Rückblick: J. I. Packer (1926-2020)

J. I. Packer (1926-2020) ist heimgegangen. Justin Taylor und CT berichteten. Ich habe sehr viel von seinem Werk profitiert (siehe dieser Sammelbeitrag).

Leland Ryken hat vor wenigen Jahren eine detaillierte Biografie veröffentlicht (meine Rezension). Ich habe daraus 60 Zitate zusammengetragen, ebenso aus dem lohnenden Sekundärwerk «Packer on the Christian Life».

Es existieren verschiedene neuere Clips des betagten Packer, z. B. mit Mark Jones über die Bekehrung, ein Rückblick über seinen Dienst (20 Minuten),  über seine Altersschwächeoder über die Definition von Glauben.

Besonders beeindruckt bin ich über Packers Zeugnis seines Lebenslaufes bis zum Ende (meine Rezi), aber auch über seine Konsequenz in ethischen Fragen.

Ron weist auf das erneut übersetzte Buch «Gott erkennen» und auf einen E21-Vortrag zu Packers Leben hin.

Albert Mohler hat bereits einen kurzen Rückblick veröffentlicht. Ich habe selbst eine 10’000-Worte-Einführung zu Packer verfasstViktor Harder hat diese Einleitung freundlich rezensiert.

Ich wünsche mir, dass auch in diesem Jahrhundert Männer aufstehen, die Gott auf diese Art und Weise gebrauchen kann. Packer schrieb am Ende der 1950er das Buch “Fundamentalism and the Word of God” (meine Rezi); dies markierte den Beginn eines florierenden Evangelikalismus – wenigstens während zweier Jahrzehnte.

Zitat der Woche: Die lange Wanderung im Verbotenen

Friedrich Nietzsche (1844-1900) resümiert im Vorwort seiner posthum herausgegebenen Spätschrift “Ecce Homo” über sein Schaffen und seine Perspektive darauf. Er war definitiv Künder der (Post-)Moderne:

Ideale umwerfen statt Menschheit verbessern: “Das letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu »verbessern«. Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit tönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für »Ideale«) umwerfen – das gehört schon eher zu meinem Handwerk.”

Einen einmaligen Platz einnehmen: “Wer die Luft meiner Schriften zu atmen weiß, weiß, daß es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muß für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man atmet! wieviel man unter sich fühlt!”

Das Verbotene zur Norm(alität) erklären: “Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann getan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisiert und idealisiert wurde, sehr anders ansehn.”

Schliesslich: “Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht »gepredigt«, hier wird nicht Glauben verlangt.”

Input: Gerüchte trockenlegen

Der Vergleich mit dem Sumpf ist so treffend! Wie kann es uns gelingen den destruktiven “Flurfunk” – Wording aus dem grossen Nachbarkanton – einzudämmen? Thomas Schirrmacher reflektiert die biblischen Grundlagen. Er stellt dabei fest:

Viele meinen, Gerüchte bekämpfe man am besten, indem man nicht mehr über andere redet, wenn sie nicht dabei sind. Gerücht wird hier mit dem Reden über andere gleichgesetzt. Diese Forderung ist aber illusorisch. Zum einen verbietet uns die Bibel nirgends, über andere zu reden, sondern setzt das Gespräch über andere zwingend voraus. Eltern können ihrer Erziehungsverantwortung nur nachkommen, wenn sie über ihre Kinder sprechen. Älteste müssen gemeinsam über Gemeindeglieder beraten. Gute Ratgeber geben nicht nur anderen Rat, sondern suchen sich selbst wieder guten Rat. Die Frage: „Was würdest du Frau Meier raten?“, wäre aber
verboten.

Es gibt eine grundlegende Reihenfolge: Erst aufdecken, dann vergeben.

In der Bibel wird Versöhnung und Vergebung nicht durch Ignorieren erreicht, sondern durch offenes Klarlegen der Fakten. Gott vergibt uns, wenn wir die Fakten anerkennen, nicht blind. Also ist das offene Gespräch gefordert, erst dann kann man neu anfangen. Probleme löst man als Christ nicht durch Verdrängen, Ignorieren, Schönreden oder Rechtfertigen von Schuld, Fehlern, Unzulänglichkeiten und Missverständnissen, sondern durch Aufdecken dessen, was in der Finsternis bleiben will: „Habt keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, deckt sie vielmehr sogar auf!“ (Eph 5,11). Erst wird Klarheit geschaffen, dann können Vergebung und Versöhnung den Neuanfang ermöglichen, wobei wie bei Zachäus ernstgemeinte Umkehr die Wiedergutmachung und das in Ordnung bringen einschließt. Gnade bedeutet in der Bibel nicht, so zu tun, als sei nichts gewesen, sondern nach Untersuchung, Offenlegung und Feststellung von Schuld die wohlverdiente Strafe auszusetzen. Wo – angeblich – nichts passiert ist, ist auch keine Gnade nötig.

Hanniel hirnt (280-282): Jeremia – Antitypus der (Post-)Moderne

Jeremia wäre wohl das Schreckgespenst des (Post-)Modernen gewesen. Jedenfalls scheint er mir der Inbegriff dessen gewesen zu sein, was Friedrich Nietzsche (1844-1900) verabscheute (man lese seine polemische Schrift “Der Antichrist”): Er gestand seine eigene Schwachheit ein und weinte oft haltlos – anstatt sich auf seine Stärken zu besinnen. Er redete von der Sünde – ein Ausdruck, der aus dem Vokabular gestrichen ist. Zudem vertrat er eine von Gott vorgegebene Moral, an der Menschen und das Volk insgesamt gemessen wurden.

In einer Andachtserie beschäftige ich mich mit den ersten Kapiteln des Propheten:

Zitat der Woche: Kritikgespräch nach Gotthelf

Am Anfang von “Ueli der Knecht”:

«Es ist ein Elend heutzutag mit den Diensten,» sagte der Bauer, während er Licht machte und sich anzog, «man kann sie fast nicht bekommen, kann ihnen nicht Lohn genug geben, und zuletzt sollte man alles selbst machen und zu keiner Sache nichts sagen. Man ist nicht mehr Meister im Hause und kann nicht eben genug trappen, wenn man nicht Streit haben und verbrüllet sein will.»

«Du kannst das aber nicht so gehen lassen,» sagte die Frau, «das kömmt zu oft wieder; erst in der letzten Woche hat er zweimal gehudelt, hat ja Lohn eingezogen, ehe es Fasnacht war. Es ist mir nicht nur wegen dir, sondern auch wegen Uli. Wenn man ihm nichts sagt, so meint er, er habe das Recht dazu, und tut immer wüster. Und dann müssen wir uns doch ein Gewissen daraus machen; Meisterleut sind Meisterleut, und man mag sagen, was man will, auf die neue Mode, was die Diensten neben der Arbeit machen, gehe niemand etwas an: die Meisterleut sind doch Meister in ihrem Hause, und was sie in ihrem Hause dulden und was sie ihren Leuten nachlassen, dafür sind sie Gott und den Menschen verantwortlich. Dann ist mir noch wegen den Kindern. Du mußt ihn ins Stübli nehmen, wenn sie zMorge gegessen haben, und ihm ein Kapitel lesen.»

… Wenn etwas Besonderes vorgefallen oder das Maß voll geworden ist, so rufen sie den Sünder ins Stübli, und zwar so unvermerkt als möglich, oder suchen ihn bei einsamer Arbeit auf und lesen ihm unter vier Augen ein Kapitel, wie man zu sagen pflegt, und dazu hat der Meister gewöhnlich sich recht vorbereitet. Er liest dieses Kapitel in vollkommener Ruhe, recht väterlich, verhehlt dem Sünder nichts, auch das Herbste nicht, läßt ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren, stellt ihm die Folgen seines Tuns in Bezug auf sein zukünftig Schicksal vor. Und wenn der Meister fertig ist, so ist er zufrieden, und die Sache ist so weit abgetan, daß der Abkapitelte oder die Andern im Betragen des Meisters durchaus nichts spüren, weder Bitterkeit noch Heftigkeit noch etwas anderes.

Input: Wie ich mein Griechisch und Hebräisch am Leben erhalte

Wie erhalte ich mein Hebräisch am Leben? Diese Frage ist 10 Jahre nach Abschluss des Studiums aktueller denn je. Ich fragte damals einige Hebräisch- bzw. Griechischkenner. Sie alle antworteten mir ähnlich: Lies fortlaufend in der Bibel.

Das tat ich denn auch geflissentlich. Dabei bemerkte ich bald, dass das mühsame Vorwärts-Arbeiten auf der Ebene der einzelnen Worte und Satzstrukturen einen doppelten Nachteil mit sich brachte: Ich sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Zudem litt das Ringen um den persönlichen Ertrag (“den Text zu mir sprechen lassen”) darunter.

In meiner Jahreslese gehe ich in einer physischen Jahresbibel mit Anstreichen und Notizen durch den Text. Parallel dazu lese ich regelmässig einzelne Sätze und Abschnitte in griechischer bzw. hebräischer Sprache.

Zuweilen unterbreche ich meine Jahreslese ganz, um über mehrere Wochen noch intensiver den Grundsprachen zu widmen. Ich kämpfte mich neuerlich durch Jesaja 1-12. Meine Hilfsmittel in diesem Kampf:

Dabei folge ich dem Leitsatz: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach! Ich mühe mich nicht ab, um seltene Vokabeln zu erkennen.

Sommerlektüre: Vorlesungshörbücher

Seit 2015 poste ich Hinweise zur Sommerlektüre. Dieses Jahr weise ich auf eine Anzahl Vorlesungs-Hörbücher aus der Serie “The Great Courses” hin.

Die Veränderung:

Bedingt durch eine neue berufliche Situation suchte ich nach Wegen um mich “à jour” zu halten und meinen Geist durch neue Ideen zu fordern.

Es ist mir zur Zeit nicht möglich gleiche Mengen wie in Vorjahren zu lesen. Das Hören ist eine adäquate, wenn für mich auch nicht ganz gleichwertige Alternative.

Da ich selbst täglich berate und Ideen generiere, brauche ich regelmässigen “Nachschub”.

Mein Anliegen:

Ich erarbeite mir den Zugang zu einem Fachbereich. Die Schriften von Plato und Aristoteles zählen zu den zivilisatorischen Wurzeln des Westens.

Ich bearbeite die einzelnen Vorlesungen anhand des mitgelieferten Skripts nach, um wichtige Gedankengänge zu festigen.

Durch die Auseinandersetzung finde ich einen erleichterten Einstieg in die Originale. Ich beschaffte mir beispielsweise das Lesebuch zu Aristoteles sowie eine weitere Einführung.

Die Umsetzung:

Bei einem Transfer von A nach B oder einem Spaziergang nehme ich mir ein bis zwei Einheiten vor.

Bei wichtigen Stellen bleibe ich stehen und lasse meinen Blick in die Ferne schweifen.

Ich reguliere meine eigenen Erwartungen – vor allem dann, wenn ich durch Müdigkeit und Ablenkung nicht alles mitbekomme.

Der Ertrag:

Beim Lesen kann ich mir Dinge anstreichen, herauskopieren und in eine eigene Reihenfolge/Struktur bringen. Dies ist beim Hören nicht gleichermassen möglich. (Es sei denn, ich würde mir zukünftig kurze Hörzusammenfassungen per Audio erstellen.)

Danke der wochenlangen Beschäftigung ist mein Appetit gewachsen. Ich fühle mich mit der Zeit vertraut mit den Autoren, dem geschichtlichen Hintergrund und der Argumentationsweise.

Ich habe mir die Hauptwerke von Klassikern in Buchform angeschafft inkl. Lesebücher (z. B. aus der Fischer-Reihe; Diogenes).

Bisher angehört:

Plato’s Rebublic: Eines der wichtigsten Werke der Literatur; sauber unterschieden zwischen verschiedenen Deutungen und eigenem Standpunkt

The Ethics of Aristotle: Ebenfalls ein Schlüsselwerk; die zentralen Ideen werden gut herausgearbeitet; ich musste mich erst an Stil und Stimme gewöhnen

Plato, Socrates and the Dialogues: Einführung und Übersicht in die sokratischen Dialoge; Themen und Anliegen werden schlüssig herausgearbeitet

From Plato to Post-modernism: Understanding the Essence of Literature and the Role of the Author: Ungeheuer lebendig vorgetragen, didaktisch geschickt konstruiert, eine Vielzahl an Modellen vermittelnd

William Shakespeare: Comedies, Histories, and Tragedies: Senior vorgetragen, rhetorisch brillant; der Princeton-Professor war selbst sowohl Dramaturg wie auch Schauspieler; immer wieder bezieht er sich auf eigene Erlebnisse als Zuschauer

Hanniel hirnt (279): Vater von heranwachsenden Söhnen – eine Zwischenbilanz

Vor Jahren habe ich ausführlich über meine Erlebnisse als Bubenvater berichtet (siehe z. B. meine Reihe “Im Roten und Grünen Bereich”). Heute ist es um diesen Lebensbereich publizistisch ruhiger geworden. Das bedeutet nicht, dass weniger zu tun wäre – im Gegenteil. Der Augenschein auf die 30 Entschlüsse treibt mir die Schamröte ins Gesicht. Wie dankbar bin ich, dass Christus meine Scham bedeckt. Ich muss weder in einer Haltung der Allmacht und Distanz noch in der Ohnmacht und Verzweiflung bleiben (Allmacht und Ohnmacht des Erziehers).

Auf dieser Grundlage ziehe ich eine Zwischenbilanz (25 Minuten). Als grundlegende Spannungspunkte orte ich:

  • Der Schutz meiner Frau
  • Die ungleiche Energieverteilung
  • Das gemeinsame Reden über Dritte
  • Kontroverse Diskussionen am Tisch
  • Der Umgang mit der Muskelkraft
  • Die schrittweise Übergabe der Online-Verantwortung

Darüber hinaus spreche ich von weiteren Herausforderungen:

  • Verbale Gewandtheit
  • Tagesrhythmus
  • Abkehr von väterlichen Gewohnheiten
  • Umgang mit Hab und Gut
  • Treue im Kleinen
  • Fehlende handwerkliche Begabung

Input: Kreuzungen in der Lebensspur

Es gibt prägende Momente für die Richtung der Lebensspur. Das erfuhr auch Whittaker Chambers (1901-1961), berühmtester kommunistischer Spion der USA aus dem 20. Jahrhundert. Die eindrückliche (und traurige) Geschichte seiner Jugend gipfelte im Selbstmord seines Bruders Richard.

“Das war der Punkt, an dem ich ein überzeugter Kommunist wurde”, sagte Chambers später über Richards Selbstmord. “Ich hatte das Gefühl, dass jede Gesellschaft, die den Tod eines Jungen wie meines Bruders zur Folge haben könnte, falsch war, und ich befand mich mit ihr im Krieg. Dies war der Beginn meines Fanatismus”.

Sein Biograph, der Historiker Sam Tanenhaus, schreibt (in der Biografie):

Er war es gewohnt, in der Unterzahl zu sein (outnumbered). Endlich hatte er seine Kirche gefunden. … 1925 Kommunist zu werden, bedeutete nicht, einfach ein Glaubensbekenntnis und seine Geschichtsvision zu akzeptieren. “Es bedeutete eine Bekehrung, eine völlige Hingabe” (964+975; Kindle-Positionen)

Ich empfehle den engagierten Vortrag von Greg Forster zu Chambers’ Lebensgeschichte. Forster empfiehlt dessen Autobiografie “Witness”.

Zitat der Woche: Geiziges Brennen, unchristliches Rennen

Meine Frau meint: “Dieses Lied enthält alles, was ich brauche.” Es lohnt sich das vertonte Gedicht von Paul Gerhardt (1607-1676) “Die güldne Sonne” genau zu lesen. Besonders eindrücklich sind die Strophen 6 und 7:

6) Laß mich mit Freuden / ohn alles Neiden
sehen den Segen, / den du wirst legen
in meines Bruders und Nähesten Haus.
Geiziges Brennen, / unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde, / das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus.

7) Menschliches Wesen, / was ist’s gewesen?
In einer Stunde / geht es zugrunde,
sobald das Lüftlein des Todes drein bläst.
Alles in allen / muß brechen und fallen,
Himmel und Erden / die müssen das werden,
was sie vor ihrer Erschaffung gewest.