Drei aktuelle Erziehungsratgeber: Wolfgang Bergmann (3/2)

Ein zweites Themenfeld von Bergmanns seelischer Analyse der heutigen Kinder ist die Identitätsnot der Jungs wegen ihren desorientierten Vätern.

2. Söhne ohne Väter

Für Männlichkeit scheint es keine sozial akzeptierten Bilder zu geben. (Für die kleinen Mädchen sieht das anders aus: Sie begegnen dauernd weiblichen Vorbildern über alle Medien. Moderatorinnen, Präsentatorinnen, Stars zeigen ein ganz bestimmtes Bild von Attraktivität, dem ein Mädchen durchaus nacheifern kann.) Wie Harrison Ford oder Daniel Craig kann man sich nicht verhalten, auch nicht wie Rambo. Diese Männlichkeitsbilder haben einen eigenartigen Hang zum Flüchtigen, Realitätsfernen, gerade dann, wenn Männlichkeit im Spiel ist. (60-61)

Wie wird ein Junge zum Mann? Diese Frage ist für die Jungen und auch für Eltern schwer zu beantworten (62). In allen traditionellen Gesellschaften gab es hart disziplinierende Formen und Riten für die heranwachsenden Jungen (63). Computerspiele muten wie ein Ersatz für verloren gegangene Initiationsriten an (68). Heute ist ein Junge stark eingebunden in eine nahezu symbiotische Einheit mit der Mutter (64). Von den Vätern ist kaum Orientierung zu erwarten: Entweder verbirgt er polternd und dröhnend seine Schwäche (70), oder es ist ihm jegliche Dominanz abhanden gekommen (71). Oder aber er ist ein beruflich erfolgreicher Vater, der den Sohn lehrt, aus jeder Situation mit der unerschütterlichen Maske des Gewinners hervorzugehen (72).

Bergmanns Ruf mutet schon fast prophetisch an: Väter, eure Söhne verlangen nach eurer Fürsorge und eurer Lenkung (wohlgemerkt: nach beidem). Sie suchen nach einer bergenden, schützenden Ordnung (82).

Die grösste Gefahr für junge Menschen: Sich ins Schema “Man” einpassen lassen

Romano Guardini (1885-1968), katholischer Religionsphilosoph, schrieb ein ausgezeichnetes kleines Buch “Die Lebensalter: Ihre ethische und pädagogische Bedeutung“. Über das Lebensalter “Der junge Mensch” schreibt er:

So besteht das Ethos dieses Lebensalters im Mut zu sich selbst: zur eigenen Person und ihrer Verantwortung; zum eigenen Urteil und eigenen Werk; zur eigenen Vitalität und ihren in die Zukunft führenden Kräften… Die grösste Gefahr für den werdenden Menschen ist das „Man“: das anonyme Schema, wie man zu denken, zu urteilen, zu handeln habe.

Das erinnert mich an den Eröffnungssatz eines befreundeten Seminarleiters: Viele Menschen werden als Original geboren und sterben als Kopie.

Lernerlebnis Nr. 2: Eltern fragen ihre Kinder.

Dass Kinder Eltern fragen, gehört zum Alltag. Pro Tag stellen (kleine) Kinder ihren Eltern mehrere hundert Fragen. Doch wie sieht es umgekehrt aus? Meine Beobachtung: Wir hören ihnen flüchtig zu – und signalisieren ihnen damit, dass wir für ihre Fragen und Anliegen kaum Interesse haben.

Ich habe mir angewöhnt meinen Kindern Fragen zu stellen. Besonderen Wert hat dieses Fragen nach Widerstand oder Ungehorsam. Dann tönt es etwa so:

1. Frage: Warum hast du so gehandelt?

1. Antwort: Weiss nicht.

2. Frage: Und wenn du darüber nachdenkst?

2. Antwort: Weiss nicht.

3. Frage: Überlege es dir! (Pause.)

3. Antwort: Der andere war schuld.

4. Frage: Und wenn du an dich denkst?

4. Antwort: Oftmals kommen ab der vierten Frage die wichtigen Antworten, die nicht mehr auf das Verhalten, sondern auf die Motive zielen. Daraus ergeben sich Gespräche von Herz zu Herz.

Wird Wahrheit in unserem Gehirn produziert?

Francis Schaeffer schrieb vor 40 Jahren über die moderne Theologie (in: Gott ist keine Illusion, S. 67):

Moderne Theologie hat nichts zu bieten ausser einem Glauben wider alle Vernunft, ohne jeden Inhalt. Man kann ihn bezeugen, aber nicht darüber diskutieren.

Das hängt  eng mit der Frage der Offenbarung Gottes und mit der von ihm geschaffenen Wirklichkeit zusammen. So schrieb Herman Bavinck, niederländischer Theologe und Philosoph (in: Philosophie der Offenbarung, S. 62):

Wir schaffen die Wahrheit nicht, wir erzeugen sie nicht in unserem Gehirn, sondern wir müssen, um sie zu finden, zu den Tatsachen, zu der Wirklichkeit, zu den Quellen zurückkehren.

Ob und inwiefern wir diese objektive Wirklichkeit subjektiv erfassen, ist ein anderer, davon zu unterscheidender Aspekt. Nochmals Bavinck (in: Ebd. S. 63):

Der Gedanke, daß die Wahrheit nicht ist, sondern wird, ist kein ganz unrichtiger. Sie liegt in der Wirklichkeit nicht irgendwo „fix und fertig” vor uns, so dass wir sie einfach in unser Bewusstsein aufzunehmen hätten, sondern — und das ist der Unterschied zwischen „revelation” und „discovery” — sie muss im Schweisse des Angesichts, mit Einsetzung aller Kraft, Schritt vor Schritt und mit viel Geduld errungen werden.

Lernerlebnis Nr. 1: Lies täglich vor!

Unser Leben besteht aus Gewohnheiten. Eine solche Gewohnheit kann das tägliche Vorlesen werden. Hier ein paar Erfahrungen:

  • Wähle Klassiker mit reichen Inhalten.
  • Lies in der Originalsprache. Die Kinder brauchen nicht lange, um mitzukommen.
  • Test: Wenn du unsicher bist, ob ein Buch die Kinder anspricht, dann lies eine Seite vor und achte auf die Reaktionen.
  • Der Text muss für sich sprechen – füge keine langen Erklärungen an.
  • Bebilderte Bücher sind ein Zusatzgenuss. Wähle Versionen mit guten Illustrationen.
  • Bevor du weiterliest: Lass die Kinder  in eigenen Worten die letzte Etappe zusammenfassen. Das bereichert ihren Wortschatz, steigert ihre Konzentration und gibt dir eine Vorstellung davon, was hängen geblieben ist.

 

Hier findest du eine Buchliste mit Klassikern.

Unsere Nächsten verletzen uns oft am stärksten

Bedeutung und Sicherheit suchen wir naturgemäss im Kreis unserer Nächsten. Doch: Gerade diese Nächsten können uns am empfindlichsten enttäuschen und verletzen. Wenn ich ehrlich bin, verhalte ich mich nicht anders.

  • Ich bin nicht anwesend – physisch oder gedanklich, wenn es sich der andere am meisten wünscht.
  • Ich bin ignorant, mit den eigenen Problemen beschäftigt. Ich erzähle nur von mir, anstatt nach dem anderen zu fragen.
  • Ich schenke mein Vertrauen plötzlich einer anderen Person, und mein Gegenüber geht leer aus.
  • Ich scheue eine Auseinandersetzung – nicht um den anderen zu schützen, sondern um Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen.

Die Bibel sagt, dass Bedeutung und Sicherheit  nur an einem Ort zu finden sind. Die Sehnsucht der Menschen ist nicht von ungefähr, sie ist durch unseren Konstrukteur in uns angelegt. Dieser ruft uns zu:

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. (Matthäus 11,28)

Dieser Satz enthält drei wichtige Elemente:

  1. Eine Einladung: „Kommt.“ Es heisst nicht: „Mach.“ Viele würden das bevorzugen, denn so müssten sie nicht ihren Aufenthaltsort wechseln.
  2. Ein Eingeständnis: Ich bin ein belasteter Mensch mit. Da gibt es Ziele, die ich nicht erreiche; äussere Umstände, denen ich ausgeliefert bin und dich mich überfordern; und Furcht vor Versagen, die mich ängstigt.
  3. Eine Erleichterung: Wir müssen uns nicht Ruhe schaffen, sondern wir bekommen sie als Geschenk.

Nur Opfer?

Der Psychologe Viktor E. Frankl (1905 – 1997) schreibt mit Seitenblick auf die Behaviouristen:

Der Mensch wird unter Umständen wie ein Wesen hingestellt, das ein geschlossenes System ist, innerhalb dessen es nur Ursachen und Wirkungen gibt, und zwar in Form von bedingten und unbedingten Reflexen, conditioning processes und Reaktionen auf Reize.

Seine eigene Erfahrung aus dem Konzentrationslager (dargelegt im Longseller “Trotzdem Ja zum Leben sagen”) widerlegte dies:

In den Konzentrationslagern wurden die Menschen differenzierter. Die Schweine demaskierten sich. Und die Heiligen taten es ebenfalls. Der Hunger entlarvte sie.

Daraus schlussfolgerte er:

Die Freiheit des Menschen schliesst dessen Freiheit in sich ein, zu sich selbst Stellung zu nehmen.

Aus: Viktor E. Frankl. Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Piper 2008. S. 52-54.

Machtloser Allmächtiger? Warum auch Christen leiden müssen

Aurelius Augustinus (354-430) schreibt am Anfang seines monumentalen Werkes “Vom Gottesstaat”, das als Beginn der westlichen Geschichtsphilosophie gelten kann:

Christen halten sich … keineswegs für so frei von Fehlern, dass nicht auch sie deswegen allerlei zeitliches Leid verdient zu haben glauben.

Das Buch ist eine Verteidigungsschrift gegen die Anklagen der Römer, wonach der Abfall von den Göttern  zur Plünderung Roms geführt haben soll. Aus der Tatsache, dass auch Christen in Mitleidenschaft gezogen wurden und Leiden ertragen mussten, zieht er folgende ethische Konsequenz:

Zeitliches Leben ist Vorschule zum ewigen Leben; gebraucht irdische Güter, ohne von ihnen gefesselt zu werden.

Wer sich mit der Frage “Machtloser Allmächtiger” (warum lässt Gott Leid zu?) beschäftigt, führe sich doch die ersten rund 100 Seiten des Werkes zu Gemüte.

Aurelius Augustinus. Vom Gottesstaat. dtv: München 2007.

Buchbesprechung: Ich bin der Grösste und ganz allein

Wolfgang Bergmann. Ich bin der Größte und ganz allein: Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder. Patmos: Düsseldorf, 2009. 195 Seiten. 16 Euro.

Der 2011 verstorbene Wolfgang Bergmann war Pädagoge und Familientherapeut. Der Buchtitel könnte auch als Motto eines Seminars für Manager durchgehen: "Ich bin der Grösste und ganz allein." Er tastete – um seine eigenen Worte zu verwenden – "nach der neuen Kinderwirklichkeit und ihren seelischen Folgen". Bergmann arbeitet gekonnt zwei wichtige Erkenntnisse heraus:

  1. Wie Medienkinder ticken
    Sie sind ungeduldig in der Verfolgung ihrer Ziele, heftig, wenn ihnen Wünsche versagt bleiben (13). Langweilig ist alles, was nicht höchste Konzentration erfordert und dadurch Faszination erzeugt, oder nicht sehr schnell, mit Action vor sich geht (15). Stündlich werden sie von Medienbildern von Perfektion und Vervollkommnung bombardiert. Die Wirklichkeit verliert an Wert (21). Da Kinderwünsche total sind und per Mausklick befriedigt zu werden scheinen, fällt Verzicht schwer und bindet, wo er doch geleistet werden muss, Kräfte über einen langen Zeitraum (22, 23). Die Geschichtslosigkeit steckt in allen Dingen, sogar in den Wünschen (27). Doch: Die Kids werden immer intelligenter und kreativer, denn der Computer ermöglicht neue Erfahrungen und Selbsterprobungen (29). Ungezwungen begeben sie sich in öffentliche Kommunikationsräume, um ihre Ideen der Welt mitzuteilen (33). Alles ist gleichgültig, was über den Moment hinausreicht (35). Die Zwischenräume für Kommunikation über das Geschehene fehlt: Über die Spiele im Netz oder im Computer kann man kaum reden (37). Das erzeugt keine dauerhaften Bindungen. Ihre Gruppen zerfallen immer wieder, dann sitzen sie allein zu Hause, wissen nichts mit sich anzufangen und warten auf den nächsten Reiz (41). Während sie in ihren Spielen schöpferisch tätig sind – im Wissen darum, dass sie gleichzeitig abhängig sind -, wirken sie in ihren Beziehungen hilflos (44). Aus dem Funktionieren in den Cyber-Welten scheinen sie eine Art Sicherheit zu beziehen (47). So sind die Medienkinder schnell, ziellos und gleichzeitig sensibel. Da Reize gleichzeitig aufgenommen werden, fällt es ihnen schwer, eine Wertigkeit herzustellen (51). Entscheidungsschwäche stellt sich ein (52).
  2. Söhne ohne Väter
    Ein zweites Themenfeld von Bergmanns seelischer Analyse der heutigen Kinder ist die Identitätsnot der Jungs wegen ihren desorientierten Vätern. Für Männlichkeit scheint es keine sozial akzeptierten Bilder zu geben. (Für die kleinen Mädchen sieht das anders aus: Sie begegnen dauernd weiblichen Vorbildern über alle Medien. Moderatorinnen, Präsentatorinnen, Stars zeigen ein ganz bestimmtes Bild von Attraktivität, dem ein Mädchen durchaus nacheifern kann.) Wie Harrison Ford oder Daniel Craig kann man sich nicht verhalten, auch nicht wie Rambo. Diese Männlichkeitsbilder haben einen eigenartigen Hang zum Flüchtigen, Realitätsfernen, gerade dann, wenn Männlichkeit im Spiel ist. (60-61)Wie wird ein Junge zum Mann? Diese Frage ist für die Jungen und auch für Eltern schwer zu beantworten (62). In allen traditionellen Gesellschaften gab es hart disziplinierende Formen und Riten für die heranwachsenden Jungen (63). Computerspiele muten wie ein Ersatz für verloren gegangene Initiationsriten an (68). Heute ist ein Junge stark eingebunden in eine nahezu symbiotische Einheit mit der Mutter (64). Von den Vätern ist kaum Orientierung zu erwarten: Entweder verbirgt er polternd und dröhnend seine Schwäche (70), oder es ist ihm jegliche Dominanz abhanden gekommen (71). Oder aber er ist ein beruflich erfolgreicher Vater, der den Sohn lehrt, aus jeder Situation mit der unerschütterlichen Maske des Gewinners hervorzugehen (72). Bergmanns Ruf mutet schon fast prophetisch an: Väter, eure Söhne verlangen nach eurer Fürsorge und eurer Lenkung (wohlgemerkt: nach beidem). Sie suchen nach einer bergenden, schützenden Ordnung (82).

Bergmanns Buch war für mich der Anstoss für den Aufsatz "Ein richtiger Mann – Boas aus dem Buch Ruth".

Lieber schlechte Hausbewohner sein als schlechte Häuser haben

Persönlicher Friede (“lass mir meine Ruhe”) und Wohlstand (“das gehört zu meinem Leben”) stehen auf der Hitliste unseres gelebten Wertekatalogs zuoberst. 

Augustinus (354-430) schrieb von den Römern Ähnliches:

Mehr verdriesst es sie, schlechte Häuser zu haben als schlechte Hausbewohner zu sein.

Aurelius Augustinus. Vom Gottesstaat. dtv: München 2007. S. 112.