Buchhinweis: Thatchers Härte und Betonung eines aktivistischen Individualismus

Im Zuge meiner Lektüre von “Margaret Thatcher: The Authorized Biography, Volume One: Not For Turning” interssierte mich:

Wie stand es um die Selbstführung Thatchers? Thatcher schlief in den Downing-Street-Jahren konsequent vier bis fünf Stunden pro Nacht: Charles Powell, ihr Mitarbeiter, sagte über sie: ‘I don’t know whether she needs less sleep. She certainly gets less sleep. But I think it’s really a triumph of the spirit over the flesh.’ Vor wichtigen Parteitags-Reden arbeitet sie bis tief in die Nacht: Ronnie Millar, ihr Redenschreiber, notiert in seinem Tagebuch, sie habe erklärt, sie werde ‘never sleep a wink’, wenn kein fertiges Manuskript vorliege – und dann noch Stunden lang weiterdiskutiert. Clive Whitmore und andere Downing-Street-Mitarbeiter berichten von Sitzungen, die bis nach Mitternacht dauern und am nächsten Morgen um acht Uhr fortgesetzt werden – als wäre keine Nacht dazwischen gewesen.

Weitere Beispiele: Selbst als Parlamentarische Sekretärin und Mutter zweier Kleinkinder nimmt sie gleichzeitig das Bar-Examen ab (1953/54). Während des Falklands-Krieges (April–Juni 1982) schläft sie noch weniger als sonst: Mitarbeiter berichten, sie erscheine um 7 Uhr morgens bereits komplett vorbereitet zum Briefing, als hätte sie die Nacht nicht unterbrochen. Ihre Sekretärin Paddi Victor Smith beschrieb als frühes Muster, dass Thatcher Briefe beim Friseur unter der Trocknerhaube diktierte; Zeit war eine knappe Ressource, die sie niemals verschwendete.

Moore betont, dass Thatchers einzige Form der Selbstreflexion in rigoroser Selbstkritik bestand. Sie ging Reden und Auftritte im Nachhinein durch und urteilte, diese Rede sei nicht gut genug gewesen, diese Vorbereitung zu nachlässig – immer um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Weiteres Beispiel: In der Vorbereitung auf die Finchley-Kandidatur 1958 liest sie alle verfügbaren Unterlagen über den Wahlkreis, spricht mit Gemeindemitgliedern und tritt mit einer Detailkenntnis auf, die ihre Mitbewerber beschämt – Vorbereitung als moralische Pflicht, nicht als taktisches Mittel.

Diese Härte zeigte sich dann auch im Umgang mit anderen. Paddi Victor Smith, ihre erste Parlamentssekretärin, beschreibt Thatcher als ‘fairly exacting boss’: Sie zahlt übertariflich (13 Guineen pro Woche, über dem Marktsatz) und erwartet dafür vollständige Verfügbarkeit – Diktieren beim Friseur unter dem Trockner ist keine Ausnahme.

John Hoskyns, ihr Politikberater, schreibt ihr in einem Memo 1982 ins Gesicht: ‘You break every rule of good man-management. You bully your weaker colleagues. You criticise colleagues in front of each other and in front of their officials. They can’t answer back without appearing disrespectful, in front of others, to a woman and to a Prime Minister.’ Moore kommentiert, dass kaum ein Premierminister in der Geschichte diese Direktheit toleriert und nicht sofort entlassen hätte.

Christopher Soames, nach seiner Entlassung 1981, sagt, er hätte seinen Wildhüter (‘gamekeeper’) mit mehr Anstand entlassen als Thatcher ihn – ein Vergleich, den Moore mit trockenem Kommentar notiert.

Sie zeigte gegenüber loyalen Mitarbeitern eine ‘brisk, mothering sort of kindness’ (Moore) – direkt, funktional, ohne Sentimentalität: Sie löste Probleme, statt Mitgefühl auszudrücken.

Zweite Frage: Wie stand Thatcher zur Kirche und zum Evangelikalismus? Thatcher war keine religiöse Politikerin im üblichen Sinne, aber auch kein säkularer. Ihre Frömmigkeit ist methodistisch-viktorianisch, nämlich persönlich, diszipliniert, auf Pflicht und Werk gegründet – nicht auf Liturgie, Sakrament oder Gemeinschaft.

Der Methodismus des Vaters ist die eigentliche Kirche Thatchers: Sie versteht Glaube als moralische Selbstverpflichtung des Einzelnen, nicht als kollektive Institution. Die Phrase “There is no such thing as society” (1987) hat ihre theologische Wurzel hier: Gesellschaft ist die Summe selbstverantwortlicher Individuen, nicht eine überindividuelle Entität.

Zur Anglikanischen Staatskirche war das Verhältnis kühl bis konfliktreich. Die Bischöfe der Church of England – besonders Robert Runcie als Erzbischof von Canterbury – sind in den 1980ern weitgehend links-sozial geprägt und kritisieren Thatchers Wirtschaftspolitik offen. Runcies Predigt nach dem Falkland-Krieg 1982, die auch der argentinischen Gefallenen gedachte statt triumphierend zu sein, empörte Thatcher tief. Moore beschreibt diesen Konflikt als strukturell: Die anglikanische Hierarchie hatte sich als moralisches Korrektiv des Staates etabliert – genau die Rolle, die Thatcher für sich beanspruchte.

Zu den britischen Evangelikalen ist das Verhältnis wärmer. Sie schätzen ihre moralische Sprache, ihre Ablehnung des permissiven Gesellschaftsmodells der 1960er und ihre Verteidigung traditioneller Familienwerte. Thatcher wiederum nutzt evangelikale Rhetorik gelegentlich strategisch. Ihre Rede vor der General Assembly der Church of Scotland (1988, dem sogenannten ‘Sermon on the Mound’) ist der deutlichste Versuch, den eigenen Wirtschaftsliberalismus theologisch zu fundieren: Sie zitiert Paulus (“If a man will not work he shall not eat”) und argumentiert, Wohlstandsschaffung sei die Voraussetzung für christliche Wohltätigkeit.

Zusammenfassung: Thatcher ist religionssoziologisch eine methodistische Individualistin in einer anglikanischen Staatskirchen-Kultur – das erzeugt lebenslange Spannung mit der kirchlichen Institution, während sie mit dem evangelikalen Ethos der persönlichen Verantwortung und des moralischen Ernstes tiefe Wahlverwandtschaft empfindet.