Unendlicher Spass (2)

Ein Schauplatz des Geschehens ist eine Psychiatriestation. Diese

roch schwach nach Desinfektionsmitteln, nach dem Zigarettenrauch aus dem Gemeinschaftsraum, den säuerlichen Ausdünstungen von Krankenhausabfall, der der Entsorgung harrte, sowie dem ständigen leichten und unverwechselbaren Urinodeur; man hörte das doppelte Glöckchen des Aufzugs, das stets in der Ferne ertönende Geräusch der Sprechanlage, wenn ein Arzt angepiept wurde, und das schrille Fluchen eines Manischen im rosaroten Deeskalationszimer am vom Gemeinschaftsraum aus gesehen anderen Ende des Stationskorridors. (Seite 100)

Die Grenzen zwischen tödlichem Ernst und teilnahmsloser Darstellung verwischen.  Was ist Spiel, was ist Realität? Eine suizidgefährdete Patientin sagt dem Arzt:

‘Ich gehöre nicht zu den Selbsthassern. Typen nach dem Motto ‘Ich bin der letzte Dreck, und ohne eine taube Nuss wie mich wäre die Welt besser dran’, die sich in Wirklichkeit die ganze Zeit vorstellen, was die Leute bei ihrer Beerdigung sagen werden. So ‘ne Typen habe ich in der Psychiatrie schon getroffen. ‘Ich Armer, ich hasse mich, beestraft mich, kommt zu meiner Beerdigung.’ Und dann zeigen sie einem ein 8×10-Hochglanzfoto ihrer toten Katze. Alles Selbstmitleidsscheisse. … Ich wollte mir nicht unbedingt wehtun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloss raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen. Das ist alles. (Seite 104+105)

Anschauungsunterricht Griechenland: Warum wir eine Ethik brauchen, die nicht nur auf Konsens basiert

Alexandros Stefanidis schreibt im Magazin der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel “Highway to Hellas” über sein eigenes Volk:

Das zentrale Problem dieses Landes ist dennoch nicht die offenkundige Steuerhinterziehung, es ist der fehlende Gemeinsinn. … Was Griechenland neben einem Sparplan braucht, ist ein grundlegender Mentalitätswechsel. … Wir haben uns einen Lebensweg entwickelt, der es uns erlaubt, nicht auf Gesetze, nicht auf Verordnungen und nicht auf Politiker angewiesen zu sein. Es gibt dafür ein schönes altgriechisches Wort: Anarchismus. Oder anders ausgedrückt: Wir sind unregierbar.

Erziehung ist Charaktererziehung

Erziehung, die diesen Namen verdient, ist wesentlich Charaktererziehung. Denn der echte Erzieher hat nicht bloss einzelne Funktionen seines Zöglings im Auge, wie der, der ihm lediglich bestimmte Kenntnisse oder Fertigkeiten beizubringen beabsichtigt, sondern es ist ihm jedes Mal um den ganzen Menschen zu tun, und zwar um den ganzen Menschen sowohl seiner gegenwärtigen Tätigkeit nach, in der er vor dir lebt, als auch seiner Möglichkeit nach, als was aus ihm werden kann.

Martin Buber. Über Charaktererziehung. In: Martin Buber. Dialogisches Leben. Gregor Müller Verlag: Zürich 1947. S. 293.

Ja sagen und Nein meinen

Jesper Juul, dänischer Familientherapeut und erfolgreicher Ratgeber-Autor, sieht in der Erziehungsbiographie der aktiven Elterngenerationen einen Grund für die Selbstverliebtheit der Heranwachsenden.

In den 70-er und 80-Jahren betrachteten wir die Freiheit, unserer persönlichen Lust und Neigung nachzugehen, als Gegengift gegen all die Pflichten, die man uns früher aufgelegt hatte.

Viele heutige Eltern sind – im Gegensatz zu ihren Eltern – Ja-Sager geworden:

Zu Beginn der 90er-Jahre haben Eltern eine andere Strategie gewählt. Sie sagen sicherheitshalber Ja, und nur ihr Zögern, ihr resigniertes Schulterzucken und der widerwillige Klang ihrer Stimmen verraten, dass sie sich danach sehnen, auch einmal Nein sagen zu können. … Wir haben allen Grund anzunehmen, dass zu viele halbherzige, indirekte, korrupte oder defensive Jas die Beziehung zwischen Eltern und Kindern belasten. … Wenn wir nicht die Möglichkeit haben, Nein zu sagen – dies zumindest so empfinden – bleiben uns nur drei gleichermassen unbefriedigende Möglichkeiten: das lauwarme Ja, die Lüge oder die Resignation.

Jesper Juul. Nein aus Liebe. Kösel-Verlag: München 2008. S. 62+17+20+82.

Fürsorge oder Selbstbezogenheit?

Längst nicht alles, was Eltern dazu veranlasst, sich nützlich (liebevoll, fürsorglich) zu fühlen, vermittelt auch den Kindern das Gefühl, wertvoll für ihre Eltern zu sein. … Die Welt ist voller Eltern, die so selbstbezogen sind, dass sie ihre Kinder für undankbar halten.

Jesper Juul. Nein aus Liebe. Kösel-Verlag: München 2008.  S. 38

Vom Sinn der Wiederholung

Es wäre der grösste Fehler anzunehmen, wir brauchten keine wiederholten Erinnerungen an die uns bereits bekannten Dinge.

So kommentiert Martin Lloyd-Jones 2. Petrus 1,12+13. Dort steht:

Darum will ich euch stets von neuem in Erinnerung rufen, auch wenn ihr es schon wisst und in der Wahrheit, die nun gegenwärtig ist, gefestigt seid. Ich halte es für recht und billig, euer Gedächtnis wachzurütteln, solange ich noch in diesem Zelt bin.

Verheiratete leben gesünder

Das Gratisblatt 20minuten titelte am 9. Juli 2008 mit folgender Schlagzeile: „Die Ehe hat keine Zukunft.“ 88 Prozent von 1513 befragten Personen zwischen 16 und 25 Jahren gehen davon aus, dass sie im Alter von 50 Jahren Kinder haben werden. Werden die Zukunftsvisionen der Befragten wahr, hat die Ehe dagegen keine Zukunft: Über 80 Prozent glauben, mit 50 nicht oder nicht mehr verheiratet zu sein.

Die Auswahl an Ergebnissen, welche uns die Medien präsentieren, ist das eine. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Studien, die den Segen von Ehe und Familie bestätigen. Sp weiss man, dass sich die Ehe positiv auf die Lebensqualität auswirkt.

  • Verheiratete leben länger: Unverheiratetsein ist eines der grössten Risiken, denen sich Menschen freiwillig unterwerfen.
  • Verheiratete sind gesünder: Die subjektiv empfundene Qualität der Ehe trägt erheblich zur besseren physischen und psychischen Gesundheit bei.
  • Verheiratete sind glücklicher und zufriedener: Die Gemeinschaft mit einem Ehepartner bietet zwischenmenschliche Nähe, emotionale Befriedigung und Unterstützung im Umgang mit dem täglichen Stress.
  • Verheiratete trinken weniger Alkohol und nehmen weniger Drogen.
  • Die Ehe macht Männer produktiver und lässt sie mehr arbeiten und mehr Geld erwirtschaften. Das Einkommen von Männern steigt nach einer Heirat, und Verheiratete haben im Schnitt Jobs mit höheren Einkommen.

Hier findest du einige Statistiken.

Ist die Vernunft letzte Autorität?

Ron Kubsch zitiert in seinem Buch über die Postmoderne Hans-Georg Gadamer (1900-2002), den Begründer der philosophischen Hermeneutik. Dieser beschreibt die Stimmung der Aufklärung:

Nun ist es die allgemeine Tendenz der Aufklärung, keine Autorität gelten zu lassen und alles vor dem Richterstuhl der Vernunft zu entscheiden. So kann auch die schriftliche Überlieferung, die Heilige Schrift wie alle andere historische Kunde, nicht schlechthin gelten, vielmehr hängt die mögliche Wahrheit der Überlieferung von der Glaubwürdigkeit ab, die ihr von der Vernunft zugebilligt wird. Nicht Überlieferung, sondern die Vernunft stellt die letzte Quelle aller Autorität dar.

Hans-Georg Gadamer. Wahrheit und Methode. Mohr: Tübingen 1999. S. 277.

Die Angst des Bäckhultbauern

In den Sportwochen habe ich mit meinem ältesten Sohn in einem Kinderbuch von Astrid Lindgren, der Kultautorin von „Pippi Langstrumpf“, gelesen. Es geht um einen armen Jungen, dessen Eltern die einzige Kuh verlieren, weil sie einen Nagel verschluckt hatte. Die andere Hauptfigur ist ein reicher Bauer, der in regelmässigen Abständen in die Stadt fährt, um zu fressen und zu saufen. Wir würden heute von einem geplanten Absturz eines Quartalsäufers sprechen. Stockbetrunken führt ihn das Pferd zurück zu seinem Hof, der Bauer ist eingeschlafen. Er erwacht, aufgeschreckt durch ein unheimliches Brüllen in seinem Rücken. Es ist das Kälbchen, das er in der Stadt erworben hatte und in einem Sack auf dem Rücksitz mitführt.

Wild vor Schreck ergriff der Bäckhultbaer die Peitsche und zog Blanka (seinem Pferd) eins über das Hinterteil. Er wusste wohl, wen er da als Fahrgast bekommen hatte! Der Böse war es, der dort lag und ihn rief. So etwas hatte man schon gehört, aber dass gerade ihm, dem armen kleinen Sünder, so was passieren musste. Das war die Strafe für seine Sauferei. Oh, damit sollte es von nun an endgültig Schluss sein. Er peitschte auf Blanka ein und sie lief, wie sie noch nie gelaufen war. Aber wieder und immer wieder kam der unheimliche Laut. Da packte den Bäckhultbauern den Zorn. Fuchsteufelswild wurde er. Musste der den Höllenfürsten auf seinem Schlitten mitfahren lassen, wenn er es nicht wollte? Nein, wahrlich nicht! Raus musste das Scheusal, auch wenn es das Letzte war, was der Bäckhultbauer in seinem Leben tat. Er brachte Blanka zum Stehen und wankte vom Sitz. „Jetzt! Jetzt, du Erzfeind, ist es auch mit dem Fahren!“ sagte er. Es kam ein neues, Grauen erregendes Brüllen, aber wenn der Bäckhultbauer zornig war, dann war er es und liess sich nicht schrecken. Den Bösen jedoch anzusehen, wie er da lag, das wagte er nicht. Er schloss die Augen, tastete und bekam ihn zu fassen. Er hob ihn hoch – schwer war er auch noch, der Racker! Aber den Bäckhultbauern machst du nicht fertig! Aus dem Schlitten mit dir!, so wahr mir Gott helfe an Leib und Seele.”

Aus: Astrid Lindgren. Als der Bäckhultbauer in die Stadt fuhr (1951).

Sehen wir uns das Vokabular genauer an: Der Böse; armer kleiner Sünder, Strafe für die Sauferei, Höllenfürst, „so wahr Gott mir helfe“. Was Lindgren vor 60 Jahren zu Papier gebracht hat, müsste heute anders daherkommen. Eine solche Himmel-und-Hölle-Geschichte wäre nicht mehr mehrheitstauglich. Man darf heute viel, aber eines liegt nicht mehr drin: Der Mensch darf nicht als „armer kleiner Sünder“ dargestellt werden.