James Eglinton in seiner Biografie zu Herman Bavinck (meine Rezension) beleuchtet auch private Seiten des fleissigen Gelehrten.
Erste Annäherung und romantische Phase (1871–1874)
- Kurz vor dem Ende seiner Zeit in Almkerk (um Mai 1871) bat der 17-jährige Herman Bavinck die 22-jährige Amelia Josina den Dekker, die Tochter des wohlhabenden Landwirts Arie den Dekker, um einen Briefwechsel.
- In den Jahren 1872 bis 1874 verfasste Bavinck während seiner Zeit am Gymnasium in Zwolle und später in Leiden mehrere romantische und intensive Gedichte für Amelia, darunter auch einen poetischen Heiratsantrag, den sie jedoch vermutlich nie zu Gesicht bekam.
Der Heiratsantrag und die ersten Abweisungen (1877–1879)
- Am 1. September 1877 reiste Bavinck nach Almkerk, um Amelia einen formellen Heiratsantrag zu machen.
- Obwohl sein ehemaliger Lehrer Monsieur de Boer ihm im April 1878 Hoffnungen auf ein „Ja“ machte, lehnte Amelia den Antrag schließlich ab.
- Im Oktober 1879 unternahm Bavinck einen weiteren Versuch und wandte sich direkt an Amelias Vater, Arie den Dekker, der jedoch jegliche Zustimmung mit den knappen Worten verweigerte: „Ich kann keine Erlaubnis geben“.
Eglintons Kommentar zur rechtlichen und familiären Situation (1879)
- Eglinton erklärt, dass Bavinck durch diese väterliche Weigerung praktisch machtlos war: Das damalige niederländische Recht schrieb vor, dass Bürger unter 30 Jahren (Bavinck war 24) die elterliche Erlaubnis zur Heirat dreimal anfragen mussten, bevor sie rechtlich gegen den Willen der Eltern heiraten konnten.
- Eine solche Heirat gegen den väterlichen Willen wäre gesellschaftlich extrem umstritten gewesen, weshalb Bavinck auf die Hilfe von Amelias Tante Melia als Vermittlerin hoffte, was jedoch erfolglos blieb.
Letzte Versuche und das endgültige Ende (1883–1885)
- Im August 1883, als Bavinck bereits eine angesehene Position in Kirche und Wissenschaft innehatte, versuchte er erneut, schriftlich Kontakt zu Vater und Tochter aufzunehmen, doch der beigelegte Brief an Amelia wurde ungeöffnet an ihn zurückgeschickt.
- Am 6. August 1885 kam es zu einem allerletzten, geheimen Treffen zwischen Herman und Amelia, das nur möglich war, weil ihr Vater an diesem Tag verreist war.
- Nach diesem Treffen erwähnte Bavinck sie in seinen Aufzeichnungen nie wieder; Amelia überlebte Herman Bavinck um zwölf Jahre und blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1933 unverheiratet.
Eglintons Kommentar zu den Ursachen der Abweisung
- Kulturelle und soziale Gegensätze: Eglinton betont, dass die Familien Bavinck und den Dekker chronisch nicht zusammenpassten, da die Bavincks dem aufstrebenden, bildungsorientierten Kleinbürgertum angehörten und sich der modernen Kultur öffneten, während die Familie den Dekker stark ländlich und konservativ geprägt war.
- Religiöse Vorbehalte: Arie den Dekker war ein strenger Verfechter der orthodoxen, erfahrungsbezogenen Frömmigkeit der „Näheren Reformation“ (Nadere Reformatie); Eglinton hält es für gut möglich, dass er Bavincks Theologie oder persönliche Frömmigkeit als unzureichend empfand.
- Wirtschaftliche Desinteressen: Ein Schwiegersohn, der keinerlei Interesse daran hatte, in den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie einzusteigen, bot für Arie den Dekker wahrscheinlich keinen Wert.
- Amelias eigene Rolle: Eglinton räumt ein, dass mangels Quellen aus Amelias Perspektive unklar bleibt, ob Bavincks Liebe letztlich völlig unerwidert blieb und sie sich insgeheim nur hinter der strengen Entscheidung ihres Vaters versteckte.
Eglintons Kommentar zu den persönlichen Folgen für Bavinck
- Die zerschlagenen Zukunftshoffnungen stürzten Bavinck in eine tiefe Melancholie und existentielle Einsamkeit, die ihn besonders während seiner ersten Zeit als alleinstehender Pastor in Franeker ab 1881 schwer belastete.
- Isoliert durch das Scheitern seiner Liebe und den frühen Tod seines engen Freundes Jan Hendrik Unink flüchtete sich Bavinck in die Arbeit und fand in seinen Büchern seine „wahre Gesellschaft“.