Predigt: Der alte und der neue Kampf

Die Predigt von Timothy Keller zu Römer 7 (1997) ist sehr hilfreich.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen den Kämpfen zu verstehen, die wir haben, bevor und nachdem wir Christen geworden sind. Christsein bedeutet nicht, dass wir vom Kampf zum Frieden übergehen, sondern dass wir von einem Kampf, den wir nicht gewinnen können (7-13), zu einem werden, den wir nicht verlieren können (14-25).

Zum Kampf, den man nicht gewinnen kann: Das Gebot „Du sollst nicht begehren“ zeigt, wie das Verlangen nach mehr und mehr zur Sünde führen kann. Dieses Verlangen kann negative Gefühle wie Ärger, Bitterkeit und Angst hervorrufen. Es ist wichtig, diesen inneren Kampf zu erkennen und zu sehen, wie das Gesetz unsere verborgenen Begierden und moralischen Fehler als Teil unserer christlichen Reise aufdecken kann.

Zum Kampf den man nicht verlieren kann: bei den Christen findet der Kampf zwischen unserer sündigen Natur und dem Geist statt. Der Glaube an das Opfer Jesu Christi verändert unsere Beziehung zum Gesetz und macht es zu etwas, das uns hilft, Gott zu lieben, statt zu einer Last zu werden. Als Christen können wir sicher sein, dass dies ein Kampf ist, den wir nicht verlieren werden, eine tröstliche Wahrheit, die mehr Beachtung und Verständnis verdient.

Sam Storms hat eine überzeugende Exegese für dieses schwierige Kapitel geschrieben; hier äussert er sich zu den beiden Sichtweisen (Paulus vor bzw. nach seiner Bekehrung).

(Vor der Bekehrung) Das „Ich“ ist nicht Paulus selbst, sondern eine stilistische Form, die ein lebendigeres Bild ergibt als unser farbloses „man“. Es ist also Paulus’ Analyse der menschlichen Existenz außerhalb des Glaubens, entweder aus der Sicht des Nichtchristen selbst oder aus der Sicht des Christen, in diesem Fall Paulus. … (Douglas Moo) ‘Insbesondere denke ich, dass Paulus aus seinem christlichen Verständnis heraus auf die Situation zurückblickt, in der er selbst und andere Juden wie er unter dem Gesetz des Mose lebten. . . . In den V. 14-25 schildert er seinen eigenen Zustand als Jude unter dem Gesetz, aber, was noch wichtiger ist, den Zustand aller Juden unter dem Gesetz.’

(Nach der Bekehrung) Erstens kann man das „ich“ in diesem Absatz am ehesten als einen autobiographischen Bezug zu Paulus verstehen. Er verwendet „ich“ oder „mich“ oder „mein“ ungefähr 40 Mal in diesem Text!

Zweitens wechselt Paulus von der Vergangenheitsform in V. 7-13 zur Gegenwartsform in V. 14-25. Mit anderen Worten: Was in den V. 7-13 wie ein vergangenes, nichtchristliches Zeugnis klingt, wird in den V. 14-25 zu einem aktuellen, christlichen Zeugnis.

Drittens: Wenn es sich bei dem Kampf in V. 14-25 um Paulus’ Erfahrung vor seiner Bekehrung handelt, würde dies im Widerspruch zu dem stehen, was er an anderer Stelle über sein Leben als Pharisäer sagt (Philippe 3,6).

Viertens: Beachten Sie, was Paulus dem Menschen oder dem „Ich“ in Römer 7 zuschreibt, Aussagen, die meiner Meinung nach nur ein wiedergeborener Christ sagen kann:

  • “Ich habe Lust an dem Gesetz Gottes.” (V. 22)
  • Das „Ich“ von Römer 7 hasst das Böse und will das Gute tun (V. 15).
  • Es stimmt mit dem Gesetz Gottes überein und erkennt es als gut an (V. 16).
  • Nach V. 17 identifiziert sich Paulus mit jemandem, der mit dem Gesetz Gottes übereinstimmt, und scheint sich von der begangenen Sünde zu distanzieren. Er weist die Verantwortung für die Sünde, die er begeht, eindeutig der ihm innewohnenden Sünde selbst zu. Könnte ein nicht wiedergeborener, ungläubiger Mensch dies von sich sagen?
  • Er gesteht seine angeborene Verderbtheit ein (V. 18).
  • Er will das Gute tun (V. 18, 21).
  • Er will nicht Böses tun (V. 19).
  • Er stimmt freudig mit dem Gesetz Gottes überein (V. 22; vgl. Ps. 119,97).
  • Er fühlt sich von seiner Sünde gefangen und an sie gekettet (V. 23).
  • Er bekennt seine Erbärmlichkeit (V. 24).

Input: Veränderungen in den Grundparadigmen der Beratung

Rund 20 Jahre nach meiner ersten Coachingausbildung begab ich mich in alte Gewässer und wollte erfahren, wie gestandene Berater (wie Rolf Balling oder Erich Hartmann), die vor Jahrzehnten das Business-Coaching im deutschen Sprachraum mit etabliert und viele grosse Industrie- und Dienstleistungskonzerne beraten haben, heute die Entwicklung sehen und die Veränderungen der letzten Jahre kommentieren. Dieser These stimme ich uneingeschränkt bei:

Der alte Befreiungsimpetus, der seit Mitte des 20. Jahrhunderts wirksam die Autonomie- und Befreiungsbewegung (vor allem der Humanistischen Psychologie) getragen hat, ist an sein Ende gekommen. Beratung bedeutet heute vor allem Orientierungs-, Kuratierungs- und Empfehlungsarbeit.

Ebenso sehe ich heute eine viel grössere Offenheit zur Einflussnahme im Gegensatz zu der damals heiligen Kuh “Beratung ohne Ratschlag”. Beratung ist stets Einflussnahme. Wir haben es heute im Business mit informierten, beratungs-erfahrenen Klienten zu tun.

Bezüglich Dilemmata gehe ich ebenfalls weitgehend mit. Es gilt sie auszuhalten, Möglichkeiten abzuwägen und zu einer entschiedenen Haltung ohne nachträgliches Zaudern und Klagen zu kommen:

Dilemmata können uns bescheiden machen. Sie führen uns in Suchprozesse, an unsere Grenzen; und häufig schenken sie uns die Gelegenheit, unseren ‚Frame of Reference‘, unsere Sicht der Welt, zu überprüfen und zu erweitern. 

… Es bleibt die situative Unmöglichkeit, zwei uns wichtigen Werten und/oder Zielen, gleichzeitig und ohne Abstriche gerecht zu werden. 

… Dilemmata sind wie ein schwarzes Loch oder wie der Minotaurus im Labyrinth von Kreta. Sie können uns einfangen und einsaugen. Angeraten ist es da, Abstand zu wahren und sich bei kreisender Annäherung anzuseilen.

Übrigens habe ich vor Jahren einige weltanschauliche Einordnungshilfen zur Transaktionsanalyse zusammengestellt.

Buchhinweis: Die Geschichte der Beratung

In einer spannenden dreiteiligen Folge (Antike/Mittelalter, Aufklärung/Moderne, Postmoderne) führt der Berater Sascha Weigel im Gespräch mit dem Autor Heiko Wandhoff “Was soll ich tun?” durch die jahrtausendealte Geschichte der Beratung. Hierzu muss ich anfügen: Ich kann an manchen Ort lernen, auch wenn ich weltanschaulich zu anderen Schlussfolgerungen gelange. Dies trifft vor allem auf den dritten Teil zu, wo die Person-Konzepte aus systemisch-evolutionärer Sicht hergeleitet werden.

Die Fähigkeit des Ratgebens war neben der Fähigkeit zum Kämpfen eine der Haupttugenden in der Antike; im Mittelalter waren die Hof- und Reichstage zunächst unregelmäßig, an wechselnden Orten, ein Herrschaftsinstrument des Kaisers, später ein Verfassungsorgan, an dem man teilnehmen durfte und als ständisch-korporatives Organ Keimzelle des Parlamentarismus. Oftmals wurde in der Öffentlichkeit inszeniert, was vorher schon im Geheimen ausgehandelt worden war.

Eine neue These war für mich zudem die durch die Aufklärung aufgekommene Beratungsskepsis. Der Selbstberatungsimperativ der Neuzeit führt zur Abwertung von Fremdberatung (Nachfragen = Unfähigkeit zur Selbstreflexion?); dafür wurde die Selbstberatung betont. Interessanterweise führte dies parallel zum Aufkommen der Beratungsliteratur, die sich ja bis heute ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Ein dritter fruchtbarer Gedanke war der Beratungsmangel in Not-Zeiten der grossen Umstellung, nämlich der Industrialisierung. Dies zeigt sich ja auch in gegenwärtigen Konflikten wie z. B. zwischen Russland und der Ukraine. Die zahllosen traumatisierten Menschen mangelt es an ausgebildeten Gesprächspartnern.

Input: Bullingers Briefe werden mittels KI erfasst und übersetzt

Heinrich Bullinger (1504-1575) fasziniert mich nachhaltig, mein Interesse ist ungebrochen. Die enorme Vielseitigkeit als Theologe, Kirchenpolitiker, Seelsorger, Ehemann, Vater, Beherberger, Historiker und Schriftsteller wird getoppt von einer über die Jahrzehnte gepflegten Leidenschaft: Dem Briefeschreiben.

Genial, dass diese Briefe mittels KI erkannt, transkribiert und übersetzt werden. Martin Volk, Professor am Institut für Informatik und Leiter des Instituts für Computerlinguistik an der Universität Zürich untersucht,

wie KI dazu eingesetzt werden kann, die Bullinger Briefen automatisch zu erkennen und zu übersetzen. Bei den Bullinger Briefen handelt es sich um eine Sammlung von rund 12’000 Briefe aus dem 16. Jahrhundert. Damit gilt es als einer der umfangreichsten überlieferten Briefwechsel aus diesem Zeitraum, sagt Volk. Die meisten Briefe sind in Latein oder in Frühneuhochdeutsch verfasst, doch lassen sich auch Texte in Griechisch, Französisch oder Hebräisch finden. Einige der Briefe sind gar in mehreren Sprachen geschrieben.

… Das Ziel seines Projekts ist es, ein Programm zu entwickeln, das die Handschrift in weiteren Briefen automatisch transliteriert, also Buchstabe für Buchstabe überträgt. Auch soll das Programm den Text von Latein ins Deutsche und auch ins Englische übersetzen. Letzteres sei praktisch, da sie somit auch internationale Forschungsgemeinden einbeziehen könnten. Hierbei sollen Modelle zur Handschrifterkennung auf Basis schon existierender Transkriptionen trainiert werden

Input: Vom Segen einer Aussensicht

Jonas Erne beschreibt anschaulich, wie ihm eine Aussensicht zum Segen gereichte:

In vielen Bereichen meines Lebens habe ich mir vieles selbst angeeignet und auch selbst aneignen müssen. Ich habe sehr viele Interessen, Hobbies, spannende Themen, die ich „irgendwann mal noch machen möchte“. Vor etwa drei Jahren war ich irgendwo vor einem Burnout und habe die Reißleine gezogen, bevor mehr passieren konnte. Letztes Jahr gab es gewisse Gefühle eines Deja-vu, die mir klar machten: Jetzt muss was passieren. Ich muss lernen, meine Grenzen zu erkennen, zu akzeptieren, zu kommunizieren und Strategien für die Zukunft aufzubauen, die mir helfen, langfristig gesund zu bleiben.

… Ich bin ja recht gut im Lösungen finden, zu allen möglichen Themen und Fragen. Aber eben – genau auf die richtigen Fragen kommt es an. In vielem ging ich davon aus, dass ich die richtigen Fragen stelle – was sich inzwischen aber oft als ineffizient herausstellt. Ich habe beispielsweise das Coaching mit dem Gedanken gestartet, dass ich noch bessere Strategien und durchgeplantere Abläufe in meinem Alltag brauche, um dann noch mehr in weniger Zeit zu schaffen. Wie gut, dass ich da lernen durfte, dass es auf anderes noch mehr ankommt.

… Es kann immer und in jedem Lebensabschnitt hilfreich und wertvoll sein. Es würde den meisten Menschen gut tun, hin und wieder eine Art Lebens-TÜV zu machen, um zu sehen, in welchen Bereichen weiteres persönliches Wachstum dran ist. Und da muss ich sagen, dass ich es auch ein Stück weit bereue, das nicht schon vor zehn Jahren gemacht zu haben.

Input: Generations-übergreifende Vater-Sohn-Konflikte

In seiner monumentalen Schilderung über Preussen beschreibt der Historiker Christopher Clark – gelesen von Frank Arnold –  die generationsübergreifenden Vater-Sohn-Konflikte der Fürstendynastie von Friedrich I. (1657-1713), Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) und Friedrich der Grosse (1712-1786). Die Landesherren sahen sich als Teil des “generationenübergreifenden historischen Projekts, bei dem jeder Herrscher die unerreichten Ziele seiner Vorgänger als seine eigenen betrachtete” (130). Parallel zu einer langen Zeit unaufhaltsamer Expansion des Fürstentums entfaltete sich ein tiefgreifender trans-generationaler Konflikt.

Da gibt es zunächst einmal zu bemerken, dass Friedrich Wilhelm I. in den Augen des Vaters “zu nichts gut” war und dessen Bruder bevorzugt wurde. Nur durch Intervention auswärtiger Herrscher konnte der Vater davor zurückgehalten werden, den späteren Thronfolger von der Erbfolge auszuschliessen. 

Der Sohn unternahm in der Folge die Anstrengung, seinem eigenen Sohn “eine möglichst umfassende Ausbildung in der Kunst des Regierens angedeihen zu lassen”. Er gestand ihm deshalb “einen weitgehend unabhängigen Bereich zu” (131). Bedauerlicherweise konnte er aber nicht zwischen Errungenschaften innerhalb seines Staates und seiner eigenen Person unterscheiden, weshalb “jede Missachtung seiner Person eine Gefahr für seine historische Leistung, ja für den Staat selbst darstellte” (132). “Seiner Ansicht nach musste alles in sich zusammenbrechen, wofür er so hart gearbeitet hatte, wenn sein Nachfolger nicht »seinen Glauben, seine Gedanken, seine Neigungen und Abneigungen hätte, kurz, wenn der Thronfolger nicht sein Ebenbild würde«” (ebd.) Dies führte zu erheblichem Druckaufbau: “Er unterwarf ihn einer zermürbenden Routine von täglich zu erledigenden Aufgaben – Militärparaden, Inspektionsrunden, Ratsversammlungen –, alles auf die Minute genau geplant.” (133) 

Wie reagierte der Sohn? Er “vervollkommnete die Kunst, sich dem Willen seines Vaters mit einer Art verschlagener Höflichkeit zu widersetzen.” Nach aussen fügte er sich dem Regime seines Vaters, während er sich privat “im Kreis von Vertrauten bewegte”. In der Öffentlichkeit “gab er sich kühl und distanziert. Im Geheimen jedoch lernte er Flöte spielen, schrieb Gedichte und häufte Schulden an. Mit Hilfe seines hugenottischen Lehrers Jacques Egide Duhan de Jandun legte er sich eine Bibliothek mit französischen Werken zu, die von freidenkerischen, aufgeklärten literarischen Interessen zeugten.” 

1730 versuchte der Thronfolger zu flüchten. Es entlud sich “angesichts der Kämpfe und Intrigen von 1729/30 alles, was sich an Frustration und Ärger über die Behandlung durch seinen Vater über Jahre hinweg aufgestaut hatte.” Vom Vater zurückgeholt, “wurde er in ein Verlies gesperrt und gezwungen, die Kleidung eines Sträflings zu tragen. Seinen Bewachern wurde verboten, Fragen des Gefangenen zu beantworten.” (136) Sein Sohn wurde mit 185 bohrenden Fragen konfrontiert. “Für einen Mann, der besessen war von der Idee der Kontrolle, war offener Ungehorsam das Schrecklichste, was er sich vorstellen konnte.” Während der Mit-Drahtzieher der Flucht exekutiert wurde, wurde Friedrich in die Garnisonsstadt Küstrin ausquartiert. “Er gab den unterwürfigen, reuigen Büßer, ertrug klaglos das monotone Leben in der Garnisonsstadt Küstrin und erfüllte gewissenhaft seine Regierungspflichten, wobei er viel Nützliches lernte.” (139)

Input: Horizontale Pflichtethik

Der jüdische, dem philosophischen Existenzialismus nahestehende Gelehrte Emmanuel Levinas (1905-1995) verbindet Judentum mit europäisch-kontinentaler Philosophie des 20. Jahrhunderts. Das Produkt: Extremer Humanismus. Die von mir sehr geschätzte Junius-Reihe “… zur Einführung” (empfohlen: Antonio Gramsci, Paul Tillich) bringt anhand seines Schlüsseltexts “Judaisme” der Encyclopaedia Universales die Wahrheit des Judentums auf folgenden Nenner (18f):

  1. Monotheismus =
  2. dem Höchsten folgen =
  3. sich keiner anderen moralischen oder politischen Macht beugen
  4. meine Einzigartigkeit in der Verantwortung für den anderen Menschen finden
  5. auserwählt sein für den Vollzug ethisch-universalistischen Handelns
  6. an einem messianischen Reich der Gerechtigkeit arbeiten
  7. = extremer Humanismus des einen Gottes, der die Menschen fordert.

Man erkennt: Letztlich diesseitige, horizontale Pflicht-Ethik.

Input: Historische Gewissheit, keine mathematische Genauigkeit

In Familienandachten las ich aus dem äußerst anschaulich geschriebenen Buch von Greg Gilbert “Warum ich der Bibel vertraue” vor (englisches Hörbuch; weiteres Grundlagenbuch über das Evangelium). Ich pflichte einem Rezensenten bei: “Geschrieben ist es in einem unterhaltsamen, eher journalistischen Stil. Die Kürze der einzelnen Kapitel ist auch für Wenigleser zu bewältigen.*

Hundertprozentige Gewissheit mag es in der Mathematik geben, wo die Dinge definiert sind, manchmal auch in der Naturwissenschaft, aber niemals in der historischen Wissenschaft. Es besteht immer die Möglichkeit, dass neue Dokumente auftauchen, die ein historisches Ereignis in Frage stellen. So kann man rein theoretisch argumentieren, dass wir ja gar nicht wissen, ob Caesar wirklich den Rubikon überschritten hat. „Es könnte ja sein”, mag jemand argumentieren, „dass sich einer seiner Soldaten als Caesar verkleidet hat, und die anderen dachten, es wäre Caesar selbst.” Vollkommen ausschließen lässt sich so etwas natürlich nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr gering. Dies wäre letztlich eine Haarspalterei, mit der man alle historischen Ereignisse in Frage stellen könnte. Wenn wir uns auf eine solche Argumentationsweise einlassen, können wir die Geschichte als Wissenschaft vergessen. Hundertprozentig können wir niemals wissen, ob sich ein Ereignis wirklich so und nicht anders abgespielt hat. Wir sind daher auch nicht auf mathematische Gewissheit aus, sondern auf historische Zuverlässigkeit. Dass Caesar den Rubikon überschritten hat, ist nicht „bewiesen” in dem Sinne, wie es bewiesen (besser gesagt: definiert) ist, dass 1 + 1 = 2 ist. Es ist aber erwiesen, dass Caesar beim Überschreiten des Rubikon gesehen wurde. Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Berichterstatter kein Interesse daran hatten, der Nachwelt irgendetwas vorzugaukeln. Insofern gilt die Überschreitung des Rubikon als historische Tatsache. Eine solche Art von historischer Gewissheit streben wir an, wenn wir die neutestamentlichen Evangelien untersuchen. Mehr können und dürfen wir nicht erwarten.
Zweitens ist zu bedenken, dass historische Tatsachen immer auch Konsequenzen hinsichtlich des menschlichen Handelns nach sich ziehen. Ich treffe gelegentlich Menschen, die mir sagen, dass sie niemals ihr Leben auf etwas auf bauen würden, das sie nicht selbst aus erster Hand erfahren haben. Was sie nicht selbst gesehen und eigenhändig untersucht haben, erscheint ihnen zu zweifelhaft, als dass man sein Handeln danach richten könnte. Auf den ersten Blick erscheint diese Argumentationsweise vernünftig. Sie klingt sogar einigermaßen intellektuell redlich. Wenn man der Sache auf den Grund geht, stellt man jedoch bald fest, dass niemand dieser Devise wirklich folgt. Wir alle vertrauen auf Dinge oder Ereignisse, die wir nur aus zweiter Hand wissen. Nehmen wir nur mein eigenes Leben. Ich war persönlich nicht zugegen, als die Verfassung der Vereinigten Staaten ratifiziert wurde. Und doch vertraue ich als Bürger der Vereinigten Staaten darauf, dass sie tatsächlich ratifiziert wurde. Und ich richte mein Leben nach dieser Grundüberzeugung aus. Das heißt, ich käme nicht auf die Idee, irgendwelche Wahlen zu boykottieren, weil man schließlich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, dass sie verfassungsmäßig sind. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Kann ich wirklich zu hundert Prozent wissen, dass meine Eltern meine Eltern sind? Ich kann mich weder an meine eigene Geburt erinnern, noch habe ich jemals einen DNA-Test durchführen lassen. Und wer weiß? Vielleicht ist meine Geburtsurkunde ja nur eine Fälschung. Doch auch hier gilt: Habe ich auch letztlich keine mathematische Gewissheit, so spricht doch alles dafür, dass meine Eltern wirklich meine Eltern sind – und ich lebe seit vielen Jahren sehr gut mit dieser vertrauensvollen Gewissheit. Um diese Art von vertrauenswürdiger Gewissheit geht es auch in der historischen Forschung. (20-21)

Input: Wir vermeiden beherzte, laute, schmerzliche Debatten

Meine jahrelange Reise zur Erkundung des alternativen Metanarrativs des Islams führte mich schon vor längerer Zeit zu Ahmad Mansour (siehe hier und hier). Paul Ronzheimer sprach kürzlich mit ihm über Islamismus und die deutsche Ohnmacht. Hier sind drei Ausschnitte, die ich mir auch als Christ zu Herzen nehme. Wir haben vielleicht noch verstärkt die Tendenz, “mit allen lieb sein zu wollen” und die beherzten, lauten, schmerzlichen Diskussionen vermeiden zu wollen.

Wir führen die Debatten in diesem Land verlogen. Unsere Empörung ist nur dann sehr laut, wenn es uns ideologisch passt. … Wenn wir (bei Vorkommnissen wie kürzlich in Mannheim) schweigen, sind (rechte Gruppierungen) die einzigen, die dies thematisieren. Sie tun dies nicht, um Lösung zu suchen. … Manche aus der Mitte der Gesellschaft haben Angst, solche Themen anzusprechen, weil sie nicht als Rassist oder Islamhasser abgestempelt werden wollen. Sie haben nicht gelernt zu debattieren – auch dann, wenn es wehtut oder man etwas ertragen muss.

Das stört mich als Migrant aus Israel, wo Debatten ganz anders geführt werden. Sie tun weh, sind laut. Die Leute streiten sich massiv. Man hat das Gefühl, die Demokratie breche auseinander, wenn Hunderttausende auf die Strasse gehen. Wir hingegen haben ein Demokratieverständnis, das auf Harmonie und Konsens für alle zielt. Wir haben uns alle lieb und meiden die Themen, die ein bisschen schwierig sind. (Minuten 5-7)

… Das gesamte Integrations- und Präventionsumfeld liegt in den Händen von Menschen, die eine linke Ideologie vertreten. Diese vertreten die Ansicht, dass Muslime nicht in die Verantwortung gezogen werden dürften. Man müsse kuschen. Sie glauben, dass mit der Bekämpfung von antimuslimischem Rassismus und die Leute in ihrer Opferrolle bestätige sie dann nicht mehr radikal würden. … Ich halte diese Methode und diesen Ansatz für absolut falsch. Das bringt uns nicht weiter. Wir haben kein Ressourcenproblem, auch kein Geldproblem. Wir haben mittlerweile überall Beratungsstellen, Präventionsprojekte und Strukturen, mit denen man wirklich viel erreichen kann – falls wir unsere Arbeit ernsthaft verrichten. 

Es geht darum, diese Menschen in die Verantwortung zu stellen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen – gerade in den demokratiefeindlichen Einstellungen. (Minuten 21-22)

Kein Mensch wird als Islamist geboren. Kein Mensch ist verloren, wenn wir wirklich – und das ist einer der Grundsätze, die wir vor Augen führen müssen – als Europäer den Menschen, die zu uns kommen, selbstbewusst gegenüber stehen und unsere Werte kommunizieren; wenn wir diese Menschen begleiten und helfen diese Werte zu verstehen, danach zu leben. Dann haben wir die Hälfte des Problems schon geschafft und haben ganz viele Leute erreicht. Aber wir haben Menschen aufgenommen in den letzten Jahren und absolut im Stich gelassen. (Minuten 18-19)

Buchhinweis: Die Macht der Gewohnheit

Wie ändern sich Gewohnheiten? Diese Frage beschäftigt mich sowohl beruflich wie auch privat seit Jahren. Charles Duhigg (* 1974) beschreibt in “Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun” anhand zahlreicher Fallbeispiele den – letztlich göttlich verankerten – Modus zur Veränderung:

Wie ändern sich Gewohnheiten? Leider gibt es keine feste Folge präzise definierter Schritte, die garantiert bei jedem Menschen funktionieren. Wir wissen, dass sich eine Gewohnheit niemals vollständig beseitigen lässt – vielmehr muss sie ersetzt werden. Und wir wissen, dass die goldene Regel der Gewohnheitsänderung lautet: Wenn wir den Auslösereiz und die Belohnung beibehalten, können wir eine neue Routine installieren. Aber das allein genügt nicht. Damit eine Gewohnheitsänderung von Dauer ist, müssen Menschen daran glauben, dass Veränderung möglich ist. Und in den meisten Fällen lässt sich diese Überzeugung nur mit Hilfe einer Gruppe verankern. Wenn Sie mit dem Rauchen aufhören wollen, sollten Sie sich eine andere Routine ausdenken, die das Verlangen befriedigt, das von Zigaretten ausgelöst wird. Suchen Sie sich dann eine Selbsthilfegruppe ehemaliger Raucher oder eine Gemeinschaft, die Sie in dem Glauben bestätigt, dass Sie auf Nikotin verzichten können, und wenden Sie sich immer dann an diese Gruppe, wenn Sie das Gefühl haben, Sie könnten schwach werden.

Wenn Sie abnehmen wollen, sollten Sie Ihre Gewohnheiten analysieren, um herauszufinden, weshalb Sie wirklich jeden Tag Ihren Schreibtisch verlassen, um einen Snack zu essen, und dann sollten Sie jemanden suchen, der mit ihnen einen Spaziergang macht, mit Ihnen am Schreibtisch statt in der Cafeteria plaudert, eine Gruppe, die Diätziele gemeinsam verfolgt, oder jemanden in Ihrer Nähe, der lieber ein paar Äpfel als Chipstüten vorrätig hält. Die empirischen Befunde sind eindeutig: Wenn Sie eine Gewohnheit ändern wollen, müssen Sie eine alternative Routine finden, und Ihre Erfolgschancen erhöhen sich dramatisch, wenn Sie dies im Rahmen einer Gruppe tun. Der Glaube ist unerlässlich, und er erwächst aus einer gemeinschaftlichen Erfahrung, auch wenn diese Gemeinschaft nur aus zwei Personen besteht. Wir wissen, dass es möglich ist, Verhalten zu verändern. Alkoholiker können mit dem Trinken aufhören. Raucher können mit dem Rauchen aufhören. Sie können aufhören, Nägel zu kauen oder bei der Arbeit Snacks zu essen, Ihre Kinder anzuschreien, die ganze Nacht aufzubleiben oder sich aus nichtigem Anlass Sorgen zu machen. (127-128)

… Wenn man sich darauf konzentriert, Schlüsselgewohnheiten umzugestalten oder zu kultivieren, kann man weitreichende Veränderungen bewirken. Allerdings ist das Identifizieren von Schlüsselgewohnheiten eine knifflige Sache. Um sie zu finden, muss man wissen, wo man nach ihnen suchen muss. Um Schlüsselgewohnheiten zu erkennen, muss man bestimmte Merkmale aufspüren. Schlüsselgewohnheiten vermitteln das, was in der Fachliteratur »kleine Gewinne« (small wins) genannt wird. Durch Schaffung neuer Strukturen tragen sie dazu bei, dass sich andere Gewohnheiten entfalten können, und sie etablieren Kulturen, in denen sich Veränderungsprozesse ausbreiten. Aber wie O’Neill und andere herausgefunden haben, bedarf es einer gewissen Findigkeit, um die Kluft zwischen dem Verständnis dieser Prinzipien und ihrer Anwendung zu überbrücken. (145)