Die beiden Biografien von Alister McGrath (C. S. Lewis – A Life, 2013) und Alan Jacobs (The Narnian, 2005). Lewis war im November 1948 fünfzig Jahre alt geworden; der Zusammenbruch fällt genau in die Phase danach.
1. Der biografische und häusliche Hintergrund
- Lewis lebte im sogenannten Kilns-Haushalt, der sich in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zu einem regelrecht dysfunktionalen Gefüge entwickelt hatte.
- Mrs. Janie Moore, die er seit Jahrzehnten wie eine „Mutter” pflegte, zeigte damals die klassischen Symptome einer fortschreitenden Demenz und litt zudem an Krampfadergeschwüren, weshalb sie zeitweise bettlägerig war.
- Sein Bruder Warnie, zugleich sein wichtigster Mitarbeiter bei der Korrespondenz, kämpfte einen zunehmend aussichtslosen Kampf gegen den Alkoholismus.
- Dienstmädchen mussten eingestellt werden, um den Haushalt überhaupt am Laufen zu halten; ihre Beziehungen zu Mrs. Moore und untereinander waren jedoch notorisch spannungsreich.
- Hinzu kamen der alte, inkontinente Hund Bruce, für den Mrs. Moore bis zu einem Dutzend täglicher Spaziergänge einforderte, sowie die allgemeinen Härten der britischen Nachkriegsausterität mit fortdauernder Rationierung.
- Lewis selbst bezeichnete sich 1947 in einem Brief an einen Kollegen als „fast vollständig und unvorhersehbar” mit seinen „Pflichten als Krankenpfleger und Hausdiener” belastet.
- Im April 1949 fasste er gegenüber Owen Barfield seine Lebensrealität in dem berühmt gewordenen Satz zusammen, sein Alltag bestehe aus „Hundekot und menschlichem Erbrochenem”.
2. Die beruflichen Belastungen und Kränkungen
- An der Universität Oxford hatte sich im Englischen Seminar eine „außerordentliche Feindseligkeit” (so Tolkien) gegenüber Lewis aufgebaut, die von seinen populären Schriften, seiner Ablehnung der Forschungsdoktorate und seinem christlichen Bekennertum gespeist war.
- 1947 wurde Lewis bei der Besetzung des zweiten Merton-Lehrstuhls für Englisch übergangen, obwohl Tolkien ihn mit allem Nachdruck empfohlen hatte; stattdessen erhielt F. P. Wilson die Stelle.
- 1948 folgte die nächste Enttäuschung: Der Goldsmith-Lehrstuhl für englische Literatur wurde an Lord David Cecil vergeben, Lewis erneut übergangen.
- Die schiere Menge der Tutorien nach Kriegsende ließ ihm kaum Zeit zum Lesen und Schreiben; eine Professur hätte ihn von dieser Last befreit, doch genau diese Entlastung wurde ihm verweigert.
- Er stand zudem unter massivem Druck, das 1935 mit Oxford University Press vereinbarte Werk über die englische Literatur des 16. Jahrhunderts (den späteren OHEL-Band) endlich fertigzustellen, konnte aber die nötige Quellenarbeit schlicht nicht leisten.
- Jacobs vermutet, dass gerade die Frustration über die verpasste Merton-Professur wesentlich zur „Erschöpfung und Beinahe-Verzweiflung am Ende der vierziger Jahre” beigetragen habe.
3. Die weltanschauliche und intellektuelle Krise
- Im Februar 1948 hatte Elizabeth Anscombe im Socratic Club ein zentrales Argument aus Miracles kritisch geprüft; Lewis empfand dies als schmerzhafte Entblößung seiner philosophischen Limitierungen.
- In einem lateinischen Brief vom Januar 1949 an den italienischen Priester Don Giovanni Calabria bekannte Lewis, sein „Eifer zu schreiben und was auch immer an Talent er ursprünglich besessen habe” scheine zu schwinden.
- In derselben Korrespondenz ging er so weit zu vermuten, es wäre vielleicht sogar heilsam für ihn, seine schriftstellerische Fähigkeit zu verlieren, weil dies „jeder eitlen Ehrsucht ein Ende” setzen würde.
- Er erlebte seine Rolle als öffentlicher Apologet zunehmend als „zermürbend” und fürchtete, an seinen nächsten Angehörigen – Mrs. Moore, Arthur Greeves, selbst Warnie – als Apologet gescheitert zu sein.
- Die wöchentlichen Donnerstagabend-Treffen der Inklings verloren an Schwung; am 27. Oktober 1949 notierte Warnie in sein Tagebuch: „Niemand kam” – das faktische Ende der Gruppe als literarischem Zirkel.
- Die Entfremdung von Tolkien, verstärkt durch den Einfluss von Charles Williams und später durch Tolkiens Abneigung gegen die Narnia-Geschichten, vertiefte Lewis’ intellektuelle Einsamkeit.
4. Der akute Zusammenbruch im Juni 1949
- Anfang März 1949 wurde Warnie im Oxforder Acland-Krankenhaus eingeliefert, weil er sich in die Bewusstlosigkeit getrunken hatte; nach seiner Entlassung am 3. März musste Lewis ihn zusätzlich zu Mrs. Moore und dem Hund versorgen.
- Warnie selbst bemerkte in seinem Tagebuch, die „Freundlichkeit” seines Bruders sei ungebrochen, dessen Kräfte aber im Schwinden.
- Am 13. Juni 1949 brach Lewis zu Hause zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert.
- Die Diagnose lautete zunächst Streptokokken-Infektion (Strep throat), die mit Penicillin-Injektionen im Drei-Stunden-Rhythmus behandelt wurde.
- Seinem Hausarzt Humphrey Havard war jedoch klar, dass die eigentliche Ursache schlichte Erschöpfung war; er zeigte sich besorgt wegen der Belastung für Lewis’ Herz.
- Am 23. Juni 1949 durfte Lewis das Krankenhaus verlassen.
- Warnie war empört darüber, dass sein Bruder von der Pflege Mrs. Moores derart ausgelaugt worden war, und verlangte von ihr kategorisch, Lewis eine Erholungsreise zu gestatten.
- Lewis plante daraufhin einen einmonatigen Aufenthalt in Irland bei seinem Jugendfreund Arthur Greeves – doch bevor er abreisen konnte, stürzte Warnie in den nächsten Alkoholexzess, so dass Lewis die Reise absagte und erneut die alleinige Pflege übernahm.
- Gegenüber Greeves nannte Lewis Warnies Problem verharmlosend „nervöse Schlaflosigkeit” und offenbarte die wahre Ursache – „Drink” – nur im engsten Vertrauen.
5. Die Monate nach dem Zusammenbruch
- Vier Monate später war Lewis’ Stimmung nach McGraths Einschätzung noch dunkler als zum Zeitpunkt der Einweisung.
- Ab dieser Zeit taucht in seinen Briefen beharrlich das Thema des Alterns auf; an einen amerikanischen Freund schrieb er im Oktober 1949, das Alter sei das Thema, das ihm am meisten im Kopf sei – „der arktische Wind der Zukunft” habe ihn „an einer Ecke erwischt”.
- Havard warnte ihn, ein Zusammenbruch dieser Schwere sei in seinem Alter ein ernstes Signal; Lewis’ Vater Albert war mit 65, seine Mutter Flora sogar schon mit 46 Jahren gestorben, was Lewis zu der Aussage brachte, er stamme „aus einem Geschlecht, das früh altert”.
- Lewis rechnete nur noch mit etwa einem Jahrzehnt Lebenszeit – eine Einschätzung, die sich als zutreffend erweisen sollte (er starb 1963).
- Die Lage zu Hause blieb schwierig: Mrs. Moores Zustand verschlechterte sich weiter; nachdem sie am 29. April 1950 dreimal aus dem Bett gefallen war, wurde sie ins Pflegeheim Restholme (230 Woodstock Road, Oxford) eingeliefert.
- Die Pflegekosten von 500 £ pro Jahr stürzten Lewis in eine neue finanzielle Sorge, da er nicht wusste, wie er dies langfristig würde finanzieren können.
- Mrs. Moore starb am 12. Januar 1951 während einer Grippepandemie, die sich von Liverpool aus ausgebreitet hatte; Lewis hatte sie täglich besucht, auch als sie ihn nicht mehr erkannte.
- Im Mai 1952 starb zudem sein Beichtvater Walter Adams, was Lewis einen weiteren herben Verlust brachte – den „weisen Kritiker und Freund” verlor er in einer Phase, in der er ihn am dringendsten gebraucht hätte.