Diesem Interview bin ich mit grossem Interesse gefolgt. Kuhs steht für eine überaus integre, bescheidene Art der politischen Einflussnahme, wie ich sie kaum antreffe. Hier ein Ausschnitt:
Der Jüngere: Du hast vorhin gesagt, du seist eigentlich kein Politiker. Das hat mich überrascht. Denn wer dich von außen wahrnimmt, verbindet dich doch gerade mit Politik, mit Partei, mit Kontroversen, mit Öffentlichkeit. Wie kann jemand so deutlich politisch auftreten und zugleich sagen: Ich bin kein Politiker?
Der Ältere: Vielleicht muss man genauer unterscheiden. Es gibt Menschen, die sich von Anfang an als politische Akteure verstehen, die Öffentlichkeit suchen, Macht gestalten wollen, Reden halten, Strategien entwerfen, Debatten dominieren. So war ich nie. Ich war vierzig Jahre im Staatsdienst. Ich habe in Strukturen gearbeitet, Verantwortung getragen, organisiert, geprüft, verwaltet. Aber mein Selbstverständnis war ein anderes. Ich habe mich immer zuerst als Familienmensch verstanden.
Der Jüngere: Also nicht Politik als Berufung, sondern Familie als Mitte?
Der Ältere: Ja. Meine Frau und ich haben zehn Kinder. Das prägt einen Menschen tiefer als jede Parteimitgliedschaft. Wer so lebt, denkt anders über Zeit, Verantwortung, Opfer, Zukunft und Gesellschaft. Und zugleich bin ich in einem gläubigen Elternhaus aufgewachsen. Für mich war von klein auf selbstverständlich, dass man zusammen betet, die Bibel liest, singt, Andacht hält und den Glauben nicht als Nebensache, sondern als Grundton des Lebens versteht. Das war keine Theorie, sondern ein Rhythmus. Und später wollten wir als Familie selbst in diesem Rhythmus leben.
Der Jüngere: Dann verstehe ich besser, warum du sagst, du habest dich nie primär als Politiker gefühlt. Aber irgendetwas muss doch geschehen sein, das dich in diese Richtung gedrängt hat.
Der Ältere: Ja. Es gab einen Punkt, an dem ich merkte: Zuschauen reicht nicht mehr. Man lebt lange im Alltag, arbeitet, sorgt für die Familie, trägt Verantwortung an seinem Ort. Und dann kommt irgendwann ein Moment, in dem sich die Frage aufdrängt: Was tust du eigentlich, wenn du merkst, dass Grundlegendes schiefläuft? Nicht nur ein Einzelproblem, sondern die Richtung insgesamt?
Der Jüngere: Kannst du diesen Moment benennen?
Der Ältere: Er kam nicht aus dem Nichts. Manche Entwicklungen hatten mich über Jahre irritiert. Ich hatte gelernt, genau hinzusehen. In meinem Beruf musste ich prüfen, Strukturen analysieren, Abläufe verstehen, Zahlen ernst nehmen, der Sache auf den Grund gehen. Diese Haltung nimmt man mit. Sie bleibt nicht am Bürotisch. Und dann ging ich zum ersten Mal in meinem Leben auf eine Demonstration.
Der Jüngere: Warum gerade dann? Und warum gerade diese?
Der Ältere: Weil ich wissen wollte, warum Menschen auf die Straße gehen. Es war der Marsch für das Leben in Berlin. Und was ich dort sah, erschütterte mich. Nicht nur, dass Menschen für das ungeborene Leben eintraten. Sondern vor allem die Aggression dagegen. Die Slogans, die Verachtung, das Geschrei, die Blasphemie. Da standen Menschen mit weißen Kreuzen, still, geordnet, als Erinnerung an abgetriebene Kinder. Und dahinter wurde gebrüllt, verspottet, entwürdigt. Ich kam verstört nach Hause. Meine Frau sagte später, sie habe mich selten so erlebt.
Der Jüngere: Was genau hat dich so getroffen? Die politische Gegnerschaft? Oder der Ton? Oder der geistliche Gehalt?
Der Ältere: Alles zusammen. Der Ton verriet etwas Tieferes. Es war nicht bloß Meinungsverschiedenheit. Es war moralische Verachtung. Eine Art Hass gegen Menschen, die aus Gewissensgründen für das Leben eintreten. Und da stellte ich mir eine einfache Frage: Wenn meine Enkel mich später einmal fragen, was ich getan habe, als ich gesehen habe, wohin sich unser Land bewegt, was antworte ich dann? Dass ich mir still meine Gedanken gemacht habe? Dass ich am Küchentisch den Kopf geschüttelt habe? Das reichte mir nicht mehr.
Der Jüngere: Also war die Politisierung nicht das Ergebnis von Ehrgeiz, sondern von Gewissen?
Der Ältere: So würde ich es sagen. Nicht Machttrieb, sondern Verantwortungsdruck. Ich wollte nicht Politiker werden. Aber ich wollte nicht feige sein.
Der Jüngere: Nun könnte man sagen: Viele Christen waren früher in der Öffentlichkeit eher als fromm, ruhig, vielleicht etwas bieder wahrgenommen. Heute werden sie in manchen Medien als gefährlich, radikal, potenziell extrem beschrieben. Wann hast du diesen Wandel bemerkt?
Der Ältere: Zunächst eher indirekt. Ich war nie der Mann für die erste Reihe. Ich habe lieber im Maschinenraum gearbeitet, organisiert, moderiert, im Hintergrund Dinge zusammengehalten. Deshalb bekam ich die Feindseligkeit am Anfang eher gefiltert mit. Aber als ich kandidierte, als ich auf Podien saß, in Schulen eingeladen wurde, in Veranstaltungen auftreten musste, da wurde es direkter. Dann merkte ich: Du stehst nun nicht mehr nur für ein Thema. Du bist in den Augen mancher selbst zum Problem geworden.