10 Hinweise … zu einer katechetischen Corona-Alternative

Ich empfehle als Gegenpol zur intensiven Katechese der Medien die Beschäftigung mit dem Heidelberger Katechismus.

  1. Kein Mensch ohne (unbewusste) Katechese: Womit bin ich (unter-/ge-)füttert?
  2. Der Ursprung: (Biblisches) Analphabetentum
  3. Der Antrieb: Die wichtigsten Stücke des Glaubens, gesammelt von einer bedrohten Minderheit
  4. Die Einbettung: Der Katechismus ist Teil einer Kirchenordnung.
  5. Die Ersteller: Drei Autoren (Fürst, Hofarzt, Universitätsdozent); drei wichtige Beeinflusser (Luther, Calvin, Bullinger); eine Hauptquelle, nämlich die Bibel
  6. Die Struktur: Elend – Erlösung – Dankbarkeit
  7. Die Schwerpunkte: Apostolisches Glaubensbekenntnis – Zehn Gebote – Vaterunser; der Hintergrund zur ausführlichen Lehre der Sakramente
  8. Die Ersatzinstitutionen: Der ohne Gott denkende und handelnde Mensch entwickelte eine Reihe von Ersatzhandlungen und -festen.
  9. Die Aktualisierung: Der objektiv in Worten zu fassende Glaubensschatz soll in jeder Generation aktualisiert und angewandt werden.
  10. Die Vertiefung: Es empfiehlt sich den Kommentar von Thelemann (trotz Frakturschrift) und Ursinus(englisch) zu konsultieren.

Ich habe diese 10 Hinweise in einer Videoandacht (32 Minuten) kommentiert.

Zu meiner Podcastserie (bisher 60 Folgen) geht es hier.

10 Hinweise … zum inneren Jäten bei Neigung zu Verschwörungstheorien

Diese Tage sind ein besonders guter Nährboden für das Unkraut von Verschwörungstheorien. Ein befreundeter Arzt schreibt: «Dies ist genau der Zeitpunkt an dem schon immer der Typus Dr. Wichtigtuer an seinem Stammtisch auf offene Ohren gestossen ist. Das Problem heute ist, dass die reichweitenschwachen Dr. Wichtigtuer auf den Plattformen der Verschwörungs-Influencer dramatisch hohe Reichweiten generieren.»

Ich bin gefragt worden, wie ich damit umgehe. Ich befrage mich selbst:

  1. Was ist der Kern der Theorie in wenigen Sätzen, so dass es ein achtjähriges Kind versteht?
  2. Woher habe ich diesen Gedanken?
  3. Welche Quellen werden bei meiner Bezugsquelle genannt?
  4. Was spricht mich besonders an? (Welche Ängste werden adressiert?)
  5. In welcher Situation befinde ich mich (familiär, beruflich, kirchlich, politisch)? Welche Enttäuschungen habe ich zu verkraften?
  6. Welche spekulativen Elemente enthält die Theorie?
  7. Wieviel Zeit investiere ich? Wovon lenken mich diese Gedanken ab?
  8. Wie könnte ich diese Zeit und Energie in andere investieren?
  9. Wie könnte das Evangelium auf die Gesetzesbotschaft der Theorie angewendet werden? Welche Hoffnung entsteht, die Kraft für den heutigen Tag verleiht?
  10. Wie begegne ich Menschen, die mich von den Gedankengängen überzeugen wollen (inneres Erschrecken vs. lächerliche Handbewegung)?

10 Hinweise … für Väter im Home Office

Dies sind 10 Fragen, die ich mir als Leiter der Familie täglich stelle:

  1. Von wem habe ich heute mein Glück und meine Zufriedenheit erwartet?
  2. Merkten die anderen meinem Leben an, dass ich vom Hier und Jetzt nicht alles erwarte?
  3. Gab ich meinen Kindern den Eindruck, dass ich für ihre Zufriedenheit verantwortlich bin?
  4. War ich bei den entscheidenden Konfliktstellen vor Ort (oder habe ich mich hinter meinen Laptop verkrochen)?
  5. Haben meine Kinder einen wesentlichen Beitrag für das Familienleben beisteuern können? Wie könnte ich ihre Potenziale noch besser fördern?
  6. Welche älteren und einsamen Personen haben wir als Familie im Auge? 
  7. Wertschätze ich meine Frau genügend? Habe ich sie heute gelobt?
  8. Habe ich meine Seele mit Werthaltigem gefüttert? Was sind meine Bezugsquellen?
  9. Wie kann ich meine (Existenz-)Angst produktiv nutzen?
  10. Was ist aktuell mein grösster Trägheitspunkt? Weshalb?

10 Hinweise … für schlechten Fernunterricht

Alleine vor dem Gerät lernen? Die fehlende physische Präsenz verlockt zur Inkonsequenz; das heisst natürlich nicht, dass dies im Präsenzunterricht grundsätzlich anders wäre.

Vorher

  • Ich verschlafe den Anfang (einmal, dann immer öfter).
  • Ich beginne erst gar nicht; der Entschluss wird jeweils kurz vorher gefasst.
  • Ich warte mal ab, was mir da geboten wird und urteile dann, ob mir dies passen wird.
  • Ich vertage es.

Während

  • (Klassiker) Ich lenke mich mit Clips und Fotos aus den sozialen Netzwerken ab.
  • (Klassiker) Ich frage schnell die Kollegen, was sie machen.
  • Ich suche wahllos online, ob ich irgendetwas finde.
  • Ich übernehme etwas eins zu eins aus dem Netz.
  • Ich überfliege den Auftrag flüchtig.
  • Ich sehe vorzeitig die Lösung ein.

Nachher

  • Ich lasse es bei einem Mal bewenden, anstatt genügend zu wiederholen.
  • Schwierige Stellen greife ich nicht nochmals auf.
  • Ich gebe mich innerlich damit zufrieden, dass ich nur einen Bruchteil erledigt habe.

Kolumne: Neue Methoden und Medien verändern unsere Haltung nicht

Die Euphorie der Digitalisierung hält offensichtlich an. Neue Methoden und Medien verändern die Haltung nicht. Es geht um den Aufbau neuer Gewohnheiten.

Wir sind seit 2009 offiziell Homeschooler. Die entsprechende Haltung pflegten wir schon einige Jahre früher. Ich war damals in der Krise, weil ich realisierte, dass meine fünf Söhne in ihrer formativen Phase für 20’000 Stunden in eine Parallelwelt eingespiesen werden. Die unselige Orientierung an den Gleichaltrigen fördert

  • die tiefsitzende Haltung, kleine Häppchen erhalten zu müssen und lähmt die Eigeninitiative
  • die Konsumentenmentalität, die anderen (Lehrpersonen und Mitschüler) dafür verantwortlich zu machen, wenn der Stoff nicht ansprechend gestaltet ist
  • das Lernen bis zum letzten Moment aufzuschieben, das Kurzzeitgedächtnis zu bedienen und nur das Notwendigste zu tun
  • eine Mentalität der Gefälligkeit

Die gegenwärtige Krise ruft zur Entscheidung. Was sind erste Schritte für ein Umdenken?

  • Lernen bedeutet Widerstand zu überwinden.
  • Es geht zuerst um den Aufbau der Gewohnheit der Aufmerksamkeit und der Auftragstreue.
  • Eine Gewohnheit aufzubauen benötigt 3-6 Monate, bis zum Automatismus länger.
  • Die Gefühle werden – wie beim Aufbau sportlicher Aktivitäten – zuerst rigoros widersprechen. Besonders nach einigen Tagen und dann nochmals nach einigen Wochen ist das Risiko des Abbruchs besonders hoch.

Ich habe meine älteren Jungs, die im Gymnasium sind, gebrieft:

  • Die Bildungsschere wird nochmals auseinandergehen. Viele Europäer sind eingebildet und tendenziell faul; Secondos, die von klein auf kämpfen mussten, sind auf der Überholspur.
  • Erwartet nicht von euren Lehrern, dass sie euch mit dem beliefern, was ihr später brauchen werdet.
  • Konsultiert für jedes Thema, insbesondere in den exakten Wissenschaften, internationale Lehrmittel; lasst euch durch gute Youtube-Einheiten instruieren.

Mein Zweiter nannte drei Kriterien für erfolgreichen Fernunterricht: Die Lehrer…

  • nehmen Kurzvideos mit Erklärungen von schwierigen Stellen auf.
  • geben zahlreiche Aufträge mit klaren Aufgabenstellungen, die selbständig bearbeitet werden können.
  • sind selbst motiviert.

Links zu weiterführenden Beiträgen:

Kolumne: Fernunterricht und Familien zu Hause

In den letzten Tagen war ich vermehrt in den sozialen Netzwerken aktiv. Wer die neusten Meldungen verfolgen will, folge mir auf Facebook und Twitter. Hier sind drei überblickende Meldungen in meinem typischen “Bullet-Stil”:

Erste Gedanken vom 17.3. Warum Distance Learning nicht einfach funktioniert

Als fünffacher Vater mit mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung in Homeschooling behaupte ich: Schulen können nicht einfach auf Distance Learning umstellen. Warum?

1. Verinnerlicht ist: Zu Hause = Freizeit = nichts tun.
2. Die meisten Eltern begleiten ihre Kinder charakterlich nicht, sondern beschränken sich auf die Funktion als Versorgungsstation.
3. Die Schulen kauen den Stoff in kleinsten Happen vor. Selbständigkeit ist trotz anderslautenden Parolen nicht gefragt.
4. Selbständiges Lernen wird fast ausschliesslich in Gruppen gepflegt. Höchstens einer arbeitet, die anderen blödeln. Tiefstmögliche Effizienz ist antrainiert.
5. Die Umstellung von Lerngewohnheiten bei Wechsel des Lernorts dauert aus meiner Erfahrung mindestens ein Jahr.
6. Und der wichtigste Grund: Die wahren Lehrer der Kinder sind die Online-Interaktionen. Diese werden jetzt nochmals gewaltig ansteigen.

Fazit: Ich halte diese “Mit den neuen Lernformen wird alles besser”-Parole für eine klassische Pädagogen-Utopie. Methoden und Lernformen haben bestensfalls unterstützende, niemals konstitutive Funktion.

Und noch konstruktiv meine Hinweise als fünffacher Vater mit > 10 Jahren Homeschooling-Erfahrung:

1. Eine machbare Tagesstruktur ist das A und O.
2. Jedes Kind erhält einen Lernplan mit Aufgaben zum Abhaken.
3. Mit kurzen Einheiten beginnen, Zeitdauer langsam steigern.
4. Zuerst die anspruchsvollen Tätigkeiten, erst dann die Zückerchen.
5. Grundfertigkeiten einüben, da gibt es auch online viel Brauchbares.
6. Kopfrechnen und Vorlesen sind zwei Disziplinen, die Eltern gut übernehmen können.
7. Tätigkeiten variieren (fachlich und in der Art der Tätigkeit), wenn möglich mit Instrument-Üben und Fitness-Einheiten unterbrechen
8. Der Anfang ist entscheidend. Dies gilt für die gesamte Zeit, aber auch für den Tag und die einzelnen Lernzeiten

Notiz vom 18.3. Alltag mit Konfliktpotenzial

Auf engerem Raum zusammen sein über Wochen? Potenzial für Konflikte. Dies sind meine Überlegungen als Vater einer Grossfamilie:

  • Tages-/Nachtrhythmus nicht beliebig verschieben; das reduziert die Produktivität und strapaziert das Nervenkostüm.
  • Gemeinsames Frühstück und (Zwischen-)Mahlzeiten pflegen; diese als Gelegenheit für den «Zwischenrapport» nützen
  • Jedes Familienmitglied verfügt über einen realistischen Tagesplan (schriftlich).
  • Gemeinsame Zeiten zum Aufräumen/Putzen definieren (z. B. 10 oder 20 Minuten).
  • Regelmässig Rechenschaft über Fortschritte einverlangen. (Ich tue das ganz nebenbei; ich lasse mir Arbeitsresultate zeigen.)
  • Rhythmisieren, das heisst Abwechslung schaffen. Unser Ältester führt z. B. eine Fitnesslektion durch.
  • Vor Mittag und vor dem Abendessen sind potenzielle «Stresshöhepunkte». Ich schaue, dass ich dann Streithähne räumlich trenne.
  • Pflegt gute Gewohnheiten, z. B. erzählen aus früheren Zeiten, einander vorlesen (Vorlesebücher), zusammen singen oder Musik anhören – und natürlich beten.
  • Unterstützt ältere und kranke Menschen (Anrufe, Briefe, Einkäufe). Kaum etwas ist ätzender, als nur mit sich selbst beschäftigt zu sein.
  • Führt ein Lerntagebuch. Das kann online oder noch besser mit Papier und Tinte geschehen.
  • Ordert Bücher oder nehmt diejenigen hervor, die ihr schon lange lesen wolltet. Aus meiner langjährigen Vielleser-Erfahrung kann ich nur raten: Realistische Tagesziele setzen, mit kleinen Einheiten beginnen.

Notiz vom 19.3. Unterrichtsalltag

Der erste Tag ist ja noch aufregend, der zweite auch noch. Und dann beginnt (niemand will es öffentlich sagen) der Kampf.

Er steht später auf.
Bett nicht gemacht.
Arbeitsmaterial nicht am Platz.
Mehr Unordnung und Dreck.

Er beginnt mit Mathe, 10 Minuten.
Dann versteht er es nicht mehr.
Legt es frustriert weg.
Die Eltern wollen es ihm auf ihrem Weg zeigen.

Er: “Der Lehrer hat es nicht so gezeigt.”
Zwischenhalt.
Es beginnt mit der Heiligung der Eltern.
Gebet.

Innerliche Sammlung.
Ringen mit dem Ärger.
“Wie hast du es gelernt? Zeig es mir.
Was verstehst du? Was nicht?
Hol mir den Lehrerkommentar.
Lies diese Seiten genau durch.”

Update vom 25.3. Erstes Fazit nach 10 Tagen

1. Die ersten Tage mögen durch die Abwechslung aufregend gewesen sein.
2. Ich höre immer wieder von überforderten Eltern. Die neue Zeit wirft sie plötzlich wieder auf ihre eigentliche Verantwortung zurück; die Tendenz zur weitgehenden Delegation von Betreuung und Bildung fällt nun plötzlich ins Gewicht.
3. Durch Kontakte zu Lernenden aus dem asiatischen Raum werde ich in der Vermutung bestärkt, dass wir Europäer äusserst träge geworden sind.
4. Der bequemste Ausweg ist das 24 h-Angebot zum Zocken; die Beruhigung wenigstens in der Vorstellung statt in der reellen Welt etwas zu bewirken, zieht.
5. Manche Erwachsene sitzen jetzt zwar zu Hause, jedoch mit dem Stress der plötzlichen Nähe zu den Nächsten und der Existenzangst im Nacken.
6. Umdenken geschieht nicht in einigen Tagen; die Enkulturation des «autonomen Konsumenten» sitzt tief. Die zahlreichen Online-Angebote halten die Illusion aufrecht.
7. Nach einigen Tagen verschiebt sich der Tages-/Nachtrhythmus; es fällt vielen schwer aus dem Bett zu kommen.
8. Schutzbehauptungen nach aussen sollen davon ablenken, dass die Effektivität deutlich gesunken ist.

Meine Empfehlungen:

1. Lest Bücher, lasst euch nicht nur durch bewegte Bilder berieseln. So wird die eigene Imagination gestärkt; zudem ist die definitorische Aussagekraft von (Lehr-)Büchern viel höher als die auf die Bewegung der Emotionen zielenden Bilder.
2. Natürlich gibt es zahlreiche Dokumentationen und Lernvideos; diese sehe ich als wirkungsvolle Ergänzung an. Noch davor rangieren für mich Hörbucher.
3. Behaltet den Tage-/Nachtrhythmus bei. Die markante Verschiebung führt verstärkt zur Unzufriedenheit und zur (depressiven) Verstimmung.
4. Verteilt Aufgaben zu Hause. Haltet Ausschau nach dem schwächsten Beteiligten, an dem tendenziell die ganze Arbeit hängen bleibt.
5. Schreibt handgeschriebene Briefe. Auch eine Mail an betagte Personen oder ein Telefonanruf kann grosse Freude bewirken. Isolation schadet.
6. Ich bin kein Sportler; doch die Bewegung (erhöhter Puls) und Kraftübungen (für die Muskulatur) stärken die eigene Vitalität und bauen Stress ab.
7. Ein befreundeter Unternehmer entwirft Szenarien für die Krisenzeit und danach. Führe Tagebuch über neue Ideen, die aus der Verlegenheit oder auch aus kreativen Momenten heraus entstehen.
8. Beginnt den Tag mit den unangenehmsten Aufgaben. Legt für euch selbst und gemeinsam Rechenschaft über Erreichtes ab – wenn möglich visuell.

Zitat der Woche: Unser Leben in den Händen von Experten

J. Gresham Machen schrieb diesen Text vor knapp 100 Jahren in den USA. Auch wenn die Details abweichen mögen, die grobe Richtung bleibt für das 21. Jahrhundert unverändert.

Die gesamte Entwicklung der modernen Gesellschaft führt auf extreme Art und Weise zur Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Diese Tendenz lässt sich besonders gut anhand des Sozialismus beobachten. In einem solchen Staat wäre die Sphäre individueller Entscheidungsfreiheit auf ein Minimum reduziert. Arbeitszeit würde ebenso wie Erholungszeit vorgeschrieben persönliche Freiheit wäre nicht mehr vorhanden. 

Aber auch in den Gemeinwesen, in denen die Idee des Sozialismus verpönt ist, finden wir dieselbe Tendenz. Wenn einmal die Mehrheit entschieden hat, dass ein bestimmtes System von Vorteil ist, so wird dem Rest diese Entscheidung gnadenlos aufgezwungen. Es scheint den Gesetzgebern von heute nicht in den Sinn zu kommen, dass „Fürsorge” zwar etwas Positives sein mag, aufgezwungene Fürsorge aber negativ sein könnte. So wird der Utilitarismus mit seinen logischen Folgen zu Ende gedacht; im Interesse des physischen Wohlergehens werden die Prinzipien der persönlichen Freiheit gewissenlos in den Wind geschlagen. 

Das Resultat ist eine noch nie da gewesene Verelendung des menschlichen Lebens. Persönlichkeit kann sich nämlich nur im Bereich eigener Entscheidung entwickeln. Dieser Bereich wird durch den modernen Staat langsam aber sicher immer weiter eingeengt. 

Diese Tendenz macht sich besonders im Bildungswesen bemerkbar. Das Ziel der Bildung ist, so nimmt man an, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Menge an Menschen zu erreichen. Was das genau sein soll, das größtmögliche Glück für die großtmögliche Menge an Menschen, soll nur durch die Mehrheit definiert werden können. Wenn es um Erziehung und Bildung geht, soll also jede persönliche Eigenheit vermieden werden. Die freie Wahl einer passenden Schule für Kinder wird den Eltern genommen und in die Hände in Staates gelegt. Der Staat übt nun diese Autorität durch die bereits bereitstehenden Instrumente aus: Die Kinder werden in die Hände sogenannter psychologischer Experten gegeben, die selber nicht das geringste Wissen über die höheren Dimensionen des menschlichen Seins besitzen, und nun gezielt versuchen, ihre Schüler davon abzuhalten Bekanntschaft mit diesen Dimensionen zu machen. 

… Eine Zeit lang hatte es noch den Anschein, dass es sich bei dem utilitaristischen Denken, dieser Modeerscheinung des 19. Jahrhunderts, um ein ausschließlich akademisches Phänomen handelt, ohne Einfluss auf das alltägliche Leben. Dieser Anschein täuschte jedoch. Die Tendenz geht selbst in einem Land wie Amerika, das sich stets rühmte, von bürokratischen Regulierungen sämtlicher Details eines Lebens frei zu sein, zu einem geradezu düsteren Utilitarismus, der jedwedes höhere Streben erstickt

… Solche Gesetze, die sich wohl auch staatsübergreifend ausbreiten werden, wenn die jetzige Geisteshaltung anhält, bedeuten unweigerlich die endgültige Zerstörung aller wahren Erziehung und Bildung. Wenn man in Betracht zieht, wofür die öffentlichen Schulen in Amerika stehen – für den offen propagierten Materialismus, die Unterdrückung jedweder nachhaltigen, intellektuellen Anstrengung, die Forderung der pseudowissenschaftlichen Masche der experimentellen Psychologie, dann kann man sich nur empören bei dem Gedanken an eine Gesellschaft, in der es kein Entrinnen mehr gibt vor einem solchen seelentötenden System. 

… Das öffentliche Schulsystem an sich  ist von großem Nutzen für die Allgemeinheit. Dies gilt aber nur dann, wenn es sich einem privaten Schulen stellen muss. Ein öffentliches Bildungssystem als Anbieter von kostenlosem Wissen für alle, die sich danach sehnen, ist eine großartige Errungenschaft der Moderne. Wird es jedoch zum Monopol erhoben, so ist es das wirksamste Instrument der Tyrannei, das bisher erfunden wurde. Im Mittelalter wurde Freiheit des Denkens von der Inquisition bekämpft, die moderne Methode ist allerdings noch viel effektiver. Setzt man die Kinder in dem für sie prägenden Alter gegen den Willen und gegen die Überzeugungen der Eltern unter die permanente Kontrolle vom Staat eingesetzter Experten, zwingt sie, an einem Unterricht teilzunehmen, in dem alles höhere Streben der Menschheit unterdrückt und der Verstand mit materialistischem Gedankengut gefüllt wird, dann wird es schwer vorstellbar, wie auch nur Reste von Freiheit fortbestehen sollen. Eine Tyrannei, unterstützt von solch grausigen Methoden zur Seelenzerstörung, ist wohl weitaus gefährlicher als jede grobe Unterdrückung der Vergangenheit, die einem trotz ihrer Feuerwaffen und Schwerter zumindest die Freiheit des Denkens ließen. 

Gresham Machen. Christentum und Liberalismus. 3L Verlag: Friedberg, 2012. (aus dem Vorwort)

Corona in Perspektive (9): Angst und Ignoranz

Auf die Aufforderung meiner Frau hin nahm ich mir täglich Zeit, um einige Diskussionsstränge in den sozialen Medien durchzulesen. Ich schlussfolgere aus dieser Beschäftigung, dass es zwei Pole zu geben scheint. Das eine Extrem schreibe ich mit «Angst» an, das andere mit «Ignoranz». Es existieren zahlreiche Zwischenstufen und Ausprägungen; zudem merke ich bei mir selbst, dass ich wechselweise zu beiden Seiten tendiere. Eben habe ich über den Heidelberger Katechismus, Antwort 60, nachgedacht: Wir sind noch immer zu allem Bösen geneigt. Diese Selbsteinschätzung führt mich zum Versuch einer Beschreibung der beiden Pole.

Angst

  • Die Priorität des Selbstschutzes steigt stark an. (Wohlgemerkt: Das bedeutet nicht, dass ich als Angehöriger einer Risikogruppe unweise handeln soll.)
  • Die Gedanken kreisen um eine Eventualität in der Zukunft; dies absorbiert viel Energie.
  • Die Zugänglichkeit für das Aussen – zum Beispiel meine Nächsten – geht zurück.
  • Angst braucht Nahrung; der «Nachschub» besteht im ungesunden Ansteigen einer «Information über alle Kanäle».
  • Der andere gerät schneller in Verdacht; es gibt eine Art Selbstisolation und übersteigerter Gewichtung der eigenen Wichtigkeit.

Ignoranz

  • Die anderen werden belächelt und belehrt.
  • Es werden selektiv Unterlagen für den eigenen Standpunkt gesucht, um ihn zu rechtfertigen. (Das heisst nicht, dass ich mich neuen Informationen, die zur Veränderung des eigenen Standpunktes führen könnten, verschliessen soll.)
  • Konkrete Nöte werden ausgeblendet und auf eine allgemeine Erörterung ausgewichen.
  • Das eigene wirtschaftliche Wohlergehen rückt in den Vordergrund.

Es gibt eine Gemeinsamkeit der Ausprägungen: Beide Standpunkte zielen auf sich selbst anstatt auf die Liebe zu Gott und den Nächsten (1. Johannes 2,10; 3,15-19; 4,20-21). Zudem kann ein persönliches Erlebnis sehr schnell zum Kippen eines sicher geglaubten Standpunktes führen.

Mein Gebet für die Veränderung: «Heilige mich, indem du mich aus der Angst bzw. Ignoranz hinausführst; vergib mir meine Selbstbezogenheit. Öffne meinen Blick für meine Nächsten. Brauche du meine Fähigkeiten und meine Mittel.»

Der Blick in den Rückspiegel der Kirchengeschichte zeigt: Tätige Fürsorge war ein Markenzeichen der frühen Christen. Kotsch zusammenfassend:

Immer wieder fordern die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte besitzende Christen dazu auf Bedürftigen aller Art persönlich zu helfen. Justin der Märtyrer erwähnt in diesem Zusammenhang Geld und Naturalien, die regelmäßig an die Armen weitergegeben wurden. Hippolyt erwähnt einen festen Besuchsdienst für Alte, Schwache und Kranke in seiner Gemeinde. Arbeitslose und Durchreisende werden versorgt, bis ihnen eine neue Tätigkeit vermittelt werden kann. „Wir aber helfen, wenn wir können, allen, die Mangel haben“, bekennt Justin in seiner Apologie um 150 n.Chr.

Tertullian berichtet, dass Christen „Straße für Straße in fremde und gerade die ärmsten Häuser eintreten, um die Brüder zu besuchen“. „Tag und Nacht überall umherspähend, weder die Armen verachtend noch der reichen Person ansehend; sie sollen den Notleidenden erkennen und nicht von dem Anteil an der Gemeindekollekte ausschließen, die Vermögenden aber nötigen, zu guten Werken zurückzulegen.“

Gemeindeleiter werden in der frühen Kirche dazu aufgefordert nicht nur die Versorgung der Bedürftigen zu übernehmen, er soll den Waisen wie eine richtiger Vater werden: die elternlosen Jungfrauen soll er mit einem jungen Christen verheiraten und den Jungen eine Berufsausbildung ermöglichen. Geholfen wurde nicht nur eigenen Gemeindeangehörigen, sondern auch Christen aus anderen Kulturen und Ländern, so wie ungläubigen Zeitgenossen. Besonders erwähnt wird beispielsweise die tatkräftige Hilfe von Christen aus Karthago für verschleppte numidische Christen 253.

Dem englischkundigen Leser empfehle ich den Download aus verschiedenen Buchkapiteln zum Thema Umgang mit Angst.

Corona in Perspektive (8): Auch Corona ist innerhalb seiner Vorsehung

Diejenigen von uns, die in Ländern der westlichen Welt leben, dürfen in einem Segen leben, den frühere Generation niemals für möglich gehalten hätten. Wir erfreuen uns überwiegend guter Gesundheit, haben ein bequemes Leben und äussere Sicherheit. Wir sind nicht täglich mit unmittelbaren Gefahren konfrontiert, die unsere Existenz oder auch nur unser Wohlbefinden bedrohen. Leider neigen wir jedoch dazu, uns durch diese Segnungen in einem falschen Gefühl der Unverwundbarkeit wiegen zu lassen. Wenn wir lange Zeit vor Schwierigkeiten verschont werden, fangen wir an zu erwarten, dass es immer so bleibt. Wenn uns also Leid in einer seiner verschiedenen Formen – Krankheiten, Verletzungen, Trauer, Verlust, Verfolgung, Versagen – begegnet, trifft es uns meist überraschend.

So beginnt der Bibellehrer R. C. Sproul sein Buch «Leid meldet sich nicht an». Ich schätze den Heidelberger Katechismus in seiner seelsorgerlich-direkten Ansprache und empfehle besonders das Bedenken der Antworten 26-28. Dies sind einige Aspekte aus der Antwort 26, die uns in unserem eigengesetzlichen Konsumentendenken korrigieren:

  • Er ist Schöpfer.
  • Er ist allmächtig.
  • Er erschuf aus dem Nichts.
  • Er erschuf zu seiner Ehre.
  • Er verfolgt seinen ewigen Rat und seine Vorsehung.
  • Im Rahmen dieses Planes steht seine erhaltende Kraft.
  • Wir können deshalb seiner Versorgung vertrauen.
  • Er legt mir Lasten auf, die Er zum Besten wendet.
  • Bei Ihm ist Können (Fähigkeit) und Wille (Macht) dies umzusetzen.
  • Er ist unser treuer Vater.

Meine Ausführungen – Monate vor der Corona-Krise – können hier nachgehört werden. Ich empfehle dies im Modus einer Selbstprüfung zu unternehmen: «Seine väterliche Hand» (15 Minuten); «Vom Nutzen der Vorsehung» (15 Minuten). Wie würden andere, die mich gut kennen, mein gelebtes Verständnis beschreiben? Inwiefern weicht dies von dieser Antwort ab? Ich habe mich bemüht, meine Ausführungen mit stützenden Stellen aus der Bibel zu untermauern.

Corona in Perspektive (7): Unverbundenheit und warum der Staat kein allmächtiger Retter ist

Es fällt mir schwer, diese Überlegungen in verständliche Worte zu fassen. Ich stelle sie unter das Stichwort «Unverbundenheit». Es geht um einen inneren «Schalter» in der DNA unserer Gesellschaft. Dieser ist in den kollektiven «Tiefenschichten», der Mentalität von uns Westeuropäern tief verankert. Er gehört – um nochmals eine Metapher zu gebrauchen – zur «Grundkonfiguration».

Nancy Pearcey beschreibt die Ursache der Unverbundenheit in ihrem Buch «Total Truth» (S. 137-142) ausgehend von der geistesgeschichtlichen Wende bei J.-J. Rousseau (1712-1778). Der Kern: Soziale Beziehungen sind in letzter Instanz nicht real, sondern abgeleitet von der individuellen Wahl. Im «Ur-Zustand» war der Einzelne unverbunden und selbstbestimmt. (Dies steht im Widerspruch zur biblischen Weltanschauung, die den Ursprung als die Verbindung eines Mannes mit einer Frau definiert; die Familie bildet die soziale Grundeinheit.) Soziale Konventionen sind aus dieser Perspektive letztlich künstlich und bedrückend. Die traditionellen Institutionen von Familie und Kirche tragen aus dieser Sicht massgeblich zu dieser Einengung bei.

Die Erlösung bzw. Befreiung kommt durch den Staat, der diese Bande durchtrennen oder zumindest übersteuern kann. Im staatlichen Gebilde handelt es sich um einen letztlich freiwilligen Zusammenschluss von autonomen Individuen. Wichtige Denker der Vor-Aufklärung, John Locke (1632-1704) und Thomas Hobbes (1588-1679), spurten den Gedankengang einer atomistischen Grundkonstitution der Gesellschaft vor. Der Staat gelangte dadurch zu einer Schlüsselstellung. In der Französischen Revolution zeigten sich erstmals die (grausamen) Folgen dieser Macht auf nationaler Ebene. 

Pearcey verweist auf Hannah Arendt und deren Beobachtung, dass isolierte Individuen am anfälligsten für totalitäre Kontrolle seien. Sie schlussfolgert daraus: Die individuellen Rechte werden am wirkungsvollsten durch die Rechte von Gruppen wie Familie, Kirchgemeinde, Unternehmen und Vereine geschützt. (Die dezentrale politische und wirtschaftliche Struktur der Schweiz, das haben verschiedene Denker hervorgehoben, ist diesbezüglich ein kluger Schutz.)

Was hat dies nun mit der aktuellen Corona-Krise zu tun? 

  1. Der gefährliche Ausbau der staatlichen Macht: Es ist zu befürchten, dass der Allgemeinplatz «Solidarität» nur noch über das Vehikel Staat noch erreicht werden kann. So angenehm riesige staatliche Finanzpakete im ersten Moment klingen: Sie verleihen ihm (noch) mehr Einfluss und Macht. Notverordnungen wandern über die Zeit in die Gesetze.
  2. Die Brüchigkeit der sozialen Basis: Die Definition von Identität kommt dem Einzelnen zu. Er kann und soll sie wählen und immer wieder neu definieren. Deshalb wird es nötig, dass der Einzelne seine Rolle innerhalb der einzelnen Institutionen immer wieder auflösen und neu definieren kann. Gerade in Krisenzeiten macht dies die wichtigste soziale Grundeinheit, die Familie bzw. den Hausstand unglaublich anfällig für Brüche und Auflösung.

Der Blackout-Experte Saurugg weist interessanterweise gerade auf die beiden Institutionen Familie und Kommune im Notfall hin: Die Vorsorge der einzelnen Familie und die lokale Bildung von Selbsthilfe-Basen. Ohne diesen doppelten Kit ist ein Staat höchst instabil.