Vortrag: Nach dem Gottesdienst am Sonntag gehen sie heim und leben wie Heiden

Nancy Pearcey begleitet mich seit Jahren (siehe dieser zusammenfassende Beitrag). Ich freute mich sehr, dass sie kürzlich in der Schweiz an der Culture Shift-Konferenz sprach. Hier sind meine Notizen aus dem ersten Vortrag:

Viele Christen haben eine säkulare Sicht von Wahrheit übernommen.

  • In der Vergangenheit gingen die Menschen von einer integrierten natürlichen und geistlichen Ordnung in einem Kosmos aus.
  • Nach der wissenschaftlichen Revolution kippte diese Grundhaltung. Es gab nur noch eine zuverlässige Quelle der Wahrheit – empirisch überprüfbare Fakten.
  • Heute besteht ein Fakten-/Werte-Split, in der Metapher ein zweistöckiges Gebäude der Wahrheit: Wissenschaftliche, messbare, öffentliche zugängliche Fakten auf der unteren Etage und private, individuelle, relativistische Werte auf der oberen.
  • Die Studenten kommen aus dem Studium und haben diese Zweiteilung internalisiert.
  • Eine christliche Perspektive auf Politik oder Pädagogik in der Öffentlichkeit zu werfen, wird deshalb auf dem Marktplatz der Meinungen zurückgewiesen: Der erste Stock hat im Parterre nichts zu suchen.
  • Religion ist wie ein Roman: Sie kann Vergnügen bereiten und Sinn machen, auch wenn sie nicht wahr ist. Die Überzeugungen sind willkürlich, geschaffen für die emotionalen Bedürfnisse.
  • Die eine Seite (die säkulare Leitreligion) verfügt über die Fakten, das Christentum über Vorurteile.
  • Das säkulare Verständnis von Werten legt den Schwerpunkt auf die Tätigkeit: Was eine bestimmte Gruppe bevorzugt.
  • Die Fakten werden die Werte sowieso übertrumpfen; es sind private Emotionen, so teuer sie dem Einzelnen erscheinen und er beteuert, diese doch zu respektieren.
  • Das Herz für die Religion, das Gehirn für die Wissenschaft – wie sollen Christen lernen ihren Gott mit ihrem ganzen Verstand zu lieben?
  • Fazit: Bevor wir uns der Wahrheitsfrage bezüglich Christentum zuwenden, müssen wir die Frage nach der Wahrheit an sich klären.

Beispiele der Auswirkung dieses zweigeteilten Denkens bei bekennenden Christen

  • Student: Evolutionslehre beeinflusst den Glauben nicht – weil der Glaube nichts mit Verstand zu tun hat.
  • In einem Magazin schreiben College-Studenten über Glaubenserfahrungen, auf der nächsten Seite über sexuelle Erfahrungen. Das eine ist unverbunden mit dem anderen.
  • Bekehrungserfahrung im mittleren Leben; doch: in einem christlichen Dienst nutzte er statistische Tricks, um Spenden zu sammeln.
  • Fazit: Viele haben keine Idee, wie sie den Glauben auf verschiedene Felder ihres Lebens anwenden können. Warum sollte ein Glaube interessieren, der keinen Einfluss auf 9 Zehntel unseres Lebens hat?

Josh McDowell (* 1939) bemerkte einen deutlichen Wandel in den Fragen der Studenten. Während früher nach Evidenz für die Gottheit Jesu oder seine Auferstehung gefragt wurde, sind solche Fragen völlig von der Bildfläche verschwunden. Das Christentum ist in der oberen Etage untergebracht. Deshalb lautet eine aktuelle Frage der Studenten: Wie kann der christliche Glaube mir etwas über mein Sexualleben vorschreiben?

Christliche Weltanschauung meint: Es gibt keine Zweiteilung. Wahrheit ist immer noch ganzheitlich und integrativ. Wir müssen mit der Lehre der Schöpfung beginnen. Die erste Ansprache Gottes an den Menschen war sein Auftrag an sie: Das kulturelle Mandat. Das ist ihr “Purpose” – er hat mit dem Sündenfall nicht aufgehört. Wir warten nicht nur auf die nächste Welt!

Das Christentum ist in vielen Weltteilen auf den Vormarsch, etwa in Afrika. Auch dort gilt: Zwar wird den Menschen gelehrt, dass sie ihre Sünden bekennen sollen; doch wie hängt dies damit zusammen, eine gerechte Nation zu bauen? Menschen beten, um nachher den lokalen Schamanen aufzusuchen. Es geht um Seelenrettung, nicht um das gesamte Leben. “Wenn wir ein neues Afrika wollen, brauchen wir eine neue Form des Christentums.”

E21-Konferenz: Wie sich die Bedeutung Mensch zu sein verändert hat

Carl Trueman, Verfasser der wichtigen Werke “Der Siegeszug des modernen Selbst” und “Fremde neue Welt” hat an der diesjährigen E21-Konferenz einen sehr anschaulichen Vortrag “Wie sich die Bedeutung Mensch zu sein verändert hat” gehalten.

Der emotionale Ausgangspunkt für manche Christen tönt zusammengefasst so: Die grosse Versuchung für uns Christen besteht darin hoffnungslos zu werden. Es gilt Hoffnung zu fassen ohne unzulässig zu vereinfachen.

Zwei Schlüsselbegriffe werden verwendet:

  1. Soziales Vorstellungsschema: Unser Umgang mit der Welt fusst nicht in erster Linie auf Argumenten, sondern ist viel intuitiver. Er basiert auf Kontakten, medialen Impulsen und sozialen Gewohnheiten.
  2. Anerkennung: Was braucht es um ein anerkanntes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein?Die aktuellen gesellschaftlichen Regeln widersprechen denen der Anerkennung in der Kirche immer stärker.

Um die Problematik zu verdeutlichen, unternimmt Trueman ein historisches Gedankenexperiment: 

Standort 1: Köln 1248 (Beginn Bau Kölner Dom)
Lebensmerkmale: fixer Jahresablauf der agrarischen Gesellschaft; fixer Bezugsrahmen von max. 40 km; in derselben Kirche getauft, vermählt und begraben; dieselben Familien und Nachbarn; beruflicher Weg vorgegeben. Der Kampf mit der Identität existierte damals schlichtweg nicht. Die Grundsteinleger des Kölner Doms hätten nicht im Traum daran gedacht, dass es um sie selbst gehe.

Standort 2: Christoph Froschauer, Drucker und “Techguru” von Zürich im Jahr 1522. Angehöriger einer kontroversen Gilde; häretische Traktate zu veröffentlichen war ein gefährliches Leben. Die Schweizer Reformation begann mit einem Wurstessen während der Fastenzeit. Sie setzten sich über die Autorität der Kirche hinweg. Seine Männer brauchten das ganze Jahr über Kohlenhydrate, Drucken war eine anstrengende Arbeit. Froschauer, ein Städter, gewann!

Die Wirtschaft und der Lebensrhythmus einer Stadt ist vollständig anders. Der Ort wird weniger starr; der Bezugsrahmen erweitert sich (viele ziehen in die Stadt); die Zeit wird nicht mehr von den Jahreszeiten bestimmt. Die Technologie erweckte den Eindruck, dass Menschen die Kontrolle haben. Es wird möglich, einen Beruf als Gesellen bei einem Handwerksbetrieb zu lernen. Die Gemeinschaft in der Stadt ist gänzlich anders. 

Beziehen wir dies auf die Frage: Wer bin ich? In Zürich des 16. Jahrhunderts ist dies viel anspruchsvoller geworden. Die Antwort beginnt von den individuellen Entscheidungen abzuhängen. Die Antwort scheint in der Reichweite eigener Kraft zu sein. 

Standort 3: Hamburg im Juni 2024. Der Ortsbegriff ist sehr fluide geworden; vor 48 h war der Vortragsredner Trueman selbst noch 8000 km entfernt gewesen. Die Zeitvorstellung ist zunehmend bedeutungslos. Dank Technologie können wir vieles sofort umsetzen. In 20 Jahren hat sich im Hamburg des 21. Jahrhunderts mehr verändert als in Köln zwischen 13. und 15. Jh. Im Jahr 2000 hatte noch niemand ein Smartphone. Die Welt ist im Fluss, chaotisch. Es gibt wenige externe Konstanten, die festlegen, wer wir sind. 

Das bedeutet: Wenn alles Äussere im Fluss ist, sind wir gezwungen nach innen zu schauen. Dies scheint die einzige Konstante zu sein.  Hartmut Rosa meinte dazu: Die Druckerpresse führte zu 150 Jahren Konflikt in Europa und seiner Neustrukturierung. Heutzutage wird die Druckerpresse quasi jährlich neu erfunden. Wir können uns kaum an Neuerungen gewöhnen, bis die nächste hinzukommt. Wir haben das Gefühl eines konstanten Kontrollverlusts. Wir müssen ständig auf den neusten Stand kommen. Wir sind deshalb orientierungslos. Die fixen Marker entgleiten uns andauernd. Die Menschen versuchen neue Wege zu finden, um ihre Zugehörigkeit zu definieren.

Buchhinweis: Stadien der geistlichen Entwicklung bei C. S. Lewis

Norbert Feinendegen, dessen Dissertation “Apostel der Skeptiker: C. S. Lewis als christlicher Denker der Moderne” ein scharf umrissenes Bild zeichnet, hat nach langjähriger Arbeit mit einer geistlichen Biografie “C. S. Lewis: Überrascht von Gott: Wie der große christliche Denker zum Glauben fand”. Die mit grösster (deutscher) Sorgfalt unter Berücksichtigung bislang unveröffentlichter Quellen erstellte Arbeit besticht durch eine klare Sprache. Feinendegen, der selbst Philosophie studiert hat, erklärt philosophische Positionen mit bewundernswerter Präzision. Lewis durchlief nacheinander folgende Stadien (S. 276ff):

MaterialismusEs gibt weder Gott noch die menschliche Seele. Es hat nie etwas existiert oder wird jemals existieren außer sinn- und ziellosen atomaren Prozessen in Raum und Zeit. Unser Bewusstsein ist ein zufälliges Produkt dieser materiellen Prozesse und daher selbst bedeutungslos, auch wenn es uns subjektiv anders erscheint .
RealismusDie Grundprinzipien von Logik, Ethik und Ästhetik sind rationale Intuitionen, die jedem vernunftbegabten Wesen unmittelbar einleuchten.
Absoluter IdealismusWas wir mit den Sinnen wahrnehmen ist die Projektion eines göttlichen Geistes in die Welt der Erscheinungen hinein. Die Herrlichkeit des Absoluten verbirgt sich vor unseren Blicken hinter dem «Vorhang der Sinne».
Subjektiver IdealismusDas Göttliche ist nicht bloß ein abstraktes geistiges Prinzip, sondern eine konkrete Realität, die sich am besten in Analogie zu einer menschlichen Person beschreiben lässt.
TheismusGott hat mit der Welt etwas geschaffen, das nicht er selbst ist, mit dem er aber eine Beziehung will.
ChristentumGott hat die Welt geschaffen und will eine Beziehung mit uns, weil er in sich Beziehung ist. Er wurde in Jesus Mensch.

Interview: C. S. Lewis’ Weg zum Glauben

Fabian Grassl hat sich mit dem Lewis-Spezialisten Feinendegen unterhalten.

Zur Lewis-Faszination

(Minute 5) Joseph Pieper im Nachwort zu seiner Übersetzung “Über den Schmerz”) Er kennt keine Schrift im zeitgenössischen philosophischen theologischen Schrifttum, die so ernsthaft und zugleich so heiter und auch so tiefgründig über die wichtigsten Fragen des Menschseins spricht.

(Minute 7)  Bei den Büchern von Lewis fühlt man sich wie zu einem Gespräch eingeladen. Man fühlt sich nicht belehrt und von oben herab behandelt. Lewis schafft es den Leser abzuholen und auf Augenhöhe zu kommunizieren. … Er ist bewusst mit Sprache umgegangen ist. Er suchte sehr intensiv nach der passenden Sprache, um seinen Zeitgenossen den Glauben wieder nahe zu bringen – in einer Sprache, die von ihnen verstanden werden kann.

Zur Sehnsucht

(Minute 21ff) Gott hat nichts gegen die Freude, schliesslich hat er sie ja erfunden. Ja, er ist der Quell der Freude. Der Kern all unserer Freuden ist christlich verstanden letztlich eben die Gemeinschaft mit ihm. … Lewis spricht von einer Sehnsucht (Longing) als etwas, das sich auf ein Objekt ausrichtet;  von dem er einfach nicht wusste,  was diese darstellt und wem sie gilt. Obwohl sie nicht erfüllt war, empfand er sie als wertvoller als jegliche andere Erfüllung. Er hat manche mögliche Erfüllung durchprobiert, etwa die Sexualität oder (ganz kurz) das Okkulte. Er stellte fest: Das ist es nicht. Sie erwies sich als etwas Wertvolleres als jegliche irdische Erfüllung. … Wenn in der Welt der Sinne, also des körperlich Erfahrbaren nichts als Objekt dieser Sehnsucht gefunden werden kann, dann muss es etwas jenseits dieser Welt sein. … Letztlich ist es – in Anlehnung an den ontologischen Gottesbeweis – das, worüber hinaus nicht Grösseres gedacht werden kann.

Gott als Einmischer

(Minute 33ff) Durch seine Situation zu Hause (mit einem emotional übergriffigen Vater) und in der Schule (Internat mit tyrannischem Vorsteher) entstand bei Lewis der Wunsch, möglichst wenig Einmischung in sein Leben von außen zu ertragen. Der Gedanke, jetzt noch einen himmlischen Vater zu haben, der genau dasselbe noch einmal tut – der nämlich mit den ganzen entsprechenden moralischen Ansprüchen kommt, wie man sich zu verhalten hat oder wie auf keinen Fall; der Gedanke, dass man hier auf Erden sozusagen ständig diese Einmischungen zu erleben hat und dann noch jemanden, der mit noch viel mehr Macht über einen ausgestattet ist, war ihm unerträglich. Mit dieser Erfahrung spricht Lewis viele Menschen an. Viele sehen Gott als den grossen Einmischer, den Polizisten mit erhobenem Zeigefinger, der eigentlich nur darauf wartet, dass wir einen Fehler begehen; der uns sagen möchte, was wir zu tun und zu lassen haben.

(Minute 36) über Lewis’ Abwendung in der frühen Adoleszenz nach einer Phase mit starkem religiösem Leistungsdruck) Es war für ihn eine große Erleichterung, als er diesen Kinderglauben, der ja mit vielen zwanghaften Vorstellungen verbunden war, abgelegt hat und Atheist wurden. Nu war er frei, ja autonom Gott gegenüber. Deshalb weil eben dieser Wunsch nach Autonomie nach Selbstbestimmung so stark bei ihm gewesen ist, ist es umso spannender zu verfolgen, wie er dann später doch wieder zu einem personalen Gott zurückgefunden hat; entdeckte, dass wir unsere wahre Freiheit eigentlich erst in der Beziehung zu Gott finden.

Input: Bibellektüre – doppelt genäht hält besser

An verschiedenen Orten habe ich über eigene Erfahrungen und hilfreiche Werkzeuge zum Bibelstudium gebloggt. Die wichtigsten Links sind im Beitrag Gewohnheiten über Jahrzehnte – tägliche Bibellektüre zusammengestellt.

Zur Zeit folge ich dieser Gewohnheit:

Input: Staatsethik bei Plato

Die Vorlesungen von David Roochnik zum antiken Schlüsselwerk “Der Staat” bringen die Ideen zum Staatswesen – der absolut gesetzt wird – auf knappem Raum auf einen Nenner.

Die vier antiken Kardinaltugenden, angewendet auf das Staatswesen: Die Stadt ist…

1. weise, weil sie durch das Geschick der Wächter regiert wird (428d).
2. mutig, weil die Soldaten jede Gefahr ertragen, um den Befehlen ihrer Anführer zu folgen (430a-c).
3. gemäßigt, weil alle Bürger ihre Wünsche zurückhalten, um den Befehlen ihrer Führer zu folgen (431a-d).
4. gerecht, denn jeder der Bürger „kümmert sich um seine eigenen Geschäfte“ (433b).

Jeder Bürger übt die Tätigkeit aus, für die er am besten geeignet ist.

1. Goldene Bürger, die Wächter, müssen herrschen.
2. Die Bürger mit Silberseelen, die Hilfskräfte, müssen den Herrschern helfen.
3. Die Bürger mit den Bronzeseelen werden zu „Arbeitern“, die lediglich Befehle befolgen.

Der vollkommen gute Mensch ist, wie die vollkommen gute Stadt, weise, mutig, maßvoll und gerecht (441d-444a).

1. Er ist weise, weil seine Vernunft ihn beherrscht.
2. Er ist mutig, denn sein Geist ist der treue Verbündete seiner Vernunft ist.
3. Er ist maßvoll, weil seine Wünsche dem Diktat der Vernunft gehorchen.
4. Er ist gerecht, weil jeder Teil seiner Seele „sich um seine eigene Sache”.
5. Der gerechte Mensch „arrangiert sich, wird sein eigener Freund und harmonisiert die drei Teile, genau wie drei Noten in einer harmonischen Tonleiter“ (443d).

Die Familie wird faktisch abgeschafft und durch Kommunen-artige Gemeinschaften ersetzt.

Den Vormündern ist es nicht gestattet, Privateigentum zu besitzen. Sie haben keine Privatwohnungen, sondern leben gemeinschaftlich. Auch Frauen und Kinder werden in Gemeinschaft gehalten (423a). Mit anderen Worten: Die traditionelle Familie wird abgeschafft. Die Rechtfertigung dafür ist, dass das Ziel der idealen Stadt von Sokrates im Glück und Wohlergehen der ganzen Stadt, nicht das einer einzelnen Gruppe, bestehen.

1. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Gemeinwesen liegt darin, dass die Bürger ihre eigenen Interessen mit den Interessen der Stadt identifizieren.
2. Eine private Familie zu haben, schafft doppelte, einander widersprechende Loyalitäten bei den Bürgern.
3. Die Abschaffung der Familie ermöglicht es den Bürgern, sich in erster Linie in erster Linie mit der Stadt zu identifizieren.

Input: Sokrates’ Medizinethik

Die ausgezeichneten Vorlesungen von David Roochnik zum antiken Schlüsselwerk “Der Staat” fassen die zentralen Ideen gut zusammen.

Die wesentlichen Elemente der „medizinischen Ethik“ des Sokrates sind folgende (Lektion 7, Kursbuch S. 24f):

  • Krankheiten, die durch „Müßiggang“ verursacht werden, sollen nicht behandelt werden. Nur Wunden und einfache, heilbare Krankheiten dürfen behandelt werden. (405d)
  • Die „gegenwärtige Kunst der Medizin ist eine Erziehung zur Krankheit“ (406a)
  • In der gerechten Stadt hat „niemand die Muße, ein Leben lang krank zu sein“ (406c)
  • Die Medizin sollte „diejenigen behandeln, deren Körper in gesundem Zustand ist aber eine bestimmte und eindeutige Krankheit in sich tragen“ (407d)
  • Die Medizin sollte weder „durch und durch kranke Körper“ behandeln
  • (407d), noch solche mit „einem von Natur aus kränklichen Körper“ (408a)
  • Diejenigen, die als untauglich für eine Behandlung erachtet werden, sollen sterben dürfen.

Sokrates hat radikale Ansichten:

  • Er bestreitet, dass es einen allgemeinen Zugang zur medizinischen Versorgung geben sollte.
  • Er bestreitet, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung ein Recht ist.
  • Er würde Euthanasie befürworten.
  • Er bejaht die Praxis der Eugenik und der Abtreibung.
  • Er drängt auf eine rationale Verteilung der medizinischen Ressourcen.
  • Diejenigen, die am meisten zum Wohlergehen der Stadt beitragen können, verdienen es, dass ihnen die meiste medizinische Aufmerksamkeit zuteil wird.
  • Kritiker von Platon, darunter Karl Popper, haben der Republik vorgeworfen eine Blaupause für den Totalitarismus zu sein.

Sokrates’ radikale Ideen sollten uns – so Roochnik – dazu zwingen, über unsere eigenen Annahmen zu reflektieren.

  • Wir sind Egalitaristen und glauben, dass alle Menschen von Natur aus gleich sind.
  • Wir glauben an natürliche Rechte. Dies ist die Grundlage für die Gleichheit der Menschen.
  • Alle Menschen haben das Recht auf Freiheit und Würde.
  • Wir bejahen, dass das Leben an sich gut ist. Sokrates ist da anderer Meinung: Nur ein gutes Leben ist gut.

Predigt: Der alte und der neue Kampf

Die Predigt von Timothy Keller zu Römer 7 (1997) ist sehr hilfreich.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen den Kämpfen zu verstehen, die wir haben, bevor und nachdem wir Christen geworden sind. Christsein bedeutet nicht, dass wir vom Kampf zum Frieden übergehen, sondern dass wir von einem Kampf, den wir nicht gewinnen können (7-13), zu einem werden, den wir nicht verlieren können (14-25).

Zum Kampf, den man nicht gewinnen kann: Das Gebot „Du sollst nicht begehren“ zeigt, wie das Verlangen nach mehr und mehr zur Sünde führen kann. Dieses Verlangen kann negative Gefühle wie Ärger, Bitterkeit und Angst hervorrufen. Es ist wichtig, diesen inneren Kampf zu erkennen und zu sehen, wie das Gesetz unsere verborgenen Begierden und moralischen Fehler als Teil unserer christlichen Reise aufdecken kann.

Zum Kampf den man nicht verlieren kann: bei den Christen findet der Kampf zwischen unserer sündigen Natur und dem Geist statt. Der Glaube an das Opfer Jesu Christi verändert unsere Beziehung zum Gesetz und macht es zu etwas, das uns hilft, Gott zu lieben, statt zu einer Last zu werden. Als Christen können wir sicher sein, dass dies ein Kampf ist, den wir nicht verlieren werden, eine tröstliche Wahrheit, die mehr Beachtung und Verständnis verdient.

Sam Storms hat eine überzeugende Exegese für dieses schwierige Kapitel geschrieben; hier äussert er sich zu den beiden Sichtweisen (Paulus vor bzw. nach seiner Bekehrung).

(Vor der Bekehrung) Das „Ich“ ist nicht Paulus selbst, sondern eine stilistische Form, die ein lebendigeres Bild ergibt als unser farbloses „man“. Es ist also Paulus’ Analyse der menschlichen Existenz außerhalb des Glaubens, entweder aus der Sicht des Nichtchristen selbst oder aus der Sicht des Christen, in diesem Fall Paulus. … (Douglas Moo) ‘Insbesondere denke ich, dass Paulus aus seinem christlichen Verständnis heraus auf die Situation zurückblickt, in der er selbst und andere Juden wie er unter dem Gesetz des Mose lebten. . . . In den V. 14-25 schildert er seinen eigenen Zustand als Jude unter dem Gesetz, aber, was noch wichtiger ist, den Zustand aller Juden unter dem Gesetz.’

(Nach der Bekehrung) Erstens kann man das „ich“ in diesem Absatz am ehesten als einen autobiographischen Bezug zu Paulus verstehen. Er verwendet „ich“ oder „mich“ oder „mein“ ungefähr 40 Mal in diesem Text!

Zweitens wechselt Paulus von der Vergangenheitsform in V. 7-13 zur Gegenwartsform in V. 14-25. Mit anderen Worten: Was in den V. 7-13 wie ein vergangenes, nichtchristliches Zeugnis klingt, wird in den V. 14-25 zu einem aktuellen, christlichen Zeugnis.

Drittens: Wenn es sich bei dem Kampf in V. 14-25 um Paulus’ Erfahrung vor seiner Bekehrung handelt, würde dies im Widerspruch zu dem stehen, was er an anderer Stelle über sein Leben als Pharisäer sagt (Philippe 3,6).

Viertens: Beachten Sie, was Paulus dem Menschen oder dem „Ich“ in Römer 7 zuschreibt, Aussagen, die meiner Meinung nach nur ein wiedergeborener Christ sagen kann:

  • “Ich habe Lust an dem Gesetz Gottes.” (V. 22)
  • Das „Ich“ von Römer 7 hasst das Böse und will das Gute tun (V. 15).
  • Es stimmt mit dem Gesetz Gottes überein und erkennt es als gut an (V. 16).
  • Nach V. 17 identifiziert sich Paulus mit jemandem, der mit dem Gesetz Gottes übereinstimmt, und scheint sich von der begangenen Sünde zu distanzieren. Er weist die Verantwortung für die Sünde, die er begeht, eindeutig der ihm innewohnenden Sünde selbst zu. Könnte ein nicht wiedergeborener, ungläubiger Mensch dies von sich sagen?
  • Er gesteht seine angeborene Verderbtheit ein (V. 18).
  • Er will das Gute tun (V. 18, 21).
  • Er will nicht Böses tun (V. 19).
  • Er stimmt freudig mit dem Gesetz Gottes überein (V. 22; vgl. Ps. 119,97).
  • Er fühlt sich von seiner Sünde gefangen und an sie gekettet (V. 23).
  • Er bekennt seine Erbärmlichkeit (V. 24).

Input: Veränderungen in den Grundparadigmen der Beratung

Rund 20 Jahre nach meiner ersten Coachingausbildung begab ich mich in alte Gewässer und wollte erfahren, wie gestandene Berater (wie Rolf Balling oder Erich Hartmann), die vor Jahrzehnten das Business-Coaching im deutschen Sprachraum mit etabliert und viele grosse Industrie- und Dienstleistungskonzerne beraten haben, heute die Entwicklung sehen und die Veränderungen der letzten Jahre kommentieren. Dieser These stimme ich uneingeschränkt bei:

Der alte Befreiungsimpetus, der seit Mitte des 20. Jahrhunderts wirksam die Autonomie- und Befreiungsbewegung (vor allem der Humanistischen Psychologie) getragen hat, ist an sein Ende gekommen. Beratung bedeutet heute vor allem Orientierungs-, Kuratierungs- und Empfehlungsarbeit.

Ebenso sehe ich heute eine viel grössere Offenheit zur Einflussnahme im Gegensatz zu der damals heiligen Kuh “Beratung ohne Ratschlag”. Beratung ist stets Einflussnahme. Wir haben es heute im Business mit informierten, beratungs-erfahrenen Klienten zu tun.

Bezüglich Dilemmata gehe ich ebenfalls weitgehend mit. Es gilt sie auszuhalten, Möglichkeiten abzuwägen und zu einer entschiedenen Haltung ohne nachträgliches Zaudern und Klagen zu kommen:

Dilemmata können uns bescheiden machen. Sie führen uns in Suchprozesse, an unsere Grenzen; und häufig schenken sie uns die Gelegenheit, unseren ‚Frame of Reference‘, unsere Sicht der Welt, zu überprüfen und zu erweitern. 

… Es bleibt die situative Unmöglichkeit, zwei uns wichtigen Werten und/oder Zielen, gleichzeitig und ohne Abstriche gerecht zu werden. 

… Dilemmata sind wie ein schwarzes Loch oder wie der Minotaurus im Labyrinth von Kreta. Sie können uns einfangen und einsaugen. Angeraten ist es da, Abstand zu wahren und sich bei kreisender Annäherung anzuseilen.

Übrigens habe ich vor Jahren einige weltanschauliche Einordnungshilfen zur Transaktionsanalyse zusammengestellt.

Buchhinweis: Die Geschichte der Beratung

In einer spannenden dreiteiligen Folge (Antike/Mittelalter, Aufklärung/Moderne, Postmoderne) führt der Berater Sascha Weigel im Gespräch mit dem Autor Heiko Wandhoff “Was soll ich tun?” durch die jahrtausendealte Geschichte der Beratung. Hierzu muss ich anfügen: Ich kann an manchen Ort lernen, auch wenn ich weltanschaulich zu anderen Schlussfolgerungen gelange. Dies trifft vor allem auf den dritten Teil zu, wo die Person-Konzepte aus systemisch-evolutionärer Sicht hergeleitet werden.

Die Fähigkeit des Ratgebens war neben der Fähigkeit zum Kämpfen eine der Haupttugenden in der Antike; im Mittelalter waren die Hof- und Reichstage zunächst unregelmäßig, an wechselnden Orten, ein Herrschaftsinstrument des Kaisers, später ein Verfassungsorgan, an dem man teilnehmen durfte und als ständisch-korporatives Organ Keimzelle des Parlamentarismus. Oftmals wurde in der Öffentlichkeit inszeniert, was vorher schon im Geheimen ausgehandelt worden war.

Eine neue These war für mich zudem die durch die Aufklärung aufgekommene Beratungsskepsis. Der Selbstberatungsimperativ der Neuzeit führt zur Abwertung von Fremdberatung (Nachfragen = Unfähigkeit zur Selbstreflexion?); dafür wurde die Selbstberatung betont. Interessanterweise führte dies parallel zum Aufkommen der Beratungsliteratur, die sich ja bis heute ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Ein dritter fruchtbarer Gedanke war der Beratungsmangel in Not-Zeiten der grossen Umstellung, nämlich der Industrialisierung. Dies zeigt sich ja auch in gegenwärtigen Konflikten wie z. B. zwischen Russland und der Ukraine. Die zahllosen traumatisierten Menschen mangelt es an ausgebildeten Gesprächspartnern.