Kleider machen Leute – oder die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies

Korrekte Kleidung, perfektes Make-up, passende Farben, eine neue Frisur. Kleider machen Leute; der erste Eindruck zählt; Rollenmanagement; Etikette.  Ich betrachte das ganze noch aus einer anderen Optik: Es ist ein Stück Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Wir sehnen uns nach Schönheit und Perfektion, und wir spüren gleichzeitig, dass es nicht erreichbar ist.

Nicht umsonst sprechen wir von einer “reinen Weste”. Bei Gott zählt nicht unsere Präsentation, sondern unser aufrichtiges Bekenntnis. David preist den glücklich, der innerlich reinen Tisch gemacht hat:

Doch endlich gestand ich dir meine Sünde und gab es auf, sie zu verbergen. (…) Glücklich ist der, dessen Sünde vergeben ist und dessen Schuld zugedeckt ist. (Psalm 32,5+1)

Also aufdecken statt zudecken, damit Gott richtig zudecken kann!

Zum Ausgleich muss ich ergänzen: Gott hat die Schönheit in die Schöpfung hineingelegt (die Bäume im Paradies waren “schön anzusehen”). Diese Schönheit dürfen wir geniessen – im Bewusstsein, dass etwas zerbrochen ist.

Unendlicher Spass (2)

Ein Schauplatz des Geschehens ist eine Psychiatriestation. Diese

roch schwach nach Desinfektionsmitteln, nach dem Zigarettenrauch aus dem Gemeinschaftsraum, den säuerlichen Ausdünstungen von Krankenhausabfall, der der Entsorgung harrte, sowie dem ständigen leichten und unverwechselbaren Urinodeur; man hörte das doppelte Glöckchen des Aufzugs, das stets in der Ferne ertönende Geräusch der Sprechanlage, wenn ein Arzt angepiept wurde, und das schrille Fluchen eines Manischen im rosaroten Deeskalationszimer am vom Gemeinschaftsraum aus gesehen anderen Ende des Stationskorridors. (Seite 100)

Die Grenzen zwischen tödlichem Ernst und teilnahmsloser Darstellung verwischen.  Was ist Spiel, was ist Realität? Eine suizidgefährdete Patientin sagt dem Arzt:

‘Ich gehöre nicht zu den Selbsthassern. Typen nach dem Motto ‘Ich bin der letzte Dreck, und ohne eine taube Nuss wie mich wäre die Welt besser dran’, die sich in Wirklichkeit die ganze Zeit vorstellen, was die Leute bei ihrer Beerdigung sagen werden. So ‘ne Typen habe ich in der Psychiatrie schon getroffen. ‘Ich Armer, ich hasse mich, beestraft mich, kommt zu meiner Beerdigung.’ Und dann zeigen sie einem ein 8×10-Hochglanzfoto ihrer toten Katze. Alles Selbstmitleidsscheisse. … Ich wollte mir nicht unbedingt wehtun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloss raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen. Das ist alles. (Seite 104+105)

Anschauungsunterricht Griechenland: Warum wir eine Ethik brauchen, die nicht nur auf Konsens basiert

Alexandros Stefanidis schreibt im Magazin der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel “Highway to Hellas” über sein eigenes Volk:

Das zentrale Problem dieses Landes ist dennoch nicht die offenkundige Steuerhinterziehung, es ist der fehlende Gemeinsinn. … Was Griechenland neben einem Sparplan braucht, ist ein grundlegender Mentalitätswechsel. … Wir haben uns einen Lebensweg entwickelt, der es uns erlaubt, nicht auf Gesetze, nicht auf Verordnungen und nicht auf Politiker angewiesen zu sein. Es gibt dafür ein schönes altgriechisches Wort: Anarchismus. Oder anders ausgedrückt: Wir sind unregierbar.

Erziehung ist Charaktererziehung

Erziehung, die diesen Namen verdient, ist wesentlich Charaktererziehung. Denn der echte Erzieher hat nicht bloss einzelne Funktionen seines Zöglings im Auge, wie der, der ihm lediglich bestimmte Kenntnisse oder Fertigkeiten beizubringen beabsichtigt, sondern es ist ihm jedes Mal um den ganzen Menschen zu tun, und zwar um den ganzen Menschen sowohl seiner gegenwärtigen Tätigkeit nach, in der er vor dir lebt, als auch seiner Möglichkeit nach, als was aus ihm werden kann.

Martin Buber. Über Charaktererziehung. In: Martin Buber. Dialogisches Leben. Gregor Müller Verlag: Zürich 1947. S. 293.

Ja sagen und Nein meinen

Jesper Juul, dänischer Familientherapeut und erfolgreicher Ratgeber-Autor, sieht in der Erziehungsbiographie der aktiven Elterngenerationen einen Grund für die Selbstverliebtheit der Heranwachsenden.

In den 70-er und 80-Jahren betrachteten wir die Freiheit, unserer persönlichen Lust und Neigung nachzugehen, als Gegengift gegen all die Pflichten, die man uns früher aufgelegt hatte.

Viele heutige Eltern sind – im Gegensatz zu ihren Eltern – Ja-Sager geworden:

Zu Beginn der 90er-Jahre haben Eltern eine andere Strategie gewählt. Sie sagen sicherheitshalber Ja, und nur ihr Zögern, ihr resigniertes Schulterzucken und der widerwillige Klang ihrer Stimmen verraten, dass sie sich danach sehnen, auch einmal Nein sagen zu können. … Wir haben allen Grund anzunehmen, dass zu viele halbherzige, indirekte, korrupte oder defensive Jas die Beziehung zwischen Eltern und Kindern belasten. … Wenn wir nicht die Möglichkeit haben, Nein zu sagen – dies zumindest so empfinden – bleiben uns nur drei gleichermassen unbefriedigende Möglichkeiten: das lauwarme Ja, die Lüge oder die Resignation.

Jesper Juul. Nein aus Liebe. Kösel-Verlag: München 2008. S. 62+17+20+82.

Fürsorge oder Selbstbezogenheit?

Längst nicht alles, was Eltern dazu veranlasst, sich nützlich (liebevoll, fürsorglich) zu fühlen, vermittelt auch den Kindern das Gefühl, wertvoll für ihre Eltern zu sein. … Die Welt ist voller Eltern, die so selbstbezogen sind, dass sie ihre Kinder für undankbar halten.

Jesper Juul. Nein aus Liebe. Kösel-Verlag: München 2008.  S. 38

Vom Sinn der Wiederholung

Es wäre der grösste Fehler anzunehmen, wir brauchten keine wiederholten Erinnerungen an die uns bereits bekannten Dinge.

So kommentiert Martin Lloyd-Jones 2. Petrus 1,12+13. Dort steht:

Darum will ich euch stets von neuem in Erinnerung rufen, auch wenn ihr es schon wisst und in der Wahrheit, die nun gegenwärtig ist, gefestigt seid. Ich halte es für recht und billig, euer Gedächtnis wachzurütteln, solange ich noch in diesem Zelt bin.

Verheiratete leben gesünder

Das Gratisblatt 20minuten titelte am 9. Juli 2008 mit folgender Schlagzeile: „Die Ehe hat keine Zukunft.“ 88 Prozent von 1513 befragten Personen zwischen 16 und 25 Jahren gehen davon aus, dass sie im Alter von 50 Jahren Kinder haben werden. Werden die Zukunftsvisionen der Befragten wahr, hat die Ehe dagegen keine Zukunft: Über 80 Prozent glauben, mit 50 nicht oder nicht mehr verheiratet zu sein.

Die Auswahl an Ergebnissen, welche uns die Medien präsentieren, ist das eine. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Studien, die den Segen von Ehe und Familie bestätigen. Sp weiss man, dass sich die Ehe positiv auf die Lebensqualität auswirkt.

  • Verheiratete leben länger: Unverheiratetsein ist eines der grössten Risiken, denen sich Menschen freiwillig unterwerfen.
  • Verheiratete sind gesünder: Die subjektiv empfundene Qualität der Ehe trägt erheblich zur besseren physischen und psychischen Gesundheit bei.
  • Verheiratete sind glücklicher und zufriedener: Die Gemeinschaft mit einem Ehepartner bietet zwischenmenschliche Nähe, emotionale Befriedigung und Unterstützung im Umgang mit dem täglichen Stress.
  • Verheiratete trinken weniger Alkohol und nehmen weniger Drogen.
  • Die Ehe macht Männer produktiver und lässt sie mehr arbeiten und mehr Geld erwirtschaften. Das Einkommen von Männern steigt nach einer Heirat, und Verheiratete haben im Schnitt Jobs mit höheren Einkommen.

Hier findest du einige Statistiken.

Ist die Vernunft letzte Autorität?

Ron Kubsch zitiert in seinem Buch über die Postmoderne Hans-Georg Gadamer (1900-2002), den Begründer der philosophischen Hermeneutik. Dieser beschreibt die Stimmung der Aufklärung:

Nun ist es die allgemeine Tendenz der Aufklärung, keine Autorität gelten zu lassen und alles vor dem Richterstuhl der Vernunft zu entscheiden. So kann auch die schriftliche Überlieferung, die Heilige Schrift wie alle andere historische Kunde, nicht schlechthin gelten, vielmehr hängt die mögliche Wahrheit der Überlieferung von der Glaubwürdigkeit ab, die ihr von der Vernunft zugebilligt wird. Nicht Überlieferung, sondern die Vernunft stellt die letzte Quelle aller Autorität dar.

Hans-Georg Gadamer. Wahrheit und Methode. Mohr: Tübingen 1999. S. 277.