Hörempfehlung: Predigt von David Jany zu Pfingsten (ab Minute 18)
„Berauscht euch nicht mit Wein, was Ausschweifung ist, sondern werdet voll Geistes.“ (Epheser 5,18)
Der Heilige Geist: Nicht ausgewichen, sondern mitten drin
Der Mensch flieht durch Betäubung aus einer als belastend empfundenen Realität, während der Heilige Geist den Menschen nicht aus der Realität herausführt, sondern ihn tiefer und wahrhaftiger in sie hineinführt.
Christen sollen nicht aus der Realität fliehen, sondern sich vom Geist erfüllen lassen. Diese Erfüllung durch den Geist macht die Realität nicht weniger real, sondern „umso realer“. Sie hilft nicht beim Ausweichen, sondern beim Gegenwärtigsein.
Was Rausch und Betäubung leisten
Der Rausch dämpft Angst, Druck, Forderungen, Perfektionismus, schwierige Spannungen, Anspannung und Stress. Zugleich schenkt der Rausch scheinbar etwas Positives. Er kann Mut, Selbstbewusstsein, Entspannung, Freiheit und Kontaktfähigkeit vortäuschen. Darum ist er so verführerisch: Er nimmt etwas weg, das belastet, und gibt etwas hinzu, das fehlt.
Doch diese Wirkung ist nur kurzfristig. Nach dem Rausch dringt die Realität wieder zurück, oft „doppelt so hart“. Der Mensch wacht wieder auf und merkt, dass nichts wirklich gelöst wurde. Die ursprüngliche Spannung ist nicht verschwunden, sondern kehrt verstärkt zurück.
Warum Betäubung heillos wird
Rausch führt zu „Ausschweifung“ (Luther: liederliches Leben) beziehungsweise zu „heillosem Leben“. Damit ist gemeint, dass das Leben auseinanderzufallen beginnt. Beim Alkohol wird dies körperlich, seelisch und sozial sichtbar. Die Abhängigkeit nimmt zu, der Körper wird angegriffen, Beziehungen und Alltagspflichten geraten unter Druck, und am nächsten Morgen steht der Mensch doch wieder vor Kindern, Arbeit, Verantwortung und Realität.
Betäubung löst Realität nicht, sondern verschiebt sie. Je öfter man ausweicht, desto härter wird die Rückkehr. Irgendwann scheint nur noch ein neuer Rausch zu helfen. Dadurch entsteht ein Kreislauf aus Flucht, kurzfristiger Entlastung, verschärfter Rückkehr und erneuter Flucht.
Anwendung auf soziale Medien
Kurze Videos wecken Erwartung, Spannung und Neugier. Der Schnitt wird so gesetzt, dass man wissen will, wie es weitergeht. Danach folgt sofort das nächste Video, die nächste Überraschung, die nächste Empörung, die nächste Verschwörung, die nächste Belohnung.
Social Media ist so gestaltet, dass es abhängig macht. Es nimmt den Menschen für eine halbe Stunde, eine Stunde oder länger aus der Realität heraus. Am Ende ist man oft leerer als vorher, aber trotzdem auf das nächste Video fixiert.
Genuss ist nicht das Problem
Alkohol ist nicht an sich verboten; Wein darf genossen werden. Das Problem entsteht dort, wo Genuss zur Betäubung wird. Genuss ist schöpfungsgemäß, solange er empfangen, begrenzt und weise gelebt wird. Er wird zerstörerisch, wenn er dazu dient, Spannungen nicht wahrzunehmen, Verantwortung nicht anzugehen, unangenehme Gespräche zu vermeiden oder in entscheidenden Momenten nicht präsent zu sein.
Weisheit bedeutet deshalb nicht, alles Angenehme zu verbieten, sondern zu prüfen, ob etwas zum Mittel der Realitätsflucht geworden ist.
Die tiefere Ursache der Flucht
Menschen fliehen aus der Realität, weil sie tief spüren, dass etwas an dieser Welt nicht stimmt. Der Mensch sehnt sich nach Schönheit, Entspannung, Angenommensein, Erfüllung, Gesehenwerden, Geachtetwerden und einem Wert, den er sich nicht erkämpfen muss. Die Welt kann diese Sehnsucht nicht endgültig erfüllen.
Gerade Menschen, die besonders anfällig für Rausch, Sucht oder Betäubung sind, spüren nach dieser Deutung oft besonders tief, dass sie für mehr geschaffen sind. Der Mensch ist für Gemeinschaft mit Gott geschaffen.
Warum Alkohol und Social Media die Sehnsucht nicht stillen können
Alkohol, Shorts, Pornografie, Essen, Kaufen, Serien oder andere Ersatzmittel können die tiefste Sehnsucht des Menschen nicht stillen. Sie können sie nur kurz überdecken. Wer Sexualität oder Pornografie zur Flucht benutzt, sucht mehr als bloßen körperlichen Reiz. Wer mit Essen, Konsum oder anderen Mitteln Spannungen betäubt, sucht letztlich etwas, das nur Gott geben kann.
Der Rausch greift also eine echte Sehnsucht auf, aber er beantwortet sie falsch. Er verspricht Leben, gibt aber Leere zurück.
Jesus als Gegenbild zur Betäubung
Jesus betäubte sich nicht, sondern ging bis ans Kreuz. Dort trug er Schuld, Leid und Gottesferne in einem Moment spannungsgeladener Wirklichkeit. Es gibt nichts Realeres als Schuld, die man nicht ungeschehen machen kann. Genau in diese Realität geht Jesus hinein.
Sogar am Kreuz bleibt Jesus präsent. Er flieht nicht und betäubt sich nicht. Er trägt die Schuld der Welt bewusst und wirklich. Darin liegt das tiefste Gegenbild zum Rausch: Erlösung geschieht nicht durch Ausweichen, sondern durch Gottes Eintritt in die Realität.
Der Heilige Geist verbindet mit Jesus
Der Heilige Geist ist das Band, das den Glaubenden mit Jesus verbindet (Calvin). Er bringt die Gnade, Liebe, Wahrheit und Zusage Christi in alle Lebensbereiche hinein.
„Lasst euch vom Geist erfüllen“ bedeutet deshalb nicht, sich religiös zu berauschen oder geistlich aus der Welt zu verschwinden. Es bedeutet, sich von Gottes Wahrheit so durchdringen zu lassen, dass man aus einer neuen Identität lebt.
Diese Identität lautet: Ich bin geliebt, bevor ich leiste oder versage. Mir ist vergeben. Mein tiefster Wert liegt nicht in meiner Leistung, meinem Funktionieren, meiner Selbstbehauptung oder meinem Scheitern, sondern in Christus.
Geist-Erfüllung führt mitten in die Realität
Der Heilige Geist führt nicht weg von Angst, Überforderung, Druck, Schuld, Beziehungen oder Arbeit. Er führt gerade dort hinein. Wen der Heilige Geist erfüllt, den führt er mitten in Ängste, Überforderung und Druck hinein und sagt: „Ich bin da, ich bin gegenwärtig, ich habe dich in meiner Hand.“ Das ist der entscheidende Unterschied: Betäubung sagt: „Du musst das jetzt nicht spüren.“ Der Geist sagt: „Du kannst dich dem stellen, weil Gott mit dir darin gegenwärtig ist.“
Konkrete Lebensbereiche, in die der Geist führt
Die Erfüllung mit dem Geist betrifft nicht nur innere Frömmigkeit. Sie führt in Ehe, Familie, Elternbeziehungen, Kinderbeziehungen und Arbeit hinein. Wer vom Geist erfüllt wird, fragt zum Beispiel, wie er die Beziehung zum Ehepartner pflegt. Er fragt, wo er Kindern gegenüber schuldig geworden ist. Er wird auch an der Arbeitsstelle fähig, schwierigen Vorgesetzten oder belastenden Situationen anders zu begegnen.
Die Führung des Geistes zeigt sich also nicht in Realitätsflucht, sondern in Versöhnung, Verantwortung, Dienst, Korrektur, Dankbarkeit und Präsenz.
Wie man sich der Geist-Erfüllung aussetzt
„Werdet voll Geistes“ ist ein passiver Imperativ. Der Mensch kann den Geist nicht selbst herstellen. Er kann sich nicht selbst erfüllen. Er kann sich nur erfüllen lassen. Gleichzeitig kann er sich dem Wirken des Geistes aussetzen. Es lässt sich mit dem Wellensurfen vergleichen. Die Welle kann man nicht machen, aber man kann ins Wasser gehen, warten, bereit sein und sich ausrichten.
Geistliche Praktiken als Gegenbewegung zur Betäubung
Paulus erwähnt direkt danach: Bibeltexte, Psalmen, gemeinsames Singen, Gottesdienst, Dankbarkeit und gegenseitiger Dienst. Diese sind nicht religiöse Ablenkung von der Wirklichkeit. Sie öffnen vielmehr den Raum, in dem Gottes Wahrheit die Wirklichkeit neu deutet.
Durch Psalmen wird Klage in Bitte verwandelt. Durch Lieder wird Gottes Wahrheit gesungen, bis sie das Herz erreicht. Durch Dankbarkeit wird das Herz anders „bepflanzt“, sodass Freundlichkeit, Wohlwollen und Sanftmut wachsen können. Durch gegenseitige Unterordnung wird Gnade konkret in Beziehungen übersetzt.
Diese Praktiken sind deshalb keine Flucht aus dem Alltag, sondern eine Einübung in Gottes Gegenwart mitten im Alltag.