Input: Schaeffers Leben im Moment vs. die Sinnerschaffung im Moment

Im Zusammenhang mit einer Recherche zu Francis Schaeffers Ausführungen zum Leben im Moment aus seinem Schlüsselwerk “Geistliches Leben – was ist das?” (Teil I, Kapitel 6 und 7) habe ich die Unterschiede zu dem damals sehr populären philosophischen Existenzalismus herausgearbeitet:

Schaeffer stimmt dem Denken seiner Zeit in einem Punkt ausdrücklich zu: Das Leben vollzieht sich von Augenblick zu Augenblick, und dieser Augenblick ist wirklich ernst zu nehmen. Doch damit endet die Übereinstimmung, und die Unterschiede sind grundlegend.

Das zeitgenössische gedankliche Augenblick-Denken – wie es etwa Jean-Paul Sartre vertreten hatte – geht davon aus, dass der Mensch im Augenblick der Entscheidung vollkommen auf sich allein gestellt ist. Kein Gott, keine vorgegebene Natur, keine übergeordnete Ordnung gibt ihm Halt; er erschafft sich selbst durch sein Wählen. Für Schaeffer ist das genau der Ort, an dem der entscheidende Irrtum liegt: Der Augenblick ist nicht leer, sondern von Gott her bestimmt. Der Mensch steht nicht nackt vor einer bedeutungslosen Welt, sondern als Geschöpf vor seinem Schöpfer. „Wir leben in einem persönlichen Weltall”, schreibt Schaeffer, „nicht in einem unpersönlichen.” (Kap. 7) Das verändert alles: Der Augenblick des Glaubens ist kein Sprung ins Dunkle, sondern das Greifen nach einer wirklich dagewesenen, abgeschlossenen Tat – dem Kreuz Christi in der Geschichte.

Ein zweiter Unterschied betrifft die Frage, was im Augenblick eigentlich geschieht. Im gedanklichen Augenblick-Denken schafft der Mensch durch seine Wahl seinen eigenen Sinn; Sinn ist ein Erzeugnis des menschlichen Willens. Schaeffer kehrt das um: Im Augenblick des Glaubens empfängt der Mensch, was Christus längst erworben hat. Die leeren Hände des Glaubens erzeugen nichts; sie nehmen etwas entgegen. Es ist tätige Hingabe, kein schöpferisches Wollen. „Der Glaube ist nicht Glaube an den Glauben”, schreibt Schaeffer, „sondern Glauben-Schenken an das, was Gott gesagt hat.” (Kap. 7)

Drittens unterscheidet sich Schaeffer in der Frage der Hoffnung. Das gedankliche Augenblick-Denken kennt nur den Augenblick selbst; es gibt keinen sinnvollen Bogen, der über ihn hinausgeht. Für Schaeffer hingegen ist der gegenwärtige Augenblick eingebettet in eine wirkliche Geschichte: in das, was war (Kreuz und Auferstehung), in das, was ist (der lebendige Christus und die Wirklichkeit des unsichtbaren Teils der Schöpfung), und in das, was sein wird (die leibliche Auferstehung der Toten). Der Augenblick des Glaubens ist daher nicht ein Aufflackern im Nichts, sondern ein Schritt auf einem Weg, der von Gott selbst angelegt wurde und an ein wirkliches Ziel führt.