Input: Timothy Keller nach seiner Krebsdiagnose

Ich habe vor meiner Diagnose ein Leben lang andere beraten. Werde ich in der Lage sein, meinen eigenen Rat anzunehmen?

So fragte sich Timothy Keller im März 2021 nach seiner Krebsdiagnose in diesem lesenswerten Artikel

Wir (meine Frau und ich) wurden beide 70, aber wir fühlten uns stark, klar im Kopf und fähig zu fast allen Dingen, die wir in den letzten 50 Jahren getan haben. … Ich fühlte mich wie ein Chirurg, der plötzlich auf dem Operationstisch lag. … Trotz meiner rationalen, bewussten Erkenntnis, dass ich eines Tages sterben würde, löste die erschütternde Realität einer tödlichen Diagnose eine bemerkenswert starke psychologische Leugnung der Sterblichkeit aus. … Der Tod ist für uns eine Abstraktion, etwas technisch Wahres, das aber als persönliche Realität unvorstellbar ist. … Als der Tod, der letzte Feind, in meinem Herzen real wurde, erkannte ich, dass meine Überzeugungen ebenso real werden mussten, sonst würde ich den Tag nicht überstehen können

Wir haben so viel Zutrauen in unsere logischen Fähigkeiten, dass wir, wenn wir uns keinen guten Grund für die Existenz von Leid vorstellen können, annehmen, dass es keines geben könne. … Die Menschen sagen, dass ihr Leid den Glauben an Gott unmöglich mache, aber in Wirklichkeit ist es ihr übermäßiges Vertrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten, das sie in Wut, Angst und Verwirrung stürzt.

Ich kann zwar nicht behaupten, dass eine meiner Gotteserfahrungen in den letzten Monaten “glückselig ” war, aber sie waren doch tiefer und süßer als alles, was ich bisher erlebt habe. … Die erste war, mich in die Psalmen zu vertiefen, um sicher zu sein, dass ich nicht einem Gott begegnete, den ich mir selbst ausgedacht hatte. … Die Autoren wenden sich weder an Gott noch an ihre Leser, sondern an ihre eigene Seele, an sich selbst. Sie hören nicht so sehr auf ihre Herzen, sondern sprechen zu ihnen. Sie befragen sie und erinnern sie an Gott. … Ich musste mein tiefstes Vertrauen, meine stärkste Liebe und meine größten Ängste unter die Lupe nehmen und sie mit Gott in Verbindung bringen. … 

Seit meiner Diagnose haben Kathy und ich erkannt, dass wir diese Welt umso weniger genießen konnten, je mehr wir versuchten, aus ihr einen Himmel zu machen – je mehr wir unseren Komfort und unsere Sicherheit in ihr verankerten.

Input: Der Kern der Dialektik

Rohrmoser beschreibt präzise das dialektische Denken bei Hegel (in: Glaube und Vernunft am Ausgang der Moderne: Hegel und die Philosophie des Christentums, 2009, S. 25-27). Manche modernen Theologen stehen auf seinen Schultern.

Man kann keine Vorrede zur Philosophie verfassen, und es kann keinen Vorbau zu einem philosophischen System, kein Propädeutikum zur Philosophie geben, in dem, gleichsam die Resultate vorwegnehmend, eine Einübung in die Philosophie stattfinden würde. Es stellt sich sogleich die Frage, warum dies nicht möglich sein soll. Hegel zufolge begründet sich diese Unmöglichkeit darauf, dass sich das mitgeteilte Resultat der Philosophie, wenn man vom Vollzug der Bewegung und der begreifenden Anstrengung abstrahiert, aufgrund deren diese Resultate gewonnen worden sind, so sehr unterscheidet wie der Leichnam von• dem Leben, das aus ihm gewichen ist. … Dies ist deshalb der Fall, weil nach Hegel die Erkenntnis, die die Philosophie gewinnt und mitzuteilen hat, nur dann eine Erkenntnis sein kann, wenn der Weg mit- und nachvollzogen wird, aufgrund dessen die Erkenntnis gewonnen ist. Bewegung und Resultat sind in der Philosophie eins. 

… Insofern die Wissenschaften nur die Fakten im Auge haben und von ihrer Genese absehen, sind sie in ähnlicher Weise abstrakt. Jede Erkenntnis, die derart abstrakt mitgeteilt wird, ist aber im Sinne Hegels keine philosophische Erkenntnis. Der Eintritt in die Dialektik bedeutet bei Hegel die Aufhebung der Differenz von Faktum und Genesis. Das Faktum ist nichts ohne Genesis, und die Genesis und Bewegung blieben leer, wenn nicht wirklich zum Resultat vorgedrungen wird. Dies ist im Keim die Geburtsstunde der Dialektik.

… Die Sache ist nicht in ihrem Zweck erschöpft, sondern erst in ihrer Ausführung, noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden. Der Zweck für sich ist das unlebendige Allgemeine wie die Tendenz das bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit noch entbehrt, und das nackte Resultat ist der Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen hat.

Zitat der Woche: Warum eine “Modeethik” uns in Bezug auf Technologie zum Verhängnis wird

Sehr hilfreiche Überlegungen zum aktuellen ethischen Konsens:

In unserem digitalen Zeitalter tauscht die Gesellschaft Überzeugung und eine fundierte Ethik gegen das ein, was ich als “Modeethik” bezeichne: eine Ethik, die sich danach richtet, was beliebt ist oder was andere beeindrucken könnte. Wir vertreten ethische Standpunkte auf der Grundlage dessen, was uns in die “In-Crowd” bringen wird. Wir behaupten, eine Form der Ungerechtigkeit sei falsch, aber eine andere sei in Ordnung, weil mit “sie” die falsche Art von Menschen gemeint sind. Wir erklären, dass unsere Feinde auf der “falschen Seite der Geschichte” stehen, während wir uns um die Gunst einer bestimmten Wählergruppe bemühen. Solche ethischen Ansätze sind eher durch den Wunsch nach Ruhm und Einfluss gekennzeichnet als durch die Unterscheidung von Recht und Unrecht.

Genau dieser Konsens wird uns in Bezug auf die Beurteilung und den Umgang mit Technologie zum Verhängnis.

Wir befinden uns an einem interessanten Wendepunkt in Bezug auf Technologie und Ethik, denn unsere technologischen Entwicklungen basieren auf einem modernen Fundament, während sich unsere Ethik auf ein postmodernes Konzept stützt. Ich glaube, das ist der Grund, warum es in unserem digitalen Zeitalter so viel Verwirrung in Bezug auf Ethik gibt. Wir sind so verliebt in das, was andere denken, und in individualistische Versionen der Wahrheit, dass wir uns schwer tun, technologische Entwicklungen anzusprechen (damit wir niemanden mit dem Anschein einer festen, objektiven Wahrheit beleidigen).

Da die Technologie weiterhin jeden Bereich unseres Lebens beeinflusst, können wir uns bei unseren ethischen Entscheidungen nicht auf vage Allgemeinplätze verlassen. Unsere Würde und die unserer Mitmenschen steht auf dem Spiel.

Adventskalender: 24 Dinge, die mich beschäftigen

Seit bald 12 Jahren bin ich schreibend im Netz unterwegs. Es ist mir bewusst, dass ich mit längeren Texten die meisten Menschen nicht (mehr) erreiche. Meine Audiobibliothek umfasst aktuell 700 Beiträge in der Länge von mehreren hundert Stunden.

Aktuell experimentiere ich mit einer Reihe zum Advent über die Plattform Instagram. Natürlich kann es auch dort nicht lassen, auf ausführlichere Beiträge zu verweisen. Sieh dir den heutigen Beitrag zum Thema Familienkonflikte an.

In früheren Jahren habe ich eine Anzahl Beiträge zum Jahresende mit Reflexionen veröffentlicht. Wer sich komprimierte Impulse sucht, wird in diesen zusammenfassenden Beiträgen Futter für den Geist finden:

Übrigens: Der neue Verlag Verbum Medien veröffentlichte 25 Andachten zum Advent.

Intolerante Toleranz im Zeitalter des Neuen Moralismus

Herbert Marcuse, ein Hauptprotagonist der sog. Frankfurter Schule, veröffentlichte 1968 einen Essay zur Repressiven Toleranz. Darin definiert er den herkömmlichen Toleranzbegriff neu.

Er gelangt zu dem Schluß, daß die Verwirklichung der Toleranz Intoleranz gegenüber den herrschenden politischen Praktiken, Gesinnungen und Meinungen erheischen würde – sowie die Ausdehnung der Toleranz auf politische Praktiken, Gesinnungen und Meinungen, die geächtet oder unterdrückt werden.

Toleranz im Sinne von Nachgiebigkeit gegenüber dem Bösen der Überflussgesellschaft wird als das Übel verortet.

Toleranz gegenüber dem radikal Bösen erscheint jetzt als gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dient auf dem Wege zum Überfluss oder zu größerem Überfluss. Die Nachsicht gegenüber der systematischen Verdummung von Kindern wie von Erwachsenen durch Reklame und Propaganda, die Freisetzung von unmenschlicher zerstörender Gewalt in Vietnam, das Rekrutieren und die Ausbildung von Sonderverbänden, die ohnmächtige und wohlwollende Toleranz gegenüber unverblümtem Betrug beim Warenverkauf, gegenüber Verschwendung und geplantem Veralten von Gütern sind keine Verzerrungen und Abweichungen, sondern das Wesen eines Systems, das Toleranz befördert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und die Alternativen zu unterdrücken.

Marcuse reklamiert das Mittel der freien Rede für den Übergang zur neuen gesellschaftlichen Moral – natürlich nur für die Präsentation der neuen Moral.

Die Toleranz der freien Rede ist der Weg der Vorbereitung und des Fortschreitens der Befreiung, nicht weil es keine objektive Wahrheit gibt und Befreiung notwendigerweise ein Kompromiss zwischen einer Mannigfaltigkeit von Meinungen sein muß, sondern weil es eine objektive Wahrheit gibt, die nur dadurch aufgedeckt und ermittelt werden kann, daß erfahren und begriffen wird, was ist, sein kann und zur Verbesserung des Loses der Menschheit getan werden sollte. Dieses öffentliche und historische »Sollen« ist nicht unmittelbar einsichtig, liegt nicht auf der Hand: es muss enthüllt werden, indem das gegebene Material »durchschnitten«, »aufgesparten«, »zerbrochen« (dis-cutio) wird…

Zur freien Rede kommt jedoch ein systematischer, vom Staat verordneter Druck hinzu. Die zu erreichenden Ziele rechtfertigen damit die Mittel.

Während es denkbar ist, dass die Umkehrung des Trends wenigstens im erzieherischen Bereich sich von den Schülern und Lehrern selbst durchsetzen ließe und damit selbstauferlegt wäre, ließe sich der systematische Entzug von Toleranz gegenüber rückschrittlichen und repressiven Meinungen und Bewegungen nur als Ergebnis eines massiven Drucks vorstellen, was auf eine Umwälzung hinausliefe. …. Ich sagte, dass kraft innerer Logik der Entzug der Toleranz gegenüber regressiven Bewegungen und eine unterscheidende Toleranz zugunsten fortschrittlicher Tendenzen gleichbedeutend wäre mit der »offiziellen« Förderung des Umsturzes.

Somit wird eine Intoleranz der (herkömmlichen) Toleranz befürwortet.

Befreiende Toleranz würde mithin Intoleranz gegenüber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links. Was die Reichweite dieser Toleranz und Intoleranz angeht, so müßte sie sich ebenso auf die Ebene des Handelns erstrecken wie auf die der Diskussion und Propaganda, auf Worte wie auf Taten. 

… Daß rückschrittlichen Bewegungen die Toleranz entzogen wird, ehe sie aktiv werden können, daß Intoleranz auch gegenüber dem Denken, der Meinung und dem Wort geübt wird (Intoleranz vor allem gegenüber den Konservativen und der politischen Rechten) – diese antidemokratischen Vorstellungen entsprechen der tatsächlichen Entwicklung der demokratischen Gesellschaft, welche die Basis für allseitige Toleranz zerstört hat. 

D. A. Carson stellt zu Recht fest:

(Das frühere Toleranzverständnis bedeutete), dass es keine öffentlichen Druckmittel gab, um die Menschen dazu zu zwingen, sich an das zu halten, was sie dachten und was sie in der Öffentlichkeit lehrten. … (Neu aber) bedeutet Toleranz in zunehmendem Maße, dass man in einer Vielzahl von Bereichen nicht sagen darf, dass jemand anders Unrecht hat. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie alle gleichermaßen Recht haben, und wenn man jemanden für irgendetwas kritisiert, dann ist man an sich intolerant. Das ist eine gewaltige Veränderung, und es wird sogar öffentlich unredlich. Es führt zu einer Unfähigkeit, offen über Ideen zu sprechen. …

Anstatt sich mit den Ideen auseinanderzusetzen, wird Intoleranz als eine Art “Defeater Belief” präsentiert. Eine verwerfliche Überzeugung ist eine Überzeugung, die, wenn man an ihr festhält, andere Überzeugungen aufhebt. Wenn es also in unserer Kultur eine ganze Reihe von Menschen gibt, die es für falsch halten zu sagen, dass es nur einen Weg zu Gott gibt, und wenn man diese Überzeugung vertritt, dann macht das jedes christliche Zeugnis zunichte, das man vorlegt, weil es bereits als unzulässig gilt. Es ist automatisch unzulässig, weil es zu eng gefasst ist. Es ist eine intolerante Geisteshaltung, und Intoleranz ist an sich schlecht.

Input: Die Narrative unserer Zeit besser verstehen

Ich befürchte, dass wir aktuellen “Narrative” zu wenig verstehen und beherzigen, um unsere Nächsten zu verstehen. Ganz sicher trifft dies im Bereich Sexualethik zu. Die Plattform Evangelium21 hat die Übersetzung eines hervorragenden Berichts zur Verfügung gestellt:

In unserer Kultur wird Sex nicht mehr als ein Mittel betrachtet, um Gott zu ehren und neues menschliches Leben entstehen und heranwachsen zu lassen. Sondern die meisten Leute denken ungefähr so: „Wenn du Sex haben möchtest, um neues menschliches Leben hervorzubringen, dann ist das natürlich eine Option und deine Entscheidung. Aber das ist nicht der Hauptgrund, weshalb Menschen Sex haben. Tatsächlich geht es beim Sex um persönliche Erfüllung und Selbstverwirklichung.“ Diese moderne Auffassung von Identität wird immer wieder als „expressiver Individualismus“ bezeichnet – das ist die Vorstellung, dass tief in uns Gefühle und Sehnsüchte zu finden sind, die entdeckt, befreit und ausgelebt werden müssen, wenn man sein wahres Ich werden will. Man findet Identität jetzt also in den eigenen Sehnsüchten, während man sie in vergangenen Zeiten in den Verpflichtungen und Beziehungen des Einzelnen zu Gott, der Familie und der Gesellschaft fand. Dem Erkennen – und Ausleben – der sexuellen Sehnsüchte wird eine Schlüsselrolle in dem Prozess zugeschrieben, eine authentische Person zu werden.

Diese Auffassung von Identität wird heute nicht mit Argumenten vermittelt, sondern wird einfach als gegeben vorausgesetzt und nicht hinterfragt. Mottos wie „Sei dir selbst treu“ oder „Lebe deine eigene Wahrheit“ werden auf unzählige Arten verkündet, verbal und nonverbal, und prägen sich tief in die Herzen der Menschen ein. Jede davon abweichende Sicht wird als psychische Unterdrückung und somit als ungesund betrachtet.

Manches davon habe ich neuerlich in einem Vortrag “Das neue Selbst und die Antwort des Christen” angesprochen.

Zitat der Woche: Unerschütterlich präsent – radikal einfache Gastfreundschaft

Ein wunderbarer Bericht von Rosaria Butterfield, die mich zu radikal-einfacher Gastfreundschaft ermutigt:

Jede Woche meldete sich einer von beiden entweder telefonisch oder per E-Mail. Es wurde einfacher, mich jede Woche zu den Mahlzeiten zu ihnen zu gesellen, als ihnen aus dem Weg zu gehen. Verstehen Sie mich nicht falsch – die Smiths waren weder Nervensägen noch Stalker. Aber sie waren unerschütterlich präsent. Erst später verstand ich, dass niemand Menschen ausweichen kann, die im Gebet präsent sind.  …

Insgeheim war ich hingerissen von Ken und Floys Gastfreundschaft. Menschen aller Couleur kamen und gingen. Floys Mahlzeiten waren wie meine: einfach und reichlich.  …

Die Menschen, die durch Kens Tür kamen, waren sowohl kulturell als auch musikalisch gebildet. Sie wussten, wie man ein Buch aufschlägt und darin liest. Sie wussten außerdem, wie man die Tenorstimme eines Psalms entwickelt, der in einer vierstimmigen Harmonie geschrieben war. Ich respektierte diese Fähigkeiten. Noten und antike Texte zu lesen ist eine seltene Kunst. Ich fühlte mich von ihren schlichten und unaufdringlichen Fähigkeiten angezogen. … wenn sie das Psalmenbuch aufschlugen, erwachte irgendetwas tief in mir zum Leben. Vierstimmige Harmonien, ganz sicher.  … Die Musik der Psalmen rief etwas in mir hervor, etwas, das zwischen bitterem Zorn und insgeheimer Zustimmung schwankte.

In der Theorie sagte ich oft dasselbe. Ich sagte Dinge wie: „Da, wo alle dasselbe denken, denkt keiner besonders viel.“ Oder: „Halte deine Feinde in deiner Nähe; wie ein Pferd, das ausschlägt, können sie dich am Ende nicht hart treffen, wenn du in ihrer Nähe stehst.“ Dennoch bestand meine Tischgemeinschaft Jahr für Jahr meistens aus denselben weißen, sich als lesbisch bezeichnenden Doktorandinnen der Geisteswissenschaften. Nicht wirklich vielfältig, trotz unserer intersektionalen Ansprüche gegen Unterdrückung.

Das Buch: Offene Türen öffnen Herzen: Radikal einfache Gastfreundschaft in einer nachchristlichen Welt

Input: So antwortet ein philosophischer Naturalist

Ich höre mir einige Folgen aus Albert Mohlers “Thinking in Public” an. Ich war baff ob den klaren Antworten des weltbekannten Psychologieprofessors Steven Pinker:

Wenn Sie Ihr eigenes Denken in der Weise Ihres Denkens betrachten, wo, glauben Sie, beginnen Ihre ersten Prinzipien? Wo findet Ihre Weltanschauung ihr Fundament?

Pinker: Als Wissenschaftler, der sich für den menschlichen Geist interessiert, würde ich wohl von der Idee ausgehen, dass der Geist ein Produkt der Aktivität des Gehirns ist. Das Gehirn ist ein physisches Organ, das wahrscheinlich das komplexeste Objekt im Universum ist. …

Sie gehen davon aus, dass sich das Gehirn aus sich selbst heraus erklärt. Und das ist so ziemlich die Art und Weise, wie Sie die umfassende Frage der menschlichen Natur sehen, nicht wahr?

Pinker: Ja, ich denke, dass die menschliche Natur ein Thema der Wissenschaft ist. Genauso wie die Entstehung von Vulkanen oder die Verbreitung von Schmetterlingen. Es geht um die Untersuchung eines Organs und einer Art. …

Sie glauben nicht, dass es so etwas wie eine Seele gibt.

Pinker: Ja, das ist richtig. Ich meine, ich glaube es nicht in dem Sinne, dass ich nicht glaube, dass sie von der Aktivität des Gehirns getrennt ist. …

Emotionen, unsere Intuition, unser analytisches und kritisches Denken – all das sind im Grunde biologische Prozesse.

Pinker: Ja, das sind alles völlig biologische Prozesse, würde ich sagen. Natürlich sind es biologische Prozesse, die von den Informationen anderer Menschen leben. Deshalb haben wir Bildung, Debatten und Diskussionen. Es ist, als ob die Software des Gehirns Input von anderen Gehirnen erhalten muss. …

Was Sie ausdrücklich bestreiten, ist, dass dies Determinismus impliziert.

Die Physik ist so fantastisch kompliziert, dass wir das Wetter unmöglich Stunde für Stunde kennen können, indem wir es einige Wochen im Voraus berechnen. Und das gilt erst recht für etwas so Komplexes wie das Gehirn. Ein weiteres Merkmal des Gehirns ist, dass es Informationen aus der Umwelt aufnimmt, wie ich bereits erwähnt habe, sind einige der Informationen, die es aufnehmen kann, die Reaktion der Menschen auf unser Verhalten, ob sie uns verantwortlich machen. …

Die Frage der moralischen Entscheidungsfindung oder des moralischen Handelns besteht also im Grunde darin, wie man auf Informationen reagiert, die das Gehirn im Hinblick auf einen moralischen Kontext oder das, was wir als moralischen Kontext bezeichnen würden, verstehen sollte.

Pinker: Genau so ist es. Ich denke, wir haben einige moralische Intuitionen, die sogar in kleinen Kindern in Form von Freundlichkeit, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft zu sehen sind. Ich denke, dass das Mitgefühl gegenüber unseren Kindern, unserer Familie und unseren engsten Freunden ein universelles menschliches Verhalten ist, und es gibt gute Gründe dafür, dass dies eines der Geschenke der Evolution ist. …

Input: Ist die neue Generation noch fähig stabile Familien zu gründen?

Rod Dreher im Gespräch mit Albert Mohler:

Vor ein paar Jahren habe ich an einem konservativen evangelikalen College einen Vortrag gehalten. … Vor der Rede aß ich mit einigen Professoren zu Abend, und ich fragte sie: “Was halten Sie von den Studenten auf dem Campus?” Und einer der Professoren sagte: “Meine größte Sorge für sie ist, dass keiner von ihnen in der Lage sein wird, eine stabile Familie zu gründen.” Ich schaute ihn erstaunt an. Ich sagte: “Aber das ist ein konservatives, evangelikales College im Mittleren Westen. Wie ist das möglich?” Er sah mich mit Tränen in den Augen an und sagte: “Weil die meisten dieser Kinder noch nie eine stabile Familie gesehen haben.”

Ich schaute mich am Tisch um, und alle anderen Professoren nickten. Und das hat mich wirklich verunsichert, denn ich hatte diese romantische Vorstellung, dass diese konservative evangelikale Schule eine Bastion sein würde. Aber dieser Mann sagte mir: “Nein, die Kultur hat sich so sehr verändert, die Familienkultur, dass es für sie keinen Sinn mehr macht.” Und ich glaube, wenn wir überhaupt eine Hoffnung haben wollen, das Christentum zu bewahren, oder auch nur eine Erinnerung an das Christentum, dann müssen wir damit beginnen, die Familie wieder aufzubauen. Und das beginnt damit, dass wir selbst Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen unterstützen und jungen Menschen helfen, die Ehe und das Kinderkriegen wertzuschätzen, und ihnen dabei helfen.

Ich habe Drehers zweites Werk “Live Not by Lies” ausführlich rezensiert.

Diese Beobachtung verbindet sich mit derveränderten Lebensweise der Millenials, wie es Christian Smith in seiner Forschung (2005, 2009) festgestellt hat. Ich zitiere aus dem Gespräch mit Albert Mohler:

Nun, diese Idee des Erwachsenwerdens ist anders als in früheren Generationen, vor allem heute, ein Aufschieben des Sesshaftwerdens. … die Idee ist, dass es nach dem Highschool-Abschluss für die meisten amerikanischen Jugendlichen wahrscheinlich sehr, sehr lange dauert, bis sie heiraten, Kinder bekommen, die Karriere machen, die sie in ihrem Leben wirklich haben wollen, und eine eigene Wohnung besitzen, wie die meisten Amerikaner das Erwachsensein definieren. Das kann sich bis zu einem Jahrzehnt hinziehen, und in dieser Zeit hat man wiederum das Gefühl, dass die Sesshaftigkeit aufgeschoben wird. Es ist eine Zeit der Offenheit, der Kurzlebigkeit, der Erkundung, der Ungewissheit, der Konzentration auf das eigene Ich, des Ausprobierens verschiedener Dinge, des Experimentierens, des Scheiterns und des Neuanfangs für viele. Und die Regeln, wie man zum Beispiel einen Lebenspartner findet und sich niederlässt, sind viel undurchsichtiger. Die Vorstellung, dass man sich mit jemandem verabredet, dass man jemandem den Hof macht, die Regeln, die Verfahren sind viel unklarer. Es gibt also einfach viel mehr Unsicherheit. Und traditionell gehörte es in der amerikanischen Kultur dazu, sich niederzulassen, zumindest für sehr viele, einer bestimmten Religionsgemeinschaft anzugehören und seine Kinder in einem bestimmten Glauben aufzuziehen. Und wenn die Sesshaftigkeit aufgeschoben wird, dann wird auch vieles andere aufgeschoben. Die Verwurzelung in einer Kirche zum Beispiel oder sogar der Akt des Heiratens ist in dieser Kultur historisch gesehen eine sehr pro-religiöse, glaubensbejahende Handlung gewesen. Und je mehr die Heirat im Lebensalter aufgeschoben wird und je länger die Menschen damit warten, Kinder zu bekommen oder nie Kinder zu haben, desto mehr schwindet soziologisch gesehen der Klebstoff, der die Menschen mit der amerikanischen Religion verbindet.

Was ist entscheidend? Es sind die Eltern sowie andere Bezugs- bzw. Vertrauenspersonen.

Wenn Sie wollen, dass ein 18- bis 23-Jähriger theologisch und kirchlich gesehen überzeugend auftritt, dann gibt es fast keinen Ersatz dafür, dass er in seinen Teenagerjahren ein Elternteil oder Eltern hat, die selbst engagiert sind, die ihren Glauben praktizieren und die ihre Kinder lehren, die ihn weitergeben, die ihre Kinder wissen lassen: “Das ist uns wichtig. Wir haben hier Ansprüche und Hoffnungen für dich.” Fast immer braucht man auch andere Erwachsene in der Gemeinde. Das kann ein Jugendpastor sein, es kann eine Tante sein, es können einfach Erwachsene sein, die sich um Jugendliche kümmern, zu denen sie eine echte Beziehung haben und von denen sie glauben, dass sie sie um Hilfe und Rat bitten können.

Zitat der Woche: Indirekte Identität der Bibel? (Nein.)

Hierin steckt ein Gutteil der Problematik der Neo-Orthodoxie. Dasselbe Verständnis wird heute in vielen evangelikalen Gemeinden unbesehen übernommen.

Die Bibel als solche, als Menschenwort, ist nicht die Offenbarung; Menschenwort und Gotteswort sind zweierlei und grundsätzlich nicht zu vereinen. Aber das zweite ist zugleich zu sagen. Anders als durch das Medium der Heiligen Schrift ist die Offenbarung nicht zu erkennen, denn ‘wir haben die Offenbarung nicht an sich, sondern in der Bibel’ (zit. Unterricht in der christlichen Religion, 263). In dieser indirekten Autorität ist die Bibel das Prinzip der Kirche, steht ihr also gegenüber … und insofern ist die Bibel Massstab und Norm für alle kirchliche Verkündigung, Lehre und alles Handeln.
Die indirekte Autorität, die historische Forschung ohne Einschränkungen zulässt, weil es ja Menschenwort ist, das die Offenbarung bezeugt, ist aber zu unterscheiden von einer direkten Identität, in der die Bibel selber zur Offenbarung wird – das geschieht in der Verbalinspirationslehre der altprotestantischen Orthodoxie des 17. Jahrhunderts. Die indirekte Autorität ist aber auch zu unterscheiden von einem rein historischen Bibelverständnis, das die Offenbarungsmittlerfunktion der biel a priori ausschliesst, weil sie nur als Produkt ihrer Autoren interpretiert wird. Im Protest dagegen sieht Barth das relative Recht der Verbalinspirationslehre: ‘Die Texte gehen uns nicht als ‘Quellen’ an.» (zit. Das Schriftprinzip der reformierten Kirche, 516)
(Das bedeutet eine indirekte Erkenntnismöglichkeit für den Menschen.) Durch die geschichtliche Bedingung der Autorität der Kirche (Kanon, Bekenntnisse, Situation) und der Freiheit des einzelnen (historische Forschung, eigene Denkstrukturen, Situation) erfolgt allein der Zugang zur ‘indirekten Identität’ der Bibel. Immer bleibt in all dem natürlich als Voraussetzung bestehen, dass Gott alle Erkenntnis seiner selbst durch den Heiligen Geist bewirkt, dessen Wirken nicht empirisch zu konstatieren ist, sondern nur zu bekennen.
… (Von der Bibel als dem Wort Gottes kann) nicht losgelöst von dem einen Wort Gottes, Jesus Christus, die Rede sein. ‘Weil und indem Gott sich offenbart, gibt es ein Wort Gottes, gibt es auch heilige Schrift’. Nur von diesem Gefälle her kann die Bibel Wort Gottes werden und sein. Aus sich selber heraus ist sie Menschenwort. Aber in ihrer Struktur als Zeichen, das hinweist auf das eine Wort Gottes, ist sie mehr als Menschenwort.

Georg Plasger. Die relative Autorität des Bekenntnisses bei Karl Barth. Neukirchen, 2000, S. 39-43

P. S. Die pauschale Benennung einer “protestantischen Altorthodoxie” ist nicht haltbar, siehe dazu Richard A. Muller. Post-Reformation Reformed Dogmatics