Zitat der Woche: Im Westen wird das Verlangen nach Gemeinschaft übersteuert

Die Menschen, die heute im Westen leben, haben nicht die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die den natürlichen Zustand des Menschen ausmacht. Sie brauchen die Gemeinschaft, können sie aber nicht begehren, da sie ihnen so viel von ihrem individuellen Komfort zu nehmen scheint. Gemeinschaft bedeutet, nicht gegen die Zukunft versichert zu sein: Es bedeutet, zu geben, zu verlieren, sich zu verausgaben, unverteidigt zu sein. Wie weit ist dies von den Annehmlichkeiten entfernt, die uns der allmächtige Staat verspricht!

Mark Dooley. Roger Scruton. Conversations with Roger Scruton. S. 78

Kolumne: Zwischen emotionalen Mimosen und gefühlskalten Rechtgläubigen

Ich habe einen längeren Artikel über die Unruhen von John Pipers Gemeinde gelesen. In den letzten Wochen und Monaten gab es Kündigungen von vier Pastoren sowie die Verabschiedung einer Reihe von langjährigen Mitgliedern. Es geht mir weniger um das Pflücken von skandalösen Details als vielmehr darum, aus den Unruhen im Hinblick auf Diskussion in unseren eigenen Reihen zu lernen.

Ich bin davon überzeugt, dass sich in der Kontroverse der Zeitgeist zeigt. Es steht eine Generation auf, die auf der einen Seite bei jeder Kleinigkeit “Halt! Ich bin emotional verletzt” schreit und bedingungslose Empathie einfordert. Gleichzeitig fördert das Aufwachsen in zerbrochenen Familienverhältnissen eine emotionale “Einigelung”, was zu gefühlskalter Rechtsgläubigkeit führen kann. Beide Seiten widersprechen der Schönheit durch Christus wiederhergestellter Beziehungen – sichtbar beispielsweise in einer Küchentisch-Diskussionskultur.

Hier sind 10 Überlegungen:

  1. Es gibt in der Bethlehem Church nicht einfach DEN einfach zu nennenden Grund für die Spannungen. Es ist kein klassischer Skandal auszumachen.
  2. Dafür existieren einige heikle Themen, um die sich Debatten entwickelt haben, die zu ernsthaften Verwerfungen führten, z. B. die kritische Rassentheorie, Black Lives Matter, die Me-Too-Bewegung oder das Verständnis des Komplementarismus. Diese komplexen Themen werden ja auch in der Gesellschaft heiss diskutiert.
  3. “Im Kern geht es um die Frage, ob, wann und wie Christen diejenigen herausfordern können, die sagen, dass sie verletzt worden seien – und wie sie in solchen Situationen die Aufforderung zum Mitgefühl, zur Suche nach der Wahrheit und zur Buße für die Sünde unter einen Hut bringen.”
  4. “Vor allem seit der Präsidentschaft von Donald Trump haben sich die Gräben unter den amerikanischen Evangelikalen vertieft. Sie offenbaren Meinungsverschiedenheiten nicht in der Theologie an sich, sondern in der Frage, wie sie als Christen ihre größten Prioritäten und Ängste in der Gesellschaft sehen. Diese Entwicklung wurde durch die politische Polarisierung, die Rassenfrage und die Pandemiegefahr noch beschleunigt.”
  5. Es gibt von beiden Seiten Vorwürfe: Die einen werfen den Leitern vor, durch eine Vereinnahmung bestimmter Positionen indirekt in die Arme des theologischen Liberalismus getrieben zu werden. Die Gegenseite spricht von einer “neo-fundamentalistischen” Verschanzung.
  6. Die eine Seite befürchtet, dass Christen sich ” in ihrem Schmerz anderen anschließen, die verletzt sind. Solche Empfindlichkeiten, so fürchtet er, können die Beziehung der Christen zur Wahrheit bedrohen. Gott befiehlt uns, barmherzig zu sein. Er fordert uns auf, Mitgefühl zu zeigen, aber die Menschen verlangen Empathie, und sie betrachten es als eine Art Verrat, wenn man sich weigert, mit ihnen in ihrem Schmerz, in ihrem Kummer mitzugehen.”
  7. Die andere Seite wirft einzelnen Leitern Gefühlskälte, unkontrollierten Zorn und die Tendenz über andere zu herrschen und geistlichen Missbrauch zu üben, vor. Öffentlichen Einsprachen wird mit theologisch verbrämter Einschüchterung und verbalen Vorschlaghämmern begegnet. Es fehle die Zurückhaltung und die Korrekturbereitschaft.
  8. Die einen orten eine gelebte Kultur übermässiger Zugeständnisse: “In den letzten Jahren hat es mich sehr belastet, wie wir in unserer Kirche mit ethnischer Harmonie und verwandten Themen in unserer Kultur umgehen, einschließlich Parteipolitik, Kritischer Theorie, Kritischer Rassentheorie, Intersektionalität, Black Lives Matter. Ich habe das Gefühl, dass wir einer Welle nach der anderen begegnet sind und dass wir in dem gutgläubigen Bemühen, den Frieden zu bewahren und eine Form der Einheit aufrechtzuerhalten, nicht mit ausreichender Klarheit darüber gesprochen haben, was wahr und was falsch ist, und stattdessen versucht haben, linksgerichtete Leute zu besänftigen, die praktisch nicht zu besänftigen sind.”
  9. Umgekehrt ergeht der Vorwurf, dass manche zwar mit der Generalamnestie, um des Evangeliums willen zu lehren und zu wirken, doch gelebt eine unbiblische Kultur der Gefühlskälte und der Selbstrechtfertigung in die Gemeinde hinein holten.
  10. Es geht auch um die Erziehungs- und Ausbildungskultur. “Wir wollen den amerikanischen Verstand, oder zumindest den christlichen Verstand, entknoten. Wir wollen nicht, dass diese Art von Eskalation, Aufblähung und Zerbrechlichkeit im Spiel ist. Das ist Teil unseres gesamten pädagogischen Ansatzes.” Diese Aussage bezieht sich auf das 2018 erschienene Buch “The Coddling of the American Mind”.

Meine Frage: Wie gehen wir inskünftig mit den beiden Kulturen um, die letztlich so viel gemeinsam haben? Lassen wir über aktuellen Fragen eine Gesprächskultur gedeihen und diese beiden Gruppen einander entfremden?

Vorträge: On the Way Home – Josia Konferenz Schweiz

“Das tat richtig gut.” Ein solches Statement ist für uns das Ende jeden Widerspruchs. Was soll man entgegen, wenn jemand ein Ereignis oder ein Erlebnis als “richtig gut” bezeichnet hat? Ein stimmiger Gefühlshaushalt ist das Gütekriterium ersten Ranges. Was ist aber, wenn sich andere Ereignisse dazu schieben? Dann gilt es diese zu verdrängen, sie zu vermeiden und bei Auftauchen zu betäuben.

Diese Daseinsrealität wird den Heranwachsenden heute eingeimpft. Sie gehört zum unbewussten Grundsetting ihrer inneren Schaltzentrale. Dieses Lebensgefühl treibt sie von “Chilbi” zu “Chilbi” – von einem Moment der Gefühlsstimulation zum nächsten. Es wird zu einer Art Daueraufenthalt auf dem “Jahrmarkt der Eitelkeiten”, um ein Bild von John Bunyans Pilgerreise zu benutzen.

Vor einigen Jahren habe diesen Lebensstil in “Zwei Varianten der Pilgerreise” skizziert.  Ende Oktober werde ich auf der Josia-Konferenz CH “On the Way Home” anhand von Hebräer 11-13 in drei Einheiten über den Status, die Erziehung und die Blickrichtung des Pilgers sprechen. Dies geschieht aus den Erfahrungen als Mittvierziger, der an allen Ecken und Enden merkt, dass er frühere Erwartungen korrigieren muss ohne dabei zu resignieren. Mehr denn je sehe ich mich als Pilger auf dem Weg zur ewigen Heimat.

Zitat der Woche: Kants Leben und Werk

Eine adäquate Zusammenfassung von Leben, Charakter und Werk des grössten modernen Philosophen:

Den größten modernen Philosophen hat nichts mehr bewegt als die Pflicht. Sein Leben war dementsprechend unauffällig. Für Kant ist der tugendhafte Mensch so sehr Herr seiner Leidenschaften, dass er sich kaum von ihnen leiten lässt, und so sehr gleichgültig gegenüber Macht und Ansehen, dass er deren Bedeutung als nichts anderes als die der Pflicht selbst ansieht. Nachdem er sein Leben so eingeschränkt hatte, dass er ohne Anstrengung nach diesem Ideal handeln konnte, widmete sich Kant der Gelehrsamkeit und ließ sich dabei ganz von sinnvollen Routinen leiten. (Roger Scruton, Kant: A Very Short Introduction)

Scruton hat das Buch übrigens in vier Tagen nach seinem Studium der “Kritik der reinen Vernunft” verfasst.

Hier habe ich bereits auf fünf Lesehilfen Kants hingewiesen.

Input: Die Unterschiede im Leserverständnis der Bibel nicht überschätzen

E21 hat drei ungemein hilfreiche Artikel von Trevin Wax übersetzt. Die postmoderne Lesart der Bibel hat in vielen Gemeinden über die starke Leserorientierung breiten Einzug gehalten. Fragen wie diese haben sich in den Vordergrund gedrängt:

  • Ist ethnische Vielfalt ein wichtiger Faktor für die Bibelauslegung?
  • Sollten wir darauf achten, welchen Hintergrund und welche Erfahrungen ein Bibelausleger mitbringt?
  • Wie wirken sich unser kultureller Kontext und unsere soziale Position auf unsere Schriftauslegung aus?

Wir alle gehen mit einem Vorverständnis an den biblischen Text heran: Niemand tritt als unbeschriebenes Blatt an den Text heran. Wir bringen immer schon bestimmte Fragen und Annahmen mit. Ein Vorverständnis schliesst jedoch echtes Verständnis nicht aus!

Gemeinsam als Ortsgemeinde: Die wertvollen Lehren von der Irrtumslosigkeit, Inspiration und Klarheit der Schrift bedeuten – richtig verstanden – nicht, dass Hermeneutik eine Solo-Disziplin wäre; etwas, das wir auf eigene Faust unabhängig von den Einsichten anderer bewerkstelligen.

… In wirklich guten Bibelstudiengruppen ist die vorrangige Frage nicht, was der Text für dich bedeutet (als wäre die Wichtigkeit oder die Anwendung einer Bibelstelle je nach persönlicher Neigung praktisch unbegrenzt formbar), sondern was der Text bedeutet.

Gemeinsam als weltweite Gemeinde: Wenn wir die Ortsgemeinde benötigen, um die Bibel richtig auszulegen, dann wird es für uns mit Sicherheit auch ein Gewinn sein, Gläubigen aus anderen Gemeinden und Kulturen zuzuhören.

Distanz anerkennen, ohne sie zu überschätzen: Unsere Überzeugung von der „Klarheit“ der Schrift steht gründlicher Forschungsarbeit nicht entgegen, mit der wir uns bemühen, die Distanz zwischen unserer heutigen Welt und der damaligen biblischen Situation zu verringern. Wenn wir uns zur Klarheit der Schrift bekennen, bezeugen wir damit folgende Wahrheit: Alles, was „zu erkennen, zu glauben und zu beobachten zum Heil notwendig“ ist, ist klar genug, so dass jeder – ob gelehrt oder ungelehrt – die Schrift lesen und studieren und so zu einem hinreichenden Verständnis gelangen kann.

Wirkliche und allumfassende Erkenntnis unterscheiden. Wir müssen zwischen „wirklicher“ und „allwissender“ Erkenntnis unterscheiden – so, wie wir auch zwischen echter und falscher Demut unterscheiden müssen.

Kulturelle Lesart absolut setzen ist ein Reduktionismus. Der Einfluss der Postmoderne auf die Hermeneutik möchte alles auf Kultur reduzieren. Die Aufgabe der Hermeneutik verlagert sich von universeller, wirklicher Erkenntnis weg, hin zu den Gegebenheiten und der Bedingtheit des Bibellesers.

Fazit: Die Unterschiede nicht überschätzen

„Als vor einigen Jahren der Africa Bible Commentary veröffentlicht wurde, betonten die Herausgeber und Unterstützer immer wieder, dass wir damit endlich die Stimmen von Christen hören können, die auf einem anderen Kontinent leben, und dass ihre Einsichten in die Bedeutung der Schrift für uns nun erreichbar sind. Er sei ein Beitrag dazu, dass Christen weltweit voneinander profitieren können. Dies ist selbstverständlich in gewisser Hinsicht wahr und ein Grund zur Freude. Der Africa Bible Commentary legt mehr Gewicht auf Exorzismus, auf Fragen rund um Ahnenverehrung und darauf, das Wohlstandsevangelium zu hinterfragen, als dies einbändige westliche Bibelkommentare tun. Aber die verblüffendste Sache an diesem Werk ist, dass 90–95 % seines Inhalts ebenso von gläubigen Christen aus buchstäblich jedem Teil der Welt gelesen und verstanden werden können, ja, sogar von ihnen geschrieben sein könnten. Und das sollte uns nicht wundern – immerhin haben wir das gleiche Buch. Bevor wir uns zu sehr in eine enggefasste Reader-Response-Hermeneutik verlieben, sollten wir uns darüber klar werden, in welcher Hinsicht der Africa Bible Commentary nicht innovativ ist – und es auch gar nicht sein sollte.“ (D. A. Carson)

Eine sehr hilfreiche Vorgehensweise für das persönliche Bibelstudium stellt über die 7-Pfeile-Methode dar:

  1. Was ist die Aussage dieses Abschnitts?
  2. Was bedeutete sie für die ersten Adressaten?
  3. Was lehrt uns der Abschnitt über Gott?
  4. Was lehrt er uns über den Menschen?
  5. Welche Erwartungen richtet er an mich als Leser?
  6. Wie beeinflusst er die Art und Weise, wie ich mit anderen Menschen umgehe?
  7. Wie veranlasst er mich zum Gebet?

Vorlesungen: 70 Vorträge mit 63 Stunden Laufzeit – 7 Jahre in Aidlingen

Im siebten Jahr durfte ich nun Teile der Bibel auslegen und sie in Beziehung zum Geschehen des 21. Jahrhunderts setzen. Meine Aidlinger Zeit begann mit diesem Vortrag “Wie Darwin & Co. unseren Alltag prägen” – über die Auswirkungen des Naturalismus in unserem Alltag. Im selben Jahr hielt ich zwei Vorträge zu “Boas im Buch Ruth” und zum Ende des Buches Josua “Die nächste Generation im Blick”.

Seit 2016 gehören nicht nur die Einleitung in biblische Bücher (z. B. “Die Schriftpropheten in der biblischen Heilsgeschichte – Jesaja”), sondern auch jeweils zwei Themenvorträge (z. B. eine biografische sowie werksgeschichtliche Einführung zu C. S. Lewis) zu meinem Sommerengagement. Auch zwischendurch referierte ich in Aidlingen, etwa zu Psalm 78 “Murrend auf dem Weg ins verheissene Land” oder zum gesellschaftlichen Umgang mit Leid anhand des 1. Petrus-Briefes.

Angeregt wurde ich von einer in unserer Gesellschaft selten gesehenen Hingabe von älteren Schwestern an jüngere Menschen. Seelsorge, Briefkontakte und natürlich das Bestreben, die Botschaft der Bibel den nächsten Generationen weiterzugeben, waren für mich Grund genug, nach Aidlingen zurückzukehren. In meiner eigenen Aidlingen-Playlist führe ich mittlerweile rund 70 Vorträge in einer Länge von 63 Stunden.

Markenzeichen all dieser Bemühungen ist das Vertrauen in die Jesus- und Bibel-zentrierte Verkündigung (siehe hier und hier und hier). Ich darf in Aidlingen ohne Hemmungen und Einschränkungen in die biblischen Texte hineinführen (z. B. “Warum ich das Alte Testament liebe (und weshalb es viele ignorieren”). und mehrere Disziplinen miteinander verknüpfen: Biblische Heilsgeschichte (einführend “Heilsgeschichte im Vogelflug”), Einleitungsfragen und Umwelt des Alten und Neuen Testaments, dogmatische und ethische Überlegungen ebenso wie apologetische Fragmente. Am wichtigsten ist es mir jedoch, das Evangelium vom frommen Moralismus zu befreien.

Standpunkt: Wenn Corona mit dem Evangelium vermischt wird

Corona ist für mich Symptom-Thema. Sie fördert Schwach- und Bruchstellen sowohl bei säkularen Post-Evangelikalen als auch bei den gegenweltlichen Konservativen zu Tage. Auch systematisch-theologischer Sicht lässt sich dazu sagen:

Christen und die Impfung

  • Christen tragen Informationen zur Impfung zusammen. Das dürfen sie.
  • Christen verkündigen das Evangelium. Das sollen sie.
  • Was ich jedoch problematisch finde: Eine Positionierung zur Impfung direkt mit dem Evangelium zu verbinden. Diejenigen, die so auf die Unterscheidung des bürgerlichen und staatlichen Regiments pochten, werden so unvermittelt zu Jüngern gegen die Impfung.Das nenne ich eine Vermischung der zwei Reiche (statt einer Unterscheidung).

Widerstand der Kirche gegen Corona-Regelungen

  • Christen leisten passiven Widerstand gegen staatliche Anordnung. Darüber lässt sich diskutieren.
  • Christen verkündigen das Evangelium. Das ist keine Diskussionssache per se (sehr wohl jedoch eine Frage der Weisheit).
  • Die Frage jedoch zu einem Gütekriterien für 1. und 2. Klasse-Christen werden zu lassen, finde ich problematisch.

Das Evangelium steht jenseits politischer Färbung

  • Viele Christen geben sich unverhohlen als Vertreter der „harten Rechten“ zu erkennen und stellen auch damit das Evangelium unter einen Gesinnungsvorbehalt.
  • Die Geimpften kochen vor Wut über nicht Geimpfte und sind verhindert zu beten. Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie der Nicht-Geimpfte neben mir…

Predigt: Vom Segen des Wartens

Zur Frage des Wartens gibt es meines Erachtens zwei gegensätzliche Positionen: Die einen sehen Ungeduld als Kavaliersdelikt an und betrachten – ähnlich wie Saul im Alten Testament – voreiliges Handeln gegen Gottes Gebote als legitim angesichts der Not der Situation. Andere entwickeln eine christlich verbrämte Theologie der Passivität (lasst uns ins Gebet gehen und lebenslang abwarten).

Die Erzählung von Zacharias und Elisabeth lehrt uns: a) das gerechte Leben vor Gott – auch bei lebenslangem Warten, b) die Warnung vor dem Unglauben, wenn Gott unvermittelt eingreift und c) die ewig andauernde Freude darüber, dass Gott zu seinen Verheissungen steht und sein Volk besucht hat.

In meinem 7. Aidlinger Jahr sprach ich in der Bibelstunde über den Einstieg des ersten Berichts des Historikers Lukas (Lukas 1,5-25; 57-66; 40 Minuten).

Buchhinweis: Scrutons “Linke Denker des 20. Jahrhunderts”

In letzter Zeit habe ich mich intensiv mit Roger Scruton beschäftigt. Ich empfehle vorneweg das frisch übersetzte Buch “Narren, Schwindler, Unruhestifter: Linke Denker des 20. Jahrhunderts”. Scruton musste im Rahmen der ersten Auflage grössten Widerstand in Kauf nehmen, was ihn dem Vernehmen nach bis zu Selbstmordgedanken führte. Mark Dooleys Ausführungen dazu sind hörenswert.

Nur zum Teil kann ich den geistigen Ziehvätern Scruton, nämlich Kant und Hegel folgen. Der Einfluss Hegels fasst Dooley in dieser Einheit treffend zusammen. Scruton verstand sich als treuer Schüler Hegels. Ich sehe Hegel deutlich kritischer – dies übrigens auch im Gegensatz zu dem von mir geschätzten Günther Rohrmoser (Zusammenfassung seines Schaffens). Letztlich kann die Tradition (der Weltgeist) in sich keine zuverlässige Grundlage für das Sein und Streben des Menschen bzw. letzte Grösse darstellen.

Es ist beeindruckend, mit welchem Sinn für didaktische Reduktion und einer tüchtigen Portion britischem Humor Scruton gegen Ende seines Lebens diesen Vortrag vor der Studentenverbindung der Oxford University gehalten hat. Er betritt mit Gelassenheit das Minenfeld politischer Korrektheit und argumentiert – das finde ich besonders nachahmenswert – vom Standpunkt mutmasslicher politischer Gegner aus. So zeigt er anhand weniger Thesen die Defizite der Konservativen auf und fügt an, was wir von der politischen Linken lernen können. Auch die anschliessende Fragenbeantwortung zeugt von einer Diskussionskultur. Die Antworten Scrutons sind kurz und präzise.

Input: Das Sinnlosigkeitsgefühl – die kraftvolle Diagnose Frankls für das 21. Jahrhundert

Ich erachte die Frankl’sche Logotherapie als eine der Schulen, die der christlichen Weltanschauung am nächsten kommt – weil sie in der Tat manche Elemente in sich aufgenommen hat und zudem in der leidvollen Realität Mass nimmt. Das Viktor-Frankl-Zentrum in Wien hat eine Reihe von lesenswerten Festschriften veröffentlicht. Ich nehme einige Aussagen aus dem Festvortrag zum 15. Todestag heraus und stelle sich in Kürze der christlichen Weltsicht gegenüber.

Die geistige Dimension des Menschen ermöglicht es ihm, sein Leben unter allen Umständen zu gestalten.Ja: Der Mensch trifft wirkliche Entscheidungen, welche er ver-antwortet und die seinen Lebensverlauf und den anderer beeinflussen.
Nein: Bezogen auf das verlorene ewige Heil kann er aus eigenem Willen keine Rückkehr ermöglichen.
Die erste, körperliche Dimension teilen wir mit Pflanzen und Tieren. Gemeint sind alle mess- und wägbaren körperlichen Phänomene.
Die zweite, psychische Dimension meint die Emotionen und Kognitionen.
Die dritte, geistige, spezifisch humane Dimension ist nicht messbar, nicht sichtbar, nicht greifbar, nicht lokalisierbar. Sie ist der Ausweis menschlichen Seins, ein spezifisch menschliches Phänomen. Sie ist keine körperliche Bewegung oder eine Denkbewegung in räumlich-zeitlichem Sinn, sondern eine metaphysische „Bewegung“ im Sein, die den Menschen auszeichnet. 
Ja: Der Mensch ist geist-leibliches Wesen, eine untrennbare und unverschmelzbare Einheit.
Nein: Eine Dreiteilung in Verstand, Wille und Gefühle ist didaktisch sinnvoll. Letztlich sind entscheidet der Mensch immer als Ganzheit; die Bibel spricht vom «Herz».. Wichtig ist die Tatsache, dass unsere ganze Person von der Sünde in Beschlag genommen und beeinträchtigt worden ist.
Die Wesenslehre vom Menschen muss offen bleiben – offen auf Welt und Überwelt hin. Ja: Der Mensch ist auf seinen Schöpfer, den persönlich-unendlichen Gott hin angelegt. Er transzendiert sich selbst.
Zudem: Seine Bestimmung liegt darin Ihn zu ehren. Jesus fasst seinen Auftrag darin zusammen, Gott und den Nächsten zu lieben.
Um leidenschaftlich zu leben, muss man den Tod kennen als etwas Unumgängliches … dem Leben im Angesicht des Todes möglichst viel abringen.Ja: Der Mensch soll sein Ende bedenken, sich seiner Endlichkeit bewusst bleiben.
Nein: Der Mensch kann die ganze Welt gewinnen und seine Seele einbüssen.
Sinn in der Logotherapie ist jeweils der konkrete Sinn in einer konkreten Situation.
Sinn ist das Gemeinte, das Gesollte, das Bestmögliche für mich und mein Umfeld.
Ja: Gott hat uns als Geschöpf in Zeit und Raum geschaffen. Es geht darum im Moment das zu tun, was uns vor die Füsse gelegt wird.
Nein: Es gilt innerhalb der Situation durch die Kraft des neuen Lebens Gottes Gesetz nachzustreben.
Das In-Frage-Stellen des Lebenssinnes … ist … eigentlicher Ausdruck des Menschseins schlechthin.Ja: Die Anfrage an den Zweck seines Lebens zeugt von seinem Geworfensein auf seinen Schöpfer. Er kann gar nicht anders als nach dem Warum zu fragen.Nein: Sünde ist ein Zustand des Bundesbruchs und der Zielverfehlung, in der sich der Mensch ursprünglich schon befindet. Er hat auch in diesem Zustand ein Empfinden für das Gesollte – und dafür, dass er es nicht erreicht.
In zunehmendem Masse bemächtigt sich des Menschen von heute ein Sinnlosigkeitsgefühl, das für gewöhnlich mit einem Gefühl der ‘inneren Leere’ vergesellschaftet auftritt.Ja: Das Sinnvakuum ist tatsächlich spürbar in der Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts. Es zeigt sich besonders in der Grundangst.
Nein: Das Sinnlosigkeitsgefühl kann nicht durch eigenes Streben des Geistes kompensiert werden.
Langeweile: Man lebt in den Tag hinein und aus dem Trieb heraus. (Provisorische Daeinshaltung)
Gleichgültigkeit: Wo der Glaube zurückgeht, wächst der Aberglaube. (Fatalistische Lebenshaltung)
Ja: Beide Haltungen sind beobachtbar.
Zudem: Diese beiden Lebenshaltungen sind Folgen des gefallenen Zustandes. Auch beim erlösten Menschen kann sie weiterhin bestehen. Das neue Leben entfaltet ein anderes Streben, womit sich ein Kampffeld eröffnet.
Das Gewissen ist ein Sinn-Organ.Ja: Das Gewissen ist die innere Instanz im Menschen, die ihn auf die Spannung zwischen Sein und Sollen hinweist.
Nein: Es spürt nicht den einzigartigen Sinn in einer Situation auf, sondern stellt die Abweichung zu Gottes Gesetz fest.
Sinn kann nicht gegeben werden – das würde auf ein Moralisieren herauslaufen.
Sinn muss gefunden werden – Aufforderungscharakter der Situation
Ja: Jeder Mensch hat eine einzigartige Aufgabe. Er ist mit Absicht in eine bestimmte Zeit und an einen Ort hineingestellt worden.
Nein: Die Individualisierung der Moral ist ein Hauptirrtum der nach-aufklärerischen Zeit.