Input: Jüngerschaft – Ausbildungsprinzip der Bibel

Stefan Beyer zeigte in einem Seminar an der E21-Konferenz Ost (2018) auf, dass das Wort nicht nur von der Kanzel gepredigt werden, sondern auch in das Leben Einzelner hinein gelehrt werden soll.

Wer die Bibel aufmerksam liest, entdeckt verschiedene solcher intensiver Lehrer-/Schülerbeziehungen: Man sammle einmal alle Stellen, in denen Mose mit seinem einstweiligen Nachfolger Josua zusammen durch Höhen und Tiefen seines Dienstes geht. Auch Elia und Elisa pflegten eine solche enge Beziehung. Wer die Sprüche aufschlägt, entdeckt eine ähnliche Vater-/Sohn-Beziehung (z. B. mit zwölf direkten Ansprachen in Sprüche 1-9).

Auch im Neuen Testament sind uns zwei wichtige Vorbilder gegeben. Einerseits können wir bei Jesus beobachten, dass er seine Jünger berief, mehrere Jahre mit ihnen unterwegs war, sie in seiner Gegenwart Dinge unternehmen lässt, sie für begrenzte Zeit aussendet und schliesslich nach seinem Tod verlässt. Unter der Führung des Heiligen Geistes wurde ihnen aufgetragen, dass sie das Evangelium bis ans Ende der Erde tragen sollten.

Das zweite neutestamentliche Beispiel betrifft Paulus. Schnell überlesen wir die zahlreichen Stellen, in denen er seine intensive Beziehung zu einzelnen jüngeren Männern und Mitarbeitern erwähnt, sei es Sosthenes, Epaphroditus oder Titus. Das ausführlichste Beispiel finden wir in Timotheus. Dieser war Paulus' echtes Kind im Glauben (1. Timotheus 1,2). Er forderte ihn auf, das von ihm Anvertraute anderen fähigen Menschen anzuvertrauen, die wieder andere Menschen lehrten (2. Timotheus 2,2). Das Verb "anvertrauen" zeigt gerade auf, dass es sich hier um das persönliche Hineinsprechen von Gottes Wort in das Leben eines anderen Menschen handelt.

Beyer ermutigt dazu, Jüngerschaft in den Gemeinden zu pflegen – vielleicht auch gerade in Gemeinschaften, in denen es keine gesunde Lehre von der Kanzel her gibt. Er begleitet selbst seit Jahren junge Männer in der Gemeinde und bittet in seiner Gebetszeit um lehrfähige, verfügbare und belehrbare Menschen. Das regelmässige Treffen muss nicht kompliziert sein: Gemeinsames Gebet, persönlicher Austausch, der Gang durch ein Bibelbuch.

Input: 7 Fragen an den Freund deiner Tochter

Das sind wohl direkte Fragen! Aus all meiner Erfahrung heraus sind sie jedoch nötig. Mal sehen, wie ich das (liebevoll und unter Gebet) bei meinen Söhnen werde umsetzen können:

  1. Wie hat Gott dich gerettet?
  2. Was bedeutet es für dich Jesus nachzufolgen?
  3. Kämpst du mit Pornografie?
  4. Hast du nahe männliche Freunde?
  5. Was magst du an ihr?
  6. Was sind deine Pläne, um die Beziehung voranzubringen?
  7. Was hat dich deine Kirchgemeinde gelehrt?

Hier geht es zum Artikel.

Buchbesprechungen: 10 anspruchsvolle kulturkritische Werke

Ich bin durch meine Liste gegangen und habe einige anspruchsvolle Herzblut-Rezensionen aus meiner Sammlung herausgepflückt.

Buchbesprechung: Das Leben im dreieinigen Gott

Donald Fairbairn. Life in the Trinity. IVP: Nottingham, 2010. 272 Seiten. 13.50 Euro (Kindle-Version).

Die Kirchenväter ins Blickfeld rücken

Es ist insbesondere für ein Buch dieser Art wichtig, die Grundthese in Erfahrung zu bringen. Ich muss gestehen, dass die Sichtweise eine ungewohnte ist. Das deutet darauf hin, dass ich einen Aspekt, mit dem ich mich bislang nicht näher befasste, in Angriff genommen habe. Fairbairn rückt die Kirchenväter und ihre ausgedehnten Erörterungen zur Trinität ins Blickfeld. Er tut dies mit der Begründung, dass es unabdingbar sei, die Kirchenväter auf das schwierige Dogma der Trinität zu befragen. Erst dann verstehe man, aus welchem Rahmen heraus die Reformatoren geschrieben hätten. Tatsächlich bin ich mit dem dogmengeschichtlichen Fluss seit der Reformation ungleich besser vertraut als mit den Ausführungen der Kappadozischen Väter oder Augustins. Natürlich muss sich Fairbairn in erster Linie dem biblischen Text stellen. Ich kann es vorwegnehmen: Er setzt sich ausführlich mit Texten – insbesondere in Erinnerung bleibt mir Johannes 13-17 – auseinander. Insofern ist es ein sehr interessantes Unterfangen. Fairbairn bleibt stets bemüht einfach und flüssig zu schreiben. Die Zusammenfassungen am Kapitelende helfen, die Essenz der einzelnen Schritte zu verstehen.

Das Leben im dreieinigen Gott: Vergessenes Herzstück des christlichen Glaubens

Das Dogma der Trinität hängt unmittelbar mit dem christlichen Leben zusammen. Offensichtlich ist uns in dieser Hinsicht ein wichtiger Zusammenhang entgangen. Ich gehe davon aus, dass dies auf eine mangelnde Beschäftigung mit Systematischer Theologie zurückzuführen ist. Wir strecken uns nach 5-Schritte-Programmen, schnell und oberflächlich aus Bibeltexten abgeleitet, aus. Dabei entgehen uns die tiefer liegenden Zusammenhänge. Doch erst mal langsam. Welchen tieferen Zusammenhang erschliesst uns Fairbairn?

Erst einmal schlägt er die Brücke von der „Lehre“ zum „christlichen Leben“. In unseren Köpfen sind das zwei getrennte Bereiche. Theologie besteht aus Glaubenssätzen, und das christliche Leben aus dem, was wir eben Tag für Tag tun. Lehren sind „nur“ Konzepte und Ideen, also Objekte unseres Glaubens. Sie können in Statements gefasst und in Büchern abgelegt werden. Doch nehmen wir uns einmal einen gebräuchlichen Ausdruck vor: „Eine persönliche Beziehung zu Christus haben“. Was ist genau damit gemeint? An dieser Stelle merken wir, dass wir eine Wendung zu einem Schlagwort gemacht haben, dass uns jedoch der Inhalt dazu fehlt. Die frühe Kirche, so Fairbairn, trennte Lehre nicht vom christlichen Leben. Sie sah das Leben des Christen in direkter Verbindung zum Leben Gottes.

Damit sind wir bei der Hauptthese angelangt: Lehre weist auf Gott selbst hin. Es geht um das göttliche Leben, dessen wir teilhaftig geworden sind (2Petrus 1,3-4; Ps 82,6-7). Der griechische Ausdruck theosis steht für eben diese Tatsache. Wir sind Anteilhaber an der göttlichen Natur. Petrus fügt unmittelbar nach dieser Feststellung eine Liste von Tugenden an, also göttlicher Qualitäten, die durch die Teilhaberschaft entstehen. Während der griechischsprachige Osten eher den Gedanken der theosis weiter gepflegt habe, sei im lateinisch sprechenden Westen der Gedanken von Schuld und Vergebung im Vordergrund gestanden.

„Life in the Trinity“ – das Leben im dreieinigen Gott – sei das vergessene Herzstück des christlichen Glaubens. Das ist die These des Autors in einem Satz. Das Anliegen des Buches liegt also in der Integration von Lehre und Leben. Die Betonung ist wohl nötig, doch sie birgt auch Gefahren. Nur zu schnell – so meine ich – kann man in eine nicht mehr benennbare Jesus-Mystik abgleiten. Deshalb war ich gespannt, wie Fairbairn diesen Gedanken weiter entfalten würde.

Ein angemessenes Verständis der Theosis

Fred Sanders schreibt in seinem ausgezeichneten Review-Essay zum Buch: Fairbarn „geht sehr direkt auf die Bandbreite von Bedeutungen ein, welche die Lehre der theosis in der theologischen Tradition beinhaltet. Zu den drei einflussreichsten Möglichkeiten gehören
(1) die Teilhabe am Status der göttlichen Kinder, denen vergeben worden ist und die von Schuld befreit sind
(2) Teilhabe durch Gnade an göttlichen Eigenschaften und
(3) Teilhabe am Beziehungsgeschehen in der Form von Aspekten der Sohnschaft, insbesondere der Charakter seiner Gemeinschaft mit der Vater
Fairbairn befürchtet, dass die erste Möglichkeit zu wenig aussagt (und in der Tat würden nur wenige Menschen die Sprache der theosis verwenden, wenn sie sich auf den geänderten Status beziehen) und der zweite sagt zu viel (da er in den Händen von ungefestigten Lehrern tatsächlich in die Irrlehre abgleitet).“ Fairbairn empfiehlt die dritte Option als die "beste und biblisch begründetste“ an (11), weil die These seines Buches lautet, dass "unsere Teilhaberschaft an der Vater-Sohn-Beziehung“ im Mittelpunkt unserer Beziehung mit Gott stehe (37). Der Autor verzichte jedoch grösstenteils auf die Sprache der theosis, wobei er den Leser gleichzeitig in einer biblisch gegründeten Interpretation der Kirchenväter anleitet.

Ein Gang durch die Heilsgeschichte mit trinitarischem Fokus

Im zweiten Kapitel „Das Herz des Christentums“ fokussiert Fairbairn auf die Abschiedsrede von Jesus in Johannes 13-17. In diesem Abschnitt werden viele wichtige trinitarische Aussagen gemacht. Der Schlüssel, um die Verbindung zwischen christlicher Lehre und christlichem Leben herstellen zu können, sei die ewige Beziehung der Dreieinigkeit untereinander. Jesus beschreibt die ewige Beziehung zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Diese Beziehung verbindet wiederum Gottes Leben mit dem unsrigen. Unsere Teilhabe an dieser Vater-Sohn-Beziehung, so stellten die frühen Väter heraus, stehe im Zentrum unserer Teilhaberschaft an der göttlichen Natur.

Das dritte Kapitel widmet sich dem weiteren Kontext der Abschiedsrede von Jesus innerhalb der christlichen Lehre. Das Verständnis des dreieinigen Gottes ist eng mit dem verbunden, was Gott für den Menschen beabsichtigte. Die Vision des Lebens eines erlösten Menschen unterscheidet sich grundsätzlich von dem anderer Religionen. Erlösung getrennt von Christus ist unerreichbar, weil Christus selbst die Erlösung ist. Die Erlösung besteht in der Teilhabe an der Beziehung Christi zu seinem Vater („salvation is our sharing in Christ’s relationship to his eternal Father“).  Die Aufgabe des Geistes besteht darin, uns in diese Beziehung hinein zu führen.

Im vierten Kapitel geht es darum, das Leben am Anfang der menschlichen Geschichte, also vor dem Sündenfall, darzustellen. Die Liebe der drei Personen der Gottheit sollte sich in veränderter Haltung und Beziehung unter den Menschen widerspiegeln. Offensichtlich haben wir diese Kraft des Geistes jedoch verloren. Das stellt die Erklärung für die Grundfrage dar, warum Menschen nicht mehr nach dem leben, was ihren inneren Idealen entspricht.

Das fünfte Kapitel geht dann einen Schritt weiter, um sich genauer mit dem Sündenfall auseinander zu setzen. Was ging schief? Wir verloren die Beziehung des Sohnes zum Vater, wie sie Adam und Eva vor dem Fall genossen hatten. Durch deren Stolz wurden sie unzufrieden mit den Bedingungen als Geschöpfe. Die Sünde entstellte (twisted and marred) den menschlichen Charakter.

Fairbairn verfolgt den heilgeschichtlichen Pfad aus trinitarischer Optik weiter. Im sechsten Kapitel  untersucht er den Weg, den Gott mit der Menschheit zwischen Fall und dem Senden seines Sohnes verfolgte. Es geht um die Verheissung und die Vorbereitung der Welt für Gottes Sohn. Dieses Kapitel ist insofern erhellend, als es mit Hilfe der Brille der Kirchenväter hilft, die alttestamentliche Botschaft im Licht der Gesamtbotschaft zu lesen. Die Menschen sollten ihre Hoffnung in die Verheissung Gottes setzen, der einen Erlöser versprochen hatte.

Durch die Menschwerdung wurde der einzige Sohn der erstgeborene Sohn (siebtes Kapitel). Die Menschwerdung war ein Akt Gottes: Sein Sohn nahm volle Menschengestalt an, also einen menschlichen Körper und eine menschliche Seele. Durch die volle Teilnahme an menschlicher Erfahrung sollte sein Sohn die Menschheit heilen und sie mit Gott versöhnen. Nur Gottes Sohn konnte uns die Gemeinschaft zurückgeben.

Der Sohn Gottes ist nicht nur Mensch geworden, sondern auch gestorben, begraben worden und auferstanden (achtes Kapitel). Der zweite Adam stellte die durch den Fall des ersten Adams verloren gegangene Sohnschaft wieder her. Der Tod entfremdete Jesus (als Mensch) vom Vater. Auferstanden und in den Himmel aufgefahren, ist er in seiner Menschheit mit Vater und Geist wieder vereint. Der Vater empfing ihn als denjenigen, der stellvertretend den göttlichen Zorn getragen hatte.

Das neunte Kapitel wendet sich der Frage zu, was passiert, wenn jemand Christ wird. Er wird mit Christus vereinigt und wird nach seinem Tod mit ihm auferstehen. Der Heilige Geist bringt einen Menschen in diese Vater-Sohn-Beziehung. Durch diese Anteilhabe kommt er in den Genuss der Folgen der Errettung (wie Rechtfertigung und Versöhnung).

Im letzten Kapitel blendet der Autor auf das christliche Leben.  Durch die Teilhabe am Leben Christi reflektieren wir die göttliche Gemeinschaft (Heiligung). Das wichtigste Bild der Gemeinschaft ist das Essen und Trinken. Es beinhaltet auch das (Mit-)Leiden, wie schon Christus leiden musste.

Buchbesprechung: Warum die Lehre der Trinität ein Schattendasein fristet

Fred Sanders. The Deep Things of God: How the Trinity Changes Everything. Crossway, 2010.

Die Trinität ist der umfassende Rahmen, in dem sämtliches christliche Denken stattfindet. Das christliche Bekenntnis findet darin seine Grundvoraussetzungen. (781; Kindle-Position)

Ein Evangelium, das sich nur auf den Moment der Bekehrung bezieht, anstatt sich auf jeden Moment eines Lebens mit Christus zu erstrecken, ist zu klein. (1817)

The things of the gospel are depths. The things of the gospel . . . are the deep things of God. (Thomas Goodwin, 1600 – 1680)

Fred Sanders (* 1955, Biola University) hat sich in seinem beruflich (akademischen) Leben jahrzehntelang mit der Lehre der Trinität auseinander gesetzt. Er lüftete für mich den Schleier, weshalb diese Lehre zwar bejaht wird, jedoch ein solch stiefmütterliches Dasein unter Evangelikalen fristet. Nicht nur einmal bekam ich die Frage gestellt: Weshalb ist die Lehre der Dreieinigkeit dermassen wichtig? Wir wissen kaum etwas damit anzufangen. Sanders stellt zu Recht die Frage: „Wie kam es dazu, dass so viele Evangelikale heute gegenüber der Lehre der Dreieinigkeit kalt, bezüglich ihrer Bedeutung verwirrt sind und bezüglich ihrer Bedeutung unverbindlich bleiben?“ (100) Mit Blick auf den wundervollen trinitarischen Abschnitt in Epheser 1,3-14 – einem einzigen Mammutsatz von Paulus in der Form eines Gebets – meint er: „Wir alle denken aus unserer eigenen Sicht, ausgehend von einem Zentrum in uns selbst und wie die Dinge für uns aussehen.“ (1720) Deshalb benötigen wir zunächst eine tüchtige Dosis Desorientierung.

Immerhin können wir feststellen: Die Realität steht an erster Stelle, das Verständnis folgt ihr. „Wenn wir auch nichts anderes über die Dreieinigkeit sind wir uns zumindest bewusst, dass uns die ausdrückliche Leugnung auf die Liste der nicht-christlichen Kulte setzen würde.“ (112) Unsere Überzeugungen und Praktiken setzen die Lehre der Trinität voraus. Zu lange haben wir jedoch nicht über diese Voraussetzungen gesprochen (168). Dies wiederum ist Hinweis auf unseren Zustand. „Die Bewohner einer Kultur im Niedergang fühlen sich inmitten von Resten und Fragmenten von etwas, das für eine frühere Generation Sinn gemacht haben muss, das aber heute eher wie ein Haufen zusammenhangsloser Gegenständen anmutet. Kulturen, die im Niedergang begriffen sind, fühlen sich unfähig, die Gründe für die Verbindung von Dingen miteinander zu artikulieren.“ (1875) Dies führt zum unangenehmen Schluss, dass wir Gefahr laufen, in unseren Worten und Taten die Realität zu leugnen, auf der unser Leben basiert (173).

Wenn wir in die Kirchengeschichte zurückblenden, war ein robustes trinitarisches Verständnis von Erlösung „der Kern … des historischen evangelischen Glaubens“ (148). Sehen wir uns einmal an, was Evangelikale dauernd betonen. „Nichts von dem, was wir als Evangelikale tun, macht Sinn, wenn es von einem robusten erfahrungsmäßigen und lehrmäßigen Verständnis des koordinierten Werkes von Jesus und dem Geist, aus dem Horizont der Liebe des Vaters heraus erschaffen, getrennt ist. Persönliche Evangelisation, Gebet, hingebungsvolles Bibelstudium, autoritative Predigten, Weltmission und Heilsgewissheit: Sie alle setzen voraus, dass das Leben im Evangelium das Leben in Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott ist.“ (125) „Wenn wir die Bibel lesen, hören wir durch die inspirierten Worte die lebendige Stimme Gottes. Wenn wir im Namen des Sohnes zum Vater beten oder wenn wir über Jesus in der Kraft des Geistes Zeugnis ablegen, begegnen wir immer einer trinitarischen Realität.“ (335) Also gilt: „Das Evangelium ist trinitarisch, und die Trinität ist das Evangelium. Die christliche Erlösung kommt von der Trinität, geschieht durch die Trinität und bringt uns zur Trinität nach Hause.“ (135) Das Evangelium ist so tief, dass es nicht nur unseren tiefsten Bedürfnissen entspricht, sondern auch aus dem tiefsten Selbst Gottes kommt (189).

Gehen wir näher auf eine Problematik ein, wenn wir etwas betonen, den grösseren Zusammenhang jedoch gar nicht mehr erkennen. Eigentlich gilt: „Um etwas zu betonen, musst du einen größeren Korpus an Wahrheit voraussetzen, aus dem du auswählen kannst.“ (240) Diese Zusammenhänge sind uns abhandengekommen. „Menschen, die unter dem Einfluss eines reduktionistischen Evangelikalismus aufwachsen, leiden verständlicherweise unter einer ziemlich verwirrenden Orientierungslosigkeit.“ (255) Im dunklen Hintergrund existiert ein riesiges Netzwerk von miteinander verbundenen Ideen. Sanders hebt darum hervor: „Es bedarf nicht einer Änderung der Betonung, sondern einer Wiederherstellung des Hintergrunds, des Gesamtbildes, aus dem die betonten Elemente ausgewählt wurden.“ (296)

Worin besteht der erste Schritt zur Wiederherstellung des Gesamtzusammenhangs? „Der erste Schritt auf dem Weg zum Herzen des trinitarischen Geheimnisses besteht darin, zu erkennen, dass wir als Christen bereits tief in das dreieinige Leben eingebunden sind und deshalb zu Recht über diese gegenwärtige Realität nachdenken müssen.“ (556) Hier lauert gleich die nächste Gefahr. Wir schrecken davor zurück, uns mit einer Kopfwahrheit auseinanderzusetzen. „Die Lehre scheint sich von einem Geheimnis der Erlösung zu einem Problem der intellektuellen Kohärenz gewandelt zu haben.“ (700)

Sanders beschreibt die Verständnisbasis wie folgt: „Gott ist der Einzige, der aus sich selbst heraus lieben kann, dies aus trinitarischen Gründen: Gott der Vater liebt Gott den Sohn in der Liebe Gottes, des Heiligen Geistes.“ (1068) Dies ist von Ewigkeit her so. „Bevor es Zeit, Ort oder irgendein Geschöpf gab, bestand die gesegnete Dreieinigkeit in sich selbst.“ (1088) „Im glücklichen Land der Dreieinigkeit über allen Welten existiert Gott ewig als Vater, Sohn und Heiliger Geist.“ (1568) Diese Perspektive ordnet unsere Prioritäten neu. „Gott ist dreieinig in erster Linie für sich selbst und nur in zweiter Linie für uns.“  (1420) Das Leben Gottes in sich ist die Quelle all des Reichtums, der im Heilsplan veriwrklicht. „Er kann diesen Geschöpfen Glück und Seligkeit zugänglich machen, weil er sie immer schon hat.“ (1598) Das bedeutet auch, dass die Dreieinigkeit und das Evangelium die gleiche Form tragen! „Die Gute Nachricht von der Erlösung heisst letztlich, dass Gott uns sein trinitarisches Leben öffnet.“ (1667) „Der lebendige Gott bindet sich an uns und wird unsere Erlösung, das Leben Gottes in der Seele des Menschen.“ (1999)

Buchbesprechungen: Winterliche Lesezeit

Nach einer Phase des Schreibens kommt – eine Phase des Lesens.

  1. Verstörend: Der Briefwechsel Barth – von Kirschbaum 1925-1935.
  2. Aufrüttelnd: Remember Death.
  3. Erhellend: Learning to Love the Psalms.
  4. Aufgefrischt: Neuste Pädagogikgeschichte
  5. Abscheulich: Abtreibung im säkularen Staat
  6. Etwas abgehoben: Briefwechsel Goethe/Schiller
  7. Hintergründig: Russische Revolution
  8. Amerikanisch (und trotzdem hilfreich): Christian Higher Education
  9. Hilfreich: 8 Wege zur Beziehungsgestaltung
  10. Lücke füllend: Geschichte Russland/Ukraine

Das hallt nach, obwohl schon eine Zeit her – 2-mal Ethik:

Zum Weiterstöbern: Über 650 Rezensionen

Zitat der Woche: Der Heidelberger Katechismus als Lebensbuch

'Wir bitten dich, vermehre in ihnen … deine Gnade, dass sie in Christus, deinem Sohn, allezeit zunehmen und wachsen, bis dass sie Reife in aller Weisheit und Gerechtigkeit erlangen.' (Gebet nach dem Lehrgottesdienst)

Es geht um ein Lernen, dass den ganzen Menschen umfasst. Nicht allein den Verstand, sondern auch das Gefühl, die beide zusammenkommen im Herzen. Lernen ist kein intellektuelles, sondern ein existenzielles, relationales Lernen. Es ist Lernen als 'yada', wie das Alte Testament sagt: das Erkennen in Beziehung, wie Mann und Frau einander erkennen in der ehelichen Beziehung. Im Lernen geschieht eine Begegnung zwischen dem lebendigen Gott und dem Kind. In dieser Begegnung lehrt er das Kind, Christus zu kennen (Eph 4,20). Lernen geht auch Hand in Hand mit sich bekehren, es berührt die Seele des Schülers. Der spätere Unterschied zwischen einem allein verstandesmässigen Lernen (nämlich des nicht wiedergeborenen Menschen) und einem geistlichen Lernen (des wiedergeborenen Menschen) kennt der HK nicht. Das Lernen im HK ist sowohl intellektuell als auch zugleich auf Glaubenserfahrung gerichtet … Es ist Lernen aus einem Guss. Daher die vielen 'alles oder nichts'-Formulierungen in den Antworten, beispielsweise in HK 113:

'Wir sollen in unserem Herzen keine Lust und keinen Gedanken aufkommen lassen, gegen irgendein Gebot Gottes zu handeln, sondern wir sollen jederzeit von genzem Herzen aller Sünde feind sein und Lust zu aller Gerechtigkeit haben.'

… Das Lehrbuch des HK ist ein Lebensbuch. Das ganze Leben ist eine immerwährende Wiederholung des Glaubens, des Gebotes und des Gebetes und der Erkenntnis von Elend, Erlösung und Dankbarkeit. Es impliziert, dass das Lernen des HK äusserst praktisch gemeint ist. …. Die Katechismuspredigt will Hilfsmittel sein, um immer wieder neue Lernmomente in der eigenen Lebenssituation zu entdecken. Die Gemeinde bleibt eine lernende Gemeinde.

Vim Verboom. Die Didaktik des Heidelberger Katechismus. In: Handbuch des Heidelberger Katechismus. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh, 2014. S. 302f.

Hanniel hirnt (136-149): Vogelflüge zum Alten Testament (Schriften)

Meine Vogelflüge zu biblischen Büchern schreiten voran. Ich habe sie für meine Familie im Bemühen aufgenommen, ihnen mehr Futter für ihr persönliches Bibelstudium zu liefern:

Zur Torah (fünf Bücher Mose): 10 Folgen (6 1/2 Stunden).

Die frühen Propheten (Josua, Richter, Samuel- und Königsbücher): 8 Folgen (5 1/2 Stunden).

Nun folgt der zweite Teil der Schriften (14 Folgen; 10 Stunden). Zuerst einmal die drei poetischen Bücher:

Dazu gehören die fünf Rollen, welche bei den Juden an fünf Festen vorgelesen wurden.

Zudem:

Jede Folge beinhaltet: Kurze Einleitung (Autor, Zeit, Adressaten, Umfeld); Gliederung; Heilsgeschichte; dogmatische und ethische Hauptlinien

Zitat der Woche: Zwei Verdrehungen in der Lehre über Gott

Eduard Böhl formuliert in seiner Lehre über Gott (S. 57 der Online-Version) scharf die doppelte philosophische Verirrung:

Es schwankt hier die Philosophie zwischen Determinismus (Pantheismus) einerseits und einem atomistischen Freiheitsbegriff (Deismus) andererseits.

Betrachten wir das erstere System: Das Vorauswissen Gottes soll alles determinieren, d. h. im voraus festsetzen, so dass an Freiheit irgendwelcher Art nicht gedacht werden kann. Es geht im Weltall her, wie bei dem Raderwerk einer Uhr oder einer Maschine. Gott habe die Welt geschaffen; dabei habe nun die Allwissenheit die Stifte in das Raderwerk der Welt eingelassen; die Allmacht setze das Werk in Bewegung, und die Allgegenwart durchdringe und trage das Werk. So denkt die pantheistische Philosophie, sie kann nicht anders, und auch Schleiermacher (Der christliche Glaube § 55,1) denkt also, da mit dem Wissen das Wollen sich stets decken musse. Aber die Philosophie hebt damit alle Religion und den so tief empfundenen Begriff der Schuld, ja die Moglichkeit, dass Gott die Welt richte, auf.

Wo nun die Philosophie vor solchem Determinismus zuruckschreckt, da wirft sie sich auf das andere Extrem und huldigt einem atomistischen Freiheitsbegriff. Aus der Scylla der Notwendigkeit entronnen, sturzt man in die Charybdis der Freiheit oder besser Willkur. Hier soll nun Gott nichts zu tun haben mit den freien Entschliesungen der vernunftigen Wesen; diese gehen auf der Insel des menschlichen Selbstbewusstseins vor sich, und Gott entdeckt dasjenige, was auf dieser Insel vorgeht, erst nachdem es wirklich geworden. Dass dies nun Gottes ganzlich unwurdig sei, erhellt sogleich; ein Ratschluss ist bei solcher Verhaltungsweise Gottes nicht denkbar. Andere helfen sich damit, dass sie sagen: Gott schaue auf die freien Entschliesungen der Menschen als auf blos Mogliches. Es bleibe alles auf Erden so lange nur moglich, gleichsam eine unreife Wirklichkeit, bis der Mensch das Mogliche zur Wirklichkeit durch seine freie Tat erhoben.

Die zweite Verirrung betrifft die Liebe und Gerechtigkeit Gottes (S. 60f).

Die Liebe hindert nicht das Walten der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes; die Liebe sinkt den Sündern gegenüber nicht herab zur Parteilichkeit und menschlichen Schwäche. Die Liebe ist selber eine heilige und gerechte. Sie will, dass die Kreaturen rein und durchsichtig seien, um die Herrlichkeit und den Glanz ihres Urhebers zu reflektieren. Somit ist sie eine heilige Liebe. Die Liebe Gottes ist ferner darauf bedacht: dass alles nach Recht und Billigkeit zugehe, dass keiner Ordnung Gottes zu nahe getreten werde. Sie weiß, dass nur auf den geraden Wegen der Gerechtigkeit der Mensch dauerhaft mit seinem Gott vereinigt wird. Insofern hat die Liebe auch das Moment der Gerechtigkeit an sich. Die Liebe übereilt also nichts – sie liebt nicht, um zu lieben, sondern erst muss der Gerechtigkeit Gottes Genüge geschehen, bevor Gott in Christo uns als Kinder liebt. Man darf also bezüglich des gefallenen Menschen nicht von einer Spannung zwischen den Eigenschaften Gottes reden, aus welcher Spannung dieselben erst durch die Genugtuung Christi befreit worden wären; man darf insbesondere nicht von einem Streit zwischen Liebe und Gerechtigkeit reden. Dabei herrscht das Missverständnis vor, als ob Gott zufolge seiner Liebe wohl mit dem Sünder Frieden schließen möchte; jedoch es nicht vermag, indem die Gerechtigkeit hindernd dazwischen tritt und Gott nötigt, dass er zuvor auf Genugtuung bestehe. Man muss sich also frei machen von der Anschauung, als ob die Liebe Gottes die nachgiebige, schwächliche Art der menschlichen Liebe, die nur zu leicht in Parteilichkeit ausartet, an sich trüge.

… eine Liebe, welche die Erhaltung der Kreaturen um jeden Preis – selbst auf Kosten der Gerechtigkeit und Heiligkeit durchsetzen wollte, wäre eine unordentliche Liebe. Auch die Heiligkeit also ist eine Eigenschaft Gottes, der die Liebe ist. Er vergisst seiner Liebe nicht, wo er sich als den Heiligen erweist. Die Liebe Gottes ist ja – wie gesagt – keine menschenförmige und krankhafte, sondern dieselbe hat die Heiligkeit und Gerechtigkeit zu ihren Exponenten oder zu Hütern und stetigen Begleitern; sie ist selber eine heilige und gerechte Liebe ohne Gerechtigkeit und Heiligkeit würde die allseitigste Verkennung Gottes und seines Tuns mit den Menschenkindern zur Folge haben. Übersähe Gott die Sünde ohne Genugtuung, so würde dies den Allerheiligsten zum Mitschuldigen an der Sünde machen; der liebende Gott wäre nicht länger der Heilige. Die Liebe, welche nicht zu strafen versteht, wo die Menschen Gottes heiliges Gesetz übertreten haben, ist die größte Lieblosigkeit – man flucht zuletzt solcher schwachen Liebe. Denn das Gesetz wird herabgewürdigt und Gottes Wille zu etwas, womit der Mensch sein Spiel treiben kann. Mithin stehen die höchste Interessen auf dem Spiele, wenn die Liebe nicht im Einklang mit der Gerechtigkeit und Heiligkeit vorgehen würde.

Kolumne: Drei Dinge, die mir eine 96-jährige Frau sagte

Ich sass bei einem betagten Ehepaar auf dem Sofa. Die über 95-jährige, weise Frau sagte nicht viel. Doch was sie sagte, berührte mein Innerstes. In unserer Gesellschaft tendieren wir dazu, Leute ab fünfzig «abzuschreiben». Wir preisen die ewige Jugend. Darum gehen Opas in Baseballmützen, Bomberjacken, engen Jeans und Turnschuhen durch die Gegend.

Was sagte diese Dame? Ich fasse ihre Statements in meinen Worten zusammen:

Ich habe fast 100 Jahre mit Jesus gelebt und es nie bereut.

Manchmal lassen wir uns von Personen begeistern, die wir gar nicht näher kennen. Sie erscheinen uns auf der Leinwand und hinterlassen mächtig Eindruck. Wir haben sie jedoch noch nie gesehen, wenn sie bitter enttäuscht, von Schmerz erfüllt oder einfach todmüde sind. Wir haben weder mit Partner(n), Kindern noch Enkeln über ihre Schattenseiten gesprochen. Umso wichtiger erscheint mir diese Aussage: Das Leben mit Jesus trägt – bis zur Ziellinie.

Jesus kommt zurück. Diese Erwartung ändert alles, wirklich alles.

Bei diesen Worten ging ein Ruck ging durch mich hindurch. Richtig, befinde ich jetzt gerade in dieser erwartungsfrohen Haltung? Welche Rolle spielt das Wetter noch? Der Wochentag? Die Qualität der nächsten Mahlzeit? Die nächste Urlaubsdestination? Das Neue Testament nennt die Genügsamkeit als Tugend (1. Timotheus 6,6). Das bedeutet ja gerade nicht, mit griesgrämigem Gesicht durch die Welt zu gehen. Oder verbissen. Oder abgestumpft. Sondern hingegeben auf das zu antworten, was Gott vor die Füsse gelegt hat.

Ich freue mich über jeden Besuch.

Betagte Menschen sehen gerne junge Menschen. Frisches Leben. Unbekümmerte Pläne. Sie freuen sich über kommende Generationen. Das Leben verläuft in Jahreszeiten. Der tiefe Winter freut sich auf den Frühling. (Auch auf den eigenen. Wir werden einen neuen Körper bekommen.) Wir sollten uns mehr mit älteren weisen Menschen treffen. Sie werden unseren Blick über die Nebeldecke des Alltags erheben.

Ich wende Hebräer 13,7 mal auf diese Situation an: Betrachte genau, wo Menschen enden. Besser gesagt: Was sie am Ende sagen. Wie sie gewichten. Ahme ihren Glauben nach.