Hanniel hirnt (245): Wie kann ich erkennen, welche Aufgaben dran sind?

Es gibt eine unabsehbare Vielfalt an Möglichkeiten für bestimmte Aufgaben; die Nöte sind gross. Wie erkenne ich, was für mich ansteht?

  • Unterscheide zwischen dem souveränen Willen und dem ethischen Willen Gottes. Der erste bleibt uns verborgen bzw. zeigt sich manchmal im Rückblick; den anderen hat uns Gott in seinem Wort klar gezeigt.
  • Du sollst planen und darfst um Änderung seines souveränen Willens bitten.
  • Als Sünder kehren wir es oft um: Wir umgehen Gottes Gebote (und rechtfertigen uns dafür). Gleichzeitig nehmen wir zu wenig Risiko für Christus.
  • Als trainierte Konsumenten halten wir ständig Ausschau nach neuen Reizen. Wir verpacken dieses Begehren in fromme Kleider.
  • Dafür sollten wir mehr auf das blicken, was Gott bereits in unser Leben gelegt hat (Familie, Ausbildung, Begabungen, Begrenzungen). Dieser rote Faden weist uns auf Wichtiges hin.
  • Dazu nehmen wir das Gewöhnliche bzw. Ordentliche unseres Lebens an: Unsere Familie, Ehe, Nachbarn, Arbeit, Gemeinde. Das sind die Gott gegebenen Institutionen, in denen wir wirken sollten.
  • Wir bitten andere um Rat, bitten Ihn um Weisheit (Jakobus 1) und leben in Gottes Wort (grundsätzliche Verfügbarkeit). Zuversichtlich packen wir das an, was Er uns vor die Füsse legt.

(Teil-)Mitschnitt (13 Minuten) aus einer Fragerunde in Aidlingen

Vortrag: Warum mich das Alte Testament unbedingt angeht

Struktur des Vortrags

Unsere gesellschaftliche Prägung: Innen- und Aussensicht

  • Wir sind Jahr und Tag mit uns selbst und unserer begrenzten Innenwelt (vor allem Gefühle und Bewertungen) zusammen.
  • Wir lassen uns durch unzählige Impulse v. a. aus Medien (unbewusstes Koordinatensystem) programmieren.

Ein kompletter Perspektivenwechsel: (Heils-)Geschichte in Raum und Zeit aus der Sicht des Schöpfers und Erlösers

  • Wie es am Anfang war
  • Warum es nicht mehr ideal ist
  • Wie das Ideal schrittweise wiederhergestellt wird

Ich bin von Anfang an in diese Geschichte hineingestellt, also kein Aussenstehender (1. Mose 4).

  • Erste Antwortmöglichkeit: Die Linie des Unglaubens (Kain ging vom Angesicht des Herrn hinweg)
  • Zweite Antwortmöglichkeit: Die Linie des Glaubens (Damals fing man an den Namen des Herrn anzurufen.)

Drei gebräuchliche Missverständnisse

  • Das AT zeigt Gott als Rächer, das NT als Liebhaber.
  • Die Menschen des AT waren weiter entfernt von Gott.
  • Der Opferdienst war Ausdruck einer archaischen Zeit.

Drei Holzwege

  • Ignoriere das AT.
  • Vergeistliche die Geschichten (anstatt sie zuerst als Geschehnisse aus Sicht der ersten Empfänger kennenzulernen).
  • Moralisiere den Aussagegehalt (“wie ich ein besserer … werde”), anstatt sie von Christus her zu verstehen.

Hier geht es zum Mitschnitt (23 Minuten). Für diejenigen, die das Ganze nochmals mit einem etwas anderen Ansatz anhören möchten (20 Minuten).

Kolumne: Die meisten Schweizer sitzen in der Ich-Falle

Am Tag nach unserem Nationalfeiertag (hier einige Daten & Fakten) fuhr ich morgens durch die leeren Strassen zur Arbeit. Wer unter dem Hashtag Nationalfeiertag in Twitter (man schaue sich diesen Clip vom Schweizer Fernsehen an) fahndet, findet ein Bekenntnis zur Schweizer Schokolade, die reflexartige Aufzählung der helvetischen Tugenden Ordnung – Sauberkeit – Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Geiz sowie zumindest der Wunsch nach Weltoffenheit.

Ich durchquerte meine Heimatstadt zu Fuss und traf an:

  • An der Stadtzürcher Feier war Folklore angesagt, ein lüpfiger Marsch aus Blechinstrumenten. Am Strassenrand sah ich Gruppen von Rentnern, einige in Festtagskleidung. Sie wippten kaum wahrnehmbar zur Musik mit.
  • Auf der Wiese neben dem Festakt mitten auf der Zürcher Bahnhofstrasse – einer der teuersten Meilen der Welt – entdeckte ich eine Gruppe von Punks mit Hunden, aufpeitschender Musik und starken Getränken.
  • An mir hasteten knochendürre Mädels beim Joggen vorbei. Wann immer ich an einem Frei- oder Feiertag morgens unterwegs sind, prägen sie das Bild mit.
  • Nicht fehlen durften auch die asiatischen Touristen mit dem Selfie-Stick. Ein älterer Herr winkte aufgeregt seiner Frau, die nochmals einige zusätzliche Bilder knipste. Welches Bild sie wohl von der Schweiz mitnehmen wollen?
  • In der „Badi“ am See stiess ich dann auf Kleinfamilien. Der Kleine darf im Sand spielen, am Mittag werden an der Feuerstelle Würste gebraten. Wenige Meter daneben lagern in der ruhigen Wiese Dinks (doppeltes Einkommen, keine Kinder) in Markenkleidung, unvermeidlich mit Zigarette, Redbull und Handy.
  • Dann traf ich auf einen Blinden, der sich den Weg durch die Unterführung ertasten musste. Unsicher suchte er sich den Weg zur Haltestelle der Strassenbahn. Mit wem er wohl den restlichen Tag verbringen wird?
  • In die Strassenbahn eingestiegen, wurde ich auf einige psychisch angeschlagene Passanten aufmerksam. Sie redeten laut. Auch sie sind alleine – wie wahrscheinlich ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schweizer.
  • Eine „Instant-Aufnahme“ sei mir noch erlaubt. Am Paradeplatz traf ich auf zwei Hotelpagen, die das Gepäck in einen nagelneuen Bentley verstauten, dem betagten Ehepaar die Türe aufhielten und den Weg zur Autobahn erklärten. Die beiden nahmen alle Dienstleistungen apathisch hin.

Wenn ich die Bilder nach der Kierkegaard‘schen Typologie einsortiere, dann gehören die grosse Mehrheit zur ästhetischen Gruppe. Ihr Streben zielt auf sinnliche Bedürfnisse wie Gesundheit, Schönheit und Lustgewinn. Ich spitze noch zu: Sie sitzen in der Ich-Falle. Ein kleinerer Teil bewegt sich im Stadium des Ethischen. Sie leisten bewusst einen Beitrag ans Gemeinwesen und beklagen den Rückgang von Solidarität und Gemeinschaftssinn, von Vereinen und Bürgerinitiativen.  

Doch wer ist durch Gottes Gnade im dritten Stadium angekommen? Diese ist nur durch die Wiedergeburt und die Kraft des Heiligen Geistes möglich. Sie löst den Menschen aus seiner eigenen Verkrümmtheit (Luther) heraus, bekleidet ihn mit der fremden Gerechtigkeit von Christus und lässt in ihm das Verlangen wachsen, zu seiner Ehre zu leben.  Der Reformator im Wortlaut: „Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt (lat.: tam profunda est in seipsam incurva), daß sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, daß sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.“

Unsere Stadt wächst. Bis 2035 soll die Bevölkerung 500‘000 betragen; in meinen Jugendjahren lag sie bei ungefähr 370‘000. Seit Jahren ist der Bauboom ungebrochen; 2018 entstanden über 3‘000 neue Wohnungen! In unserer direkten Umgebung wächst Greencity heran. „Greencity, das könnte man auf den ersten Blick vermuten, ist ein weiterer Versuch, die alten Industriebrachen für die Dienstleistungsmenschen des 21. Jahrhunderts zu überbauen und selbst zwischen Stadt und Dorf dem wichtigen Ruf nach der Verdichtung gerecht zu werden.“ Der Stadteil ist bis heute ohne christliche Gemeinde. Das wird sich hoffentlich bald ändern!

Feuerwerk produziert Feinstaub. Gibt es eigentlich noch keine „Feuerwerkscham“? Ich lag zeitig im Bett. Wie der Ewige wohl auf unsere Schweiz blicken mag? Gott schuf Nationen und setzte ihnen Grenzen (5. Mose 32,8). Er liess sie lange Zeit ihre eigenen Wege gehen und ruft sie seit 2000 Jahren zur Busse (Apostelgeschichte 14,16f). „Siehe, jetzt ist die angenehme Zeit; siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ So las ich heute Morgen in der Strassenbahn. Ob Herr und Frau Schweizer aufmerken werden?

Standpunkt: Joshua Harris und seine Absage vom Christentum

Der Philosoph und Apologet Douglas Groothuis hat einen ausgewogenen Kommentar veröffentlicht, den ich (mit Deepl) übersetzt habe.

Der Autor und ehemalige Pastor Joshua Harris hat erklärt, dass er kein Christ mehr sei. Er war bekannt für seine Ansichten über das Umwerben (courtship) und Dating. Wenn eine bekannte Person behauptet, das Christentum verlassen zu haben, müssen wir biblisch und logisch darüber nachdenken.

  1. Das Neue Testament warnt davor, den Glauben nicht aufzugeben und spricht von denen, die dies getan haben. Der Begriff dafür ist “Glaubensabfall”. Zum Beispiel: “er Geist aber sagt ausdrücklich, dass in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und sich irreführenden Geistern und Lehren der Dämonen zuwenden werden ” (1. Timotheus 4,1).
  2. Einige mögen mit ihrer christlichen Identität kämpfen, kommen aber wieder zurück und folgen Christus von ganzem Herzen. Das heißt, sie mögen als Abtrünnige angesehen werden, sind es aber nicht. Harris scheint nicht in diese Kategorie zu gehören, wenn man die sorgfältige Formulierung seiner Aufgabe des Christentums bedenkt. Jesus sagte, dass wir durch unsere Worte gerechtfertigt und durch unsere Worte verdammt sind. Es scheint, dass Harris sich selbst verurteilt hat.
  3. Wahre Christen werden sich nicht lossagen. Da die Gläubigen nichts getan haben, um ihren Glauben zu verdienen, können sie nichts tun, um ihn zu verlieren (Epheser 1-2; Römer 8). Johannes sagt, dass einige die christliche Gemeinschaft verlassen haben, weil sie von Anfang an nicht wirklich zur Gemeinschaft gehörten (1. Johannes 2,19). Einige scheinen wahre Christen zu sein und erhalten dadurch einige der Vorteile von Christen, obwohl sie es nicht sind. Dies ist die beste Art, Hebräer 6 zu interpretieren. Nachdem der Autor diejenigen beschrieben hat, die in die Irre gehen, sagt er, dass er erwartet, dass seine Leser etwas Besseres zeigten, nämlich die Werke der Erlösung. Also sprach er vorhin nicht von Erlösung.
  4. Wenn jemand den Glauben wirklich geleugnet hat, dann gibt es keine Hoffnung auf seine Erlösung. Er ist dem Untergang geweiht. “Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt für die Sünden kein Opfer mehr übrig” (Hebräer 10,26).

Ich habe keines der Bücher von Joshua Harris gelesen, aber diejenigen, die von irgendeiner Wahrheit in den Büchern profitiert haben, sollten erkennen, dass Wahrheit Wahrheit bleibt, auch wenn man nach dem Schreiben der Wahrheit den Glauben verliert. Der letzte Test ist die Bibel und eine fundierte Argumentation. Wenn ich das sage, unterstütze oder leugne ich nichts, was er zuvor geschrieben hat. Ich möchte nur eine logische Bemerkung anbringen.

Harris sagt, daß er seine Ansichten über Dating und Reinheit, Frauen im Dienst, der gleichgeschlechtlichen Ehe und des Christentums bereut. Ich hoffe, die Leute werden sehen, dass es hier keine strikte logische Fortsetzung gibt. Ich sehe keine christliche Sichtweise von Dating, aber Unzucht ist verboten. Bibelgläubige Christen sind sich nicht einig über den Platz der Frauen in der Gemeindeleitung. Es gibt keine wahrscheinliche oder folgerichtige Weiterentwicklung vom Egalitarismus (wenn er aus biblischen Gründen festgehalten wird, wie ich es tue) in die gleichgeschlechtliche Ehe und die gesamte Grundidee des LGBTQ. Wenn du jedoch ein Nachfolger Jesu bist, solltest du seiner Lehre folgen. Diese Lehren erlauben keine gleichgeschlechtliche Ehe oder eine sexuelle intime Aktivität außerhalb der heterosexuellen Ehe. Natürlich gibt es Vergebung und Wiederherstellung für diejenigen, die scheitern. Aber Normen bleiben trotzdem Normen.

Ich hoffe, dass damit einige Fragen im Zusammenhang mit der traurigen Nachricht geklärt sind, dass ein bekannter christlicher Autor den Herrn des Lebens und die einzige Hoffnung für die Menschheit verleugnet hat.

Weiterlesen:

Vortrag: Was ist das Evangelium?

Mein Herz springt vor Freude angesichts der Aussicht, einen Vortrag zur wichtigsten Frage überhaupt halten zu dürfen: Worin besteht die Frohbotschaft, die wir jedem Menschen verkünden sollen? Kein Wunder, dass darüber innerhalb verschiedener Segmente der Christenheit unterschiedliche Antworten gegeben werden! Ja, es ist die Frage mit dem grössten Konfliktpotential. Der grosse evangelikale Vordenker J. I. Packer kommt zum Schluss, dass der Inhalt sich markant verschoben habe.

Dazu kommt: Weder im nach-christlichen Europa noch in christlichen Gemeinden darf diese Botschaft einfach vorausgesetzt werden! Also werde ich zuerst etwas darüber sagen, was Kontext, Kern und Konsequenz des Evangeliums ist.

Greg Gilbert weist mit Recht darauf hin, dass zwischen zwei Fragestellungen unterschieden werden muss: 1) An welche Botschaft muss ein Mensch glauben, damit er gerettet wird? Und: 2) Was ist die gesamte gute Botschaft, die das Christentum bietet? Die zweite Frage zu beantworten, ohne die erste miteinzuschliessen, führt jedoch zu einer Verzerrung: “Wenn wir die Aufrichtung von Gottes Reich, die neue Schöpfung und den ganzen Rest verkünden, ohne zu erklären, wie Menschen dort hineinkommen – durch Umkehr und Glauben an Christus und seinen stellvertretenden Sühnetod, wodurch ihre Sünden vergeben werden –, ist das nicht das Evangelium.”

Der zweite Teil des Vortrags wird sich um zwei gebräuchliche Fälschungen des Evangeliums drehen, die im Umlauf sind. Zuerst geht es um das therapeutische Evangelium des Westens. Der kürzlich verstorbene Seelsorger David Powlison hat es kraftvoll anhand ihrer Botschaften skizziert. Ebenso präsent ist die Darstellung als Set von gewissen Anforderungen für das “rechte Leben”, durch deren die Einhaltung/Erfüllung Erlösung versprochen wird – Moralismus.

Drittens wird es mir um die präzise Kommunikation gehen. Greg Gilbert spricht von vier zentralen Fragen; Francis Schaeffer stellte ebenfalls vier Fragen. Ich habe die Antwort selbst ausformuliert.

Abschliessend werde ich darauf hinweisen, dass das Evangelium keine Schwellenbotschaft ist, sondern lebensverändernde Kraft. Wir leben täglich durch die Kraft des Evangeliums!

Buchbesprechungen: Bullinger, ein faszinierender Reformator

In Kürze werde ich einen Vortrag zum Zürcher Reformator Heinrich Bullinger halten. Emidio Campi schreibt von ihm:

Gewiss fehlen Heinrich Bullinger einfach die wesentlichen Charakterzüge anderer Protagonisten: Zwinglis glühender Eifer, Luthers dramatische Anfechtung, Calvins aristokratischer Zug, Bucers diplomatisches Talent, Vermiglis Tragik. Sein vergleichsweise wenig abenteuerliches Leben verlief (die längste Reise während der Amtszeit führte nach Basel), oberflächlich gesehen, wenig ereignisreich. So sehr war es geprägt von ernster Beharrlichkeit, unermüdlichem Fleiss und vor allem immensem Pflichtbewusstsein im Umgang mit seinem Amt, dass sich Person und Funktion kaum auseinander halten lassen.

Vom Zürcher Kirchenhistoriker gibt es übrigens einen ausgezeichneten Aufsatz zu Leben, Zeit und Werk von Bullinger.

Bullinger ist in erster Linie Schrifttheologe und Interpret der Kirchenväter, und die Verarbeitung der auf ihn wirkenden Anregungen erfolgte selbständig, von einem eigenen Ansatz aus und unter Berücksichtigung der veränderten theologischen Fragestellung sowie der kirchlichen Gegebenheiten.

In den letzten zwei Jahren habe ich einige Rezensionen zu wichtigen Monografien und Forschungsbeiträgen verfasst, so

Standpunkt: Joshua Harris – ein neuer Adam, bereit für die nächste (Lebens-)Etappe

Vor einigen Tagen habe ich über die in den sozialen Medien angekündigte Mitteilung der Trennung des illustren Paares Joshua und Shannon Harris berichtet und reflektiert. Der gewiefte Marketingmann Harris hat nun eine Woche später eine weitere Meldung veröffentlicht, in welcher er sich vom christlichen Glauben insgesamt distanziert. Diese Meldung ist insofern «tricky», als sie durchgängig christliches Vokabular benutzt. Die Bedeutung ist jedoch komplett säkular. So greift Harris beispielsweise die lebenslange Busse des Reformators Martin Luther auf und wendet dies dann auf seine Ent-Kehrung an. Er nehme Abstand von seiner Selbstgerechtigkeit, mit der er verschiedene Einzelne und Gruppen diskriminiert habe.

Der australische Pastor Stephen Macalpine greift die Meldung samt dem sehr bewusst und gezielt gewählten Foto auf und kommentiert sehr treffend:

Das Problem mit diesem Foto ist natürlich, dass es nicht wie eine Dekonstruktion aussieht.  Es sieht nicht danach aus, als würde man abfallen.  Es sieht nicht nach einem Glaubensabfall aus.   Es sieht aus wie ein neuer Adam, der kurz davor steht, in eine neue Welt zu starten.

Es sieht nach Erlösung aus.  Und so soll es natürlich auch erscheinen.  Denn ein Bild erzählt eine größere Geschichte als die Worte, die es begleiten.  Die Ethik der modernen Welt wird von der Ästhetik bestimmt.  Das ist Josh Harris, der uns sagt, dass er das alte Christentum zum Abschied geküsst hat.  Nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt sagen würde, dass er überhaupt Christ sei, denn es braucht einige Zeit, um mit dem Wiederaufbau nach einer Dekonstruktion zurückzukommen.  Eine solche “Second Act” Erzählung hat einen bestimmten amerikanischen Charakter.

… Es ist eine Erlösungsgeschichte.  Es ist eine “Ich war einmal verloren, aber jetzt bin ich gefunden worden, ich war blind, aber jetzt sehend” Geschichte. Es ist ein wenig wie die Subtraktionsgeschichte der weltlichen Welt, von der Charles Taylor spricht.  Entferne die ganze Schlacke, das ganze religiöse Dogma und komme zurück auf den Boden der Realität.

… Es klingt und fühlt sich an wie eine Heimkehr für den Verlorenen.  Er wird viele Geschichten über diese Parodie einer Heimkehr zu erzählen haben. Also machen Sie keinen Fehler, dies ist eine Erlösungsgeschichte; eine säkulare Erlösungsgeschichte.

Und jetzt, wenn wir uns dieses Bild ansehen, sehen wir einen neuen Menschen, eine neue Schöpfung, der vor einer unberührten Umgebung steht und bereit ist, sich auf ein neues Abenteuer einzulassen. Hier ist Adam, frisch, sauber, bereit für die nächste (Lebens-)Etappe.

Ich befürchte, dass Harris zu einem weiteren Heiland für ein wachsendes Segment von Ex-Evangelikalen wird.

Predigt: Der Segen der Sabbatheiligung

Predigtmitschrift von Tony Curto, Missionar in Äthiopien, als Lehrer des Greenville Presbyterian Theological Seminary auf allen Kontinenten unterwegs.

Der Sabbat als Gnadenmittel

Der Sabbat ist eines der Gnadenmittel, durch das wir die Wohltaten Christi empfangen. Viele Christen leben heute so, wie wenn es das vierte Gebot nicht geben würde! (Die meisten, welche das vierte Gebot als ausser Kraft betrachten, kommen doch in irgendeiner Form auf das Prinzip der Ruhe zurück.)

Die Sabbatruhe in der gesamten Bibel

Das Prinzip der Sabbatruhe ist in der gesamten Schrift sehr präsent, nämlich vom Schöpfungsbericht bis zur Offenbarung. Der Exodus ist das dominante Bild des Alten Testaments. Das Volk Gottes wird aus der Sklavenarbeit Ägyptens in die Ruhe geführt.

In Jesaja 58,13-14 wird durch Jesaja, der als Prophet dem Gottesvolk das Gesetz wieder vor Augen stellt und als Ankläger die Übertretung feststellt, die Ordnung des Sabbats in dreifacher Weise vorgestellt.

Der eigenwillige eigene Weg

Das Volk Israels wandte sich ganz von Gottes Ordnung ab und ging in eine eigene Richtung («deinen Fuss zurückhältst»). Dies äusserte sich in dreierlei Hinsicht:

  • Sie setzten ihre eigenen Grenzen. Sie handelten, als wären sie selbst der Gesetzgeber.
  • Sie suchten ihr eigenes Vergnügen. Es ging darum, dass sie sich gut fühlten.
  • Sie fanden ihre eigenen passenden Worte. Es ist vergleichbar mit dem, was heute gängige Ethik ist – «das ist wahr für dich».

Die göttliche Verheissung

Das Befolgen des göttlichen Gebots ist mit einer gewaltigen Verheissung verbunden.

  • Wir werden am Herrn Lust haben. Wenn wir Ihn wirklich erkennen, wird unsere Freude alles andere übertreffen.
  • Wir werden von Ihm über Höhen geführt werden. Es gibt keinen besseren anderen «Aussichtspunkt».
  • Wir werden von Ihm gespeist.

Der Ruf zur Heiligung

Wie können wir den Sabbat heiligen?

  • Vorbereitung: Wir kommen mit reinem Herzen.
  • Erinnerung: Wir geniessen eine einmalige Gemeinschaft mit Ihm unter Gottes Volk.
  • Vorgeschmack: Wir erhalten eine Kostprobe der kommenden Herrlichkeit.
  • Gewichten: Wir ehren den einen Tag über den anderen.

Die Puritaner nannten den Sabbat den «Markttag der Seele». Es ist wie früher am Markt, wo alle Herrlichkeiten aufgetischt werden und wir – geladen vom himmlischen König – diese Herrlichkeiten geniessen dürfen. Deshalb sagen wir nicht: «Thank God, it is Friday.» Sondern: «Thank God, it’s the Lord’s Day.»

Anmerkung: Ich bin mir bewusst, dass viele Christen theologisch eine andere Position vertreten. Ich empfehle trotzdem, sich die entsprechenden Abschnitte im Westminster Katechismus genau anzuschauen – und sich dann zu überlegen, auf welchen tragenden Fundamenten die eigene Theologie steht.

Interview: Der Mensch – ein Tier, das gehackt werden kann?

Im Feuilleton der NZZ vom 23.07.2019 las ich ein Interview mit dem weltbekannten israelischen Historiker Yuval Noah Harari, dessen «Kurze Geschichte der Menschheit» (dt. Übersetzung 2015) millionenfach verkauft worden ist.

Von Interesse ist insbesondere seine Perspektive auf den Menschen.

Der Mensch ist heute ein «hackable animal» – ein Tier, das gehackt werden kann. Bisher gab es grossen Aufruhr und viele Diskussionen um gehackte Computer, Bankkonten, Online-Profile, Smartphones oder staatliche Systeme. … Einen Menschen zu hacken, heisst: ihn besser zu verstehen und zu durchschauen, als er selber das vermag. Früher oder später werden verschiedene Instanzen, seien es nun Unternehmen oder Staaten, die Gefühle, Wünsche, Ängste und Gedanken der Menschen mithilfe von Algorithmen ermitteln können. Die Folgen liegen auf der Hand: Wer die inneren Regungen der Menschen kennt, kann ihre Handlungen antizipieren. Und ihre Begehren natürlich auch manipulieren.

Dies beschreibt er dann beispielhaft anhand seiner eigenen sexuellen Orientierung.

Als ich fünfzehn war, habe ich selber nicht realisiert, dass ich schwul bin. Zwar fühlte ich mich von Jungen angezogen, aber es gab eine Blockade in meinem Kopf, ich hatte kein Bewusstsein für meine «andere» sexuelle Orientierung. Heute können Firmen mit geeigneten Technologien die Präferenzen der Menschen ohne weiteres ermitteln – man braucht dafür nur ihre Augenbewegungen aufzuzeichnen.

Offensichtlich unterscheidet Harari zwischen seiner professionellen Erklärung und seinem persönlichen Glauben. Öffentliche und private Welt sind getrennt.

Was ich selber glaube, ist nicht von Bedeutung. Ich stütze mich auf die Wissenschaft und gebe das zurzeit dominante Paradigma wieder. Und das lautet in den Life-Sciences ganz klar so: Nicht nur der Mensch, sondern alle Organismen sind im Prinzip Algorithmen, die Informationen verarbeiten. Da kommt also Information rein, das Gehirn – unser eingebauter Algorithmus – verarbeitet sie weiter, und daraus resultieren dann Bewegungen und Entscheidungen, aber eben auch Emotionen, Empfindungen und Persönlichkeitsmerkmale.

Diese naturalistische Sicht, konsistent durchgedacht, verunmöglicht jede ethische Orientierung.

Alles, bis hin zum sexuellen Begehren, ist nichts als verarbeitete Information: Das Auge oder die Nase nimmt etwas wahr, das Hirn erkennt die Muster der eingespeisten Daten und gibt daraufhin seine Befehle aus. Ob wir uns zu jemandem hingezogen fühlen oder nicht, ist also eine reine Frage der Mustererkennung.

Diese Sichtweise – selten genug in den Medien – ist auch dem Journalisten bewusst.

In dieser stark auf neuronale Prozesse fokussierten Perspektive bleibt vieles ausgeklammert: Was ist Bewusstsein und Geist? Wie beeinflusst der lebende Körper den menschlichen «Computer»? Meines Wissens sind diese Fragen bis heute nicht beantwortet. Könnte die vermeintlich so wissenschaftliche Algorithmentheorie nicht eine jener Fiktionen sein, mit denen sich der Mensch so gerne die Welt erklärt?

Doch, das ist durchaus möglich! Ich bin selber skeptisch gegenüber Teilen dieser Thesen, und zwar eben weil bis anhin gute Theorien zum Bewusstsein und zur Erklärung von subjektiver Erfahrung fehlen.

Das von C. S. Lewis 1947 herausgegebene und 1960 revidierte Buch “Wunder” empfehle ich wärmstens zur Lektüre (hier geht es zu zentralen Argumenten).

Sommerlektüre: Nochmals lesen, abschnittweise geniessen

Ich nutze diese Sommerwochen (siehe mein Sammelbeitrag „Sommerlektüre & viele Hinweise“), um aus Büchern Teile erneut zu lesen bzw. mir anzuhören oder ein Stück voranzukommen („Der Wert des Nochmal-Lesens“). Manche stecken sich zu hohe Ziele und scheitern an ihren täglichen Gewohnheiten (siehe „Lesen: Wo, wie, was, wie lange?“).

Heinrich Bullinger. Dekaden. (Rezension)

The Collected Letters of C.S. Lewis, Volume 2. (Rezension) – Briefe der Jahre 1944/45

Charles Taylor. Ein säkulares Zeitalter. (Rezension) – Kapitel 12 und 13

David F. Wells. No Place for Truth. (ausführliche Rezension)einzelne Kapitel aus dem Hörbuch

Os Guinness. Fool’s Talk: Recovering the Art of Christian Persuasion. (Rezension)einzelne Kapitel aus dem Hörbuch

Gerald McDermott. J. Mcclymond. The Theology of Jonathan Edwards. (Rezension) – Kapitel zu Gefühlen (affections), Bündnisse (covenants) und Wille/Ursprungssünde

Johannes Calvin Institutio. (Rezension) – Kapitel 1-6 aus dem ersten Buch

Thomas R. Schreiner. The King in His Beauty: A Biblical Theology of the Old and New Testaments. (Rezension) – Kapitel zu den Fünf Büchern Mose

David K. Naugle. Worldview: The History of a Concept. (Rezension) – die komplette erste Hälfte, es hat mich richtig gepackt

David Foster Wallace. Infinite Jest. (Rezension)einzelne Kapitel aus dem Hörbuch

J. R. R. Tolkien. Der Herr der Ringe. (Rezension)Elronds Rat, Der Weg nach Isengard, Treibgut und Beute, Sarumans Stimme

Sergej Pauli hat eine überaus schöne Zusammenstellung von Online-Ressourcen im Artikel „Goldene Honigtöpfe“ vorgenommen.