In Kürze darf ich eine Einführung zum monumentalen Werk De Civitate Dei von Augustinus gestalten. Hier
Kontext und Struktur von De Civitate Dei
Historischer Auslöser: Die Eroberung Roms (410 n. Chr.)
- Im August 410 n. Chr. plünderten die Westgoten unter Alarich I. die Stadt Rom – drei Tage lang
- Für die spätantike Welt war dies ein kultureller Schock: Rom galt als caput mundi, als ‘ewige Stadt’
- Die politisch-theologische Gegenanklage der Heiden war präzise formuliert:
- Roms Grösse beruhte auf der Gunst seiner Schutzgötter
- Die Christianisierung (seit Konstantin, 313 n. Chr.) hatte die Götter provoziert
- Demnach: Das Christentum ist für den Fall Roms verantwortlich
- Augustinus, Bischof von Hippo (Nordafrika), erkennt: Das ist kein punktueller Einwand – es ist eine grundsätzliche Frage nach Gott, Geschichte und dem wahren Gut.
| Kompositionskontext De Civitate Dei entsteht zwischen 413 und 427 n. Chr. – 14 Jahre Arbeit. Mit 22 Buechern ist es das längste thematisch kohärente Einzelwerk der Antike. Augustinus bezeichnet es als gewaltige und mühsame Aufgabe (praef.). |
Adressaten und Dialogpartner
- Primäre Adressaten: Graf Marcellinus, dem das Werk gewidmet ist, und gebildete Aristokraten wie Volusianus
- Charakteristisch: Diese sind vertraut mit Cicero, Sallust, Vergil, Platon – Augustinus argumentiert mit ihren eigenen Quellen (immanente Kritik)
- Sekundär: Verunsicherte christliche Römer, die zwischen Patriotismus und Glauben zerrissen sind
- Augustinus’ methodischer Grundsatz: Zuerst die zugrundeliegenden Annahmen einer Frage offenlegen und prüfen, bevor man antwortet
| Reflexionsfrage Augustinus richtet sich an Leute, die das Christentum für den Untergang Roms verantwortlich machen. Was könnte eine analoge Anklage in der Gegenwart sein – und wie würde eine ‘immanente Kritik’ dagegen aussehen? |
Struktur des Werkes – Zweiteilung mit methodischer Differenz
| Bücher 1–10: Pars destruens (Apologie) | Bücher 11–22: Pars construens (Heilsgeschichte) |
| Widerlegung der Behauptung, die alten Götter hätten Rom irdisches Glück und Grösse beschert | Ursprung, Entwicklung und Ende der civitas Dei und civitas terrena |
| Widerlegung der Behauptung, die Götter (bzw. Dämonen) verhelfen zum Heil jenseits des Todes | Schöpfung, Engelfall, Paradies, Sündenfall, Erbsünde – Bücher 11–14 |
| Immanente Kritik: Cicero, Sallust, Varro gegen sich selbst; historische Widerlegung | Typologische Schriftauslegung; Heilsgeschichte als Rahmen der Zwei-Städte-Lehre |
Schlüsselbegriffe für das Werk
- civitas („Stadt / Gemeinschaft”): Bei Augustinus nicht primär Stadtmauer, sondern intentionales Gemeinwesen, geprägt durch gemeinsame Liebe
- peregrinatio („Pilgerschaft”): Die Gottesstadt ist in diesem Leben auf Pilgerschaft – ihre Heimat ist eschatologisch
- corpus permixtum („gemischter Leib”): Die sichtbare Kirche enthält Weizen und Unkraut – keine empirisch reine Gemeinschaft ist identisch mit der civitas Dei
- amor sui / amor Dei („Eigenliebe / Gottesliebe”): Die zwei Grundausrichtungen des Willens, die die zwei Städte konstituieren
- saeculum („Zeitalter / diese Zeit”): Der Zwischenraum zwischen Schöpfung und Vollendung, in dem beide Städte vermischt existieren
- pax terrena / pax aeterna („irdischer Friede / ewiger Friede”): Augustinus bejaht den irdischen Frieden als partielles Gut, das die Kirche nutzt, ohne ihn mit dem ewigen Frieden zu verwechseln
| These: De Civitate Dei ist kein Buch über Rom. Es ist eine Theologie der Geschichte: Augustinus entwickelt ein christliches Deutungsschema für die gesamte Menschheitsgeschichte, das Schöpfung, Fall, Erlösung und Vollendung als kohärenten göttlichen Plan darstellt. |