Corona in Perspektive (5): Seelsorge an Schwerkranken und Sterbenden

«Seelsorge mit Schwerkranken und Sterbenden»: So lautet der Titel eines vielfach gedruckten Werkes des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger (1504-1575). Mehrere Male in seinem Leben war seine Heimatstadt Zürich und seine eigene Familie von der Pest betroffen. Bullinger verlor Frau, Kinder, Schwiegersöhne und -töchter sowie treue Hausangestellte durch die Seuche. Er war also viel direkter mit dem Tod konfrontiert. Hand aufs Herz: Was haben wir heute als Christen der Gesellschaft zu diesem Thema noch zu sagen?

Schon der Untertitel ist bezeichnend: «Als Seelsorger bei den Schwerkranken und Sterbenden seelsorgerlich handeln. In eigener Krankheit sich richtig verhalten, und sich zum Sterben vorbereiten. Kurzer und einfacher Leitfaden von Heinrich Bullinger.» 1) Pastoren sind als Seelsorger bei Schwerkranken und Sterbenden vor Ort. 2) Sie sind selbst von der Krankheit betroffen und bereiten sich richtig zum Sterben vor. 3) Der Leitfaden soll kurz und einfach zum Gebrauch sein – keine hochgestochenen Gedanken.

Bullinger definiert die Vorbereitung auf das Sterben als prioritäre Aufgabe. «Eigentlich sollten wir das Wichtigste während unseres ganzen Lebens lernen: wie wir christlich und friedlich sterben können. Doch wir sind so nachlässig, wir armselige, verderbten Menschen, daß wir das um einer kleinen Zeitspanne willen bis zuletzt aufsparen.» Wichtiges und scheinbar nicht Dringliches schieben wir gerne auf.

Keine Empfindlichkeiten für Christen – kein frommer Zuckerguss. «Wirkliche Christen sollen also nicht so empfindlich sein, daß sie den Tod nicht nennen hören wollen; oder so töricht, daß sie glauben sicher zu sein, wenn niemand vom Tod redet; oder so nachlässig, daß sie es bis zuletzt aufsparen, sich mit dem Tod zu befassen und sich auf jenes andere Leben vorzubereiten.»

Das erste Kapitel trägt den Titel: «Der Kranke soll sich in Gottes Willen schicken.» Der säkulare Mensch ist sich gewöhnt, den eigenen Willen durchzudrücken. Hier liegt wahrscheinlich das Hauptspannungsfeld. «Wo wir Menschen uns nicht in den gütigen und nicht nur momentan passenden Willen Gottes schicken, ist uns alles, was wir tun und dulden müssen, zu schwer, es zu ertragen; sobald wir aber Gottes Willen anerkennen, ihn richtig verstehen und uns in Treuen darein schicken, so gibt es nichts, was so bitter, rauh, schwer erträglich und schrecklich wäre, daß es uns nicht süß, glatt, leicht und ein Grund zur Hoffnung würde.»

Andreas Mühling schreibt in seiner Einleitung zur Struktur der Schrift (in Schriften, Bd. 3, S. 105-107):

  1. Im Zentrum der Schrift steht eine auf die eigene Sterbesituation hin angelegte Rechtfertigungslehre (Kapitel 8). «Christus ist die Auferstehung und das Leben, in dem auch wir auferstehen und ewig leben werden.»
  2. Krankheit, Sterben und Tod sind eine von Gott gewollte Prüfung, in der sich Gottes Wille zeigt. Der Kranke hat sich dem göttlichen Willen bereitwillig zu beugen. (Kapitel 1)
  3. So kann das Sterben Trost und Erleichterung mit sich bringen. (Kapitel 3)
  4. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass man ein erlösungsbedürftiger Sünder ist, der seine Hoffnung auf Christus und nicht auf vergängliche Dinge setzt. (Kapitel 4)
  5. Der fatalistischen Grundstimmung wird der Riegel geschoben. Der Patient hat die Pflicht, ärztliche Beratung zu suchen und Medikamente einzunehmen. (Kapitel 2)
  6. Der berechtigten Sorge um seine Familie hat der Kranke durch rechtzeitige Verfügungen Genüge zu tun; den Rest soll er der Fürsorge Gottes anbefehlen. (Kapitel 5)
  7. Der einzige Trost im Sterben findet sich im Evangelium. (Kapitel 6) Christus gibt uns ein eindrückliches Beispiel durch sein eigenes Sterben. (Kapitel 12) Er leitet uns zum Beten an. (Kapitel 11)
  8. Kein aktiv vorbereitendes Handeln des Menschen, sondern allein der Glaube an Christus kann den Menschen vor den Schrecken des plötzlichen  Todes bewahren (Kapitel 14)
  9. Es gibt Hinweise zur Gestaltung der Begräbnisplätze und zum seelsorgerlichen Gespräch (Kapitel 13 und 15).

Ich würde sagen: Tauchen wir in diese Schrift ein, damit wir weise(r) werden. Online, gratis und franko Herz.

Corona in Perspektive (4): Die Pest hat angefangen, ist aber recht gnädig

Wir Europäer des 21. Jahrhunderts ignorieren zweierlei: Wir verachten die vergangene Zeit und denken, sie hätte uns nichts mehr zu sagen. Dabei verhilft uns gerade dieser Blick, uns vom Nebel der Gegenwart zu befreien. Zudem haben wir uns von der “übernatürlichen Welt” befreit; wir leben so, als ob es nur die sichtbare Welt gäbe.

Hören wir Luther zu, wie er den Ausbruch der Pest in seiner Stadt kommentiert, wie er die Lage einschätzt und seine eigene Rolle sieht:

Die Pest hat hier zwar angefangen, aber sie ist recht gnädig. Die Furcht und die Flucht der Leute … davor ist jedoch erstaunlich, so daß ich eine solche Ungeheuerlichkeit des Satans vorher noch nicht gesehen habe. So sehr erschreckt (er die Leute), ja er freut sich, die Herzen so verzagt zu machen, natürlich damit er diese einzigartige Universität zerstreue und verderbe, welche er nicht ohne Ursache vor allen anderen haßt. Jedoch sind während der ganzen Zeit der Pest bis auf diesen Tag nicht mehr als 18 Todesfälle gewesen einschließlich derer, die innerhalb der Stadt waren, Mädchen und Kinder und alles mitgezählt. In der Fischervorstadt … hat sie heftiger gewütet, in unserem Stadtteil … ist noch kein Todesfall, obwohl alle Toten da begraben werden. Heute haben wir die Frau von Thilo Dhene … begraben, welche gestern fast in meinen Armen gestorben ist, und dies ist der erste Todesfall mitten in der Stadt. Jene 18 Beerdigungen haben um mich her nur am Elstertor stattgefunden. Unter ihnen war auch Barbara, die Schwester Eures Eberhard (Brisger), die schon erwachsen war. Das sage dem Magister Eberhard. Aber auch die Tochter des Johannes Grunenberg … ist gestorben. Hans Lufft …ist wieder aufgekommen und hat die Pest überwunden, und viele andere würden wieder gesund, wenn sie Arznei nähmen. Aber viele sind so beschränkt, daß sie die Arzneien verachten und ohne Ursache sterben. Der kleine Sohn des Justus Jonas, Johannes, ist auch gestorben. Er war mit seiner Familie nach Hause gefahren. Ich bleibe, und das ist wegen dieser ungeheuren Furcht unter dem Volke nötig. Daher sind Bugenhagen und ich allein hier mit den Kapellanen …Christus aber ist da, damit wir nicht allein sind. Er wird auch in uns triumphieren über die alte Schlange, den Mörder und Urheber der Sünde, wie sehr er auch immer seine Ferse stechen mag (1. Mose 3, 15). Betet für uns und gehabt Euch wohl.

Martin Luther: 1527. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 7408
(vgl. Luther-W Bd. 10, S. 183 ff.)

VD: GS

Corona in Perspektive (3): Erschreckt nicht!

Mein ältester Sohn erinnerte mich dieser Tage an ein Argument, das ich vor einiger Zeit selbst eingebracht hatte. “Papa, lies uns doch Texte aus der Bibel vor, die für diese Zeit hilfreich sind.” In der Nacht dachte ich darüber nach und entschied mich für die sogenannte “Endzeitrede” von Jesus in der Version von Matthäus (24. Kapitel). Mein Fokus: Wir lesen den Text in kleinen Abschnitten und achten uns genau darauf, was geschrieben steht und auf die Reihenfolge der Argumente. Zudem fragen wir uns, was Jesus nicht sagt.

Wir waren erfreut, als wir als Familie gemeinsam die Predigt aus der Arche Hamburg anhörten. In Gottes Souveränität hatte er die Gemeinde gerade an diesem Sonntag zur Endzeitrede in Markus 13 geführt, wie Pastor Christian Wegert anfangs betonte. Einige Anmerkungen aus meinen Notizen zur Predigt:

Als die Jünger das grossartige Bauwerk von Herodes, doppelt so gross wie die Akropolis, anblickten, wurde ihr bewundernder Blick jäh gestört: Kein Stein würde auf dem anderen bleiben!

Die Jünger konnten sich aus ihrer Perspektive nichts anderes vorstellen, als dass dies die Wiederkunft des Messias und das Ende der Weltzeit bedeutete (Matthäus 24,3).

Ihre Frage fokussierte auf sich auf das Wann und die begleitenden Zeichen, nicht auf das Warum! So ist es bis heute geblieben. Der Tempel würde nicht länger gebraucht werden. “Hier ist einer, der grösser ist als der Tempel.” (Mt 12,6) Und: In drei Tagen wird dieser Tempel abgebrochen und wieder aufgebaut werden. “Er aber redete vom Tempel seines Leibes.” (Joh 2,21)

Die Erläuterungen von Jesus erfolgen aus seelsorgerlicher Absicht, nicht zur Befriedigung von Spekulationen.

Wegert arbeitete fünf Anwendungen heraus:

  1. Jesus kommt gewisslich wieder. Das ist der Zielpunkt der gesamten Rede. Ist er auch der Zielpunkt meines Lebens in diesen Tagen?
  2. Habt acht, dass euch niemand verführt. Vorsicht vor Ideen und Lösungen – manche bieten vermeintlich den Schlüssel zur Lösung der Krise an.
  3. Erschreckt nicht. In Gottes souveränem Plan müssen diese Dinge geschehen. Manchmal hatten die Menschen schon gedacht, es sei das Ende, dabei war es erst der Anfang!
  4. Habt acht auf euch selbst. Der Druck würde selbst zu Spaltungen in der Familie führen.
  5. Harrt bis zum Ende aus. Sind wird damit wieder auf uns selbst geworfen? Nein, wir erhalten uns in der Liebe Gottes, weil er uns bewahrt (Judas 21+24).

Ich verweise zudem auf die Predigt “Die richtige Perspektive auf dieses Leben” (Psalm 90) meines Freundes Jochen Klautke.

Corona in Perspektive (2): Die Medien übernehmen die Katechese unserer inneren Landschaft

In diesen Tagen verspüre ich vermehrt die Last (so ähnlich wie die alttestamentlichen Propheten), als Hausvater und Vorsteher meiner Familie nicht nur über die Schutzmassnahmen unserer Regierung zu sprechen, sondern ebenso im weltanschaulichen Kampf zu «unterweisen». Nehme ich diese Gelegenheit nicht wahr, werden wir automatisch von unserer Umgebung, insbesondere durch die Medien, «katechetisiert». Katechese ist im erweiterten Sinn die Anwendung biblischer Prinzipien auf die aktuelle Situation.

Auf einem kleinen Whiteboard entstand im Nachgang zum Frühstück eine Skizze. Ich füge einige Erläuterungen an, die ich u. a. aus Nancy Pearceys Buch “Total Truth” schöpfte.

  1. Im Lauf der Kirchengeschichte sind Natur (Schöpfung) und Gnade (Erlösung) über weite Strecken voneinander getrennt gedacht und gelebt worden.
  2. In früheren Jahrhunderten dominierte der Bereich der Gnade in Form der Kirche über das öffentliche Leben und die staatliche Macht. In der heutigen Zeit hat sich dieses Verhältnis gekehrt.
  3. Durch die Säkularisierung, das heisst die Loslösung des Denkens und Handelns vom persönlich-unendlichen Gott, wurden die beiden Bereiche neu definiert. Aus der Gnade wurde Freiheit, regiert vom autonomen Ich. Der untere Bereiche der Natur wird durch die Wissenschaft dominiert. Experten geben dort den Ton an.
  4. Es existiert ein Split, ein tiefer Graben zwischen öffentlichem und privatem Bereich. Die Welt der Freizeit, regiert vom Konsumenten, erstreckt sich auf den Feierabend und das Wochenende. Jeder konstruiert und maximiert sich seinen privaten Spass. Die Arbeit fällt unter den öffentlichen Bereich.
  5. In der aktuellen Corona-Krise werden beide Bereiche vermischt. Schule findet nun von zu Hause aus über Distance Learning statt. Damit geraten die beiden getrennten Bereiche in einen direkten Konflikt. Im Wortlaut eines Schülers: «Zu Hause mache ich – nichts.»
  6. Es gibt nur ein Leben und nur eine Wahrheit, die vom persönlich-unendlichen Gott ursächlich definiert worden ist. Christen werden durch das erlösende Werk des dreieinen Gottes zumindest teilweise wiederhergestellt.
  7. Jede Kirche und jeder Gemeindeverband verfügen über ein gelebtes Verständnis vom Verhältnis der beiden Bereiche Gnade und Natur. Die einen koppeln den «oberen Bereich» der Gnade vom restlichen Leben ab und betonen die Jenseitigkeit; die anderen heben die «Anschlussfähigkeit» hervor und konzentrieren sich auf «horizontale Aktion». Die Folgen beider Konzepte sind ähnlich: Grosse Teile unseres Lebens werden nicht erneuert (im biblischen Wortlaut «geheiligt»).
  8. Zeiten der Krise sind besonders geeignet, Aspekte des vermeintlich Privaten und Subjektiven in die Experten-gläubige «öffentliche Welt» zu transportieren. Ich befürchte, dass wenige Christen wirklich «sprachfähig» sind. Sie lassen sich von Angst oder Ignoranz/Verachtung steuern und übernehmen damit die säkularen Denkvoraussetzungen.
  9. Daraus entsteht die Frage: In welcher Haltung lebe ich die nächsten Tage und Wochen vor meinem Gott, zu dessen Ehre ich existiere? Wie antworte ich auf An-Fragen und deutlicher sichtbare Lebensangst?
  10. Am Beispiel unserer eigenen Familie: In welcher Haltung lernen wir zu Hause? Wie gehen wir miteinander um? Worüber sprechen wir mit unseren Nachbarn? In welcher Gesinnung begegnen wir in unseren Berufen (Gesundheitswesen, Schule) den Nächsten? Ich bete dafür, dass ein Geschmack der Erlösung sichtbar wird!

Corona in Perspektive (1): Unter der Oberfläche rumort die grosse Lebensangst

Die drastischen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie in der Schweiz (hier geht es zu einem hilfreichen überblickenden Artikel) brachten mich ins Nachdenken. Als Theologe, der seit Jahren im Gesundheitswesen arbeitet, bin ich der Überzeugung, dass es höchste Zeit ist, uns in unserer Ohnmacht sich der grossen westlichen Tradition und Geschichte wieder zuzuwenden. Os Guinness, Religionssoziologe und Kulturkritiker, nennt dies “Schnittblumen-Zivilisation” – eine Kultur, die sich von ihren eigenen Wurzeln gelöst hat.

“Unter der Oberfläche rumort die grosse Lebensangst.” Besser könnte man das aktuelle Geschehen aus biblischer Weltsicht nicht fassen. Überhaupt gewinnt das Buch über das Leid von Timothy Keller in der gegenwärtigen Situation nochmals an Bedeutung. Der Autor meint: «Das Hinauszögern unseres Todes ist eine unserer Lieblingsbeschäftigungen.» Jahrzehntelang als Pastor in New York tätig gewesen, fasst er seine eigenen Erfahrungen zusammen:

Der Verlust lieber Menschen, Krankheiten, die unser Leben einschränken und irgendwann tödlich enden, Menschen, die uns enttäuschen, finanzielle Verluste und moralische Niederlagen – all dies werden Sie früher oder später erleben, wenn Sie ein normales Lebensalter erreichen. Keiner ist dagegen gefeit. Egal, wie gut wir vorbeugen, egal, wie gut wir unser Leben gestalten, egal, was wir alles anstellen, um reich, gesund, beruflich erfolgreich und in Freundschaft und Familie glücklich zu sein – irgendwann kommt etwas, das unser schönes Leben beschädigt, ja ruiniert. Mit noch so viel Geld, Macht und Planung können wir es nicht verhindern, dass Tod, Krankheit, zerbrochene Beziehungen, finanzielle Katastrophen und hundert andere Übel über uns hereinbrechen. Das menschliche Leben ist furchtbar zerbrechlich, ausgeliefert an Kräfte, die zu stark für uns sind. Das Leben ist tragisch. Intuitiv wissen wir dies alle, und die unter uns, die sich mit Leiden und Schmerz auseinandersetzen müssen, lernen nur zu bald, dass dies allein aus ihrer Kraft nicht möglich ist. Wollen wir nicht verzweifeln, brauchen wir alle Hilfe.

Gleichzeitig bekennt Keller ehrlich, dass am Anfang seiner Ehe keiner von beiden auch nur das Elend eines eingewachsenen Fussnagels kannte. Dies entspricht der Situation mancher Europäer und gerade von uns Schweizern. Für das Buch hat er das überaus treffende Bild eines «Schmelzofens» verwendet:

Es ist extrem heiß und gefährlich, aber richtig benutzt, zerstört es den Gegenstand, den wir in es hineinlegen, nicht, sondern formt ihn, läutert und verfeinert ihn, ja macht ihn schöner. Dies ist eine bemerkenswerte Sicht vom Leiden: Im Glauben getragen, kann es uns am Ende nur besser und stärker machen, uns mehr Größe und Freude geben. Leid kann den Spieß des Bösen gleichsam umdrehen; es kann seine teuflischen Pläne vereiteln und aus Finsternis und Tod Licht und Leben kommen lassen.

Wie schade, wenn selbst Christen keinen Zugriff mehr auf den überaus reichen Fundus zu diesem Thema aufweisen und sich angesichts des Schmelzofens einer der drei falschen Strategien verschreiben: Weglaufen (Flucht), “Augen zu und durch” (Verdrängung) oder “alles über sich ergehen lassen” (Verzweiflung).

Fortsetzung folgt

Zitat der Woche: Welcher Lehrer kann und will diesen Effort leisten?

Der grosse russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn berichtet in seinen Exil-Memoiren «Meine amerikanischen Jahre», wie er und seine Frau die drei Söhne bildeten. Mal im Ernst: Welcher Lehrer kann und will einen vergleichbaren Effort leisten?

… Alja beeilte sich, sie möglichst tief in die Fluten der russischen Sprache einzutauchen, ehe sie in die amerikanische Umgebung hinausgehen sollten. Sie las ihnen jeden Tag vor, und früh entbrannte auch bei ihnen die Leidenschaft, selbstständig zu lesen und Gedichte auswendig zu lernen (Alja hatte ihre große Bibliothek fast vollständig aus Moskau herausbringen können).

Jermolaj und Ignat unterrichtete ich in Algebra und Geometrie, später auch Stepan, nachdem er seine träumerische Zerstreutheit überwunden hatte, die uns anfangs etwas beunruhigte, jedoch ein Vorbote seines Einfühlungsvermögens war. Als die Kinder zwischen sieben und zehn Jahre alt waren, begann ich mit Physik und Astronomie. Ende August, wenn sich das Sternenzelt recht früh zeigte, führte ich sie auf die einzige offene Wiese, die wir hatten, um ihnen die Gestirne zu zeigen. Am nächsten Tag erklärte ich mathematische Elemente an der Tafel. Von der Astronomie waren die Kinder sehr fasziniert…

Das Familien-ergänzende Angebot ist eine Selbstverständlichkeit:

… Unser Priester, Vater Andrej, der, zwanzig Meilen von uns entfernt, in der englischsprachigen orthodoxen Kirche einer Gemeinde alteingesessener Emigranten diente, erteilte unseren Kindern einmal die Woche Religionsunterricht, dann auch den allgemeinen Geschichtsunterricht. Unsere Jungen wirkten beim Gottesdienst als Ministranten mit, Jermolaj las bereits aus liturgischen Büchern vor. Ihr erster Englischlehrer war ein Amerikaner italienischer Herkunft, Leonard DiLisio, ein sympathischer, bescheidener und edelmütiger Mensch. (Er konnte gut Russisch und arbeitete nach Irina llowajskajas Abreise nach Paris 1979 bei mir auch als Sekretär, zweimal pro Woche.)

Und die Anschlussfähigkeit war kein Thema – eher umgekehrt: Der grosse Vorsprung.

Mit dem so gestalteten Unterricht schafften wir es rechtzeitig, unsere Söhne auf die Schule vorzubereiten, denn nur selten konnte man hier in einem Fach von einem angemessenen Wissensniveau ausgehen. Allerdings wurden sie von ihrer Umgebung auf die Probe gestellt, was ja überall eine Herausforderung ist. Zunächst waren sie an einer Privatschule, die viele Fertigkeiten und ausgefallene Kenntnisse vermittelte, jedoch keine Hausaufgaben und keine Noten vergab, um die Schwächeren nicht zu traumatisieren, den mennonitisch-sozialistischen Ansichten ihres Direktors entsprechend. Dann kamen sie an eine allgemeine Volksschule (ebenfalls meistens ohne Hausaufgaben), dann an eine Mittelschule, die schon weiter entfernt lag.

Dann schildert Solschenziyn noch die ach so wichtigen (wirklich?) Sozialisierungsübungen der Peer. Mir will jedoch nicht einleuchten, dass sie privat unterrichteten Kindern besonders häufig widerfahren sollten. Das ist doch vom Charakter abhängig. Ein stabiles Elternhaus stabilisiert.

Ein Schulbus sammelte morgens die Kinder »von den Hügeln« ein und brachte sie nach dem Unterricht nach Hause. Jermolaj war zwei Jahre Jünger als der Rest der Mitschüler und scheute keine Mühe, ihnen zu beweisen, er gehöre auch dazu; dafür nahm er Stunden in Karate. Doch der gutmütige Stepan war, wie sich herausstellen sollte, gänzlich schutzlos gegen die brutalen Sitten an dieser Schule, er war nicht fähig, wüste Beschimpfungen mit gleicher Münze zurückzuzahlen, seine Haltung schürte die Angriffslust nur an. Dass er Ausländer war, kam noch hinzu. In den Pausen ließen sie ihn nicht an gemeinsamen Spielen teilnehmen, nannten Ihn »Russian Negro«, verlangten von ihm, Gras zu essen, stopften ihm sogar Gras in den Mund.  … Als sich auf dem amerikanischen Stützpunkt in Beirut eine Explosion ereignet hatte, bei der zweihundert Marines starben, fingen sie an, gegen Stepan als einen ‘russischen Spion’ zu hetzen. Im Schulbus drehten sie ihm die Hände auf den Rücken, schlugen ihn und nannten ihn dabei ‘Kommunist! Spion!’ (Vom Logistischen her sind diese Schulbusse herovrragend, doch für etwa eine Stunde entreissen sie die Kinder jeglicher Aufsicht, der Fahrer ist nicht imstande, alle im Auge zu behalten, und die gröbsten und widerlichsten Sachen passieren gerade hier.)

10 Fragen … für die Corona-Virus-Tage

Lehre uns unsere Tage zählen, damit wir weise werden! Wie soll das denn gehen? Was meinte Mose vor 3500 Jahren, als er diesen Aufruf in ein Lied (Psalm 90) fasste? Es geht darum, innerlich abzuwägen und dabei nicht nur den Moment und das nächste Vergnügen ins Auge zu fassen. Hier sind 10 Fragen für die Tage mit Corona-Virus:

  1. Was wäre mein erster Gedanke, wenn ich mit der Diagnose konfrontiert wäre?
  2. Welche Gedanken trage ich in mir, wenn ich über öffentliche Plätze (Flughafen, Bahnhof) gehe?
  3. Wovor fürchte ich mich insgeheim am meisten?
  4. Was habe ich zu verlieren, wenn mein Leben heute zu Ende wäre?
  5. Gibt es einen Ort, an dem ich mich sicher fühle? Weshalb?
  6. Wohin möchte ich (manchmal) flüchten?
  7. Welchen Eindruck – «Geruch» – «Legacy» (Erbe) würde ich zurücklassen, wenn ich das Zeitliche segnete?
  8. Was gibt mir Sinn heute zu leben?
  9. Über wen habe ich in den letzten Tagen gelächelt und den Kopf geschüttelt? Weshalb?
  10. Habe ich mich schon mal ernsthaft mit meiner Endlichkeit auseinandergesetzt? Wenn ja, wann und weshalb? Wenn nein: Was hält mich davon ab?

Input: Digitaler Minimalismus

Ich bin überzeugt, dass wir uns zu unseren Prinzipien zum Gebrauch der digitalen Technologien grundlegende Überlegungen anstellen sollten. Diese können wir dann in tägliche Gewohnheiten übersetzen. Hier habe ich mehr darüber geschrieben.

Jakob Haddick schreibt in seiner Rezension zum Buch “Digitaler Minimalismus”:

Newport fordert den Leser in seinem Buch zum „Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsindustrie“ auf – so auch der Titel des letzten Kapitels. Das Buch ist unglaublich praktisch und relevant. … Er führt den Leser Schritt für Schritt hin zu einem bewussten Nutzen neuer Technologien. Ich würde es jedem Leser raten, sich einmal auf die 30 Tage Challenge einzulassen und in diesem Zeitraum einmal auf so viele Technologien wie möglich zu verzichten. Das geht auch ohne dieses Buch, aber wer es liest, findet viele Hilfen zur Umsetzung. Wenn wir es lernen, unsere begrenzte Zeit besser einzusetzen, könnte viel gewonnen werden.

Zitat der Woche: Glück und die Natur der Sattheit

Solschenizyn befand sich 1948 in einer Haftanstalt für Wissenschaftler mit erleichterten Haftbedingungen (Scharaschka). Daraus entstand sein Werk, angelehnt an Dante mit dem Titel «Der erste Kreis der Hölle» benannt. Solschenizyn bildete darin lange Dialoge über den Sinn des Lebens ab. Er selbst war in diesen Jahren auf der Suche. Dies ist ein Dialog aus dem 5. Kapitel, welche die Glücksvorstellung der Konsumgesellschaft auf den Kopf stellt:

»Wenn ich früher — in der Freiheit — in Büchern las, was kluge Menschen über den Sinn des Lebens oder darüber, was das Glück sei, dachten, so verstand ich diese Stellen schlecht. Ich gestand ihnen zu: kluge Menschen sind zum Denken verpflichtet, aber was ist der Sinn des Lebens. Wir leben und darin liegt der Sinn. Das Glück? Wenn es uns sehr, sehr gut geht, so ist dies Glück. Das weiß jeder. Manchmal denke ich, das Gefängnis sei doch nicht das Schlechteste; immerhin gibt es mir Gelegenheit nachzudenken. Um die Natur des Glücks zu verstehen, erlaube mir, zuerst die Natur der Sattheit aufzuzeigen. Denk an die Lubjanka oder die Gegenspionage. Denk an die dünne, wässerige Hafer- oder Gerstengrütze ohne ein einziges Tröpfchen Fett! Kannst du sagen, dass du sie isst, dass du sie trinkst oder verspeist? Mit heiligem Zittern wirst du ihrer teilhaftig, du empfängst sie wie das Abendmahl. Wie die Yogis das Prana empfangen. Du ißt sie langsam, du ißt sie mit der Spitze des hölzernen Löffels, du ißt sie ganz versunken in den Prozeß des Essens, in das Denken über das Essen, und der Fraß verteilt sich in deinem ganzen Leib wie Nektar, du erzitterst von der Süßigkeit, die sich dir in diesen zerkochten Körnchen und der trüben Nässe auftut, in der sie herumschwimmen. So lebst du sechs Monate, vielleicht zwölf, und hast im Grunde nichts gegessen. — Kannst du damit das grobe Verschlingen von Koteletts vergleichen?«

… »So haben wir an uns selbst und an dem Unglück unserer Kameraden die Natur der Sattheit erkannt. Die Sattheit hängt nicht im geringsten davon ab, wieviel wir essen, sondern davon, wie wir essen. So ist es auch mit dem dem Glück, Lewuschka, es hängt überhaupt nicht von dem Umfang der äußeren Segnungen ab, die wir dem Leben entrissen haben, es hängt nur von unserer Beziehung zu ihnen ab! Darüber heißt es in der taoistischen Ethik: es versteht, sich zufrieden zu geben, der wird immer zufrieden sein.« … Das Glück immerwährender Siege, das Glück triumphal erfüllter Wünsche, das Glück des Erfolges und vollständiger Sättigung, das ist seelisch-geistiger Tod, das ist eine Art nicht endenwollender moralischer Qual! Nicht die Philosophen der Wedanta oder der Sankhya, sondern ich, ich persönlich, Gleb Nershin, der sich das fünfte Jahr im Joch befindet, erklomm diese Entwicklungsstufe, wo man schon beginnt, das Schlechte auch als Gutes anzusehen, und ich bin der Meinung, daß die Menschen selbst nicht wissen, was sie erstreben. Sie suchen im leeren Raum herum nach einer Handvoll irdischer Güter und sterben, ohne ihren eigenen seelischen Reichtum erkannt zu haben. (Ausgabe Fischer von 1968, S. 45-48)

Zitat der Woche: C. S. Lewis’ Alltag mit 50

Ich höre mir einige Jahre nach dem Lesen von Alan Jacobs’ ausgezeichneter Biografie zu C. S. Lewis das Hörbuch an. Ich war erneut bewegt vom Alltag dieses Mannes.

(C. S. Lewis) lebte zusammen mit seinem Bruder und einer alten Dame namens Mrs Moore – die er oft als seine Mutter bezeichnete, obwohl sie … nicht seine Mutter war  und beide waren gesundheitlich angeschlagen und auf seine Fürsorge angewiesen. Erst wenige Tage vor seinem Essen mit (seinem Freund Roger Lanclyn) Green hatte er einer amerikanischen Freundin geschrieben, er sei »an eine Invalide gefesselt«, denn eine solche war Mrs Moore, die mit ihrer Arthritis und ihren Krampfadern nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte, inzwischen geworden. Mrs Moore ihrerseits verkündete, Lewis sei »so gut wie ein zusätzliches Dienstmädchen im Haus«, und in der Tat benutzte sie ihn als Dienstmädchen, was seinen Bruder regelmäßig mit Abscheu erfüllte. Außerdem scheint sie in ihren letzten Lebensjahren zwanghaft und streitsüchtig geworden zu sein; ständig machte sie sich Sorgen um ihren Hund und lag mit dem Haus-Personal über Kreuz. Lewis hatte zwar zwei Bedienstete gefunden, die im Haushalt und bei der Krankenpflege halfen, wenn er im Magdalen College sein musste, wo er ein zermürbendes Pensum an Vorlesungen, Tutorien und Korrespondenz zu bewältigen hatte, doch für einige Zeit Wurde eines der Mädchen labil (sie musste sich irgendeiner psychiatrischen Behandlung unterziehen), sodass .er gelegentlich nach Hause zurückkehren musste, um Konflikte beizulegen, die zwischen den Hausbediensteten untereinander und mit Mrs Moore entstanden waren.

1947 war er vom Marquis von Salisbury gebeten worden, gemeinsam mit den Erzbischöfen von Canterbury und York an Konferenzen über die Zukunft der Anglikanischen Kirche (der Lewis angehörte) teilzunehmen, hatte dies jedoch ablehnen müssen: »Meine Mutter ist alt und gebrechlich … und ich weiß nie, wann ich, und sei es nur für einen Tag, meinen Pflichten als Krankenpfleger und Hausbediensteter entrinnen kann. (Es gibt in meinem Haus sowohl körperliche als auch psychische Nöte.)« In den zwei Jahren seither hatten sich diese Belastungen eher noch verstärkt, und in manchen von Lewis’ Schriften finden sich dunkle Andeutungen, dass dieses Leiden seinen christlichen Glauben bis ins Mark erschütterte. Obwohl er erst kurz zuvor noch von den Freuden des Himmels geschrieben hatte, sah er sich im selben Jahr, in dem er den Brief des Marquis enthielt, verzehrt vom »Grauen vor dem Nichtsein, der Auslöschung« – also vor der Feststellung, dass der Gott, dem er vertraut hatte, doch kein ewiges Leben zu bieten hatte.

Wie man aus Lord Salısburys Einladung erraten könnte, war Lewis ein berühmter Mann, in Amerika ebenso wie in Großbritannien (nur wenige Monate nach dem Erhalt des Briefes prangte sein Bild auf dem Titelblatt des Magazins Time), und täglich fegte ein Schneesturm von Briefen über ihn hinweg. Lewis, der entschlossen war, jeden Brief zu beantworten, wurde dabei normalerweise von seinem Bruder Warnie unterstützt, der die Briefe nach Diktat oder Entwurf tippte und die Akten in Ordnung hielt, doch Anfang März 1949 lag Warnie im Oxforder Acland Hospital, nachdem er sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken hatte. (Derartig selbstmörderische Trinkgelage kamen bei ihm für den Rest seines Lebens immer wieder vor.) Als Warnie am 3. März entlassen wurde, ’war er noch nicht wieder so weit bei Kräften, um ganz selbstständig für sich zu sorgen, sodass sein Bruder sich um ihn ebenso kümmern musste wie um Mrs Moore und Bruce, den betagten Hund, um dessen Wohlergehen Mrs Moore so ängstlich besorgt war. Eine Zeitlang nahm sich Lewis allein der Korrespondenz an, neben seiner Arbeit am Magdalen College. Warnie notierte in seinem Tagebuch: »Seine Freundlichkeit ist unvermindert«, doch die Kräfte seines Bruders ließen nach. Anfang April schrieb Lewis an einen Freund, der ihn getadelt hatte, weil er nicht prompt auf einen Brief geantwortet hatte: »Hundekot und menschliches Erbrochenes haben heute meinen Tag ausgefüllt: einer dieser Tage, wo man um elf Uhr vormittags das Gefühl hat, es müsste schon drei Uhr nachmittags sein.« Zwei Monate später brach er zu Hause zusammen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Diagnose lautete auf Halsentzündung, doch dahinter steckte schlicht und einfach Erschöpfung, und sein Arzt machte sich Sorgen über die Belastung für sein Herz.