Zitat der Woche: Wollt ihr das alles nur kritisieren und davor warnen oder habt ihr auch etwas Positives zu bringen?

Thomas Jeising (* 1963) gehört zu den konstanten Stimmen im deutschsprachigen Raum, die innerevangelikale Entwicklungen sowie auch gesellschaftlichen Trends klar und sachlich benennen und dazu Stellung beziehen. Hier sind ein Dutzend Artikel und Aufsätze, die der Lektüre wert sind:

  1. Schleiermacher: Das theologische System Schleiermachers und seine Folgen
  2. Zum Russland-Ukraine-Konflikt: Der Kampf um die Wahrheit
  3. Zu einem Mythos: Irrtumslose Wissenschaft?
  4. Zum neuen Moralismus des Westens: Hochmoralische Unmoral
  5. Zu Debatten in der Sexualethik: Wie sollen wir denn antworten?
  6. Zur Frage der göttlichen Souveränität: Wie passen göttliche Erwählung und die Freiheit des Menschen zusammen?
  7. Die EKD zur Bedeutung von Jesu Tod: Kirche ohne Evangelium
  8. Evangeliumsverkündigung: Warum die Diskussion über ProChrist bisher nur an der Oberfläche kratzt, Herausforderungen für die Verkündigung des Evangeliums heute
  9. Christus gegen die Bibel? Bibeltreue und Christustreue
  10. Sola Fide: Aus Glauben allein? Und was ist mit den guten Taten?
  11. Ökumene: Lasset uns Einheit machen?
  12. Unterschiede in der Auslegung der Bibel: Könnte es auch anders sein?

In einem aktuellen Aufsatz “Mutig antworten! Wie wir die Herausforderung durch eine post-evangelikale Theologie konstruktiv annehmen können” thematisiert er sechs Denk- und Handlungsfelder:

Brüche und Widersprüche: Wer Christ wird, für den lösen sich nicht die meisten Probleme des Lebens, weil er ab diesem Zeitpunkt vom himmlischen Vater mit allem Guten versorgt wird und der alle Lösungen schenkt.  … Der alte Glaube muss offen sagen, dass er oft und lange eher ein Hiobsglaube als ein Josefsglaube ist.

In der Welt, nicht von der Welt: Der alte Glaube kann sich prinzipiell überhaupt nicht relevant machen. Er kann nur entdecken, wo, wie und warum dem auf dem biblischen Wort gegründeten Glauben trotz allem eine überragende Bedeutung zukommt. … Das muss damit einhergehen, dass wir intensiv darüber nachdenken, wie unserer heutigen Zeit und Kultur die Botschaft des Evangeliums gesagt werden kann. … Aber wir müssen auch den Mut zum klaren Zeugnis bei Gegenwind und Anfechtung fördern.

Falsche und echte Sicherheiten: Der christliche Botschafter sieht sich als Bote Gottes und Christi und tritt deswegen mit Gewissheit auf. Er weiß um Gottes Willen, dass seine Nachricht wahr ist und nicht von Meinungen und Mehrheiten abhängt. Dazu geht es bei seiner Botschaft nicht nur um grün oder gelb, es geht im Kern um Leben und Tod. … Es gibt in konservativen Gemeinden eine Vermeidungsstrategie, die eigenen Grundlagen zu hinterfragen oder hinterfragen zu lassen. Dabei könnte ein gründliches Hinterfragen doch auch dazu führen, dass die Überzeugungen bestätigt werden. Und wenn sie sich nach Prüfung vielleicht nicht als tragfähig herausstellen, dann könnte man mutig damit umgehen, weil Gott und sein Wort genug Fundament für bessere Antworten an­bietet.

Sündige tapfer!? Mit der hohen Moral geht auch eine gewisse Unbarmherzigkeit einher. Ein verunglückter Karnevalswitz ruft Proteststürme hervor, Völker­ball-Spielen sei Mobbing, ein Gedicht auf die Schönheit von Frauen sexistisch. In dieser Stimmung will niemand gern Sünder sein, denn es gibt da kaum Vergebung. Leider kann man das auch bei Frommen und Halbfrommen beobachten.  … Ich sehe nur eine Lösung: gute Beispiele von Scheitern, Niederlage und Zweifel, die in Barmherzigkeit getragen wurden und zu Umkehr und Erneuerung führten, noch mehr – auch öffentlich – herauszustellen. 

Ohne Fleiss kein Preis: Das Vertrauen in die Kraft des Wortes Gottes war so groß, dass es menschliche Irrtümer korrigieren kann und sich so selbst auslegt, dass jeder, der gründlich genug studiert, auch die Antworten finden kann. … Grundkenntnisse etwa in Form von bibelkundlichem Wissen kann aber jeder erwerben. Darüber hinaus sollte sich die christliche Gemeinde nicht nur Gemeindemanager und Evangelisten leisten, sondern eben auch Leute, die Lebenskraft aufwenden, um die Tiefe und Schönheit des christlichen Glaubens mit ihrem theologischen Arbeiten herauszustellen.

Wir brauchen Mut: Das Ideal des selbstgewissen Menschen wird oft mit Glaubensstärke und Mut verwechselt. Würden wir unsere heutigen Maßstäbe anlegen, wären Paulus und Luther Menschen voller Zweifel und Ängste. Tatsächlich waren sie stark angefochten und suchten und fanden Gewissheit nur außerhalb ihrer selbst bei Gott und seinem Wort. 

Zitat der Woche: Die Krux der sensiblen Genies – die Gründerväter der Frankfurter Schule und ihre Väter

Das durch Ron entdeckte Werk zur Frankfurter Schule “Grand Hotel Abgrund: Die Frankfurter Schule und ihre Zeit” (Clett-Cotta, 2019) bietet einen faszinierenden biografischen Einblick in die Vater-Sohn-Beziehung seiner Gründerväter.

“Die Söhne revoltierten gegen das Erbe der Aufklärung, zu welcher sich ihre säkular eingestellten Väter eben aus dem Grund hingezogen gefühlt hatten, weil sie ihrem materiellen Erfolg einen intellektuellen Glanz verliehen hatte.” (50) Sie  bauten “aus einer Haltung geistigen Protests heraus ihre Gegenwelten” (48). Leo Löwenthal (1900-1993) beispielsweise rächte sich bei seinem Vater, indem er “sei es bewusst oder unbewusst –, … später absolut ›frei‹ wurde: nicht nur areligiös, sondern dezidiert antireligiös” (49). Dabei gab es “durchaus genügend Ersatzväter, welche altklugen Söhnen die geistige Nahrung zu geben wussten” (50). Für den Vater war es damals eine “entsetzliche Enttäuschung, dass sein Sohn, den er, der Vater, ein wahrer Nachkomme der Aufklärung, so ›fortschrittlich‹ erzogen hatte, jetzt in die ›widersinnigen‹, ›obskuren‹ und ›betrügerischen‹ Klauen einer positiven Religion geraten war.” (ebd.)

Max Horkheimer seinerseits verliess mit 15 Jahren die Schule, um im elterlichen Geschäft mitzuarbeiten und zum Juniorchef befördert zu werden.

Nachdem er die elterlichen Fesseln und die erstickend bürgerliche Stuttgarter Atmosphäre hinter sich gelassen hatte, schrieb er an einen Freund: ‘Wir sind der Welt entkommen, in der du leidest, und unsere Erinnerung daran besteht in einer anhaltenden Freude darüber, dass wir sie losgeworden sind.’ (52)

Später zurück im Geschäft, liess er sich mit der Privatsekretärin seines Vaters ein, die daraufhin entlassen wurde. Nicht nur bei Horkheimer, auch bei anderen wurde die “Religion der Liebe” zum Ersatz für die Religion der Väter, die sie verlassen hatten. Es ging um “das unentrinnbare, harte Schicksal der Geschöpfe, die Sucht nach Lust, die ewig brennt und quält, die alle Übel schafft und nie gelöscht wird.” (54) Trotz seinen Ängsten “vor der Irrationalität der Unterschicht (verband sich) sein Schuldgefühl wegen seiner eigenen privilegierten Stellung als Sohn eines reichen Stuttgarter Geschäftsmanns mit seinem Wunsch nach sozialem Wandel” (57).

Auch Walter Benjamin (1892-1940) bezog beträchtliche Summen von seinen Eltern. Sein Vater unterstützte jedoch nur, “wenn Walter und seine junge Familie sich darauf einließen, in eine Wohnung im väterlichen Haus einzuziehen” (59). Franz Kafka (1883-1924) schrieb 36-jährig einen “Brief an den Vater”, der ihm Lebensuntüchtigkeit vorwarf. Der Sohn entsprach nicht dem, “was von ihm erwartet wurde, wohingegen die Potenz des Vaters unbeeinträchtigt blieb” (61). Von da an ist es nicht weit weg zu Benjamins These: “der Sohn nicht dem entsprach, was von ihm erwartet wurde, wohingegen die Potenz des Vaters unbeeinträchtigt blieb.” (62)

Eine weitere Facette war die väterliche Grosszügigkeit und Duldsamkeit wie im Fall von Theodor Adorno (1903-1969). Fleiss, “sein souveränes Auftreten, sein Selbstvertrauen –, und mit dem Pfund seiner Herkunft zu wuchern, (verhalf ihm dazu), dorthin zu kommen, wo er hinwollte.” (65) Er sei “ein Wunderkind gewesen, das nie erwachsen wurde (weil er es nicht musste), das aber paradoxerweise im Unterschied zu Benjamin in der Erwachsenenwelt sehr gut zurechtkam.” (66)

In einer patriarchalen Kultur konnte der von Schuldgefühlen gepeinigte Sohn den Wünschen seines Vaters nie vollständig gerecht werden. Er wurde sozusagen zum Symbol der Verfassung jener kapitalistischen Gesellschaften, die sich in Europa herausbildeten – seine Schuld, seine Entfremdung, seine Distanz zu sich selbst, seine Anfälligkeit für Konflikte und emotionale Unterdrückung. (68)

Input: Wird Gott von der Welt beeinflusst und gar verändert?

Die (post-)evangelikale Krise hat wesentlich mit einem Vakuum der Gotteslehre zu tun; dies habe ich im Aufsatz “Wer Gott verliert, verliert sich selbst” (2016) darzustellen versucht. Vor einigen Jahren habe ich zudem zum Auftreten des Offenen Theismus im deutschen Sprachraum eine Replik verfasst und auf weitere Stellungnahmen verwiesen.

In einer ausführlichen Buchbesprechung geht Luke Stannard auf das für die (post-)evangelikale Bewegung passende weil stimmige Konzept des offenen Theismus ein. Dieser wachse aus der Überzeugung, dass die Liebe das Wesen Gottes bestimme.

Diese Liebe beschreibt er als frei von Zwang, als eine echte Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung, in der Gott die Welt beeinflusst und von ihr beeinflusst wird, zudem existiere Gott in der Zeit. Letzteres bedeutet, dass für Gott nur Gegenwart und Vergangenheit zugänglich sind. Ereignisse, die noch nicht eingetreten sind, können nicht erkannt werden. Daher ist die Zukunft offen, auch für Gott.

Argumentativ wird von der Notwendigkeit der Freiheit des Menschen ausgegangen. Dieser enge Zusammenhang wird treffend herausgearbeitet.

Offene Theisten behaupten, dass die orthodoxe Definition des göttlichen Vorherwissens keinen Raum für libertäre Freiheit lässt. … Im Offenen Theismus bestimmt Gott nicht, was geschieht, sondern er geht ein Risiko ein und entwickelt eine Strategie, um das von ihm gewünschte Ergebnis zu erreichen.  Hier stellt Rice eine Divergenz unter den Offenen Theisten fest, von denen einige (wie Boyd) behaupten, Gott würde seine Souveränität einschränken. Demnach sind bestimmte zukünftige Aspekte von Gott festgelegt. Daneben existiert jedoch erhebliche Freiheit, aus der eine Zukunft mit unendlichen Möglichkeiten resultiert. … (Es ist ein) höheres Maß an Souveränität erforderlich, um sich selbst davon abzuhalten, das volle Ausmaß seiner Macht zu nutzen. Infolgedessen versteht er die Einschränkungen als Zeichen einer fortgeschritteneren, herrlicheren Souveränität und Allwissenheit.

… Dem Offenen Theismus zufolge ist das nur möglich, wenn Gott wirklich von dieser von ihm geschaffenen Welt beeinflusst wird, sie auf ihn einwirkt und ihn sogar verändert. Folglich muss Gott in der Zeit existieren und durch das Zeitliche eingeschränkt sein. … Gott muss libertäre Freiheit zulassen, andernfalls würde er die Menschheit einschränken, den freien Willen aufheben und gegen die von ihm gewählten Schöpfungsmittel handeln. Somit kommt es zu Ereignissen, die Gott unmöglich vorhersehen oder vollständig kontrollieren kann. Gott kann Menschen zu einer bestimmten Vorgehensweise anreizen und ermutigen, aber letztlich ist der freie Wille des Menschen ausschlaggebend, nicht Gott.

Stannard fasst zusammen:

Letztlich bringt Rice Liebe und Macht gegeneinander in Stellung und kommt zu dem Schluss, die Liebe sei für Gott wichtiger – der Offene Theismus lehnt die orthodoxen Darstellungen Gottes als Überbetonung seiner Macht ab. Demzufolge kann Gott zwar keine Endergebnisse im strengen Sinne des Wortes garantieren, ohne den freien Willen des Menschen außer Kraft zu setzen, doch tut er alles, um die Wahrscheinlichkeit alternativer Ergebnisse zu minimieren. Folglich können Gottes Ziele nur erreicht werden, wenn die Menschheit kooperiert – eine Aufgabe, der Gott seine ganze Überzeugungskraft widmet, die aber nicht direkt in seiner Hand liegt.

Für eine biblische Fundierung des Themas verweise ich auf meinen Aufsatz “Schränkt Gott seine Kontrolle zugunsten des freien menschlichen Willens ein?”. Ebenso lesenswert ist die Buchbesprechung von Martin Schönewerk zum Buch “Kämpfen um den Gott der Bibel?” (S. 66-70) sowie die kürzere Besprechung von Daniel Facius.

Input: Virtuelle Betäubung – Lebensrealität vieler Westler

Hier wird sehr anschaulich eine der grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im Westen beschrieben – die Betäubung durch die endlosen Angebote der virtuellen Welt. “Ein stimmiger Gefühlshaushalt ist das Gütekriterium ersten Ranges. Was ist aber, wenn sich andere Ereignisse dazu schieben? Dann gilt es diese zu verdrängen, sie zu vermeiden und bei Auftauchen zu betäuben.” So habe ich es anlässlich einer Konferenzausschreibung zusammengefasst.

Die mir anfangs noch sanft vorkommende Animation der Sanduhr, die ankündigte, dass meine Zeit aufgebraucht war, verwandelte sich in einen Albtraum. Bald dankte ich ihr nicht mehr für ihre Regulation, sondern dachte mir wüste Schimpfnamen für sie aus. Denn sie unterbrach mich täglich, immer in der zwölften Minute, und jedes Mal mit einem peinigenden Cliffhanger. Diese brutale Unterbrechung vermittelte mir untergründig die Botschaft, dass ich stets etwas verpasste. Wie ging der Prank weiter? Was waren die anderen technischen Neuerungen der Smartwatch, die der YouTuber im weiteren Verlauf des Videos vorstellen würde? Und warum hatten sich diese Influencer getrennt? Unbefriedigt und frustriert blickte ich jeweils auf den herunterkullernden Sand der mahnenden Uhr, dessen Animation geradesogut für ein Bild meiner schwindenden Nerven hingehalten hätte.

Ich empfehle dazu passend das Interview mit dem Seelsorger Beat Tanner (ab Minute 8 legitime Bedürfnisse zu einem falschen Götzen machen; der Unterschied zwischen Herz und Frucht).

Einige Kreisläufe habe ich mit dem Modell “Das Streben nach der falschen Freude” zu beschreiben versucht. Etliche Male war ich zudem mit dem Argument konfrontiert: Gott hat sich mir nicht gezeigt – also will ich Spass. Auch hier zeigt sich der starke Drang nach der Befriedigung unserer Ansprüche.

Dem Problem meiner Online-Sucht lediglich mit Bildschirmzeitlimits entgegenzutreten, greift also zu wenig weit. Um wirkliche Wurzelbekämpfung dieser Gewohnheit zu betätigen, muss der Sanduhr also erstmals gekündigt werden. Wer soll als nächstes angestellt werden?

Ben Sasse schlägt vor (und ich füge hinzu: Ausgehend von einer innerlichen Neuorientierung):

Vorschlag #1: Fliehe der Gleichaltrigen-Orientierung – zurück zu einem generations-durchmischten Leben.
Vorschlag #2: Ermögliche, ja fördere harte Arbeit. Das Kind wächst am Widerstand durch Hindernisse.
Vorschlag #3: Fahre den Konsum zurück. Er schafft keine Zufriedenheit, sondern führt in den Sumpf.
Vorschlag #4: Gehe in andere Kulturkreise – nicht als Tourist, sondern um mitanzupacken.
Vorschlag #5: (nicht nur für Amis) Schäme dich nicht für deine nationalen Wurzeln. Scheue den Wettbewerb der Ideen nicht.

Input: Präsenz, Selbstkontrolle und Beharrlichkeit als Schlüsselfertigkeiten der Führung

Neulich habe ich auf das Konzept der Neuen Autorität hingewiesenFrank Baumann-Habersack wendet es in «Mit neuer Autorität in Führung gehen» (2016) auf die Unternehmenswelt an.

Arist von Schlippe (* 1951), der das Konzept im deutschen Sprachraum bekannt machte, beschreibt den Wandel in der Führungswelt so:

In dieser Kultur wird Führung nicht mehr durch die Zuweisung formaler Autorität installiert, in der die Untergebenen wie „Marionetten“ die Aufgaben erfüllen, die ihnen zugewiesen werden. Es geht vielmehr darum, Wirtschaft und Unternehmen immer wieder neu zu erfinden. In diesem Prozess der kontinuierlichen Bearbeitung von Unsicherheit stellen sich die Aufgaben von Führung neu. Es geht nicht mehr darum, durch zugewiesene Autorität allein Orientierung zu bieten und heldenhaft die Unsicherheit im Unternehmen zu absorbieren. Anders als der „Macher-Mythos“ nahelegt, ist es nicht die eine Person „oben“, die Ziele definiert und vorgibt. Führung ist nur eine von vielen Kontextbedingungen, die in einem Unternehmen wirksam sind – und manchmal funktioniert ein Unternehmen eher trotz seiner Führung gut als wegen dieser. Kontrolle geht in diesem Bild nicht von einer Person aus, sondern von Zusammenhängen, Verknüpfungen, Beziehungen und Interaktionen… Heute ist Kommunikation ein Schlüsselwort geworden, heute geht es eher darum, Kooperationen anzuregen und zu ermöglichen und die Randbedingungen dafür sicherzustellen. Damit geht ein ganz anderes Verständnis von Führung einher, nicht mehr die einsame Entscheidung an der Spitze ist gefragt, sondern die Fähigkeit, sich klug in Netzwerken bewegen zu können. Qualitäten wie die Fähigkeit zum Gespräch, zur Kontaktaufnahme und zur persönlichen Präsenz kennzeichnen eine Führungspersönlichkeit heute. Es sind Qualitäten, die sich weniger aus der Zuweisung einer Position und Funktion ergeben, als vielmehr aus der Art und Weise, wie die Position ausgefüllt wird. (XIII)

Wie sieht der Ansatz der Neuen Autorität entlang der Schlüsselmerkmale aus (vgl. Seite 6)?

  1. Präsenz: Führungskräfte zeigen ausdauernd verlässliche Präsenz und wachsame Sorge – auch gegen den Willen der Mitarbeiter („Ich bin da, und ich bleibe da“). 
  2. Selbstkontrolle: Ein zentraler Aspekt ist die Selbstkontrolle der Führungskraft – und zwar anstelle einer Kontrolle der Mitarbeiter, die sich ohnehin als illusionär erweist. 
  3. Vernetzung: Im Mittelpunkt des Konzepts stehen immer mehrere Menschen, die sich gegenseitig den Rücken stärken. Autorität ausschließlich durch Hierarchie wird ersetzt durch Autorität durch Vernetzung. 
  4. Deeskalation: Das Streben nach konstruktiver, gewaltloser und verbindender Stärke tritt an die Stelle von destruktiver, invasiver und gewalttätiger Durchsetzung von Macht. 
  5. Wiedergutmachung: An die Stelle von Bestrafungen tritt Versöhnung durch gemeinsame Versöhnungs- und Beziehungsgesten. 
  6. Transparenz: Reaktionen auf und Interventionen gegen Fehlverhalten müssen trans- parent und öffentlich gemacht werden. Denn nur so zeigen die Autoritätspersonen, dass sie zuhören und wirksam einschreiten, wenn es darauf ankommt. 
  7. Beharrlichkeit: Eine Zusammenarbeit, die jedes Fehlverhalten sofort mit einer Vergeltungsaktion quittiert und damit eskaliert, wird ersetzt durch das Führen durch wohlüberlegte Beharrlichkeit („Ich akzeptiere das nicht und werde meine Schritte bedenken“). 

In der Ist-Analyse des Führungsverhaltens jüngerer Generationen arbeitet der Autor gekonnt heraus, was diesen fehlt (vgl. Seite 12):

  1. Präsenz: Wer nie Präsenz und dadurch auch Nähe durch seine Eltern oder Erzieher erlebt hat, kennt Distanz als Normalzustand. 
  2. Selbstkontrolle: Wer in Rahmenbedingungen aufwächst, in denen kaum auf Wunscherfüllung gewartet werden muss, kann die Fähigkeit der Selbstkontrolle nicht in der Weise ausbilden wie andere Heranwachsende, die sich vieles selbst hart erkämpfen müssen. 
  3. Vernetzung: 500 Freunde auf Facebook zu haben, ist etwas ganz anderes, als im realen Leben mit einer Handvoll Mitstreiter entschlossen Schulterschluss zu zeigen. 
  4. De-Eskalation: Oftmals schwankten deren Eltern und Erzieher abrupt hin und her zwischen einer Laisser-faire-Haltung und autoritärem Gehabe, weil sie einen dritten Weg zu einer gemeinsamen Verständigung schlicht nicht kannten. 
  5. Wiedergutmachung: Sie haben eher gelernt, abzutauchen. Einmal auf dislike klicken – fertig. Oder es wird bestraft, Schuld verteilt, ohne emotionale, in die Gemeinschaft integrierende Konse- quenzen. Mal schnell ein sozial gelerntes „Tschuldigung“, ein bisschen Nachsitzen und weiter geht’s 
  6. Transparenz: Den eigenen Tagesablauf mit Restaurant-Fotos via Facebook transparent zu machen oder ein eigenes Video auf eine Social-Media-Plattform hochzuladen, ist nicht das Gleiche wie ein mutiges, öffentliches, gemeinsames Vorgehen in Mitverantwortung für ein Ziel. 
  7. Beharrlichkeit: Kann eine Generation, deren Alltag durch zahlreiche elektronische Kommunikationsgeräte, laufend neu angebotene Ziele, eine einfache Bedürfnisbefriedigung sowie ständige Nachrichten- und Werbeunterbrechungen geprägt ist, eine Tugend wie die der Beharrlichkeit überhaupt noch einüben?

Input: Übersicht über Vermeidungsreaktionen – ein zentraler Zugang in der Beratung

Seit einigen Jahren setze ich Instrumente und Vorgehensweisen der Personalen Existenzanalyse in meiner Beratungstätigkeit ein. Im allgemeinverständlichen Werk “Sinnvoll leben” wird dieser Ansatz in den Grundzügen beschrieben. Als Vertreter einer sorgfältigen Integration aus christlicher Welt (mehr zu meinen Quellen in diesem Blogbeitrag) bin ich dankbar für die Möglichkeit zur “Plünderung der Ägypter”. Auch der gefallene Mensch mit erstaunlichen Fähigkeiten in Künsten und Handwerk begabt und befähigt, stellt Calvin zu Recht fest (Institutio, II,2,14-15). So habe ich eine Reihe von Werken aus dieser Richtung gelesen und rezensiert:

In diesem Blogbeitrag habe ich die Theorieentwicklung der Bewegung aus christlicher Weltsicht analysiert. Die Existenanalyse entstammt der Logotherapie Frankls, weicht jedoch wesentlich davon ab (siehe hier zu den anthropologischen Grundlagen).

Aus Sicht der Personalen Existenzanalyse gibt es sehr hilfreiche Übersicht zur Psychoynamik – also zu reflexartigen Vorgängen, die auf die Vermeidung von Unlust und Widrigkeiten abzielen. Die beiden Darstellungen sind der Zeitschrift Existenzanalyse 1/98 S. 21ff entnommen.

Andacht: Geänderte Verhältnisse

Das Gebet Hannas (1. Samuel 2,1-10) gehört zu den grossen Ermutigungen aus der Bibellese der letzten Wochen. Ich habe eine Andacht (26 Minuten) dazu gehalten. Hier der Abriss in Stichworten:

Zusammenhang: Eine notvolle Situation…

  • Im täglichen Elend: Psychische “Messerstechereien” (1,6)
  • Die Not der Unfruchtbarkeit (persönlich, 1,5; national, 3,1)
  • Geistlich vernebelte Führer (1,14)

… und eine not-wendende Perspektive

  • Hanna gelangte an den richtigen Ort und verweilte lange dort (1,12)
  • … indem sie ihr Herz ausschüttete (1,5)
  • … und nach der Erhörung in Dankbarkeit den ehrte, der ihre Verhältnisse veränderte (2,1)

Es lohnt sich das Gebet auf diesem Hintergrund aus drei Perspektiven näher anzuschauen:

Die Hauptfigur: Der, der die Verhältnisse ändert

Das Gebet ist von einer Hauptfigur besetzt: Es ist der All-Mächtige. Er setzt den Massstab (2), wägt die Taten und Motive (3), entscheidet über Tod und Leben (6), ändert Verhältnisse (7f), behütet die Treuen (9) und richtet die Feinde (10). Die (Er-)Lösung kommt durch seinen Gesalbten (10).

Die Mächtigen

Sie nehmen sich selbst Raum und äussern sich anscheinend kompetent zu allem und jedem (3); sie verfügen über die Instrumente, um anderen zu schaden (4); es fehlt ihnen an nichts (5).

Die Ohnmächtigen

Sie können sich diesen Raum der Mächtigen gar nicht nehmen – und wissen dies auch. Dafür werden sie vom All-Mächtigen erhöht (8), befähigt (4) und versorgt (5).

Ein zweites Gebet

Es gibt ein weiteres Gebet mit einem inhaltlich auffallend ähnlichen Gehalt. Maria betete es nach der überraschenden Ankündigung in Anwesenheit ihrer Schwägerin Elisabeth, die ebenfalls unfruchtbar war (Lukas 1,46-55).

  • Freude als Grundton
  • Der mächtige Retter
  • Die Mächtigen und Reichen
  • Die Niedrigen und Hungrigen
  • Der Blick für das Volk (und nicht nur für die eigene Situation)

Die Anwendungen

  • Wende dich an den richtigen Ort, wenn du in der Ohnmacht bist – und auch sonst. Betäubung verlängert die Ohnmacht.
  • Erkenne die Kraft des Gebets. Rechne mit seiner Befähigung und Versorgung.
  • Erblicke die Möglichkeit, dass die Gotteserkenntnis durch deine Schwierigkeiten hindurch wächst und vertieft wird.
  • In Schwierigkeiten geht es nie nur um dich selbst. Blicke über deine Bett- und Zimmerdecke hinaus und bitte um Erlösung aus der nationalen Unfruchtbarkeit.

Zum weiteren Studium kann ich das Interview, den 12-wöchtigen Leitfaden für das Bibelstudium und die Predigten von Ryan Kelly empfehlen.

Rezension: Wie gehe ich mit Wut und Angst um? Zwei Kinderbücher

David Powlison. Paul sieht rot. Wenn du wütend bist. Verbum Medien, Bad Oeynhausen (2022). 40 Seiten. Euro 7,90 bzw. 12,90. (Kauf)

David Powlison. Zoes Zufluchtsort. Wenn du Angst hast. Verbum Medien, Bad Oeynhausen (2022). Euro 7,90 bzw. 12,90. (Kauf)

Wut und Angst sind zwei komplexe Gefühlsreaktionen des Menschen. Sie betreffen Vorschulkinder ebenso wie Studenten, Berufstätige und Betagte. «Wut bedeutet, dass etwas Wichtiges in deiner Welt schiefgelaufen ist.» Damit sind zwei wichtige Tatbestandselemente genannt: In der Wahrnehmung des Wütigen oder gar Wutentbrannten ist der Vorfall von Wichtigkeit. Und das Geschehen entsprach nicht den Erwartungen, sondern ging daneben.

In der Familie von Paul beginnt es schon am Morgen früh. (Dies knüpft an meine Lebenswelt als Vater einer Grossfamilie an.) Sam stellt Paul ein Bein und saust triumphierend vor seinem Bruder in die Küche. Der «zuckende Schwanz» wird zum äusseren Symptom des inneren Zustands der Erregung. Zudem ist ein wichtiger Tag: Es geht darum Eicheln für den Winter zu sammeln. Doch die Wut bleibt nicht auf die konkurrenzierenden Geschwister beschränkt. Auch der «pater familias», Vater der Eichhornfamilie, wird von ihr gepackt, als sich Familie Schimmelpfennig nicht an die Regeln des Eichhornhandbuches hält. Und schliesslich verbrennt vor lauter Zwischenfällen der leckere Eichelauflauf im Ofen.

Der Moment betretenen Schweigens tritt ein, als die Familie realisiert, dass sie alle schuldig geworden sind. Es wird – unüblich für ein Kinderbuch – zunächst von jedem Beteiligten offengelegt, worin sein Anteil bestand. Familie Eichhorn kennt das Buch der Bücher. «Wenn ich wütend bin, dann brauche ich Gottes Hilfe. Ich brauche Jesus, der mir vergibt und mir zeigt, wo ich Fehler mache.»

Dieser Verlauf entspricht (leider) längst nicht immer der Realität meines Herzens. Meine sündige Natur will dem Zorn weiter Raum gewähren lassen. Wider besseres Wissen gelangen wir zu selten zum gemeinsamen Schuldeingeständnis. Es kann sogar geschehen, dass wir Eltern kleinlaut die Folgen unseres Zorns eingestehen – und den Kindern damit Raum zum Weitermachen gewähren, weil sie ihren Anteil gar nicht benennen und bekennen. Dies nennt man dann Rollenumkehr. 

Doch zurück zu meiner Vorleseerfahrung, dieses Mal mit zwei Jungs im Kindergartenalter. Der eine meinte: «Der Moment, als Familie Schimmelpfennig vor dem Baum auftauchte, gefiel mir am besten.» Reibung ist spannend, da hat der junge Mann recht. Ich sah mich beim Vorlesen mit zwei Herausforderungen konfrontiert: Wie halte ich beim Vorlesen die Spannung aufrecht? Mediengewohnte Kinder sind sich hohes Tempo und «krasse» Vorfälle gewohnt. Hier merkte ich, dass ich als vorlesender Erwachsener nicht in die «Lieferhaltung» kippen darf. Zudem gibt es die Möglichkeit, den Inhalt des Buches zu einem anderen Zeitpunkt nochmals aufzugreifen und daran anzuknüpfen.

Von der Farbe «rot» (Zorn) ging es dann zu «violett» (Angst) über. Keine Eichhörnchen, sondern Mäuse sind die Repräsentanten. Die eher aussengerichtete Emotion des Zorns wird von der stark verinnerlichten der Angst abgelöst. Sehr treffend dargestellt ist der Ort der Geborgenheit unter der Decke. Es geht um Rückzug und das Kultivieren einer eigenen Vorstellungswelt. Zwei weitere Momente sind unglaublich treffend aufgegriffen: Es geht nicht darum die Angst zu vermeiden, sondern beim erneuten Auftreten ihr anders zu begegnen bzw. zu antworten. Dem eigenen «Tunnel» entronnen, kann das Mauskind den Blick auf die Realität zurückgewinnen. Auch in diesem Handlungsablauf ist das Schuldeingeständnis – ich habe meiner eigenen Gefühlswelt zu viel Raum gelassen und der erwachsenen Aufsichtsperson nicht zugehört – ein zentrales Moment. Es bleibt jedoch nicht dabei, sondern kurz darauf folgt der entscheidende Schritt in Richtung erneuerte Gewohnheiten. „Ermutige dein Kind, im Glauben und in Liebe kleine Schritte vorwärts zu gehen. Für Zoe (die Hauptperson) bedeutete das, mit zum Klassenausflug zu gehen, obwohl sie Angst hatte. Zu welcher kleinen, praktischen Tat kannst du dein Kind heute ermutigen?“

Fazit: Die beiden Kinderbücher greifen gekonnt und wirksam zwei zentrale Gefühlslagen auf. Die Tier- und Farbenwelt helfen den Kindern (und dem Vorleser) dabei an ihre Lebenswelt anzuknüpfen. Die Handlungen sind alltagsnahe und dadurch fast zu «unspektakulär». Die Auflösung aus Sicht der christlichen Weltsicht ist ungewohnt (Schuldbewusstsein, biblische Diagnose, Bekenntnis vor Gott und anderen, neuer Weg). Ich kann mir vorstellen, dass es hier auch für den Erzähler Übung braucht. Es geht nicht (mehr) darum, das Kind mit aufregenden Geschichten zu befriedigen, sondern es zum dem zu führen, der die Emotionen heiligen kann.

Interview: Ich leide darunter, wenn die Wahrheit niedergehalten wird

Im sehenswerten Interview zwischen Matthias Lohmann (FEG München-Mitte) und Waldemar Justus (Christusgemeinde Emmendingen) erläutert der 35-jährige Vollblut-Pastor einige bedenkenswerte Überlegungen zur Ortsgemeinde:

  • Im ersten Jahr rührte er gar nichts an, sondern wollte sehen, was bereits war. Er fand eine grosse Liebe vor sowie die Wertschätzung von randständigen Menschen vor, die in der Gemeinde ein und aus gingen.
  • Er verfügte über keinen Plan, sondern verfolgte ein grosses Ziel: Durch das Wort Gottes zu lehren. Dazu gehören seit Anfang Auslegungspredigten in der Länge von 45 – 60 Minuten. Die ersten Familien blieben, weil sie merkten, dass sie diese Nahrung brauchten.
  • In Themen zweiter Priorität, wo es um Gewissensfragen geht, ist es zentral einander anzunehmen. Es darf leidenschaftlich diskutiert werden ohne diese Fragen in den ersten Rang zu erheben.
  • Waldemar leidet darunter, dass Wahrheit auch in Gemeinden klein- bzw. niedergehalten wird. Dabei dient uns die göttliche Wahrheit!

Ich empfehle übrigens den ausgezeichneten Podcast mit einem Deep Dive zur Coronathematik (entstanden im Februar 2022). Ebenso kann ich die Darstellung von vier Endzeitmodellen sehr empfehlen.

Vor einigen Jahren durfte ich diese Gemeinde besuchen (“Fähig einander zu ermahnen”), woraus eine Q & A-Serie entstand. An einem Männermorgen referierte ich zum “Langzeitschaden der Passivität” und über die Pflege geistlicher Disziplinen.

Waldemar führt einen ausgezeichneten Insta-Kanal. Ich wünsche mir noch viele solche Gemeinden, in die den kommenden Jahren und Jahrzehnten durch Gottes Wort wiederbelebt werden!

Input: Das Konzept der Neuen Autorität

Neulich bin ich auf das Konzept der Neuen Autorität und dessen Einsatz in den Schulen gestossen. Dieses fusst auf folgenden Prinzipien:

  • Widerstand: Ich akzeptiere selbst- oder fremdgefährdendes, zerstörerisches Verhalten nicht. Ich benenne es, äussere meine Meinung und unternehme alles, ein solches Verhalten zu stoppen.
  • Beharrlichkeit: Ich bleibe beharrlich, weise immer wieder darauf hin, überlege mir andere Möglichkeiten, z. B. nutze ich die
  • Vernetzung: mit anderen Personen (Eltern, Paten, Fussballtrainern, teamintern mit anderen LP, MA der Betreuung, Hausdienst)
  • Öffentlichkeit: Je mehr Menschen (= wichtige, wohlgesinnte Bezugspersonen) von einem unerwünschten Verhalten wissen, desto höher ist die Chance, dass es nicht mehr passiert.
  • Selbstkontrolle: Ich kann das Verhalten von dir nicht kontrollieren, nur mein eigenes. Weil mir das bewusst ist, behalte ich «in meine Autorität».
  • Aufschub und Deeskalation: «Ich habe es gesehen, ich dulde solch ein Verhalten nicht, ich werde darauf zurückkommen.» – Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist.
  • Wiedergutmachung: Ein Ritual, das Kind wieder aufzunehmen in die Gemeinschaft («Die Sache ist wieder in Ordnung!»)

Die Neue Autorität sucht dabei einen dritten Weg zwischen autoritärem Machtgehabe und anti-autoritären Strukturen. Ich zitiere aus einem Grundlagenpapier:

Gemäss Bindungstheorie gelten zwei elterliche Funktionen als zentral für eine gesunde Entwicklung des Kindes und als Voraussetzung für eine stabile, sichere Bindung: Eltern bieten dem Kind einerseits eine verlässliche, sichere Basis, die ihm das Erforschen einer fremden Umgebung und die Entwicklung seiner Selbständigkeit ermöglicht. Andererseits bieten sie ihm einen sicheren Hafen, wo das Kind Schutz, Trost und Zuspruch erfahren kann. Haim Omer beschreibt in seinem Konzept der „Neuen Autorität“ ein zeitgemässes Autoritätsverständnis, das diesen zwei unterschiedlichen erzieherischen Ansprüchen gerecht werden kann. Es bietet damit Erziehenden die Möglichkeit eines alternativen dritten Weges und hebt die Polarität zwischen traditioneller Autorität mit Begriffen wie Machtausübung, Dominanzorientierung und Kontrolle auf der einen Seite und antiautoritärer Haltung mit der Idee von Partnerschaftlichkeit auf der anderen Seite auf. Somit wird es für Erziehende eher möglich, eine Art Ankerfunktion für die Kinder zu übernehmen.

Dazu kommen Erkenntnisse aus dem gewaltlosen Widerstand:

Gewaltloser Widerstand ist ein konstruktiver „Kampf“ um das Kind, der sich durch Präsenz und Gewaltlosigkeit von Erziehenden ausdrückt. Durch die Vermeidung destruktiver Machtkämpfe steigt die Chance, dass eine beschädigte Bindungsbeziehung wieder repariert werden kann. Die Erziehenden stellen sich klar dem kritischen Verhalten eines Kindes entgegen, indem sie ihre Pflicht betonen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit das problematische Verhalten nicht mehr vorkommt und gleichzeitig an einer guten Beziehung interessiert sind. Massnahmen des gewaltlosen Widerstands wie beispielsweise Ankündigung, Wiedergutmachung, Telefonrunde, Aufsuchen und Sit-in fussen auf folgenden vier Prinzipien:

  1. Demonstration von Widerstand: „Ich kann dies nicht akzeptieren und stelle mich entschieden gegen dein Verhalten!“
  2. Selbstkontrolle: „Ich lass mich nicht in Eskalationen reinziehen!“
  3. Gesten der Wertschätzung: „Ich biete – unabhängig von den Reibereien – positive Beziehungsangebote an!“
  4. Unterstützung: „Ich bin nicht allein, sondern ich werde in meinen Bemühungen unterstützt!“

In einem ausführlichen Artikel der NZZ wird das Konzept anhand von Mobbing erklärt:

Erfährt sie von einem Fall, kommt es in der Regel zu einer sogenannten «Ankündigung», einem anderen wichtigen Instrument der Neuen Autorität, das wie ein «protokollarisches Zeremoniell» (Haller) abläuft. Nach einem ersten Vorgespräch mit dem betroffenen Kind und seinen Eltern organisiert die Schulleiterin einen bewusst imposanten Auf[1]marsch von Erwachsenen vor der versammelten Klasse. Mit dabei sind: die Klassenlehrerin, weitere Fachlehrer, je nachdem die Schulsozialarbeiterin, die Hortleiterin, der Hauswart, eine Elternvertretung – insgesamt gut und gerne zehn Personen. Vor der Klasse erklärt nun die Schulleiterin, dass es einen Mobbingfall ge[1]geben habe. Sie breitet weder Namen noch Details aus und weist auch keine Schuld zu, sondern erklärt klipp und klar, dass man Gewalt nicht dulde. «Keine lange Predigt, sondern eine klare Durchsage. Es geht um die rasche Veränderung eines inakzeptablen Verhaltens», erklärt Regina Haller. Nach dem Statement der Erwachsenen soll jedes Kind in der Klasse auf einen Zettel schreiben, was es selber zur Verbesserung der Situation beitragen will – nicht nur mit einer allgemeinen Bekundung, sondern konkret, in[1]dem es zum Beispiel jeden Donnerstag in der Pause mit dem Mobbingopfer Fussball spielt. Am Schluss verkündet die Schulleiterin, dass man sich in zwei Wochen erneut in der Klasse treffe, um die Umsetzung der Vorschläge und die Situation des Mobbingopfers zu überprüfen.