These: Reformation als Ursprung der neuzeitlichen Entzauberung?

Richard Tarnas (Harvard, *1950) liest die Reformation als Schritt zur modernen „Entzauberung“ Tarnas’ Deutung lässt sich so einordnen: Die Reformation habe den Ort der Gottesbegegnung vom sakramental-kosmischen Aussenraum in das innere Glaubensbewusstsein verlagert. Dadurch sei die sichtbare Welt nicht mehr als „gott-durchwirkte“ Wirklichkeit erfahren worden, sondern zunehmend als neutraler, mechanisch analysierbarer und technisch verfügbarer Raum.

Reformatorische Gegenkorrektur: Sola fide ist nicht reine Innerlichkeit Der entscheidende Punkt ist: Sola fide bedeutet in reformatorischer Theologie nicht: „Gott ist nur noch im subjektiven Inneren erfahrbar.“ Es bedeutet vielmehr: Der Mensch wird vor Gott nicht durch eigene Werke, kirchliche Vermittlungsleistungen oder sakramentale Verdienste gerechtfertigt, sondern allein durch den Glauben, der Christus empfängt.

Hier liegt die wichtigste Korrektur an Tarnas: Er trifft eine reale Gefahr späterer Moderne, aber er beschreibt sie nicht sauber als reformatorische Lehre. Die Reformation hat den Glauben nicht in das autonome Subjekt eingeschlossen, sondern ihn an das externe Evangelium, an das gepredigte Wort, an Christus und an die Schrift gebunden.

Externes und internes Element in der Reformation

Das externe Element: Schöpfung, Schrift, Wort, Christus

Die Reformation ist in ihrem Grundimpuls stark externalistisch. Sie fragt nicht zuerst: „Was erlebe ich innerlich?“, sondern: „Was hat Gott gesagt? Was hat Christus getan? Was bezeugt die Schrift?“ Sola Scriptura ist darum nicht die Selbstermächtigung des religiösen Individuums, sondern die Bindung der Kirche und des Glaubens an eine äussere, gegebene, normative Autorität.

Das interne Element: Erkenntnisvermögen, Glaube, Zeugnis des Geistes

Gleichzeitig kennt reformatorische Theologie ein internes Element. Der Mensch muss Gottes Wort hören, verstehen, glauben und durch den Heiligen Geist erleuchtet werden. Glaube ist nicht bloss äusserliches Mitmachen. Er ist persönliche Aneignung Christi. Aber dieses interne Element ist nicht autonom. Es lebt vom äusseren Wort. Das innere Zeugnis des Geistes ersetzt die Schrift nicht, sondern bezeugt ihre göttliche Wahrheit.

Teilweise Zustimmung

Die Reformation hat tatsächlich bestimmte mittelalterliche Vermittlungsformen kritisiert. Sie hat die sakramentale Kontrolle der Kirche, den Ablass, die priesterlich verwaltete Heilsökonomie und eine überdehnte Sakramentalität zurückgewiesen. Dadurch wurde der Zugang zu Gott nicht mehr primär über eine kirchlich-sakramentale Weltordnung gedacht, sondern über Christus, Wort, Gnade und Glauben.

Ausserdem kann eine spätere protestantische Verkürzung tatsächlich in Richtung Innerlichkeit kippen. Wenn aus Sola fide ein blosses „mein persönliches religiöses Gefühl“ wird, aus Sola Scriptura ein „ich lese die Bibel ohne Kirche, Tradition und Bekenntnis“, und aus Schöpfung ein blosses Rohstofflager, dann entsteht ein protestantisch gefärbter Individualismus, der Tarnas’ Kritik teilweise bestätigt.

Nein

Tarnas’ These: Wenn Gott nicht sakramental in der Welt „greifbar“ ist, dann wird die Welt entgöttlicht. Reformatorisch müsste man antworten: Die Welt soll gar nicht „göttlich“ sein. Sie soll als Schöpfung erkannt werden. Der Unterschied ist entscheidend. Die Reformation entgöttlicht die Welt im guten Sinn: Sie verwechselt Gott nicht mit Natur, Materie, Sakrament, Kirche oder Kosmos. Aber sie entheiligt die Welt nicht. Sie hält fest: Die Welt ist Gottes gute Schöpfung, durch Gottes Wort erhalten, unter Gottes Vorsehung, auf Gottes Ehre hin geschaffen.