Input: Die Hauptlinien von Irans Geschichte

Die akutelle Eskalation des Konflikts im Iran nütze ich für das Studium seiner (eindrücklichen) Geschichte. Es empfiehlt sich, Bücher zu konsultieren, die bereits vor einigen Jahr(zehnten) herausgekommen sind, zu konsultieren.

Nikki R. Keddie, Modern Iran: Roots and Results (2006), geht den Wurzeln der aktuellen Situation nach und entfaltet folgende Hauptlinien:

  • Die vormoderne Geschichte liefert die religiösen und sozialen Tiefenstrukturen iranischer Politik. 
  • Das 19. Jahrhundert schafft die institutionellen und geopolitischen Probleme, aus denen das moderne Iran hervorgeht. 
  • Die Jahre 1890 bis 1914 zeigen, dass Protest, Revolte und Verfassungsdenken lange vor 1979 vorhanden waren. 
  • Reza Schah baut den modernen Staat auf, aber auf autoritäre Weise.
  • Mosaddeq und 1953 werden zum Trauma der politischen Moderne Irans.
  • Die Pahlavi-Diktatur erzeugt durch Reform von oben und Repression von unten die Bedingungen der Revolution.
  • Die Revolution von 1978/79 ist für Keddie zugleich religiös, sozial, wirtschaftlich und politisch. 
  • Die Islamische Republik ist nicht einfach Endpunkt, sondern Ausgangspunkt neuer innerer Widersprüche.

Etwas ausführlicher die Zeit zwischen 1800 und 1979:

Grundlagen des 19. Jahrhunderts

  • 1796: Mit den Herrschern seit 1796 wird Iran laut Keddie wieder als einheitliches Königreich unter einer neuen Dynastie zusammengefasst. Dies markiert den Beginn der Kadscharenzeit als Rahmen des langen 19. Jahrhunderts.
  • 1796–1890: Das Buch behandelt diese Epoche unter dem Titel „Kontinuität und Wandel unter den Kadscharen“. Die traditionellen Herrschaftsformen bleiben stark, gleichzeitig wächst der äußere Druck europäischer Mächte und die innere Krisenanfälligkeit.
  • 19. Jahrhundert insgesamt: Die Grundlagen des modernen Iran werden bereits in dieser Zeit gelegt. Dazu gehören Staatsfinanzen, Verwaltungsprobleme, ausländischer Einfluss, soziale Spannungen und die stärkere politische Rolle religiöser Netzwerke. 

Protest, Verfassung und Revolution im frühen 20. Jahrhundert

  • 1890–1914: Das Buch bezeichnet diese Jahre ausdrücklich als Phase von „Protest und Revolution“. Aus sozialen und politischen Unzufriedenheiten entsteht ein neuer revolutionärer Stil.
  • 1905–1911: Die Konstitutionelle Revolution ist ein Kernereignis dieser Phase. Sie steht für den Versuch, monarchische Willkür durch Verfassung, Parlament und neue Öffentlichkeit zu begrenzen.
  • Bis 1914: Die konstitutionelle Bewegung zeigt, dass Iran bereits lange vor 1979 Erfahrungen mit Massenprotest, religiöser Mobilisierung, urbaner Politik und revolutionärer Sprache gemacht hatte.

Krieg, Staatsumbau und Reza Schah

  • 1914–1921: Der Erste Weltkrieg und die anschließende Krisenzeit destabilisieren Iran schwer. Keddie behandelt diese Jahre als eigene Unterphase vor dem Aufstieg Reza Schahs. 
  • 1921–1925: Übergangsphase zum neuen Regime. Das Buch weist diese Jahre gesondert aus, weil hier die politische Neuordnung vorbereitet wird, die schließlich zur Pahlavi-Monarchie führt. 
  • 1925–1941: Herrschaft Reza Schahs. Diese Epoche steht im Buch für harten Staatsaufbau, Zentralisierung, Modernisierung und autoritäre Vereinheitlichung.
  • 1930er Jahre: Reza Schah fordert Ausländer dazu auf, den indigenen Namen „Iran“ zu verwenden; das Buch betont, dass dies keine eigentliche Umbenennung des Landes war, sondern die Nutzung des bereits einheimischen Namens. 
  • Bis 1941: Die Reza-Schah-Zeit schafft moderne Institutionen, erzeugt aber zugleich neue Spannungen zwischen Staat und Gesellschaft.

Zweiter Weltkrieg, Mosaddeq und der Bruch von 1953

  • 1941–1945: Der Zweite Weltkrieg bildet eine eigene Zäsur. Hier verschiebt sich die Machtbalance im Iran erneut. 
  • 1945–frühe 1950er Jahre: Nachkriegszeit mit sozioökonomischen Problemen. Die sozialen und wirtschaftlichen Spannungen sind Voraussetzung der folgenden Öl- und Machtkrise. 
  • 1951–1953: Die Ölkrise und Mosaddeq markieren den Höhepunkt eines nationalen Versuchs, Souveränität, Parlamentarismus und Kontrolle über Ressourcen neu zu definieren. 
  • 1953: Der Sturz von Premierminister Mohammad Mosaddeq ist ein Schlüsselereignis der modernen iranischen Geschichte;. Seine Folgen reichen bis zur Revolution von 1978/79.

Königliche Diktatur unter Mohammad Reza Schah

  • 1953–1977: Das Buch nennt die gesamte Epoche „Royal Dictatorship“. Damit ist klar, dass Keddie die Nach-Mosaddeq-Zeit nicht als lineare Modernisierungsgeschichte, sondern als autoritäre Neuordnung liest. 
  • 1954–1960: Konsolidierungsphase des Regimes. Der Staat stabilisiert sich nach dem Umsturz, doch die Grundprobleme der Legitimation bleiben bestehen. 
  • 1960–1963: Neue Spannungen und politische Bewegung. Das Buch trennt diese Jahre eigens ab, was auf eine wichtige Vorstufe zur späteren Umgestaltung verweist. 
  • 1963–1977: Reform, Boom und Krisenerscheinungen. Keddie fasst diese Jahre in einer Dreierformel zusammen, die den inneren Widerspruch der Pahlavi-Zeit gut trifft: staatlich verordnete Modernisierung, wirtschaftlicher Aufschwung und zugleich wachsende soziale, politische und kulturelle Entfremdung. 
  • 1970er Jahre: Ölboom, soziale Disparitäten, politische Repression und die Mobilisierung sehr unterschiedlicher Oppositionskräfte sind entscheidend. Diese Konstellation mündet in die Revolution.

Revolution und Gründung der Islamischen Republik

  • 1978: Das Buch bezeichnet 1978 als das Jahr, in dem die meisten Kämpfe der iranischen Revolution stattfanden. Damit ist 1978 das eigentliche Revolutionsjahr im engeren Sinn. 
  • 1978–1979: „die Revolution“ in zwei großen Strängen, nämlich säkulare und Guerilla-Opposition einerseits sowie die religiöse Opposition andererseits. Keddies Grundthese lautet, dass die Revolution religiöse, politische, soziale und ökonomische Ursachen zugleich hatte.
  • Februar 1979: Der endgültige Sieg der Revolution erfolgt im Februar 1979. Damit endet die Monarchie und beginnt die Herrschaftsbildung der Islamischen Republik.