyalitätsfragen

Drei Rahmensätze prägen die Aussagen: „gegenwärtige Not“, „verkürzte Zeit“ und „die Gestalt dieser Welt vergeht“.

Die liberale Deutung einer irrigen Naherwartung wird zurückgewiesen, und stattdessen wird mit dem neutestamentlichen „Schon-jetzt/Noch-nicht“ der angebrochenen Endzeit seit Christi erstem Kommen argumentiert.

Zwischen erstem und zweitem Kommen liegt eine Zeit der Bedrängnis für Gottes Volk, weshalb Wachsamkeit und Ausrichtung auf das Kommende auch Besitz und Ehe betreffen.

In konkreten Krisen soll vor zusätzlicher Bedrängnis geschützt werden, weil Ehe und Kinder Leid und Sorgen unter Verfolgung oder Notlagen verstärken können.

Zusätzlich werden „geteilte Loyalitäten“ thematisiert, weil Verheiratete legitimerweise stärker mit den Anliegen des Ehepartners befasst sind, während Singles leichter ungeteilte Hingabe an den Herrn leben können, auch wenn Ehe ebenfalls Dienst am Herrn sein kann.

Würde, Haltung und geistliche Praxis

Die aktuelle Lebenslage von Singles ist gut, edel und Gott wohlgefällig und darf nicht als Übel betrachtet werden.

Um Führung Richtung Ehe darf gebetet werden, ohne besessen und unruhig zu werden, als ob Partnerschaft das Ganze des Menschseins ausmache.

Gelassenheit im Vertrauen auf Gottes Souveränität wird als Zielhaltung formuliert, nämlich bereit zu sein, beide Wege als gut anzunehmen, je nachdem, was Gott gibt.

Die Beziehung zu Christus soll bewusst vertieft werden, wofür Singles oft mehr Zeit und Freiheit haben, und Bibelmeditation sowie Gebet werden als konkrete Chancen benannt.

Ganzheit und Vollständigkeit in Christus werden betont, gestützt durch Kolosser 2,10 („vollständig in Christus“).

Eine „übergeistliche“ Vorstellung wird korrigiert, dass Jesusfreundschaft allein ohne menschliche Freundschaften genüge, und Paulus’ Erfahrungen (Titus’ Besuch; Timotheus’ Kommen vor dem Winter) dienen als Beleg, dass Gottes Trost oft durch Menschen vermittelt wird.

Calvins Auslegung von Genesis 2,18 wird aufgenommen, wonach der Mensch als soziales Wesen geschaffen ist und Einsamkeit schlecht ist, sodass Ehelosigkeit nicht in Isolation enden soll.

Praktisch wird das Ziel gesetzt, dass gesunde Freundschaften Einsamkeit tragbarer machen und sexuelle Versuchung besser bekämpfbar wird.

Verheiratete und Gemeinde: Familie Gottes praktisch gestalten

Verheiratete sollen die Kämpfe der Single-Zeit nicht vergessen und Singles in ihren aktuellen Kämpfen wahrnehmen.

Die alttestamentliche Großfamilie wird der westlichen Kernfamilie gegenübergestellt, und es wird gefordert, „erweiterte Familienräume“ durch offene Häuser und Gastfreundschaft zu schaffen.

Die Ortsgemeinde soll Kirche als Gottes Familie leben, Singles ernst nehmen und tragfähige Strukturen der Unterstützung und Ermutigung aufbauen.

Alle werden zur Umkehr von abwertenden Haltungen gegenüber Singles gerufen, und Respekt wird christologisch damit begründet, dass Jesus selbst unverheiratet war.

Mehr dazu im Interview mit Stott zu dessen eigenem Single-Sein.