Kathy Keller meint in einem bewegenden Podcast auf die Frage, ob ihr verstorbener Mann missverstanden worden sei:
1. Das verbreitete Missverständnis über Tim Keller
Tim Keller wird heute oft auf Begriffe wie „gewinnend“, „freundlich“ und „nett“ reduziert. Daraus entsteht bei manchen die Deutung, sein Ansatz sei für die heutige Zeit zu weich, zu höflich oder nicht mehr brauchbar. Kritiker meinen, Christen müssten heute offensiver, kämpferischer und konfrontativer auftreten.
2. Der Vorwurf: Keller habe heikle Themen gemieden
Einige Kritiker werfen Keller vor, er habe zwar über Evangelium, Zorn Gottes, Hölle und Gericht gesprochen, aber nicht häufig oder scharf genug. Daraus folgern sie, er habe die kontroversen Themen bewusst abgeschwächt, um in New York nicht angegriffen oder gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden.
3. Der tatsächliche Kontext in New York
Diese Einschätzung übersieht, wie schwierig das Umfeld in New York ab 1989 war. Evangelikale Christen standen dort unter starkem Misstrauen, besonders wegen öffentlich bekannter Skandale um Fernsehprediger. Schon das Wort „Evangelist“ war für viele negativ besetzt. Keller arbeitete also nicht in einem wohlwollenden Umfeld, sondern in einem kulturell skeptischen und oft ablehnenden Milieu.
4. Kellers Umgang mit schwierigen Fragen
Über Jahre hinweg stellte Keller sich nach den Gottesdiensten offenen Frage-und-Antwort-Runden. Oft blieben 100 bis 200 Personen, um Fragen zu stellen. Manche waren ehrlich suchend, andere wollten ihn gezielt herausfordern. Dabei kamen regelmässig die grossen Streitfragen zur Sprache: Ist Jesus der einzige Weg zu Gott? Gibt es Hölle? Was ist mit den moralisch umstrittenen Themen?
5. Die Rückführung auf die zentrale Frage
Keller wich diesen Fragen nicht aus, sondern führte sie häufig auf die entscheidende Grundfrage zurück: Ist Jesus wirklich von den Toten auferstanden? Wenn ja, muss das ganze Leben im Licht seiner Autorität neu geprüft werden. Wenn nein, sind christliche Aussagen nur persönliche Meinungen. So stellte Keller nicht zuerst einzelne Reizthemen ins Zentrum, sondern die Identität, Auferstehung und Autorität Jesu.
6. Sanftmut als Stärke, nicht als Schwäche
Eine persönliche Begebenheit mit dem Partner seines homosexuellen Bruders zeigt denselben Grundzug: Keller liess sich herausfordernden Fragen stellen, antwortete ruhig, sanft und überzeugend und versuchte nicht, sich taktisch herauszuwinden. Seine Freundlichkeit war keine Konfliktscheu und keine Anpassung. Sie war Ausdruck einer tiefen Überzeugung: Wahrheit muss nicht aggressiv verteidigt werden, um klar und standhaft gesagt zu werden.