Jeder Mensch ist Theologe

Mit dem Wort ‘Gott’ kann vieles gemeint sein. Und so gibt es auch vielerlei Theologien. Kein Mensch, der nicht bewusst oder unbewusst oder halbbewusst – als Gegenstand seines höchsten Begehrens und Vertrauens, als Grund seiner tiefsten Bindung und Verpflichtung auch seinen Gott oder seine Götter hat und insofern auch Theologe ist.

Das gilt nicht nur da, wo man diese Gottheit als Inbegriff der Wahrheit und Macht irgendeines höchsten Prinzips positiv zur Geltung bringen oder doch gelten lassen möchte, sondern auch da, wo man es auf ihre Leugnung abgesehen hat, die ja praktisch doch nur darin bestehen wird, dass man genau ihre Würde und Funktion etwa auf die ‘Natur’, auf einen unbewussten oder gestaltlosen Lebensdrang, auf die ‘Vernunft’, auf den Fortschritt oder auf den fortschrittlich denkenden und handelnden Menschen, vielleicht auch auf ein erlösendes Nichts überträgt, in das einzugehen des Menschen Bestimmung sei: Theologien sind auch solche scheinbar ‘gottlosen’ Ideologien.

Karl Barth. Einführung in die evangelische Theologie. TVZ: Zürich 2006.

Die Grundstruktur des Christseins: Indikativ, dann Imperativ

Die Grundstruktur des Christseins kann zusammengefasst werden in: Indikativ, dann Imperativ!

Erst dürfen wir hören, dass wir in Christus frei gesprochen sind – die Bibel nennt dies gerechtfertigt – und anschliessend, so führt die Bibel aus, sollen wir danach handeln. Anders formuliert: Du bist gerechtfertigt (indikative Verbform) und darum gilt: Sei gerecht! (imperative Form) Du bist in Christus freigesprochen. Sorge dann dafür, dass du wie ein Befreiter lebst.

Paulus bringt es auf den Punkt:  "Auch ihr sollt davon ausgehen, dass ihr für die Sünde tot seid, aber in Jesus Christus für Gott lebt." (Römer 6,11) Darum fährt er fort: "Lasst entsprechend die Sünde nicht länger als König in eurem sterblichen Körper herrschen." (Römer 6,12)

Aus: Wim Rietkerk. In dubio – Handbuch für Zweifler. VKW: Bonn 2010. S. 63. (englische Version)

Passende Bücher:

Os Guinness. Doubt: Faith in Two Minds.

Die Konsequenzen einer relativen Ethik – am Beispiel der griechischen Antike

Im monumentalen Werk von Richard Tarnas “Das Wissen des Abendlandes” (englisch “The Passion of Western Mind”) las ich den Teil über das griechische Weltbild. Im Kapitel über die Sophisten schreibt Tarnas:

Sophisten … sahen im Menschen das Mass aller Dinge. Die individuellen Urteile des Einzelnen über das alltägliche Leben sollten die Grundlage der persönlichen Vorstellungen und Lebensführung bilden… Wahrheit war relativ, nicht absolut, und veränderte sich von Kultur zu Kultur, von Mensch zu Mensch und von Situation zu Sitaution. Behauptungen des Gegenteils, ob religiös oder philosophisch, hielten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Der Wert jeder Überzeugung oder jeder Meinung liess sich letztlich nur an ihrem praktischen Nutzen messen, daran, inwieweit eine bestimmte Auffassung dem Einzelnen die Befriedigung seiner Bedürfnisse im Leben ermöglichte.

Was waren die Folgen dieser Anthropozentrik? Der Mensch verlor an Bedeutung!

Die Folge war, dass der Mensch in seiner Welt einen bedeutsameren Rang als je zuvor einnahm. Zunehmend freier und selbstbestimmter, war er sich bewusst, in einer grösseren Welt zu leben, die andere Kulturen und Religionen als seine eigene umfasste. Er wusste um die Relativität und Formbarkeit menschlicher Werte und Sitten und um die eigene Rolle bei der Schöpfung der Wirklichkeit. Zugleich aber hatte er in der kosmischen Ordnung der Dinge an Bedeutung verloren, die, wenn sie denn überhaupt existierte, ungeachtet des Menschen und seiner kulturellen Werte ihre eigene Logik besass.

Gesellschaftlich trug diese Weltanschauung zur Verschlechterung der Lebensbedingungen – vor allem der Schwächeren – bei:

Immer wieder wurde ihr radiakler Skeptizismus gegenüber allen Werten zum Ausgangspunkt für einen explizit amoralischen Opportunismus. Studenten wurde beigebracht, wie ein Argument aufzubauen sei, um so gut wie jeden Standpunkt scheinbar plausibel zu verteidigen. … Die skrupellose Verletzung selbst grundlegender ethischer Massstäbe gehörte zu Alltag – sichtbar nicht zuletzt in der  routinemässigen und oft grausamen Ausbeutung von Frauen, Sklaven und Fremden durch den exklusiven Männerbund der Athener Bürgerschaft. … Die sophistische Lehre stellte lediglich eine Erfolgsmethode bereit, nicht die erforderliche Ordnung.

Wie finde ich die Frau fürs Leben?

Beim Abendessen erwähnte ich, dass die Wahl des Partners eine Weg-weisende Entscheidung sei.

Mein dritter meinte prompt: “Dann nehme ich diese.” Mit spitzbübischem Lächeln zeigte er auf meine Frau.

(Meine Antwort: “Mein Junge, sie ist schon vergeben.”)

Perfektionisten sind die zweitdümmsten Menschen dieser Welt

Perfektionisten sind die zweitdümmsten Menschen dieser Welt. Warum? Sie nehmen etwas vorweg, was Gott denen, die mit ihm versöhnt sind, erst in Zukunft versprochen hat. Perfektionismus gibt es auf verschiedenen Ebenen: Die einen reinigen täglich ihre Wohnung (Ordnungsperfektionismus). Die anderen verwenden täglich Stunden, um ihr Äusseres perfekt zu stylen (Körperkult). Andere wiederum streben in ihren Beziehungen die höchst mögliche Harmonie an (Beziehungsperfektionismus).

Übrigens sehe ich den Perfektionismus als Hinweis auf den Schöpfer, von dem und auf den wir hin geschaffen worden sind. Im ersten Kapitel der Bibel wird refrainartig wiederholt: Es war “gut”, was Gott schuf, die Erschaffung des Menschen war sogar “sehr gut”. Durch den Sündenfall ist etwas zerbrochen. Eduard Böhl (dt.  Theologe, 1836-1903) beschreibt es so:

Der Tod ist der Sold, der dem sündigen Erstmenschen sofort ausbezahlt wird. Es ist der Zustand, in welchem die Menschen in jedem Moment ihres Daseins des wahren Lebens aus Gott und der Seligkeit entbehren. Mit dem geistlichen Tod war zugleich der ewige Tod schon mitgesetzt. Alle Übel des Lebens sind zudem Vorboten des leiblichen Todes.

Drei aktuelle Erziehungsratgeber: Wolfgang Bergmann (3/2)

Ein zweites Themenfeld von Bergmanns seelischer Analyse der heutigen Kinder ist die Identitätsnot der Jungs wegen ihren desorientierten Vätern.

2. Söhne ohne Väter

Für Männlichkeit scheint es keine sozial akzeptierten Bilder zu geben. (Für die kleinen Mädchen sieht das anders aus: Sie begegnen dauernd weiblichen Vorbildern über alle Medien. Moderatorinnen, Präsentatorinnen, Stars zeigen ein ganz bestimmtes Bild von Attraktivität, dem ein Mädchen durchaus nacheifern kann.) Wie Harrison Ford oder Daniel Craig kann man sich nicht verhalten, auch nicht wie Rambo. Diese Männlichkeitsbilder haben einen eigenartigen Hang zum Flüchtigen, Realitätsfernen, gerade dann, wenn Männlichkeit im Spiel ist. (60-61)

Wie wird ein Junge zum Mann? Diese Frage ist für die Jungen und auch für Eltern schwer zu beantworten (62). In allen traditionellen Gesellschaften gab es hart disziplinierende Formen und Riten für die heranwachsenden Jungen (63). Computerspiele muten wie ein Ersatz für verloren gegangene Initiationsriten an (68). Heute ist ein Junge stark eingebunden in eine nahezu symbiotische Einheit mit der Mutter (64). Von den Vätern ist kaum Orientierung zu erwarten: Entweder verbirgt er polternd und dröhnend seine Schwäche (70), oder es ist ihm jegliche Dominanz abhanden gekommen (71). Oder aber er ist ein beruflich erfolgreicher Vater, der den Sohn lehrt, aus jeder Situation mit der unerschütterlichen Maske des Gewinners hervorzugehen (72).

Bergmanns Ruf mutet schon fast prophetisch an: Väter, eure Söhne verlangen nach eurer Fürsorge und eurer Lenkung (wohlgemerkt: nach beidem). Sie suchen nach einer bergenden, schützenden Ordnung (82).

Die grösste Gefahr für junge Menschen: Sich ins Schema “Man” einpassen lassen

Romano Guardini (1885-1968), katholischer Religionsphilosoph, schrieb ein ausgezeichnetes kleines Buch “Die Lebensalter: Ihre ethische und pädagogische Bedeutung“. Über das Lebensalter “Der junge Mensch” schreibt er:

So besteht das Ethos dieses Lebensalters im Mut zu sich selbst: zur eigenen Person und ihrer Verantwortung; zum eigenen Urteil und eigenen Werk; zur eigenen Vitalität und ihren in die Zukunft führenden Kräften… Die grösste Gefahr für den werdenden Menschen ist das „Man“: das anonyme Schema, wie man zu denken, zu urteilen, zu handeln habe.

Das erinnert mich an den Eröffnungssatz eines befreundeten Seminarleiters: Viele Menschen werden als Original geboren und sterben als Kopie.

Lernerlebnis Nr. 2: Eltern fragen ihre Kinder.

Dass Kinder Eltern fragen, gehört zum Alltag. Pro Tag stellen (kleine) Kinder ihren Eltern mehrere hundert Fragen. Doch wie sieht es umgekehrt aus? Meine Beobachtung: Wir hören ihnen flüchtig zu – und signalisieren ihnen damit, dass wir für ihre Fragen und Anliegen kaum Interesse haben.

Ich habe mir angewöhnt meinen Kindern Fragen zu stellen. Besonderen Wert hat dieses Fragen nach Widerstand oder Ungehorsam. Dann tönt es etwa so:

1. Frage: Warum hast du so gehandelt?

1. Antwort: Weiss nicht.

2. Frage: Und wenn du darüber nachdenkst?

2. Antwort: Weiss nicht.

3. Frage: Überlege es dir! (Pause.)

3. Antwort: Der andere war schuld.

4. Frage: Und wenn du an dich denkst?

4. Antwort: Oftmals kommen ab der vierten Frage die wichtigen Antworten, die nicht mehr auf das Verhalten, sondern auf die Motive zielen. Daraus ergeben sich Gespräche von Herz zu Herz.

Wird Wahrheit in unserem Gehirn produziert?

Francis Schaeffer schrieb vor 40 Jahren über die moderne Theologie (in: Gott ist keine Illusion, S. 67):

Moderne Theologie hat nichts zu bieten ausser einem Glauben wider alle Vernunft, ohne jeden Inhalt. Man kann ihn bezeugen, aber nicht darüber diskutieren.

Das hängt  eng mit der Frage der Offenbarung Gottes und mit der von ihm geschaffenen Wirklichkeit zusammen. So schrieb Herman Bavinck, niederländischer Theologe und Philosoph (in: Philosophie der Offenbarung, S. 62):

Wir schaffen die Wahrheit nicht, wir erzeugen sie nicht in unserem Gehirn, sondern wir müssen, um sie zu finden, zu den Tatsachen, zu der Wirklichkeit, zu den Quellen zurückkehren.

Ob und inwiefern wir diese objektive Wirklichkeit subjektiv erfassen, ist ein anderer, davon zu unterscheidender Aspekt. Nochmals Bavinck (in: Ebd. S. 63):

Der Gedanke, daß die Wahrheit nicht ist, sondern wird, ist kein ganz unrichtiger. Sie liegt in der Wirklichkeit nicht irgendwo „fix und fertig” vor uns, so dass wir sie einfach in unser Bewusstsein aufzunehmen hätten, sondern — und das ist der Unterschied zwischen „revelation” und „discovery” — sie muss im Schweisse des Angesichts, mit Einsetzung aller Kraft, Schritt vor Schritt und mit viel Geduld errungen werden.