In der Anthropologie “The Blank Slate” (2002) des Atheisten Steven Pinker wird eine Liste von auffälligen menschlichen Übereinstimmungen (surface universals) nach Donald E. Brown aufgeführt. Die Liste ist imposant – und eine sehr deutliche Absage an konstruktivistische Konzepte. Neil Shenvi wies in diesem Podcast darauf hin.
A. Grundlegende Kognition, Wahrnehmung und Begriffsbildung
Menschen aller Kulturen bilden Abstraktionen, klassifizieren die Welt nach Kategorien – Farben, Tiere, Pflanzen, Körperteile, Werkzeuge, Wetterlagen, Verwandtschaft, Geschlecht, Alter, Raum und innere Zustände – und ordnen das so Gegliederte in hierarchische Taxonomien und Kontinua ein. Sie unterscheiden binär zwischen wahr und falsch, gut und schlecht, normal und abnormal, absichtlich und unkontrolliert, Selbst und Anderem, Teil und Ganzem, Allgemeinem und Besonderem. Logische Grundoperationen wie Verneinung, Konjunktion, Gleichheit und Gegensatz sind universal. Menschen planen, entscheiden, erinnern, messen, üben, erklären und schliessen vermutend; sie erkennen Individuen am Gesicht, nehmen Absichten wahr, deuten Verhalten und rechnen mit einem privaten Innenleben. Dabei neigen sie charakteristisch dazu, ihr eigenes Denken für objektiver zu halten, als es ist.
B. Emotionen, Motive und innere Zustände
Emotionen wie Freude, Trauer, Furcht, Neid, Empathie und Eifersucht kommen in allen menschlichen Gemeinschaften vor; Weinen und Lachen sind universale Ausdrucksformen. Kinder fürchten überall laute Geräusche und Fremde. Menschen empfinden und zeigen Zuneigung, begehren andere sexuell, entwickeln Vorstellungen von Attraktivität und praktizieren Formen sexueller Schamhaftigkeit. Gastfreundschaft und Grosszügigkeit werden bewundert, Beleidigung und Versprechen sind universale soziale Handlungen. Kulturen entwickeln symbolische Mittel, um mit Neid umzugehen, und Menschen haben generell die Fähigkeit, bestimmte Ängste zu überwinden. Auch Vorstellungen über den Tod, über Krankheit und über Glück und Unglück gehören zum universalen Repertoire innerer Überzeugungen.
C. Moral, Normen, Recht und Sanktionen
Alle menschlichen Gemeinschaften kennen Normen, Tabus und Sanktionen: Mord und Vergewaltigung sind verboten, bestimmte Speisen und Äusserungen sind tabuisiert, und Vergehen gegen die Gemeinschaft werden geahndet, wobei Ausschluss aus der Gruppe als mögliche Strafe gilt. Rechte und Pflichten werden geregelt, Eigentum anerkannt, Erbfolgen geordnet und Nachfolge organisiert. Konflikte werden durch Beratung, Vermittlung und institutionalisierte Mittel bearbeitet; Wiedergutmachung für Unrecht ist bekannt. Reziprozität – positiv wie negativ – strukturiert den Austausch von Gütern und Diensten. Rituale und Übergangsriten rahmen das soziale Leben; Führungspersonen und Statusordnungen sind universal. Glaube an Übernatürliches oder Religion sowie Etikette und Begrüssungsformen gehören ebenfalls zum normativen Grundbestand aller Kulturen.
D. Familie, Verwandtschaft, Geschlecht und Reproduktion
Die Familie oder der Haushalt ist die grundlegende soziale Einheit aller Gesellschaften. Verwandtschaft wird klassifiziert, mit Statusunterschieden verbunden und sprachlich differenziert – nahe und ferne Verwandte, Vater und Mutter tragen getrennte Bezeichnungen, und Verwandtschaftsbegriffe lassen sich auf Grundbeziehungen von Zeugung und Geburt zurückführen. Ehe ist universal; die biologische und soziale Mutter sind normalerweise identisch, und die Mutter hat während der Erziehungsjahre typischerweise einen Lebenspartner. Inzest, insbesondere zwischen Mutter und Sohn, ist überall undenkbar oder tabuisiert. Frauen leisten im Durchschnitt mehr direkte Kinderfürsorge; Männer dominieren den öffentlichen und politischen Bereich, sind im Durchschnitt aggressiver und häufiger in tödliche Gewalt und Diebstahl verwickelt. Geschlecht wird terminologisch fundamental binär gefasst und erzeugt Statusunterschiede; auch das Oedipale als psychische Spannungsstruktur wird kulturübergreifend berichtet.
E. Soziale Ordnung, Gruppen und Politik
Menschen leben überall in Gruppen – mit Strukturen, Rollen und Statusordnungen. Arbeitsteilung nach Alter und Geschlecht ist universal; ökonomische und Prestigeungleichheiten kommen in allen Gesellschaften vor, und das Bewusstsein dafür ist ebenfalls universal. Eigengruppen-Begünstigung und Ethnozentrismus gehören zum menschlichen Grundbestand; die Unterscheidung von Ingroup und Outgroup ist universell. Kooperative Arbeit und Koalitionsbildung sind ebenso verbreitet wie faktische Oligarchien. Menschen gestalten und manipulieren soziale Beziehungen; Sozialisation, typischerweise durch ältere Verwandte, ist universal. Territoriales Verhalten, Besuchsregeln, Alltagsroutinen und die Tatsache kultureller Variabilität selbst sind anthropologische Konstanten.
F. Sprache, Kommunikation und Semantik
Alle Sprachen besitzen Phoneme, Morpheme, Nomen, Verben, Pronomen und grammatische Strukturen; Lautsysteme umfassen typischerweise zwischen zehn und siebzig Phoneme und beruhen auf minimalen Kontrasten. Sprache ist prinzipiell übersetzbar, aber kein einfaches Abbild der Wirklichkeit; konkrete Bedeutungseinheiten sind weitgehend kulturspezifisch, während semantische Grundkategorien – Bewegung, Ort, Geben, Dimension, Geschwindigkeit, Einwirken – universal sind. Menschen täuschen, manipulieren und informieren sprachlich; rhetorische und poetische Formen, Metaphern, Metonymien, Synonyme, Polysemie und Onomatopoeia kommen überall vor. Besondere Redeweisen für besondere Anlässe, Babysprache, Eigennamen und Richtungsangaben sind universal. Sprachliche Gewandtheit bringt Prestige; Lautwandel ist unvermeidlich und folgt Regeln; Sprechwechsel ist geregelt.
G. Gesichtsausdruck, Körper und Ausdrucksformen
Die sieben Basisemotionen – Ärger, Verachtung, Ekel, Angst, Freude, Trauer und Überraschung – haben universale Gesichtsausdrücke, die Menschen zugleich auch maskieren oder modulieren können. Körperschmuck, Frisuren und Körperpflege sind universale kulturelle Praktiken. Gestik und faziale Kommunikation ergänzen überall die Sprache. Rechtshändigkeit ist die bevölkerungsweite Norm. Menschen schaffen universell Schutz und Behausung.
H. Gesundheit, Krankheit, Tod und Überleben
Krankheit und Tod werden in allen Kulturen als zusammenhängend verstanden und mit Deutungssystemen versehen. Totenrituale sind universal. Heilungsversuche, medizinische Praktiken und magische Handlungen – zur Lebensförderung, Lebenserhaltung und Liebesgewinnung – kommen überall vor. Divination und Trauminterpretation sind verbreitet; Träume selbst sind ein universales menschliches Erleben. Methoden oder Substanzen zur Bewusstseinsveränderung existieren in allen Kulturen. Menschen meiden instinktiv Schlangen; Süsses wird bevorzugt. Versuche, das Wetter zu beeinflussen, sind ebenfalls universell bezeugt.
I. Nahrung, Alltag, Materialität und Technik
Kochen, Nahrungsverteilung und geordnete Mahlzeiten sind universal; daneben gibt es überall Nahrungsvorlieben und tabuisierte Speisen. Menschen stellen Werkzeuge her, verwenden sie dauerhaft, fertigen Werkzeuge zur Werkzeugherstellung und prägen sie kulturell. Schneidwerkzeuge, Schlagwerkzeuge, Behälter, Bindematerial, Hebel und Speere kommen kulturübergreifend vor; Waffen sind ebenfalls universal. Flecht- und Webtechniken, nichtköperliche dekorative Kunst, Feuernutzung und Unterkunft gehören zur materiellen Grundausstattung aller Kulturen. Tausch und Handel sind universal; Geschlechtsverkehr wird typischerweise im Privaten vollzogen.
J. Zeit, Zahl, Raum und Orientierung
Menschen sind tagaktiv und gliedern Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; zyklische Zeitvorstellungen kommen überall vor. Die Zahlen Eins und Zwei sowie das Zählen generell sind universale kognitive Leistungen. Menschen versuchen, die Zukunft vorherzusagen. Zeiteinheiten werden sprachlich unterschieden. Räumliche Klassifikation und Orientierung gehören zum kognitiven Grundbestand.
K. Kunst, Musik, Mythos und symbolische Kultur
Musik ist universal: Gesang, Melodie, Rhythmus, Wiederholung, Variation und Redundanz kommen in allen Kulturen vor; Musik für Kinder sowie enge Verbindungen von Musik mit Tanz und Religion sind ebenfalls universell. Tanz, Dichtung, Rhetorik und Folklore sind anthropologische Konstanten. Ästhetische Bewertung, Symbolismus, synästhetische Metaphern und Mythen gehören zum kulturellen Grundbestand aller menschlichen Gemeinschaften. Menschen entwickeln ein umfassendes Weltbild, das Natur, Gesellschaft und das Übernatürliche in Beziehung setzt.
L. Zusatzliste „Additions Since 1989″
Die Ergänzungsliste fügt weitere kognitive und soziale Universalien hinzu: Antizipation, Bindung, kritische Lernphasen, Gewöhnung, Interpolation und mentale Karten gehören zum kognitiven Repertoire; Hoffnung, Stolz, Scham, Todesfurcht und moralische Gefühle – mit charakteristisch begrenztem Wirkradius – zum affektiven. Menschen beurteilen andere, vergleichen, bewerten differenziell und entwickeln ein Konzept von Fairness. Dominanz- und Unterordnungsverhältnisse sowie Widerstand gegen Machtmissbrauch sind universell. Selbstbild, Selbstkontrolle und Risikobereitschaft gehören dazu; Menschen wollen ihr Selbstbild positiv gestalten und nach aussen steuern. Sprichwörter existieren universell, auch in gegensätzlichen Versionen. Als geschlechtsspezifische Befunde werden ergänzt: Männer legen im Lebenslauf grössere Distanzen zurück, beteiligen sich häufiger an koalitionärer Gewalt, und es bestehen Geschlechtsunterschiede in räumlicher Kognition. Kindliche Universalien umfassen Fantasiespiel, Daumenlutschen, Kitzeln und Spielzeug; körperliche Universalien Entwöhnung und das Aussaugen von Wunden.