Ein Führungshandbuch aus dem 6. Jahrhundert (I)

Die Lebenszeit von Gregor dem Grossen (540-604) fiel in die für Europa wildbewegte Zeit der Völkerwanderung.  Caspar hält in seiner Papstgeschichte über Gregor den Grossen gleich zu Beginn fest:

Mit ihm hat der ‚repräsentative Mann’ eines ganzen Zeitalters den Stuhl Petri bestiegen. (Erich Caspar. Geschichte des Papsttums. Zweiter Band. J. C. B. Mohr: Tübingen, 1933. S. 306.)
Das erste Werk in seinem neuen Amt als Bischof von Rom (590/91) ist die Regula Pastoralis. Es enthält eine Art pastorales Grundsatzprogramm des neuen Papstes und ist der literarische Niederschlag der Konfrontation des zurückgezogenen Mönchslebens mit den Anforderungen des kirchlichen Dienstes.

Im ersten Teil der Abhandlung setzt sich Gregor mit den Voraussetzungen des Hirtenamts auseinander. Er befasst sich zuerst mit denen, die das Amt nicht anstreben sollten.

Als ersten Grund dafür gibt er Unerfahrenheit an. Wie bei gefährlichen Krankheiten müssten Seelenkrankheiten von qualifizierten Seelsorgern behandelt werden. Oft stünden Machtgier und Ruhmsucht als Motive dahinter:

Solche vermögen um so weniger das übernommene Hirtenamt würdig zu verwalten, je mehr sie der Stolz allein zum Lehramt der Demuth (sic!) führt.

Zweites Argument: Das Leben muss der Lehre folgen.

Das reinste Wasser trinken die Hirten, wenn sie die Ströme der Wahrheit in richtigem Verständniss (sic!) in sich aufnehmen. Aber es heisst dieses Wasser mit Füssen trüben, wenn man die Erkenntnisse heiliger Betrachtung in schlechtem Leben zu Grunde gehen lässt.

Weiter warnt Gregor vor der Gefahr der Selbstüberschätzung: Die Seelenleitung sei eine Last. Er gibt zudem zu bedenken, dass die Seelsorge leicht die innere Sammlung zerstöre. Es fehle die Beschäftigung mit dem eigenen Innern.

Auf der anderen Seite mahnt er diejenigen, die sich durch Rücksicht auf ihre eigene Ruhe vor dem Amt drücken möchten. Demut sei zwar eine wichtige Tugend, ein Berufener dürfe sich jedoch dem Ruf Gottes nicht widersetzen.

Dem Verlangen nach dem Amt nach 1Tim 3,1 stellt er die nachfolgenden Verse entgegen, welche die Verantwortung des Leiters aufzeigten. Ebenso sieht er die Gefahr, sich durch Einbildung, im Amt mehr gute Werke zu erzielen, selber zu täuschen.

Niemand kann in hoher Stellung Demuth (sic!) lernen, der in niedriger Stellung den Stolz nicht abgelegt hat.

Die Abhandlung schliesst mit der Beschreibung, über welche Charaktereigenschaften der Bewerber zu verfügen habe. Anhand der Gründe, welche im Alten Bund den Priester vom Dienst ausgeschlossen hatten (Lev 21), leitet er in allegorischer Deutung ein negatives Profil ab.

Aus: Theodor Kranzfelder. Ausgewählte Schriften des heiligen Gregorius des Grossen, Papstes und Kirchenlehrers, nach dem Urtexte übersetzt. Verlag der Jos. Kösel’schen Buchhandlung: Kempten 1873.
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