Zitat der Woche: Doppeltes Hören

John Stott (zit. in Stott on the Christian Life, S. 53):

Doppeltes Hören … ist die Fähigkeit, auf zwei Stimmen gleichzeitig zu hören, nämlich auf die Stimme Gottes durch die Heilige Schrift und die Stimmen von Männern und Frauen um uns herum. Diese Stimmen werden sich oft gegenseitig widersprechen, aber aber unser Ziel beim Hören auf beide ist es zu entdecken, wie sie sich zueinander zueinander stehen. Das doppelte Hören ist für die christliche Nachfolge und christliche Mission unentbehrlich. …
Ich glaube, wir sind zu der schwierigen und sogar schmerzhaften Aufgabe des “doppelten Zuhörens” berufen. Das heißt, wir sollen aufmerksam zuhören (wenn auch natürlich mit unterschiedlichem Grad des Respekts) sowohl auf das alte Wort als auch auf die moderne Welt, um das eine mit dem anderen in einer Kombination aus Treue und Sensibilität zu verbinden. …
Wir müssen mit einer doppelten Verweigerung beginnen. Wir lehnen es ab, uns entweder so sehr in das Wort zu vertiefen, dass wir uns hinein flüchten und es nicht mit der Welt konfrontieren. Auf der anderen Seite können wir so sehr in der Welt aufgehen, dass wir uns ihr anpassen und es versäumen, sie dem Urteil des Wortes zu unterwerfen. Eskapismus und Konformität sind gegensätzliche Fehler, aber keiner von beiden ist eine christliche Option.

Zitat der Woche: Die drei Erkenntnistheorien der Psychologie

Daniel N. Robinson definiert die drei -Ismen in der Geschichte der Psychologie, wie sie sich seit dem 17. Jahrhundert festigten:

Der Empirismus ortet die Quellen des Wissens und des Glaubens in den wahrgenommenen Ereignissen der Außenwelt und hält die Erfahrung selbst für die letzte Autorität in Fragen der Tatsachen.

Der Rationalismus geht von der These aus, dass eben diese Erfahrung notwendige rationale Prinzipien voraussetzt, da es sonst keine verständliche und kohärente Zusammenführung von Erfahrungen zu Wissen geben kann.

Der Materialismus geht von der Behauptung aus, dass alles in allem nur physisch-materielle Entitäten eine reale Existenz haben, so dass eine wissenschaftlich vertretbare Psychologie letztlich auf den Vorgängen des materiellen Körpers, genauer gesagt des Gehirns, beruhen muss.

The Great Ideas of Psychology (Skript, S. 18)

Zitat der Woche: Der stille Schaffer nach der Gründung des Bundesstaats

Die überaus interessante Lektüre “Bundesratswahlen: Vom Unruheherd zur stabilen Republik” birgt z. B. diese Notiz (S. 60f):

Bundeskanzler Schiess war ein Glücksfall für die junge Schweiz. Er wirkte in dieser höchst zentralen Verwaltungsfunktion während 33 Jahren bis 1881. (Er war) ein gestrenger und pedantischer Kanzleichef, der bereits um 5 Uhr morgens im Büro erschien und dort bis tief in die Nacht arbeitete. Wer zu spät zum Amt erschien, habe vom Chef einen tüchtigen Klaps erhalten. Im NZZ-Nekrolog (Würdigung nach seinem Tod, meine Anm.) lesen wir: ‘Seine Untergebenen standen unter väterlicher Aufsicht. Schiess war nämlich eine wohlmeinende Seele, welche unpünktliche oder selbst verlotterte Naturen, die seiner Obhut anvertraut waren, auf bessere Wege zurückzuleiten strebte. Und an solchen Elementen war vordem kein Mangel.’ Der Zeitgenosse Walter Seen drückt sich in seiner Schweizerischen Ehrenhalle so aus: ‘Leider … reichten in jenem Anfangsstadium seine Vorschriften und wohlgeleinten Ermahnungen nicht immer aus. … In solchen Fällen riss sein Geduldsfaden, und er fuhr mit drastischen Mitteln drein. Man muss nämlich wissen, dass er, die personifizierte Pünktlichkeit und das Urbild des Pflichtgefühls, sehr energischer Natur war, die jedoch nur zum Vorschein kam, wenn er bei seinen Untergebenen Gleichgültigkeit, Trägheit, Unordentlichkeit und dergleichen Untugenden entdeckte.’ Um festzustellen, ob seine Mitarbeitenden sich in den Früh- oder Vieruhrschoppen verzogen hatten, zählte er die Hüte und Mützen an der Garderobe. Fehlte eine, wusste er, ‘dass sich eine durstige Seele aus den Räumen des Bundesrathshauses entfernt hatte’. Allerdings standen ihm seine Leute in nichts nach und besorgten sich in weiser Voraussicht einen Ersatzhut in der Kriegsmaterialverwaltung, den sie nach gehabtem Schoppen leise wieder an Ort und Stelle ablegten.
… Für die Bundesräte war er mit seinem ausgezeichneten Gedächtnis ein allgegenwärtiges Repertorium der Bundesgesetze und Bundesgeschäfte.

Zitat der Woche: Der Realitätsverlust der Hobbits

Erschreckende Parallelen zu unserem Volk.

Die Hobbits nannten alles, was zum Hoheitsgebiet ihres Thains gehörte, das Auenland; und auf diesem behaglichen Fleckchen Erde richteten sie sich ein und gingen den achtbaren Geschäften ihres wohlgeregelten Lebens nach. Immer weniger kümmerten sie sich um die Welt ringsum, wo man dunklen Gestalten begegnen konnte, und schließlich meinten sie, dass Friede und Überfluss in Mittelerde die Regel seien und allen vernünftigen Leuten von Rechts wegen zustünden. Das wenige, was sie über die Wächter und die Mühen derer gehört hatten, die den langen Frieden für das Auenland möglich machten, vergaßen sie oder schenkten ihm keine Beachtung. In Wirklichkeit lebten sie in einem geschützten Bezirk, hatten aber aufgehört, daran zu denken. Zu keiner Zeit waren die Hobbits, egal welchen Schlages, kriegerisch gewesen, und untereinander hatten sie sich nie bekämpft. In alten Zeiten hatten sie natürlich oft zu den Waffen greifen müssen …

Der Herr der Ringe, Kapitel 1 (Kindle-Position 379)

VD: RJ

Hanniel hirnt (295): Ist ein anderes Verständnis der Erwählungslehre Grund mich zu meiden?

Ich lege meine Überlegungen in einem 16-minütigen Podcast dar. Meine These: Hinter dem Ausschlussverhalten steht das gesellschaftlich aktuelle säkulare Toleranzverständnis. Einige Argumente zum Prozess des Ausschlusses an sich:

  1. Das Vermeidungsverhalten hängt nicht selten mit einer biografisch bedingten Unsicherheit des Gegenübers zusammen.
  2. Die Berufung auf Autoritäten ohne inhaltliche Klarheit ist ein Zeichen geistlicher Unmündigkeit.
  3. Es geht nicht um inhaltliche Klarheit, sondern um methodische, rhetorische oder mediale Eloquenz. Wir sind uns gewöhnt, die Passung von der Form abhängig zu machen.
  4. Das gesellschaftliche Umfeld mit ihrer Mehrheitsmeinung spielt eine entscheidende Rolle. Wer auf der Seite der Mehrheit steht, musste seine Vorannahmen möglicherweise noch nie hinterfragen.
  5. Die Soziologie spricht vom Ausschlussprinzip. Was mein bisheriges (unbewusstes) Vorverständnis erschüttert, wird vom Marktplatz der Diskussion ausgeschlossen. Es gibt auch die Form der Pseudozulassung: Aus Höflichkeit wird vordergründig das Darstellen der eigenen Position zugelassen.
  6. Es braucht keine Experten, um eine Grundposition des Glaubens zu untersuchen. Durch die Gnadenmittel – das Lesen des Wortes Gottes, das Gebet und die Zugehörigkeit zu einer biblisch orientierten Gemeinde – ist jeder wiedergeborene Mensch in der Lage einen Sachverhalt aufgrund der Bibel zu prüfen.
  7. Eine oberflächliche Information durch einen Wikipedia-Artikel oder einen Youtube-Vortrag genügt manchen um die bisherige Position zu stärken.

Genau diese Art der sozialen Ausgrenzung erlebte ich übrigens auch beim Thema der Bildung unserer Kinder.

Zitat der Woche: Der Reformator Bullinger zur Aufgabe der Katechese

Sang-Bong Park schreibt in seiner Dissertation “Bullingers Katechetische Werke” (2011):

Es geht nicht nur um die Kinder (bzw. die Jugend), die stets von der Kirche, der Schule und der Familie zu einem ehrenhaften Lebenswandel angeleitet werden sollten, sondern auch um die Erwachsenen, die seit der Kirchenspaltung stets neuer Auseinandersetzung mit Fragen des Glaubens bedurften. Bullinger verstand deswegen unter Katechese vor allem Kinder- und Erwachsenenunterweisung mit dem Ziel, ihren Glauben zu stärken und ihr Glaubenswissen zu sichern. Diese wird in der Predigt an die Gläubigen in der Kirche, im Unterricht der Schüler im Schulwesen und in der Unterweisung der Kinder durch die Eltern im Haushalt verortet. Die drei Institutionen Schule, Kirche und Familie, sollen die Aufgabe der Glaubenserziehung in enger Verbundenheit gemeinsam erfüllen: Unterweisung in der christlichen Lehre, Stärkung der Frömmigkeit und Hinführung zum Leben der Gemeinde. Die Katechese für das Volk wird als ein notwendiges Programm, getragen durch religiöse und soziale Verantwortung betrachtet.

… Die Katechese als Teil der pastoralen Tätigkeit ist ausserdem ein strategisches Instrument Bullingers zur effektiven Vermittlung  der  biblischen Lehre für  das  Glaubensleben. Den einzelnen Volksschichten in ihren unterschiedlichen Situationen soll das Glaubenswissen auf methodisch und inhaltlich adäquate Weise vermittelt werden, damit es zur Reifung im christlichen Leben führt.

Der Autor zitiert dann aus der Predigt 4 von Bullingers Dekaden:

Den Anfängern gibt er [der Lehrer] die Elemente des wahren Glaubens weiter. Der Unterricht umfasst die erste Unterweisung im Glauben und der christlichen Lehre, also die Hauptstücke des Bundes, die Zehn  Gebote,  das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und eine  kurze Erklärung  der  Sakramente.  … Deshalb gehört zur Unterweisung der Fortgeschrittenen nicht nur die Auslegung der Heiligen Schrift, sondern auch eine klare und möglichst einleuchtende Darlegung der christlichen Glaubenssätze, vor allem aber eine verständliche Unterweisung über die Busse und Vergebung der Sünden im  Namen Christi  und, soweit angebracht, ein strenger  Tadel oder ein ernsthaftes und kluges Anprangern der Vergehen. … Hierher gehört auch die Widerlegung der Irrtümer, die Unterdrückung der Ketzereien und die  Bewahrung der rechtgläubigen Lehre.

Ich befürchte, dass wir in dieser Hinsicht in grober Weise an den nächsten Generationen fehlen. Die Schule unterweist die Heranwachsenden in der säkularen Katechese; die Kirche bietet vor allem Unterhaltung. Und das Elternhaus ist reduziert zur materiellen Versorgungsstation.

Zitat der Woche: Unzufrieden, weil wir den von Gott zugewiesenen Platz verlassen

In dritten Buch seiner Institutio (III,10) beschäftigte sich Johannes Calvin mit der Frage, “wie wir das gegenwärtige Leben und seine Mittel gebrauchen sollen”.

Es handelt sich dabei um eine Frage, die wir bei der Gestaltung unseres Lebens durchaus nicht beiseitelassen dürfen. Denn wenn wir leben sollen, so müssen wir auch die zum Leben erforderlichen Mittel benutzen. Wir können auch dem nicht aus dem Wege gehen, was mehr dem Genuß als der Notdurft zu dienen scheint. Wir müssen also Maß halten, um jene Mittel mit reinem Gewissen zur Notdurft oder auch zum Genuß zu verwenden. (III,10,1)

Es gibt zwei Extreme: Entweder in “Maßlosigkeit und Ausschweifung immerzu in zügelloser Gier über jedes Maß hinaus(zu)gehen”; auf der anderen Seite lauert die Askese. “Unter „Notdurft“ verstehen sie nun weiter, der Mensch solle sich alles dessen enthalten, was er entbehren kann; nach ihrer Meinung kann man also außer Brot und Wasser kaum etwas genießen.” (III,10,1) Es geht darum im Auge zu behalten, weshalb der Schöpfer die Dinge geschaffen hat. “Der Hauptgrundsatz soll dabei folgender sein: der Gebrauch der Gaben Gottes geht nicht vom rechten Wege ab, wenn er sich auf den Zweck ausrichtet, zu dem uns der Geber selbst diese Gaben erschaffen und bestimmt hat.” (III,10,2)

Calvin verwahrt sich also gegen falsche Genussfeindlichkeit. “Kräuter, Bäume und Früchte sollen uns nicht nur mancherlei Nutzen bringen, sondern sie sollen auch freundlich anzusehen sein und seinen Wohlgeruch haben. Wäre das nicht wahr, so könnte es der Prophet nicht zu den Wohltaten Gottes rechnen, daß ‘der Wein des Menschen Herz erfreut’ und daß ‘seine Gestalt schön werde vom Öl’ (Ps. 104,15).” (III,10,2)

Dies geschieht unter Wahrung des Hauptziels. Dieses Leben ist das vorläufige, nicht das letztgültige. Deshalb ist “überhaupt jede Sorge und Sucht, die uns vom Denken an das himmlische Leben und vom Eifer um die Durchbildung unserer Seele abführt oder uns darin hemmt!” zu beseitigen. (III,10,4) Und: “(W)enn einer in engen und kargen Verhältnissen lebt, so soll er geduldig zu entbehren wissen, um sich nicht in maßloser Begierde nach dem, was ihm fehlt, zu beunruhigen.” (III,10,5)

Alles, was uns gegeben ist, trägt den Charakter der Leihgabe. “All diese irdischen Dinge sind uns dergestalt aus Gottes Freundlichkeit geschenkt und in Nutzung gegeben, daß sie gewissermaßen anvertrautes Gut darstellen, über welches wir einst Rechenschaft ablegen müssen. ” (III,10,5)

Interessant ist der letzte Abschnitt: Gott hat mit dem Beruf (lat. voactio; das Wort trägt dieselbe Bedeutung wie “Berufung”) als Lebensgestalt gegeben. “Er hat also, damit nicht durch unsere Torheit und Vermessenheit alle Dinge im Himmel und auf Erden durcheinandergeworfen würden, die verschiedenen Lebensgestalten (vitae genera) eingesetzt und jeder ihre besonderen Pflichten zugeordnet. Und damit keiner unbedacht seine Grenzen überschreite, hat er diese Lebensgestalten Berufe genannt. Für jeden einzelnen von uns ist also unsere Lebensgestalt gewissermaßen ein Wachtposten, den uns der Herr zugewiesen hat, damit wir nicht unser Leben lang umgetrieben werden.” (III,10,6) Diese Lebensgestalt ist je nach Beruf unterschiedlich.

Wer ein unbeamteter Mann ist, der wird sein ohne öffentliche Aufgaben dahingehendes („privates“) Leben ohne Verdrießlichkeit führen, damit er nicht den Platz verläßt, an den ihn Gott gestellt hat. (III,10,6)

Könnte es sein, dass unsere Unzufriedenheit davon rührt, dass wir die uns zugewiesene Lebensgestalt verlassen? Unsere Zeit ruft uns zu, dass wir etwas Ausserordentliches erreichen müssten – wenn wir denn nur wollten.

Zitat der Woche: Das Offenbarungsprinzip als erstes Prinzip für die biblische Hermeneutik

Ich lese kapitelweise aus der Summe der Theologie des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin (1225-1274). Im ersten Kapitel des ersten Teils geht es um Beschaffenheit und Umfang der heiligen Wissenschaft.

Er hebt den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift hervor. Durch diese wurden “dem Menschen einige Wahrheiten durch Offenbarung mitgeteilt …, welche die Begriffskraft der menschlichen Vernunft überragen.” Andererseits wäre der Mensch “durch Offenbarung von seiten Gottes unterrichtet …: nämlich für das leichtere Verständnis der rein natürlichen Wahrheiten.”

Jede Wissenschaft, so von Aquin, ist von ersten, nicht hintertragbaren Prinzipien geleitet. So müssen “jeglicher wahren Wissenschaft Principien (sic) zu Grunde liegen müssen, welche durch und aus sich allein anerkannt sind, nämlich keinerlei weiteren Beweises bedürfen”. So “nimmt die heilige Wissenschaft an und glaubt die Principien, welche von Gott geoffenbart worden.” Ja, “gerade die Offenbarung liefert ihr die maßgebenden Principien (sic) und somit den ganzen Grund ihres Seins”. “Sie entlehnt ihre Principien (sic) nicht der natürlichen Wissenschaft, sondern sie hat dieselben vermittelst der Offenbarung.”

Die Geschöpfe werden stets in Beziehung zu Gott gesehen, “weil sie zu Gott als ihrem ersten wirkenden Grunde und ihrem letzten Zwecke Beziehung haben”. Sie erstreckt sich auf die menschlichen Handlungen insofern, als “der Mensch durch dieselben zur vollkommenen Erkenntnis Gottes geführt wird, worin die Seligkeit des Menschen besteht”.

Hanniel hirnt (294): Erlebte Grenzen eines gegenkulturellen Lebens

Als Christen dürfen wir uns zuversichtlich der Realität zuwenden. Das Hinsehen in meine Lebenswelt Ü45 hält einige ernüchternde Einsichten bereit. Weil meine Hoffnung ausserhalb von mir selbst zu finden ist, bin ich getrost. Zugespitzt ausgedrückt: Gerade diese Ernüchterung lässt mich noch vermehrt bei Dem Zuflucht suchen, der das Ende kennt. Es hilft mir das Vorläufige vom Letztgültigen zu unterscheiden. Und: Es lässt mich meine Hoffnung überprüfen. Welche Stücke halten der biblischen Offenbarung stand, welche nicht?

Fünf familiäre und gesellschaftliche Grenzen

  • Die Realität der säkularen Tertiärbildung
  • Der Sog der Virtualität
  • Die Grenzen des Gefragtseins als Arbeitskraft Ü45
  • Die Einseitigkeit meiner Begabung
  • Die fehlende Präsenz der Kirche in unserer Gesellschaft

Fünf persönliche Herausforderungen

  • Vertrauen vs. Kontrolle
  • Selbstbeherrschung vs. Konsequenzen spüren lassen
  • Das Prinzip von Säen und Ernten
  • Die Lücke zwischen Gesagtem und Gemeintem
  • Die Lücke zwischen Gedachtem und Gelebtem

Hier geht es zum Podcast (16 Minuten). Weiterführend:

Input: Der Platz des Denkens aus christlicher Weltsicht

Bei der Lektüre von Tim Chesters “Stott on the Christian Life” – ich kann diese Buchreihe übrigens nur empfehlen, der Band über C. S. Lewis ist sogar als Hörbuch erschienen – bin ich auf dessen Schrift “Your Mind Matters” (erschwinglich erhältlich für die Logos-Bibliothek) gestossen. Es handelt sich um die Verschriftlichung von Konferenzvorträgen aus dem Jahr 1972.

Stott hat seinerseits von der Begegnung mit Harry Blamires und dessen Werk The Christian Mind: How Should a Christian Think?” profitiert. Chester fasst zusammen:

Blamires definiert den christlichen Verstand (engl. christian mind) als  “einen Verstand, der geschult, informiert und ausgerüstet ist, um mit Daten säkularer Kontroversen innerhalb eines Bezugsrahmens umzugehen, der aus christlichen Voraussetzungen gebildet ist.  Ein christlicher Denker, so Blamires, “fordert gängige Vorurteile heraus”, “stört die Selbstgefälligen”, “behindert die emsigen Pragmatiker”, “stellt die Grundlagen von allem um ihn herum in Frage” und “ist ein Ärgernis”. Blamires beklagt den Mangel an “christlichem Geist” in der zeitgenössischen Kirche. “Es ist schwierig, dem völligen Verlust der intellektuellen Moral in der Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts mit Worten gerecht zu werden. Man kann sie nicht charakterisieren. ohne auf eine Sprache zurückzugreifen, die hysterisch und melodramatisch klingt.”

Anhand der biblischen Grundlehren von Schöpfung, Offenbarung, Erlösung und Gericht zeigt Stott den Platz des Denkens innerhalb einer christlichen Weltsicht auf. Ich zitiere nochmals Chester:

Erstens hat Gott die Menschheit mit der Fähigkeit zu denken geschaffen. Dies ist ein Faktor, der uns von anderen Tieren unterscheidet. In der Tat werden nicht denkende Menschen in der Heiligen Schrift dafür getadelt, dass sie sich bestialisch verhalten (Pss. 32:9; 73:22). … Trotz unserer Sündhaftigkeit befiehlt Gott den Menschen, zu denken und die Welt um sie herum zu deuten (Jes 1,18; Matthäus 16,1-4; Lukas 12,54-57).

Zweitens weist die Selbstoffenbarung Gottes auf die Bedeutung des Verstandes hin, denn Gottes Offenbarung ist rationale Offenbarung, sowohl seine allgemeine Offenbarung in der Natur als auch seine spezielle Offenbarung in der Heiligen Schrift…

Drittens müssen Christen ihren Verstand gebrauchen, weil die Errettung durch die Verkündigung des Evangeliums erfolgt – Worten, die an den Verstand gerichtet sind. Menschliche Rationalität ist der Schlüssel zur Erlösung. … Nicht nur, dass das Evangelium spricht den Verstand an; es erneuert auch den Verstand (Eph. 4,23; Kol. 3,10). …

Der vierte Grund, warum Christen ihren Verstand gebrauchen sollten, liegt darin begründet, dass die Lehre vom Gericht von der Bedeutung des Verstandes ausgeht. “Denn wenn eine Sache biblischen Lehre über das Gericht Gottes klar ist, dann diese, dass Gott  dass Gott uns nach unserer Erkenntnis beurteilen wird, nach unserer Antwort (oder dem Fehlen einer Antwort) auf seine Offenbarung.”

Stott wendet diese Sichtweise auf zentrale Lebensbereiche an:

  • Anbetung: Das erste Merkmal der Herzensanbetung ist, dass sie auf der Vernunft basiert; der Verstand ist voll beteiligt.
  • Glaube: Der wahre Glaube ist im Wesentlichen vernünftig, weil er auf den Charakter und die Verheißungen Gottes vertraut. Ein gläubiger Christ ist jemand, dessen Geist über diese Gewissheiten nachdenkt und auf ihnen ruht.
  • Heiligung: Das Hauptgeheimnis des heiligen Lebens ist der Verstand. Die erste und offensichtlichste Art und Weise, wie wir den Verstand brauchen, um Heiligkeit zu entwickeln, ist die Notwendigkeit zu wissen, was Gott von uns verlangt.
  • Führung: Wie bestimmt ein Mensch den spezifischen Willen Gottes für sein oder ihr Leben? “Es gibt nur eine mögliche Antwort … nämlich indem man den Verstand und den gesunden Menschenverstand benutzt, die Gott einem gegeben hat . . . im Vertrauen darauf, dass Gott dich durch deine eigenen geistigen Prozesse führt.”
  • Evangelisation: Die Verkündigung von Christus kann sich nicht auf emotionale oder anti-intellektuelle Appelle für Entscheidungen verlassen. Die Menschen müssen verstehen, wer Christus ist, wenn sie sich auf ihn berufen sollen. Stott verweist zunächst auf die Verpflichtung des Paulus, Menschen zu “überreden” (Apg 17,2-4; 19,8-10; 2. Kor 5,11).

Meiner Meinung nach ist die Denkfeindlichkeit im evangelikalen Umfeld nach wie vor sehr verbreitet. Weshalb? Weil er zwei übermächtige Konkurrenten hat:

  1. Pragmatismus: Es funktioniert.
  2. Emotivismus: Es fühlt sich gut an.