Timothy Keller in einer Endjahrespredigt über “radikale” Grosszügigkeit (2Kor 9,6-15):
Historisches Zeugnis: „Brief an Diognet“ und vier auffällige Merkmale von Christen
- Brief an Diognet, frühes 3. Jahrhundert n. Chr.
- Erstens: Eine Entschärfung von Rassismus, weil Christen ihre Hauptidentität nicht aus Ethnie oder Kultur ziehen, sondern aus Christus, wodurch sie Kultur kritisch und zugleich wertschätzend behandeln können.
- Zweitens: Ein hoher Schutz des Lebens, weil „Ungewollte“ nicht getötet werden; jedes Leben gilt als unverfügbar und unendlich kostbar.
- Drittens: Eine ungewöhnliche Sexualethik, die Sex als Ausdruck exklusiver, vollständiger und dauerhafter Bindung versteht und ihn nicht als bloßen Appetit behandelt.
- Viertens: Radikale Großzügigkeit, sichtbar daran, dass Christen den Tisch teilen, andere praktisch versorgen und trotz materieller Einfachheit zufrieden und reich wirken.
- Zuspitzung: Erleben Menschen Christen heute als ebenso freigiebig erleben, mit Zeit, Geld und offenen Häusern?
Motivation radikaler Großzügigkeit: zwei „Motoren“ – Schöpfung und Erlösung
- Erste Motivation: Schöpfung, also die Einsicht, dass alles Besitztum letztlich Gabe Gottes ist.
- Dagegen steht die zeitgenössische Werbelogik „Du hast es dir verdient“ : Erarbeitet wird alles nur mit Voraussetzungen, die Gott schenkt, wie Leben, Atem, Fähigkeiten, Zeit, Möglichkeiten und Herkunft.
- Daraus entsteht eine andere Besitzhaltung: Nicht absolute Eigentümerschaft, sondern Treuhänderschaft und Dankbarkeit.
- Vergleich: Wer ein riesiges Haus geschenkt bekommt, aber dem Geber nicht einmal einen Raum gönnen will, verhält sich widersinnig; so wird die Unangemessenheit geistlicher Undankbarkeit gezeigt.
- Zweite Motivation: Erlösung, also die Antwort auf das Evangelium, dass Christus sich selbst gegeben hat.
- Radikale These: Wer nur unter Zwang geben kann, hat Gnade nicht wirklich verstanden; echte Gnade erzeugt Freiwilligkeit und Freude.
- Luther: Christus nimmt, was ich verdiene, und gibt mir, was er verdient; daher fühlt sich ein Christ innerlich „reich“.
- Spurgeon: Wer ein Heilmittel gegen den sicheren Tod braucht, wird für dieses Heilmittel alles andere preisgeben; die Kostbarkeit des Heilmittels macht alles andere relativ billig.
- Liebe: In echter Liebe entsteht der Impuls „Ich bin dein, und alles, was ich habe, ist dein“; das wird als Gegensatz zur moralistischen Logik „Gott schuldet mir etwas“ gesetzt.
- Diagnosefunktion: Ob radikale Großzügigkeit „Sinn macht“, kann als Indikator für den geistlichen Zustand gelten.