Dikötters Trilogie zu China unter Maos Zeit gehört zu den monumentalen Geschichtswerken der letzten Jahrzehnte. Einzigartig: Dikötter gelang es in den wenigen Jahren vorübergehender Öffnung Chinas, ausgedehnte Forschungen in den regionalen Archiven zu unternehmen. Die Lektüre zeigt einem ein Bild des Grauens. Ich musste im kapitelweisen Erfassen der Inhalte immer wieder unterbrechen. Hier einige Botschaften aus der Zeit 1958-1962 (Die grosse Hungersnot):
I. Mao und die Herrschaft der Willkür
- Die Kulturrevolution war kein Ausrutscher, sondern ein Strukturproblem des Maoismus: Ein System, das einen einzigen Willen absolut setzt, kann dem Irrsinn nicht widerstehen, wenn dieser Wille irrational wird.
- Hinter der ideologischen Rhetorik stand ein persönlicher Racheplan: Mao wollte verhindern, dass er nach seinem Tod wie Stalin denunziert würde – und opferte dafür Millionen von Menschen.
- Mao war kein Gefangener seines Systems, sondern sein aktiver Lenker: Er improvisierte, revidierte und manipulierte unaufhörlich. Seine stärkste Waffe war das kontrollierende Chaos.
- Der Personenkult war nicht nur Propaganda, sondern ersetzte alle institutionellen Bindungen: Wenn die einzige Legitimationsquelle ein einzelner Mensch ist, kollabiert das gesamte System mit ihm.
- Maos Fähigkeit zum politischen Überleben beruhte auf dem Prinzip der Äquivalenz von Ruhm und Schuld: Andere gestanden »freiwillig«; wer sich verweigerte, war schuldig.
II. Gewalt und ihre Akteure
- Dikötter zeigt, dass die Gewalt nicht allein »von oben« befohlen wurde: Lokale Kader, Schüler, Nachbarschaftskomitees und gewöhnliche Denunzianten organisierten die Verfolgung eigeninitiativ.
- Kinder waren oft die grausamsten Täter: In einer Atmosphäre totaler Ideologisierung und mit dem Segen der Staatsgewalt wurden Jugendliche zu Folterern, bevor sie verstanden, was Mitleid ist.
- Die Opfer waren nicht »Klassenfeinde« in einem objektiven Sinn, sondern Menschen, die zufällig oder aufgrund persönlicher Feindschaft in die Maschinerie gerieten. Die Willkür war systemisch.
- Der Terror produzierte sich selbst: Jedes Geständnis erzwang neue Namen; jede Säuberung schuf neue Feinde; jede Fraktion produzierte eine Gegenfraktion. Die Gewalt hatte eine eigene Logik.
- Die bewaffneten Fraktionskämpfe 1967–68 kamen einem echten Bürgerkrieg gleich: Raketen, Panzer, Artillerie – die Volksrepublik kämpfte gegen sich selbst.
III. Institutioneller Kollaps
- Das Regime vernichtete nicht nur Menschen, sondern systematisch auch Institutionen: Gerichte, Schulen, Universitäten, Kirchen, Bibliotheken, Kultureinrichtungen – alles wurde entweder zerstört oder instrumentalisiert.
- Das Bildungssystem erlitt einen Generationsschaden, der noch heute nachwirkt: Die »Verlorene Generation« fehlt als Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Wissenschaftler.
- Die Justiz wurde vollständig abgeschafft: Revolutionskomitees fungierten als Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht in einer Person. Das Prinzip der Unschuldsvermutung war inexistent.
- Die Planwirtschaft kollabierte nicht trotz der KR, sondern als direkte Folge: Streiks, Fraktionskämpfe, zerstörte Infrastruktur und die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte paralysieren die Wirtschaft für Jahre.
- 1Das Militär als einzige noch funktionsfähige Institution absorbierte alle Staatsfunktionen und schuf damit eine faktische Militärdiktatur, die Mao selbst zunehmend bedrohte.
IV. Ideologie und ihre Grenzen
- Die Ideologie der KR war bewusst vage gehalten: »Kapitalistische Wegbereiter«, »Revisionisten« und »Klassenfeinde« konnten jeden und niemanden bedeuten – das war ihre Stärke als Herrschaftsinstrument.
- Das Mao-Denken ersetzte alle anderen Wissensformen: Medizinische, technische und wissenschaftliche Expertise wurde als bourgeois verworfen; die Folge war struktureller Kompetenzabbau.
- Der Versuch totaler Gedankenkontrolle produzierte massenhaften Heuchelei: Menschen lernten, in der Öffentlichkeit zu performen und im Privaten zu denken. Die KR erzog zum Doppelleben.
- Jede Ideologisierungskampagne endet in ihrem eigenen Nihilismus: Am Ende der KR glaubte kaum noch jemand – selbst in der Partei nicht – an Marxismus, Leninismus oder Mao-Denken.
- Der Ikonoklasmus der KR zerstörte Jahrtausende kulturellen Erbes: Tempel, Bibliotheken, Kunstwerke, Gräber. Was in wenigen Wochen vernichtet wurde, ist unwiederbringlich verloren.
V. Widerstand und Resilienz
- Das herausragende Gegenthema des Buches: Gewöhnliche Menschen resistierten im Stillen, kontinuierlich und mit Erfolg. Die stille Revolution der Bauern hat China mehr verändert als jede offizielle Kampagne.
- Schwarzmärkte, Privatbetriebe und informelle Netzwerke waren nicht Zeichen eines Versagens des Kommunismus – sie waren die Antwort des menschlichen Überlebenstriebes auf seine Absurditäten.
- Die Religion erwies sich als die widerstandsfähigste Institution: Trotz intensiver Verfolgung überlebten Christentum, Buddhismus und Volksreligion unter der Oberfläche.
- Literatur und Bildung fanden Wege der Selbsterhaltung: Bücher wurden in Earthenware-Töpfen vergraben, Bücher heimlich ausgeliehen, klassische Texte auswendig gelernt. Das kulturelle Gedächtnis überlebte.
- Deng Xiaopings Reformen waren keine Revolution von oben: Sie folgten dem, was das Volk längst selbst getan hatte. Die kommunistischen Kader legalisierten nachträglich, was die Menschen ihnen abgetrotzt hatten.