Zitat der Woche: Indirekte Identität der Bibel? (Nein.)

Hierin steckt ein Gutteil der Problematik der Neo-Orthodoxie. Dasselbe Verständnis wird heute in vielen evangelikalen Gemeinden unbesehen übernommen.

Die Bibel als solche, als Menschenwort, ist nicht die Offenbarung; Menschenwort und Gotteswort sind zweierlei und grundsätzlich nicht zu vereinen. Aber das zweite ist zugleich zu sagen. Anders als durch das Medium der Heiligen Schrift ist die Offenbarung nicht zu erkennen, denn ‘wir haben die Offenbarung nicht an sich, sondern in der Bibel’ (zit. Unterricht in der christlichen Religion, 263). In dieser indirekten Autorität ist die Bibel das Prinzip der Kirche, steht ihr also gegenüber … und insofern ist die Bibel Massstab und Norm für alle kirchliche Verkündigung, Lehre und alles Handeln.
Die indirekte Autorität, die historische Forschung ohne Einschränkungen zulässt, weil es ja Menschenwort ist, das die Offenbarung bezeugt, ist aber zu unterscheiden von einer direkten Identität, in der die Bibel selber zur Offenbarung wird – das geschieht in der Verbalinspirationslehre der altprotestantischen Orthodoxie des 17. Jahrhunderts. Die indirekte Autorität ist aber auch zu unterscheiden von einem rein historischen Bibelverständnis, das die Offenbarungsmittlerfunktion der biel a priori ausschliesst, weil sie nur als Produkt ihrer Autoren interpretiert wird. Im Protest dagegen sieht Barth das relative Recht der Verbalinspirationslehre: ‘Die Texte gehen uns nicht als ‘Quellen’ an.» (zit. Das Schriftprinzip der reformierten Kirche, 516)
(Das bedeutet eine indirekte Erkenntnismöglichkeit für den Menschen.) Durch die geschichtliche Bedingung der Autorität der Kirche (Kanon, Bekenntnisse, Situation) und der Freiheit des einzelnen (historische Forschung, eigene Denkstrukturen, Situation) erfolgt allein der Zugang zur ‘indirekten Identität’ der Bibel. Immer bleibt in all dem natürlich als Voraussetzung bestehen, dass Gott alle Erkenntnis seiner selbst durch den Heiligen Geist bewirkt, dessen Wirken nicht empirisch zu konstatieren ist, sondern nur zu bekennen.
… (Von der Bibel als dem Wort Gottes kann) nicht losgelöst von dem einen Wort Gottes, Jesus Christus, die Rede sein. ‘Weil und indem Gott sich offenbart, gibt es ein Wort Gottes, gibt es auch heilige Schrift’. Nur von diesem Gefälle her kann die Bibel Wort Gottes werden und sein. Aus sich selber heraus ist sie Menschenwort. Aber in ihrer Struktur als Zeichen, das hinweist auf das eine Wort Gottes, ist sie mehr als Menschenwort.

Georg Plasger. Die relative Autorität des Bekenntnisses bei Karl Barth. Neukirchen, 2000, S. 39-43

P. S. Die pauschale Benennung einer “protestantischen Altorthodoxie” ist nicht haltbar, siehe dazu Richard A. Muller. Post-Reformation Reformed Dogmatics 

Zitat der Woche: Gott ist an die Vernunft gebunden

Typisch Chesterton’sche Einlage in seinen Pater Brown-Geschichten:

Der größere Priester nickte mit dem gebeugten Klopfe und sagte: »Ah, ja, diese modernen Ungläubigen appellieren an ihre Vernunft, aber wer kann all diese Millionen von Welten anblicken, ohne das Gefühl zu haben, dass es ganz gut noch Wunderbarere Welten über uns gebe, wo die Vernunft etwas überaus Unvernünftiges ist?« »Nein«, entgegnete der andere Priester, »Vernunft ist immer vernünftig, selbst in der letzten Vorhölle, im verlassenen Randgebiete der Dinge. Ich weiß, man wirft der Kirche vor, sie erniedrige die Vernunft, aber genau das Gegenteil trifft zu. Die Kirche allein auf Erden erhebt die Vernunft wirklich auf ihren Gipfel. Die Kirche allein auf Erden hält daran fest, dass Gott selbst an die Vernunft gebunden ist.« Der andere Priester erhob sein strenges Gesicht zum flimmernden Himmel und meinte: »Und dennoch, wer weiß, ob nicht in jenem unendlichen Universum –?« »Nur physisch unendlich«, erwiderte der kleine Priester, rasch sich zur Seite wendend, »nicht unendlich in dem Sinne, dass es sich den Gesetzen der Wahrheit entzöge.«

Gilbert K. Chesterton. Die Einfalt des Pater Brown. Das blaue Kreuz.

Ich lese zum wiederholten Mal Teile der Biografie «Wisdom and Innocence» von Joseph Pearce. Chestertons Gesamtwerk gleicht für mich einer willkommenen Erfrischung zum medialen Einheitsbrei von heute.

Podcast: Was beinhaltet progressive Theologie?

Thomas Richter, idea-Redaktor, führt seit Mai 2021 einen Insta-Kanal, auf dem er regelmässig StammTischgespräche – in Anlehnung an Luthers Tischreden – führt. Neulich hat er sich mit Paul und Peter Bruderer unterhalten.

Die beiden führen aus, was progressives Christsein bzw. Theologie ausmacht (Minuten 13-24). Sie nennen:

Ein evolutionäres Verständnis des Glaubens: Wir stehen heute an einem anderen Punkt bzw. verfügen über ein höheres Verständnis als vor 2000 Jahren. Die Abgrenzung gegenüber konservativem Christentum definiert teilweise das Selbstverständnis.

Historisch-kritische Theologie in evangelikal-postmodernem Gewand: Die Postulate sind klassisch bibelkritisch, tragen jedoch ein zeitgenössisches Gewand.

Das Heilsverständnis und das Werk Jesu am Kreuz verschiebt sich durch ein anderes Sündenverständnis:

Das Menschenbild: Sünde wird strukturell – also in den gesellschaftlichen Verhältnissen – gesehen, weniger im Menschen selbst. Das Böse wird nicht mehr im Menschen gesucht; wir sind ur-geliebt. Den Menschen jeden Sonntag als Sünder zu bezeichnen, wird schon mal als geistlicher Missbrauch gewertet.

Postmodernes Wahrheitsverständnis: Absolute Wahrheitsansprüche werden als fundamentalistisch und potenziell Gewalt-fördernd gesehen.

Jesus als Vorbild: Seine Person erstrahlt als ethisches Beispiel; seine Gottheit und Erlöserfunktion werden tendenziell in Frage gestellt.

Die Bibel ist inspirierendes Buch. Menschen schreiben ihre Erlebnisse mit Gott auf und geben sie wieder. Die Bibel beinhaltet Gottes Wort. Paulus würde heute vieles anders sagen mit dem heutigen Wissensstand.

Die Erlösung wird nicht mehr über Christi Werk gesehen; dafür wird nach dem inneren göttlichen Funken gesucht. Dadurch entsteht eine Tendenz zum Heilsuniversalismus (alle sind gerettet) und dem Synkretismus (Religionsvermischung). Besonders mit Elementen des Buddhismus wird geliebäugelt.

Mit den Reformatoren ist nicht mehr zu punkten. Luther wird sehr selektiv gelesen.

Weiterlesen & -hören: Theologischer Liberalismus ist keine Spielart des Christentums, sondern eine andere Religion.

Ich empfehle auch die beiden Podcasts “Die Evangelikalen in der Krise” (Folge I; Folge II) der FeG München-Mitte.

Rezension: Produktiver werden zur Ehre Gottes

Tim Challies. Produktiv. ebtc, 2021. 155 Seiten. Euro 5,90 (eBuch).

Gott beruft dich zur Produktivität, und zwar zur richtigen Art der Produktivität. Er beruft dich dazu, um seinetwillen und nicht um deinetwillen produktiv zu sein. … Die meisten Produktivitätsgurus werden dich ermutigen, so selbstsüchtig wie nötig zu sein, um alles loszuwerden, was dich nicht interessiert oder dir keinen Spaß macht. Doch als Christ weißt du, dass du auch Dinge tun kannst, die nicht perfekt in deinen Auftrag hineinpassen. (30+52)

Der ebtc-Verlag gibt Schub! Neben der hilfreichen Serie “Taschenhilfe” legt er einige Bücher zur Selbstführung auf. Zu erwähnen ist hier “Hol dir deine Zeit zurück!”. Nach “Visual Bible Guide” ist dies nun die zweite Übersetzung des kanadischen Bloggers Tim Challies.

Wozu und wie

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie eine Handlungsanweisung – und dies auch noch in der richtigen Reihenfolge. Die ersten drei Kapitel legen das Fundament. Zuerst geht es um das Bewusstsein der menschlichen Bestimmung und der dem Einzelnen konkret zugeeigneten Berufung. Daraus können die Verantwortlichkeiten abgesteckt werden. Danach geht es um die konkreten Aufgaben pro Verantwortlichkeitsbereich, den Einsatz dafür geeigneter Werkzeuge und die regelmässige Überprüfung der Systematik und Planung.

“Ich bin davon überzeugt, dass dieses Buch dein Leben verbessern kann.” Handelt es sich um ein typisch-amerikanisches Versprechen? Nein. “Ich möchte, dass du mehr von dem tust, was am meisten zählt … deine Verantwortlichkeiten klar im Auge behältst und stetig Fortschritte machst. Und nachts kannst du dann ruhig schlafen.” Challies nimmt dabei Bezug auf den top-produktiven Erfinder König Salomo, der trotz gefüllter Agenda offenbar ruhigen Schlaf fand (Psalm 127,2).

Klarheit über den Lebenszweck

Das erste Kapitel packt Challies in den Form eines kleinen “Katechismus”. Er steckt den menschlichen Daseinszweck bedacht ab und gelangt zur Schlussfolgerung: “Produktivität ist die effektive Haushalterschaft meiner Gaben, Talente, Zeit, Energie und meines Eifers zum Nutzen anderer und zur Ehre Gottes.” (21)

Ja, Challies ist sich wohl bewusst, dass wir auf zwei Seiten vom Pferd fallen können. Ohne Erlösung ist zwar Selbstoptimierung möglich. Diese mutiert jedoch zur Vergötzung des Selbst. Umgekehrt ist das Christsein kein Vorwand zur Passivität. “Wenn du also Gott in allen Bereichen verherrlichen kannst, dann solltest du Gott auch in allen Bereichen verherrlichen. Es gibt keinen Lebensbereich, wo du nicht in der Lage bist, anderen Gutes zu tun und Gott zu verherrlichen.” (20)

Ein Produktivitätsdieb macht sich in der Tarnung der geschäftigen Faulheit bemerkbar. “Wenn du den Faulen im Buch der Sprüche unter die Lupe nimmst, siehst du, dass es sich um einen Menschen handelt, der sich weigert, sich auf neue Unternehmungen einzulassen; der nichts zu Ende führt, was er begonnen hat; der der Wirklichkeit nicht ins Auge sieht und der bei alledem rastlos, hilflos und nutzlos ist.” (24)

Verantwortlichkeitsbereiche und Aufträge

Challies sieht sich durch Zielsetzungen eher gelähmt. Dafür definierte er für sich fünf Verantwortlichkeitsbereiche. Vier Bereiche (Persönlich, Familie, Gemeinde, Geschäftliches), die Challies für sich selbst absteckt, hätte ich erwartet, den fünften übersehen (Soziales). Für jeden dieser Bereiche formulierte der Autor sich konkrete Aufträge, aus denen er Prioritäten und Tätigkeiten ableitet. “Was sich für mich als sinnvoll erwiesen hat, ist die Formulierung eines begrenzten Leitbildes für jeden einzelnen meiner Verantwortungsbereiche.” (45)

Drei Werkzeuge: Kalender, Aufgabenplaner und Notizbuch

Richtig ungemütlich wurde es bei der ausführlichen, weil sehr konkreten Beschreibung der drei Werkzeuge. Challies trifft hier eine wunde Stelle meiner eigenen Selbstführung. “Deine Produktivität ist in großem Maße davon abhängig, dass du die besten Werkzeuge für die jeweilige Aufgabe findest und anwendest.” (56) Den Google-Kalender nutze ich seit meiner letzten beruflichen Zäsur vor zwei Jahren. OneNote ist die Ablageort für meine Notizen – neben meinem physischen Notizbuch. Ab 2022 werde ich hier eine bessere Ordnung hineinbringen. Einem Aufgabenmanager habe ich mich bisher noch verweigert und zog die altmodischen To Do-Listen auf Post-it vor. Auch im Behalten von interessanten Informationen kann ich noch zulegen (clippen, einscannen).

Überblick behalten und unterschiedliche Produktivitätsphasen durchleben

Motivationsschwankungen? Gehören dazu. “Du musst jene Zeiten der hohen Motivation nutzen, um Gewohnheiten zu schaffen und um diese Gewohnheiten in ein System einzubetten.” (95) Hier spielt eine zentrale Fragestellung hinein: Weshalb überhaupt ein System anlegen? Das fragen mich selbst Menschen in den Vierzigern, die sich genügend oft über ihren eigenen Produktivitätsmangel beklagen. “Ein Produktivitätssystem besteht aus einer Reihe von Methoden, Gewohnheiten und Routinen, durch die du genau weißt, was zu tun ist, und dies dann auch möglichst effektiv zu tun.” (97)

Challies empfiehlt, sich täglich Überblick zu verschaffen und veranschlagt dafür nicht mehr als fünf Minuten (104). Ebenfalls wichtig ist der Abgleich mit dem eigenen täglichen Energiehaushalt: “Plane deine wichtigsten Aufgaben für die Zeitfenster ein, in denen du die meiste Energie hast.” (108) Gerade so wichtig ist der Blick auf die eigenen Götzen. “Beim Erwägen unserer Prioritäten ist es weise, ein Auge auf unsere Götzen zu haben, da wir wissen, dass wir dazu neigen, jene Aufgaben, die Gott verherrlichen, zu vernachlässigen und jene zu tun, die uns bestätigen und von denen wir glauben, dass sie unser Geltungsbedürfnis befriedigen.” (112)

Noch produktiver werden? Ja, zu Gottes Ehre!

Wie kann ich also in einer neuen Woche in meinen Auftragsbereichen dienen; wie kann ich gar überraschen, indem ich eine hervorragende Arbeit verrichte (121f)? Diese Fragen ziemen sich gerade für den, der bewusst in der Gegenwart Gottes (Coram Deo) lebt.

Mit Recht verweist Challies auf das, was unser Leben wirklich ändert. Es sind die täglichen Gewohnheiten. Bis jetzt lebte ich mit der Leitidee: Mit einem Grundrhythmus und einigen fixen Aufgaben pro Tag lässt sich ein produktives Leben führen. Ich tue mich schwer, meinen Tag in einem Aufgabenplaner zu takten. Ein nächster realistischer Schritt lautet deshalb: Meine Aufgabenbereiche mit konkretem Auftrag zu verknüpfen und diese zu Jahresende mit meiner Frau zu besprechen

Es hat mich verblüfft, wie konkret die Anweisungen dieses Buches sind. Challies nimmt wiederholt auf seine eigene Planung Bezug und begründet diese. Ich gehe auf die 50 zu und merke, dass sich allen guten Vorsätzen zum Trotz einige Mankos vergrössern. Beispiel? Der Umgang mit meinen Emails. Challies schlägt vier Prinzipien zur Bezwingung vor: Antworte, falls du dafür nicht mehr als 10 Sekunden brauchst. Lösche die E-Mail, wenn es sich um Junkmail handelt. Archiviere sie, wenn du sie noch brauchst. Verschiebe sie in deinen Antwortordner, wenn du sie später beantworten wirst.

Input: Der dreifache Test – warum Lehre und Leben zusammenhängen

Für mein erneutes Studium der Johannesbriefe war dieser Aufsatz von Barry Clyde Joslin sehr erhellend. Er schreibt über den dreifachen Test des Glaubens:

Für Johannes hat das, was man in Bezug auf Jesus glaubt (Orthodoxie/Lehre), einen direkten Zusammenhang mit der Art und Weise, wie man lebt (Orthopraxie/Ethik). Einfach ausgedrückt: Der richtige Glaube wird sich in der Art und Weise, wie man lebt, zeigen, denn “der, der sagt: ‘Ich kenne ihn’, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner” (2,3). So beherrschen diese beiden Themen den Brief: Glaube und Gehorsam. Das Erstere setzt das zweite voraus, und das zweite beweist die Gültigkeit des ersten. Diese zwei Themen sind in drei bekannte Prüfungen unterteilt, auf die Johannes immer wieder zurückkommt: die Prüfung der Lehre, die Prüfung des Gehorsams und die Prüfung der Liebe.

… Die erste ist die Prüfung der richtigen Lehre und des Glaubens an Christus. Angesichts des toleranten und synkretistischen Charakters der griechisch-römischen Religion war das Hinzufügen einer weiteren Gottheit nicht von Bedeutung. Allerdings die Behauptung, dass diese Gottheit Mensch wurde, um die Strafe des Todes zu erleiden, damit sie allen, die an ihn glauben, ewiges Leben schenke, war bedeutsam. Schon früh im Leben der Kirche bestand die Versuchung, Christus an die umgebende Kultur anzupassen, vor der einige kapituliert haben. Dies findet seine Parallele im heutigen religiösen Klima.

… Die Prüfung der Lehre kann nicht für sich alleine stehen. Echte Gläubige werden auch die Prüfung des Gehorsams bestehen. Echtes Christentum hält bestimmte Dinge für wahr praktiziert sie sicht- und spürbar. Johannes verwendet den Begriff “Gebot(e)” (entolē) vierzehnmal in der Annahme, dass die Gläubigen das/die Gebot(e) befolgen werden. Nach 2,3-6 können die Leser des Briefes sicher sein, dass sie Gott erkannt haben, weil sie seine Gebote halten, und dass Gebete derjenigen erhört werden, die die Gebote befolgen (3,22f). … Johannes schreibt darüber am klarsten in 3,6-10.

… Gehorsam und Liebe sind miteinander verbunden, denn seinen Geboten zu gehorchen bedeutet, dass wir uns gegenseitig lieben und umgekehrt. Das Leben des wahren Gläubigen ist von Liebe zu den Mitgläubigen geprägt, die nicht mit bloßer Gefühlsduselei gleichzusetzen ist (3,11-18). … das Gebot der Liebe untereinander (4,7) ist in Gott, dem Vater, begründet, der der die Liebe ist (4,8). Die Liebe ist im Handeln verwurzelt. Dies zeigt sich darin, dass Gott seinen Sohn gesandt hat Sohnes, um denen, die glauben, das Leben zu schenken (4,9). Seine Liebe zeigt sich in seinem konkreten Handeln, indem er Christus sandte, um den Zorn Gottes zu tragen und die Gläubigen von Schuld und Sünde zu befreien (4,10). Die Liebe besteht also darin, “manifestiert” oder in einer greifbaren Weise “bekannt gemacht” zu werden. Gott ist derjenige, der zuerst geliebt hat, und die Gläubigen können nur lieben weil Gott es bereits getan hat (4,10+19).

Hier geht es zu Vorträgen von D. A. Carson zu 1. Johannes.

Zitat der Woche: Wenn Widerlegung Selbstzweck statt der Wahrheitsfindung dient

Euthydemos zählt zu den Dialogen von Platon. In diesem Dialog lässt der Autor einen jungen Mann Kleinias in den Dialog mit zwei Sophisten treten. Sophisten vertraten einen ethischen Relativismus, weshalb bei ihnen die Rhetorik einen sehr hohen Stellenwert genoss. Wenn Wahrheit relativ ist, entsteht ein Machtdiskurs. Wer überzeugt, setzt sich durch.

Im (hilfreichen) Kommentar:

Euthydemos beginnt mit der Fangfrage an Kleinias, ob Lernende wissend oder unwissend seien. Dionysodoros flüstert Sokrates zu, der Knabe werde widerlegt werden, wie auch immer er antworte. Damit lässt er erkennen, dass die Widerlegung Selbstzweck ist und nicht der Wahrheitsfindung dient. Kleinias entscheidet sich für die Antwort, Lernende seien wissend, und wird sogleich von Euthydemos widerlegt. Darauf macht sich Kleinias die gegenteilige Auffassung zu eigen, und nun zeigt ihm Dionysodoros, dass er wiederum Unrecht hat. Die Sophisten arbeiten mit einem Trick: Sie machen sich bei ihrer Argumentation den Umstand zunutze, dass das griechische Verb manthanein sowohl „lernen“ als auch „verstehen“ bedeutet. Durch die Fehlschläge gerät der hilflose Kleinias in größte Verwirrung. Die Verehrer der Sophisten lachen ihn bei jeder Niederlage lärmend aus, was seine Verlegenheit noch steigert.

Die Vorlesungsserie “Plato, Socrates and the Dialogues” war für mich eine hilfreiche Einführung in diese klassischen Lehrstücke.

Rezension: Das Evangelium in einer Alltagssituation nahegebracht – ein Kinderbuch

Das Kinderbuch “Emil und das geheime Bild” ist Teil des Startprogramms des Verlags Verbum Medien. Ich habe es Probe gelesen und meinen Eindruck an einigen Fragen reflektiert.

Gibt es eine Schlüsselbotschaft? Ja, sie wird bereits in der Widmung vorgestellt. “Wer seine Schuld verheimlicht, dem wird es nicht gelingen, wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.” (Sprüche 28,13)

Wie verläuft der Plot? Emil ist in der Mittagspause. Er zeichnet verbotenerweise ein Bild an die Wand, kann es nicht mehr ausradieren. Deshalb stapelt er alle seine Spielsachen davor, damit es nicht mehr gesehen wird. Wird das gutgehen? (Nein.)

Welches sind die Hauptpersonen? Es geht um Emil und seine Mutter. Während Emil seiner Mutter Rechenschaft abliefert, sind beide gleichzeitig Kinder vor dem Dreieinigen Gott. Er ist hintergründig die Hauptfigur.

Wie ist das Verhältnis zwischen Bild und Wort? Die begrenzte Zone (Kinderzimmer; Mittagspause) lässt alte und junge Leser unmittelbar an den Ort des Geschehens gehen. Die Erläuterungen sind eher umfangreich. In den Dialog sind dichte Hintergrundinformationen eingebunden.

Wie wirkt die Bebilderung auf mich? Sehr gegenständlich. Ich kenne mich in der digitalen Gestaltung von Grafiken zu wenig aus. Ich bin mir bewusst, dass ich aus einer anderen Generation stamme und eher fotografische oder stärker stilisierte Bilder bevorzuge.

Werden es Kinder zur Hand nehmen? Diese Frage kann ich nicht abschliessend beantworten, weil ich das Buch noch nicht in der Hand gehabt bzw. in einem Kinderzimmer ausgelegt habe. Ich wage zu behaupten: Es kommt auf eine gute Einführung durch den Erzähler an. Weil es ein häufiges Motiv im Leben eines Kindes abbildet – Ungehorsam, Verstecken, Wahrheitsmoment, Versöhnung, Lernfeld – gehe ich davon aus, dass ein Kind nach diesem Buch greifen wird oder aber auch Widerstand entwickeln könnte.
(Als ich den Plot testweise meinen Söhnen erzählte, war die spontane Reaktion Lachen. Das zeigt mir an, dass die Situation genügend alltagsnah angelegt ist.)

Was hat mich überrascht? Die unverhüllt starke und direkt in den Text eingebaute Darstellung des Evangeliums. Am Schluss gibt es eine Seite, die dem Vorleser gewidmet ist und ihm das Evangelium ebenfalls erklärt. Das heisst, es darf und soll auch in erwachsene Hände geraten, die mit der Botschaft nicht viel anfangen können.

Wer ist die Autorin? Betsy Childs Howard (Blog; Twitter) hat Englisch und später Theologie studiert, ist selber Mutter, Gattin eines Gemeindegründers ist Manhattan NY und Editorin bei TGC.

Hier erzähle ich ausführlich, wie ich mit Kindern Kinderbücher lese (24 Minuten).

Input: Erstes Erkenntnisprinzip – göttliche Offenbarung

In unregelmässigen Abständen gehe ich mit meinen Jungs Kapitel 1 des Westminster Bekenntnisses “Von der Heiligen Schrift” (1647) durch. Weshalb? In ständiger Referenz zu Gottes Wort zeigt dieser Text uns das fundamentale bzw. erste Erkenntnisprinzip: Es gilt die göttliche Offenbarung. Gottes Werke durch die Schöpfung lassen den Menschen zwar ohne Entschuldigung (1.1), reicht jedoch für die Erkenntnis zum Heil nicht aus. Es gefiel Ihm, zur Bewahrung und Verbreitung der Wahrheit diese dem schriftlichen Zeugnis anzuvertrauen. Wir besprachen die Kanonbildung (1.2 und 1.3): Es war keine Synode, welche die biblischen Bücher auswählte und legitimierte. Bereits die ersten Gemeinden erzielten einen Konsens über die inspirierten Schriften (mehr dazu siehe den Kurs von Michael Kruger zum NT-Kanon). Die Autorität der Heiligen Schrift beruht auf dem Autor selbst (1.4) und wird dem Einzelnen durch das Zeugnis des Heiligen Geistes bestätigt (1.5). Weshalb ist dies so zentral? Weil die “Katechese” unserer Umgebung uns vorgaukelt, dass das Ich die letzte Instanz zur Beglaubigung von religiösen Fragen darstelle. Wir sind uns gewöhnt uns als letzte Prüfinstanz für die Frage nach religiöser Wahrheit aufzuspielen.

Ich bin sehr dankbar für die neue Plattform offen.bar. Die erste Folge mit Gerhard Maier widmet sich genau dieser Denkvoraussetzung: Dem Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift (3 Minuten). Ich empfehle die Lektüre des Manuskripts:

Unser Ausgangspunkt in dieser Begegnung mit der Offenbarung: Die Bibel sowohl der Juden als auch der Christen, enthält in ihrem dritten Vers die entscheidenden Worte: „Und Gott sprach.“ Das ist unser Ausgangspunkt. Hinter der Bibel, so wie wir sie heute in Händen haben, steht also das Sprechen Gottes. Im Menschen, der dies niederschreibt, wird Gottes Eingebung von uns Juden und Christen über Jahrtausende hinweg „Inspiration“ genannt. … Keiner der biblischen Propheten beginnt seine Botschaft mit der Aussage: „Ich habe mit Gott folgende Erfahrungen gemacht.“ Oder ähnlichem. Nein, von Jesaja bis zur Johannes-Offenbarung beginnen Sie mit dem Hinweis: Der Herr redet. Das Wort des Herrn geschah. Er offenbart. Dies ist die Offenbarung Jesu Christi.

… . Es bleibt ein Ruhmesblatt für die alten Christen, dass sie an dieser Lehre festhielten. Sie handelten tatsächlich nach der Anweisung Jesu in seinem Missionsbefehl: „Lehret sie halten alles, was ich euch be[1]fohlen habe.“ (Matthäus 28, 20) Ja, so bleibt es die Überzeugung der ersten christlichen Generationen. „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt“, schrieb Petrus in seinem zweiten Brief (2. Petrus 1, 16).

Input: Aktuelle Mythen über menschliche Sexualität

Roger Scruton ortet aktuelle Mythen über menschliche Sexualität:

Der erste Mythos besagt, dass sexuelles Verlangen ein Verlangen nach einer bestimmten Art von Vergnügen ist, das sich in den Sexualorganen befindet. Nach dieser Auffassung ist jeder Sex wie Masturbation – eine Manipulation der Sexualorgane um der Lust willen.

… Ein Grund dafür ist, dass sie die Phänomene des Sex in einer Weise vereinfacht, die sie intellektuell handhabbar macht. Sex wird wie Essen und Trinken. … Der andere Grund, warum man sich zu diesem Mythos hingezogen fühlt, ist, dass er das Phänomen Sex in einer Weise vereinfacht, um es moralisch handhabbar zu machen.

Der zweite Mythos besagt, dass die sexuelle Befriedigung von Faktoren wie der Intensität und Dauer der Sinnesfreuden abhängt, die im Orgasmus gipfeln, und dass “guter Sex” eine Frage der richtigen Gestaltung dieser Dinge ist.

(Der dritte Mythos besagt,) dass sexuelle Triebe ausgedrückt werden müssen und dass der Versuch, sie zu “unterdrücken”, psychologisch schädlich ist. …

Zu diesem dritten Mythos gesellt sich ein vierter, der besagt, dass das sexuelle Begehren immer gleich ist, unabhängig von der Natur des Partners, der es weckt.

… Der fünfte und in vielerlei Hinsicht wichtigste der modernen Mythen über Sex … besagt, dass Einstellungen wie Scham, Schuld und Ekel ungesund sind – Kosten, die nicht durch die Vorteile der sexuellen Befreiung aufgewogen werden können.

VD: SP

Input: Eine ausgezeichnete Einführung zum Hohelied

Angestossen durch einen Hinweis von Timothy Keller begann ich bei meiner Bibellese gezielt in Kommentaren zu lesen. Für das Hohelied fand ich eine ausgezeichnete Einleitung aus der Serie «Preaching the Word»

Die Ausgangslage: Jeder Abschnitt bietet strukturelle Schwierigkeiten, sprachliche Knacknüsse und dazu noch schwierig nachzuvollziehende Metaphern. «Das merkwürdigste Buch des AT» (Delitzsch), «eine grosse Bandbreite an Kommentaren und Interpretationen» (Marvin Pope). Auf jeden Fall enthält es etwas vom «Evangelium von Jesus» (vgl. Apg 8,35) und vom Geheimnis von Christus und seiner Gemeinde (vgl. Eph 5,32).

  • Es ist ein Lied

Ein Lied ist da um gesungen zu werden, womöglich an der siebentägigen jüdischen Hochzeitsfeier (vgl. Gen 29,27; Richt 14,12; Jer 7,34). Es könnte von Sängern vorgetragen worden sein, wohl als Dialog zwischen einem Sopran und einem Tenor. Die sieben Tage symbolisieren die perfekte Neuschöpfung eines Ehebundes zwischen einem Mann und einer Frau. Wir bringen uns als Leser (und Verkündiger) in Schwierigkeiten, wenn wir zu schnell von der poetischen Gestalt zu den Anwendungen stürmen wollen.

  • Ein Lied von der menschlichen Liebe

Diese Liebe ist in den Kontext der Ehe eingebettet. Zur damaligen Zeit gab es nur zwei Zustände für Sexualität: Freie Liebe innerhalb der Ehe oder sexuelle Sklaverei. Die Hochzeit wird erwähnt (3,11), ebenso wird die Frau als «Braut» angesprochen (sechsmal in den Kapiteln 4 und 5). Es handelt sich also um erotische Poesie im Rahmen der Ehe.

Ausleger von Origenes bis Spurgeon allegorisierten dieses Liebeslied. Wo jedoch das Sakrale und das Alltägliche voneinander getrennt werden, entsteht ein tief greifendes Problem! Beide fallen zusammen in der Menschwerdung des Gottessohnes (Joh 1,1+14), in der körperlichen Auferstehung (1Kor 6,12-20) und im Leben auf der neuen Erde (2Petr 3,13). Es geht also um zwei nackte Menschen – in einer offenen, aber keineswegs derben Beschreibung. O’Donnell empfiehlt elterliche und pastorale Begleitung, kein Leseverbot.

  • Bestandteil des biblischen Kanons

Damals gab es keine hebräische Poesie ausserhalb des religiösen Kontextes. Das Bild des Gartens (4,12-5,1) – als Sinnbild der ehelichen Vereinigung – lässt uns beispielsweise an Eden zurückdenken. Wer das gesamte AT liest, zieht sofort Verbindungen zur Geschichte Hoseas, der Prüfung Hesekiels (16,7f), der Beschreibung Jeremias (2,2+19f) sowie Jesajas (54,5-8). Das Thema der ehelichen Untreue durchzieht die Propheten. Die Gedanken gehen natürlich auch zu Jesus dem Bräutigam (Joh 3,29), dem Ehegatten (2Kor 11,2) und zur Hochzeit des Lammes (Mt 22,2; Offb 19,7f). Es handelt sich um ein sogenanntes «Pfeilthema» (siehe D. A. Carson zu AT-Motiven mit Flugrichtung zu Christus). 

  • Ein Weisheitsbuch

Das Ziel der Weisheitsliteratur besteht darin den Leser weiser werden zu lassen. Der Refrain (2,7; 3,5; 8,4) ist als Ermahnung der Weisheit zu verstehen; ebenso die dreifache Wiederholung der gegenseitigen Zugehörigkeit von Mann und Frau (2,16; 6,3; 7,10). Die Warnung ergeht – im Unterschied zu den Sprüchen, wo junge Männer als Adressaten angesprochen sind – an junge Frauen. Sie werden aufgefordert auf ihren künftigen Ehemann zu warten. Es geht also um eine Lektion in Sachen Gruppendruck! (Auch die Sprüche mahnen, sich nicht der «fremden Frau» hinzugeben, sondern auf die «edle Frau», 31, zu warten.) Es handelt sich also um eine Art Entsprechung zur NT-Aufforderung, dass ältere Frauen jüngere unterweisen (Tit 2,3f). 

Der Ausleger O’Donnell begeistert mich mit seiner nüchternen, didaktisch gekonnten und gleichwohl leidenschaftlichen Art der Auseinandersetzung mit dem Text. Bereits mit seiner Einführung zu Matthäus hat er mich überzeugt.