Hörmaterial: Apologetik, Ideengeschichte, Ethik

Es gibt sehr gutes Hörmaterial im Netz. Manchmal scheint es mir, dass Gott diese Art der Kommunikation nütze, um bis in die hintersten Winkel der Erde Seine Mannschaft zu sammeln und auszurüsten.

Die drei Vorwände, die ich bisweilen höre:

  • “Ich habe keine Zeit.” Reserviere dir täglich 20 – 30 Minuten und höre dir eine Sequenz zwei- bis dreimal an.
  • “Es ist zu schwierig.” Ich starte in der Regel mit genau dieser Schwierigkeit und kämpfe mich durch. Die Vertrautheit stellt sich manchmal erst nach Wochen ein.
  • “Es ist in Englisch.” Auch ich startete mit meinem Schulenglisch und las und hörte einfach weiter. Ich muss nicht jedes Wort und nicht einmal jeden Satz verstehen.

Von John Frame stehen zur Verfügung:

Ich empfehle die Beschaffung der Werke Frames auf Logos.

Ebenfalls sehr empfehlenswert von Douglas Groothuis: Ein Gesamtcurriculum zur Apologetik (2004).

Von Groothuis empfehle ich:

Interview: Eine Leidenschaft für Literatur

Gott schenkt besondere Entwicklung oft dort, wo Möglichkeiten fehlten. Das Literaturblog nimm-lies.de veröffentlichte ein Interview mit Leland Ryken.

Meine Leidenschaft für Literatur begann in der Kindheit. Ich komme aus einer sehr einfachen Bauernfamilie mit niederländischem Migrationshintergrund. Keiner meiner Eltern hat die Grundschule beenden können, weil sie auf dem Hof arbeiten mussten. In meinen ersten Lebensjahren waren Fernseher noch nicht üblich. Lesen war das einzige Vergnügen und meine Eltern und meine ältere Schwester waren leidenschaftliche Leser, so dass ich einfach ihrem Beispiel folgte. Bezüglich meiner nun fünfzigjährigen Laufbahn als Literaturdozent wurde ich einfach in diese Richtung gezogen, weil meine Schwester geplant hat, Englischlehrerin an einer High School zu werden. Ich kann mich nicht erinnern, mich bewusst für eine Berufung entschieden zu haben; es entwickelte sich einfach so, wie die göttliche Vorsehung mein Leben gestaltete.

Ich empfehle

Vortrag: Die zeitgenössische Kritische Theorie und die biblische Weltanschauung

Neil Shenvi hat eine sehr hilfreiche Charakterisierung der zeitgenössischen Kritischen Theorie gegeben, die er als Text und als YouTube-Vortrag zur Verfügung stellt. Ich habe einige Kernaspekte übersetzt.

Shenvis Beobachtung

Ich bemerkte eine theologische Verschiebung bei einigen evangelikalen Christen, sowohl bei Menschen, die ich persönlich kannte, als auch bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Diese Tendenz begann oft mit einem Interesse an sozialer Gerechtigkeit (social justice), von dem ich annahm, dass es die Anwendung biblischer Prinzipien auf unsere Gesetze und Institutionen bedeutete. Das ist eine gute Sache. Aber dann fingen dieselben Personen an, andere Ideen zu äußern, die immer schwerer mit der biblischen Rechtgläubigkeit in Einklang zu bringen waren. Manchmal verließen sie den christlichen Glauben ganz und gar.

Der Begriff der Kritischen Theorie ist unendlich weitläufig. Shenvi sieht vier Merkmale der aktuellen Ausprägung:

  1. Erstens basiert die zeitgenössische kritische Theorie auf der Idee eines sozialen Binärsystems, der Idee, dass die Gesellschaft in dominante, unterdrückende Gruppen und unterworfene, unterdrückte Gruppen anhand von Rasse, Klasse, Geschlecht, Sexualität und einer Vielzahl anderer Faktoren unterteilt werden kann.
  2. Zweitens gibt es die Idee der Unterdrückung durch hegemoniale Macht. Was ist “hegemoniale Macht”? … Die dominante Gruppe behält ihre Macht, indem sie ihre Ideologie allen aufzwingt.
  3. Die zeitgenössische kritische Theorie argumentiert, dass die “gelebte Erfahrung” den Unterdrückten einen besonderen Zugang zu den Wahrheiten über ihre Unterdrückung verschafft.
  4. Die zeitgenössische kritische Theorie befasst sich grundlegend mit “sozialer Gerechtigkeit”, die sie als die Beseitigung aller Formen sozialer Unterdrückung definiert, unabhängig davon, ob sie auf Geschlecht, Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Fähigkeit oder wirtschaftlicher Klasse beruht.

Auf dem Hintergrund der biblischen Weltanschauung kann bestätigt werden:

  • Die größte Stärke der kritischen Theorie ist ihre Erkenntnis, dass Unterdrückung böse ist. Die Bibel verurteilt Unterdrückung sowohl im Alten als auch im Neuen Testament nachdrücklich.
  • Der Fokus der Kritischen Theorie auf Gruppen statt auf Einzelne gibt Einblick in die Frage, wie Gesetze und Institutionen die Sünde fördern können.
  • Es gibt hegemoniale Macht, und sie kann eine heimtückische Wirkung auf unsere Normen und Werte haben.

Inwiefern gibt es Kollisionen mit der biblischen Weltanschauung?

  1. Das erste und grundlegendste Problem der kritischen Theorie ist, dass sie als Weltanschauung funktioniert. Eine Weltanschauung ist eine Geschichte, die unsere grundlegenden Fragen über das Leben und die Wirklichkeit beantwortet. … Es gibt keinen überweltlichen Schöpfer, der ein Ziel und einen Plan für unser Leben und unsere Identitäten hat. Wir existieren nicht in erster Linie in Beziehung zu Gott, sondern in Beziehung zu anderen Menschen und zu anderen Gruppen.  Unsere Identität wird nicht zuerst dadurch definiert, wer wir als Gottes Geschöpfe sind. Stattdessen definieren wir uns über Rasse, Klasse, Sexualität und Geschlechtsidentität. Unterdrückung, nicht Sünde, ist unser grundlegendes Problem. Was ist die Lösung? Aktivismus.
  2. Die kritische Theorie ermutigt zu einem alternativen Ansatz für Wahrheitsaussagen, der zwar sehr populär, aber folgerichtig ungültig ist. Aufgrund der Idee, dass Wahrheitsaussagen in Wirklichkeit verschleierte Machtgebote sind, stellt sich, wenn jemand einen Wahrheitsanspruch erhebt, als erstes nicht die Frage “Ist dieser Anspruch wahr”, sondern “Welche Anreize hat diese Person, diesen Anspruch zu erheben? Welche soziale oder politische Agenda motiviert diese Aussage? Wie funktioniert diese Aussage, um seine Macht und sein Privileg zu erhalten?”… Ihr Hauptanliegen ist es, die verborgenen Motive ihrer Gegner aufzudecken und zu dekonstruieren, so dass – laut kritischer Theorie – ihre Behauptungen dann ignoriert werden können.
  3. Drittens geht die kritische Theorie von einem konfliktreichen Verhältnis zwischen Individuen aus, das dem Christentum zutiefst entgegengesetzt ist. Kritische Theorie hängt entscheidend von der Unterscheidung von Identitätsgruppen in “Unterdrücker” und “Unterdrückte” ab. Umgekehrt würde, wenn alle Menschen ein grundlegendes Identitätsmerkmal teilten, diese Tatsache die Dichotomie zwischen Unterdrücker und Unterdrückten ernsthaft untergraben und die Grundlagen der kritischen Theorie in Frage stellen.
  4. Die kritische Theorie ist auf der Ablehnung hegemonialer Macht aufgebaut. Sie sieht singuläre Narrative und einen singulären Satz von Werten und Normen als inhärent bedrückend an.  Leider ist die Bibel von Anfang bis Ende nichts anderes als ein einziger riesiger, kolossaler hegemonialer Diskurs. Gott hat alle Macht im Universum.

Kontroverse: Augustinus der Heide – oder eine unpopuläre biblische Lehre

Ich bin Ron Kubsch dankbar, dass er die Diskussion über die Kurzversion von Ken Wilsons Dissertation aufgenommen hat. Diese Auseinandersetzung ist sehr anspruchsvoll, dies aus mehreren Gründen:

  1. Das Werk Augustins ist sehr verzweigt; es umfasst – obwohl ein Teil verloren gegangen ist – rund 5 Millionen Worte (zum Vergleich: Der Kernteil meiner Dissertation besteht aus rd. 70’000 Worten, Anmerkungen und Anhänge weitere 50’000 Worte). Wohl gemerkt: Augustins Werk wurde handschriftlich erstellt!
  2. Der jahrzehntelange Dienst von Augustinus unterlag enormen inhaltlichen Verschiebungen. Vor seiner Bekehrung fand er in neu-platonischen und manichäischen Zirkeln sein geistiges Zuhause. Wer die ersten Werke nach der Zeit seiner Bekehrung liest, merkt dem noch sehr viel an. Im Laufe seines Lebens und Dienstes war er jedoch bestrebt, seine Lehre an Gottes Wort auszurichten.
  3. Einige Themen, vor allem seine Lehre der Kirche inkl. der Tauffrage sowie zur Sexualethik, überlagern das Augustinusbild. Nach dem Studium von Primär- und Sekundärliteratur musste ich feststellen, dass a) auch hier eine Entwicklung vorliegt und b) einige Behauptungen schlichtweg nicht stimmen.
  4. Die Forschung zu Augustinus ist Jahrhunderte alt und so verzweigt wie kaum eine andere Forschung. Sowohl Katholiken wie Protestanten stehen auf den Schultern solcher Giganten. Leider sind Vorurteile gegen Kirchen- und Dogmengeschichte weit verbreitet. Das ist einerseits auf den Einfluss des Naturalismus (Fortschrittsdenken), aber auch auf die mangelnde Verwurzelung mit der eigenen Geschichte (Pragmatismus) zurückzuführen. Das erschwert sowohl Zugang zu wie Umgang mit solchen Fragestellungen.
  5. Es ist unstreitig, dass die Lehre der Gnade im Lauf von Augustins Leben markante Korrekturen erfuhr. Ich habe diese stichwortartig in einem Beitrag festgehalten. Es empfiehlt sich, die entsprechenden Abschnitte im Handbuch nachzuschlagen und zu lesen.
  6. Unsere kulturelle Konditionierung – die geistige Luft, die wir täglich einatmen – spricht undifferenziert von Freiheit und schliesst damit auch die ungehinderte Willens- und Wahlfreiheit ein. Wer hier gegen den Trend spricht und dem Menschen seine Wahlfreiheit bezüglich des Heils abspricht (wohlgemerkt auch nach Augustinus nicht für bürgerliche Tugenden und tägliche Entscheidungen, siehe dieser Beitrag), hat es doppelt schwer. Kürzlich habe ich mündlich einige biblische Argumente geliefert.
  7. Manche huldigen der These «je früher, desto echter». Ich meine dies besonders in der Lehre der Kirche («wie die Urchristen») und eben in der Lehre der Gnade zu bemerken. Ich gebe ohne Umschweife zu: Die Kirchenväter haben erst im 5. Jahrhundert in der Frage um den Menschen gerungen. Davor lag die Priorität auf der Gotteslehre und der Christologie. Egal aus welchem Jahrhundert jemand spricht: Letztlich muss jeder Standpunkt vor der Gesamtbotschaft der Heiligen Schrift überprüft werden.

Augstin-Kenner haben Gesamturteile getroffen. Hier greife ich einige Argumente aus dem Beitrag von Ron Kubsch heraus und füge weitere hinzu.

  1. Zur Prägung der ersten Jahrhunderte (Herman Bavinck): «In der frühen Kirche, zu einer Zeit, als sie mit heidnischem Fatalismus und gnostischem Naturalismus zu kämpfen hatte, konzentrierten sich ihre Vertreter ausschließlich auf die moralische Natur, Freiheit und Verantwortung des Menschen und konnten daher der Lehre der Schrift über den Ratschluss Gottes nicht gerecht werden. Obwohl die Menschen mehr oder weniger durch die Sünde korrumpiert worden waren, blieben sie frei und konnten die angebotene Gnade Gottes annehmen. Die Lehre der Kirche enthielt keine Lehre von umfassender Prädestination und unwiderstehlicher Gnade. Der Ratschluss Gottes bestand in Vorauswissen und der Festlegung von Belohnung oder Strafe, die von diesem Vorauswissen abhing.»
    Noch deutlicher Adolph Zahn: «Im großen und ganzen ist die Theologie der Kirchenväter ein mit christlichen Fetzen geschmücktes Heidentum, aus dem sich durch Gottes Providenz dennoch die vielen großen Wahrheiten Augustins von Prädestination, Sünde und Gnade und die logisch wahren Bestimmungen über die beiden Naturen in Christus herausgerettet haben: brauchbare Grundsäulen für die Zukunft.»
  2. Augustin benutzte in seiner Auseinandersetzung Väterzeugnisse (Michael Fiedrowicz): «Hatte Julian von Eclanum Augustinus der Erfindung der Erbsünde bezichtigt, so hielt ihm der Bischof von Hippo (c. Jul. 1,5–35; c. Jul. imp. 1,52) die Autorität acht abendländischer Väter (Irenäus, Cyprian, Reticius, Olympius, Hilarius, Ambrosius, Innozenz I., Hieronymus) und mehrerer Vertreter der griechischen Kirche (Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus) entgegen.»
  3. Augustins Lehre stand der Denkweise der Antike entgegen (Helmut Flasch): «Augustin hatte seit 397 eine neue Interpretation des Christentums vorgelegt. Sie war unvereinbar mit dem Welt- und dem Vernunftbegriff der antiken Philosophie, von dem er herkam… Die neue Gnadentheorie … reduzierte den Anspruch der Vernunft; sie ruinierte mit Berufung auf Paulus das frühere, vernunftfreundliche Bild von Gott und menschlicher Selbstbestimmung. … Der fromme Laie Pelagius … hatte ein anderes Konzept von Christentum, und zwar aus monastisch-asketischen Motiven. Denn wenn die Gnade allein entschied, verlor die ethisch-religiöse Aufgabe der Selbstgestaltung ihren Sinn.»
  4. Augustin rang um biblische Argumente, und dies in einer mehr als ein Jahrzehnt dauernden Auseinandersetzung. Ich fordere besondere Männer, die in Lehr- und Verkündigungsdienst stehen, zu einer gründlichen Prüfung auf. Lasst euch nicht einfach von einem Sekundärwerk vereinnahmen. Zur Prüfung empfehle ich die auf deutsch übersetzten Texte der Pelagianischen (Bd. 1Bd. 2,  Bd. 3Bd. 6) und Semipelagianischen Schriften Augustins. Diese müssen in einer grösseren Bibliothek besorgt werden. In meinem Studium von 2011 notierte ich mir systematische und exegetische Argumente. Daraus entstanden auch einige Blogeinträge:
  1. Auch den Bösen viel Gutes gewährt
  2. Über den Stellenwert des Willens
  3. Unser Wille und der Heilige Geist
  4. Die Gnade nimmt dem Willen nicht die Freiheit
  5. Der Sünde verfallen
  6. Die eigene Person zur Quelle des Lebens machen
  7. Wer die Ursprungssünde leugnet, tastet das Grundgefüge des Glaubens an

Zur Einführung Augustins empfehle ich

Input: Kein Moralgesetz, kein Sündenproblem

Brad Sickler, Physiker & Theologe, Autor von “God on the Brain”, nimmt aus biblischer Weltsicht die Kognitionswissenschaft unter die Lupe. Er stellt mit Recht fest:

Wir können nur dann der Vergebung bedürfen, wenn wir das Moralgesetz übertreten haben; und wenn wir keine Vergebung brauchen, ist das Evangelium seiner Kraft und Wahrheit beraubt. Kein Moralgesetz, kein Sündenproblem; kein Sündenproblem, kein Evangelium.

Zitat der Woche: Beiläufige Willkürlichkeit und ruhelose Ungeduld

Starker Beitrag des bekannten Kirchenhistorikers Mark Noll (* 1946) zu J. I. Packer, ursprünglich auf desiringgod.org erschienen, in die deutsche Sprache übersetzt. Noll beleuchtet u. a. den argumentativen Hintergrund für das partielle Zusammengehen mit Hochanglikanern und Katholiken. Noll zitiert Packer bei seiner Programmübersicht zu den Puritanern:

Wir Evangelikale brauchen Hilfe. Wo die Puritaner nach Ordnung, Disziplin, Tiefe und Gründlichkeit riefen, ist unser Gemüt eher bestimmt von beiläufiger Willkürlichkeit und ruheloser Ungeduld. Wir gieren nach Kunststücken, Neuerungen, Unterhaltung; wir haben den Geschmack gründlichen Studiums, demütiger Selbstuntersuchung, diszipliniertem Nachsinnen, und unspektakulärer harter Arbeit in unseren Berufungen und in unseren Gebeten verloren. …Dann ist es so, dass wir es uns beim Lehren des Lebens als Christ zur Gewohnheit gemacht haben, dieses als einen Weg voller aufregender Gefühle und übernatürlicher Eingriffe darzustellen, anstatt als einen Weg rationaler Gerechtigkeit; und bei der Beschäftigung mit den Erlebnissen als Christ, halten wir uns andauernd bei Freude, Friede, Glück, Zufriedenheit und Seelenruhe auf, und das ohne einen ausgleichenden Bezug auf die Gott gemäße Unzufriedenheit aus Römer 7, den Glaubenskampf aus Psalm 73, oder auf irgendeine der Bürden der Verantwortung und aus Vorsehung geschehenden Züchtigungen, die das Los eines Kindes Gottes sind. Die spontane Ausgelassenheit des sorglosen Extrovertierten wird dann gleichgesetzt mit einem gesunden Leben als Christ, und ausgelassene Extrovertierte werden in unseren Gemeinden darin bestärkt, selbstzufrieden in Fleischlichkeit zu verharren, während heilige Seelen mit weniger heiterem Temperament fast verrückt werden, weil sie nicht auf die vorgeschriebene Weise fröhlich sein können. …Wir brauchen wirklich Hilfe, und die Tradition der Puritaner kann sie uns geben.

Hanniel hirnt (283): Gott ist absolut souverän, der Mensch verantwortlich

Es gibt keinen Abschnitt in der Heiligen Schrift, anhand dessen sich die Willensfreiheit des Menschen in Bezug auf das Heil entwickeln lässt. So John Frame in seinem wegweisenden Kapitel 8 “Human Responsiblity and Freedom” in seinem Must-Read “The Doctrine of God”. Den Schriftbeweis habe ich im Post “Das überwältigende biblische Zeugnis von Gottes Vorsehung” zusammengetragen.

In diesem Podcast habe mich auf 20 Minuten beschränkt, um je ca. zwei Dutzend stützende Stellen zur kompatibilistischen Position (göttliche Souveränität bei gleichzeitiger Verantwortlichkeit des Menschen) zusammenzutragen – und zwar in freier Rede, unter Verwendung von Schirrmachers Aufstellung. Man möge mir ebenfalls je zwei Dutzend Stellen aus allen Teilen des Alten und Neuen Testaments dagegen stellen. Ich habe am Anfang kurz darauf hingewiesen, dass die kulturelle Konditionierung – die auch für Evangelikale gilt – der ersten Sichtweise entgegen steht.

Zwei zentrale Fragen handle ich nicht in diesem Podcast ab: Wenn Gott die Menschen so liebt, wie es in 1Tim 2,4 steht, dann hat Gott doch dem Menschen einen freien Willen gegeben. Und: Warum sind dann manche nicht erwählt, wenn Gott keinen Gefallen am Tod des Gesetzlosen hat (Hesekiel 18)? Die Antwort zweier erfahrener Ausleger habe ich hier ausformuliert. Donald A. Carson schrieb zwei allgemein verständliche Artikel in “Ach, Herr, wie lange noch?” sowie in “Lernen zu beten”. Beide Bücher gehören zur Basisausrüstung.

Input: Nietzsche-Klischees (und was davon zutrifft)

Meine dritte Nietzsche-Interpretation nach Rohrmoser (die ich insgesamt für schlüssig halte, siehe diese Podcasterie) und der meisterhaften Darstellung durch Safranski hörte ich in der Form von Vorlesungen der verheirateten Nietzsche-Spezialisten Kathleen M. Higgins (* 1954) und Robert C. Salomon (1942-2007).

In der zweiten Vorlesung wenden sich die beiden einigen Nietzsche-Klischees zu – dies aus einer gemässigt-begeistert-zustimmenden Optik.

A. Nietzsche war verrückt.

  • Nietzsche war in den letzten zwölf Jahren seines Lebens psychisch krank.
  • Seine Schriften stützen die Spekulation nicht, dass er bereits während seiner Schaffensperiode in Wahn verfallen war.

B. Nietzsche hatte Syphilis.

  • In der Anstalt in Jena wurde 1889 Syphilis diagnostiziert.
  • Das Interesse am Ursprung dieser Krankheit wird enttäuscht durch Nietzsches Diskretion über sein Sexualleben.

C. Nietzsche hatte kein Sexualleben.

  • In jüngster Zeit wurde vermutet, dass Nietzsche schwul war, wozu 
  • einige Hinweise existieren.
  • Nietzsche schweigt sich über sein Sexualleben aus.

D. Nietzsche war frauenfeindlich.

  • Er wuchs in einem Haushalt von Frauen auf.
  • Er war sich des Einflusses von Familienbeziehungen (insbesondere seinem Verhältnis zu seiner Mutter) bewusst.
  • Nietzsche lehnte die Ziele der zeitgenössischen feministischen Bewegung ab.
  • Nietzsche wandte sich gegen das Ideal eines uni-sex, one-size-fits-all Geschlechts.

E. Nietzsche war den Christen feindlich gesinnt.

  • Nietzsche missbilligte einige Dinge am Christentum, insbesondere das, was Kierkegaard “Christentum” nennt, der christliche Mob.
  • Nietzsche bewunderte außergewöhnliche Christen (darunter Jesus), die wirklich das lebten, woran sie behaupteten zu glauben.
  • Er wandte sich gegen die heuchlerischen und selbstgerechten Haltungen, mit der einige Christen ihre bürgerlich-religiösen Überzeugungen vertraten.

F. Nietzsche war judenfeindlich.

  • Nietzsche hat diesen Ruf, weil er sich manchmal in wenig schmeichelhafter Weise über sie äusserte – wie er es mit allen anderen auch tat – und weil Wagner ein Antisemit war.
  • Er analysierte das Christentum als eine Sekte des Judentums.
  • Nietzsches Kritik am Judentum ist ein Aspekt seiner Kritik am Christentum.

G. Nietzsche war ein Nazi.

  • Die Partei wurde erst 1919 gegründet, also fast zwanzig Jahre nach Nietzsches Tod.
  • Seine Schwester Elisabeth heiratete einen Protofaschisten und begründete damit seinen (Nietzsches) Ruf.
  • Nietzsche war weitgehend unpolitisch; es kam ihm gar nicht in den Sinn den deutschen Staat bewundern.

H. Nietzsche war machtbesessen.

  • Sein Konzept des “Willens zur Macht” hat viele glauben lassen, er begrüße militärische Eroberung.
  • Meistens verwendet Nietzsche den Begriff jedoch psychologisch.
  • Macht motivierte viele menschliche Aktivitäten nebst Krieg und Eroberung, zum Beispiel in der Kunst.

I. Nietzsche favorisierte Krieg, Mord, Grausamkeit.

  • Nietzsche diente (im deutsch-französischen Krieg 1870/71) als Ordonnanz, nicht als Soldat. Er war nicht für Krieg (aber auch kein Pazifist).
  • Er sah Grausamkeit bei sich selbst wie in jedem Menschen und war ehrlich (und besorgt) darüber.

J. Nietzsche bewunderte die Barbaren.

  • Nietzsche bewunderte die alten Athener, von denen man hätte sagen können, sie seien “Barbaren”.
  • Er ermutigte jedoch nie zu Muskelkraft ohne Hirn.

K. Nietzsche verteidigte die Eugenik.

  • Das taten auch die meisten anderen Intellektuellen seiner Zeit auch, z. B. George Bernard Shaw (meine Anmerkung: G. K. Chesterton lehnte sie strikte ab).
  • Der Begriff “Eugenik” klingt für uns geschmacklos wegen der Experimente der Nazis (meine Anmerkung: Nein, sie ist grundsätzlich in einem nachchristlichen Naturalismus begründet).

L. Nietzsche schlägt den Übermensch als evolutionäres Ziel vor.

  • Nietzsche stand Darwin ambivalent gegenüber.
  • Er akzeptierte die Evolution und wies gerne auf das Tier in uns hin.
  • Er glaubte nicht, dass der Fortschritt der (menschlichen) Spezies ihn sichert.
  • Der Übermensch wird in Nietzsches Schriften selten erwähnt.
  • Der Übermensch ist ein Ideal für die geistige Entwicklung – für die Bereitschaft, Risiken einzugehen, um etwas Großes zu schaffen, etwas über sich selbst hinaus.

M. Nietzsche war ein Nihilist.

  • Nihilismus (der Begriff kommt aus Russland) ist die Ablehnung aller Werte.
  • Nietzsche ist kein Nihilist, lehnt aber nihilistische Werte ab.

N. Nietzsche war ein Relativist.

  • Er befürwortete den Relativismus in dem unschuldigen (Innocent) Sinne, dass Werte immer kontextbezogen, bezogen auf eine Zeit, ein Volk, einen Ort und besondere Umstände. (Anmerkung: Das sehe ich als Christ natürlich anders.)
  • Er lehnte den Relativismus in dem vulgären Sinne ab, der darauf besteht, dass jede Ansicht ist genauso gültig (oder ungültig) wie jede andere.

O. Nietzsche verteidigte den Egoismus.

  • Er lehnte die Unterscheidung zwischen “egoistisch” und “selbstlos” ab.
  • Er fragte eher: “Wessen Ego?” Was egoistisch ist, hängt von der Person ab.

P. Nietzsche benutzte Täuschungen in der Argumentation, wie etwa ad hominem-Argumente.

  • Das tat er in der Tat, einschließlich persönlicher Angriffe und unverhohlener Appelle an die Emotionen seiner Leser.
  • Dennoch spielen diese “Trugschlüsse” eine wichtige Rolle in seiner Philosophie. Sie sind überhaupt keine echten Trugschlüsse.

Q. Nietzsche war ein schlechter Historiker.

  • In Tat und Wahrheit kannte Nietzsche die Geschichte sehr gut. Er hatte eine solide Bildung, den Hintergrund als Philologe und eine Ausbildung in historischer Theologie genossen.
  • Einige zeitgenössische Philosophen haben Nietzsche für ihre unverantwortlichen Darstellungen der Geschichte verantwortlich gemacht.
  • Einige von Nietzsches Schilderungen sind zu einfach, wenn man sie für Geschichte hält. Nietzsche verwendete diese Erzählungen, um bestimmte (polemische) Punkte, insbesondere im Zusammenhang mit seiner am Christentum, anzubringen.
  • Man könnte sie als Allegorien oder Parabeln betrachten, die gewöhnlich darauf abzielen uns dazu zu bringen, die Dinge anders zu sehen. Sie sind vereinfachend mit der Absicht, übliche Betrachtungsweisen umzukehren.

Rückblick: J. I. Packer – ein bemerkenswerter Pilger

Nach dem Heimgang von J. I. Packer (1926-2020) sind verschiedene Artikel beim Netzwerk E21 erschienen:

Justin Taylor: “Während seines nahezu 70-jährigen Dienstes und Schreibens betonte er besonders die Wichtigkeit, den dreieinigen Gott zu kennen, zu ihm zu beten und Gemeinschaft mit ihm zu pflegen. Er ermahnte die Gläubigen, Heiligkeit und Buße ernst zu nehmen und dies durch ein Leben unter der Leitung des Geistes und den Kampf gegen die innewohnende Sünde zu unterstreichen. Er verteidigte die Autorität der Bibel und setzte sich für Jüngerschaftsschulung ein. Viele Generationen machte er mit seinen geliebten Puritanischen Vorfahren bekannt, die er als „Mammutbäume“ des christlichen Glaubens verstand.”

Buchauszug aus “Gott erkennen”: “Unser erster Punkt zur Adoption ist, dass sie das höchste Vorrecht ist, das das Evangelium bietet. Dies mag bei manchen Stirnrunzeln verursachen, ist doch die Rechtfertigung die Gabe Gottes, auf die die evangelischen Christen seit Luther größten Wert legen. Und wir sind gewohnt, fast gedankenlos zu sagen, dass die geschenkte Rechtfertigung der alles überragende Segen Gottes für uns Sünder ist. Wenn wir jedoch sorgfältig darüber nachdenken, werden wir die Wahrheit der oben getroffenen Aussage erkennen.

Ray Ortlund: “Ich habe Packer predigen und lehren gesehen, und mehr als 40 Jahre lang seine Bücher und Abhandlungen gelesen, und so erinnere ich mich voller Dankbarkeit an fünf bedeutende Merkmale seines Lebens und Dienstes.”

Mein persönlicher Rückblick: “Es gibt Menschen, die mir auf eine gewisse Art und Weise nahe stehen, ohne dass ich sie jemals getroffen habe. Dies gilt auch für J.I. Packer, der am Freitag in die ewige Heimat abberufenen wurde. Analog zur biblischen Doppelstruktur „Lehre und Leben“ will ich kurz skizzieren, wie Packer Stützpfeiler der biblischen Lehre klar hervorhob und wie sich in verschiedenen Stationen seines Werdegangs ein geheiligtes Leben zeigte.”

Input: In der Denomination bleiben – drei Gründe

Im Zusammenhang mit dem Heimgang von J. I. Packer rekapitulierte ich einige Begebenheiten, die zur Entfremdung mit einigen seiner Weggenossen führte. Die Schrift Growing into union: Proposals for forming a united Church in England (1970), die Packer zusammen mit Anglikanern aus anderen Lagern verfasste, entfremdete ihn von Martyn Lloyd-Jones. Justin Taylor veröffentlichte 2016 ein interessantes Interview dazu. Dies war die dreifache Begründung für das Verbleiben in der Church of England:

(1) Historisch gesehen argumentierten sie, dass die konstitutionelle Grundlage der Kirche von England protestantisch und reformiert sei, was sich in den reformatorischen Formeln wie den neununddreißig Artikeln der Religion und dem Book of Common Prayer zeigt. Die Evangelikalen hielten also die rechtlichen ” Eigentumsurkunden ” für die Church of England, und die Liberalen und Katholiken sollten aussteigen, nicht sie.

(2) Biblisch argumentierten sie, dass viele neutestamentliche Kirchen lehrmäßig verwirrt oder moralisch kompromittiert waren, wie die Kirche in Korinth, die wegen der Auferstehung verwirrt war, oder die Kirche in Sardes, die nur “ein paar” gottesfürchtige Menschen zählte (Offb 3,4). Aber den Gläubigen in diesen Kirchen wird gesagt, am Evangelium festzuhalten und gegen falsche Lehrer zu kämpfen, nicht die Kirche zu verlassen und eine neue zu gründen.

(3) Pragmatisch argumentierten Stott und seine Freunde, dass die Church of England Evangelikalen viele Möglichkeiten für das Evangelium biete und dass es eine Pflichtversäumnis wäre, ihre Kanzeln an ungläubige Geistliche zu übergeben. Was würde dann aus ihren Gemeinden werden?