Buchhinweis: Klassisch-kumulative Gottesbeweise

Kreeft/Tacelli in Handbook of Christian Apologetics: Hundreds of Answers to Crucial Questions listen folgende klassischen Gottesbeweise – aus evidentialistisch-kumulativer Perspektive – auf:

  • Die Autoren verfolgen insgesamt nicht das Ziel, mit einem einzigen Beweis alle Eigenschaften Gottes vollständig abzuleiten, sondern sie wollen zeigen, dass sich aus verschiedenen Zugängen zusammengenommen ein starkes kumulatives Argument für die Existenz Gottes ergibt.
  • Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei Hauptgruppen von Argumenten.
  • Die erste Gruppe sind kosmologische Argumente, also Argumente, die von der Welt ausserhalb des Menschen ausgehen.
  • Die zweite Gruppe sind psychologische oder innere Argumente, also Argumente, die von Bewusstsein, Denken, Gewissen, Erfahrung und menschlicher Sehnsucht ausgehen.

I. Kosmologische Argumente

1. Der Beweis aus der Veränderung.

  • Die Welt ist sichtbar eine Welt der Veränderung.
  • Alles, was sich verändert, geht von Möglichkeit zu Wirklichkeit über.
  • Was nur möglicherweise etwas ist, kann sich nicht selbst vollständig aktualisieren.

2. Der Beweis aus der Wirkursächlichkeit.

  • In der Erfahrungswelt gibt es Ursachen, die anderes hervorbringen oder im Sein erhalten.
  • Wenn alles nur verursacht wäre und es nichts Unverursachtes gäbe, könnte letztlich nichts existieren.
  • Eine Kette von Empfangenden erklärt das Sein nicht, wenn niemand das Sein ursprünglich besitzt.

3. Der Beweis aus Zeit und Kontingenz.

  • Dinge entstehen und vergehen.
  • Was entsteht und vergeht, muss nicht notwendig existieren.
  • Wenn es jemals absolut nichts gegeben hätte, könnte aus dem Nichts auch nichts hervorgehen.

4. Der Beweis aus den Graden der Vollkommenheit.

  • In der Welt gibt es Abstufungen von Gutheit, Wahrheit, Schönheit, Würde oder Vollkommenheit.
  • Solche Abstufungen setzen gedanklich ein Höchstmass oder einen Massstab voraus.
  • Die Autoren argumentieren, dass das Mehr oder Weniger an Vollkommenheit auf eine höchste Quelle der Vollkommenheit verweist.

5. Der teleologische oder Design-Beweis.

  • Das Universum zeigt eine erstaunliche Ordnung, Regelmässigkeit und Zweckmässigkeit.
  • Viele verschiedene Teile wirken auf gemeinsame Ziele hin.
  • Ordnung, die auf Ziele hin geordnet ist, verweist auf Intelligenz.

6. Das Kalam-Argument.

  • Alles, was zu existieren beginnt, hat eine Ursache.
  • Das Universum begann zu existieren.
  • Also hat das Universum eine Ursache.
  • Da diese Ursache nicht selbst Teil von Raum, Zeit und Materie sein kann, muss sie transzendent gegenüber dem Universum sein.

7. Der Beweis aus Kontingenz im engeren Sinn.

  • Viele Dinge in der Welt existieren nicht aus sich selbst heraus.
  • Sie sind abhängig, empfangen ihr Sein und könnten auch nicht sein.
  • Wenn alles nur kontingent wäre, gäbe es keine letzte Erklärung dafür, warum überhaupt etwas existiert.
  • Darum muss es ein Sein geben, das notwendig und nicht abhängig ist.

8. Der Beweis aus der Welt als interagierendem Ganzem

  • Die Teile des Universums sind aufeinander bezogen und bilden eine Einheit.
  • Eine solche ganzheitliche, intelligible Ordnung verlangt nach einem letzten vereinheitlichenden Grund.
  • Der Weltzusammenhang weist daher über sich hinaus auf einen transzendenten Grund ihrer Einheit.

9. Der Beweis aus den Wundern

  • Ein Wunder ist ein Ereignis, dessen angemessene Erklärung in einem besonderen direkten Eingreifen Gottes liegt.
  • Wenn es gut bezeugte Wunder gibt, dann gibt es Ereignisse, die auf göttliches Handeln verweisen.
  • Dann ist die Existenz Gottes die beste Erklärung für solche Ereignisse.

II. Psychologische oder innere Argumente

10. Der Beweis aus dem Bewusstsein.

  • Materielle Prozesse allein scheinen nicht ausreichend zu erklären, dass es subjektives Erleben, Selbstbewusstsein und Innenperspektive gibt.
  • Bewusstsein ist nicht einfach dasselbe wie blosse physikalische Bewegung.
  • Wenn Bewusstsein real ist, dann weist es über rein materialistische Erklärungen hinaus.

11. Der Beweis aus der Wahrheit.

  • Menschen erkennen Wahrheit.
  • Wahrheit ist mehr als bloss subjektive Meinung; sie beansprucht objektive Geltung.
  • Wenn es objektive Wahrheit gibt, dann setzt das eine Ordnung voraus, in der Wahrheit verankert ist.

12. Der Beweis aus dem Ursprung der Gottesidee.

  • Der Mensch besitzt die Idee Gottes bzw. des Unendlichen, Vollkommenen und Absoluten.
  • Eine solche Idee lässt sich nach Auffassung der Autoren nicht befriedigend aus rein endlichen Ursachen erklären.
  • Das Endliche verweist im Denken des Menschen auf das Unendliche.

13. Das ontologische Argument

  • Gott wird definiert als das, worüber hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann.
  • Wenn Gott nur im Denken, aber nicht in der Wirklichkeit existierte, könnte man sich etwas Grösseres denken, nämlich ein solches Wesen, das auch real existiert.
  • Daher müsse Gott nicht nur im Denken, sondern auch in der Wirklichkeit existieren.

14. Das Moralische Argument

  • Es gibt echte moralische Verpflichtung.
  • Moralische Verpflichtung ist mehr als bloss persönlicher Geschmack oder gesellschaftliche Konvention.
  • Wenn es echte moralische Sollensansprüche gibt, müssen sie in einer objektiven moralischen Ordnung gründen.

15. Der Beweis aus dem Gewissen

  • Selbst viele Subjektivisten halten daran fest, dass man seinem Gewissen gehorchen soll.
  • Das Gewissen erhebt einen absoluten Anspruch auf Gehorsam.
  • Ein solcher absoluter Anspruch kann weder aus blosser Natur, noch aus dem Individuum selbst, noch aus der Gesellschaft ausreichend erklärt werden.

16. Der Beweis aus dem Verlangen

  • Jeder natürliche, angeborene Wunsch entspricht einem realen Objekt, das ihn erfüllen kann.
  • Im Menschen gibt es aber ein tiefes Verlangen, das durch nichts Endliches vollständig gestillt wird.
  • Also muss es etwas geben, das über alle endlichen Güter hinausgeht und dieses Verlangen erfüllen kann.

17. Der Beweis aus ästhetischer Erfahrung

  • Die Erfahrung von Schönheit hat eine Tiefe, die über blosse Nützlichkeit und Materie hinausweist.
  • Schönheit kann den Menschen auf eine transzendente Wirklichkeit hin öffnen.
  • Die Autoren formulieren dies fast aphoristisch: Es gibt Bach, also gibt es Gott.

18. Der Beweis aus religiöser Erfahrung

  • In allen Kulturen und Zeiten berichten Menschen von Erfahrungen des Göttlichen.
  • Die schiere Menge, Ernsthaftigkeit und lebensverändernde Kraft solcher Erfahrungen kann nicht leicht als blosse Täuschung abgetan werden.
  • Religiöse Erfahrung beweist für sie nicht mechanisch Gottes Existenz, bildet aber ein starkes Indiz.

19. Der Beweis aus der allgemeinen Zustimmung

  • Der Glaube an ein höchstes göttliches Wesen ist in der Menschheitsgeschichte ausserordentlich verbreitet.
  • Es ist weniger plausibel anzunehmen, dass fast alle Menschen in dieser tiefsten Lebensfrage radikal irregehen.
  • Die allgemeine religiöse Übereinstimmung ist daher ein Indiz dafür, dass Gott real ist.

20. Pascals Wette

  • Wenn man auf Gott setzt und Gott existiert, gewinnt man unendlich viel.
  • Wenn man auf Gott setzt und Gott existiert nicht, verliert man letztlich nichts Entscheidendes.
  • Wenn man aber gegen Gott setzt und Gott existiert doch, verliert man alles.
  • Darum ist es vernünftig, auf Gott zu setzen.

Anmerkung: Die Autoren wollen zeigen, dass die Frage nach Gott vernünftig behandelbar ist. Sie meinen nicht, dass diese Beweise mathematische oder naturwissenschaftliche Gewissheit erzeugen. Sie verstehen die Gottesbeweise vielmehr als rationale Öffnung des Denkens für die Wirklichkeit Gottes.