Demütige Klarheit – eine Haltung, der ich nacheifern will

Der Kirchenvater Augustinus legt am Anfang seines theologischen Hauptwerkes “De trinitatae” seine Haltung gegenüber den Lesern dar: Demütige Klarheit!

Daher möge jeder, der dies liest, wo er meine sichere Überzeugung teilt, mit mir weitergehen, wo er mit mir schwankt, mit mir suchen, wo er einen Irrtum seinerseits erkennt, zu mir zurückkehren, wo einen meinerseits, mich zurückrufen.

So wollen wir gemeinsam auf dem Wege der Liebe einhergehen, uns nach dem ausstreckend, von dem es heisst: ‚Suchet sein Antlitz immer.’ Ein solches von Ehrfurcht getragenes und Zuverlässigkeit verbürgendes Übereinkommen möchte ich vor dem Herrn unserem Gott mit allen Lesern meiner Werke schliessen, für alle meine Schriften, ganz besonders aber für dieses Werk über die Einheit der Dreieinigkeit, des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes, weil nirgends das Irren gefährlicher, das Suchen mühseliger, das Finden fruchtbringender ist.

Wenn also jemand beim Lesen sagt: Das ist nicht gut dargelegt, da ich es nicht verstehe, so trifft er mit seinem Tadel meine Darstellungsweise, nicht den Glauben; vielleicht hätte es wirklich lichtvoller gesagt werden können. Indes gilt, dass kein Mensch jemals so sprach, dass er in allem von allen verstanden wurde.

Wenn also jemandem in meiner Abhandlung etwas missfällt, so sehe er zu, ob er andere, die sich mit solchen Gegenständen und Fragen beschäftigt haben, versteht, während er nur mich nicht versteht. Ist es so, dann lege er mein Buch beiseite — er kann es auch wegwerfen, wenn er will — und schenke lieber Zeit und Mühe jenen, die er versteht

Auch den Schlusssatz schrieb er im tiefen Bewusstsein seiner eigenen Begrenztheit und Fehlbarkeit:

Du, Herr, Gott, du der Eine, du Gott Dreieinigkeit, was immer ich in diesen Büchern von dir her gesagt habe, mögest du auch als dir gehörig gelten lassen; wenn ich etwas von mir her gesagt habe, dann lass es nicht gelten, und auch so lass mich dein bleiben! Amen.

Einen ausgewogenen trinitarischen Glauben leben – eine Alternative zum Bestseller “Die Hütte”

Welche Bedeutung ein ausgewogenes Verständnis der Trinität hat, ist mir in letzter Zeit bewusster geworden. Arthur Pink schrieb:

Wollte ich in umfassender Form beschreiben, was nach  meinem Bibelverständnis die Seligkeit der Kinder Gottes auf Erden ausmacht, … so würde ich ohne Zögern antworten: Es ist ihre persönliche Erkenntnis der Personen der dreieinigen Gottheit und ihr Gemeinschaft mit ihnen.

Nicht von ungefähr rühren denn auch die meisten Irrtümer der Kirchengeschichte bis zum heutigen Tag aus einem verzerrten Verständnis der Trinität, so dass Calvin schrieb:

So sind auch die Alten, durch mancherlei Kämpfe gegen falsche Lehren geübt, dazu genötigt worden, ihre Überzeugung mit äußerster Genauigkeit auszusprechen, um nur ja nicht den Gottlosen irgendwelche Schlupfwinkel zu lassen; denn diese benutzten die Hülle der Worte als Versteck für ihre Irrtümer.

Dieser Vortrag orientiert sich am ausgezeichnenten Buch von Thomas W. Johnson "What Difference Does the Trinity Make?" Ein besseres Verständnis der Trinität wird unseren Alltag verändern.

Passende Bücher:

Life in the Trinity: An Introduction to Theology with the Help of the Church Fathers.

The Deep Things of God: How the Trinity Changes Everything

Der andere war’s!

Die Opfer-/Täterdynamik entwickelt sich schon sehr früh im Leben eines Menschen. Während es eigentlich um mich geht, zeige ich reflexartig auf andere. Schon auf den ersten Seiten der Bibel ist dies dokumentiert: „Die Frau, die du mir gegeben hast…“ Indirekt wies Adam Gott selbst die Schuld zu: Wie kannst du, Gott, mir ein solch missliches Geschöpf zur Seite stellen! Der Ruf Gottes (“Adam, wo bist du?”) hat diesen nicht zur Umkehr, sondern in die Rebellion geführt.

Wir brauchen die Rechtfertigung und Erlösung durch Jesus Christus; sonst bleiben wir – wenn nicht in unserem Verhalten, so doch innerlich – in der Opferhaltung gefangen. Der Mensch spielt göttlichen Richter und erhebt sich damit selbst. Er muss befreit werden zu einer realistischen Sicht auf sich selbst.

Gedanke aus einer Vorlesung “Psychologie und Theologie der Vergebung”

Jeder Mensch ist Theologe

Mit dem Wort ‘Gott’ kann vieles gemeint sein. Und so gibt es auch vielerlei Theologien. Kein Mensch, der nicht bewusst oder unbewusst oder halbbewusst – als Gegenstand seines höchsten Begehrens und Vertrauens, als Grund seiner tiefsten Bindung und Verpflichtung auch seinen Gott oder seine Götter hat und insofern auch Theologe ist.

Das gilt nicht nur da, wo man diese Gottheit als Inbegriff der Wahrheit und Macht irgendeines höchsten Prinzips positiv zur Geltung bringen oder doch gelten lassen möchte, sondern auch da, wo man es auf ihre Leugnung abgesehen hat, die ja praktisch doch nur darin bestehen wird, dass man genau ihre Würde und Funktion etwa auf die ‘Natur’, auf einen unbewussten oder gestaltlosen Lebensdrang, auf die ‘Vernunft’, auf den Fortschritt oder auf den fortschrittlich denkenden und handelnden Menschen, vielleicht auch auf ein erlösendes Nichts überträgt, in das einzugehen des Menschen Bestimmung sei: Theologien sind auch solche scheinbar ‘gottlosen’ Ideologien.

Karl Barth. Einführung in die evangelische Theologie. TVZ: Zürich 2006.

Die Grundstruktur des Christseins: Indikativ, dann Imperativ

Die Grundstruktur des Christseins kann zusammengefasst werden in: Indikativ, dann Imperativ!

Erst dürfen wir hören, dass wir in Christus frei gesprochen sind – die Bibel nennt dies gerechtfertigt – und anschliessend, so führt die Bibel aus, sollen wir danach handeln. Anders formuliert: Du bist gerechtfertigt (indikative Verbform) und darum gilt: Sei gerecht! (imperative Form) Du bist in Christus freigesprochen. Sorge dann dafür, dass du wie ein Befreiter lebst.

Paulus bringt es auf den Punkt:  "Auch ihr sollt davon ausgehen, dass ihr für die Sünde tot seid, aber in Jesus Christus für Gott lebt." (Römer 6,11) Darum fährt er fort: "Lasst entsprechend die Sünde nicht länger als König in eurem sterblichen Körper herrschen." (Römer 6,12)

Aus: Wim Rietkerk. In dubio – Handbuch für Zweifler. VKW: Bonn 2010. S. 63. (englische Version)

Passende Bücher:

Os Guinness. Doubt: Faith in Two Minds.

Die Konsequenzen einer relativen Ethik – am Beispiel der griechischen Antike

Im monumentalen Werk von Richard Tarnas “Das Wissen des Abendlandes” (englisch “The Passion of Western Mind”) las ich den Teil über das griechische Weltbild. Im Kapitel über die Sophisten schreibt Tarnas:

Sophisten … sahen im Menschen das Mass aller Dinge. Die individuellen Urteile des Einzelnen über das alltägliche Leben sollten die Grundlage der persönlichen Vorstellungen und Lebensführung bilden… Wahrheit war relativ, nicht absolut, und veränderte sich von Kultur zu Kultur, von Mensch zu Mensch und von Situation zu Sitaution. Behauptungen des Gegenteils, ob religiös oder philosophisch, hielten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Der Wert jeder Überzeugung oder jeder Meinung liess sich letztlich nur an ihrem praktischen Nutzen messen, daran, inwieweit eine bestimmte Auffassung dem Einzelnen die Befriedigung seiner Bedürfnisse im Leben ermöglichte.

Was waren die Folgen dieser Anthropozentrik? Der Mensch verlor an Bedeutung!

Die Folge war, dass der Mensch in seiner Welt einen bedeutsameren Rang als je zuvor einnahm. Zunehmend freier und selbstbestimmter, war er sich bewusst, in einer grösseren Welt zu leben, die andere Kulturen und Religionen als seine eigene umfasste. Er wusste um die Relativität und Formbarkeit menschlicher Werte und Sitten und um die eigene Rolle bei der Schöpfung der Wirklichkeit. Zugleich aber hatte er in der kosmischen Ordnung der Dinge an Bedeutung verloren, die, wenn sie denn überhaupt existierte, ungeachtet des Menschen und seiner kulturellen Werte ihre eigene Logik besass.

Gesellschaftlich trug diese Weltanschauung zur Verschlechterung der Lebensbedingungen – vor allem der Schwächeren – bei:

Immer wieder wurde ihr radiakler Skeptizismus gegenüber allen Werten zum Ausgangspunkt für einen explizit amoralischen Opportunismus. Studenten wurde beigebracht, wie ein Argument aufzubauen sei, um so gut wie jeden Standpunkt scheinbar plausibel zu verteidigen. … Die skrupellose Verletzung selbst grundlegender ethischer Massstäbe gehörte zu Alltag – sichtbar nicht zuletzt in der  routinemässigen und oft grausamen Ausbeutung von Frauen, Sklaven und Fremden durch den exklusiven Männerbund der Athener Bürgerschaft. … Die sophistische Lehre stellte lediglich eine Erfolgsmethode bereit, nicht die erforderliche Ordnung.

Wie finde ich die Frau fürs Leben?

Beim Abendessen erwähnte ich, dass die Wahl des Partners eine Weg-weisende Entscheidung sei.

Mein dritter meinte prompt: “Dann nehme ich diese.” Mit spitzbübischem Lächeln zeigte er auf meine Frau.

(Meine Antwort: “Mein Junge, sie ist schon vergeben.”)

Perfektionisten sind die zweitdümmsten Menschen dieser Welt

Perfektionisten sind die zweitdümmsten Menschen dieser Welt. Warum? Sie nehmen etwas vorweg, was Gott denen, die mit ihm versöhnt sind, erst in Zukunft versprochen hat. Perfektionismus gibt es auf verschiedenen Ebenen: Die einen reinigen täglich ihre Wohnung (Ordnungsperfektionismus). Die anderen verwenden täglich Stunden, um ihr Äusseres perfekt zu stylen (Körperkult). Andere wiederum streben in ihren Beziehungen die höchst mögliche Harmonie an (Beziehungsperfektionismus).

Übrigens sehe ich den Perfektionismus als Hinweis auf den Schöpfer, von dem und auf den wir hin geschaffen worden sind. Im ersten Kapitel der Bibel wird refrainartig wiederholt: Es war “gut”, was Gott schuf, die Erschaffung des Menschen war sogar “sehr gut”. Durch den Sündenfall ist etwas zerbrochen. Eduard Böhl (dt.  Theologe, 1836-1903) beschreibt es so:

Der Tod ist der Sold, der dem sündigen Erstmenschen sofort ausbezahlt wird. Es ist der Zustand, in welchem die Menschen in jedem Moment ihres Daseins des wahren Lebens aus Gott und der Seligkeit entbehren. Mit dem geistlichen Tod war zugleich der ewige Tod schon mitgesetzt. Alle Übel des Lebens sind zudem Vorboten des leiblichen Todes.