Input: Die subjektive Seite der göttlichen Offenbarung an den Menschen

Im bereits neulich zitierten Podcast “Bavincks Philosophy of Revelation” (Minuten 36-41) fassen Nathaniel Gray Sutanto und Cory Brock das Spezifikum in Bavincks Lehre der Offenbarung hin:

Es weist auf den Einfluss der Romantik auf das Denken Bavincks hin, dass wenn er von der allgemeinen Offenbarung spricht, er einerseits vom klassischen reformierten Verständnis ausgeht; nämlich dass Gott sich mit seiner moralischen Ordnung in unserem Gewissen  offenbart.  Zudem offenbart er sich durch die äußere Ordnung, die uns insbesondere auf Gottes Grösse hinweist.

Er spricht zudem von der subjektiven  Seite der Offenbarung, die den Abdruck von Gottes Offenbarung in unserem Bewusstsein hinterlässt. Dieser Eindruck auf das Bewusstsein wird eher gefühlt wird als kognitiv gedacht. Fühlen ist gemäss der in seiner Schrift “Grundlagen der Psychologie” entworfenen Darstellung eine Funktion des Denkens, keine separate Fakultät. 

Das Selbst ist also etwas, zu dem wir nicht durch den Denkprozess kommen noch durch irgendeine empirische Entdeckung. Es ist vielmehr etwas, das uns im Bereich des Gefühls, als eine Art Vorahnung gegeben bzw. offenbart ist.

Ich habe Cory Brocks zu Schleiermachers Einfluss in Bavincks Werk übrigens ausführlich rezensiert.

Input: Bavincks Begriff einer Philosophie der Offenbarung

In einem profunden Podcast “Bavincks Philosophy of Revelation” (Minuten 24-28) erläutern Nathaniel Gray Sutanto und Cory Brock den Begriff der Philosophie der Offenbarung (= Titel von Bavincks wichtiger Publikation von 1908, neu übersetzt und kommentiert). Ich habe den Auszug paraphrasiert:

Bavinck sieht die Aufgabe der Philosophie Philosophie als eine universelle Wissenschaft im Sinne der Philosophie an, die Grund, Ziele und Zwecke aller anderen akademischen Disziplinen erforscht. Alle anderen akademischen Disziplinen benötigen die Philosophie deswegen genauso wie die Theologie.

Wenn Bavinck also aus der Sicht der Philosophie den Begriff der Offenbarung beleuchtet, dann zeichnet er nicht nur nach, wie die Offenbarung in das menschliche Bewusstsein eindringt, sondern vielmehr die Art und Weise, wie Offenbarung sich auf die anderen akademischen Disziplinen auswirkt. 

Während eine Theologie der Offenbarung die Untersuchung der Offenbarung in deren dogmatischen Zügen darstellt, also was die Schrift über Offenbarung darlegt und wie diese in Bezug auf ihre Quellen dasteht, nämlich den Dreieinigen Gott, stellt die Philosophie der Offenbarung stellt eine horizontale Frage: Welche Bedeutung weist diese für die anderen Disziplinen auf?

Wenn wir also über die Philosophie der Offenbarung nachdenken, handelt es sich nicht um die Offenbarung in einem allgemeinen religiösen Sinne, die wir allein mit der Vernunft erforscht haben. Vielmehr geht es um die externalisierte Seite dieser Offenbarung, die horizontale Blickrichtung, ihre Auswirkung auf die Wissenschaften.

Er sieht den Nutzen dieser Philosophie der Offenbarung darin, unsere Erforschung der Wissenschaften zu disziplinieren. Wenn sich jemand dieser Aufgabe widmet, durchdenkt er Antworten der Offenbarung aus Sicht der biblischen Weltanschauung. Diese ergeben sich letztlich aus der Einheit der Schöpfung und der Menschheit als Produkt von Gottes Schöpferkraft. So soll das Denken diszipliniert werden, um Problemstellungen anzugehen, die in der Philosophiegeschichte stets ungelöst blieben. Egal wie fragmentiert die Realität erscheinen mag, sie findet ihre Kohärenz, ihren Fluchtpunkt in der göttlichen Offenbarung.

Input: Die verlorene Kunst des Debattierens

Von meinem Bloggerfreund Sergej wurde ich auf eine Debatte zwischen Rabbi Itkin und dem Theologen Roger Liebi hingewiesen.

Zunächst ist das Format sehr aufschlussreich. Ausgangslage ist eine klar formulierte Frage. Die Debatte besteht aus sechs Runden.

Teil I: 20 Minuten für die Darlegung der Position, mit/ohne visuelle Unterstützung
Teil II: 15 Minuten für die Widerlegung der anderen Position
Teil III: 10 Minuten für die Widerlegung der Widerlegung
Teil IV: Fragen der Zuschauer (3 Fragen für jede Seite; 2 Min für die Beantwortung, 1 Min für ein Feedback auf die Beantwortung)
Teil V: 15 Minuten für ein Kreuzverhör
Teil VI: 5 Minuten für ein Abschlussplädoyer

Dies habe ich formell und rhetorisch daraus gelernt:

  • Beginne mit dem Hauptgedanken.
  • Gliedere deine Argumentation.
  • Wer weniger lange hat, sollte keine Zeit “ausfüllen”; lieber weniger als mehr sagen
  • Es kann phasenweise chaotisch und verzettelt sein; ein Eingeständnis dessen entspannt.
  • Es hilft, eine Einordnung der Texstelle sowie des Arguments vorzunehmen (“diese Stelle gehört zu den anspruchsvollsten Abschnitten des Alten Testaments”)
  • Es zeigt sich, wie wichtig ein klares Abstützen auf tragende Textstellen ist.
  • Kennezeichne die Eng- und Wendestellen (“Abzweigungen”).
  • Es hilft Denker der Gegenposition genau zu studieren und anzuführen.
  • Fasse das Wichtigste am Schluss zusammen.

Input: Pluralität innerhalb der Kirchen

Nathaniel Gray Sutanto im Artikel “The Theology of Ethnic-Specific Churches” (Podcast):

Kuyper und Bavinck argumentierten interessanterweise, dass die Kirche eine Pluralität in sich trägt. Die Pluralität der Kirche wird dadurch bezeugt, dass die Kirche in jeder Kultur, zu jeder Zeit und in jedem Raum ihren eigenen Charakter haben wird. Wir sollten daher nicht auf die Vergangenheit schauen, als gäbe es eine Art goldenes Zeitalter für die Gegenwart. Und wir sollten nicht auf die Vergangenheit schauen und sagen, dass die Kirche wie eine bestimmte Kultur aussehen muss, auch wenn es Genf ist und wir begrüssen, was Calvin mit Genf gemacht hatte, auch wenn es das historische Israel ist. Sie argumentierten dagegen und sagten, dass die Kirche in jedem Zeitalter und zu jeder Zeit ihren eigenen, unverwechselbaren Charakter haben sollte.
Das wird deutlich, als Bavinck zum Beispiel nach Amerika kam. Er argumentierte, dass Amerika keine rosige Zukunft für den Calvinismus vor sich hätte. Amerika sei viel zu kapitalistisch, zu willensstark, zu pragmatisch, als dass es sich die Vision der Vorherbestimmung des Calvinismus zu eigen machen könne. Und doch, meinte er, sei das in Ordnung. Wir sollten nicht erwarten, dass das amerikanische Christentum wie das niederländisch-reformierte Christentum aussehe. Er erklärte sogar, dass der Calvinismus nicht die einzige Wahrheit sei, was eine sehr starke, kontroverse Aussage darstellt.
Das entspricht wirklich seinen Ansichten, noch bevor er nach Amerika kam. 1894 schrieb er einen Artikel mit dem Titel “The Future of Calvinism”, in dem er argumentierte, dass wir, wenn wir wirklich an die Freiheit der Kirchen glaubten, wir eine Vielfalt von Bekenntnissen erwarten sollten, dass die Kultur jeder Nation ein eigenes Bekenntnis hervorbringe.
Er will damit nicht ausdrücken, dass wir widersprüchliche Bekenntnisse haben sollten; doch es gibt einen gewissen Charakter, und deshalb könnte und sollte jede Kirche und jede Kirchenkultur ganz anders aussehen, und wir sollten nicht eine Kultur einer anderen Kultur aufzwingen. Er macht hier einen sehr deutlichen Unterschied zwischen dem Evangelium und der Kultur.

Input: Organische Anthropologie – die gemeinschaftliche Dimension der Imago Dei

Nathaniel Gray Sutanto zur theologischen Bedeutung eines gemeinschaftlichen (korporativen) Verständnisses der Imago Dei (hier):

Erstens: Da kein menschliches Individuum das Ebenbild Gottes vollständig zum Ausdruck bringen kann, haben menschliche Berufung und Verantwortung notwendigerweise eine gemeinsame Dimension. Im Gegensatz zu dem Individualismus, der unsere heutige Welt durchdringt – wie er in unserer Besessenheit von sozialen Medien und Superhelden-Filmen zum Ausdruck kommt – wird Gott nicht in dem Helden gesehen, der aus dem Nichts auftaucht, sondern in den Schöpfungen von Liebesbanden. Dies ergibt Sinn in Bezug auf eine Reihe von Kernaussagen in Bavincks Reformierter Ethik, wo er argumentiert, dass die Egozentrik die Wurzel der Sünde ist, die den atomistischen Individualismus verewigt, und das Heilmittel des erlösenden Wirkens des Geistes, das uns durch die Erneuerung der Bande der Liebe zueinander zur organischen Einheit zurückführt (RE I, 110, 248).

Herman Bavincks missiologischer Neffe Johan Bavinck (1895-1964), argumentiert zudem dahin, dass die Sünde oft vergessen lasse, dass wir bei den Sünden anderer eine entscheidende Rolle spielen … Eine organische Anthropologie bedeutet, die gemeinschaftlichen Dimensionen der Sünde ernst zu nehmen:

“In unserem Sündigen stehen wir nicht isoliert voneinander: Fast jede Sünde, die wir begehen, geschieht in Gemeinschaft.Zahlreiche Sünden sind von Natur aus so beschaffen. Die Sünden des Ehebruchs, des Streits und des Zankes zum Beispiel sind gemeinschaftlich begründet. Aber auch die Sünden, die individuell begangen werden, geschehen im größeren Kontext der Gesellschaft, und die Gesellschaft als solche ist der Auslöser für diese. Das ist der Grund, warum wir, wenn ein Verbrechen begangen wird, kaum eine Person vollständig für die Tat verantwortlich machen können. Unsere Rechtssysteme, die in der Regel einen Täter isoliert bestrafen, sind immer mehr oder weniger einseitig, weil sie die Rolle der Eltern, Lehrer oder Freunde dieser Person nicht berücksichtigen. Jede Sünde hat ein gewisses Maß an Gemeinschaftlichkeit, da sie ihre Wurzeln in der Gesellschaft hat. Wir sündigen nicht als Einzelne, sondern als Mitglieder unseres größeren sozialen Umfelds.” – (Johan Bavinck, Between the Beginning and the End, 60).

Zweitens und letztens sollten wir die Verschiedenheit innerhalb der Kirche feiern, denn hier werden die Menschen erlöst, damit sie die Herrlichkeit des dreieinigen Gottes widerspiegeln. Die Erlösung in Christus schafft keine Uniformität, sondern Vielfalt in der Einheit und Einheit in der Vielfalt, und zu dieser Vielfalt gehören die verschiedenen Sprachen, Völker und Nationen, die die himmlische Stadt bevölkern.

Dort wird jede Volksgruppe etwas von der Herrlichkeit Gottes und von dem, was wir als Ebenbilder sind, zum Ausdruck bringen: “Stämme, Völker und Nationen werden ihren eigenen besonderen Beitrag zur Bereicherung des Lebens im neuen Jerusalem leisten… Die große Vielfalt, die es in allen möglichen Formen gibt, wird in der Ewigkeit nicht zerstört, sondern von allem Sündhaften gereinigt und für die Gemeinschaft mit Gott und untereinander dienstbar gemacht.” (Bavinck, RD 4.727). Unsere Aufgabe hier ist es, diesen letzten Tag zu bezeugen, an dem “die Menschheit in ihrer Gesamtheit – als ein vollständiger Organismus, zusammengefasst unter einem einzigen Haupt, ausgebreitet über die ganze Erde, als Prophet, der die Wahrheit Gottes verkündet, als Priester, der sich Gott weiht, als Gebieter, der die Erde und die ganze Schöpfung beherrscht – allein sie ist das vollendete Bild, das aussagekräftigste und auffälligste Ebenbild Gottes.” (Bavinck, RD 2.576).

Was wir hier tun, sollte widerspiegeln, was wir sein werden. Wenn die Eschatologie die Ethik prägt, tun wir gut daran, diese Aufforderung ernst zu nehmen, Bande der Liebe in einer Weise zu knüpfen, die unsere geschaffene und erlöste Vielfalt würdigt.

Podcast: Modelle der Imago Dei und ihre Relevanz für unser Leben

Nathaniel Gray Sutanto fasst in rund 10 Minuten drei systematisch-theologische Modelle der Imago Dei zusammen (hier):

Wenn man sich in der zeitgenössischen theologischen Landschaft umschaut, was es bedeutet, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen zu sein, so lässt sich das typischerweise in drei Modelle unterteilen.

Das erste ist das so genannte strukturelle Modell, das besagt, dass der Begriff “nach dem Ebenbild Gottes geschaffen” in dem Sinne zu verstehen ist, dass wir eine bestimmte metaphysische Struktur haben. Was auch immer wir sonst noch darüber sagen wollen, ob wir nun den Substanzdualismus oder die so genannte holomorphe Theorie, bei der die Seele die Form des Körpers darstellt, vertreten oder die Seele als getrennt vom Körper ansehen, was die substanzdualistische Ansicht ist. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, weil wir ontologisch so beschaffen sind.

Das zweite kann als Modell der Berufung bezeichnet werden. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, weil wir eine besondere Berufung haben, nicht wie die Tiere, die Bäume, ja nicht einmal die Engel. Wir haben die Berufung, fruchtbar zu sein und uns zu vermehren. Als Ergebnis dieser Vermehrung werden Repräsentanten Gottes auf die Erde hinausgehen, Kultur schaffen und den Namen Gottes repräsentieren.

Das dritte kann als relationales Modell bezeichnet werden. Wir widerspiegeln in gewisser Weise die Trinität in unseren Beziehungen oder bilden Christus in unserer Beziehung zu ihm ab.

Was wir in der reformierten Tradition sehen ist die Weigerung, irgendeinen dieser Aspekte voneinander zu isolieren. Wenn man sich Francis Turretin, Peter van Maastricht und schließlich Bavinck ansieht, dann würden diese Autoren zusammen mit anderen in der reformierten Tradition argumentieren, dass das Ebenbild Gottes in der Tat einfach unsere metaphysische Beschaffenheit bedeuten könnte, die wir zum Beispiel als verkörperte Seele sind. Gerade weil wir im dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, haben wir eine Verantwortung für die Herrschaft, weil wir die einzigen sind, die über die Fähigkeiten verfügen, diese Dinge zu tun. Wir haben eine Beziehung zu Gott und deshalb eine Verpflichtung, diese Beziehung zu Gott aufrechtzuerhalten, so dass wir unseren Platz in der Welt immer missverstehen würden, wenn wir Gott und seinem Wort nicht gehorchen würden.

Anschliessend nennt Sutanto drei Implikationen der Ebenbildlichkeit Gottes.

Die Frage nach der Bedeutung

Einerseits wird uns gesagt, dass wir bedeutungslose Geschöpfe, Dinge, sogar Atome, die sich auf Staub reduzieren lassen, und dass es nichts Bedeutendes an uns gibt. Es gibt nichts, was uns von dem Tisch vor mir unterscheidet, denn wir sind alle aus demselben Material gemacht.

Gleichzeitig sagt uns unsere Kultur, dass wir unseren eigenen Sinn schaffen müssen, dass wir eine gewisse Verantwortung haben. In dem Moment, in dem wir diese Verantwortung verletzen, können wir entlassen werden, oder wir können verlangen, dass diesem oder jenem Leben Gerechtigkeit widerfährt.

Die biblische Diagnonalisierung dieser beiden Gegensätze bedeutet: Wir sind Staub, und deshalb sind wir demütig und abhängig. Weil wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind, haben wir eine uns innewohnende Würde, wir haben Sinn. So finden wir nicht mehr dieses Hin und Her zwischen Bedeutungslosigkeit auf der einen Seite und der fast vergöttlichenden Verantwortung, uns selbst einen Sinn zu geben.

Objektivität darüber, wer wir sind: Geist-leibliche Wesen

Die zweite Sache, die wir über das Bild Gottes sagen können, ist, dass es Objektivität in Bezug darauf gibt, wer oder was wir sind, und dass das, was wir tun, für Gott von Bedeutung ist. Unser Körper ist nicht etwas, das für uns zweitrangig ist. Wir sind keine Seelen im Gefängnis des Körpers. Der Körper ist kein bloßes Instrument unseres autonomen Willens. Unser Körper ist Teil unserer Identität. So hat der Körper eine Autorität. Wir sehen das zum Beispiel an der Art und Weise, wie wir essen und schlafen müssen. Wenn wir nicht auf unseren Körper hören, werden wir buchstäblich sterben. Unser Körper übt also eine Art Druck auf uns aus, einen autoritativen Druck. Deshalb sollten wir besser auf ihn hören. Unser Körper hat Funktionen, die nicht willkürlich sind, und es sind Funktionen, die wir anerkennen müssen, anstatt sie selbst zu schaffen.

Unausweichlich religiöse Wesen

Die dritte Sache, die wir über die Schöpfung nach dem Ebenbild Gottes sagen können, ist: Wir sind unausweichlich religiöse Wesen. Wenn wir den ausdrücklichen Glauben an den christlichen Gott wegnehmen, wird unser Sinn für das Göttliche, unser Sinn für das, was wir als Ebenbilder sind, immer noch auf andere Weise auftauchen. Wenn wir Gott nicht verehren, werden wir etwas anderes verehren, wir verehren Geschöpfe, die nach dem Bild des Göttlichen geschaffen wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass mit dem Niedergang des Christentums kein Rückgang des religiösen Glaubens zu beobachten ist, sondern die Beständigkeit des religiösen Glaubens in anderen Formen weiter besteht.

Zitat der Woche: Das Herz der westlichen Kultur

Der bekennende Kulturchrist und Agnostiker Rodney Stark (1934-2022), zu dessen Schlüsselwerk “Der Aufstieg des Christentums” (englische Ausgabe; Untertitel: “A Sociologist Reconsiders History) ich eine knappe Zusammenfassung erstellt habe, beschliesst eines seiner Folgewerke “Der Sieg des Abendlandes” mit einem Zitat aus David Aikmans “Jesus in Beijing: How Christianity Is Transforming China and Changing the Global Balance of Power”:

Zu den Dingen, die wir uns vor Augen führen sollten, gehörten die Gründe für den Erfolg oder, besser noch, die Vorrangstellung des Westens auf der Welt. Wir studierten also alles, was uns eine historische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Einsicht zu geben versprach. Zunächst dachten wir, es läge daran, dass ihr bessere Waffen besessen habt als wir. Dann dachten wir, es läge an eurem besseren politischen System. Später konzentrierten wir uns auf euer Wirtschaftssystem. Doch erst in den letzten zwanzig Jahren ist uns langsam aufgegangen, was das eigentliche Herz eurer Kultur ist: das Christentum. Aus diesem einen Grund ist der Westen so mächtig geworden. Die aus dem Christentum kommende moralische Grundierung des sozialen und kulturellen Lebens war es, was den Kapitalismus und danach den geglückten Wandel zu einer demokratischen Politik ermöglicht hat.

Input: Mein Kampf gegen die Aufmerksamkeitszersetzung

Ich kämpfe täglich gegen die Auferksamkeitszersetzung. Dieser Tweet auf Basis des Buches “Indistractable” bringt es auf den Punkt:

  • Ablenkung = Handlungen, die uns von dem, was wir wollen, wegführen. Traction = Aktion, die uns zu dem bringt, was wir wollen. Man kann etwas nicht als Ablenkung bezeichnen, wenn man nicht weiß, wovon es einen ablenkt.
  • Ablenkungen kommen meist von innen. Menschen suchen Ablenkungen, um Schmerzen zu entgehen. Die meisten dieser Schmerzen sind geistiger Natur wie Langeweile oder Frustration. Dieser mentale Schmerz lässt uns nach einer Ablenkung (soziale Medien, Videospiele, Fernsehen) greifen, um unserem Unbehagen zu entkommen.
  • Wende die 10-Minuten-Regel an. Wenn du das nächste Mal den Drang verspürst, auf dein Handy zu schauen oder dich anderweitig abzulenken… Warte 10 Minuten, bevor du nachgibst. Wenn du dir der negativen Emotion bewusst bist, kannst du sie abbauen, und wenn du 10 Minuten wartest, kannst du verhindern, dass impulsives Verhalten zur Gewohnheit wird.
  • 3 schnelle Lektionen: Uns geht die Willenskraft nicht aus. Was wir zu uns selbst sagen, zählt. Übe dich in Selbstmitgefühl.
  • Schaffe dir Zeit für Traction. Die beste Methode, sich Zeit für Traction zu nehmen, ist die “Timeboxing”-Methode. Lege fest, welche Aufgaben du erledigen wirst und wann du sie erledigen wirst. Passen Sie den Kalender so an, dass er deine Werte und Ziele widerspiegelt.
  • Entferne das Handy. Forscher haben herausgefunden, dass dein Gehirn hart arbeiten muss, um es zu ignorieren, wenn du dein Handy im Blickfeld hast. Die bloße Anwesenheit eines Smartphones kann zu einem “Brain Drain” führen. Lege es also vor der Arbeit so weit wie möglich von sich weg.
  • Verwende die 4R, um die Kontrolle über das Handy zurückzugewinnen: Remove – Replace – Rearrange – Reclaim.
  • Das Aufräumen deines digitalen Desktops hilft dir, konzentriert zu bleiben. Alte Dateien in einen Ordner oder den Papierkorb verschieben; Desktop-Benachrichtigungen ausschalten; nur Benachrichtigungen von ausgewählten Personen zulassen, z. B. von deinem Chef.
  • Teste Apps und Websites wie Forest, Focusmate oder SelfControl, um ablenkende Websites und andere potenzielle Ablenkungen auf deinem Computer und Smartphone zu blockieren.
  • Werde ein unabgelenkter Partner. Verabrede dich mit deinem Partner ohne Telefon. Kaufe eine Zeitschaltuhr, die das Internet um 22 Uhr ausschaltet. Lasse dein Telefon in einem anderen Raum, bevor du ins Bett gehst.

Podcast: Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse zum exegetischen Führer werden

Nathaniel Gray Sutanto legt in diesem Podcast systematisch-theologisch dar, warum es gefährlich ist, empirische Daten der biblischen Offenbarung vorzuordnen (ab Minute 17):

Die Idee von allgemeiner Offenbarung und spezieller Offenbarung mit derjenigen von Wissenschaft und Schriftauslegung parallel zu setzen, halte ich für einen Kategorienfehler, denn bei der allgemeinen Offenbarung geht es nicht um die Erkenntnis der Welt, sondern um die Erkenntnis Gottes durch die Welt. Was wir durch Gottes Offenbarung und Schöpfung über Gott wissen, kann nicht im Widerspruch zu dem stehen, was wir über Gott wissen. … Die Himmel verkünden also die Herrlichkeit Gottes, aber ich glaube nicht, dass die allgemeine Offenbarung die wissenschaftlichen Daten über die Welt selbst einschließt, denn die allgemeine Offenbarung handelt von Gott und nicht von der Welt selbst. Ich versuche, mit diesen Kategorien wirklich vorsichtig umzugehen, weil ich sie nicht überhöhen möchte. Denn ich denke, dass die Offenbarung Gottes über die Welt eigentlich aus einer besonderen Offenbarung stammt. Aber die Welt legt Zeugnis über Gott ab, nicht über sich selbst.

… Die Wissenschaften werden, weil sie empirisch sind und weil es Menschen sind, die die Welt studieren, immer provisorisch sein. Wenn es sich um empirische Daten handelt, sind sie per Definition immer vorläufig. Aber die allgemeine Offenbarung ist nicht vorläufig.
Die allgemeine Offenbarung lässt jeden Menschen ohne Entschuldigung zurück. Ich denke also, dass wir das wissenschaftliche Bestreben von der allgemeinen Offenbarung selbst trennen müssen, weil es sonst die Wissenschaft als eine Art selbstbestätigende, klare, durchsichtige Realität stärkt.

Im sehr hörenswerten Podcast zur Schöpfung verweisen die Diskussionpartner auf den PCA Creation Report (2000). Es lohnt sich nur schon die Abschnitte über die Kirchenväter sorgfältig zu studieren. Die OPC hat ebenfalls einen Creation Report (2004) herausgebracht. Vor einigen Jahren habe ich zudem die Publikation “Der Streit um den Anfang” (Vern Poythress) zusammengefasst.

Podcast: Wir stehen in der Gefahr, unsere eigenen Erwartungen über den biblischen Text zu stülpen

Aus dem aktuellen Podcast der RTS Washington Faculty habe ich Auszüge der Folge 170 zu Inspiration und Intepretation transkribiert:

Gilgamesch und die Bibel: Wenn ich Gilgamesch lese und erfahre, dass Gilgamesch am Rande des Ozeans auf Skorpionmänner stösst, stört mich das nicht, weil ich nicht an Skorpionmänner glaube. Wenn wir nur Gelehrte des Alten Orients wären, die den Text als Fenster in die Geschichte benutzen, und das ist alles, was uns interessiert, dann ist es wirklich egal, wenn Josua sich in Widerspruch zu Mose setzte oder Paulus eine andere Religion zu predigen scheint als Jesus. Aber dies ist nicht Gilgamesch. Dies ist Gottes Wort, Gottes heiliges Wort an uns, von dem wir glauben, dass es von Gott inspiriert ist. Es ist von Gott ausgehaucht, und aus diesem Grund ist es maßgebend, zuverlässig, und wir sollten es als irrtumslos (inerrant) verstehen.

Plenarinspiration: Wenn wir an Irrtumslosigkeit denken, verstehen wir dies oft in einer mechanistischen Weise als diktierter Text. In technischer Hinsicht bezieht sich die plenare Verbalinspiration darauf, dass jedes Wort in der Bibel von Gott inspiriert wurde. Jedes Wort in der Bibel ist genau das, was Gott uns mitteilen will, und dies bedeutet irrtumslos.

Literarische Gattungen/Textsorten: Die Bibel ist nicht wie ein wissenschaftliches Handbuch im modernen Sinne. Wenn man sich zum Beispiel die Psalmen anschaut und sich fragt, inwiefern einige der Psalmen, die poetische Literatur darstellen, buchstäblich wahr sind, und zwar auf eine Art und Weise, die sich von historischen Dokumenten unterscheidet, oder auf eine Art und Weise, die sich von den Evangelien unterscheidet, die eine antike Form der biografischen Schrift darstellen.

Beschreibung/Anweisung: Wir sollten auch die Unterschiede zwischen einer historischen Erzählung oder Beschreibung und einer normativen oder präskriptiven Aussage berücksichtigen. Dies ist wichtig, wenn wir z. B. von Salomos Polygamie lesen.

Ein neue (moderne) Lehre? Die Lehre der Irrtumslosigkeit ist kein modernes Konstrukt. Schon für Augustinus war klar: Es gibt keinen wirklichen Widerspruch in der Bibel, und es gibt keine Möglichkeit, dass Gott einen Fehler gemacht haben könnte. Entweder habe ich den Text nicht verstanden oder mir liegt eine falsche Übersetzung vor.

Unterschiedliche Autoren, ein göttlicher Autor: Es gibt eine Vielzahl menschlicher Autoren, eine Vielzahl menschlicher Propheten, die das Wort Gottes gesprochen haben. Aber die Quelle, die eigentliche Quelle, ist der Heilige Geist, der diese Menschen “getrieben” hat (2Petr 1,21). Gott nimmt diese Menschen in seiner Vorsehung mit ihren Persönlichkeiten, ihrer Geschichte, ihrem Stil und ihren Zielen. Er setzt sie ein, nimmt sie mit, begleitet sie und sorgt dafür, dass sie genau das hervorbringen, was Gott mitteilen will. Dabei behalten sie ihren eigenen Stil, ihre Persönlichkeit, ihre Geschichte und ihren Kontext. Die Bibel stellt ihre Propheten nicht so dar, dass sie in Trance fallen und einfach Worte sagen, von denen sie keine Ahnung haben, ob sie richtig sind. Sie stellt den Text nicht so dar, dass er aus dem Himmel herabfällt, ohne dass der Autor seine Hand im Spiel hat.

Gottes Offenbarung in unterschiedlichen Kontexten: Es geht darum, dass Gott sich in verschiedenen kulturellen Kontexten und persönlichen Situationen offenbart. Es gibt Zeiten des Weinens, Zeiten des Sieges, Zeiten des Feierns, Zeiten des Mangels und der Knappheit.

Dominanz der Naturwissenschaft über die Geisteswissenschaften: Wir leben in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften die universitären Disziplinen zu dominieren scheinen und die Geisteswissenschaften und die freien Künste stark an Bedeutung verlieren. Das ist eine große Gefahr, weil es Ungeduld mit alten literarischen Dokumenten und mit Primärquellen hervorruft und begünstigt. Das hat übrigens nicht nur Auswirkungen auf die Bibelwissenschaften, sondern auch auf die Philosophie. Es wirkt sich auf die Islamwissenschaft aus, denn die Leute werden Texte wie Platon und Aristoteles, den Koran oder die Bibel mit gesundem Menschenverstand und wörtlich lesen. Alles, was sie damit ausdrücken wollen, ist ihr eigenes Empfinden des 21.Jahrhunderts, was wiederum nicht kritisch hinterfragt wurde. Extremistische Ideologien finden in der Tat viel Zulauf bei Wissenschaftlern, bei ausgebildeten Technikern, gerade weil sie jetzt zum Beispiel den Koran oder die Hadithen auf ihrem iPhone lesen, ohne dass sie dafür ausgebildet wären, diese Texte zu lesen.

Direkte Ansprache in einer spezifischen Situation:  Die Bibel ist in menschlicher Sprache verfasst. Sie geht nicht darüber hinaus. Sie kommuniziert auf die Weise, wie die menschliche Sprache funktioniert. Mit all diesen Einschränkungen kann man auch nur so viel sagen, wie man sagen kann. Es geht nicht nur um die Worte und die Grammatik, sondern auch um die Linguistik, die ja bekanntlich mehr ist als nur Lexikon und Syntax. Letztlich spricht sie den Menschen an. Als forschende Theologen gehen wir wie andere Wissenschaftler auch nach Hause und werden von seiner Frau angesprochen, die einen Platz im Herzen gewonnen hat. Wenn ich in die Schrift gehe, gehe ich als Schüler zu einem Lehrer, der immer wieder bewiesen hat, dass er weiser ist als ich und mehr weiß als ich, der immer wieder bewiesen hat, dass er Dinge weiß, die ich nicht weiß, und dass er in der Lage ist, mich tatsächlich aus der Unwahrheit heraus in die Wahrheit zu führen.

Sich zuversichtlich den Fragen stellen: Gresham Machen hatte großes Zutrauen in den Text der Heiligen Schrift und die historischen Ansprüche unserer christlichen Lehre, und er war bereit, sich den schwierigen Fragen zu stellen, die gestellt wurden, weil er wusste, dass die Orthodoxie immer noch den Sieg davontragen würde. … Ich kann produktiver sein, ich kann konstruktiver vorgehen. Ich versuche nicht zu beweisen, dass der Text wahr ist. Ich versuche, die tiefere Bedeutung des Textes zu erkennen, die ich vielleicht nicht erkennen kann. Der Zugang zum Text zu erhalten ist fein, wir müssen nur klug sein und lernen, ihn zu schätzen. So kann ich ihn jetzt studieren, ohne Angst haben zu müssen, dass er meinen Glauben widerlegt.

Überhebliche oder demütige Herangehensweise:  Wenn man an Texte in der Haltung herangeht (aus anderen Jahrhunderte wie Descartes oder Spinoza), na ja, ich weiß es besser, ich bin ein moderner Mensch. Ich bin verwestlicht, warum auch immer. So werden wir nie wirklich verstehen, was diese mit diesen Texten bezwecken wollten. Du wirst nie verstehen, warum sie so einflussreich waren. Und du wirst auch nicht erkennen, wie stark du selbst indirekt von solchen Texten geprägt bist.

Demütige Haltung nicht nur bei der Bibel, sondern auch bei anderen Wissenschaftlern: Wir sollten nicht nur von ihnen denken, dass sie Idioten seien, die Gott hassen. Sondern davon, dass sie echte Fragen stellen, auf die es gut begründete Antworten gibt.