Quelle: Vaughan Roberts, God’s Big Picture: Tracing the Storyline of the Bible.
Roberts liest die ganze Bibel als eine zusammenhängende Geschichte vom Reich Gottes, das er – im Anschluss an Graeme Goldsworthy – so fasst: „Gottes Volk an Gottes Ort unter Gottes Herrschaft und Segen“. Diesen Bogen gliedert er in acht Etappen (Muster, verlorenes, verheissenes, teilweises, prophezeites, gegenwärtiges, verkündigtes und vollendetes Reich). Sein Buch behandelt die Allgemeinen Briefe nicht als eigene Gruppe; das Folgende trägt seinen Rahmen ausdrücklich auf sie aus. Bezeichnend ist, dass Roberts selbst gerade die Allgemeinen Briefe immer wieder als Kronzeugen der Gegenwartsetappe heranzieht.
1. Die Allgemeinen Briefe gehören in das „verkündigte Reich“ – die Zeit der Mission.
In Roberts’ Schema sind die neutestamentlichen Briefe in der Etappe des „verkündigten Reiches“ verfasst: zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft, in den „letzten Tagen“. Der Aufschub der Wiederkunft dient der Verkündigung an alle Völker. Die Allgemeinen Briefe stehen also nicht ausserhalb dieser Zeit, sondern mitten darin und ordnen ihr Reden danach.
Beispiele: Ausdruck „letzte Tage / letzte Zeit“: Hebr 1,2; Jak 5,3; 1Petr 1,20; 2Petr 3,3. Verkündigungsauftrag des Volkes: 1Petr 2,9 („damit ihr verkündigt die Wohltaten“); 1Petr 3,15 (Rechenschaft über die Hoffnung).
2. Das Reich ist „schon“ und „noch nicht“ – der Schnittpunkt zweier Zeitalter.
Roberts beschreibt die Gegenwart als Kreuzungspunkt von „diesem Zeitalter“ und dem „kommenden Zeitalter“: Das Reich ist mit Christus angebrochen, aber erst bei seiner Wiederkunft vollendet. Genau diese Spannung trägt die Allgemeinen Briefe – sie sprechen lebendige Hoffnung zu und rufen zugleich ins Aushalten der Anfechtung.
Beispiele: 1Petr 1,6–9 (jubelnde Freude trotz mancherlei Prüfungen); Hebr 6,4–5 (die „Kräfte der zukünftigen Welt“ schon geschmeckt); 2Petr 3,13 (Erwartung neuer Himmel und neuer Erde).
3. Christus ist die Erfüllung, auf die die ganze Schrift zuläuft.
Roberts’ Grundsatz lautet: Die Bibel ist ein Buch mit einem Subjekt – Jesus; das Alte Testament ist Verheissung, das Neue Erfüllung. Der Hebräerbrief führt das mustergültig durch: Christus überbietet alle alttestamentlichen Mittler und Ordnungen. Ein Zurück hinter ihn ist heilsgeschichtlich unmöglich.
Beispiele: Hebr 1,1–4 (endgültige Offenbarung); 3,1–6 (grösser als Mose); 7,23–28 (der bleibende Hohepriester); 10,11–14 (das eine, endgültige Opfer).
4. Gottes Volk: Die Gemeinde ist das „neue Israel“.
Unter Roberts’ erster Reich-Kategorie („Gottes Volk“) gilt: In den letzten Tagen ist das Volk Gottes die Gemeinde aus Juden und Heiden. Petrus überträgt darum Israels Ehrentitel direkt auf die Kirche; Jakobus redet sie mit Israels Sprache an.
Beispiele: 1Petr 2,9–10 (auserwähltes Geschlecht, königliche Priesterschaft, heilige Nation; vgl. Ex 19,5–6 und Hos 1–2); Jak 1,1 („die zwölf Stämme in der Zerstreuung“).
5. Gottes Ort: ein heiliges Volk, kein heiliges Gebäude.
Roberts’ zweite Kategorie („Gottes Ort“) wandelt sich in den letzten Tagen: Der Tempel ist nicht mehr ein Bau, sondern das Volk, in dem Gott durch den Geist wohnt; zugleich sind die Glaubenden schon an das himmlische Heiligtum herangetreten.
Beispiele: 1Petr 2,4–5 (lebendige Steine, geistliches Haus, heilige Priesterschaft); Hebr 12,22–24 (herangetreten zum himmlischen Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes).
6. Wir leben als Fremdlinge im „Babylon“ dieser Welt.
Roberts deutet die Gegenwart als Exil: „Babylon“ steht für die ohne Gott organisierte Gesellschaft; Christen sind Bürger des Himmels, die einstweilen als Fremde leben müssen. Gerade 1 Petrus und Hebräer prägen diese Pilger-Identität.
Beispiele: 1Petr 1,1 und 2,11 (Fremdlinge und Beisassen der Zerstreuung); Hebr 11,13–16; 13,14 (die bleibende, kommende Stadt suchen); Babylon-Chiffre: 1Petr 5,13.
7. Die letzten Tage sind das Zeitalter des Geistes.
Für Roberts ist die Gegenwart „das Zeitalter des Geistes“: Der Geist wird über alle ausgegossen, wirkt die Wiedergeburt durch das Wort und befähigt zum Dienst. Die Allgemeinen Briefe machen den Geistbesitz zum Kennzeichen echter Zugehörigkeit.
Beispiele: 1Petr 1,23 (wiedergeboren durch das lebendige, bleibende Wort Gottes); 1Joh 3,24; 4,13 (der gegebene Geist als Gewissheit); Jud 19–20 (Spötter „die den Geist nicht haben“ – im Heiligen Geist beten).
8. Heil in drei Zeiten: gerettet – werdend gerettet – endgültig zu retten.
Roberts unterscheidet drei „Zeitstufen“ des Heils: befreit von der Strafe der Sünde (Vergangenheit), von der Macht der Sünde (Gegenwart) und einst von der Gegenwart der Sünde (Zukunft). Die Allgemeinen Briefe halten alle drei zusammen.
Beispiele: Vollzogen: Hebr 10,10.14 (ein für allemal geheiligt). Im Gang: 1Petr 1,2; Hebr 12,14 (Heiligung als Weg). Ausstehend: 1Petr 1,5.9 (die bereitliegende Errettung, das Ziel des Glaubens); 1Joh 3,2 („wir werden ihm gleich sein“).
9. Unter Gottes Herrschaft heisst: sichtbar verändert leben.
Roberts’ dritte Kategorie („Gottes Herrschaft und Segen“) bedeutet, dass Zugehörigkeit zum Reich sich im Leben zeigt; der Geist wirkt Heiligkeit. Deshalb prüfen die Allgemeinen Briefe den Glauben an seinen Früchten, ohne in Werkgerechtigkeit zu verfallen – Indikativ vor Imperativ.
Beispiele: Jak 2,14–26 (Glaube ohne Werke ist tot); 1Joh 2,3–6; 3,14–18 (Erkennen und Lieben als Erweis); 2Petr 1,5–11 (Wachstum bestätigt Berufung und Erwählung).
10. Ausharren bis zum vollendeten Reich.
Roberts’ letzte Etappe ist das „vollendete Reich“: Christus kommt wieder, das Böse wird gerichtet, die neue Schöpfung bricht an; der Aufschub ist Gottes Geduld. Die Allgemeinen Briefe ziehen daraus den Ruf zu Wachsamkeit, Festhalten und reinigender Hoffnung.
Beispiele: 2Petr 3,8–13 (Gottes Geduld; neue Himmel, neue Erde); Hebr 10,23–25.36–39 (festhalten, nicht zurückweichen); 1Joh 3,2–3 (Hoffnung, die reinigt); Jud 24–25 (Gottes bewahrende Macht bis zur Vollendung).