Das Lied der Lieder (4): Nähe durch Anziehung

Das Thema „Nähe und Distanz“ ist eines der Grundmotive des Hohelieds – und gleichzeitig ein wichtiges Thema jeder Ehebeziehung. Ich unterscheide zwischen sechs verschiedenen Beziehungs-Zuständen. Sie lehnen sich an die 6 Akte des Hohelieds an.

Ein Kommentator setzt über den ersten Akt des Hoheliedes die Überschrift (1,1 – 2,7) „Das gegenseitige Entbrennen der Liebenden“. Die Braut äussert darin folgenden Wunsch:

Zieh mich dir nach, so laufen wir. (Hohelied 1,4)

Spannend ist in diesem Gedicht der Wunsch der Braut, dass der Bräutigam vorausgehen soll.

Wo weidest du? Wo hältst du Mittagsrast? (Hohelied 1,7)

Die Braut signalisiert Interesse am Aufenthaltsort des Bräutigams. Sie kennt seine täglichen Gewohnheiten (noch) nicht. Aber das Interesse ist erwacht. Das Feuer beginnt langsam zu brennen.

Das Lied der Lieder (3): Ein Frauenheld schreibt über die grosse Liebe?

Wer sich in der Bibel etwas auskennt, der weiss, dass Salomo, Schriftsteller des Hohelieds, ein Playboy par excellence war. Er hielt sich einen Harem von 1000 Frauen. Man fragt sich: Von so einem Frauenhelden soll eine solch zarte Beschreibung der grosse Liebe stammen? Kein Wunder, dass verschiedene Kommentatoren sagen: Salomo kann gar nicht der Verfasser sein. Andere spekulieren darüber, dass Salomo einem einfachen Hirten die Frau ausgespannt hat. Eine dritte Gruppe geht davon aus, dass Salomo von seiner ersten grossen Liebe redet, an die er sich später wehmütig zurück erinnert.

Ich sehe keinen Grund, Salomo nicht als Autoren zu anerkennen. Wer die Schriften Salomos kennt, insbesondere die Sprüche, weiss: Er wusste sehr wohl, was er machte. Nur: Wissen allein bewahrt nicht vor Entgleisung. Delitzsch hat es auf den Punkt gebracht:

Es spiegelt sich im Lied die Gewalt des Sinnlichen, die diese auf den Autor ausübt. Gerade im Leben Salomos wird sichtbar, wie sich das Sinnliche aber nicht nur positiv, sondern auch negativ auswirkt.

Wenn Kinder ihre Eltern misshandeln

Auf einem Urlaubsspaziergang sah ich im Vorbeigehen die Schlagzeile des Tagesanzeigers "Wenn Kinder ihre Eltern misshandeln".

Kinder und Jugendliche erpressen ihre Eltern auf perfide Art, werfen mit Gegenständen nach ihnen und traktieren sie mit Faustschlägen.

Sind die steigenden Zahlen darauf zurückzuführen, dass sich Eltern häufiger melden? Oder sind die Fallzahlen tatsächlich steigend? Dies bleibt aufgrund fehlender Vergleichszahlen offen. Die Dunkelziffer ist jedenfalls hoch, denn viele Eltern schämen sich, den häuslichen Notstand zuzugeben.

Dario Venutti stellt sie, die Frage der Fragen (die zugegebenermassen etwas abgedroschen klingt):

Ist die Gewalt gegen Eltern ein weiterer Beleg für den oft beklagten Zerfall der Familie und eine allgemeine Verrohung der Jugend?

Er stellt folgende These auf:

Wer seinen Kindern hauptsächlich Angst einflösst, vermittelt ihnen ein geringes Selbstwertgefühl. Da wird Gewalt seitens der Kinder zum letzten Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Denn: Wer mit den Kindern

wie ein Kumpel umgeht, läuft Gefahr, keine Grenzen zu setzen und damit seine Rolle als Eltern preiszugeben. Schläge gegen die Mutter sind ein Zeichen dafür, dass Kinder dieses Vakuum füllen. Soll Erziehung gelingen, braucht es beides: verlässliche Regeln und den Aufbau einer Beziehung.

Ähnlich sieht es auch die Familientherapeutin Gallebes. Hinter den Dramen stünden oft

langjährige Geschichten von Eltern, die ihre Kinder verwöhnen, die nicht zu viele Regeln aufstellen, nicht zu streng sein wollen. Irgendwann merken sie, dass sie doch Grenzen setzen müssen. Dann ist es oft schon zu spät. Die Jugendlichen akzeptieren diese Grenzen dann gar nicht mehr.

Aus Sicht christlicher Ethik stimme ich beiden Seiten zu

  • der Seite der Beziehung: Durch den verbindlichen Rahmen der Ehe wachsen unsere Kinder in einer Atmosphäre der Geborgenheit auf. In einer wohlwollenden Umgebung erfahren sie bedingungslose positive Wertschätzung. 
  • der Seite der Disziplinierung: Eltern wissen um die Verdorbenheit des Kindes. Sie können ihre Gaben Gott und zum Wohl anderer Menschen, aber auch zum Nachteil des Nächsten einsetzen. Bei manchen Gelegenheiten fragen sich Eltern: Wie kann er (oder sie) plötzlich so böse und hinterhältig sein? Kinder sind Sünder. Kein Mensch genügt (auch die Eltern nicht).

Deshalb ist es eine vorrangige Aufgabe die Kinder zu Christus zu bringen. Es gilt dasselbe, was J. I. Packer in Bezug auf die Prediger sagt:

Während sie ihr Werk tun und den Menschen Christus vor Augen malen, tut der mächtige Retter, den sie verkündigen, Sein Werk durch ihre Worte und sucht Sünder mit seiner Errettung heim, indem Er ihren Glauben weckt und sie aus Barmherzigkeit zu sich zieht. (J. I. Packer in: John Owen. Durch seinen Tod. RVB: Hamburg 1994.)

Passende Buchreihe: Hanniel Strebel. Lernerlebnisse mit Kindern.

Das Lied der Lieder (2): Symbolische oder wörtliche Deutung?

Schon unter den Juden wagte man sich nicht, die Liebeslieder des Hohelieds wörtlich zu deuten, sondern meinte, dass sie symbolisch für das Liebesverhältnis zwischen Jahwe und seinem Volk stehen würden. Der Jude durfte erst ab seinem 30. Altersjahr darin lesen und musste – so nach einer Stelle im Talmud – seine Hände reinigen, nachdem er das Buch berührt hatte. Auch innerhalb der Kirche hatte diese symbolische Interpretation Tradition. Das Hohelied als ein weltliches Liebeslied zu verstehen, galt im Mittelalter als Irrlehre. Trotzdem bin ich überzeugt, dass der erste und wichtigste Sinn der Bibel stets der wörtliche ist.

Das Lied der Lieder (1): Ein Stück hebräische Poesie.

Anders als in unserer Sprache geht es in poetischen Texten des Alten Testaments nicht um Reime, sondern um ausdrucksstarke, bildhafte Sprache. Das biblische Buch „Hohelied“ lässt sich mit einem Theaterstück vergleichen.

Das Thema: Ein Mädchen vom Land entflammt für den König und wird zur Königin erhoben. Das Hohelied ist also ein Liebeslied.

Verschiedene Protagonisten treten auf: Das ist einmal Salomo, der Autor und Geliebte. Als Gegenüber erscheint die Geliebte, eine junge Frau namens Sulamith. Abwechselnd kommt einmal der Bräutigam und einmal seine Braut zu Wort. Zwischendurch ertönt ein Chor von Frauen, die Fragen stellen oder einen Refrain singen. Die einzelne Akte spielen an verschiedenen Orten, etwa in Salomos Palast oder in seinem Landhaus im Norden Israels.

Die Bedeutung der Rechtfertigung für heute

Was ist die Bedeutung des Werkes Christi für uns heute? Da die traditionelle orthodoxe Linie der Reformation die bewusste Seite des christlichen Lebens nicht ausreichend betont habe,  ortet Schaeffer diesbezüglich fünf Spielarten der Unwissenheit:

  • Man hat jemandem gesagt, wie jemand gerechtfertigt wird, aber nicht, welche Bedeutung dies für die Gegenwart hat.
  • Man liess jemanden im Glauben, er müsse, nachdem er Christ geworden sei, das christliche Leben aus eigener Kraft führen.
  • Wenn jemand Christ geworden ist, ist es gleichgültig, wie er lebt.
  • Ein Christ wird schon in diesem Leben vollkommen werden.
  • Es wurde nicht aufgezeigt, dass es eine Wirklichkeit des Glaubens gibt, nach der bewusst gehandelt werden soll.

Aus: Francis Schaeffer. Geistliches Leben – was ist das? R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1975.

Nach der Postmoderne

Postmoderne Denker waren sich nicht sicher, ob es etwas Objektives gibt, das an andere kommunizierbar ist. Christliche Denker nehmen hingegen nicht den Verstand des Menschen im Zentrum, sondern gehen von einer objektiv existierenden Realität aus! Die postmoderne Position hat aber immer noch den menschlichen Verstand im Mittelpunkt.

Christliche Denker haben die Essenz der Postmoderne schon erkannt, bevor es sie gab: Es gibt keine Objektivität aus uns selbst heraus. Deshalb haben sie die fundamentale Skepsis der Postmoderne schon früh überwunden. Sie haben akzeptiert, dass etwas Gegebenes existiert. Unser Verständnis von der Realität ist abhängig von der Wirklichkeit. Wir kreieren die Wirklichkeit nicht!

Aus einer Vorlesung mit Henk Reitsma. Gibt es ein christliches Weltbild?

Biografie zu Aurelius Augustinus (365-430)

Ein weiterer Leckerbissen, im Brockenhaus geangelt, ist die Biographie von Peter Brown “Augustinus von Hippo”. Vor über 40 Jahren erstmals erschienen, gilt es heute als Standardwerk zu Augustinus’ Lehre und Leben. Die einzelnen Etappen seines Lebens sind sorgfältig nachgezeichnet, bereichert durch zahlreiche ausgesuchte Zitate (ausgezeichneter Quellen-Apparat) und wertvolle Hintergrundinformationen.

Die Ernüchterung des jungen Zwingli

Ich liebe es, im Urlaub in Brockenhäusern nach alten Büchern zu suchen. So kam mir vor einigen Tagen der Roman “Zwingli” von Emanuel Stickelberger in die Hände (J. F. Steinkopf: Stuttgart 1931). Er ist auch Autor eines Buches zur Reformation sowie zu Calvin (Reprint im RVB: Hamburg 2001).

Stickelberger lässt den zehnjährigen Zwingli an einer Begegnung mit einem Zürcher Hauptmann beiwohnen. Die bubenhafte Vorstellung vom tapferen Eidgenossen wich der Ernüchterung, als er die groben Worte und den Opportunismus des käuflichen Wehrmannes hörte. “Vom Schulmeister im Städtchen hatte er Tells Heldentaten vernommen und von den herrlichen Siegen… freudiger Stolz hatte ihm darob die junge Brust geschwellt, und jeder bewehrte Eidgenoss war ihm als ein Nachfahre jener Streiter für Recht und Freiheit ehrwürdig erschienen. Nun war ihm der schöne Glaube zerstört.”