10 Hinweise … für den Tagesablauf in der Familie

Wie sähe es aus, wenn ich über eine Kamera den Tagesablauf in deiner Familie beobachten könnte? Hier sind 10 Fragen für die (Selbst-)Beobachtung:

  1. Wer steht wann auf? Welches sind die allerersten
    Aktivitäten?
  2. Wie verabschieden sich die Einzelnen?
  3. Wer kommt zwischendurch nach Hause?
  4. Wie laufen die Mahlzeiten ab? Wer ist (nicht) dabei?
  5. Wie werden Zwischenzeiten in der Schule verbracht?
  6. Wie werden freie Nachmittage gestaltet?
  7. Welchen Stellenwert kommt dem (gemeinsamen) Abendessen zu?
  8. Was gibt es in den Abendstunden beobachten?
  9. Wie wird der Tag abgeschlossen?
  10. Wo und wie finden die geistliche Disziplinen Platz?

Die Serie “10 Hinweise” ist übrigens schon 66 Beiträge stark.

Standpunkt: Warum und wie ich mich an Debatten in den sozialen Medien (nicht) beteilige

Ron hat einen hilfreichen Beitrag (6 Minuten) zur Streitkultur in den sozialen Medien lanciert, dem ich zustimme. Ich habe mir überlegt, wann und weshalb ich mich beteilige – oder eben nicht.

Was ich beobachte

  1. Vorgespurter Standpunkt mit wenig bis keiner Expertise zu den anderen Standpunkten
  2. Hörigkeit an einzelne Experten bzw. Quellen
  3. Jeder argumentiert von Anfang an ohne Rücksicht auf das Gegenargument auf dem eigenen Standpunkt.
  4. Die Kommentare werden innerhalb weniger Statements emotional aufgeladen und gegen Personen gerichtet.
  5. Es gibt für den Debattierer einen inneren oder äusseren Anlass zum Abbruch der Diskussion.
  6. Einige scheinen in ihrer wirklichen Welt sehr einsam zu sein.

Wie ich mich für einen Kommentar entscheide

  • Neuerung: Bisher noch nicht aufgetauchtes Argument, neue Ansprechgruppe
  • Aktualität: repräsentatives Thema
  • Test: Eigene Argumentation einer Überprüfung unterziehen exklusiv über die Schriftlichkeit

Bei und für wen ich kommentiere

  • Ich achte darauf, in welchem Hoheitsgebiet ich den Kommentar hinterlasse.
  • Meine Botschaft ist an stille Mitleser gerichtet, die sich ihre Meinung bilden.

Was ich schwierig finde

Wenn Beteiligte, die entweder aus Medien oder mir persönlich bekannt sind, in theologischen Debatten ihre Standardargumente einbringen – mit der unverhohlenen Absicht Einfluss zu nehmen und die anderen brav auf diesen «Lockvogel» einsteigen

Warum ich Polemik punktuell für gerechtfertigt halte

  • Schärfe mit Ironie und Sarkasmus finde ich stellenweise angebracht, um eine Entscheidung herbeizuführen bzw. den anderen aus der Reserve zu locken.
  • Irrlehrer darf und soll man in der Öffentlichkeit kritisieren.
  • Ich bin jederzeit bereit mein Argument zu überdenken und zu korrigieren.
  • Ich nehme Kontakt mit dem Gegenüber auf, wenn ich den Eindruck bekommen habe, dass ich an ihm gesündigt hätte.

Wie ich von Diskussionen lerne

Ich lese Debattenverläufe aufmerksam und mit Markierstift mehrere Male.
Mit öffentlich bekannten Diskussionspartner mit klar abweichendem Standpunkt debattiere ich lieber am Küchentisch, weil ich sie (und auch ihr Umfeld) gezielt befragen kann.

Input: Deutliche Bruchlinien auch innerhalb konservativer Evangelikaler

Kürzlich habe ich über die symptomatischen Spannungen in der Bethlehem Baptist Church berichtet. Ich wurde zudem auf zwei Berichte aufmerksam, die sich in systematischer Sicht derselben Problematik annähern.

Kevin DeYoung sieht eine Zersplitterung der reformatisch-evangelikalen Christen in den USA. Zwischen 2000 und 2014 habe es zwar “die üblichen Meinungsverschiedenheiten über die Sakramente, die geistlichen Gaben, die Gemeindeordnung und die Art des Gottesdienstes (gegeben). Aber das ‘Team’ wurde durch eine Reihe wichtiger theologischer Überzeugungen zusammengehalten.” Seit einer Reihe von Jahren beobachtet er jedoch eine neue Tendenz. “Das größte Problem ist die ethnische Zugehörigkeit und alles, was damit zu tun hat (z. B. Schießereien bei der Polizei, Kritische Rassentheorie, Trump). Aber es ist nicht nur die ethnische Zugehörigkeit, die uns trennt. Es sind vielmehr unsere unterschiedlichen Instinkte und Empfindlichkeiten, unsere abweichenden Ängste und Verdächtigungen, unsere verschiedenen intellektuellen und kulturellen Neigungen.”

DeYoung ortet vier Gruppen:

  1. Die Zerknirschten (Contrite): “Schauen Sie sich die Mitschuld der Kirche an vergangenen und gegenwärtigen Übeln an. Wir waren blind gegenüber Ungerechtigkeit, Vorurteilen, Rassismus, Sexismus und Missbrauch. Was die Welt braucht, ist eine Kirche, die sich zu ihren Sünden bekennt und in ihrer Zerrissenheit daran arbeitet, sie wiedergutzumachen und zu überwinden.”
  2. Die Mitfühlenden (Compassionate): “Sehen Sie sich die vielen Menschen an, die in unserer Mitte und in der Welt leiden und trauern. Jetzt ist es an der Zeit, zuzuhören und zu lernen. Jetzt ist es an der Zeit, mit denen zu weinen, die weinen. Was die Welt braucht, ist eine Kirche, die die Liebe Christi demonstriert.”
  3. Die Vorsichtigen (Careful): “Sehen Sie sich die moralische Verwirrung und intellektuelle Nachlässigkeit an, die unsere Zeit kennzeichnet. Achten wir auf unsere Sprache und unsere Definitionen. Was die Welt braucht, ist eine Kirche, die sich auf das Beste ihrer theologischen Tradition stützt und den Weg weist, um die Herausforderungen unserer Zeit zu verstehen.”
  4. Die Mutigen (Courageous): “Schauen Sie sich den Kompromiss der Kirche mit dem Zeitgeist an (wenn nicht gar ihre Kapitulation vor ihm). Jetzt ist die Zeit für einen Fanfarenstoß, nicht für einen Rückzieher. Was die Welt braucht, ist eine Kirche, die die Abtrünnigen ermahnt, vor Gefahren warnt und als Bollwerk für die Wahrheit einsteht, egal wie unpopulär sie ist.”

Er typisiert entlang verschiedener Beispiele. Ich greife zwei heraus:

  • Kritische Rassentheorie: Voller guter Einsichten / das Schlechte aussortieren, das Gute behalten / Die Kernkonzepte stehen im völligen Widerspruch zur christlichen Überzeugung, aber wir sollten nicht willkürlich mit Etiketten um uns werfen. / Die Kirche auf dem Weg zum (theologischen) Liberalismus
  • Trump: Nein! Die Loyalität der Kirche Trump gegenüber ist das deutlichste Zeichen für ihren geistigen Bankrott. / Eine Frage der christlichen Freiheit, aber es gibt gute Gründe, Trump zu kritisieren / Ja, er ist nicht perfekt, aber er hat sich gegen die gottfeindliche Agenda der Linken gestellt.

DeYoung beschreibt dann folgende Beziehungsdynamik:

Die 1er und 4er können auch am stärksten separatistisch sein, wobei einige Stimmen (unter den 1ern) einen Exodus aus den weißen evangelikalen Räumen und einige Stimmen (unter den 4ern) die Ausschluss der Woken ermutigen. Die 2er und 3er appellieren eher an die Einheit oder fordern zumindest ein besseres Verständnis für alle Seiten, was für beide Enden des Spektrums zu schwammig klingen kann. Das Bemühen der 2er und 3er, einen Mittelweg zu finden, wird dadurch erschwert, dass viele 2er wollen, dass ihre Freunde unter den 3ern die gefährlichen 4er verurteilen, während die 3er wollen, dass ihre Freunde unter den 2ern weniger Sympathie für die 1er zeigen.

Ähnliche Tendenzen werden in einem anderen Blogbeitrag für den gesamten Evangelikalismus geortet. Die Hauptbruchlinien liegen gemäss diesem Beitrag zwischen den Neo-Fundamentalisten und den Neo-Evangelikalen sowie den Mainstream-Evangelikalen und den Post-Evangelikalen.

Ich befürchte, dass sich eine solche Beziehungsdynamik “en miniature” auch im deutschsprachigen Raum abspielen können. In einem Jahresanfangsbeitrag “Geschwächte konservative Kirchgemeinden” habe ich diese bereits in Worte zu fassen versucht.

Buchbesprechung: Auf der Schwelle zur sozialen Kontrolle

Mit grossem Interesse habe ich das zweite Buch von Rod Dreher “Live Not By Lies” verschlungen. Auf der Plattform E21 ist eine ausführliche Rezension von mir erschienen:

Stell dir vor, dass alle Daten, die die großen Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Apple über dich sammeln, systematisch ausgewertet und mit dem Profil der erwünschten sozialen Korrektheit abgeglichen werden. Nicht nur deine Aufstehzeit, sondern sämtliche Bewegungsdaten, Produktkäufe, aber auch deine gesamte Email-Korrespondenz und deine in einer Cloud gespeicherten Daten werden erfasst. Übereinstimmung bzw. Abweichungen bestimmen deinen Zugang zu Konsum- und Freizeitangeboten und entscheiden über die Aufnahme an Universitäten sowie den Bewerbungsprozess bei Arbeitgebern. Ein solches Social Credit-Programm ist in China in Kraft. Die technologischen Möglichkeiten für die Überwachung des privaten Lebens sind so raffiniert ausgebaut wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Ich bin mir sicher, dass Dreher ein realistisches Szenario malt. Manche Christen hierzulande beschäftigen sich – rückständig – mit hippen Plattformen wie Worthaus oder RefLab. Aufgekochte Brühe aus längst vergangener Zeit. Wenn der Druck nur leicht ansteigt, werden viele dieser ach so konformen “Christen” von der Bildfläche verschwunden sein.

Bereits zum ersten Buch “Benedikt-Option” habe ich einen längeren Buch-Essay verfasst.

Neues Traktat: Welchen Experten vertrauen Sie?

In den Fussstapfen meines Grossvaters verfasse ich nicht nur täglich kurze Berichte auf dem Blog. Mein drittes Traktat ist kürzlich erschienen (2016 erschien bereits “Mein Kind will einfach nicht lernen”; 2017 “Sprechstunde bei Jesus”)

Der kurze Text nimmt Bezug auf die Corona-Pandemie ( und beantwortet die Frage, wem wir bezogen auf unsere letzten Fragen wirklich Vertrauen schenken können.

Wenn Sie jemand spontan zu einem Thema befragt, woher nehmen Sie Ihre Antwort? Gerade die Zeit des Corona-Virus führt uns vor Augen, dass man unterschiedliche Antworten bekommen kann. Diese hängen von der jeweiligen Expertenmeinung ab. Wir verfügen bei den meisten Fragen weder über die nötigen Vorkenntnisse noch über die Zeit für eine umfassende Abklärung. So haben wir uns daran gewöhnt, anhand zahlloser Impulse unsere Meinung zu bilden und aus diesen unsere täglichen Entscheidungen abzuleiten.

Ich stelle vier grundlegende Fragen:

  1. Wie begann alles?
  2. Warum ist es nicht mehr ideal?
  3. Wie kann der ideale Zustand wiederhergestellt werden?
  4. Werden wir je einen perfekten Zustand erreichen?

Anhand dieser Fragen kann übrigens fast jede Erzählung reflektiert werden. Ich habe dies hier für zwei bekannte christliche Kinderbücher getan.

Input: Der Hintergrund der Kant’schen Erkenntnistheorie

Kant muss auf dem Hintergrund des Idealismus von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und des Empirismus von David Hume (1711-1776) studiert werden. Roger Scruton fasst hervorragend zusammen:

Wir könnten objektives Wissen über die Welt haben, das nicht vom Standpunkt eines Beobachters beeinflusst ist, während (Hume) behauptete (oder es zumindest für seine Zeitgenossen so aussah), dass wir gar kein objektives Wissen haben könnten. … Der Rationalismus leitet alle Ansprüche auf Wissen aus der Anwendung der Vernunft ab und behauptet, eine absolute Beschreibung der Welt zu liefern, die von der Erfahrung eines Beobachters unberührt bleibt. … Der Empirismus behauptet, dass Wissen allein durch Erfahrung entsteht; es gibt daher keine Möglichkeit, Wissen von der subjektiven Verfassung des Wissenden zu trennen (Kant: A Very Short Introduction, 19-21).

Das bedeutete für Leibniz letztlich, dass «die Wirklichkeit selbst allein der Vernunft zugänglich (ist), denn nur die Vernunft kann sich über die individuelle Sichtweise erheben. Die Vernunft muss also durch ‘angeborene’ Ideen funktionieren.» (24). Hume hingegen hielt fest: «Die Vernunft kann nicht ohne Ideen arbeiten, und Ideen werden nur durch die Sinne erworben. … Kein Glaube kann als wahr erkannt werden, wenn er sich nicht auf die sinnlichen “Eindrücke” bezieht.» (25)

Kant wollte im Prinzip eine Synthese schaffen. «Weder die Erfahrung noch die Vernunft sind allein in der Lage, Wissen zu vermitteln. Die erste liefert Inhalt ohne Form, die zweite Form ohne Inhalt. Nur in ihrer Synthese ist Wissen möglich. … Es ist unmöglich, die Welt so zu erkennen, wie sie an sich ist, unabhängig von jeder Perspektive.» (27) Ebenso hielt er fest: «Der Begriff ‘Erfahrung’ enthält bereits den objektiven Bezug, den Hume bestritt. Die Erfahrung enthält in sich selbst die Merkmale von Raum, Zeit und Kausalität.» (27)

Kant beschäftigte sich deshalb intensiv mit den Fragen um Kausalität und apriorisches Wissen (d. h. Wissen, das nicht auf Erfahrung beruht). Diese wurden mit der Frage der Objektivität kombiniert (vgl. 21). Dafür führte er u. a. folgende Begriffe ein:

Unter den wahren Sätzen gibt es solche, die unabhängig von der Erfahrung wahr sind und auch dann wahr bleiben, wenn sich die Erfahrung ändert: das sind die a priori-Wahrheiten. Andere verdanken ihre Wahrheit der Erfahrung und könnten falsch sein, wenn die Erfahrung anders gewesen wäre: das sind die a posteriori-Wahrheiten.

… Eine analytische Wahrheit ist eine wie “Alle Junggesellen sind unverheiratet”, deren Wahrheit durch die Bedeutung der Begriffe, mit denen sie ausgedrückt wird, garantiert und durch Analyse entdeckt wird. Eine synthetische Wahrheit ist eine, deren Wahrheit nicht so abgeleitet ist, sondern die, wie Kant es ausdrückt, etwas im Prädikat bekräftigt, das nicht bereits im Subjekt enthalten ist. (29)

… Schon für Kant war klar, dass der Empirismus die Möglichkeit einer Metaphysik verneint. … Und doch ist die Metaphysik notwendig, um die objektive Erkenntnis zu begründen. … Wie ist eine synthetische apriorische Erkenntnis möglich? Oder anders ausgedrückt: «Wie kann ich die Welt durch reine Reflexion, ohne Rückgriff auf Erfahrung, erkennen?» (29)

… Kants Kritik richtet sich u.a. gegen die Annahme, die ‘reine Vernunft’ könne der Erkenntnis einen Inhalt geben, ohne sich auf die Erfahrung zu beziehen. … (Andererseits) Die folgenden Sätze scheinen a priori wahr zu sein: ‘Jedes Ereignis hat eine Ursache’; ‘Die Welt besteht aus dauerhaften Objekten, die unabhängig von mir existieren’; ‘Alle erkennbaren Objekte befinden sich in Raum und Zeit’. Diese Sätze können nicht durch Erfahrung bewiesen werden, da ihre Wahrheit bei der Interpretation der Erfahrung vorausgesetzt wird. (30)

Input: Die Seele im Cyberspace und die Veränderung unserer Gewohnheiten

Ich lese das Buch «The Soul in Cyberspace» von Douglas Groothuis aus dem Jahr 1997. Wie treffend hat er beschrieben, was sich in unserer Seele durch die neue Technologie verändert. Dass sie einen Gott-ähnlichen Platz einnimmt, schrieb schon der Medienkritiker Neil Postman (1931-2003).

Die Menschen glauben, dass die Technologie funktioniert, dass sie sich auf sie stützen können, dass sie Versprechungen machen, dass sie verzweifelt sind, wenn ihnen der Zugang zu ihr verwehrt wird, dass sie erfreut sind, wenn sie in ihrer Präsenz bleiben, dass sie für die meisten Menschen auf geheimnisvolle Weise funktioniert, dass sie Menschen verurteilen, die sich gegen sie aussprechen, dass sie in Ehrfurcht vor ihr stehen und dass sie im Modus der Wiedergeburt ihren Lebensstil, ihre Zeitpläne, ihre Gewohnheiten und ihre Beziehungen ändern, um sich ihr anzupassen. (Neil Postman, The End of Education, 38)

Ein Nachweis gefällig? Ganz einfach:

Die Entfernung eines Fernsehers (heute: Smartphones) aus dem Zimmer (Leben) eines typischen Teenagers (und Erwachsenen oder Senioren) ist nicht einfach die Entfernung eines Möbelstücks, sondern verändert die gesamte Umgebung oder Ökologie.

Dies ist das vordergründige Symptom. Von ebenso grosser Wichtigkeit ist jedoch die Veränderung der Denk- und Merkgewohnheiten:

Das Bild verdrängte das Wort als vorherrschendes Kommunikationsmittel, die Aufmerksamkeitsspanne schrumpfte im Einklang mit dem rasanten Tempo des flüchtigen Videobildes, und eine nichtlineare Orientierung am Leben ersetzte die geordnete Lebensauffassung, die durch das Buch gefördert wurde.

Wie treffend beschrieb Groothuis am Beispiel des Radios (Worte über den Äther statt Präsenz) den trügerischen Ersatz der Online-Kanäle:

Wenn wir glauben, dass das Anhören einer Predigt – selbst einer sehr guten Predigt – im Radio dasselbe ist wie die Zusammenkunft in unserer örtlichen Gemeinde, um durch die Predigt des Wortes Gottes herausgefordert zu werden, dann täuschen wir uns. Und wenn wir glauben, dass eine weit verbreitete Radioarbeit die Dynamik des zwischenmenschlichen Dialogs – wie wir mit denen weinen, die weinen, und mit denen lachen, die lachen – ersetzen kann, dann sind wir ebenso betrogen. Solche Missverständnisse verdeutlichen die Gefahr des technologischen Ersatzes des Persönlichen. Ein künstliches und unpersönliches Kommunikationsmittel ersetzt die menschliche Interaktion auf eine Weise, die nicht sofort offensichtlich ist. Auf diese Weise wird die persönliche Dimension, die Gott so hoch schätzt, entwertet.

Eigentlich geht es um die Veränderung unserer (Denk-)Gewohnheiten und die seit je bestehende Gefahr der Unterwanderung durch säkulare Gewohnheiten:

Wenn weltliche Denkmuster vorherrschen, werden (wissentlich oder unwissentlich) Formen der Kultur übernommen, die gottfeindlich und entmenschlichend sind; Götzen werden umarmt, anstatt sie bloßzustellen; das Relative wird verabsolutiert und das Absolute relativiert. Weltlichkeit ist immer der Feind des christlichen Charakters und ein schändlicher Makel für die Kirche.

Christen sind gefordert, die Formen der Weltlicht, wie sie sich in ihrer Generation zeigen, entgegen zu stellen – so Francis Schaeffer. Ich befürchte, dass der Dammbruch längst Wirklichkeit geworden ist. Es gilt den mühsamen Weg der Rückeroberung zu beschreiten.

Zitat der Woche: Sterbenskälte

In Vorbereitung auf künftige Vorträge zu “Der Herr der Ringe” höre ich mir den Text vollständig durch (englisch; deutsch). Die Auseinandersetzung mit den Schwarzen Reitern gehört zu den sehr unangenehmen und gerade deshalb hilfreich-warnenden Stellen des Buches. Dazu passen die zahlreichen Stellen der Bibel, die uns mit dem Wesen und der Taktik von Feinden beschäftigen. (siehe “Den Spielplan von Gottes Feind kennenlernen”; “Esther – Feinde”; “Wir lernen unsere Kinder nicht die Klagepsalmen zu beten”; “Andacht zu Psalm 119 – Feinde”).

Der Angriff von fünf Schwarzen Reitern und die Verwundung Frodos haben mich erneut beschäftigt (Ende von Kapitel 11 der deutschen Ausgabe; Zitate ab S. 251):

Sauron kann das Feuer, wie alle Dinge, seinen bösen Absichten gefügig machen; doch diese Reiter mögen das Feuer nicht und fürchten jeden, der es zu gebrauchen weiß. (251) …

Frodo spürte, wie ihm nun … ein kaltes Grauen ins Herz kroch. … Frodo glaubte ein leises Zischen giftigen Atems zu hören und spürte eine scharfe, durchdringende Kälte. … irgendetwas zwang ihn offenbar, alle diese Warnungen zu missachten, und er wünschte sehnlichst, dem Zwang zu gehorchen. Nicht in der Hoffnung zu entkommen oder im Guten oder Bösen etwas zu bewirken: einfach so, weil es sein musste. … Ein schriller Aufschrei gellte durch die Nacht; und er spürte einen Schmerz, als ob ein Pfeil von vergiftetem Eis seine linke Schulter durchbohrte. Als er die Besinnung verlor, sah er noch wie durch wirbelnde Nebelschleier Streicher aus dem Dunkeln hervorspringen, ein flammendes Holzscheit in jeder Hand. Frodo ließ sein Schwert fallen. Mit einer letzten Anstrengung zog er sich den Ring vom Finger und umschloss ihn fest in der rechten Hand. (257f)

(Streicher zu Sam) Ich befürchte, sie glauben … deinem Master eine schwere Wunde beigebracht und ihn sich damit gefügig gemacht zu haben. … so dass der Wundschmerz langsam zunahm und eine Sterbenskälte sich von der Schulter in den Arm und über die linke Seite ausbreitete. … der Schmerz und das Gefühl einer inneren Sterbenskälte raubten ihm den Schlaf. (261f; 268)

Die Schwarzen Reiter haben Frodo nicht überwunden. Auf dem Krankenbett im Haus Elronds im Gespräch mit Gandalf (Zweites Buch, erstes Kapitel):

Wäre es ihnen gelungen, wärest du einer wie sie geworden, nur schwächer und ihnen untertan. … ins Herz wurdest du nicht getroffen, nur die Schulter wurde durchbohrt, und das kam daher, dass du dich bis zuletzt gewehrt hast. Aber du bist sozusagen um Haaresbreite davongekommen. In höchster Gefahr warst du, als du den Ring aufgesteckt hattest, denn da warst du selbst zur Hälfte in der Geisterwelt, und sie hätten dich ergreifen können. … Wer einmal im Glückseligen Land gewohnt hat, der lebt in beiden Welten zugleich und hat viel Macht gegen die Sichtbaren wie gegen die Unsichtbaren. (293f)

(Frodo) “Ich habe keinen Mut mehr, den ich sinken lassen könnte”, sagte Frodo, “aber im Moment mache ich mir auch keine Sorgen.”

Wir kämpfen gegen die Mächte der Finsternis – ausgerüstet mit allen Mitteln, die wir zum Widerstand brauchen (Epheser 6,10-12). Wir sollen dem Teufel widerstehen und er wird von uns fliehen (Jakobus 4,7).

Vortrag: Mit schwierigen Bibelabschnitten ringen

Vorträge “Verstehst du auch, was du liest?” (53 Minuten; 44 Minuten)
2020 habe bereits über drei Instrumente für ein besseres Verständnis der Bibel sowie ihrer Anwendung auf aktuelle gesellschaftliche Fragen referiert (“Drei systematische Hilfen, um die Botschaft der Bibel mit unserem Alltag zu verknüpfen”).

Wie kann ich als Bibelleser Texte lesen und verstehen? In vier Schritten leite ich folgendes Vorgehen her:

  1. Meine eigene Fragestellung formulieren und der Fragestellung eines Textes (einer Sinneinheit) gegenüberstellen. Viele Schwierigkeiten kommen daher, vorschnell die eigene Frage in Bibeltexte hineinzulesen. Hilfreich ist zudem ein gesundes Hinterfragen der eigenen schwelenden Lebensfragen anhand der Fragen: Was irritiert – beunruhigt – ängstigt mich?
  2. Wir sind mit einer vorher nie gekannten Fülle an Texten, Predigten und Büchern gesegnet worden. Der Blick zurück in die Kirchengeschichte und das Gegenüberstellen verschiedener Sichtweisen von Menschen, die sich unter die Autorität von Gottes Wort stellen, ist eine wichtige Unterstützung zur Erarbeitung. Ich empfehle die Serie “Counterpoints: Bible and Theology”.
  3. Manche Frage erledigt sich durch das sorgfältige Lesen des Textes selbst. Infolge mangelnder Lesegewohnheiten sind wir uns gewöhnt, einzelne “Snippets” zu pflücken und in die eigene Lebenscollage einzuarbeiten. Besser erkunden wir Begriffe im Satz – Sinnabschnitt – Buch – Werk des Autors – innerhalb der beiden Testamente (siehe “Die Bibel als Zwiebel”).
  4. Anwendung beginnt mit sorgfältigem Lesen. Anhand von sieben Fragestellungen können wir einen Bibeltext mit unserem Leben in Zusammenhang bringen: a) Aussage des Textes, b) Bedeutung für die ersten Adressaten, Aussage c) über Gott und d) über die Menschen, e) Erwartungen an den Leser, f) Hinweise für den Umgang mit anderen Menschen, g) Anregungen für das Gebet

Die radikale Leserorientierung durch postmodernistische Konzepte führt zu einer ungesunden Einseitigkeit, insbesondere der Überbetonung kultureller Unterschiede und damit Distanz zum Text (siehe “Die Unterschiede im Leserverständnis nicht überschätzen” und “Als Westler den Zugang zur Bibel wiedergewinnen”).

Zitat der Woche: Im Westen wird das Verlangen nach Gemeinschaft übersteuert

Die Menschen, die heute im Westen leben, haben nicht die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die den natürlichen Zustand des Menschen ausmacht. Sie brauchen die Gemeinschaft, können sie aber nicht begehren, da sie ihnen so viel von ihrem individuellen Komfort zu nehmen scheint. Gemeinschaft bedeutet, nicht gegen die Zukunft versichert zu sein: Es bedeutet, zu geben, zu verlieren, sich zu verausgaben, unverteidigt zu sein. Wie weit ist dies von den Annehmlichkeiten entfernt, die uns der allmächtige Staat verspricht!

Mark Dooley. Roger Scruton. Conversations with Roger Scruton. S. 78