Input: Die Lehre der Trinität

Johannes Calvin (1509-1564) fasst die Lehre der Trinität unter Berücksichtigung der Dogmengeschichte sorgfältig zusammen (in seiner Institutio, Buch I, Kapitel 13). Die Überschrift zu diesem Kapitel lautet „Die Schrift lehrt uns schon aus der Schöpfung erkennen, daß ein einiges göttliches Wesen in drei Personen sei.“ Schon am Anfang seines Werkes hatte er ein spekulatives Vorgehen zurück gewiesen: Es sei ein „unnützes Gedankenspiel, wenn einige sich eifrig um die Frage nach Gottes „Sein“ und „Wesen“ mühen. Uns liegt mehr daran, zu wissen, was für ein Gott er ist und was seiner Art gemäß ist.“ (Kapitel 2, Abschnitt 2)

Eine umkämpfte Lehre

„Nun hat der Teufel, um unseren Glauben mit der Wurzel auszurotten, zu allen Zeiten einerseits über das göttliche Wesen des Sohnes und des Geistes, anderseits über die Unterscheidung der Personen gewaltige Streitigkeiten erregt.“ (Abschnitt 21)
Zwei Gefahren: „Alsbald aber entsprangen aus einzelnen Menschen ganze Sekten, die zum Teil Gottes Wesen zerreißen, zum Teil die Unterschiedenheit der Personen verwischen wollten.“ (22)

Ein Grundwesen, drei Wesensarten

„Gott bestimmt sein Wesen noch durch ein besonderes Kennzeichen, das es uns ermöglicht, ihn genauer von allen Götzen zu unterscheiden. Denn er macht kund, daß er der Eine ist, doch so, daß er in drei Personen unterschiedlich betrachtet werden will.“ (2)
Grundwesen und Wesensart: „Wenn nun der Apostel den Sohn Gottes den Abglanz (Charakter) der Person (des Wesens) des Vaters nennt (Hebr. 1,3), so mißt er ohne Zweifel dem Vater eine Wesensart (subsistentia) zu, in der er sich vom Sohne unterscheidet.“ (2)

„Ich verstehe also unter Person eine Seinsweise (subsistentia) in Gottes Wesen, die in ihren Beziehungen zu den anderen eine unübertragbare Eigenheit besitzt. Unter Seinsweise (subsistentia) wollen wir also etwas anderes verstehen als „Wesen“ (essentia). Wäre nämlich das Wort einfach Gott, ohne etwas für sich allein zu haben, so hätte Johannes mit seinem Satz: „Dasselbige war im Anfang bei Gott“ (Joh. 1,1) etwas Verkehrtes ausgesprochen!“ (6)

„Bevor wir jedoch weitergehen, muß erstens die Gottheit des Sohnes und des Geistes bewiesen und zweitens der Unterschied zwischen ihnen gezeigt werden.“ (7)

Schriftbelege zur Gottheit des Sohnes (Auszug):

  • Joh 5,17 Der Sohn ist „selbst seit Anbeginn der Welt mit dem Vater zusammen kräftig am Werke gewesen“. (7)
  • Das Wort, das im Anfang als Gott bei Gott war, wird zugleich mit dem Vater als Ursprung aller Dinge uns vorgestellt (Joh 1,3). (7)
  • Christus wird als Gott bezeichnet und mit der höchsten Macht ausgestattet. (Jes 9,5f) (9)
  • Der Engel des Herrn ist Jahwe. (Richter 13,16+18+22) (10)
  • AT/NT; Jahwe/Christus: Jes 8,14/ Röm 9,32f; Jes 45,23/Röm 14,10f; Ps 68,19/Eph 4,8; Jes 6,1/Joh 12,41. (11)
  • Christus wird im NT als Gott bezeichnet: Joh 1,1+14; 2Kor 5,10; Röm 9,5; 1Tim 3,16; Phil 2,6ff; 1Joh 5,20; 1Kor 8,5; Apg 20,28, Joh 20,28 (12)
  • Wunder: Jesus gibt den Jüngern Macht, Tote zu erwecken, Aussätzige rein zu machen, Teufel auszutreiben usw. (Mt 10,8; Mk 3,15; 6,7). Er selbst verweist auf seine Wunder (Joh 5,36; 10,37; 14,11). (13)

Schriftbelege zur Gottheit des Heiligen Geistes (Auszug):

  • Wäre der Geist nicht eine Seinsweise in Gott, so würde ihm sicherlich in keiner Weise Wahl und Wille zugeschrieben. Deshalb mißt also Paulus dem Geist mit voller Klarheit gött­liche Macht bei und zeigt, daß er als eigene Wesenheit (hvpostatice) in Gott wohne. (14)
  • 1Kor 2,10+16 Er erforscht die Tiefen Gottes, reicht Weisheit und Redefähigkeit dar.
  • 1Kor 12,4+11 Der Geist ist Urheber der Gaben.
  • Paulus folgert daraus, daß der Geist in uns wohnt, daß wir ein Tempel Gottes sind (1. Kor. 3,17; 6,19; 2. Kor. 6,16).
  • Heiliger Geist / Gott (Apg 5,3f); Jes 6,9/Apg 28,25 (15)

Deutlichere Offenbarung im Neuen Testament

Wie sich nun Gott in der Ankunft Christi deutlicher offenbart hat, so hat er sich dort auch in den drei Personen vertrauter kundgemacht. (16)

Mt 28,19 „diese For­mel bedeutet soviel wie die Forderung der Taufe auf den Namen des einen Gottes, der in voller Klarheit im Vater, im Sohne und im Geiste erschienen ist; und daraus ergibt sich deutlich, daß in Gottes Wesen drei Personen sind, in welchen der eine Gott erkannt wird!“ (16)

Unterschiede ohne Trennung

Es werde “auch ein gewisser Unterschied des Vaters gegenüber dem Worte und des Wortes gegenüber dem Geiste aufgestellt”
„Mir gefällt besonders das Wort des Gregor von Nazianz: „Ich vermag nicht, einen zu denken, ohne sofort von den dreien umstrahlt zu werden; und ich kann die drei nicht scheiden, ohne auf den einen zurückzukommen.“ (Gregor von Nazianz, Von der Heiligen Taufe).“
“Es handelt sich um Unterscheidung und nicht um Scheidung.” (17)
„Dem Vater ist der Anfang des Wirkens zugeschrieben, er ist aller Dinge Quelle und Brunnen, dem Sohne eignet die Weisheit, der Rat und die geordnete Austeilung, dem Geiste die Kraft und Wirksamkeit im Handeln.“ (18)

Verzicht auf menschliche Analogien

„Um diese Unterscheidung näher zu kennzeichnen, hat man zuweilen Ähnlichkeiten aus menschlichen Verhältnissen entlehnt. Aber ich weiß nicht, ob dabei etwas heraus­kommt. Auch die Alten tun das manchmal; aber sie gestehen doch zugleich, es sei ein großer Unterschied zwischen Sache und Bild. Deshalb scheue ich hier alle Kühnheit; es könnte zu leicht etwas unbedacht Vorgebrachtes den Bösen zu Schmähungen und den Schwachen zum Irrtum Anlaß geben!“ (18)

Gegenseitige Innewohnung

„Diese Unterscheidung tut der vollen Einheit Gottes durchaus keinen Abbruch. Ja, es kann vielmehr gerade aus ihr erwiesen werden, daß der Sohn ein Gott ist mit dem Vater, weil er auch zugleich mit ihm den einen Geist hat, daß aber auch der Geist nicht etwas anderes, vom Vater und vom Sohne Getrenntes ist, weil er ja der Geist des Vaters und des Sohnes ist! Denn unter jeder einzelnen Person (Hypo­stase) wird die ganze (göttliche) Natur verstanden, mit dem zusammen, was jeder als Eigenheit zukommt.“ (19)

Ordnung ohne Hierarchie und gegenseitige Gemeinschaft

„Wenn wir bekennen, an den einen Gott zu glauben, so versteht man unter „Gott“ das eine und einfache Wesen, in dem wir drei Personen oder Hypostasen begreifen. Wird Gottes Name ohne nähere Bestimmung gebraucht, so ist nicht weniger der Sohn und der Geist als der Vater gemeint. Tritt neben den Vater der Sohn, so ist das Ver­hältnis (relatio) zu beachten, und so unterscheiden wir zwischen den Personen. Nun aber stehen die Eigenheiten (proprietates) der Personen untereinander in einer ge­wissen Ordnung, so daß der Vater Anfang und Ursprung ist. Wo also der Vater und der Sohn oder auch der Geist zusammen genannt werden, da wird der Name „Gott“ in besonderer Weise dem Vater beigelegt.“ (20)

Kevin J. Bidwell, der in seiner Doktorarbeit ein Proposal von M. Wolf kritisch untersucht hat, fasst die Kennzeichen so zusammen (Vorlesung):

  • Ein Wesen, drei Personen
  • Eine Essenz (homoousios)
  • Drei Personen (Hyposthaen)
  • Gegenseitige Innewohnung
  • Ordnung unter den Personen (monarchia, autotheios, taxis)
  • Gemeinschaft unter den Personen
  • Gott ist erkennbar und doch nicht erkennbar

Hanniel hirnt (176): Was ein 11-jähriges Bibelkursprogramm mit meiner Vision zu tun hat

Ich habe auf das Rafiki-Bibelkursprogramm hingewiesen und als wegweisend für zukünftige Jugendarbeit eingestuft.

Im 15-minütigen Hörbeitrag erkläre ich, 

a) wie dieses Programm entstand, mit Verweis auf das bahnbrechende Werk von David F. Wells “Eine monumentale Kulturkritik des Westens und des Evangelikalismus” (meine Rezensionen)

b) verbunden mit meinem Gebet für junge Männer,  “Innovativen Gemeinschaften als Zellen christlicher Gegenkultur”, “Offenen Familienandachten”.

Zitat der Woche: Die meisten Menschen wollen, dass man sie beim Wort nimmt

“Fundamentalismus” wird im offiziellen Sprachgebrauch unspezifisch für religiöse Angelegenheiten verwendet. Dieses Argument innerhalb einer Diskussion weist den Selbstwiderspruch nach.

Ich … wollte wissen, was man unter solchen (fundamentalistischen) Christen versteht. Antwort: “Leute, die die Bibel wörtlich und als göttliche Offenbarung verstehen.”

Das war mir zwar nicht neu, aber eine solche “Definition” ist unsinnig. Denn: Ich selber hoffe eigentlich, dass ich (unter Beachtung des Kontextes versteht sich) wörtlich genommen werde, wenn ich etwas schreibe oder sage, und dass man dann nicht irgendwas sucht, was nicht dasteht, oder etwas, das ich gar nicht behauptet habe. Die meisten Menschen wollen, dass man sie beim Wort nimmt und es nicht herumdreht (es gibt spezielle Ausnahmen). In der normalen Kommunikation sind also demnach die meisten Menschen fundamentalistisch.

Hier geht es zu einer eindeutigen Definition.

Bericht: Dieses Programm ist die Zukunft der Jugendarbeit in Europa

Selten rührt mich etwas zu Tränen. Von David Wells (mein Interview) wusste ich bereits, dass er einen grossen Teil seiner Zeit (auch nach seiner Rente) für ein Bibelstudien-Projekt in Afrika investierte. Auf der TGC Plattform ist nun eine ausführliche Reportage zu diesem Mammutprojekt erschienen.

Genial, was Gott in Afrika, bald in den USA und – Gott gebe es – im neu-heidnischen Europa durch dieses Studienprogramm bewirkt hat und wirken wird. Die Reportage beginnt mit einer wichtigen Geschichte: Afrikanische Waisenkinder erkennen Irrlehre und wechseln innerhalb einer Woche die Kirchgemeinde. Wie wünsche ich mir ein solches Training für die nachrückenden Generationen unserer Länder!

About six months ago, a pastor in Kenya told his congregation that they could be saved by good works. In his pews were about 80 children from a nearby orphanage, ranging from second grade to high school. “The kids came home visibly upset,” said David Pederson, who runs the Christian compound where the orphanage is housed, along with a Christian classical school and a teachers’ college, housing for missionaries, and a farm. “They were really distraught: ‘This isn’t what the Bible teaches. This isn’t right.’” “They were debating and asking questions,” said David’s wife, Julie, who co-administrates the campus with him. “It was really good.” Within a week or two, most of them switched to other churches.

Wie sieht das Programm aus, das hinter ihnen liegt?

The children had just finished 30 weeks in a daily Bible study on the book of Romans, so they knew grace backward and forward. But the timing wasn’t just an unlucky coincidence for the pastor—these children are in the middle of a 535-week Bible study. That’s more than 10 years of memory verses and study questions. “By the time they get to grade 12, they will have studied 90 percent of the Bible verse-by-verse,” David said.

Es handelt sich damit um das zeitlich längste Bibelstudienprojekt der Welt. Die gesamte Schulzeit üben die Kinder eine biblische Weltsicht ein.

The curriculum was written by Reformed theologians and is used—partially or completely—in orphanages, church schools, widows’ groups, and partner churches in Africa. Thousands of students, teachers, employees, church leaders, and church members have studied the Bible with it. A Bible study this intense “doesn’t exist anywhere else—even in the United States,” David said.

Hiner dem Mammutprojekt steckt die jahrzehntelange Initiative eines Ehepaars. Die Gründerin, selbst 89 Jahre alt, erzählt von ihrem eigenen täglichen Bibelstudium während Jahrzehnten.

“You know what happens to you after three and a half years of doing something?” she said. “You develop a habit. I was in the habit of reading the Bible. I couldn’t stop. I didn’t want to stop. And I will tell you for the rest of my life—I’m 89 now—I have read the Bible every day that I can remember.”

David F. Wells, Editor dieser Ausgabe und nach seiner Pensionierung täglich mit dieser riesigen Arbeit beschäftigt, beschreibt diese Dame so:

Jensen is “an entrepreneur extraordinaire,” former Gordon-Conwell Seminary professor David Wells said. “She’s always looking for the project that needs to be done. She could’ve been the president of a Fortune 500 company.”

Hanniel hirnt (175): Wir haben eine Motzkultur

Viele Menschen bewegen sich täglich in einem Umfeld, in dem beständig geklagt wird. Ich denke laut darüber nach (20 Minuten), wie ich selbst damit umgehe.

Zuerst einige vorgeordnete Überlegungen.

  • Wir sprechen von Kultur, weil sich der Zustand aus der Summe von Denk- und Handlungsgewohnheiten ergibt.
  • Ich führe zuerst mich selbst, das heisst meine innere und äussere Reaktion.
  • Ich bin immer mit mir zusammen und laufend im Dialog mit mir selbst – vor Gott.
  • Meine Denkgewohnheiten sind tief “eingebrannt” inkl. Gefühlen und körperlichen Reaktionen.

Für eine Veränderung rege ich an:

  1. Konzentriere dich auf wenige Schlüsselsituationen im Tagesablauf.
  2. Frage dich, welche Gedanken und Motive dich zu einer bestimmten Reaktion antreiben.
  3. Flüchte ins Gebet. Bitte für dich selbst und die anderen.
  4. Bedenke die Konsequenzen von Klagen, Ärger und Angst.
  5. Überlege dir verschiedene innere und äussere Reaktionen (Atem, Blick, Gedanken, Schweigen, Rückmeldung).
  6. Erwarte nicht, dass sich in einer Woche viel verändert. Kämpfe über Monate an der Erneuerung deiner Gewonheit.
  7. Sieh diesen mühevollen Prozess als Teil der Heiligung. Gott möchte uns in seiner Abhängigkeit halten.

Mehr hören: Wie ist das mit der Heiligung? (30 Minuten)

Buchbesprechung: Trümmer des Sozialismus und bleibender Reiz des Marxismus

Wie lebte es sich auf den Trümmern des Sowjetimperiums? Dies beschreibt Swetlana Alexijewitsch eindrücklich in “Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus”. In meiner Besprechung fasse ich zusammen:

Mit dem Untergang des Sowjetimperiums verschwand nicht nur eine überholte Ideologie. Es ging ein Koloss unter, der den Menschen Orientierung, Lebenssinn gab, sowie er bedingungslose Hingabe verlangte. Abgelöst wurde er durch schnöden Konsum, mafiöse Verhältnisse, kapitalistisch getünchten Raubbau an Mensch und Natur. Dies erkannten viele altgediente Kommunisten als wahrhaft billigen und unwürdigen Ersatz für das Gewesene.

Hier liegt meines Erachtens auch der Reiz des Kulturmarxismus. Wenn wir Christen diese Lebenshaltung des Konsums einfach übernehmen, bieten wir keine zugkräftige Alternative. Klaus Bockmühl zeigt in seinem Buch “Herausforderungen des Marxismus” auf, weshalb es so viele Neigungs- und Überzeugungsmarxisten gibt. In meiner Besprechung schreibe ich:

Der Marxismus weist Züge einer innerweltlichen Religion, der seinen Anhängern umfassenden Lebenssinn eröffnet und umgekehrt umfassende Lebenshingabe verlangt (6). Oder wie es der Schriftsteller Peter Weiss ausdrückt: Der Marxismus bietet Geschichtsbewusstsein, ein Handlungsprinzip und das Gefühl der Zugehörigkeit (26). 

Zitat der Woche: Geschichte ist Mumpitz

Die Auslöschung (bzw. Umschreibung/Neudeutung) der Geschichte ist ein erfolgreiches Werkzeug für die Indoktrination. Dies wird eindrücklich in Huxleys “Schöne neue Welt” gezeigt.

»Sie alle kennen wohl den schönen und wahren Ausspruch Fords des Herrn: Geschichte ist Mumpitz. Geschichte«, wiederholte er langsam, »ist Mumpitz.« (S. 48)

Ein (widerliches) Beispiel der Sexualethik:

Allein, wer mit der Geschichte nicht vertraut ist, dem klingen die meisten historischen Tatsachen unglaublich.« Er enthüllte die unfaßbare Wahrheit. Während langer Zeiten, vor dem Erdenwallen Fords des Herrn und sogar noch ein paar Generationen später, wurden erotische Spiele bei Kindern für widernatürlich gehalten – (brüllendes Gelächter!) -, ja nicht nur das, sondern auch für unanständig – (hört, hört) – und daher rücksichtslos unterdrückt. Ungläubiges Staunen malte sich auf den Gesichtern seiner Zuhörer. Armen kleinen Kindern ihre harmlosen Spiele zu verbieten! Es ging ihnen einfach nicht ein. »Selbst Heranwachsenden wie Ihnen -« »Ist das möglich!« »Von ein bißchen heimlicher Selbstbefriedigung und Gleichgeschlechtlichkeit abgesehen, gab es gar nichts.« »Ga-ar nichts?« »Meist erst mit zwanzig Jahren.« »Mit zwanzig Jahren?« echoten die Studenten ungläubig im Chor. »Jawohl, mit zwanzig Jahren«, wiederholte der Direktor. »Ich habe Ihnen ja gesagt, Sie werden es nicht glauben.« »Und was geschah?« wurde gefragt. »Was waren die Folgen?« »Die Folgen waren furchtbar«, ließ sich plötzlich eine tiefe, volltönende Stimme vernehmen. (S. 46)

Hier geht es zu einer kurzen Rezension.

Kolumne: Wenn sich die Strategie der Struktur beugt

Die Struktur soll der Strategie folgen. So lautet ein betriebswirtschaftlicher Grundsatz. Dieser präsentiert sich jedoch in Wirklichkeit oft umgekehrt: Die Strategie beugt sich der Struktur. Was wir auf den Lebenszyklus von Unternehmen beziehen, können wir auch auf das Leben Einzelner und von Familien übertragen. Das will heissen: Entspricht der Lebensstil, der gewohnte Ablauf der täglichen Handlungen, den angestrebten Langfristzielen? Das wiederum wirft die Frage auf: Habe ich überhaupt Langfristziele? Könnte ich beschreiben, wie ich mit 50 oder 60 Jahren gerne sein möchte? (Die Frage nach dem Sein ist übrigens viel wichtiger als die Frage nach dem Erreichten.) Erst daraus könnte ich ja eine Strategie ableiten. Drehen wir die Sache um: Wer keine solche Überlegungen angestellt hat, peilt innerlich trotzdem (unbewusst) Langfristziele an!

Führen wir uns drei verschiedene Ausgangslagen vor:

  1. Die erste besteht aus einem Lippenbekenntnis wie „ich möchte täglich die Bibel lesen“ oder „unsere gegenseitige Liebe soll wachsen“. Vielleicht hat sich jemand in einem lichten Moment, bei einem Lebensereignis (Heirat, Geburt, Tod, Krankheit) etwas vorgenommen. Der Alltag holt ihn sofort wieder ein. Das gelebte Bekenntnis steht demnach im offensichtlichen Widerspruch zur Einsicht.
  2. Noch häufiger meine ich dieses Szenario entdeckt zu haben: Es besteht ein aufrichtiger Wunsch, eine bestimmte Lebensweise zu pflegen. Die tief sitzenden Gewohnheiten verunmöglichen jedoch die Umsetzung. Das wirkt sich einschränkend auf das Befinden und die Schaffenskraft aus.
  3. Natürlich gibt es auch diejenigen, die keinen Blick für die Abweichung besitzen (blinder Fleck). Sie kommen kaum zum Durchatmen. Sie stehen zwischen Arbeit, Freizeit, Weiterbildung und Versorgung von Kindern. Sie spulen von einem zum nächsten. Vielleicht kommt es zwischenzeitlich zu einem gesundheitlichen Einschnitt. Dieser kann jedoch mittels Medikamenten unterdrückt werden.

Manchmal kommt es zu einem Schock und einer Krise. Der Partner verabschiedet sich. Die Kinder rebellieren und scheren aus. Die Beförderung zerschlägt sich zum wiederholten Mal. Heute beobachte ich einen ersten Schock schon bei Berufsanfängern nach den ersten Jahren. Es tritt eine starke Ernüchterung ein. Ihre (unbewussten) Erwartungen haben sich in der Wirklichkeit zerschlagen. Eigentlich wollten sie … (man setze ein beliebiges berufliches oder privates Ziel ein), doch die Arbeits- und Freizeitrealität hat sie eingeholt. Mitte Vierzig ist dann die Lücke zwischen dem eigenen Lebenstraum und dem Alltag so gross geworden, dass eine Umstellung des Alltags unumgänglich scheint.

Die ohne Gott ausgehandelte Lösung lautet, das Problem in der Umgebung zu suchen. Der Wohnort ist der falsche, das Schulhaus, der Ehepartner oder die Arbeitsstelle. Das bedeutet etwas an der Umgebung auszutauschen. Dafür werden enorme finanzielle Mittel und auch Kräfte freigesetzt bzw. in Kauf genommen. Das spätmoderne Menschenbild des Westens lautet: Orientiere dich an einer Vergleichsgruppe von real bekannten oder medial vermittelten Vergleichspersonen. Tue es ihnen gleich. Beginne einen neuen Lebensabschnitt. Du kannst dich jederzeit neu „konfigurieren“. Der Bruch wird wegen dem enormen Druck von aussen vollzogen. Ein neuer Weg wird eingeschlagen. Die Anfangseuphorie hält für eine Zeit. Doch ehrlicherweise hat man ja sich selbst und die Gewohnheiten mitgenommen…

Was bedeutet dies für einen Menschen, den Christus erneuert hat? Grundsätzlich steht er in einem Kampf. Er will das Neue, das Alte holt ihn immer wieder ein (wie es Paulus in Römer 7 beschreibt). Trotzdem: Das neue Leben regt sich. Es entsteht Zug in eine andere Richtung. (Andernfalls ist die Frage angebracht, ob diese Erneuerung schon geschehen ist.) Als Personalentwickler formuliere ich es wie folgt: Welcher „kleine“ Schritt ist heute angesagt? Ich treffe so viele Dauervorwände an, die uns davor schützen, nicht anzufangen. Ja, es wird einige Monate dauern, bis eine kleine Änderung des Alltags in die Gewohnheit übergegangen ist. Doch kämpfe nicht an (zu) vielen Fronten. Beginne mit … einer bewussten Minute im Gebet mit deinem Ehepartner. Schlage deine Bibel für fünf Minuten aus und frage dich, wie sich Gott in diesem Abschnitt zeigt. Mein tagesaktuelles Anliegen: Wenn meine Frau etwas sagt, dann erhebe ich mich sofort und setze es um. Bleibe ermutigt!

Kolumne: Wie ich mit den finanziellen Mitteln umgehe

Erst kürzlich habe ich die Podcast-Serie “Mir wird nichts mangeln” aufgenommen. Auf diesem Hintergrund formuliere ich einige Überlegungen zum Umgang mit den eigenen finanziellen Mitteln:

Zuvorderst steht die Frage nach dem Motiv.

  • Weshalb möchte ich etwas haben?
  • Untersuche insbesondere, ob du deinem Bedürfnis nach Kompensation nachgibst.
  • Ein weiterer “schiefer” Antrieb ist die Menschenfurcht – etwas deshalb anzuschaffen, weil es andere auch haben und du keine schlechte Falle abgeben möchtest.
  • Eng verknüpft damit ist der Neid und das Vergleichsdenken (“das will ich auch”, “das kann ich mir auch leisten”).

Nach der Motivklärung, gewissermassen als Beglaubigung, kommt der vorher-/nachher-Check.

  • Überprüfe bei deinen letzten zehn Anschaffungen, was du davon wie brauchst (bzw. nicht brauchst).
  • Wo hast du dich täuschen lassen? Weshalb?
  • Ist ein Muster erkennbar (oder sogar mehrere)?
  • Welche Ressourcen hat es gebraucht?
  • Noch wichtiger: Wieviele Ressourcen (inkl. Zeit und Kraft) verschlingt es immer noch?

Erst jetzt kommen die faktischen Überlegungen.

  • Führe ein monatliches Tableau. Rechne sämtliche Kosten für den einzelnen Monat aus.
  • Vergleiche immer wieder mit den Vorjahren.
  • Stelle ein Budget auf. Begründe die Abweichungen (darunter/darüber).
  • Unterteile zwischen fix anfallenden und laufenden Kosten.
  • In der Ehe: Es kann hilfreich sein, für beide einen Freibetrag zu definieren.
  • Speise verschiedene Konten, um gezielt Mittel zu äufnen.
  • Überlege dir bei jeder Einkommensänderung, welche Auswirkungen es auf die Steuern hat.
  • Täusche dich nicht, indem du z. B. laufende Kosten oder Abschreibungen unvollständig rechnest (typisch z. B. für das Auto: Monatliche Ersparnis für die Wiederbeschaffung, Rückstellung für Reparaturen, Kosten für Steuern/Versicherungen).

Von keinem Menschen habe ich in dieser Beziehung so viel gelernt wie von Randy Alcorn. Lest mein eBook “Freudig vom Ziel her leben”.

Zitat der Woche: Der Subtext des Predigers

Timothy Keller spricht von drei verschiedenen “Texten”: Dem biblischen Text, dem Kontext des Hörers und drittens dem Subtext im Herzen des Predigers. Es geht dabei um die geistliche Reife und die Gegenwart des Heiligen Geistes, wenn gepredigt wird.

Dieser Subtext ist die Botschaft hinter der Botschaft – das, was wir (bewusst oder unbewusst) ‘eigentlich’ meinen, unterhalb der sprachlichen Oberfläche der Worte. … Was wir ‘eigentlich’ meinen, signalisieren wir zu einem grossen Teil durch solche Dinge wie unser Stimmlage, Gestik und Mimik, und diese eigentliche Bedeutung kann sich selbständig machen und unsere schöne Predigt ‘kapern’.

Er führt drei Beispiele auf:

  1. Der Subtext der gegenseitigen Bestärkung: “Es handelt sich um ein kommunikatives Ritual, mit dem wir unsere Gruppe von anderen abgrenzen und ein Gefühl der Sicherheit und des Dazugehörens schaffen. Ein Ritual ist es in dem Sinne, dass seine Hauptfunktion darin besteht, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. … Viele Kirchgemeinden pflegen diesen Subtext der Identitätspflege, der eine Art ‘Torwächterfunktion’ hat. Diese Gemeinden wollen es nicht, dass man sie hinterfragt oder ihnen Neues zumutet.”
  2. Der Subtext der Selbstvermarktung: “Der Prediger versucht, seine Kompetenz zu demonstrieren und die ‘Produkte’ seiner Gemeinde zu ‘verkaufen’. … (D)er tiefere Sinn der Übung besteht darin, Menschen für die Gemeinde oder den ‘Verein’ zu gewinnen.” Scheinbar geht es um Gäste, indirekt jedoch mehr darum, die Insider zu stärken. Die rhetorischen Anforderungen an den Prediger sind hoch.
  3. Der Subtext des Trainings für den Alltag: “Hier geht es darum, den Hörern Wissen zu vermitteln, damit sie ihr Leben entsprechend führen können – ‘Tipps für den Alltag’ gewissermassen. … Die Gemeindemitglieder wollen Informationen und Erkenntnisse bekommen, die sie bisher noch nicht hatten.”

Wenn der Subtext zum eigentlichen Hauptziel wird, “verliert unsere Predigt ihre lebendige Kraft, und wir werden nicht Christus ähnlicher, sondern immer selbstgefälliger”.

Keller formuliert dann noch einen vierten Subtext. Dieser geht über Informationsvermittlung, Ansprechen der Gefühle und Lebensveränderung hinaus, der Subtext der Anbetung:  “Der Prediger signalisiert seinen Zuhörern: ‘Schaut her, wie gross und wunderbar Christus ist – viel grösser und wunderbarer, als ihr bisher gedacht habt! Alle eure Probleme kommen eigentlich daher, dass ihr dies nicht seht!’ Meine Meinung nach sollten alle Kirchen und Gemeinden sich dieser Botschaft verschreiben, die das Herz aller echten, guten Predigt ist.”

Timothy Keller. Predigen. Brunnen: Giessen/Basel, 2017. S. 189-193