Quelle: Eckhard J. Schnabels Apg-Kommentar
Die Apostelgeschichte ist in erster Linie Erzählung, nicht Lehrschrift. Genau hier liegt die Schwierigkeit beim Auslegen: Was für die Gemeinde in Jerusalem damals üblich war, ist nicht von selbst auch verbindlich für heutige Gemeinden. Wer das Buch wie eine Sammlung von Geboten liest, verkennt seine Gestalt. Wer es nur als geschichtlichen Bericht abhakt, beraubt es seiner Kraft für die Gegenwart. Schnabel schlägt deshalb ein Lesen in vier Weisen vor.
Geschichten dienen als Vorbild, nicht als Vorschrift. Dass Paulus stets zuerst in die Synagoge ging, ist kein Gebot, das jede heutige Verkündigung in der Stadt auf die jüdische Gemeinde verpflichtet. Vorbildhaft hingegen ist, dass seine Predigten je nach Hörerschaft im Aufbau, in der Beweisführung und im Schriftgebrauch deutlich unterschiedlich sind. Faustregel: Wiederholte Muster und eine sichtbare Billigung Gottes im Text geben einem Verhalten Gewicht.
Grundsätze finden sich vor allem in den Zusammenfassungen (Summarien) der Apostelgeschichte (2,42–47; 4,32–35). Sie sind bereits verallgemeinert. Lukas selbst nimmt sie als Massstab: Die Vernachlässigung der griechischsprachigen Witwen in Apg 6 wird gerade am Massstab der vorhergehenden Zusammenfassungen als Mangel erkennbar. Wer die Summarien nur als Beschreibung liest, übersieht ihre Lehrabsicht.
Regeln sind unmittelbare Gebote in lehrhafter Rede. Dies sind beispielsweise der Auftrag zur Sendung (1,8) und der Bekehrungsruf “Tut Busse und lasst euch taufen” (2,38). Sie sind ohne Umweg verbindlich.
Bildwelt (Sinnbild-Ebene): Jerusalem, der Weg “bis ans Ende der Erde”, Gefängnisse, Gerichtsverhandlungen, die Vielfalt an Orten und Völkern: alle diese Erwähnungen sind geschichtlich greifbar und zugleich Deutung. Gefängnisse stehen für anhaltenden Widerstand und für die Türen, die Gott immer wieder öffnet. Wichtig: Diese Bildebene ist keine willkürliche Umdeutung (Allegorese); der geschichtliche Boden bleibt bestehen.
Einige Anwendungen:
- Pfingsten (2,1–4): Die Rede in fremden Sprachen begleitet einen einmaligen Wendepunkt in der Heilsgeschichte, nicht jeden Empfang des Geistes. Kein verbindliches Muster für die Aufnahme in die Gemeinde.
- Gütergemeinschaft (2,44–45; 4,32–37): eigenes Eigentum mit gemeinsamem Gebrauch, nicht dessen Abschaffung (vgl. 5,4). Verbindlich bleibt der Grundsatz: Fürsorge für Bedürftige als Frucht der Einheit. Die genaue Ausgestaltung ist jedoch nicht bindend.
- Losentscheid (1,26): einmaliger Vorgang vor Pfingsten, kein Muster für Gemeindeentscheidungen heute.
- Wunder (2,43; 5,12): vorbildhaft als sichtbares Wirken Gottes, nicht aber als Erfolgsmass jeder Verkündigung. Petrus blieb das Gefängnis nicht erspart, Stephanus und Jakobus starben den Märtyrertod.
- Beschluss der Apostelversammlung (Apg 15): Die Verbote im Zusammenhang mit Götzendienst gelten immer. Die Speisevorschriften nur dort, wo Juden- und Heidenchristen Tischgemeinschaft halten.
Die wichtigste Grundregel besteht darin, nicht nur in einem “Modus” zu lesen und keine Weise gegen eine andere ausspielen. Der Grundsatz, dass der gekreuzigte Christus in der Mitte der Botschaft steht, darf nicht durch das Vorbild der Anpassung (Paulus wird “allen alles”) abgeschwächt werden. Sonst verliert das Evangelium seine Mitte.
Was heisst das für die Auslegung? Erst die Textart klären (der Grossteil ist Erzählung). Dann nach wiederholten Mustern und Lukas’ eigenen Wertungen suchen. Die Zusammenfassungen als Lehre ernst nehmen. Unmittelbare Gebote als Regeln achten. Die Bildwelt wahrnehmen, ohne den geschichtlichen Boden zu verlassen. Schliesslich das Ergebnis an den übrigen biblischen Schriften, besonders an den Paulusbriefen, prüfen.
So wird die Apostelgeschichte weder zum Regelbuch noch zur reinen geschichtlichen Aufzeichnung, sondern zur lebendigen Quelle. Sie ist Bild dessen, was eine Gemeinde sein und tun kann, ohne kopiert werden zu müssen.