Ich habe mich mit dem US-amerikanischen Soziologen Robert Bellah (1927-2013) auseinandergesetzt.
Es erstaunt mich nicht, dass seine Biografie mit dunklen Stellen durchsetzt war (siehe A Joyfully Serious Man: The Life of Robert Bellah): Robert Bellahs Vater, Luther Hutton Bellah Jr., verschwand am 28. Dezember 1929 aus Los Angeles, nachdem die Familie im Börsencrash viel Geld verloren hatte, und tauchte an der Ostküste unter. Er nahm zeitweise eine neue Identität als „William A. Lee“ an, verlobte und verheiratete sich erneut, und geriet dann unter Druck, als Bekannte begannen, ihn zu identifizieren und Ermittlungen wegen Bigamie drohten. Am 6. April 1931 erschoss er sich in Yuma, Arizona, während seine zweite Frau im Nebenzimmer beschäftigt war; in einem Abschiedsbrief schrieb er sinngemäß, er könne nicht weitermachen und sei „nicht ganz schlecht“. Lillian Bellah reiste nach Arizona, identifizierte den Leichnam und kurz darauf wurde er in Saint Jo, Texas, feierlich beigesetzt.
Tammy (eine der vier Töchter) beging Suizid. Am 5. Dezember 1976 starb dann eine zweite Tochter Abby in einem Autounfall, als sie mit ihrer Freundin Lee nach einer Nacht in San Francisco nach Hause fuhr. Laut den Polizeiinformationen war der Wagen zuvor liegengeblieben (kein Benzin) und verunglückte an der Kreuzung Marin/Cragmont; Abby wurde durch die Windschutzscheibe auf die Straße geschleudert. Der Ablauf wird so erklärt, dass sie mit ausgeschaltetem Motor eine steile Straße hinunterrollten, Abby wegen des Motors aus die Servobremsen nicht ausreichend bedienen konnte und das Auto schließlich ins Schleudern geriet und in einen Telefonmast prallte.
Timothy Keller griff immer wieder auf diesen Denker zurück. Er bezieht sich auf Robert Bellah vor allem als soziologischen Diagnostiker der Spätmoderne. Wiederkehrend ist bei Keller Bellahs Begriff „expressive individualism“ (expressiver Individualismus): die Vorstellung, Identität entstehe primär durch Selbstausdruck und „Authentizität“. Keller nutzt das als Erklärung dafür, warum „geerbtes“ Christentum und überhaupt Institutionen unter Druck geraten, weil äusseere Autorität als illegitim gilt.
Besonders deutlich wird das in Kellers Every Good Endeavor (Einleitung): Er nennt Habits of the Heart ein wegweisendes Buch, übernimmt Bellahs Diagnose einer Kultur, die die „sacredness of the individual“ maximiert, ohne sie durch Gemeinwohlbindung auszubalancieren, und macht Bellahs Gegenmittel—die Wiederaneignung von „vocation/calling“ (Berufung)—zum programmatischen Ausgangspunkt: Arbeit als Beitrag zum Guten aller, nicht bloss als Mittel zur Selbstverwirklichung oder zum eigenen Aufstieg. Das Motiv wiederholt Keller nahezu wörtlich in seinem Essay über die Stadt: Bellah helfe zu sehen, wie der soziale Zusammenhalt ausfranst, und „vocation“ sei ein kulturell erneuernder Hebel, den Christen praktisch vorleben könnten (Integrität, menschlichere Arbeitskulturen).
In anderen Kontexten verweist Keller auf Bellah, um die Folgen des Individualismus für konkrete Lebensbereiche zu beschreiben, etwa die Familie: Seit Bellahs Habits of the Heart zeigten Studien, dass säkulare Weltdeutung den autonomen Selbstentwurf zum Souverän erklärt —und Familie dann leicht als Bedrohung persönlicher Sinn- und Glücksbilanzen erscheint. Ähnlich in Kellers Analyse der US-Kirchenlandschaft: Er paraphrasiert Bellah dahingehend, dass Individualismus, sobald er nicht mehr durch Religion „abgebremst“ werde, zu sozialer Fragmentierung, Ungleichheit und familiären Dysfunktionen tendiere.