Zitat der Woche: Russland im Absturz

Aus 100 öffentlichen Veranstaltungen in Gebietsstädten und Bezirksstädten Russlands während vier Jahren (frühe 1990er) wurden Alexander Solzhenitsyn zahllose Informationen zugetragen, die er in seinem Werk “Russland im Absturz” zusammenträgt.

All das zusammengenommen hinterliess in mir lebendige und unvergängliche Eindrücke vom Leben und von der Stimmung unseres Volkes in seinen verschiedenen Schichten. (S. 8)

Er trägt aus Tausenden von Briefen folgende Rückmeldungen zusammen. Sie stimmen mich auf dem Hintergrund des aktuellen Konflikts nachdenklich:

  • Alles schlägt man uns aus den Händen.
  • Niemand kümmert sich um etwas. Die Regierung hat kein Programm.
  • Wir haben auf die Demokratie gewartet, nun glauben wir niemandem mehr.
  • Wer ehrlich arbeitet, dem ist es jetzt unmöglich ehrlich zu leben.
  • Wir arbeiten nur noch aus Gewohnheit, niemand sieht einen Weg.
  • Von uns hängt nichts ab.
  • Wer jetzt nicht arbeitet, lebt besser. Bringst du etwas zum Markt, um es dort zu verkaufen, musst du dort Abgaben entrichten. Weniger produzieren bringt dir weniger Verlust.
  • Das Gesetz über den Boden wird von denen gemacht, die nie auf dem Lande gelebt haben.
  • Die Forscher kommen mit eigenen Instrumenten und sogar mit eigenen Bleistiften in das verarmte Internat.
  • Ich bin Lehrerin und schäme mich, aber ich bin gezwungen, mit Webschiffchen ein bisschen Geld zu verdienen. 
  • Werden wir jemals erleben, dass bei uns die Wissenschaft mehr als der Handel geschätzt wird?
  • Kinder fallen in der Schule vor Hunger in Ohnmacht.
  • Es gibt ausgestossene Kinder, die von ihren Eltern verstossen wurden.
  • Das ganze Leben habe ich gespart, und nun haben sie das Geld in Nichts verwandelt.
  • Woher soll man das Geld für ein Begräbnis nehmen?
  • Wie weiterleben? Wie soll man weiterleben?
  • Helfen Sie mir, noch ein paar Jahre zu leben!
  • Jetzt leben wir hinter Gittern (alle Fenster sind wegen Dieben vergittert).
  • An den wichtigsten Strassenkreuzungen erheben sich Müllberge aus Eisen und Glas. Seit elf Jahren stellt man uns kein Auto, um diese abzutransportieren.
  • Wasser bekommt man nur gebraucht und muss dafür bezahlen, man trinkt es nur, wäscht sich nicht und auch die Gärten werden nicht gegossen. Wäsche kann man nur weit entfernt, an eine Hydranten waschen, aber in ihm gibt es im Sommer keinen Druck.
  • Telefon gibt es in der Siedlung nicht, und das Lebensmittelgeschäft ist zwei Kilometer entfernt.
  • So viele Unglücke sind über uns hereingebrochen, von denen Russland sich nicht erholen kann.
  • Wie oft hat man uns schon belogen?
  • Man möchte gar nicht darüber reden – wir gehen zugrunde und sterben.
  • Ich will mich, dass mein Sohn in diesem Land zum Sklaven wird, möge er wegfahren!
  • Es braucht nur noch wenig Zeit zu vergehen – und nichts wird mehr zu retten sein.
  • Man beraubt einfach das einfache Volk.
  • Ich habe kein Vertrauen mehr zu dieser Macht.
  • Jetzt glaubt bei uns kein Mensch mehr der Obrigkeit, den Abgeordneten, dem Präsidenten. 
  • In der obersten Macht vertreten Schurken unser Gesetz.
  • Die Seele wird schwarz angesichts dessen, was da geschieht.
  • Die Menschen trinken fauliges Flusswasser.
  • Die Zahl der deformierten Kinder nimmt zu.
  • Die Schulen werden von den Eltern selbst repariert.
  • Eine in ein Klassenzimmer verwandelte Toilette.
  • Eine neu angetretene Lehrerin erhält umgerechnet 12 Dollar im Monat.
  • Wenn ich krank werde, habe ich nichts, um mich zu kurieren.
  • Wir ächzen unter dem Büchermangel.
  • Auf dem Militärkommando: Schwächliche, ungesunde Halbwüchsige, mit hoffnungslos traurigen Augen und ohne irgendwelche Perspektive.
  • Jetzt ist moralisch, was profitabel ist.
  • Jetzt herrscht bei uns die Ideologie des Raffens und des Neides.
  • Die Kinder sehen: Wer stiehlt, lebt besser, aber mein Vater versteht es nicht und will ehrlich bleiben. 

Dies ist nur ein Auszug. Ganz ähnlich schildert es die für ihr Buch zu Tschernobyl mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autorin Swetlana Alexijewitsch in «Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus». Ich empfehle das von Schauspielern vorgetragene Buch wärmstens. Beten wir für das russische Volk!

Interview: 45 Minuten, die mein Leben und meinen Dienst zusammenfassen

In 45 Minuten hat mich Pastor und Gemeindegründer Sascha Baer (Podcast) zur biblischen Weltsicht zu Familie und Erziehung interviewt. Mein 16-jähriger Sohn meinte: «Papa, das fasst dein Leben und deinen Dienst gut zusammen.» Also:

Minutenspiegel

Bis 3:20 Kurzer Einblick in meine Biografie

3:20 Biblische Grundlage: Es gibt nur eine Wahrheit für unser gesamtes Leben; die unglückliche Trennung zwischen «geistlichem» und «übrigem» Leben; Gnade stellt die Natur wieder her

10:50 Verwandlungsprozess durch die Erneuerung unseres Denkens statt Anpassung an den Zeitlauf (Römer 12,1-2 als locus classicus); Antworten für die drängenden Fragen für die nächste Generation

17:10 Im Spagat zwischen Rückzug und Anpassung (nach Johannes 17); die Gefahr der frommen Utopie; aus der Welt herausgenommen und mit neuem Mindset zurückgesandt (Römer 6)

22:00 Das Evangelium für das gesamte Leben am Beispiel von Petrus (nach Galater 2,11-14); Gefahr der Menschenfurcht im frommen Gewand

27:00 Anwendung auf den Erziehungsauftrag (nach Deut 6,4-9); Gott und den Nächsten lieben mit ganzer Kraft und ganzem Verstand; auf dem Herzen tragen und in den Alltag integrieren («inside out»)

34:30 Über Familienandachten und die Katechese durch die Medien; wer sind die Katecheten unserer Kinder?

42:30 Familie und Kirche; die Familie ist die Primärinstitution, aus der die drei anderen (Kirche, Wirtschaft, Staat) hervorgehen; die Kirche hat sich abgeschafft, die Familie wird gerade in Einzelteile zerlegt; Staat und Wirtschaft dominieren Kirche und Familie – weil diese ihren Auftrag nicht wahrgenommen haben

Predigt: Schrittweise Entfremdung – zu Besuch bei Isaak und Rebekka

Anlässlich eines Seminarwochenendes in der FeG München-Mitte hatte ich die Gelegenheit in der FeG München West-Freiham zu predigen. Entsprechend meinem Wochenendthema – «Eltern erbauen» (Seminarreihe 2021/22) – ging es um «Schrittweise Entfremdung: Besuch bei Isaak & Rebekka». Rebekka, eine initiative, schöne junge Frau aus gutem Haus verlässt ihre Heimat und zieht mit einer Kamelkarawane viele Tagereisen weg zu ihrem künftigen Ehemann, den sie noch gar nicht kennt.

Minutenspiegel der Predigt

Bis 4:30 Mitschreiben & historischer Hintergrund
4:30 Kommentierte szenische Lesung von 5 Abschnitten (Genesis 24-27)
17:00 In einem Text leben – Genesis: Buch der Beziehungsstörungen – Fragestellung 
20:35 Gliederungspunkt 1: Betender Start
26:20 Gliederungspunkt 2: Druck und Entfremdung
33:00 Gliederungspunkt 3: Eigeninteressen und Manipulation
41:20 Gliederungspunkt 4: Gottes Geschichte geht (trotzdem) weiter!
46:15 4 Anwendungen

  • Unterschätze nie den Segen und die Langzeitwirkung des gemeinsamen Gebets.
  • Rechne mit dem Einbruch der Sünde in der Familie – an einer Stelle, die du nicht vermutest.
  • Vorsicht, Männer, vor Hausgötzen! … und ihr Frauen, vor Manipulation!
  • Richte deinen Blick über dein momentanes Empfinden und die nächste Woche hinaus. Gottes Geschichte geht viel weiter.

Input: Drei Dogmen der Postmoderne

Die Journalistin Judith Sevenç Basad fasst drei wichtige postmoderne Grunddogmen, Vorläufer des Neuen Moralismus, gekonnt zusammen (in “Schäm dich!”):

Michel Foucault (1926-1984) – Diskurse: »Macht ist überall«, ist einer seiner berühmtesten Sätze. Damit meinte er, dass Macht nicht nur durch den Staat ausgeführt wird, wenn er etwa Gesetze beschließt oder Straftäter ins Gefängnis sperrt. Macht ist also nicht etwas, was eine einzelne Person, eine Gruppe, eine Institution oder eine Klasse besitzt und dann auf andere ausübt. Vielmehr zeigt sich Macht in der Art und Weise, wie wir über Dinge sprechen: durch »Diskurse«. Oder stark vereinfacht: durch soziale Normen, die bestimmen, was »gut« und »schlecht«, was erlaubt oder was nicht erlaubt ist und was gesagt oder was nicht gesagt werden darf. Diese Normen sind niemals absolut. … Die »Diskurse«, die entscheiden, was wir als »gut« und »schlecht« ansehen, werden niemals von einer Gruppe oder einzelnen Personen dominiert. Alle Stereotype, die etwa über Frauen, Männer oder Homosexuelle kursieren, haben keinen Erfinder. Vielmehr entstehen sie einfach dadurch, dass einzelne Mitglieder einer Gesellschaft untereinander Wissen austauschen.

François Lyotard (1924-1988) – Grosse Erzählungen: Wissen kann nicht als objektiv wahr gelten, weil es unter gewissen Machtkonstellationen und politischen Einflüssen entstanden ist. Die Wissensformen nannte Lyotard »Narrative« oder »große Erzählungen«, zu denen er etwa die Aufklärung zählte. Kurz: Auch ganze Denkströmungen und Wissenschaften wie die Schulmedizin oder die Physik verlieren im postmodernen Weltbild ihre Allgemeingültigkeit, weil auch sie nur eine »Konstruktion« historischer Machtausübung sind.

Jacques Derrida (1930-2004) – Rolle der Sprache: (Derrida) brachte in den anarchischen Freiheitsgedanken wieder eine absolute Regel hinein: Er behauptete – stark vereinfacht –, dass es in einer Gesellschaft immer eine herrschende Gruppe gibt, die alle anderen Gruppen ausgrenzt und unterdrückt. Diese Unterdrücker-Gruppe ist so dominant, dass sich die Spuren ihrer Herrschaft über die vergangenen Jahrhunderte so sehr in der Sprache festgesetzt haben, dass wir die Wirklichkeit überhaupt nicht mehr erkennen können. Diese Machtverhältnisse in der Sprache kontrollieren somit alles.

Dekonstruktion als Methode zur (Er)Lösung: Diese Methode ist so etwas wie eine Spurensuche. Ihr Motto: Wir müssen erst die »Diskurse« entlarven, also herausfinden, wer in der Gesellschaft Sprache, Normen und Alltagshandlungen dominiert, um danach die »wahre Bedeutung« der Dinge von dieser Herrschaft freizuschaufeln.

Die mutige Frau hat übrigens kürzlich bei Bild ihre Kündigung eingereicht und dazu einen offenen Brief abgefasst. Die Dame hat wohlgemerkt nichts mit dem christlichen Glauben am Hut und bringt ihr Argument in Kürze auf den Punkt:

Die gesamte Kritik … bezieht sich auf eine unwissenschaftliche Ideologie, die zunehmend den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beeinflusst: Der Behauptung, dass man das biologische Geschlecht durch einen einfachen Sprechakt wechseln kann.

Input: Glück und Erfüllung unabhängig vom Familienstand

Schlüssig auf den Punkt gebracht:

Unsere Kultur beschallt uns ohne Unterlass mit der Botschaft, ein Leben ohne Liebesbeziehung sei überhaupt kein Leben – zumindest kein erfülltes. Einer meiner Freunde schaute einmal auf einem Langstreckenflug drei Filme hintereinander. Eine Komödie, einen Superhelden- und einen eher ernsten Film. Danach berichtete er mir, jeder davon hätte die gleiche Botschaft vermittelt: du bist ein totaler Verlierer, wenn du keine romantische Erfüllung findest.

Selbst in der Gemeinde ist diese Botschaft manchmal ungefähr dieselbe. Wir mögen die Ehe an die Stelle der romantischen Erfüllung stellen, rechnen ihr aber genau die gleiche Bedeutung zu. Ein Großteil des Gemeindelebens ist um Ehepaare und ihre Familien herum aufgebaut, wodurch es Singles erschwert wird, ihren Platz zu finden. Häufig sprechen wir von Ehe, als ob sie das Endziel des Christenlebens sei, ein Zustand, in den wir aus dem Singledasein heraus hineinwachsen.

Ich empfehle ausserdem den Vortrag “5 Dinge für den Umgang mit unserer Sexualität”.

  1. Deine Identität ist in Jesus.
  2. Nachfolge ist schwierig.
  3. Gottes Wort ist gut.
  4. Die Kirche ist wichtig.
  5. Die Zukunft ist herrlich.

Vom gleichen Autor stammt auch der auf deutsch übersetzte Vortrag “Ist Gott homophob?” Das gleichnamige Buch gibt es kostenlos zum Download.

Etwas ausführlicher: Alberrys kürzlich erschienene Theologie der Leiblichkeit “Gute Nachrichten für unseren Körper”.

Vortrag: Das Ende im Blick – eine heilsgeschichtliche und kulturtheologische Perspektive

  1. Mitschnitt des Vortrags in der FEG Bern (52 Minuten)
  2. Bibelstunde zu einem Schlüsseltext (Jesaja 60, 35 Minuten)
  3. Podcast zu den stützenden biblischen Belegstellen zur Heilsgeschichte (25 Minuten)

Der Blick von uns Menschen wandert intuitiv bis zur nächsten Mahlzeit, zum Feierabend oder zum nächsten Urlaub. In unserer Bundeshauptstadt Bern durfte ich über das herrliche Ende der gesamten Heilsgeschichte sprechen. Es steht uns Christen wohl an, unser Haupt zu erheben und über unseren eigenen Tag und unsere eigene Generation hinaus zu blicken! Es ging mir um einen Panoramablick in der Hoffnung, das eigene Forschen anzuregen und den Blick zu weiten mit den roten Faden, der sich durch die gesamte Heilsgeschichte zieht.

Minutenspiegel
00:00 Lernvoraussetzungen + Fragestellung
03:45 Drei Perspektiven (Exegese, Heilsgeschichte, Dogmatik) und unsere eigene Prägung
06:30 Exegetische Hinweise zum Anfang der Heilsgeschichte
08:55 Unsere horizontale Lesart des Paradieses
13:01 Exegetische Hinweise zum Schluss der Heilsgeschichte
17:05 Der heilsgeschichtliche Fokus: Der letzte Adam und das neue Israel
22:00 Vorläufige Schlussfolgerungen
31:21 Zusammenfassung: Der rote Faden des Tempels
36:08 Was uns dies nützt: Die Unterscheidung zwischen erhaltender Gunst …
41:02 … und rettende Gnade
43:20 Kulturtheologische “Sozialisierung”: Transformation, Relevanz, Gegenkultur
46:52 Schluss: Unseren Auftrag nicht verfehlen

Zum Schmökern: Blogeinträge zum Stichwort Heilsgeschichte (Suchergebnisse für „Heilsgeschichte“ – Hanniel bloggt.).

Zum Vertiefen: Predigt zu 2. Petrus 3 von Rudi Tissen. Evangelium21 Konferenz: Biblische Endzeitlehre verändert Leben – Hanniel bloggt.

Zur Korrektur: Die Youtube-Interviews des Jugendnetzwerks Josia zum Thema Neuer Himmel und Neue Erde. Input: Warum heute schon an den Himmel denken? – Hanniel bloggt.

Input: Brücken bauen? Das Gebiet ist bereits verlassen!

Rolf Hille, Jahrzehnte lang national und international im Namen der Evangelischen Allianz tätig, bezeichnet anhand einer neuen Publikation aus dem postevangelikalen Lager sauber auf, dass der vermeintliche Brückenbau in Wahrheit ein Verlassen des eigenen Gebiets darstellt. Das lässt sich auch mit Gelehrsamkeit und Rhetorik nicht übertünchen. Manchen scheint jedoch die Tünche zu genügen.

Wo also ist die Grenze, an der er sein evangelikales Zuhause verlässt? Nun, Dietz sucht die Zeitgenossenschaft und den bruchlosen Anschluss an die Neuzeit. Er möchte als Vermittlungstheologe die gegenwärtige Kultur mit der christlichen Offenbarung versöhnen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn er die Autorität der Bibel neu interpretiert, denn Biblizismus oder gar Fundamentalismus sind ihm – wie er nicht zu wiederholen müde wird – zuwider.

Als moderner Theologe übt er souverän die Deutungshoheit über die Schrift aus – auch wenn er für sich in Anspruch nimmt, „unter der Schrift“ zu stehen. Wissenschaft, Aufklärung und modernes Lebensgefühl müssen mit dem ehrwürdigen Buch der Bücher aus dem Alten Orient und der Antike so verknüpft werden, dass Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts damit weder intellektuell noch emotional in Konflikt geraten. Damit ist vonseiten des Autors ein Bruch im Sinne des Postevangelikalismus vollzogen und eine Grenze überschritten.

Der von Dietz ausgemachte „garstige Graben“ zwischen gegenwärtiger Kultur und Schriftbindung lässt sich nicht zuschütten. Das Überraschende besteht darin, dass der Autor für sich und seine Freunde bei „Worthaus“ ungeachtet aller Schwierigkeiten Hindernisse zu überwinden beansprucht. Immer wieder bemüht er sich, an der möglichen Einheit von Evangelikalen und Liberalen festzuhalten. Bei aller Trennschärfe im Urteil fordert er dazu auf, Gemeinschaft zu leben, obwohl ihm die Widersprüche in der Hermeneutik, also dem Schriftverständnis, sehr wohl bewusst sind.

Input: Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift – keine neue Erfindung, sondern Hauptlinie der Kirchengeschichte

Eine (post-)evangelikale These behauptet, dass erst der moderne Evangelikalismus der 1960er den Begriff der “Unfehlbarkeit” bzw. “Irrtumslosigkeit” (inerrancy) der Bibel erfunden hätte. John D. Woodbridge überprüft diese auf ihre Zuverlässigkeit und kommt zu einem anderen Schluss. Diese These sei selbst neueren Datums:

(Die Vertreter dieser These) behaupteten, dass nur Fundamentalisten die biblische Irrtumslosigkeit hochhalten, nicht aber Evangelikale. … Diese neue Geschichtsschreibung schlug vor, dass die biblische Irrtumslosigkeit angeblich weder eine evangelikale Lehre noch eine zentrale Lehre der westlichen christlichen Kirchen ist. Vielmehr handle es sich um eine prototypische fundamentalistische Überzeugung, die ihren Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert habe. Der eigentliche Begriff “Fundamentalist” wurde erst um 1920 allgemein verwendet. …

Nach einem Gang durch die Dogmengeschichte kommt Woodbridge zum Schluss:

Die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel ist keine späte, fantasievolle Schöpfung von A. A. Hodge und B. B. Warfield aus dem Jahr 1881 oder des amerikanischen Fundamentalismus des 20. Jahrhunderts. Vielmehr ist sie eine wesentliche evangelische Überzeugung, die sich auf eine biblische Begründung stützt. Sie steht ganz in der augustinischen Tradition der Wahrhaftigkeit der Bibel. Sowohl die römischen Katholiken als auch die protestantischen Reformatoren haben diese kirchliche Lehre bekräftigt.

Diese Linie wird auch durch Vertreter des Evangelikalismus im 20. Jahrhundert vertreten:

Für Billy Graham gingen biblische Autorität und Evangelisation eine wunderbare Verbindung ein. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass Dr. Graham in seinen Botschaften immer wieder erklärte: “Die Bibel sagt”. In den letzten mehr als 60 Jahren haben Millionen von Menschen auf der ganzen Welt auf Grahams Evangeliumsbotschaft reagiert und Jesus Christus als Herrn und Retter angenommen.

Und schließlich schrieb Carl F. H. Henry, einer der Hauptverantwortlichen für das Wiederaufleben der Evangelikalen nach dem Zweiten Weltkrieg, 1991 einen eleganten Artikel, in dem auch er evangelikale Christen ermutigte, die biblische Autorität hoch zu halten. Dr. Henry erinnert uns daran, dass wir nicht irgendeinem Christus dienen, sondern dem Christus gemäß der Heiligen Schrift.

VD: PB

Input: Modernistische Kirchen sind dem Tod geweiht

Es lohnt sich Voraussagen nach einer geraumen Weile auf ihren Wirklichkeitsgehalt und Eintreffensrealität zu überprüfen. So eine Predigt aus dem Jahr 1922 des theologisch progressiv-liberalen Harry Emerson Fosdick (1878-1969), der einen raschen Untergang des “fundamentalistischen” Christentums kommen sah:

In seiner Predigt von 1922 bezeichnete Fosdick den Fundamentalismus als unheilvolle Bedrohung des progressiven amerikanischen Christentums. Doch der theologische Progressivismus hatte sich innerhalb des Mainline-Protestantismus bereits weitgehend durchgesetzt. Und in den 1920er Jahren waren die theologischen Konservativen weitgehend aus den Lehrstühlen der führenden Seminare verbannt worden. Die Progressiven gingen davon aus, dass der Fundamentalismus und sein beharrliches Festhalten an der christlichen Orthodoxie schließlich mit dem Siegeszug der Moderne verschwinden würden.

… Die Modernisten lehnten das Übernatürliche ab. Traditionalisten aus allen christlichen Traditionen bejahen es. Ist Jesus leibhaftig auferstanden? Orthodoxe Protestanten, Katholiken und Ostorthodoxe haben dies immer bejaht. Die liberalen Protestanten des 20. Jahrhunderts verneinten dies oder waren sich nicht sicher.

Obwohl Fosdicks Glaubensbrüder zuversichtlich waren, dass sie die Zukunft repräsentieren, befinden sich alle Konfessionen, die ihrem Modernismus erlegen sind, seit fast 60 Jahren in einer Todesspirale. Nur Kirchen, die das Übernatürliche bejahen, wachsen, sind ethnisch vielfältig und ziehen junge Menschen an.

VD: GS

Zitat der Woche: Der Mensch, der sich als Unikat wähnt und dabei genau in die Form passt

Monika Hausammann (* 1974) schreibt provokant (in “Die Grosse Verkehrung”, S. 33-34):

Der Mensch lebt dann nicht mehr als sich selbst gehörend in der Welt als Forum sich ihm bietender Handlungsoptionen, sondern in einem Unterordnungsverhältnis in einer vom Staat durchregulierten und gebändigten Welt. …

Wenn Totalitarismus aber dadurch gekennzeichnet ist, dass Mensch und Welt gleichermaßen im Sinn einer Idee und der ihr zugeordneten exklusiven Moral geformt werden sollen, dass zu diesem Zweck eine nicht durch Kompetenz, sondern ausschließlich durch Macht legitimierte und privilegierte Gruppe von Menschen in sämtliche Lebensbereiche hineinzuregieren befugt ist und bei Abweichung belohnend und strafend eingreifen kann, dann haben wir es heute sehr wohl mit genau diesem Phänomen zu tun:

Die Wirtschaft ist via Regulierung und Subventionierung und hinter der Fassade des Noch-Privateigentums zu einem guten Teil schon Planwirtschaft, der Kunstbetrieb einem postulierten Gemeinsinn verpflichtet. Ähnliches gilt zunehmend für Bildung, Wissenschaft, Medien, Kirchen und Versorgung. Der Weg, der bis zum Erreichen des «quasitotalen Allmutterstaats» (Peter Sloterdijk) noch zurückzulegen bleibt, ist um ein Vielfaches kürzer als jener, den man während der letzten fünfzig Jahre bereits hinter sich gebracht hat.

… eine größte Kompetenz scheint das Funktionieren, das Konsumieren und das permanente Sich-Vermarkten als Nicht-Wissender, Nicht- Verwurzelter, Nicht-Aneckender, Nicht-Diskriminierender, Nicht-Verletzender und Nicht-Urteilender zu sein. Er füllt die Form, in welche er hineinerzogen wird, während er glaubt, ganz er selbst, Unikat und mit Ecken und Kanten vollkommen frei zu sein, passgenau aus – und darin erschöpft sich schon seine geistige und seelische Leistung.