Input: Generations-übergreifende Vater-Sohn-Konflikte

In seiner monumentalen Schilderung über Preussen beschreibt der Historiker Christopher Clark – gelesen von Frank Arnold –  die generationsübergreifenden Vater-Sohn-Konflikte der Fürstendynastie von Friedrich I. (1657-1713), Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) und Friedrich der Grosse (1712-1786). Die Landesherren sahen sich als Teil des “generationenübergreifenden historischen Projekts, bei dem jeder Herrscher die unerreichten Ziele seiner Vorgänger als seine eigenen betrachtete” (130). Parallel zu einer langen Zeit unaufhaltsamer Expansion des Fürstentums entfaltete sich ein tiefgreifender trans-generationaler Konflikt.

Da gibt es zunächst einmal zu bemerken, dass Friedrich Wilhelm I. in den Augen des Vaters “zu nichts gut” war und dessen Bruder bevorzugt wurde. Nur durch Intervention auswärtiger Herrscher konnte der Vater davor zurückgehalten werden, den späteren Thronfolger von der Erbfolge auszuschliessen. 

Der Sohn unternahm in der Folge die Anstrengung, seinem eigenen Sohn “eine möglichst umfassende Ausbildung in der Kunst des Regierens angedeihen zu lassen”. Er gestand ihm deshalb “einen weitgehend unabhängigen Bereich zu” (131). Bedauerlicherweise konnte er aber nicht zwischen Errungenschaften innerhalb seines Staates und seiner eigenen Person unterscheiden, weshalb “jede Missachtung seiner Person eine Gefahr für seine historische Leistung, ja für den Staat selbst darstellte” (132). “Seiner Ansicht nach musste alles in sich zusammenbrechen, wofür er so hart gearbeitet hatte, wenn sein Nachfolger nicht »seinen Glauben, seine Gedanken, seine Neigungen und Abneigungen hätte, kurz, wenn der Thronfolger nicht sein Ebenbild würde«” (ebd.) Dies führte zu erheblichem Druckaufbau: “Er unterwarf ihn einer zermürbenden Routine von täglich zu erledigenden Aufgaben – Militärparaden, Inspektionsrunden, Ratsversammlungen –, alles auf die Minute genau geplant.” (133) 

Wie reagierte der Sohn? Er “vervollkommnete die Kunst, sich dem Willen seines Vaters mit einer Art verschlagener Höflichkeit zu widersetzen.” Nach aussen fügte er sich dem Regime seines Vaters, während er sich privat “im Kreis von Vertrauten bewegte”. In der Öffentlichkeit “gab er sich kühl und distanziert. Im Geheimen jedoch lernte er Flöte spielen, schrieb Gedichte und häufte Schulden an. Mit Hilfe seines hugenottischen Lehrers Jacques Egide Duhan de Jandun legte er sich eine Bibliothek mit französischen Werken zu, die von freidenkerischen, aufgeklärten literarischen Interessen zeugten.” 

1730 versuchte der Thronfolger zu flüchten. Es entlud sich “angesichts der Kämpfe und Intrigen von 1729/30 alles, was sich an Frustration und Ärger über die Behandlung durch seinen Vater über Jahre hinweg aufgestaut hatte.” Vom Vater zurückgeholt, “wurde er in ein Verlies gesperrt und gezwungen, die Kleidung eines Sträflings zu tragen. Seinen Bewachern wurde verboten, Fragen des Gefangenen zu beantworten.” (136) Sein Sohn wurde mit 185 bohrenden Fragen konfrontiert. “Für einen Mann, der besessen war von der Idee der Kontrolle, war offener Ungehorsam das Schrecklichste, was er sich vorstellen konnte.” Während der Mit-Drahtzieher der Flucht exekutiert wurde, wurde Friedrich in die Garnisonsstadt Küstrin ausquartiert. “Er gab den unterwürfigen, reuigen Büßer, ertrug klaglos das monotone Leben in der Garnisonsstadt Küstrin und erfüllte gewissenhaft seine Regierungspflichten, wobei er viel Nützliches lernte.” (139)

Input: Horizontale Pflichtethik

Der jüdische, dem philosophischen Existenzialismus nahestehende Gelehrte Emmanuel Levinas (1905-1995) verbindet Judentum mit europäisch-kontinentaler Philosophie des 20. Jahrhunderts. Das Produkt: Extremer Humanismus. Die von mir sehr geschätzte Junius-Reihe “… zur Einführung” (empfohlen: Antonio Gramsci, Paul Tillich) bringt anhand seines Schlüsseltexts “Judaisme” der Encyclopaedia Universales die Wahrheit des Judentums auf folgenden Nenner (18f):

  1. Monotheismus =
  2. dem Höchsten folgen =
  3. sich keiner anderen moralischen oder politischen Macht beugen
  4. meine Einzigartigkeit in der Verantwortung für den anderen Menschen finden
  5. auserwählt sein für den Vollzug ethisch-universalistischen Handelns
  6. an einem messianischen Reich der Gerechtigkeit arbeiten
  7. = extremer Humanismus des einen Gottes, der die Menschen fordert.

Man erkennt: Letztlich diesseitige, horizontale Pflicht-Ethik.

Input: Historische Gewissheit, keine mathematische Genauigkeit

In Familienandachten las ich aus dem äußerst anschaulich geschriebenen Buch von Greg Gilbert “Warum ich der Bibel vertraue” vor (englisches Hörbuch; weiteres Grundlagenbuch über das Evangelium). Ich pflichte einem Rezensenten bei: “Geschrieben ist es in einem unterhaltsamen, eher journalistischen Stil. Die Kürze der einzelnen Kapitel ist auch für Wenigleser zu bewältigen.*

Hundertprozentige Gewissheit mag es in der Mathematik geben, wo die Dinge definiert sind, manchmal auch in der Naturwissenschaft, aber niemals in der historischen Wissenschaft. Es besteht immer die Möglichkeit, dass neue Dokumente auftauchen, die ein historisches Ereignis in Frage stellen. So kann man rein theoretisch argumentieren, dass wir ja gar nicht wissen, ob Caesar wirklich den Rubikon überschritten hat. „Es könnte ja sein”, mag jemand argumentieren, „dass sich einer seiner Soldaten als Caesar verkleidet hat, und die anderen dachten, es wäre Caesar selbst.” Vollkommen ausschließen lässt sich so etwas natürlich nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr gering. Dies wäre letztlich eine Haarspalterei, mit der man alle historischen Ereignisse in Frage stellen könnte. Wenn wir uns auf eine solche Argumentationsweise einlassen, können wir die Geschichte als Wissenschaft vergessen. Hundertprozentig können wir niemals wissen, ob sich ein Ereignis wirklich so und nicht anders abgespielt hat. Wir sind daher auch nicht auf mathematische Gewissheit aus, sondern auf historische Zuverlässigkeit. Dass Caesar den Rubikon überschritten hat, ist nicht „bewiesen” in dem Sinne, wie es bewiesen (besser gesagt: definiert) ist, dass 1 + 1 = 2 ist. Es ist aber erwiesen, dass Caesar beim Überschreiten des Rubikon gesehen wurde. Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Berichterstatter kein Interesse daran hatten, der Nachwelt irgendetwas vorzugaukeln. Insofern gilt die Überschreitung des Rubikon als historische Tatsache. Eine solche Art von historischer Gewissheit streben wir an, wenn wir die neutestamentlichen Evangelien untersuchen. Mehr können und dürfen wir nicht erwarten.
Zweitens ist zu bedenken, dass historische Tatsachen immer auch Konsequenzen hinsichtlich des menschlichen Handelns nach sich ziehen. Ich treffe gelegentlich Menschen, die mir sagen, dass sie niemals ihr Leben auf etwas auf bauen würden, das sie nicht selbst aus erster Hand erfahren haben. Was sie nicht selbst gesehen und eigenhändig untersucht haben, erscheint ihnen zu zweifelhaft, als dass man sein Handeln danach richten könnte. Auf den ersten Blick erscheint diese Argumentationsweise vernünftig. Sie klingt sogar einigermaßen intellektuell redlich. Wenn man der Sache auf den Grund geht, stellt man jedoch bald fest, dass niemand dieser Devise wirklich folgt. Wir alle vertrauen auf Dinge oder Ereignisse, die wir nur aus zweiter Hand wissen. Nehmen wir nur mein eigenes Leben. Ich war persönlich nicht zugegen, als die Verfassung der Vereinigten Staaten ratifiziert wurde. Und doch vertraue ich als Bürger der Vereinigten Staaten darauf, dass sie tatsächlich ratifiziert wurde. Und ich richte mein Leben nach dieser Grundüberzeugung aus. Das heißt, ich käme nicht auf die Idee, irgendwelche Wahlen zu boykottieren, weil man schließlich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, dass sie verfassungsmäßig sind. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Kann ich wirklich zu hundert Prozent wissen, dass meine Eltern meine Eltern sind? Ich kann mich weder an meine eigene Geburt erinnern, noch habe ich jemals einen DNA-Test durchführen lassen. Und wer weiß? Vielleicht ist meine Geburtsurkunde ja nur eine Fälschung. Doch auch hier gilt: Habe ich auch letztlich keine mathematische Gewissheit, so spricht doch alles dafür, dass meine Eltern wirklich meine Eltern sind – und ich lebe seit vielen Jahren sehr gut mit dieser vertrauensvollen Gewissheit. Um diese Art von vertrauenswürdiger Gewissheit geht es auch in der historischen Forschung. (20-21)

Input: Wir vermeiden beherzte, laute, schmerzliche Debatten

Meine jahrelange Reise zur Erkundung des alternativen Metanarrativs des Islams führte mich schon vor längerer Zeit zu Ahmad Mansour (siehe hier und hier). Paul Ronzheimer sprach kürzlich mit ihm über Islamismus und die deutsche Ohnmacht. Hier sind drei Ausschnitte, die ich mir auch als Christ zu Herzen nehme. Wir haben vielleicht noch verstärkt die Tendenz, “mit allen lieb sein zu wollen” und die beherzten, lauten, schmerzlichen Diskussionen vermeiden zu wollen.

Wir führen die Debatten in diesem Land verlogen. Unsere Empörung ist nur dann sehr laut, wenn es uns ideologisch passt. … Wenn wir (bei Vorkommnissen wie kürzlich in Mannheim) schweigen, sind (rechte Gruppierungen) die einzigen, die dies thematisieren. Sie tun dies nicht, um Lösung zu suchen. … Manche aus der Mitte der Gesellschaft haben Angst, solche Themen anzusprechen, weil sie nicht als Rassist oder Islamhasser abgestempelt werden wollen. Sie haben nicht gelernt zu debattieren – auch dann, wenn es wehtut oder man etwas ertragen muss.

Das stört mich als Migrant aus Israel, wo Debatten ganz anders geführt werden. Sie tun weh, sind laut. Die Leute streiten sich massiv. Man hat das Gefühl, die Demokratie breche auseinander, wenn Hunderttausende auf die Strasse gehen. Wir hingegen haben ein Demokratieverständnis, das auf Harmonie und Konsens für alle zielt. Wir haben uns alle lieb und meiden die Themen, die ein bisschen schwierig sind. (Minuten 5-7)

… Das gesamte Integrations- und Präventionsumfeld liegt in den Händen von Menschen, die eine linke Ideologie vertreten. Diese vertreten die Ansicht, dass Muslime nicht in die Verantwortung gezogen werden dürften. Man müsse kuschen. Sie glauben, dass mit der Bekämpfung von antimuslimischem Rassismus und die Leute in ihrer Opferrolle bestätige sie dann nicht mehr radikal würden. … Ich halte diese Methode und diesen Ansatz für absolut falsch. Das bringt uns nicht weiter. Wir haben kein Ressourcenproblem, auch kein Geldproblem. Wir haben mittlerweile überall Beratungsstellen, Präventionsprojekte und Strukturen, mit denen man wirklich viel erreichen kann – falls wir unsere Arbeit ernsthaft verrichten. 

Es geht darum, diese Menschen in die Verantwortung zu stellen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen – gerade in den demokratiefeindlichen Einstellungen. (Minuten 21-22)

Kein Mensch wird als Islamist geboren. Kein Mensch ist verloren, wenn wir wirklich – und das ist einer der Grundsätze, die wir vor Augen führen müssen – als Europäer den Menschen, die zu uns kommen, selbstbewusst gegenüber stehen und unsere Werte kommunizieren; wenn wir diese Menschen begleiten und helfen diese Werte zu verstehen, danach zu leben. Dann haben wir die Hälfte des Problems schon geschafft und haben ganz viele Leute erreicht. Aber wir haben Menschen aufgenommen in den letzten Jahren und absolut im Stich gelassen. (Minuten 18-19)

Buchhinweis: Die Macht der Gewohnheit

Wie ändern sich Gewohnheiten? Diese Frage beschäftigt mich sowohl beruflich wie auch privat seit Jahren. Charles Duhigg (* 1974) beschreibt in “Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun” anhand zahlreicher Fallbeispiele den – letztlich göttlich verankerten – Modus zur Veränderung:

Wie ändern sich Gewohnheiten? Leider gibt es keine feste Folge präzise definierter Schritte, die garantiert bei jedem Menschen funktionieren. Wir wissen, dass sich eine Gewohnheit niemals vollständig beseitigen lässt – vielmehr muss sie ersetzt werden. Und wir wissen, dass die goldene Regel der Gewohnheitsänderung lautet: Wenn wir den Auslösereiz und die Belohnung beibehalten, können wir eine neue Routine installieren. Aber das allein genügt nicht. Damit eine Gewohnheitsänderung von Dauer ist, müssen Menschen daran glauben, dass Veränderung möglich ist. Und in den meisten Fällen lässt sich diese Überzeugung nur mit Hilfe einer Gruppe verankern. Wenn Sie mit dem Rauchen aufhören wollen, sollten Sie sich eine andere Routine ausdenken, die das Verlangen befriedigt, das von Zigaretten ausgelöst wird. Suchen Sie sich dann eine Selbsthilfegruppe ehemaliger Raucher oder eine Gemeinschaft, die Sie in dem Glauben bestätigt, dass Sie auf Nikotin verzichten können, und wenden Sie sich immer dann an diese Gruppe, wenn Sie das Gefühl haben, Sie könnten schwach werden.

Wenn Sie abnehmen wollen, sollten Sie Ihre Gewohnheiten analysieren, um herauszufinden, weshalb Sie wirklich jeden Tag Ihren Schreibtisch verlassen, um einen Snack zu essen, und dann sollten Sie jemanden suchen, der mit ihnen einen Spaziergang macht, mit Ihnen am Schreibtisch statt in der Cafeteria plaudert, eine Gruppe, die Diätziele gemeinsam verfolgt, oder jemanden in Ihrer Nähe, der lieber ein paar Äpfel als Chipstüten vorrätig hält. Die empirischen Befunde sind eindeutig: Wenn Sie eine Gewohnheit ändern wollen, müssen Sie eine alternative Routine finden, und Ihre Erfolgschancen erhöhen sich dramatisch, wenn Sie dies im Rahmen einer Gruppe tun. Der Glaube ist unerlässlich, und er erwächst aus einer gemeinschaftlichen Erfahrung, auch wenn diese Gemeinschaft nur aus zwei Personen besteht. Wir wissen, dass es möglich ist, Verhalten zu verändern. Alkoholiker können mit dem Trinken aufhören. Raucher können mit dem Rauchen aufhören. Sie können aufhören, Nägel zu kauen oder bei der Arbeit Snacks zu essen, Ihre Kinder anzuschreien, die ganze Nacht aufzubleiben oder sich aus nichtigem Anlass Sorgen zu machen. (127-128)

… Wenn man sich darauf konzentriert, Schlüsselgewohnheiten umzugestalten oder zu kultivieren, kann man weitreichende Veränderungen bewirken. Allerdings ist das Identifizieren von Schlüsselgewohnheiten eine knifflige Sache. Um sie zu finden, muss man wissen, wo man nach ihnen suchen muss. Um Schlüsselgewohnheiten zu erkennen, muss man bestimmte Merkmale aufspüren. Schlüsselgewohnheiten vermitteln das, was in der Fachliteratur »kleine Gewinne« (small wins) genannt wird. Durch Schaffung neuer Strukturen tragen sie dazu bei, dass sich andere Gewohnheiten entfalten können, und sie etablieren Kulturen, in denen sich Veränderungsprozesse ausbreiten. Aber wie O’Neill und andere herausgefunden haben, bedarf es einer gewissen Findigkeit, um die Kluft zwischen dem Verständnis dieser Prinzipien und ihrer Anwendung zu überbrücken. (145)

Buchhinweis: 1968 – Jugendrevolte und globaler Protest

Einige Jahre nach dem 1968er-Jubiläum (siehe Repressive Toleranz, Die Asche des Abendlandes, Drei Generationen, Kulturrevolution in Deutschland) las ich die dicht gedrängte, in elegantem Deutsch verfasste, auf die historischen Ereignisse der einzelnen Schauplätzen fokussierte, mit zahllosem Archivmaterial unterfütterte Monografie “1968” von Norbert Frei.

Frei schreibt bezüglich Realitätsbezug von Horkheimers und Adornos Schriften (93):

Nüchtern betrachtet, war die Kritische Theorie, wie Max Horkheimer und Theodor Adorno sie in den fünfziger Jahren (noch ohne großes K) vertraten, als Anleitung einer radikalen Praxis nicht zu gebrauchen. Wer die Arbeiten der beiden aus der Kriegszeit im amerikanischen Exil studierte oder auch nur ihre aktuelle Politikberatung und die empirisch-tüchtige Auftragsforschung des Frankfurter Instituts zur Kenntnis nahm, der konnte kaum entgehen, dass nichts davon auf revolutionäres Handeln zielte. Die Diskrepanz zwischen der Radikalität ihrer Kapitalismus- und Faschismuskritik aus den frühen dreißiger Jahren und ihrer späteren, dem »universalen Verblendungszusammenhang« der modernen Bewusstseins- und Kulturindustrien geschuldeten » Negativen Dialektik« war eigentlich unübersehbar, ebenso aber auch ihre über alle theoretische Ausweglosigkeit hinweg (»Es gibt kein richtiges Leben im falschen. «) stets vorhandene Bereitschaft, sich für das Gelingen einer »bürgerlichen Demokratien in Westdeutschland praktisch zu verwenden. Das Risiko des Scheiterns blieb den Zurückgekommenen indes zeitlebens bewusst. Anfang der Sechziger, nach einem Jahrzehnt des herausgehobenen universitären und öffentlichen Wirkens, schien es vor allem Horkheimer, aber auch Adorno, als mehrten sich die Menetekel gar.

Input: Multiperspektivisches Lesen der Bibel

Bavinck-Forscher unterhalten sich über den Lernertrag ihrer Lektüre bezüglich Bibelverständnis. Sie sehen ein stark entwickeltes Bewusstsein für Tradition und Standort innerhalb der Kirchen- und Dogmengeschichte, für die Betonungen ihrer Zeit und die damit einhergehende Standort-Gebundenheit, für die Gefahr eines historischen Relativismus und die Notwendigkeit, die Bibel möglichst mit den Augen der ersten Leser zu sehen.

Zunächst ist da das Bewusstsein vorhanden, dass die Kirche im Lauf ihrer Geschichte klar definierte Inhalte bekannt hat:

(Minute 5) Wenn man die Bibel im Licht dessen liest, was die Kirche über all die Jahrhunderte hinweg bekannt hat, spielt das eine große Rolle dabei, ob man bereit ist, einige der Prinzipien herauszuarbeiten, die wir in der Tradition festgelegt haben oder nicht.

Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Betonungen der einzelnen Bekenntnisschriften:

(Minute 6) Der Heidelberger Katechismus beginnt nicht mit Beweistexten oder irgendwelchen vernunftbasierten Argumenten, warum man die Heilige Schrift annehmen sollte. Stattdessen beginnt er existentiell mit dem, was dein einziger Trost im Leben und im Tod ausmacht.

Es ist das heilige Evangelium, und wenn man seine Schuld vor Gott sieht und Gottes Gnade für einen in Christus, dann ist das Evangelium absolut zwingend und die einzige Hoffnung.

Das Bewusstsein Kinder ihrer Zeit zu sein, war für Männer wie Kuyper und Bavinck prägend:

(Minute 7) Für jemanden wie Herman Bavinck ist das Argument, dass niemand die Bibel aus dem Nichts heraus liest… es gibt eine Ehrlichkeit und Offenheit und Transparenz in Bezug darauf, wo und aus welcher Perspektive sie die Bibel lesen. Offen und transparent auch in Bezug auf die Priorisierung der Voraussetzungen und auch offen und transparent in Bezug auf das Lesen der Bibel als Kinder ihrer Zeit.

Auf der anderen Seite ist das Bewusstsein, zu rasch in einen historischen Relativismus abzugleiten, stets vor Augen:

(Minute 8)… wie können wir verhindern, dass das Ganze in einen historischen Relativismus ausartet, in dem es überhaupt keine wahre Lesart der Bibel gibt?

Wir bejahen, dass wir die Bibel mit all den Besonderheiten unseres kulturellen Standorts und unserer Endlichkeit lesen, aber wir haben auch einen Blick dafür, dass es in der Lektüre eine Wahrheit gibt, die über diesen Standort hinausgeht.

Der Startpunkt sollte die Bedeutung des Textes für die ersten Leser sein

So denke ich, dass eines der Dinge, die ich von der niederländisch-reformierten Tradition über das Lesen der Bibel gelernt habe, und eine der Arten, wie es mir wirklich geholfen hat oder wie ich über das Predigen nachdenke, ist, dass ich das Gefühl habe, dass die neocalvinistische Tradition oft mit der Betonung auf der Frage begonnen hat: Was hat der ursprüngliche Autor in seinem ursprünglichen Kontext gesehen?

Input: Mehr Einheit dank theologischem Minimalkonsens?

Matthias Mockler und Matthias Lohmann von der FeG München-Mitte unterhalten sich über eine in Kürze stattfindende Konferenz in München:

Bei manchen steckt ein theologisch minimalistisches Verständnis dahinter. Man macht mit – es wird gar nicht genauer hinterfragt. Tatsächlich glaube ich auch, dass verschiedene Themen (Sexualethik, Lockerung des Rechts auf Abtreibung) bei der Konferenz gar nicht zur Sprache kommen werden. Es wird einfach emotionale Voten geben wie: ‘Wir wollen Deutschland neu erreichen. Gott gießt seinen Geist neu über dieses Land aus.’ Da kann man dann ja vieles so sagen; was man dann genau damit meint, das bleibt unklar. Man kann das Miteinander gut finden, aber man meint eigentlich gegensätzliche Dinge. Das ist dann natürlich nur eine oberflächliche und vorgeschobene Einheit, die in der Sache aber gar nicht wirklich besteht. (Minuten 21-22)

… Ein plakatives ‘Dein Wille geschehe’ tönt wunderbar. Aber wir müssen dann mal klären, was ist der Wille Gottes? Was wollen wir miteinander wirklich erreichen? Eine Einheit ohne Wahrheit, ist ja nicht das, wofür Jesus betet und was Gott gefällt.

Bei den ethischen Fragen werden sicher ganz viele sagen: ‘Das ist ja auch nicht so zentral, das ist zweitrangig. Da müssen wir jetzt gar nicht dafür beten, wenn wir so zusammenkommen, sondern einfach um die Kraft des heiligen Geistes, dass er neu ausgegossen wird, um die Einheit unter den Kindern Gottes, dass dies eben wieder viel stärker sichtbar wird. Oder dass nach Jahrhunderten eine Zusammenführung von den Kirchen möglich wird.’ – (Antwort) Ja, aber das wäre ja das Gegenteil von dem, was Gottes Wort uns lehrt.

Wirkliche geistliche Einheit braucht ein Fundament. ‘Heilige Sie in der Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit.’ Das betet Jesus in Johannes 17. Das heißt, die Einheit, für die Er betet, ist eine Einheit, die tief im Wort Gottes verankert ist. Wer sagt, dass man die Ethik da als nebensächlich ausklammern kann, der hat Gottes Wort noch nicht gelesen. (Minuten 27-28)

… Ich glaube, es wird da nicht viel um Inhalte gehen. Ich glaube, es wird ein großes christliches Happening. Da werden Emotionen gepusht; ich befürchte, dass dann diese Emotionen verwechselt werden mit der Wirkung des Heiligen Geistes. Das habe ich immer wieder erlebt, dass da, wo Menschen zusammenkommen und eine bestimmte emotionale Atmosphäre entsteht, Menschen meinen, sie hätten den Geist erfahren. Da hätte ich sehr ernste Anfragen, ob das eine Wirkung des Heiligen Geistes ist, wie wir sie in der Schrift finden. Also ich würde sagen, da gibt es viel Musik, aber wenig wahre Anbetung, nämlich Anbetung in Wahrheit und im Geist, wie wir eigentlich Gott anbeten sollen. (Minute 32)

Input: Heiliger Geist – manipulativ herbeigeführte Krafterfahrung?

Wer mit Kirche nicht viel anzufangen weiss, für den klingt der Heilige Geist zunehmend eigenartig. Um welchen Geist handelt es sich hier? Wenn Menschen von Geister sprechen, wird häufig etwas Spiritistisches darunter verstanden (oder dann als unerwarteter Störefried in Comics).

In den einen Kirchen wird der Heilige Geist so betont im Zusammenhang mit emotionalen Erfahrungen. Das direkte Erlebnis steht ganz im Zentrum, so dass anderes untergeht – am Schluss sogar der Heilige Geist selbst.

Die anderen bevorzugen es im Gegenzug, nicht viel vom Heiligen Geist zu sprechen – gerade im Hinblick auf Fehldeutungen. Sie betonen Lehre – doch der Effekt ist Leblosigkeit. Es ist alles schön normiert, doch es erfasst das Leben nicht.

… Wenn der Heilige Geist als Kraft und nicht als Person gesehen wird, muss ich eher die richtigen Knöpfe drücken, um zu sehen, dass diese Kraft auch in mein Leben kommt. Ich muss in die richtige Stimmung kommen, um es zu erleben. Etwas provokativ gesagt: Krafterfahrung muss man manipulativ herbeiführen, z. B. mit bestimmten Liedern. Es braucht bestimmte Gefühle in der Anbetung – also eine Produktion von Vorstellungen bzw. Gefühlszuständen.

David Jany spricht in dieser Predigt über das Hauptanliegen des Heiligen Geistes (Ausschnitte hier siehe Minuten 6-8 und 17-19).

Predigt: Hat Paulus Allegorien verwendet?

Bei meinem erneuten Durchgang durch die Paulusbriefe (bisher: 13 Vogelflüge durch die Paulusbriefe, Einführung in Aidlingen 2018 & 2022) beschäftigte ich mich zuerst mit dem mutmasslichen frühesten Brief an die südgalatischen Gemeinden.

Dabei wollte ich den anspruchsvollen Abschnitt aus Kapitel 4,21-31 aus der Sichtweise von Neutestamentlern erkunden (insbesondere den dabei gewählten “bildlichen Sinn” in V. 24).

Dabei stiess ich auf diese Dissertation, das die Forschung so zusammenfasst (S. 123):

Viele meinen, dass die Beantwortung der Frage “Was bedeutet ἀλληγορέω?” auch die Beantwortung der Frage “Hat Paulus Allegorien verwendet?” bedeutet. Andere sind anderer Meinung. Einige versuchen, die Frage zu beantworten, indem sie ein breites Spektrum an antiken Exegeten untersuchen. Andere beschränken ihren Blick auf die expliziten Betrachtungen der rhetorischen Handbücher des ersten Jahrhunderts. Es gibt hier kaum Gemeinsamkeiten, außer einer Sache: Philo repräsentiert, was Allegorie im ersten Jahrhundert bedeutete, meine zweite Unterthese. Mit Ausnahme von James Barr sind sich fast alle Gelehrten einig, dass Philo als Vorbild für das antike Handwerk dient.

Was bedeutete die griechische Formulierung genau (147)?

Sollte die Formulierung ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα mit “dies kann nun allegorisch gedeutet werden” oder mit “diese Dinge sind metaphorisch” wiedergegeben werden? Ersteres liegt sicherlich innerhalb des möglichen Bedeutungsspektrums des Wortes und erklärt die medio-passive Form. Es gibt jedoch zwingendere Gründe, die für die zweite Variante sprechen.

Es kommt zu folgenden hermeneutischen Schlussfolgerungen (230):

Erstens war Paulus eindeutig der Meinung, dass der Text seine Lesart rechtfertigte. Er eröffnet Galater 4:21-31 mit einem Aufruf, den Text zu hören, und wie ich oben argumentiert habe, ist der Satz ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα Paulus’ Art zu sagen, dass die Galater die Schrift falsch verstanden haben. Mit diesen beiden Aussagen wird behauptet, dass der Text eine objektive Bedeutung hat. Sie sind nicht Paulus’ Art zu zeigen, dass er mit dem Text spielt.

Zudem hörte ich mir die Auslegung von Thomas Schreiner “Citizens of a Free City” an. Es lohnt sich die biblische Re-Definition des westlich verfremdeten Freiheitsbegriffes anzuhören (erste paar Minuten).