Lernerlebnis Nr. 8: Penny the Pig plays the Piano

Die Lern- und Förderpädagogik durchzieht heute schon die Kindergärten der Kleinsten:

Wächst mein Kind schnell genug heran? Bewegt es sich feinmotorisch korrekt? Nimmt seine Sprachentwicklung einen normalen Verlauf? Zahllos und unendlich sind die Sorgen der Eltern, aber schauen wir nur hin: Ist nicht oft eine merkwürdig verbissene Eigensucht dabei? Ist mein Kind vielleicht hochbegabt?, wird ein Familientherapeut oder Lernberater mindestens einmal in der Woche von Eltern gefragt. Der Kleine ist vielleicht neun, ein kleiner Rabauke, nicht besonders helle, aber nett, beisst und kneift und richtet sich nach nichts und niemandem auf der Welt – hochbegabt? Oft reichen ein knapper Blick und ein paar Säte, und man darf sich beruhigt den Eltern zuwenden: ‘Ach nein, hochbegabt ist Ihr Kind nicht, da müssen Sie sich keine Sorgen machen!’

(Wolfgang Bergmann. Warum unsere Kinder ein Glück sind. Beltz: Weinheim und Basel 2009. S. 55.)

Als Kleinkind hörte unser Ältester oft eine CD mit Kinderliedern, in der sämtliche Instrumente vorkamen. Er konnte damals nicht sagen, welches Instrument das schönste sei. Alle gefielen ihm. Zu unserem Erstaunen sagte er letzthin: “Penny the Pig plays the Piano.” Dieses Lied gefalle ihm am besten, es sei sein Lieblingslied. Er hat sich nämlich vor einiger Zeit für ein Instrument entschieden. Er kam von Oma heim und verkündete: “Ich fange an Klavier zu spielen.” Entwicklung braucht Zeit.

Eine kleine Ethik des Alltags (3)

In 3. Mose 19,3 heisst es weiter: “Meine Sabbate sollt ihr halten. Ich bin Jahwe, euer Gott.”

  • Im Rhythmus des Alltags nahm der Sabbat eine zentrale Stellung ein.
  • Der 7-Tage-Rhythmus ist die Erfindung des Konstrukteurs dieser Welt (man lese 1. Mose 2,1).
  • Der Ruhetag gilt für alle: “Du sollst an ihm keinerlei Arbeit tun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und dein Vieh und der Fremde bei dir, der innerhalb deiner Tore wohnt.” (2. Mose 20,10)

Ein Tag, um den Körper zu regenieren, um Gemeinschaft mit Gott und anderen zu pflegen: Ist das nicht eine gute Ordnung Gottes?

Das christliche Weltbild

Richard Tarnas schreibt über den Kern der Botschaft der Christen an die Welt – über den persönlich-unendlichen Gott:

Gott liebte den Menschen. Er war weder nur die Quelle der Weltordnung, das Ziel allen philosophischen Strebens, die erste Ursache alles Seienden, noch war er einfach nur der unergründliche Herrscher des Universums und der gestrenge Richter über die menschliche Geschichte. Denn mit Jesus Christus war Gott aus seiner Transzendenz herausgetreten und hatte für immer und vor aller Welt eine unendliche Liebe zu seinen Geschöpfen unter Beweis gestellt. Hier war die Grundlage für eine neue, sich auf die Erfahrung der Liebe Gottes stützende Lebensweise gegeben, deren Universalität eine neue, alle Menschen umfassende Gemeinschaft schuf.

Das Christentum ist weder individualistisch noch kollektivistisch, wie Tarnas gut herausarbeitet:

Für das Christentum besass daher zwar jede individuelle Seele ihren unvergleichlichen Wert als Kind Gottes, aber das griechische Ideal des selbstbestimmten Einzelnen und des heroischen freien Geistes verlor in diesem neuen Kontext an Gewicht gegenüber einer kollektiven christlichen Identität. Die Vorstellung eines höheren gemeinschaftlichen Selbst als Vorahnung des Himmelreiches auf Erden, begründet in der gemeinsam erfahrenen Liebe Gottes im Glauben an die Erlösung durch Christus, förderte die Zurücknahme des einzelnen Ich zugunsten einer umfassenderen Verpflichtung auf das Wohl des Nächsten und den Willen Gottes – zuweilen bis hin zur völligen Selbstlosigkeit. Auf der anderen Seite unterstützte das Christentum jedoch gerade dadurch, dass es der einzelnen Seele Unsterblichkeit und Wert verlieh, die Entwicklung des individuellen Gewissens, der Eigenverantwortung und der persönlichen Autonomie gegenüber den weltlichen Mächten – also von entscheidenden Faktoren bei der Herausbildung des westlichen Charakters.

Welche Bedeutung das Christentum für die Ethik hatte, beschreibt er ebenso zielsicher:

Mit seiner Morallehre führte das Christentum einen neuen Sinn für die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens in die heidnische Welt ein: gegen Mord, Selbstmord und das Töten von Säuglingen; gegen Massaker an Gefangenen, gegen die Erniedrigung von Sklaven und blutige Zirkusspektakel, gegen sexuelle Freizügigkeit und Prostitution; für den spirituellen Wert der Familie, für die ethische Überlegenheit von Selbstverleugnung gegenüber egoistischer Selbstverwirklichung, von weitabgewandter Heiligkeit gegenüber weltlichem Ehrgeiz, von Sanftheit und Vergebung gegenüber Gewalt und Vergeltung.

Aus: Richard Tarnas. Das Wissen des Abendlandes. Albatros: Düsseldorf 2006. S. 145-146.

Was ist der Mensch?

Das Dilemma des modernen (und ich füge hinzu: des postmodernen) Menschen ist einfach: Er weiss nicht, warum der Mensch irgendeine Bedeutung haben sollte. Er ist ohne Orientierung. Der Mensch bleibt eine Null. Dazu ist unsere Generation verdammt.

Der Mensch ist ein grossartiges Wesen, und wir haben vielleicht unsere grösste Möglichkeit zur Evangelisation in unserer Generation verspielt, weil wir nicht klar genug gesagt haben, dass es die Bibel ist, die erklärt, warum der Mensch gross ist.

Francis Schaeffer. …und er schweigt nicht. R. Brockhaus Verlag: Wuppertal 1991. S. 19+10.

Eine kleine Ethik des Alltags (2)

Die ethischen Bestimmungen in 3. Mose 19 beginnen interessanterweise mit dem 5. Gebot: “Jeder soll seine Mutter und seinen Vater fürchten.” (Vers 3)

Das Zentrum eines heiligen Lebens ist ein ehrfurchtsvoller Umgang innerhalb der Familie. Das ganze Leben ist von der Heiligung betroffen, und dies zeigt sich gerade im Umgang der eigenen Familie, den Nächsten.

Die Mutter ist vorangestellt (die griechische Übersetzung des AT, die Septuaginta, hat die Reihenfolge wieder umgedreht). Dieses Detail unterstreicht die Wichtigkeit der Mutter innerhalb der Familie. Das Verhalten, das ihr gegenüber gezeigt wird, ist ein wichtiger Gradmesser.

Längle über Viktor E. Frankl

Ein Freund hat mich auf das Interview von Alfred Längle, einem langjährigen Weggefährten Frankls, aufmerksam gemacht. Frankl hatte mit Längle gebrochen, worüber dieser sich auch im Interview äussert. Ob Frankl ein Freund des Risikos gewesen sei, wollte die Interviewerin wissen. Längle:

Frankl war sehr ängstlich, mit einem Zug zum Zwänglerischen. Um seine Höhenangst zu überwinden, das schreibt er ja in seiner Autobiografie, hat er Kletterpartien unternommen und versucht, die Angst bei den Hörnern zu packen, ihr ins Gesicht zu lachen. Er war ein ängstlicher Mensch. Einmal hatte er über Kopfweh geklagt und da besorgte ich ihm ein homöopathisches Mittel. Er hat es nicht angerührt, aus Angst, es könnte ihn vergiften. Der chemisch-pharmazeutischen Industrie hat er vertraut, aber vor etwas Unbekanntem wie der Homöopathie fürchtete er sich.

Hier findet sich das Interview der Wiener Zeitung. 

Eine kleine Ethik des Alltags (1)

3. Mose 19 liest sich wie eine kleine Ethik des Alltags. Die Aufzählung wirkt ungeordnet: Familiäre und gottesdienstliche Anordnungen wechseln sich ab mit Anweisungen, wie sich ein Israelit gegenüber Armen, Fremden und Behinderten zu verhalten habe.  Der Schlüsselsatz ist Vers 2: “Ihr sollt heilig sein, denn ich, euer Gott, bin heilig.”

In heutigem Deutsch würde ich diesen Satz so formulieren: “Lebt so, wie es mir gefällt. Richtet euren Lebensstil nach meinem Wesen und Charakter aus.” Das heisst: In 3. Mose 19 erfahren wir manches über Gottes Wesen. Wir lernen, wie wir ein Leben führen können, das ihm gefällt. Wir lernen etwas über seine Prioritäten kennen. Gottes Volk sollte im Alltag Gottes Heiligkeit widerspiegeln: In den familiären Beziehungen, im Gottesdienst, untereinander und besonders auch gegenüber Benachteiligten – Ausländern, Witwen, Behinderten. Dies wäre sichtbarer Ausdruck ihrer Zugehörigkeit und würde sie von anderen Völkern differenzieren.

In den Köpfen der Israeliten lebten damals die Bilder, die sie aus Ägypten mitgenommen hatten. So hatten sie sich ein goldenes Opferkalb gebaut und beteten es als ihren Gott an (siehe 2. Mose 32). Gott tolerierte die verzerrten Gottesbilder der umliegenden Völker nicht. Er wollte darstellen, wie er ist und wie er angebetet werden will. „Ihr sollt nicht tun, was man im Land Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt, und ihr sollt nicht tun, was man im Land Kanaan tut, wohin ich euch bringe. Und ihr sollt nicht nach ihren Satzungen leben.“ (3. Mose 18,3)

Bist du ich?

Mein Zweiter bestellte am frühen Morgen zwei “Schoppen” mit Milch. Meine Frau schüttelte den Kopf: Nein, es gibt einen – wie immer. Er fragt sie: “Bist du ich?” Sie schüttelt wieder den Kopf. Er: “Dann kannst du auch nicht wissen, ob zwei Schoppen in meinem Bauch Platz haben.”

Christlicher Hedonismus

John Piper vertritt in seinem Buch "Sehnsucht nach Gott – Leben als christlicher Geniesser" (überarbeitete Fassung "Desiring God" in englisch) eine für die meisten Christen sehr erstaunliche These: Wir leben um Gott zu verherrlichen, indem wir uns an Ihm erfreuen.

Gott wird nicht angebetet, wenn Er nicht gleichzeitig wertgeschätzt und genossen wird. (20)

Kein kantisches Pflichtbewusstsein, sondern purer Hedonismus. Denn:

Das negative Ideal der Selbstlosigkeit bedeutet nicht nur vorrangig, für andere Gutes tun zu wollen, sondern auch, selbst auf das Gute zu verzichten, als ob unser Verzicht das wichtigste ist. (19)

Gott bietet uns nicht nur Freude an, sondern er erwartet es von uns, dass wir ihn und seine Gaben geniessen, wie wir nur können. Die Art von "Vergnügen", die der christliche Geniesser anstrebt, ist die Freude, die in Gott selbst zu finden ist. Er ist das Ziel unserer Suche, kein Mittel zum Zweck.

Wie sieht Piper den Zusammenhang zwischen Ratio und Gefühl?

Wahrheit ohne Gefühl bringt eine tote Orthodoxie hervor und eine Gemeinde, die angefüllt (oder halbvoll) ist mit bekünstelten Bewunderern (ähnlich den Leuten, die mit allgemein formulierten Glückwunschkarten ihren Lebensunterhalt verdienen). Andererseits produziert Gefühl ohne Wahrheit eine leere Ekstase und oberflächliche Menschen, die sich weigern, sich einer gedanklichen Disziplin zu unterwerfen. (80)

Warum gerade ich, warum gerade hier und jetzt?

Bedenke ich die kurze Dauer meines Lebens, aufgezehrt von der Ewigkeit vorher und nachher; bedenke ich das bisschen Raum, den ich einnehme, und selbst den, den ich sehe, verschlungen von der unendlichen Weite der Räume, von denen ich nichts weiss und die von mir nichts wissen, dann erschaudere ich und staune, dass ich hier und nicht dort bin; keinen Grund gibt es, weshalb ich grade hier und nicht dort bin, weshalb jetzt und nicht dann. Wer hat mich hier eingesetzt? Durch wessen Anordnungen und Verfügung ist mir dieser Ort und diese Stunde bestimmt worden?

Blaise Pascal. Pensées. Fragment 205.