Sommerlektüre: Interessenliste & viele Hinweise

Seit einigen Jahren pflege ich die Sommerlektüre.

Meine Interessenliste 2019 (dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass auch einige Titel von den letzten Jahren wieder auftauchen):

KirchengeschichteHartmut Leppin, Die frühen Christen

DetektivgeschichtenSherlock Holmes (hören?); Lord Peter Wimsey

Theologische KlassikerA Dissertation Concerning The End For Which God Created (Jonathan Edwards), Heinrich Bullinger Dekaden (Predigten)

Biblische TheologieThe Kingdom of God

Re-Reading/HörenThe Secular Age, C. S. Lewis Briefe & Aufsatz-Sammlung

ApologetikFrame / Groothuis

AT / Deuteronomium –  What the Old Testament Authors Really Cared about: A Survey of Jesus’ BiblePreaching the Word-Kommentare

Roman – Unendlicher Spass

Vern PoythressInerrancy and Worldview, Interpreting Eden

David Powlison (1949-2019) – Erinnerungen seiner Freunde

Ich habe über den Heimgang des Seelsorgers David Powlison berichtet. Einige Freunde haben ihre Erinnerungen zu David Powlison gepostet. Lesenswert!

Hier erzählt der deutlich von der Krankheit gezeichnete Powlison die Geschichte seiner Bekehrung. Eine seiner letzten Botschaften “The Right Kind of Weakness” ist ebenfalls als Transkript erhältlich.

Timothy Keller reflektiert über seine Freundschaft mit David Powlison und weist auf den bahnbrechenden Aufsatz „Idols of the Heart“ hin:

Davids bahnbrechende Arbeit über Götzendienst zeigte, dass die Bibel sowohl über (a) korporatives, systemisches Übel in Familie und Sozialsystemen spricht, aber auch darüber, (b) wie die Sünde das Innenleben verändert, indem es falsche Identitäten, ein “wahnhaftes Gebiet” und schädliche Motivationen schafft.

John Piper zeigt eindrücklich auf (hier), wie Powlison als „Seher“ das erkannte, was wirklich da war. Jesus Christus ist der Schlüssel für diese Perspektive.

Wach auf! Diese Menschen haben Geschichten!

Ray Ortlund erinnert sich, wie David in einer schweren Krise seiner Ehe für sie da war:

David war eine Oase der Ruhe, Sanftmut und Vernunft inmitten eines Strudels von Anschuldigungen, Verlust und Zerbruch.

Paul Tripp fasst zusammen, wie er mit David zusammenarbeitete:

David und ich verbrachten Stunde um Stunde beim Versuch, eine Theologie des Herzens zu bauen und zu verstehen, wie das Evangelium Veränderung bewirkt. Wir versuchten, eine Methodik zu entwickeln, die eine dauerhafte Herz- und Lebensveränderung fördern würde. Ich bin zutiefst gesegnet, Teil dieser Stunden und Stunden der Diskussion gewesen zu sein. Ich bin leidenschaftlich und ein wenig verrückt; David war ruhig und nachdenklich. Er machte aufschlussreiche Beobachtungen, während ich durch den Raum sprang und laut dachte.

Hanniel hirnt (228): Wenn die Form den Inhalt zu überstrahlen droht

Ich habe das neu in deutsch erschienene Buch “Identität” von Francis Fukuyama gelesen. Hier sind meine Notizen.

Wenig überraschend bezieht er die therapeutische Kultur, wie sie bespielsweise von Christopher Lasch in “Das Zeitalter des Narzissmus” (ich habe seine Grundaussage hier zusammengefasst) oder Philipp Rieff in “The Triumpf of the Therapeutic” (eine kurze Typisierung hier) schon vor Jahrzehnten diagnostiziert haben, in seine Überlegungen zur zeitgenössischen Identitätsbildung mit ein.

Überraschend nennt er dann als Beispiel den evangelikalen Megapastor Rick Warren:

Rick Warren, dessen Church Growth Movement in den letzten Jahrzehnten zu einem Wachstum Tausender evangelikaler Kirchen geführt hat, verkündet eine … therapeutische Botschaft. Sein gesetztlich geschütztes ‘Purpose-Diven-Life-Movement’ hebt hervor, wie wichtig es sei, dass sich Pastoren um die ‘gefühlten Bedürfnisse’ von Nichtgläubigen kümmern, was nicht anderes zur Folge hat als die Schwächung der christlichen Lehre zugunsten einer unverhohlen psychologischen Sprache. (S. 126)

Er stellt m. E. zu Recht fest, dass das psychologisierte Klima durch die Kirchen übernommen wurde.

Das therapeutische Modell ging direkt aus zeitgenössischen Identitätsbegriffen hervor. Es postulierte, dass wir tiefe innere Räume besitzen, deren Potenzial nicht verwirklicht wird. (S. 129)

Ich habe kurz über die Einordnung nachgedacht (8 Minuten).

Weiterlesen: Meine ausführlichen Rezensionen zu David Wells’ mehrbändiger Kulturkritik, ebenfalls den Podcast “Warum die suchersensitive Bewegung im Sterben liegt”.

Hanniel hirnt (225-227): Unfähig zum Guten – wirklich?

In meiner Podcast-Serie zum Heidelberger Katechismus sind bisher erschienen:

a) Warum Katechese? (sechs Beiträge zur Einleitung)

b) Der einzige Trost im Leben und im Sterben (vier Beiträge zur ersten F & A)

c) Warum wir im Elend sind (vier Beiträge zum Dreiklang des christlichen Glaubens)

d) Geneigt Gott und den Nächsten zu hassen (drei Beiträge zum Urstand und Fall des Menschen)

In der theologischen Anthropologie (der Lehre über den Menschen) ist es zentral abzustecken, was sich durch den Sündenfall änderte und inwiefern uns die Erlösung wiederherstellt.

  1. Was der Sündenfall änderte (14 Minuten)
  2. Unfähig zum Guten – wirklich? (12 Minuten)
  3. Ungerechter Gott? (8 Minuten)


Hanniel hirnt (224): Wie ist das mit dem Gesetz?

Wie ist es um das Gesetz im Alten und Neuen Testament bestellt? In einem Podcast (45 Minuten) erörtere ich die reformierte Position, wie sie Willem A. VanGemeren in “Five Views on Law and Gospel” darstellt.

  1. Der Bund der Werke, der mit Adam geschlossen wurde, enthielt die Verheißung des Lebens “unter der Bedingung des vollkommenen und persönlichen Gehorsams”. Der Gnadenbund erstreckt sich vom Fall der Menschheit bis zur neuen Schöpfung und erscheint in zwei Verwaltungen: Gesetz und Evangelium.
  2. Beide Testamente enthalten die Offenbarung eines einzigen Gottes, die den Menschen gegeben wird, die aus Glauben leben, von seiner Gnade getragen werden, die Gemeinschaft mit ihm als seinem Bundesvolk genießen und im Glauben verharren.
  3. Das Naturgesetz blieb trotz menschlicher Sünde und Rebellion unveränderlich bestehen, denn es ist Gott, der die Schöpfung gnädig aufrechterhält. Das Naturgesetz ist die moralische Ordnung, die Gott den Menschen ermöglicht hat, aus der Schöpfung zu abzuleiten.
  4. Das moralische Gesetz wurde in den Zehn Geboten niedergeschrieben und in den mosaischen Bund aufgenommen. Der Dekalog fasst das moralische Gesetz zusammen und ist klarer, fester und effektiver als das Naturgesetz.
  5. Der mosaische Bund ist eine Entwicklung von Gottes Bund mit der Schöpfung (d. h. eine souveräne Verwaltung der Gnade) und mit Abraham (d. h. eine souveräne Verwaltung von Gnade und Verheißung).
  6. Das Gesetz des Alten Testaments steht nicht gegen das Evangelium. Es ist Ausdruck der Fürsorge Gottes. Es stand im Interesse der Erziehung seiner Kinder, wie sie mit ihm umgehen und gesunde Beziehungen zueinander entwickeln sollen. Es erläuterte für sie seine Erwartungen in Gesetzen und Verordnungen.
  7. Der grösste Teil regelte den Gottesdienst und das Zusammenleben als Bundesvolk. Auch im Alten Testament ging es um die Haltung des Herzens.
  8. Die Verwaltung des Neuen Bundes ist im Wesentlichen die gleiche wie der alte Bund (die mosaische Verwaltung), in ihrer Form jedoch unterschiedlich. Der formale Unterschied liegt in der Ankunft Jesu Christi begründet: seiner Sühne, seinem gegenwärtigen Amt und dem Werk des Heiligen Geistes.
  9. Mit dem Kommen Jesu Christi wurde das Zeremonialgesetz aufgehoben, nachdem es an das Kreuz genagelt worden waren (Kol. 2,14). Die Judizialgesetze wandten die letzten sechs Gebote auf den Kontext der Existenz Israels als Nation an.
  10. Da der Christ bereits zur neuen Schöpfung gehört, ist das Gesetz Gottes, wenn es durch den Geist Gottes verinnerlicht wird, ein wirksames Werkzeug der Gerechtigkeit und ein Mittel zur Gestaltung der neuen Gemeinschaft.
  11. Zwei Prinzipien zur Anwendung des Moralgesetzes (Calvin): (1) Das Gebot bezieht sich auf innere und geistliche Gerechtigkeit; (2) die Gebote und Verbote enthalten immer mehr, als in Worten ausgedrückt wird.
  12. Wesentliche Differenz zum Dispensationalismus (Wayne Strickland): Jesus Christus hat das mosaische Gesetz nicht beendet. Vielmehr wurde das Moralgesetz in der Person und Lehre Jesu Christi weiter präzisiert. Dieser pocht auf eine starke Diskontinuität zwischen dem israelischen Recht und dem Glauben der Kirche.
  13. Wesentliche Differenz zum modifizierten lutheranischen Standpunkt (Douglas J. Moo): Das mosaische Gesetz wurde als Ganzes Israel für eine begrenzte Zeit und einen begrenzten Zweck gegeben und ist für den Christen nicht mehr unmittelbar maßgebend. Die mosaischen Gebote sind also nicht direkt auf uns anwendbar, sondern nur so, wie sie von Christus an uns weitergegeben werden.

Weiterhören: Wie ist das mit der Heiligung? (30 Minuten)

Buchempfehlungen: Kirchengeschichte

Ich bin gefragt worden, welche Bücher zur Kirchengeschichte ich empfehlen kann. Warum sollen wir uns mit Kirchengeschichte befassen? Matt Smetthurst zählt sieben Gründe auf. Allerdings müssen wir aufpassen, dass wir keine Überheblichkeit entwickeln. Ich empfehle zudem die Perspektive von C. S. Lewis “On Reading Old Books”.

Lies Originale. Dank der BKV-Sammlung haben wir Zugang zu vielen Werken der Kirchenväter, z. B. Irenäus “Gegen die Häresien“, Tertullians “An die Märtyrer”, Athanasius “Über die Menschwerdung”, Augustins “Bekenntnisse” oder seinen “Gottesstaat”, (z. B. das 14. Buch). Weiter Anselms “Proslogion”, Thomas von Aquins “Summa”, Calvins “Institutio”, Bunyans “Pilgerreise”,

Lies dich in die Geschichte der christlichen Lehre ein. Einen einfachen Zugang bietet Erwin Lutzer “Einig in Wahrheit”. Etwas anspruchsvoller ist Bernhard Lohses “Epochen der Dogmengeschichte”. Es lohnt sich auch, im “Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte” einzelne Abschnitte und Quellen (z. B. zu Augustinus) zu lesen. In englischer Sprache liegt Gregg Allisons “Historical Theology” vor.

Dann gibt es Gesamtdarstellungen der Kirchengeschichte. Sierszyns “2000 Jahre Kirchengeschichte” gehört zum Inventar. Zudem kann ich die fünfminütigen Podcasts “Five Minutes in Church History” sehr empfehlen. Sinclair Fergusons “Church History 101: The Highlights of Twenty Centuries” legen eine gute Basis. Die auf fünf Bände angelegte Serie “2000 Years of Christ’s Power” gibt ebenfalls einen Überblick über die verschiedenen Epochen.

Zur Epoche der Reformation habe ich 12 Werke besprochen.

Es lohnt sich auch Lebensbilder und Werksüberblicke von Glaubensvätern zu lesen. Ich empfehle John Pipers “21 Servants of Sovereign Joy”. Die Serie “Theologians on the Christian Life” gibt einen wunderbaren Überblick über das Werk vieler wichtiger Theologen.

Zitat der Woche: Müssen wir uns den Sinn selbst geben?

Passend zu Pfingsten, aus der Feder meines Freundes Jonas Erne:

Der Heilige Geist macht uns ganz besonders auch frei von unserem ganzen Selbst. Das hat in unserer Zeit eine ganz besondere Bedeutung, auch wenn wir uns dessen vielleicht nicht bewusst sind. Im vergangenen Jahrhundert hat die Philosophie des Existentialismus weite Verbreitung gefunden – bis hinein in die christliche Gemeindelandschaft. Dieses Denken hat als Grundlage, dass das Leben eigentlich sinnlos ist, wir müssen unserem Leben selbst einen Sinn geben, wir müssen uns selbst finden und uns selbst verwirklichen. Der Existentialist sagt, dass wir einfach nur ein Produkt des Zufalls sind, irgendwo ungefragt ins Universum geworfen und deshalb eigentlich wertlos. Erst der Sinn, den wir uns selbst geben, macht unseren Wert aus.
Der Satanist und Okkultist Aleister Crowley schrieb, dass das einzige Gebot des Satanismus sei: „Tu was du willst!“ und ganz in dieselbe Kerbe schlagen auch die Existentialisten, indem sie sagen: Sei was du willst, und dann lebe wie du willst! Das Leben ist absurd, es geht darum, dass wir das Beste von allem abholen, denn mehr Sinn hat es nicht. Selbsthilfebücher, Selbstfindungsprozesse, Selbstverwirklichung ist in aller Munde. Leider haben viele Christen nicht verstanden, wie sich der Satan freut, wenn wir auch nach der Selbstverwirklichung streben statt nach der Gottesverwirklichung. Der Heilige Geist will uns vom Fluch des Selbstverwirklichungszwangs befreien! 
Sehr oft drehen sich Predigten darum, wie wir uns selbst verwirklichen können, wie wir uns verbessern können, wie unser Leben schöner oder einfacher werden kann. Die Bibel kennt von alldem nichts. Hier gibt es kein verbessertes Leben. Es gibt nur ein altes und ein neues Leben. Ein totes und ein lebendiges Leben. Die Frage ist nämlich nicht: Wie wäre ich gerne, sondern: Wie will Gott mich haben? […]
Die Devise „Tu was du willst“ ist satanisch, für uns geht es darum: „Liebe Gott und dann tu, was Er will“, das ist göttlich. Wir müssen uns nicht mehr im Kreis um uns selbst drehen und uns ständig fragen: Was will ich eigentlich für ein Mensch sein? Wie will ich werden? Viele Menschen haben in unserer Zeit die Schwierigkeit, dass sie immer wieder etwas erleben, was sie verändert, zum Beispiel eine sehr schwere Zeit, den Verlust von jemandem oder auch eine unerwartete große Freude oder sonst eine neue Erfahrung gemacht, die etwas über den Haufen geworfen hat, was bisher selbstverständlich war, und dann müssen sie schon wieder ganz neu überlegen: Wer bin ich denn jetzt geworden? Was hat das mit mir gemacht? Man ist ein Leben lang auf der Suche nach sich selbst und kommt zu keinem Ziel, weil sich alles immerzu verändert. All das muss nicht sein. Der Heilige Geist gibt uns eine felsenfeste Grundlage. Er hat durch Menschenhände das ewig gültige, unfehlbare, fehlerlose Wort Gottes aufschreiben lassen. Die Bibel ist unser unveränderlicher Anker, sie bleibt bestehen, auch wenn alles andere vergeht.

David Powlison (1949-2019): Ein grosser Seelsorger ist von uns gegangen

Erst vor kurzem erfuhr ich, dass David Powlison (Artikelarchiv) im November 2018 eine terminale Diagnose (Bauchspeicheldrüsenkrebs) gestellt bekam. Nun ist er gestern Freitag, 7.6.2019, zu Jesus heimgegangen (Meldung CCEF). An der Graduierungsfeier des Westminster Seminary, an der er nicht mehr persönlich erscheinen konnte, schrieb er in seiner Botschaft:

” Schwachheit” ist eine umfassende Beschreibung unseres menschlichen Zustandes. Wir sind vergänglich. Wir sind sterblich. Wir sind in unserem Leben mit einer Vielzahl von Leiden konfrontiert. Und wir sind sündig, vom Herzen her geneigt zu Stolz, Selbstgerechtigkeit, Menschenfurcht und einer Vielzahl von Wünschen und Ängsten, die uns bedrängen. Die Barmherzigkeit Gottes begegnet uns in diesem umfassenden Zustand der Schwäche.

Ich habe David einmal (2012) getroffen. Die Begegnung bleibt mir unvergesslich. Nicht nur hat er mir die volle Aufmerksamkeit gewidmet und einfühlsame Fragen gestellt. Vielmehr hat er in einer äusserst respektvollen Art und Weise über seine grösste Not gesprochen: Dass sein Sohn seinen Glauben nicht teilt. Er sprach sehr liebevoll und mit anerkennenden Worten über die grosse Herz seines Sohnes, der Davids Mutter bei sich aufgenommen hatte.

Jeremy Pierre, Professor für Seelsorge, schreibt über das Erbe Powlisons:

Die kritischen Bemerkungen, die er gegenüber Menschen machte, mit denen er nicht einverstanden war, waren sanft erschütternd – umso effektiver durch die Wertschätzung, die er für alles Gute zeigte, das er in ihren Erkenntnissen fand. Er war eine wohlwollende Kritik, die weitaus erschütternder war als allgemeine Zurückweisungen oder pauschale Verurteilungen. Du hattest immer den Eindruck von David, dass er etwas Wertvolles von den Menschen gelernt hatte, mit denen er absolut nicht einverstanden war. Jede Perspektive informierte ihn über einen Faktor in Gottes miteinander verbundener Welt.

Wie gewohnt lohnt es sich den Nachruf von Justin Taylor zu lesen. Zu dessen Zeit in Harvard in den 1960ern zitert er Powlison:

Weder Wissenschaft noch Athletik oder Karriere konnten die Last von Identität und Bedeutung tragen. Enge Beziehungen scheiterten. Ein Ausflug in den Drogenkonsum hat mich fast aus dem Gleichgewicht gebracht. Das Bewusstsein für meinen eigenen Egozentrismus dämmerte langsam. Wir sind immer die letzten, die die Person im Spiegel kennen.

Ich empfehle seine drei letzten Bücher, wovon “Neufang – nach sexuellen Verletzungen die Freude wiederfinden” übersetzt worden ist. Sie sind gefüllt mit Weisheit und Erfahrung. Ich habe sie rezensiert. Zudem weise ich auf den Artikel über das therapeutische Evangelium oder seinen 6-Punkte-Plan bei Angst hin. Vom Artikel “Ersatzgötter des Herzens” über Götzendienst sagt Timothy Keller, dass er enorm profitiert hätte (ich auch).

Hanniel hirnt (221-223): Geneigt, Gott und den Nächsten zu hassen

In einem Beitrag zum menschlichen Elend gehe ich dem Thema von Sünde und Gesetz nach. Die F & A 3-5 sind ungemein hilfreich, weil sie Licht in ein Thema werfen, das heute auch in frommen Kreisen weitgehend tabusiert wird. F & A 6 blendet dann zurück auf die Frage, wie der Mensch ursprünglich gemacht worden war.

  1. Woher wir unser Elend erkennen (13 Minuten)
  2. Von Natur aus geneigt, Gott und den Nächsten zu hassen (11 Minuten)
  3. Wie und wozu Gott den Menschen geschaffen hat (13 Minuten)

Wer der englischen Sprache mächtig ist, dem empfehle ich die Ausführungen von Ursinus zur Sünde, zum gefallenen Willen und zur Imago-Lehre.

Buchbesprechung: Das Leben lang Hirte sein

Ed. Collin Hansen. Faithful Endurance: The Joy of Shepherding People for a Lifetime. Gospel Coalition, 2019.

Der Titel lautet übersetzt «treues Ausharren», der Untertitel «lebenslang Hirte sein». Es geht also um ein Buch für Gemeindehirten. Herausgeber ist die Gospel Coalition; Beitragende sind bewährte und bekannte Theologen wie Tim Keller und Don Carson (die beiden Gründer der Gospel Coalition). Auch wenn ich selbst nicht Pastor bin, hat mich der Titel ungemein angesprochen. In einer Zeit der andauernden Neudefinition wird der Leuchtkegel auf den Langstreckenlauf unseres Lebens geworfen. Nichts wünsche ich mir selbst sehnlicher, als gut zu enden. Wir werden dazu aufgerufen, unser Leben für unsere Brüder zu geben (1Joh 3,16), den Blick auf den Anfänger und Vollender des Glaubens gerichtet (Hebr 12,1).

Die Zielsetzung des Buches formuliert der Editor so: Es sollte uns Freude und Zuversicht für ein Leben des Opfers geben. Diese Erwartung nehme ich in meine Lektüre mit.

Tim Keller beginnt – für mich überraschend und doch nicht – mit der Gefahr des Stolzes. Die Inhalte entwickeln schnell ein Eigenleben. Die Begegnung mit Gottes Wort demütigt und verändert mich selbst nicht mehr. Dies äussert sich auf verschiedene Weise, nämlich unseren Dienst auf Erfolg/Performance zu bauen, nicht mehr für Kritik zugänglich zu sein, Menschen nicht verletzen zu wollen oder sich selbst zu vergleichen. Wir können aber auch den Anschein erwecken, wie wenn wir mit Gott in Gemeinschaft ständen.

Wann ist die Zeit des Rücktritts gekommen? Eine wichtige Frage, die Don Carson (* 1946) aufwirft. Für den alternden Diener stellt sich die Frage nach dem Umgang mit schwindenden Kräften. Carson spricht davon, ab den 60ern eine Aufgabe nach der anderen abzugeben, um dann bis in die späten 80er noch etwas zu tun, was diese nach wie vor herausragend tun konnten. Es kann auch geschehen, dass wir uns um des Partners willen zurückziehen.

Bryan Chappell spricht über die inhaltliche Selbst-Langeweile des Predigers. «Meine Worte hören sich immer gleich an.» Wir müssen den Text und die Zuhörer gleichermassen auslegen (31). Die Predigt entlang biblischer Bücher befreit uns nicht davon, immer wieder Überlegungen über die Kapazitäten und Voraussetzungen der Zuhörer anzustellen. Dann gilt es auch die verschiedenen Literaturgattungen zu berücksichtigen (und nicht nur Lehrtexte aus dem NT auszulegen). Ebenso wichtig ist das Erkennen der Absicht und des Ziels eines Textes (und nicht nur dem Widergeben von Fakten).

Es gibt Phasen, in denen der Diener im Feuer der Kritik steht (Dan Doriani). Einige grosse Pastoren wie Calvin oder Edwards sind von ihren Gemeinden gefeuert worden. Wir brauchen Kritik – es gibt faire/berechtigte; unvermeidbare; unberechtigte. Bei falschen Anklagen bedenke, dass der Herr die Wahrheit kennt und die Anklage auch viel über den Ankläger selbst aussagt. Es gibt verschiedene Kritikertypen: Wahre Freunde, Dienstverbündete, chronisch Misstrauische (z. B. aus Eifersucht), starke systemische Differenzen, aber auch “Vernichter”.

Manche sagen, sie würden ihrer Kirche niemals erneut beitreten (nachdem sie die Innensicht bekommen haben). Tom Ascol beginnt mit einem Rat von Spurgeon, das Evangelium regelmässig auf sich selbst anzuwenden. Es bringt nichts, die eigenen Kernüberzeugungen verdeckt zu halten, Ehrlichkeit ist gefragt. Die Hauptaufgabe von Predigt und Gebet bleibt. Es gilt die Kämpfe auszuwählen und nicht auf zweitrangige Änderungen zu fokussieren.

Unsere Angehörigen sind von Kritik an uns mitbetroffen. Das geht häufig vergessen. «Manchmal habe ich mich zu oft auf meine Frau verlassen und zu hart auf sie abgestützt.» (63) Die erste Aufgabe der Frau sind der eigene Ehemann und die Kinder. Unterschätze nie das gemeinsame Gebet und die gegenseitige Fürbitte. Der Autor erfuhr grosse Ermutigung durch Psalmen, die ihm seine Frau aufschrieb.

Manchmal verlassen treue Mitglieder die Gemeinde; Verluste können noch über Jahre schmerzen. Umso schwieriger, wenn wir selbst durch unweise oder sündige Reaktionen dazu beitrugen. Erinnern wir uns an Paulus, den fast alle verlassen haben, als er in Rom die letzten Lebensmonate im Gefängnis verbrachte. Treue ist wichtiger als Recht haben. Und: Gott führt auch solche Veränderungen souverän herbei. Nicht alle «offenen Enden» werden sich auf dieser Erde klären.

Manche bleiben in einer kleinen Gemeinde an einem ländlichen Ort. Sie verdienen sich dort nicht die Sporen ab, sondern werden über Jahrzehnte an jenem Platz geheiligt. Kann es Zufriedenheit geben ohne er-/bekannt zu sein? Es ist möglich in der Wüste zu leben und trotzdem mit Wasser und Nährstoffen versorgt zu sein (Jer 17,5-8). Es gibt Freude darin, Gott an solchen Orten bekannt zu machen. Es kann sich zudem eine Verbundenheit zu anderen Menschen erblicken, die der einer langen Ehe vergleichbar ist.

Und dann der Dauerbrenner: Physisch, psychisch und geistlich ausgebrannt zu sein. Den Sabbat nicht zu beachten bedeutet umgekehrt, dass du so zu leben versuchst wie Gott, nämlich ohne Limitierungen. Die Zeit auszukaufen kann kippen in eine Sklaverei. Für manche ist das Beschäftigt sein die beste Ablenkung gegen die untergründigen Ängste. Pausen sind da um sich zu erinnern und zurückzublicken.

Manchmal wächst die Kirche auch über das Potenzial des Pastors hinaus. Gefreut, aber nicht minder schwierig für den Pastor selbst. Es ist eine Zeit in der Demut zu wachsen und zu erkennen, dass wir niemals aus uns selbst die Möglichkeiten für unseren Verantwortungsbereich haben. Bevor jemand den Dienst verlässt ist es wichtig, Weisheit zu gewinnen – bezüglich Zielsetzung, den anvertrauten Menschen und auch von der eigenen Persönlichkeit. Es kann sein, dass das Team erweitert und die Aufgaben neu verteilt werden müssen. Manchmal ist auch der Erwerb neuer Fähigkeiten gefragt.

Erst jetzt wird die finanzielle Frage angesprochen. Brandon Shields gesteht, dass seine Strategie minimale Ausgaben – aggressives Sparen – kontrollierte Grosszügigkeit über lange Zeit aufging, bis er an einem neuen Ort war und grosse Kosten durch Krankheit hinzukamen. Dieses Thema wird kaum aufgebracht aus dem Grund der Scham. Unter dem Vorwand der Geistlichkeit wird auch über Bezahlung gar nicht oder erst im Nachhinein gesprochen. Das Geld erzählt eine Geschichte – über uns, es enthüllt Motive und Mythen. Shields nennt drei verkehrte Ansätze Sicherheit – Armut – Stoizismus (120ff).

Das letzte Kapitel berichtet vom schmerzlichen Rücktritt eines Pastors nach drei Jahren. Ein Ältester hatte öffentlich ein Misstrauensvotum gestellt – in Anwesenheit seiner Familie. Eine Woche später folgte die Rücktrittserklärung. Trotzdem blieb er im Dienst. Die Gewissheit der Berufung festigte sich gerade in der leidvollen Phase.

Fazit: Nicht jeder Aufsatz ist gleichermassen stringent strukturiert. Nicht alle Anwendungspunkte treffen auf mich zu. Das wichtigste: Jedes der zwölf Themen stiess Gedanken in mir an und stiessen ein Tabu um. Gott sei Dank dafür! Ich empfehle die Reihe für Pastoren, aber auch für Männer, die geistlich reifen wollen.