Ortlund eröffnet sein Buch “Deeper” (deutsch “Tiefer”) mit einer diagnostischen Frage: „How do Christians grow?” Diese Frage, so seine Beobachtung, löst bei verschiedenen Gläubigen sehr verschiedene emotionale Reaktionen aus. Die Reaktion selbst ist bereits eine Diagnose – sie zeigt, wo jemand innerlich wirklich steht.
Drei Haltungen gegenüber der Frage nach geistlichem Wachstum
1. Schuldgefühl: Man weiss, dass man nicht wächst, und leidet darunter. Das Schuldgefühl verstärkt sich selbst: Es lähmt statt anzutreiben und hält den Menschen in geistlicher Stagnation gefangen.
2. Sehnsucht: Man wünscht sich tief und aufrichtig mehr Wachstum, als man gerade erlebt. Diese Sehnsucht ist gesund und der Keim, den Gott in jeden Wiedergeborenen gelegt hat – aber ohne eine richtige Theologie des Wachstums verpufft sie in Aktivismus oder erschöpft sich bis zum Zynismus.
3. Zynismus: Man hat Strategien versucht, Bücher gelesen, Konferenzen besucht – und dreht sich trotzdem im Kreis. Der Zynismus ist nicht Faulheit, sondern die Narbe wiederholter Enttäuschungen; seine tiefste Gefahr ist die Überzeugung, dass echte Veränderung für einen selbst schlicht nicht möglich ist.
Drei unzureichende Wachstumsmodelle
1. Verbessern: Wachstum wird als zunehmende Verhaltenskonformität mit einer moralischen Norm verstanden – dem Gesetz, den Geboten Jesu oder dem Gewissen. Das Modell greift zu kurz, weil es an der Oberfläche ansetzt: Äußeres Verhalten kann aus völlig falschen Motiven kommen und lässt das Herz unberührt.
2. Hinzufügen: Wachstum wird durch zunehmende theologische Erkenntnis und lehrmässige Präzision angestrebt. Das Modell ist unzureichend, weil Wissen, das im Kopf bleibt und nicht ins Herz einsinkt, den Menschen nicht verwandelt – und bisweilen sogar Arroganz erzeugt, die Wachstum blockiert.
3. Intensivieren: Wachstum wird in der Zunahme emotionaler und erfahrungsmäßiger Intensität in der Gottesbeziehung gesucht – lebendigerem Gottesdienst, tieferen Gebetserlebnissen. Das Modell scheitert daran, dass Intensität kein verlässlicher Maßstab für Tiefe ist und eine Abhängigkeit von emotionalen Höhepunkten erzeugt, die in den unvermeidlichen Normalphasen des Lebens zusammenbricht.
Ortlunds Fazit: Alle drei Modelle erfassen etwas Echtes – fehlt eines ganz, entsteht ein ungesundes Christentum. Aber zusammen verfehlen sie noch immer das Entscheidende: Wachstum ist kein Verbessern, Hinzufügen oder Intensivieren, sondern ein Vertiefen – das Hineinwachsen in eine Wirklichkeit, die der Christ in Christus bereits besitzt.