Modell: Positionen gegenüber dem Katholizismus

Der in Amsterdam promovierte katholische Theologe Eduardo J. Echeverria beschreibt ausgehend von Berkouwer (in Berkouwer and Catholicism: Disputed Questions, letztes Kapitel) folgende Positionen. Ich selbst stehe sowohl Position 2 & 3 nahe und sehe 1 kritisch.

Position 1: Konstruktiv-ökumenische Haltung

Vertreter: Evangelicals and Catholics Together (ECT, 1994, gegründet u. a. von Charles Colson und Richard John Neuhaus); Zeitschrift Pro Ecclesia (Center for Catholic and Evangelical Theology); Berkouwer selbst in seiner Spätphase.

Kerngehalt:

  • Katholiken und Evangelikale teilen eine gemeinsame Grundlage im trinitarischen und christologischen Glauben der Alten Kirche, in der Heilsbotschaft der Gnade und in der Einheitsverpflichtung der Kirche.
  • Das Fundament für gemeinsames Handeln liegt im geteilten Evangeliumsbekenntnis; kulturelle und moralische Kooperation folgt daraus organisch.
  • Die vier Grundverpflichtungen einer „catholic and evangelical theology” (nach Michael Root): (1) Bindung an die christologischen und trinitarischen Dogmen der Alten Kirche; (2) konstitutive Bedeutung der Kirche für Glaubensrealität und -auslegung; (3) Bindung an die Botschaft der freien Gnadengabe Gottes; (4) Verpflichtung zur Einheit der Kirche.
  • Diese Position sieht in den nachkonziliaren Entwicklungen der katholischen Theologie (besonders Dei Verbum, Unitatis Redintegratio) einen echten Fortschritt, der neue Gesprächsgrundlagen schafft.
  • Echeverria wertet Berkouwer als idealen Repräsentanten dieser Haltung und meint, er hätte zu ECT und Pro Ecclesia beigetragen, wäre er noch am Leben.

Position 2: Kritisch-skeptische Haltung (nicht überzeugt vom nachkonziliaren Wandel)

Vertreter: Michael S. Horton (Westminster Theological Seminary California), R.C. Sproul, Leonardo De Chirico.

Kerngehalt:

  • Diese Position bleibt davon nicht überzeugt, dass die nachkonziliaren Entwicklungen der katholischen Theologie (z. B. das neue Schrift-Tradition-Verständnis in Dei Verbum) die Anliegen der Reformation wirklich beantwortet haben.
  • Hortons „Resolutions for Roman Catholic and Evangelical Dialogue” (Alliance of Confessing Evangelicals, 1995, revidiert von R. C. Sproul) sind das programmatische Dokument dieser Position.
  • Resolution 4 hält fest: Evangelikale und Katholiken können in moralisch-kulturellen Fragen zusammenarbeiten (cultural co-belligerence), aber nicht als „gemeinsame kirchliche Akteure” in der Sendung der Kirche, weil keine echte ekklesiologische Gemeinschaft besteht.
  • Horton bestreitet, dass die offizielle Lehre der katholischen Kirche (Lehramt, Rechtfertigungslehre, Sakramententheologie, Mariologie) mit dem Evangelium vereinbar ist.
  • Sproul formuliert zugespitzt: Gemeinsame Sache bei sozialen Fragen ist möglich, aber „we have no common cause in the gospel.”
  • Echeverria kritisiert: Horton ignoriert Dei Verbum Nr. 10 (das Lehramt steht „nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm”) und operiert mit einer veralteten Zwei-Quellen-Theorie, die als offiziell katholisch gilt, es aber nicht ist.

Position 3: Unreflektiert-traditionelle Haltung (vom ökumenischen Dialog unberührt)

Vertreter: Gregg Allison, Chris Castaldo (und weitere).

Kerngehalt:

  • Diese Position ist vom ökumenischen Austausch der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend unberührt geblieben und hat keine Veranlassung gesehen, das traditionelle konfessionelle Urteil über den Katholizismus zu überdenken.
  • Sie wiederholt unkritisch die These von den „zwei Quellen der Offenbarung” als katholische Normallehre und übernimmt damit eine Fehldarstellung, die Berkouwer in seiner Spätphase selbst korrigiert hat.
  • Konkret: Allison und Castaldo setzen in ihren Essays voraus, dass Trient eine explizite Zweiquellentheorie definiert habe – eine Position, die in der modernen Patristik- und Konzilsforschung (Geiselmann, Ratzinger, Congar) längst widerlegt ist.
  • Diese Haltung ist für Echeverria das theologisch schwächste Profil: Sie ist weder antithetisch begründet (wie Horton) noch ökumenisch engagiert, sondern einfach stehen geblieben.

Übergreifendes Kontrastschema: Exzesse auf beiden Seiten (nach Berkouwer)

Berkouwer beschreibt mehrere Spannungspaare, in denen jeweils eine Seite ins Extrem verfallen kann:

  • Polite ecumenicity vs. ökumenischer Fatalismus: Entweder romantisch-naiver Einheitsoptimismus ohne Auseinandersetzung mit den Differenzen oder resignierte Überzeugung, das Evangelium sei so unklar, dass Einheit prinzipiell unmöglich sei.
  • Traditionalismus/Konfessionalismus vs. kulturelle Offenheit: Entweder Erstarrung in historischen Positionen, die nicht mehr am Evangelium, sondern an institutionellen Interessen hängen – oder so starke Öffnung zur Zeitkultur, dass die kritische Kraft des Evangeliums verloren geht.
  • Konservativismus vs. Progressivismus: Beide Begriffe erklären nach Berkouwer „fast gar nichts”: Konservative betonen Unveränderlichkeit der Wahrheit gegenüber Relativismus; Progressive betonen die Notwendigkeit, alte Wahrheiten in neue Situationen zu übersetzen.