Fokus Neujahr (1): Unsere Spektakel

Unser Alltag ist eine Melange zwischen dem realen Geschehen und den vielen virtuellen Momenten, die auf uns einstürmen. Es wird entscheidend sein, auf unsere inneren Gewohnheiten zu achten, die inneren “Einstellungen”, mit denen wir diese konsumieren und bewerten. Tony Reinke hat mit seiner kurzen Theologie der visuellen Kultur einen wunden Punkt getroffen. Er spricht von der Abfolge der Spektakel:

Ein Spektakel ist etwas, das die menschliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, ein Moment, in dem unsere Augen und unser Gehirn sich auf etwas konzentrieren und auf etwas fixiert sind, das auf uns gerichtet ist. In einer Gesellschaft der Empörung wie der unsrigen ist das Spektakel oft kontrovers – der neueste Skandal im Sport, in der Unterhaltung oder in der Politik. Ein Funke sprüht, wächst zu einer viralen Flamme in den sozialen Medien und entzündet die visuellen Reize von Millionen von Menschen. Das ist ein Spektakel. Da die Geschwindigkeit der Medien immer größer wird, kann der kleinste öffentliche Versprecher, der passiv-aggressive Kommentar eines Prominenten oder das heuchlerische politische Bild zu einem Spektakel werden. Und oft sind die viralsten Social-Media-Spektakel würzige Geschichten, die später als grundlose Gerüchte und gefälschte Nachrichten entlarvt werden. Ob es nun wahr, falsch oder erfunden ist, ein Spektakel ist das Sichtbare, das einen kollektiven Blick zusammenhält. …
Ein Spektakel kann zufällig oder gewollt sein – alles, was um unsere Augen wetteifert: die historische Amtseinführung eines Präsidenten, ein Promi-Patzer, ein epischer Fehlschlag, ein Streich, eine Trickaufnahme, eine heiße Aufnahme, ein Drohnenrennen, ein eSport-Wettbewerb, die Live-Streams von Videospielen, in denen mit fiktiven Kanonen gekämpft wird, oder echte Kriegsführung, in der mit stählernen Waffen gekämpft wird. Spektakel ist das neueste Video einer selbstgemachten YouTube-Millionärs oder eines Flashmobs, der als spontane Versammlung in der Öffentlichkeit erscheinen muss. Das Zeitalter des Spektakels bringt eine besondere Form der Berühmtheit hervor: den großmäuligen Provokateur und die dumme Ikone – bekanntermaßen ungeeignet für jede andere soziale Rolle als den Ruhm. Die Werbefachleute benutzen vorsätzliche Spektakel, um die Gewinne der Unternehmen zu steigern, aber die Brille kann auch schlimmere Ursprünge haben: einen Teenager-Selbstmord live auf Facebook, ein öffentliches Attentat, ein Polizeivideo oder die Verkehrsaufnahmen eines tödlichen Unfalls. (S. 14-15)

Welche Spektakel also gewinnen den Wettkampf um unsere Augen? Das Buch ist eine empfehlenswerte Lektüre für 2020. Das Hörbuch gibt es diesen Monat umsonst.

Was mich auch 2020 nicht interessiert

  • Gratiszeitungen
  • Die neusten Youtube-Clips
  • Whatsapp-Bombardements
  • Filme (ich finde Bücher zum Aufbauen der eigenen Imagination besser geeignet; ich habe so viel Lesevorrat, da komme ich nicht dazu)
  • Autos
  • Sportresultate
  • Der nächste (R)Ausverkauf
  • In der Welt herumzujetten
  • Der Klimahype
  • Der Kahlschlag an meinem Hinterkopf

Ich stelle gerade fest, dass sich meine No Need for seit 2015 nicht gross verändert haben.

Was mich 2020 beschäftigt

  1. Wie kann Europa ohne seine Seele weiterleben? Wie kann eine Gesellschaft, welche die eigene Kultur verleugnet und verachtet, weiterbestehen?
  2. Etwas näher gezoomt: Werden die Kirchen in der Reformationsstadt Zürich wieder gefüllt? Wird es wieder Orte geben, in denen die fortwährende Lesung und Auslegung des Wortes Gottes (lectio continua) gepflegt wird?
  3. Wie steht es um meine Nächsten, die ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt (weiter)leben?
  4. Wie kann ich auf die erkaltete Liebe unter Christen wie Nichtchristen reagieren?
  5. Wie kann ich mit Einsicht (Voraussicht, Rücksicht, Fürsorge) mit meiner Frau zusammenleben?
  6. Wie kann ich meinen heranwachsenden Söhnen ein klares, ernsthaftes und humorvolles Gegenüber sein? Was ist der Beitrag, den ich für die nächste und übernächste Generation bereitstellen kann?
  7. Wie gehe ich mit den hohen Erwartungen an mich selbst um?
  8. Wohin wird sich die Schweiz wirtschaftlich entwickeln? Wie lange geht das Nebeneinander von Hochpreisinsel, grünen ausgabefreudigen Parlamenten und zunehmender Verstaatlichung (weit über Gesundheit und Bildung hinaus)?
  9. Wie wird sich die immer stärker durch die scheinheilige Political Correctness eingeschränkte Meinungs-, Rede- und Forschungsfreiheit auf die Entwicklung des Westens auswirken?
  10. Bin ich bereit, wenn Jesus heute oder morgen zurückkommt?

Rückblick 2019: Hörressourcen, Herzblutbeiträge

2019 habe ich 341 Beiträge online gestellt (2018: 340, 2017: 368).

Ich bin dem Allmächtigen dankbar, dass ich 2019 meine Hörressourcen bedeutend ausbauen konnte. Es stehen zur Verfügung (Auswahl):

  1. Vogelflüge zu allen biblischen Büchern (56 Stunden)
  2. Aidlinger Vorlesungen 2016-2019 (38 Stunden)
  3. Erklärungen zum Heidelberger Katechismus (erster Teil; über 8 Stunden)
  4. Warendorfer Seminar «Unser Leben vor dem Einen Zuschauer» (ca. 8 Stunden)

An Herzblutbeiträgen sind erschienen: 15 Kolumnen, 15 Inputs, 11 Standpunkte, 56 Zitate sowie die beiden Serien «Warendorfer Nachgedanken» und «Jahresende».

Jahresende (10): Was tät ich nur ohne dich!

Sie kann meine Bedürfnisse und meine nächsten Handlungen oft besser vorwegnehmen als ich selbst: Meine geliebte Pfarrfrau. Mein Zweiter wies mich auf die liebevoll ausgestaltete Beschreibung des Pfarrers Theodore und seiner Frau Agnes in Dorothy Sayers’ “Der Glocken Schlag” hin.

Wo habe ich nur meinen Hut hingelegt? Agnes, Liebe! Agnes! Ich finde meinen Hut nicht. Ah, das ist er ja, natürlich. Und mein Schal. Was tät ich nur ohne dich! So, und jetzt hole ich nur noch den Schlüssel zum Turm – ach du meine Güte! Wann hatte ich denn zuletzt den Schlüssel? (348; Kindle-Position)

Wie manche Pfarrer verschenkte sich Theodore manchmal zu stark gegen aussen. Zudem vergass er oft die Zeit.

«Ich fürchte, es ist wahr», sagte er, als sie den Weg hinuntergingen, «daß ich nur zu gern die Zeit vergesse.» (415)

Der Pfarrer nahm über die großen Festtage nie und in der übrigen Zeit fast nie Urlaub, daher konnte sie eine solche Notwendigkeit auch für alle anderen nicht einsehen. (936)

Die schönste Stelle findet sich noch etwas später.

Meine Liebe, was für ein –! Meine Güte, du hast ja recht! Wie kommt das denn dahin, frage ich mich? Ich muß es ganz in Gedanken dahin gelegt haben, als ich den Schlüssel nahm. Sehr merkwürdig. Aber dank meiner Frau ist dieses kleine Mißgeschick ja nun wieder behoben. Sie weiß immer, wo ich alles hingelegt habe. Ich glaube, sie weiß besser, was in meinem Kopf vorgeht, als ich selbst. (1570)

Danke, Vater, für meine weise Frau!

Jahresende (9): Der Blick nach vorne

Die Pilgerreise von John Bunyan ist eines der wichtigsten Bücher der Literaturgeschichte. Selbst für die Literatur Indiens hatte es entscheidende Wirkung. Im neu übersetzten Buch Die Seele des Westens von Vishal Mangalwadi wird in Kapitel 12 (“Das Reden Gottes und die Literatur der Menschen”) die wichtige Rolle der Literatur für die Nationenbildung hervorgehoben.

Literatur ist die Seele einer Nation, weil sie das Geheimnis der Identität und Geschichte eines Volkes beinhaltet. Sie ist eine treibende Kraft für die kreative Bestimmung einer Nation. (Kindle-Position 4917)

Nachdem die Pilgerreise für ca. 100 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen vor allem die ärmeren Schichten der Bevölkerung erreicht hatte, wechselte dies nachher.

Die ‹Pilgerreise› ist vielleicht das einzige Buch, bei dem nach hundert Jahren die gebildete Minderheit sich der Meinung des gemeinen Volkes angeschlossen hat. (5077)

Das Werk erlangte auch ausserhalb des Westens an Bedeutung. Die missionarische Aktivität der Bibelübersetzung in Indien wurde durch die Übersetzung der Pilgerreise ergänzt.

Abgesehen von der Bibel scheint die Übersetzung der Pilgerreise eine der häufigsten und beliebtesten missionarischen Aktivitäten in allen Teilen Indiens gewesen zu sein. (5241)

Von da aus gewann das Genre des Romans auf dem Subkontinent erst ihre Bedeutung.

Der Roman universalisiert die biblische Vision vom menschlichen Wohlergehen. Er ist im Einklang mit dem starken Erlösungsthema der Bibel und setzt die Hoffnung ins Zentrum menschlicher Geschichten. In diesem Sinne steht er dem Fatalismus, der viele traditionelle Kulturen kennzeichnet, diametral entgegen. (5209)

Auch ich lasse mich regelmässig auf die epochale Allegorie von John Bunyan ein. Zu dieser Reise gehört der Blick aufs Ziel, so wie er Christ bei den Hirten gewährt wurde (16. Kapitel):

Um diese Zeit bekamen die Pilger ein Verlangen, weiter zu reisen, und die Hirten waren damit einverstanden. So wanderten sie denn mit einander bis zum Ende des Gebirges. Hierauf sagten die Hirten zu einander: „Lasset uns den Pilgern die Thore der himmlischen Stadt zeigen, wenn sie im Stande sind durch unser Fernglas zu sehen.” Die Pilger aber nahmen das Anerbieten gerne an. Und nun führten die Hirten sie auf den Gipfel eines hohen Berges, Hell genannt, wo sie ihnen das Fernglas in die Hand gaben, um durch dasselbe zu sehen.

Die Pilger versuchten’s nun zwar, allein die Erinnerung an das, was ihnen die Hirten zuletzt gezeigt hatten, machte, daß ihre Hände zitterten und dadurch wurden sie denn verhindert, einen sichern Blick durch das Glas zu thun. Doch meinten sie etwas einem Thore Ähnliches und auch Einiges von der Herrlichkeit jenes Ortes zu erblicken.

Jahresende (8): In höchster Freude und grösster Not – wissen, worauf es ankommt

In der 10-jährigen Bloggertätigkeit gibt es kein grundsätzlicheres Thema als meine Existenz vor dem Einen Zuschauer. In Warendorf habe ich dieses Jahr einen Herzblutvortrag «Was ist mein einziger Trost?» (70 Minuten) gehalten.

Bereits vor einem halben Jahr war es an einem Morgen beim Schwimmen über mich gekommen, zur Antwort auf die erste Frage des Heidelberger Katechismus eine Anzahl von kurzen Podcasts aufzunehmen. Erst schämte ich mich vor dem allfälligen Zuhören des Bademeisters. Dann dachte ich: Es könnte ihm nicht Besseres passieren!

Bereits vor Jahren war mir die erste Antwort des Heidelberger Katechismus veröffentlichte ich den Artikel «Die Schlüsselfrage».

Ergänzend dazu empfehle ich mein Aidlinger Experiment zum Thema «Was ist das Evangelium?» (besonders ab Minute 42). Zu einigen vertiefenden Artikeln geht es hier. Ich bin dankbar zu wissen, dass der Allmächtige die Zentralbotschaft auf wunderbare Weise in die hintersten Winkel und verriegelten Türen der Herzen tragen wird.

Input: Neomarxismus – eine Ideologie, die wir kennen sollten

Robert S. Smith hat in der neusten Ausgabe von themelios (44:3) einen hilfreichen überblickenden Aufsatz zum Neomarxismus verfasst. Wie sollen Christen auf diese enorme intellektuelle Herausforderung reagieren?

  1. Wir Christen müssen erkennen, dass wir über eine weitaus gründlichere Analyse sowohl des Problems als auch der Lösung verfügen.
  2. Wir müssen nicht nur bereit sein, denen zu antworten, die sich nach unserer Hoffnung erkundigen (1 Petr 3,15), sondern “das Wort zu predigen … zur rechten Zeit und zur Unzeit” (2 Tim 4,2).
  3. Es gibt Spielraum für uns, noch einen Schritt weiter zu gehen als die Frankfurter Schule und das zu entwickeln, was Christopher Watkin “biblische Theorie” nennt; eine Theorie, die nicht nur die zeitgenössische Kultur kritisiert, sondern eine überzeugendere Vision für wahres menschliches Aufblühen bietet.
  4. Die meisten von uns können lernen, sich auf ein fruchtbares nachbarschaftliches Gespräch oder eine Diskussion am Arbeitsplatz über moralische, soziale und geistliche Themen einzulassen. Einige sind vielleicht sogar in der Lage, die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen.
  5. So unruhig die gegenwärtigen kulturellen Gewässer auch sein mögen, wir alle haben eine ständige Verantwortung, für unsere Welt (sowohl für ihre Bürger als auch ihre Regierungen) zu beten und gottgefälligen Einfluss zu nehmen auf die Art und Weise, wie wir leben, lieben, zuhören, sprechen, schreiben, protestieren und abstimmen.

Zur weiteren Lektüre empfehle ich:

Hanniel hirnt (267): Reformatorische Theologie – ein Überblick

Ich wurde gefragt, einen Abriss über die Reformatorische Theologie zu geben. Als systematischer Theologe habe ich in der Form eines Abrisses (60 Minuten) wie folgt geantwortet:

A) Vorrede: Voraussetzungen der Theologie

  • Die noetischen Folgen des Sündenfalls berücksichtigen
  • Zwei Bücher: Schöpfung und Heilige Schrift
  • Die Heilige Schrift als Gottes Selbstoffenbarung
  • Unterscheidung zwischen allgemeiner und spezieller Offenbarung

B) Gotteslehre (die “eigentliche Theologie”)

  • Betonung der Souveränität Gottes: Mensch zur Ehre Gottes geschaffen; Erwählung vor Grundlegung der Welt; das Geheimnis des Sündenfalls; mehr als Vorherwissen
  • Trinität als Zentrallehre: Gemeinschaft; Einheit und Vielfalt; in Schöpfung, Erlösung, Gericht
  • Ausgewogenheit: Transzendenz und Immanenz

C) Christologie

  • Christozentrisches Lesen der Heiligen Schrift (Schwerpunkt: literales Verständnis)
  • Bundestheologie: Ein Bund, zwei Administrationen; differenzierter Gesetzesbegriff
  • Betonung der Kontinuität von Altem und Neuem Testament

D) Anthropologie

  • Imago Dei: Erschaffung im Ebenbild Gottes
  • Ursünde (nicht nur Tatsünde)
  • Alle Aspekte des Menschseins sind vom Sündenfall betroffen.
  • Identifikation mit Christus: Erneuerung in Sein Ebenbild
  • Rechtfertigung und Heiligung (gleichzeitig Gerechtfertigte und Sünder)

E) Ekklesiologie

  • Kennzeichen der wahren Kirche: Lautere Verkündigung von Gottes Wort, Verwaltung der Sakramente, (Kirchenzucht)
  • Evangelisation, Weltmission
  • Integration des Leids (theologia crucis)

F) Mitteldinge

  • Präsuppositionale Apologetik
  • Charismen (Gaben): Cessationismus vs. Kontinuismus
  • Gemeindeorganisation: Kongregationalismus vs. Presbyterianismus
  • Taufverständnis: Bundestaufe vs. Glaubenstaufe
  • Eschatologie: Klassischer Prämillenialismus vs. Amillenialismus (Postmillenialismus)

Ein hauptsächlicher Streitpunkt ist die Kulturtheologie. Ich sehe die Zwei-Reiche-Lehre und die Herrschaft von Christus über das gesamte Leben als komplementäre Wahrheiten an.


Input: Weihnachten in der nachchristlichen Zeit

Weihnachten wird als säkulare Konsumoase erhalten bleiben

Das „säkulare“ Weihnachten wird uns erhalten bleiben; es ist einfach zu wichtig für den Handel und seine Umsätze. Doch meine Befürchtung ist, dass in Zukunft immer weniger Menschen um seine eigentlichen Wurzeln wissen werden. – Timothy Keller, Artikel weiterlesen

Warum für viele Weihnachten besonders traurig sind

Wenn wir ehrlich sind, haben viele von uns, die zu Weihnachten im Gottesdienst sitzen (ganz abgesehen von denen, die gar nicht erst kommen), mit der Kluft zwischen dem idealisierten Fest und den echten Weihnachtserlebnissen – mit Traurigkeit, mit dem Verlust geliebter Menschen, mit unseren Sorgen und Ängsten – zu kämpfen. – Thomas Kidd, Artikel weiterlesen

Geboren von einer Jungfrau?

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass im Dezember große Zeitschriften und Magazine den christlichen Glauben ins Lächerliche ziehen. In der Regel legen sie dabei viel Wert darauf, herauszukehren, dass der Glaube der Christen nicht mehr zeitgemäß sei. In unserer aufgeklärten und entzauberten Welt – so schreiben sie – seien so kümmerliche Vorstellungen, wie sie im Alten und Neuen Testament zur Menschwerdung von Jesus Christus zu finden sind, nicht mehr vermittelbar. – Ron Kubsch, Artikel weiterlesen