Lernerlebnis Nr. 17: Was passiert mit dem Frosch?

In einer Giesskanne entdeckten wir einen Laubfrosch. Wir entliessen den Frosch in die Freiheit, sahen, wie er davon sprang und in einem Mauerloch Zuflucht suchte. Perfekte Tarnung! Mein Vater (Tierarzt) gab meinen Jungs eine kleine Lektion zum Thema “verängstigte Tiere”. Nachher gab’s eine Zeichnung.

Wenn Sentimentalität mit Spiritualität verwechselt wird

Middelmann schreibt über die Prioritäten der Kirchen:

Mass is favored over mastery,
sensuality has replaced sensitivity,
religion counters but does not satisfy the mind.

Sentimentality is mistaken as spirituality,
and a focus on size replaces a concern for substance.

P. S. Am Ende eines Gottesdienstes kann sich diese Haltung anhand von drei Fragen äussern

  • Wer war (nicht) da?
  • Was hat das mir gebracht?
  • Wie fühle ich mich?

 

Udo Middelmann in: Bruce A. Little (Ed.). Francis Schaeffer – A Mind and Heart for God. P & R Publishing: Phillipsburg 2010.

Das Geheimnis des Zuhörens

Paul Tournier, Arzt und Seelsorger (1898-1986), hat sein letztes Buch mit „Vivre à l’écoute“ überschrieben, zu deutsch „Zuhören können“. Menschen aus der ganzen Welt reisten zu ihm nach Genf, um mit ihm zu sprechen. Scheinbar banale Gespräche führten zu einem intensiven Kontakt. Hier einige Ausschnitte:

  • So viele Männer und Frauen jeden Alters und in jeder Lebenslage sind zu mir gekommen, fest entschlossen, einmal ganz wahr zu sein, während man im Leben ständig abwägen muss, was man sagen soll und was nicht.
  • Der echte Dialog ist sehr selten, während in den Diskussionen jeder seine Partie spielt, und die Ideen sich kreuzen, ohne sich zu begegnen.
  • Wenn so viele Leute mich aufsuchen, so geschieht es, um einen ruhigen, einen friedlichen Menschen zu finden, der zuhören kann und mit seinen Gedanken nicht schon bei etwas anderem ist. Wenn das Leben randvoll ist, hat nichts mehr darin Platz: selbst Gott kann nichts mehr hinzufügen.
  • Die Menschen sprechen sich in dem Mass über ihre Probleme aus, wie wir bereit sind, ihnen zuzuhören.
  • So sehr ich von der Wichtigkeit des Suchens nach dem Willen Gottes für den Betreffenden selbst überzeugt bin, so skeptisch bin ich in bezug auf die Möglichkeit, diesen Willen Gottes für andere zu formulieren.
  • Was den Leuten hilft, ist das, was auch mir geholfen hat, das heisst, die Begegnung mit Personen, die wirklich von ihren Leiden, ihren Schwierigkeiten, ihren Hindernissen, ihren Weigerungen, ihren Ausflüchten zu sprechen.
  • Dieser Patient ist mir von Gott gesandt worden; er hat Probleme; Gott ist es, der sie lösen kann, nicht ich. Ich  muss ihn empfangen und zur persönlichen Begegnung bereit sein.
  • Ich muss gestehen, dass ich mich vor der Begegnung mit den Patienten fürchte, gerade weil ich keine Technik habe. Es wäre so bequem, über eine Technik zu verfügen. Man müsste nur die Maschine in Gang setzen. Aber der Vorgang spielt sich in uns selbst ab, das will heissen, zwischen Gott und uns.
  • Es geschieht oft, dass wir sprechen, wenn wir schweigen sollten und schweigen, wenn wir sprechen sollten. Unglücklicherweise halten wir uns oft für verpflichtet zu sprechen.
  • Man fordert nicht Gleichheit, sondern Würde. Man möchte ernstgenommen werden, als gültiger Gesprächspartner anerkannt sein, nicht nur in einer Diskussion, sondern auch in einem Dialog.

Aus: Paul Tournier. Zuhören können. Herder: Freiburg 1986.

Gesetz und Geist (5): Glaube und Werke

„Ja, aus Gnade seid ihr erlöst kraft des Glaubens. Nicht euer Verdienst ist es, es ist Gottes Geschenk.“ (Eph 2,8) Sie hätten ja sagen können: „Wir haben die Gnade deswegen empfangen, weil wir geglaubt haben“, wobei sie gleichsam sich den Glauben, Gott dagegen die Gnade zuschrieben. Deshalb fährt der Apostel nach den Worten „kraft des Glaubens“ fort: „Nicht euer Verdienst ist es, es ist Gottes Geschenk.“

Damit sie andererseits nicht behaupten können, er habe eine solche Gottesgabe durch seine Werke verdient, fügte er also gleich an: „Nicht den Werken ist es zu verdanken, damit niemand sich rühmen kann“ (Eph 2,9). Nicht weil er die guten Werke bestritten oder entwertet hat, da er doch erklärt: Gott vergelte einem jeden nach seinen Werken (Röm 2,6), sondern weil die Werke aus dem Glauben stammen, nicht aber der Glaube aus den Werken. Und demzufolge haben wir die Werke der Gerechtigkeit von jenem, von dem der Glaube selbst kommt. Vom Glauben aber heisst es: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben“ (Habak 2,4).

Es haben aber Menschen ohne Einsicht in das Wort des Apostels selbst: „Denn wir halten dafür, dass der Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird ohne Gesetzeswerke“ (Röm 3,28) gemeint, er behaupte, es genüge dem Menschen der Glaube, selbst wenn er schlecht leben und keine guten Werk aufweisen sollte. Dass das Gefäss der Auserwählung diese Meinung hege, sei ferne. Denn nach seinen Worten an einer bestimmten Stelle: „Denn in Christus Jesus hat weder Beschneidung noch Unbeschnittensein Wert“ hat der Apostel alsbald hinzugefügt: „Sondern nur der Glaube, der sich in der Liebe auswirkt“ (Gal 5,6). Eben der Glaube ist es, der die Gläubigen Gottes von den unreinen Geistern scheidet; denn auch sie selbst „glauben und zittern“ nach dem Worte des Apostels Jakobus (2,19), aber sie wirken nicht gut. Sie haben also nicht den Glauben, aus dem der Gerechte lebt, d. h. den Glauben, der sich in der Liebe auswirkt, auf dass ihm Gott das ewige Leben nach seinen Werken gewähre.

Aurelius Augustinus. Gnade und freier Wille. In: Schriften gegen die Semipelagianer. Augustinus-Verlag: Würzburg 1987. S. 103-105.

Lernerlebnis Nr. 16: Eine Viertel-Lehrstunde beim Biobauern.

Bringe deine Kinder in Kontakt mit „Erste-Hand-Erlebnissen“. Damit meine ich: Halte Ausschau nach Menschen, die auf einem Gebiet viel Erfahrung haben und sieh ihnen bei ihrer Tätigkeit zu. Wenn wir auf der Strasse Mühlmännern, Vermessungszeichnern oder Bauarbeitern begegnen, stellen wir ihnen Fragen zu ihrem Beruf.

Mittlerweile haben wir Eltern das Fragenstellen verinnerlicht – und die Leute geben uns bereitwillig Auskunft. So begegneten wir auf einem Abendspaziergang einem Biobauern, die mit einer Spezialmaschine das frisch geeggte Feld neu ansäte. Er erklärte uns sein Vorgehen, zeigte die Samen und verriet uns, woher er sie bezog.

Gesetz und Geist: Liebe und Gesetz gehören zusammen. (4)

Durch die Romantisierung des Begriffs ist der Zusammenhang, den die Bibel zwischen Gesetz und Liebe herstellt, schwer nachvollziehbar.

  • Liebe ist in der Bibel eine Verpflichtung (Röm. 13,8). 
  • Sie ist eine grundsätzliche Willensentscheidung (Phil 2,2-5).
  • Liebe und Gehorsam gehören zusammen (1Petr 1,22).
  • Die Liebe äussert sich in der Tat (Gal 5,6).
  • Liebe ist Gemeinschaft und darum von Treue nicht zu trennen.
  • Liebe kommt in Verzicht und Opfer zum Ausdruck.

Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes (Röm. 13,10), das heisst alle Gebote gewinnen erst aus der Perspektive der Liebe ihre Bedeutung. Liebe kann also nicht von Gottes Geboten getrennt werden. Es geht nicht an, auf Kosten der Gebote selber definieren zu wollen, was Liebe ist.

Aus: Thomas Schirrmacher. Ethik. Bd. 1. RVB/VTR 2002.

Gesetz und Geist: Der Geist Gottes erfüllt das Gesetz in uns. (3)

Es ist dem Gesetz unmöglich, uns die Kraft zu geben, es auch zu halten. Das Gesetz ist an sich gut, aber es konnte seine eigene Erfüllung nicht sicherstellen. Es fordert Gehorsam, aber es gibt keine Kraft. Manche Ausleger haben gemeint, dass Jesus am Kreuz alle Forderungen des Gesetzes erfüllt habe, so dass uns das Gesetz nun nichts mehr anginge. Doch hätte Gott das Gesetz einfach abgeschafft, weil selbst der Christ es nicht halten konnte, hätte er seine eigenen heiligen Massstäbe verändern und erklären müssen. Doch nun erfüllt Gott sein eigenes Gesetz in uns durch den Heiligen Geist (Römer 8). Damit ist beides gewahrt: Gottes heilige Gebote, die nicht geändert werden können, und die Tatsache, dass nur Gott allein sie halten kann. Christus hat den Gläubigen nicht vom Gehorsam des Gesetzes befreit, sondern vom Fluch. Das Gesetz verdammt ihn nicht mehr, sondern die Gerechtigkeit, die eingefordert wird, wird in den durch Gnade und Hilfe des Heiligen Geistes erfüllt.

Aus: Thomas Schirrmacher. Ethik. Bd. 2. RVB/VTR 2002.

Lernerlebnis Nr. 15: Gemeinsam schaffen wir es.

Es ist Abend, Vater und Mutter erschöpft, die Wohnung in ordnungsbedürftigem Zustand. Die Kinder haben den ganzen Nachmittag ausgiebig gespielt. Am nächsten Tag geht’s ab in die Ferien. Vater klärt die Situation: Er ist auf die Unterstützung der Kinder angewiesen und verteilt dem Alter angepasste Aufträge.

Mein Zweiter, fünfjährig, kurvt mit dem Staubsauger durch die Wohnung, sammelt Karton ein, reinigt die Tischoberflächen. Erstaunlich, welchen “Drive” ein Kind entfalten kann…

Gesetz und Geist: Eine alternative Sichtweise des Galaterbriefes (2)

Der Galaterbrief beschäftigt sich fast ausschliesslich mit dem Verhältnis der Christen zum alttestamentlichen Gesetz. Kein Mensch wird durch Gesetzeswerke gerecht (Gal 2,16), ja wenn dem so wäre, wäre Christus umsonst gestorben (Gal 2,21). Den Geist Gottes empfängt niemand durch das Gesetz (Gal 3,2). Die Gesetzesgerechtigkeit kommt nicht aus Glauben (Gal 3,12), weswegen uns Christus vom Fluch des Gesetzes erlösen musste (Gal 3,13). Wer durch das Gesetz gerecht werden will (Gal 5,4), muss das Gesetz insgesamt und nicht nur Teile davon, wie etwa die Beschneidung (Gal 6,13), einhalten (Gal 5,3). Fazit: Das Gesetz ist kein Heilsweg.

Was jedoch erst bei genauem Lesen auffällt: Es gab in der Gemeinde der Galater zwei sich bekämpfende Parteien. Die eine war gesetzlich, die andere gesetzlos, die eine machte das Gesetz zum Heilsweg, die andere verwarf das Gesetz ganz. Einige Hinweise aus dem Brief: Der Galaterbrief berichtet von einem Streit in der Gemeinde (Gal 5,15; 5,26); die Gemeinde bestand vorwiegend aus Heidenchristen, es werden aber zugleich judenchristliche Problemstellungen angesprochen; häufig wird nur ein Teil der Gemeinde angesprochen (Gal 4,21; 5,4); es gibt Texte, in denen Paulus davor warnt, das Gesetz zu verwerfen und unmoralisch zu leben (Gal 5,13-14); Paulus hält den freizügigen Christen immer wieder positive Aussagen über das Gesetz entgegen (Gal 3,21+24; 5,14; 5,19-20; 5,23; 6,2). Fazit: Paulus steht zwischen beiden Gruppen und warnt beide Seiten.

Aus: Thomas Schirrmacher. Gesetz und Geist. RVB: Hamburg 1999.

Die Tretmühlen des Glücks: Was Glück verspricht, verhindert in der Realität Glück.

Biswanger beschreibt vier Tretmühlen:

Die Statustretmühle
Das Luxusauto von gestern wird schnell zum Durchschnittsauto von heute (49). Denn Statusgüter werden nachgefragt, um relative Bedürfnisse wie Geltung oder Status zu befriedigen (53). Die Vergleichsgruppe für Statusobjekte sind die Menschen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen. Mit anderen Worten: Bettler beneiden keine Millionäre, sondern andere Bettler, die mehr verdienen als sie selbst (54). Das bedeutet: Der Wettbewerb um Status ist ein Nullsummenspiel (57). Und: Es wird immer schwieriger aufzufallen (65).

Die Anspruchstretmühle
Wo vor einigen Jahrzehnten eine Dreizimmerwohnung mit Kohlenfeuerung genügte, muss heute ein EFH mit 250 qm Grundfläche her. Die Krux ist: Mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche (73). Wir überschätzen das künftige Glück – auf Kosten echter Glückfaktoren (74). Wer nie mit dem Erreichten zufrieden ist, ist unglücklich.

Die Multioptionstretmühle
Statt die Vielfalt zu geniessen, leiden wir unter der Qual der Wahl – denn die Opportunitätskosten (= entgangener Nutzen einer alternativen Verwendung der Zeit) steigen (85). Beispiel Fernsehen: Die am häufigsten gewählte Kapitulationsstrategie besteht darin, dass man einfach ein paar wenige Sendungen auf gewohnten Kanälen schaut und den Rest der vielen Fernsehprogramme ignoriert. Beispiel Supermarkt: Vor den Regalen gibt es eine Vielzahl zu treffender Entscheidungen, die wenig Freude machen, aber unser Budget massgeblich beeinflussen (89). Ahnlich ist es bei grossen Entscheidungen: Da es keine klar definierten gesellschaftlichen Regeln mehr gibt („anything goes“), werden die Entscheidungen anspruchsvoller. Ja, es gilt sogar: Je zahlreicher die Optionen sind und je komplexer sie werden, desto fehleranfälliger werden die "geistigen Buchhaltungen" (101).

Die Zeitspartretmühle
Nehmen wir den Arbeitsweg: Schnellere Verkehrsmittel und bessere Strassen beendeten die traditionelle Nähe zwischen Wohnort und Arbeitsplatz (107). Die Pendlerwege wurden immer weiter. Die Regel: Gibt es mit zunehmendem Einkommen mehr Optionen und bleibt das Zeitbudget konstant, wird die Zeit zunehmend knapp (111). Das Paradox: Zeiten, die kein Geld einbringen, gelten als Zeitverschwendung (112). Tagsüber wird jede Minute gespart und abend dreieinhalb Stunden vor dem Fernseher verschwendet… (weil die Menschen tagsüber gestresst sind, können sie abends nichts mehr Sinnvolles tun). Und: Auch das Internet frisst mehr Zeit, als es spart…

Aus: Mathias Biswanger. Die Tretmühlen des Glücks. Herder: Freiburg i. Br. 2010.