Zitat der Woche: Das Singen gehörte zu unserem Leben wie das Lachen

Meine Frau liest zur Zeit die autobiografische Skizze der Kinderbuchautorin Olga Meyer (1889-1972) vor. Meyer beschreibt die Rolle der Musik in der Familie:

Musik, Rhythmus und Gesang spielten in unserem Leben eine wichtige Rolle. Was hätte ich mit der Fülle meines Herzens angefangen ohne sie! Wir Kinder sangen mit der Mutter beim Waschen des Geschirrs Lieder, die wir in der Schule gelernt hatten. Man sang in der Abenddämmerung, auf Spaziergängen, ja schon am frühen Morgen. Das Singen gehörte zu unserem Leben wie das Lachen und Weinen, wie Schlafen und Wachen. Es war eine Art Sprache, ein Ventil für Freude und Schmerz. Und wie innig verband dieses Singen Eltern und Kinder! Wir kannten alle Lieder und ihre Worte, die unsere Mutter aus dem Tösstal gebrahct, die der Vater daheim mit seinen Geschwistern gesungen hatte. Ich lebte von solcher Nahrung wie vom täglichen Brot.

Olga Meyer erzählt aus ihrem Leben, S. 34-35

Ich habe eine kurze Rezension zum Buch geschrieben.

Modell: 8 Dimensionen in der Therapie

Im “Wiley Handbook of Existential Therapy” (2019) werden einige hilfreiche Unterscheidungen vorgenommen (aus Mick Cooper, Existential Therapies, 2017).

Wissen / Nicht-Wissen: Geht der Therapeut von Annahmen und Überzeugungen (Interpretationen) aus oder verfügt er über einen phänomenologischen Ansatz der Offenheit?

Direktiv / nicht-direktiv: Übernimmt der Therapeut die Leitung des therapeutischen Prozesses oder erlaubt er dem Klienten, sich selbst stärker zu führen?

Erklärend / beschreibend: Werden die Erfahrungen gedeutet (“unpacked”) oder wird eher versucht, darunter liegende Inhalte bzw. Bedeutung zu identifizieren?

Krankheit / Gesundheit: Werden Schwierigkeiten als in fixierten Dysfunktionen erfasst oder fokussieren sie eher auf Verstehen und Intentionalität der Symptome?

Techniken / ohne Techniken: Läuft ein relativ unstrukturierter, informeller Dialog ab oder ist die Arbeit um spezifische therapeutische Methoden angeordnet?

Unmittelbarkeit / Mittelbarkeit: Wird der Klient ermutigt, die Beziehungen im Hier und Heute zu erkunden (oder nicht)?

Psychologische / philosophische Orientierung: Geht es um emotionale, kognitive oder verhaltensmässige Prozesse oder eher um das Leben und seine Bedeutung? Eher um Heilung oder um Weisheit?

Individualisieren / verallgemeinern: Versteht der Therapeut die Schwierigkeiten als spezielle psychologische Prozesse des Klienten oder eher als universelle menschliche Herausforderungen?

Subjektiv / innerweltlich (inter-worldly): Fokussiert der Therapeut auf innere psychologische Prozesse oder auf die Beziehungsgestaltung zur Aussenwelt?

Input: Christliche Streitkultur im Zeitalter sozialer Medien

Thomas Schirrmacher hat sich auf kluge Weise zur Streitkultur im Zeitalter der sozialen Medien und emotionalen Betroffenheit geäussert. Es lohnt sich, diese Argumente zu Gemüte zu führen! Ich habe einige herausgegriffen:

Öffentlich streiten im Zeitalter sozialer Medien: “Im Zeitalter des Internet und Social Media verschwimmt im internationalen evangelikalen Diskurs die früher so leichte Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Diskussion sowieso. Und wenn man ein Buch veröffentlicht, wie Du, ist man in die Öffentlichkeit gegangen und bekommt die Antwort eben auch öffentlich. … Wer wird denn heute nicht schlecht behandelt, wenn er in der Öffentlichkeit wirkt und sich vor allem zu umstrittenen Fragen pointiert äußert?”

Streit und emotionale Betroffenheit: “Ein Grundfehler Deines Buches scheint mir zu sein, dass Du nicht zwischen Streit als emotional negativer Äußerung mit Tendenz zu Hass, Ärger oder Verachtung und Streit als inhaltlicher Auseinandersetzung unterscheidest. Bei inhaltlich schwerwiegenden Auseinandersetzungen klingt bei Dir immer die moralische Verurteilung einer emotionalen Ablehnung des anderen mit. Kritik an Dir scheint immer darin begründet zu liegen, dass Leute Dich auch emotional ablehnen.”

Mitreden gehört zur evangelikalen DNA: “Zur evangelikalen DNA gehört nun einmal: Jeder darf beim Bibelauslegen mitreden. Das ist etwa der ‚Trick‘ von Hauskreisen und anderen Formen der Diskussion mit der Bibel in der Hand. Unter uns gibt es keine zentrale Lehrautorität und was immer wir mit der Bibel in der Hand vertreten, müssen wir mit guten Argumenten erklären und begründen, wenn es jemand anders sieht. Das gilt im Hauskreis ebenso wie nach einer Sonntagspredigt oder wenn man ein Buch veröffentlicht. … im ganzen Neuen Testament wird dem Denken, Erkennen und Prüfen eine ungeheure Würde zugeschrieben. Christen sollen denkende, mitdenkende, mitdiskutierende Menschen sein, keine Mitläufer und Nachbeter.

Ringen um die Wahrheit seit den Aposteln: “(Beobachtung zum Apostelkonzil in Apg 15) Man hat die Debatte nicht sich selbst überlassen, so dass sie wabernd die Beziehungen belastete und ungeordnet eskaliert wäre, man hat sie aber auch nicht unterdrückt, sondern man hat organisiert, sich viel Zeit genommen und in einem gediegenen Prozess allen die Möglichkeit gegeben, sich zu artikulieren und dann zu disputieren, was schließlich zur Einigung führte. … In keinem Zeitalter war Theologie ein ‚Kuschelfach‘, es war immer Diskussion, ‚Ringen‘ um die Wahrheit, Austauschen von Argumenten und Gegenargumenten, nie Nachbeten vorgegebener Wahrheiten. Geerbt haben wir das aus dem Judentum, wo schon die Weitergabe an die nächste Generation so erfolgte, dass sie theologisch erwachsen wurde und selbst wusste, warum sie glaubte, und dafür musste man diskutieren, ja hinterfragen dürfen.”

Evangelikale als Protestler: “Die evangelikale Bewegung weltweit und in Deutschland ist eine Ansammlung von Protestzirkeln aller Art im Laufe der Geschichte. Nicht ausschließlich, aber im starken Maße. Die Antisklavereibewegung, das Blaue Kreuz, die Heilsarmee oder die Pfingstbewegung haben doch gerade kirchliche und gesellschaftliche Wirkung gehabt, weil sie ausgebrochen sind. Ich sehe die Reformation durchaus differenziert, aber auch sie wurde als Protestzirkel verschrien. Der Beginn der Freikirchen in Deutschland war ein langer Kampf um Religionsfreiheit, Diskriminierung wurde damit begründet, man brauche keine neuen Kirchen und Protest geschehe aus böser Absicht.”

Schirrmacher gibt zudem einige methodische Hinweise:

Optimum mit Optimum vergleichen: “Um einmal Fachausdrücke zu benutzen, bedeutet das, dass Du den usus (den guten Gebrauch) auf Deiner Seite mit dem abusus (dem Missbrauch) der anderen Seite vergleichst. Dann gewinnt man natürlich immer. Man muss aber auf beiden Seiten usus mit usus und abusus mit abusus vergleichen. Oder wie es Eberhard Grossmann, einer meiner früheren Kirchengeschichtsprofessoren, sagte: „Optimum mit Optimum vergleichen.“

Sich für die eigene Bewegung schämen: “Ist das nicht ein unrealistischer Traum, zu einer Bewegung zu gehören, an der alles nur strahlt? Wenn Evangelikale zwischen einer halben oder samt der Pfingstler sogar fast eine Milliarde Menschen in Kirchen in 200 Ländern der Erde ausmachen, wird es immer etwas zum Schämen geben.

Tunnelblick vs. weltweite Entwicklung: “Also sei es gesagt, was ich die ganze Zeit beim Lesen empfand: Du hast einen deutschen Tunnelblick, ja vielleicht sogar einen deutschen Tunnelblick des landeskirchlichen Pietismus, denn von außerhalb dieses Bereiches, also von den Freikirchen oder der wachsenden Zahl der Migrantenkirchen in Deutschland erzählst Du eigentlich ebenso wenig wie von weltweiten guten wie schlechten Entwicklungen.

Umkämpfte Ethik: “In Fragen der Ethik driftet die Ökumene auseinander, wobei die Trennlinie meist nicht zwischen Kirchen verläuft, sondern innerhalb der Kirchen.”

Schliesslich zu einigen Lieblings-Streitthemen:

Kreationismus: “Zwar geht die Chicagoerklärung von der Zuverlässigkeit der Bibel in naturwissenschaftlichen und historischen Fragen aus (1. Erklärung, Artikel XII), aber solange es exegetisch und literarisch unterschiedliche Auslegungen der einschlägigen Texte in Genesis 1–11 gibt, so lange also nicht konkret und verbindlich zu rekonstruieren ist, was die Texte beschreiben wollen (z.B. wie die Sintflut naturwissenschaftlich ablief), so lange wird man auch mit einer großen Bandbreite an ‚bibeltreuen‘ Sichtweisen von Genesis 1–11 leben müssen.”

Fundamentalismus: “Fundamentalismus (ist) nicht das Vertreten einer Wahrheit, sondern das militante Vertreten einer Wahrheit, also die Rechtfertigung, andere zu zwingen, diese Wahrheit zu glauben und nach ihr zu leben.”

Liberale Theologie: “(Die liberale Theologie) hat nicht nur die Glaubwürdigkeit der Bibel untergraben, sondern den Glauben an Jesus Christus selbst! Das hat Papst Benedikt in der Einleitung in seinem Jesusbuch unmissverständlich unterstrichen, sie hat den Glauben von Millionen zerstört und hat einen antichristlichen Charakter.”

Zitat der Woche: Der Aufstieg des säkularen Intellektuellen

Heute sind sie von der Öffentlichkeit nicht mehr wegzudenken: Die säkularen Experten, die auf die Meinungsbildung und Gesetzgebung entscheidend einwirken. Sie erscheinen in Talkshows, produzieren ihre Youtubes – und wir vertrauen ihnen wie früher den Priestern.

Paul Johnson stellt treffend fest:

Der Aufstieg des säkularen Intellektuellen ist ein Schlüsselfaktor bei der Gestaltung der modernen Welt. Auf die lange Perspektive der Geschichte betrachtet ist es in vielerlei Hinsicht ein neues Phänomen. Es ist wahr, dass sie in ihren früheren Verkörperungen als Priester, Schriftgelehrte und Wahrsager nun als Intellektuelle von Anfang an den Anspruch erhoben, die Gesellschaft zu lenken. Aber als Wächter priesterlicher Kulturen, ob primitiv oder ausgebaut, waren ihre moralischen und ideologischen Neuerungen begrenzt durch den Kanon der äußeren Autorität und durch das Erbe der Tradition. Sie waren und konnten keine freien Geister, keine Abenteurer des Geistes sein.

Mit dem Niedergang der klerikalen Macht im achtzehnten Jahrhundert kam eine neue Art von Mentor auf, um das Vakuum zu füllen und das Ohr der Gesellschaft zu erobern. Der säkulare Intellektuelle kann Deist, Skeptiker oder Atheist sein. Aber er war genauso bereit wie jeder katholische oder protestantische Amtsträger, der Menschheit zu sagen, wie sie sich verhalten soll. Er verkündete von Anfang an eine besondere Hingabe für die Interessen der Menschheit und die evangelische Pflicht, diese durch seine Lehre zu fördern. Er brachte zu dieser selbst gestellten Aufgabe einen weitaus radikaleren Ansatz ein als seine kirchlichen Vorgänger. Er fühlte sich durch keinen Korpus offenbarter Religion gebunden. Die kollektive Weisheit der Vergangenheit, das Vermächtnis der Tradition, die vorschreibenden Codes der Erfahrung der Vorfahren existierten, um selektiv ausgewählt, befolgt oder ganz und gar abgelehnt zu werden, ganz wie es dem eigenen gesunden Menschenverstand entsprach.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit und mit wachsender Zuversicht und Kühnheit erhoben sich Männer, die behaupteten, dass sie die Übel der Gesellschaft mit ihrem eigenen ungestützten Intellekt zu heilen vermochten; ja noch mehr, dass sie Formeln entwickeln könnten, die nicht nur die Struktur der Gesellschaft, sondern die grundsätzlichen Gewohnheiten des menschlichen Wesens zum Besseren verändern könnten.

Paul Johnson. Intellectuals. Harper & Row, 1988. S. 1-2.

Predigt: Wie sollen wir im täglichen Kampf bestehen?

Aus einer Predigt von Tony Curto; siehe auch “Der Segen der Sabbatheiligung” (weitere Predigt)

Paulus liess Timotheus in der Gemeinde von Ephesus zurück, weil Probleme auftraten; sein Mitarbeiter sollte falsche Lehrer zurückweisen (1Tim 1,3). Bei seinem Abschied hatte er angekündigt, dass “nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden” (Apg 20,29). Später setzte sich diese Bewegung fort, so dass falsche Lehre wie ein Krebsgeschwür um sich frass (2Tim 2,17).

In seinem Brief an die Epheser (der vielleicht als Rundschreiben verfasst wurde und durch Tychikus überbracht wurde, siehe Eph 6,21) thematisiert Paulus die Einheit mit Christus.

  • Wir sind von Geburt aus Äste Adams (vgl. seine Argumentation in Römer 11).
  • Durch die Wiedergeburt werden wir in Christus eingepflanzt.
  • Dadurch kommen wir in den Genuss von zahllosen Segnungen in der Himmelswelt (Eph 1-3).
  • Diese bevorrechtete Stellung bringt Verantwortung mit sich. Wir führen ein neues Leben (Eph 4,17) und werden zu Nachahmern Christi in der Liebe (Eph 5,1).
  • Diese Veränderung wirkt sich im gesamten Leben aus, insbesondere innerhalb des Hausstands, also in der Ehe, Familie und mit den Sklaven).
  • Allerdings zeigt sich gerade dieses neue Leben als tägliches Kampffeld in uns.

Wie können wir diesen Kampf führen?

  1. Sei stark im Herrn. So wie früher die Schiffe mit einem Tau umfangen und ein starkes Seil über Bord geworfen wurde, an der sich Weggespülte festhalten können.
  2. Sei stark in der Macht seiner Stärke. So wie in einem Joch ein stärkerer Ochse entscheidend mitzieht.
  3. Ergreift seine Mittel. So wie wir uns täglich mit einer witterungsgerechten Kleidung ausrüsten.
  4. Erkennt Jesus als Oberbefehlshaber. Wir haben den besten und erfahrensten Anführer.

Zitat der Woche: Moderne heisst keine Absolutheiten mehr

Paul Johnson (* 1928), Historiker, beginnt sein Buch «Modern Times» zum 20. Jahrhundert mit den ideengeschichtlichen Umwälzungen.

Zu Beginn der 1920er Jahre begann sich erstmals auf populärer Ebene der Glaube zu verbreiten, dass es keine Absolutheiten von Zeit und Raum, von Gut und Böse, von Wissen, vor allem von Wert mehr gibt. Irrtümlicherweise, aber vielleicht unvermeidlich, wurde die Relativitätstheorie mit dem Relativismus verwechselt. (126; Kindle-Position)

Oberflächlich betrachtet, schienen die Menschen ihren freien Willen auszuüben, Entscheidungen zu treffen, Ereignisse zu bestimmen. In Wirklichkeit sahen diejenigen, die mit den Methoden des dialektischen Materialismus vertraut waren, solche Individuen, so mächtig sie auch sein mochten, als bloßes Treibgut an, das von den unwiderstehlichen Wogen der wirtschaftlichen Kräfte hin und her geschleudert wurde. (269)

Marx, Freud, Einstein vermittelten in den 1920er Jahren alle dieselbe Botschaft: Die Welt war nicht das, was sie zu sein schien. Den Sinnen, deren empirische Wahrnehmungen unsere Vorstellungen von Zeit und Entfernung, von richtig und falsch, von Recht und Gerechtigkeit und von der Natur des menschlichen Verhaltens in der Gesellschaft prägten, konnte man nicht trauen. (284)

Die marxistische und freudianische Analyse untergruben auf unterschiedliche Weise den hoch entwickelten Sinn für persönliche Verantwortung und die Pflicht gegenüber einem festen und objektiv wahren Moralkodex, der im Zentrum der europäischen Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts stand. (285)

An die Stelle trat der Staat:

Erweitern Sie den Staat und dessen destruktive Kapazität wird notwendigerweise auch mit erweitert. (341)

Von Paul Johnson empfehle ich seine kurze Biografie zu Churchill. Auf meiner Liste steht ausserdem «Intellectuals».

Zitat der Woche: Skeptische Grundhaltung als Schutz für eigene Widersprüchlichkeit

Richard Rorty, Postmodernist aus dem Bilderbuch, umschreibt scharf das Anliegen der Postmoderne. Es gehe darum, dass wir

…die Korrespondenztheorie der Wahrheit aufgeben und damit anfangen, moralische und wissenschaftliche Überzeugungen als Werkzeuge zur Herstellung größeren menschlichen Glücks aufzufassen und nicht als Darstellungen des Wesens der Wirklichkeit.

Richard Rorty. Stolz auf unser Land. Die amerikanische Linke und der Patriotismus, übers. von Hermann Vetter, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 93. 

Überaus klug kommentiert dazu Eva Illouz:

Dies ist eine treffende Einschätzung des Projekts, das hinter der politischen Korrektheit steht. Seine Übertragung in die allgemeine Kultur führte allerdings zu einer unbedachten, leichtfertigen Auffassung von »Wahrheit als Macht« und zu einem allgemeinen Skeptizismus.

Eva Illouz in: Political Correctness. Ein Streitgespräch. Nagel & Kimche, 2019.

Ich beobachte bei den heranwachsenden Generationen genau diese Leichtsinnigkeit: Skeptizismus als Garantie für Widersprüchlichkeit; situativer Einsatz von “Wahrheit(en)”.

10 Hinweise zu … turbulenten Lebensphasen

  1. Rechne damit, dass du den Überblick zwischendurch verlierst. Halte dich an das Wichtigste: Wem du gehörst.
  2. Suche unentwegt das Gebet; plane tägliche Zeiten dafür ein, nütze aber auch unerwartet ruhige Momente.
  3. Lass dir die Zeiten mit Gottes Wort auf keinen Fall rauben; bitte eindringlich um Sättigung und Erfrischung.
  4. Kompensiere nicht mit üppigem Essen; umgekehrt: Nimm dir Zeit, um Bissen für Bissen ruhig zu dir zu nehmen.
  5. Notiere Ideen sowie Aufgaben, die du nicht gleich umsetzen kannst, in einem (elektronischen) Notizbuch.
  6. Höre dir Gott-zentrierte Musik an (zum Beispiel die Spotify-Playlist «Seht unseren Gott»); lies zwischendurch einige Verszeilen von Kirchenliedern (z. B. von Paul Gehard).
  7. Kommuniziere ehrlich bei deinen Nächsten und Freunden, in welcher Lage du dich befindest.
  8. Prüfe wohlgemeinten Rat.
  9. Bleibe nicht bei dir selbst stehen. Überlege dir, an wen du denken und wem du eine Ermutigung sein könntest.
  10. (Rat eines weisen Freundes) Baue mit den Steinen, die dir Gott gibt.

Zitat der Woche: Die Wurzeln der Reformation

Fritz Büsser, ehemaliger Zürcher Kirchengeschichtler, schreibt mit Bezugnahme auf das erste Kapitel des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses:

Das erste Kapitel dieses Bekenntnisses zeigt denn auch sofort, wo die eigentlichen Wurzeln und Quellen der Zürcher Reformation, damit auch ihrer Spiritualität liegen: allein in der Heiligen Schrift, im Wort Gottes! Kirche, Spiritualität gibt es nur aus dem Hören auf Gottes Wort. In diesem Sinn umschreibt Zwingli das Wesen der Kirche besonders gern mit dem Gleichnis vom «Guten Hirten» (Joh. 10): «Da lehrt [Christus], daß die Schafe die Stimme des Hirten hören sollen, sofern er der Hirte ist, und daß sie ihm nachfolgen sollen … Also ist nur die Kirche unerschütterlich und unfehlbar, die einzig auf Gottes, ihres Hirten Stimme hört” (Z III 259).

Die Prophezei: Humanismus und Reformation in Zürich. S. 133.

Zitat der Woche: Göttliche Offenbarung in Form von Aussagen

John Frame in seiner Analyse zu Schleiermacher:

Dieses Prinzip ist den liberalen Theologen gemeinsam: dass die göttliche Offenbarung nicht die Form von Aussagen (propositions), Information oder Lehre annehmen kann. Lehren werden von Menschen aus der Reflexion über ihre religiösen Gefühle heraus geschaffen. Liberale Theologen haben die Offenbarung auf verschiedene Weise charakterisiert: für Cherbury war es die Natur und die natürliche Vernunft, für Lessing und Kant die ethische Vernunft. … (A)lle liberalen Theologen sind sich einig, dass Offenbarung nicht propositional oder lehrmäßig sein kann. Warum? Weil das bedeuten würde, dass Gott uns in der Offenbarung sagt, was wir glauben und was wir tun sollen, und das würde dem grundlegendsten Prinzip der liberalen Erkenntnistheorie widersprechen, dass das menschliche autonome Denken das letzte Wort hat.

John Frame. A History of Western Philosophy and Theology. S. 295