Warendorfer Nachgedanken (1): Danke, dass du mir keine Tipps gegeben hast!

Wir Westler dürsten nach Tipps. Kannst du mir noch schnell sagen, wie ich … (setze selber ein, wofür du gerne ein paar Tipps erhalten würdest)? Wir googeln, wenn wir krank geworden sind, nach den Symptomen. Symptome sind Anzeichen für eine tiefer liegende Unstimmigkeit.

Warum soll ich den Menschen Tipps geben? Nun, damit sie möglichst schnell die Symptome nicht mehr spüren. Dies entspricht einem Hauptwunsch des Menschen, ungestört weiterleben zu können wie bisher. Es ist ein Zeichen dafür, dass er für sein Leben nicht selbst Verantwortung übernehmen möchte.

Eine weise Mutter sagte mir gestern: “Ich bin dankbar für keine Tipps. Menschen, die ständig Tipps kriegen müssen, werden unmündig und verformt. Ich habe das erlebt. So bleibt die Arbeit eben bei mir.” Sie meinte damit die Arbeit der Veränderung. So gut hätte ich es nie sagen können.

Übrigens: Im eBook “Was sonst noch?” habe ich 50 * 10 Hinweise für 50 alltägliche Situationen gesammelt. Für Menschen, die sich nach Veränderung in ihrem Alltag sehnen.

10 Hinweise … für den heissen Konflikt in der Familie

Dies sind Fragen, die ich als Familienvater und damit «Konfliktbeauftragter» stelle:

  1. Was war der ursprüngliche „Schwelbrand“ (Spannungen unter der Oberfläche)?
  2. Was war der Auslöser, dass der Konflikt eskaliert ist?
  3. Was habe ich ehrlicherweise dazu beigetragen?
  4. Welche Gefühle bewegen mich jetzt?
  5. Was würde den Konflikt noch mehr anheizen?
  6. Wohin kann ich flüchten, um zur Ruhe zu kommen und zu beten?
  7. Wie kann ich demütig reagieren ohne falsche Zugeständnisse?
  8. Was muss jetzt auf den Tisch kommen?
  9. Was kann später thematisiert werden?
  10. Wie kann ich in der Umkehr vorangehen?

Weiterlesen:

10 Hinweise … für zwei Typen von Kirchgemeinden

Für Kirchgemeinden … die Wert darauf legen zeitgemäss zu sein Für Kirchgemeinden … die Wert darauf legen, nahe am biblischen Wort zu sein
Wie pflegen die lehrenden Ältesten ihr geistliches Leben? Wem legen sie Rechenschaft ab? Wer gibt den lehrenden Ältesten ungeschminktes Feedback? Wem legen diese Rechenschaft ab?
Leben die Ältesten im Wort Gottes? (Wenn nicht: Wovon leben sie?) Wie würden die Ehefrauen und Kinder des Ältesten das geistliche Wachstum der letzten zwei, drei Jahre einschätzen? Wo sehen sie das Hauptkampffeld?
Wird über Bibeltexte und durch ganze Bibelbücher gepredigt? (Wenn nicht: Was ist der eigentliche Gegenstand der Predigten?) Wird wirklich noch über den Text gepredigt, der gelesen wurde?
Was war die Metabotschaft der letzten 100 «Kommunikationseinheiten» (inkl. Gespräche) der Ältesten? Was war die Metabotschaft der letzten 100 «Kommunikationseinheiten» (inkl. Gespräche) der Ältesten?
Was ist der dominante Subtext der Predigt? Was wird durch die Art und Weise der Verkündigung vermittelt? (Ich befürchte, die Antwort wäre zu oft: Sagt mir, dass ich gut bin! Nehmt mich an!) Was ist der dominante Subtext der Predigt? Was wird durch die Art und Weise der Verkündigung vermittelt? (Ich befürchte, die Antwort wäre zu oft: Die Welt ist böse! Wir sind schwach! Also lassen wir es sein.)
Ein Blick über die Aktivitäten zeigt: Ein Konsum-orientiertes, feinsegmentiertes «Programm». Ein Blick über die Aktivitäten zeigt: Keine Aktivitäten für Jüngerschaft und Evangelisation.
Wie kann man die Geduld der Mitglieder auf die Probe stellen? (Zum Beispiel: Stelle an einem Sonntagsgottesdienst die Heizung ab.) Wie kann man die Geduld der Mitglieder auf die Probe stellen? (Zum Beispiel: Wie geht die Gemeinde mit einem ungebetenen Gast um?)
Was versteht ein Gemeindemitglied unter «gesetzlich»? Wie definieren sie «Liebe»? Was versteht ein Gemeindemitglied unter «weltlich»? Wie definieren sie «geistliches Leben»?
Wer fühlt sich als «Outsider» und weshalb? Wer fühlt sich als «Outsider» und weshalb?
Welche medialen Elemente unterstützen die Ablenkung? Wer kämpft insgeheim mit Pornografie?

10 Hinweise … für die nächste Generation

Kürzlich habe ich drei überaus aufrichtige junge Männer interviewt. Was würde ich der nächsten Generation raten?

  1. Wie du heute lebst (Gewohnheiten), bestimmt dein Übermorgen. Du wirst nicht von heute auf morgen «umstellen» können. Im Gegenteil: Deine Gewohnheiten werden deine luftigen Vorstellungen torpedieren.
  2. Lebe mit 18 Jahren, als wärst du 38. Deine Umgebung will dir weismachen, dass du nicht erwachsen werden sollst. Das führt dazu, dass du viel zu lange im «Schonmodus» läufst; dafür fehlt dir später die Widerstandskraft.
  3. Du stehst auf den Schultern deiner Vorfahren; praktisch 100 % all dessen, was du denkst und wovon du lebt, ist von ihnen erdacht und erarbeitet. Beschäftige dich deshalb mit den grossen Ideen der Vergangenheit; sie schärfen dein Verständnis für die Gegenwart.
  4. Du bist mit dem Gedanken der begrenzten Beziehungsverträge («so lange es für mich gefühlsmässig passt») geimpft; dies sind die frühen Vorboten kommender Einsamkeit. Jeder Konflikt, den du heute austragen kannst, stärkt dich für das künftige Leben in Gemeinschaft.
  5. Bilde dir nicht ein, dass die Informationen aus der Onlinewelt alle echt seien – auch wenn sie deine innere «Konfiguration» massgeblich bestimmt haben. Lies nicht nur Online-Schnipsel, sondern Gesamtwerke.
  6. Geben ist seliger als Nehmen. Du bist von klein auf daran gewöhnt (von der Kleinfamilie her), dass du im Mittelpunkt deines Lebens stehst. Meine Empfehlung: Pflege Gastfreundschaft gerade mit Menschen, mit denen du von dir aus nie in Kontakt gekommen wärst.
  7. Gehe davon aus, dass du mit weniger Geld und Komfort als die Generation deiner Eltern auskommen wirst. Gewöhne dich heute an einen bescheideneren Lebensstil. Dies wird dir in Zukunft einen grösseren Spielraum geben, wenn deine Verpflichtungen zugenommen haben. Ansonsten wirst du «einparkiert» sein.
  8. Handle in grösstmöglicher Verbindlichkeit – besonders gegenüber Familie und Kirche. Dies steht der Idee der regelmässigen «Neuerfindung» deines Lebens (Denken in Lebensetappen) entgegen.
  9. Bitte Gott um Erkenntnis über Widersprüche zwischen deinen Ideen und deinem Leben. Noch steiler: Bitte Ihn darum, dass du diese Widersprüche zu hassen beginnst statt sie zu rechtfertigen oder erst dann zu ändern, wenn sie dir wegen deinen Kollegen peinlich werden.
  10. Ehre das Alter. Besuche Menschen, die auf der Zielgeraden sind. Stelle ihnen Fragen. Lies (nicht beschönigte) Berichte von Männern und Frauen, die gut geendet sind. Weiche Beerdigungen nicht aus. Bitte um ein gnädiges Ende – auch wenn du denkst, dass es noch Ewigkeiten bis dahin sind.

Weiterlesen: 20 Dinge, die ich jedem jungen Christen sagen würde

Hanniel hirnt (265): Hast du noch Zeit mit deinen Söhnen?

Nein, ich treibe mich nicht mehr auf Spielplätzen herum. Meine Aufgabe fordert mich jedoch mehr denn je (Podcast, 10 Minuten).

  1. Ich suche das treu umzusetzen, was ich früher geschrieben habe.
  2. Die Jungs werden älter, deshalb übernehmen sie zunehmend Verantwortung.
  3. Ich ringe mit Kontrollverlust; es ist schwierig den Mund zu halten.
  4. Ich möchte ihnen nicht vorausschauend Hindernisse aus dem Weg räumen; manche lasse ich stehen, obwohl ich sie kommen sehe.
  5. Die Prägungen der Anfangszeit verschwinden zwischenzeitlich; sie werden in einer anderen Lebensphase wieder auftauchen.
  6. Der Sog des säkularen Umfelds ist immens; schweren Herzens lasse ich sie in dieser Strömung schwimmen.
  7. Dies treibt mich immer häufiger ins Gebet. Ich orientiere mich an Hiobs Gebet (1,4). Die Gedankensünden gehen der Tat weit voraus.
  8. Viele Gewohnheiten und Persönlichkeitszüge fixieren sich in der Übergangsphase zum Erwachsensein. Wenn sich Gewohnheiten bilden, möchte ich ins Gespräch kommen.
  9. Herzensgespräche zu führen ist nach wie vor meine Aufgabe. Das erfordert Gottes Gnade und genaue Beobachtung.
  10. Wo immer ich kann, beziehe ich sie auch bei Andachten und Besuchen mit ein. Ich bringe sie in Kontakt zu Männern, die mit Jesus leben, und mit exzellenten (Hör-)Ressourcen.

Interview: Die grösste Not der Jugendlichen

Interview mit den drei neuen Leitungsteam-Mitgliedern des Josia-Netzwerks Markus, Paul und Jonathan. Sieh dir ihre Kurzvorstellung an.

1. Wann habt ihr das erste Mal von Josia gehört?

Markus Depner (MD): So richtig wahrgenommen habe ich Josia erst auf der Bibelschule in Beatenberg (SBT). Dort erzählte mir ein Dozent (Boris Giesbrecht), dass er im September auf einer Konferenz war Er war selbst begeistert. Ich wusste von dem Moment an: Da will ich unbedingt einmal hin.

Paul Koch (PK): Das erste Mal habe ich Anfang 2017 am SBT durch Mitstudierende von Josia gehört.

Jonathan Malisi (JM): Ende 2015; da habe ich einfach nach verständlicher, bibeltreuer Lehre für junge Leute gesucht. „Zufällig“ bin ich auf die Aufnahmen der letzten Konferenzen gestoßen.

2. Was war eure erste prägende Erfahrung mit dem Netzwerk?

MD: Das war sicherlich meine erste Josia-Konferenz 2017. Es gab dort wirklich gute Predigten des Josia Leitungskreises über das Buch Jeremia, ein starkes Seminar von Rudi Tissen und einen genialen Josia-Cup, den ich mit meinem Team aus Metzingen gewinnen durfte. Die prägende Erfahrung jedoch, die mich auch für die Zukunft eng an Josia binden sollte, war eine Einladung von Jochen Klautke zu einer Josia-Freizeit. Ich freute mich wirklich sehr darüber und fühlte mich etwas geehrt. Auf dieser Freizeit durfte ich den LK und den engeren Kreis der Josia-Mitarbeiter besser kennenlernen und eine noch viel tiefere Verbundenheit zum gesamten Josia-Netzwerk entwickeln.

PK: Es war einerseits der gemeinsame Wunsch, das Evangelium im deutschsprachigen Raum groß zu machen, andererseits die bibelzentrierten Auslegungspredigten für Jugendliche.

JM: Ende 2016 durfte ich Jochen Klautke und Lars Reeh kennenlernen. Wir haben uns zu fünft sechs Stunden in Lars‘ viel zu kleinem Auto nach München gestaut. So findet man neue Freunde.

3. Wo seht ihr die grösste Not der Jugendlichen in Deutschland?

MD: Ich brauche nur in mein eigenes Leben zu schauen: Mein Leben ist, wie höchstwahrscheinlich das Leben der meisten Jugendlichen auch, geprägt von einem “Lust haben” auf alles, was einem so im Alltag angeboten wird. Da gibt es ein “30-Tage kostenlos Netflix”-Angebot, einen Audible Probemonat, tausende YouTube-Videos, die mir versprechen, mich glücklich zu machen, Videospiele ohne Ende, vielversprechende Filme, eine Kneipentour geplant von meinen Kommilitonen hier, eine Studenten-Party da. Ich werde geradezu dazu stimuliert, darauf “Lust zu haben”. Gewiss sind viele dieser Dinge nicht an und für sich schlecht. Doch drängen sie mich mit gewaltiger Kraft weg von der Quelle echten und reinen Glücks. Sie versperren mir die Sicht auf eine Herrlichkeit, die es sonst nirgendwo zu sehen gibt. Sie trüben mir die Augen für den Blick auf die schönste Person des Himmels und der Erde; den, um sich in der gesamten Bibel alles dreht: Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist und mich mit sich selbst versöhnt hat. Eine der größten Nöte der Jugendlichen in Deutschland ist die Ablenkung, die ständig gegenwärtig ist, die uns von der gewaltigsten und schönsten Erfahrung abbringen will, nämlich Gott zu verherrlichen und sich für ewig an ihm zu erfreuen.

PK: Anhand meiner Erfahrungen in verschiedenen Jugendgruppen sehe ich überwiegend folgende Kämpfe (wovon ich selbst sicherlich auch betroffen bin): 1. Bequemlichkeit durch zunehmenden Komfort. 2. Unzuverlässigkeit durch unzählige attraktive Möglichkeiten seine Freizeit zu gestalten. 3. Unentschlossenheit, durch die Möglichkeit innerhalb von Sekunden zu-/absagen zu können. 4. Unbeständigkeit durch zahlreiche Meinungen in den Sozialen Medien.

JM: Oft bekennt unsere Generation, dass Gottes Wort reicht und Priorität hat, lebt aber ganz anders; etwa pragmatisch oder relativistisch (mich eingeschlossen!). Ich sage das nicht als Theologe, sondern als Christ wie ihr: Gott spricht auf jeder Seite der Bibel. Lass dein Denken, Fühlen und Reden davon prägen; das ist eben die Baustelle unseres Lebens.
Zweitens: Unser Schrei nach vermeintlich „authentischem“ Christsein lässt uns oft vergessen, dass Gottes Kinder heilig leben sollen. Scheitern gehört dazu, aber warum geben wir uns damit zufrieden?

4. Was ist euer grösster Wunsch für eure Tätigkeit bei Josia?

MD: Dass durch unsere Arbeit (Blogs, Konferenzen, Predigten, Seminare) der Fokus von den Jugendlichen in Deutschland wieder darauf ausgerichtet wird, wo er eigentlich liegen sollte: Auf Jesus Christus, welcher schöner und herrlicher ist als alles andere. Wenn wir beginnen, Ihn anzuschauen, so werden wir auch verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich vom Geist des Herrn (2. Kor 3,18). Wenn wir ihn betrachten, wollen wir sein wie er und unser Leben ganz in seinen Dienst stellen.

PK: Mein größter Wunsch ist es, dass viele junge Leute zum lebendigen Glauben an Jesus Christus kommen. Dieser Glaube soll unerschütterlich, kraftvoll und leidenschaftlich sein. Ganz gleich wie die Zukunft Europas aussieht, sollen junge Menschen heranwachsen mit dem Wunsch im Herzen das Evangelium auf der Erde zu predigen, in ihren Familien danach zu leben und Christus alle Ehre zu geben.

JM: Dass unser Netzwerk und die Konferenzen dafür bekannt werden, junge Christen zu ermutigen und stärken, Gott und Seine Kinder in ihrer Gemeinde zu lieben und zu dienen.

5. Wo wird das Netzwerk in 10 Jahren mutmasslich stehen?

MD: Ich bin guter Dinge, dass dieses Netzwerk in 10 Jahren nicht nur noch existieren wird, sondern gewachsen und gediehen sein und von motivierten Leitern und Mitarbeitern getragen und vorangetrieben werden wird. Ich hoffe, dass die Begeisterung und der Eifer der Jugendlichen in Deutschland, die sich dem Josia Netzwerk verbunden fühlen, für Christus, nicht ab-, sondern stetig zunimmt und sich das auch zahlenmäßig auswirkt. Ich erkenne meine Ohnmacht in der Sache, dass diese Hoffnung auch wirklich erfüllt wird und befehle Josia unserem gnädigen Herrn an, bei dem alle Dinge möglich sind.

PK: Das Netzwerk wird einer der Hauptanlaufstellen für Jugendliche zur reformatorischen Theologie sein. Jährlich kommen Jugendliche aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammen, um einander zu ermutigen, den Fokus stets auf das Wesentliche richten und damit Gott allein die Ehre geben. Darüber hinaus wird es Gemeinden vernetzen und ihre Zusammenarbeit fördern.

JM: Ich würde mich über eine geografisch engere Vernetzung durch Regionalkonferenzen freuen. Vielleicht gibt es dann schon die nächste Generation im Leitungskreis?

Frühere Interviews:

Buchbesprechung: Als mir bei Barth nochmals die Groschen fielen

Neben einigen Denkern aus reformatorischem/evangelikalem Umfeld (John Frame, Cornelius van Til, David Gibson, Georg Huntemann und Klaus Bockmühl) haben mir Christiane Tietz, Bernhard Rothen, Eberhard Busch, Eberhard Jüngel und Michael Beintker sowie neulich Hans Urs von Balthsar wichtige Dienste geleistet, Barth besser zu verstehen. Ich notierte drei Lernfelder:

  1. Der Standort zwischen Neuprotestantismus und Katholizismus
  2. Eine (harte) Kritik der zweiten Römerbrieffassung
  3. Barths Abneigung gegenüber der analogia entis

Zur Rezension geht es hier.


Selbst-Interview: Gehörst du auch zu diesen Hinterwäldler-Kreationisten?

Kürzlich fand eine gut besuchte Konferenz zur Schöpfungstheologie kreatikon 2019 statt. Die Vorträge sind online. idea.de berichtete davon. In den sozialen Medien haben sich “progressive Christen” ausgetobt. Ich habe mir einige Fragen zu meiner eigenen Überzeugung gestellt.

Darf man das Paradigma (noch) anzweifeln?

Die Naturwissenschaft ist nach wie vor der Hauptgötze für alles, was das öffentliche Leben betrifft. Das erlebe ich im Alltag mit meinen Kindern. Deren Kollegen gehen selbstverständlich von einer festen Grösse «Naturwissenschaft» aus, die «alles» zu erklären vermag. Dieses Bild transportieren die Medien. Wir sind es uns gewohnt, ihre Begründungsmuster auf andere Fachbereiche zu übertragen.

Wissenschaft lebt doch vom Widerspruch.

Ich bin der Letzte, der meine Augen vor der Schöpfung meines Vaters verschliessen will. Jedoch weiss ich um meine Beschränkung und – noch viel mehr – meinen Eigenwillen durch die Sünde.

Genau da verlassen wir die Grenze naturwissenschaftlicher Erkenntnis und betreten die Sphäre des Glaubens. Bist du unfähig diese Unterscheidung zu treffen?

Die Moderne ist von einer Zweiteilung gekennzeichnet. Da wird zwischen dem öffentlichen und privaten Raum unterteilt. In theologischen Begriffen ausgedrückt: Gnade ist von der Natur getrennt.

Die Methoden in der Beobachtung der Natur und in der Erforschung der Bibel unterscheiden sich. In beiden Bereichen handelt es sich jedoch letztlich um Glaubensannahmen, spätestens wenn es um das Woher und das Weshalb geht. Der heutige Stand ist schlicht: Die Natur hat die Gnade verschlungen. Es gibt jedoch nur einen Herrn der gesamten Wirklichkeit.

Ist das nicht peinlich, Vertreter der Schöpfungstheologie zu sein?

Das ist meines Erachtens der Hauptgrund für viele Christen in einer schamorientierten Gesellschaft, ihre Position zu wechseln. Nur keine Minderheitsposition vertreten! Scham lässt immer auf Gruppendruck bzw. eine abweichende dominante Leitidee schliessen. (Das bedeutet nicht, dass ich «Märtyrertum» liebe und absichtlich eine exotische Position vertrete.)

Ist das nicht düsteres Mittelalter?

Ich frage zurück: Wer hat dein Bild des Mittelalters geprägt? Wohl die Lehrbücher der Schule? Das Mittelalter ging von einem offenen Universum aus. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen aus dem Mittelalter uns heute sagen würden: Moderne? Gruselig. Ich meine damit nicht nur die Betonbauten und die Grossstädte. Ich meine das geschlossene Weltbild und die verheerenden Folgen missbrauchter Technologie. Am deutlichsten wird das Gruselige im Mord an ungeborenen Kindern.

Gehörst du auch zu denen mit fundamentalistischem Bibelverständnis?

Der Begriff Fundamentalismus ist diffus. Es bedeutet Bindung an eine externe Autorität. Daran kommt jedoch kein Mensch vorbei. Jeder Mensch trifft Glaubensaussagen, zumindest gelebte.

Der Befund ist einfach überwältigend.

Es ist überwältigend, wie das gesamte öffentliche Leben ein Paradigma internalisiert hat. Schulbücher, Museen, Dokumentarfilme – wir sind von klein auf «indoktriniert». Dabei gibt es drei Ebenen der Wahrnehmung. Zuerst das konkrete Einzelereignis, z. B. einen Knochenfund. Dann die Einordnung in ein Gesamtes. Innert Sekunden entsteht in einem Dokumentarfilm ein braunes Riesentier. Das ist jedoch eine Modellierung. Drittens die weltanschaulichen Vorannahmen, die es steuern: Vor x Jahren… Letztlich stossen wir stets auf diese dritte Ebene vor. Wir Menschen können gar nicht anders, als nach den Zusammenhängen zu fragen!

Man muss doch Evolutionismus und Atheismus voneinander trennen.

Ich glaube nicht, dass dies das richtige Vorgehen ist nach über 100 Jahren, in denen die Metaphysik – also die Frage nach Gott und dem Sein – verpönt war. Atheismus war nicht nur Treiber in der Forschung der letzten Jahrzehnte (übrigens im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, in denen gerade der christliche Glaube der Antrieb für zahllose Erfindungen war). Unsere inneren Einstellungen sind auf «Atheismus» programmiert. Wir leben im Alltag so, wie wenn es Gott nicht geben würde.

Auf welche Experten verlässt du dich?

Das ist eine der wichtigsten Frage. Welches Argument hat dich am Ende überzeugt? Welche Person(en) trugen dazu bei? Die Komplexität eines Modells sagt noch nichts über richtige Vorannahmen aus. Die Wissenschaftler sind unsere Priester. Kein Wunder werden die Redner einer Schöpfungskonferenz verächtlich hinterfragt. Sie haben nicht die Weihen der öffentlichen Mehrheit empfangen.

Du willst doch nicht allen Ernstes sagen, dass Kurzzeit-Kreationismus plausibel sei.

“Plausibilität” ist abhängig von der vorgelagerten Plausibilitätsstruktur. Diese ist nun mal dominant naturalistisch eingefärbt. Das hat ein Teilnehmer der Diskussion schön ausgedrückt: «Eine Geschichte mit magischen Bäumen und einer sprechenden Schlange ist natürlich viel plausibler.» Wir gehen mit unseren unbewusst naturalistisch geprägten Vorannahmen an den Bibeltext heran. Auf diese Weise werden wir niemals beim Schöpfungsbericht bleiben. Nach Genesis 2 kommt Genesis 3.

Wurde der Kurzzeit-Kreationismus in der Theologiegeschichte nicht schon lange vorher angezweifelt?

Das ist richtig. Schon die Kirchenväter, welche mit der griechischen Philosophiegeschichte vertraut waren, äusserten den Gedanken der Entwicklung. Viele Theologen haben während Jahrhunderten über der Frage gerungen.

«Ich finde es oft quälend, wenn der großartige Hymnus der Schöpfung (1. Mose 1) mit Gewalt in eine Art kümmerliche Naturgeschichte gepresst und gegen die Naturwissenschaft ins Feld geführt wird. Wir sollten in den Hymnus einstimmen und die Menschen überzeugen, dass er sie zutiefst betrifft. Am Anfang schuf Gott die Welt und am Ende wird er Frieden schaffen. Warum soll ich mir da diese Gefangenenkugel des Kreationismus ans Bein binden?» Wie liest du die Schöpfungsberichte?

Die vergangenen Jahrzehnte waren in der Theologie von der Erforschung der unterschiedlichen Genre geprägt. Dafür bin ich sehr dankbar. Gegenwärtig müssen wir darauf achten, nicht von der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Vor lauter Betonung der Vielfalt sollten wir nicht die Einheit des Textes übersehen. Genesis 1 ist tatsächlich kunstvoll und theologisch intentional angeordnet. Für reine Poesie reicht es jedoch nicht – und schon gar nicht für einen mythologischen Bericht. Es geht um einen Schöpfer, der diese Wirklichkeit aus dem Nichts hervorgebracht hat.

«Es steht doch nichts da, wie er geschaffen hat. Die Evolutionstheorie beschreibt einen Vorgang, durch den sich das geschaffene Leben entwickelt hat, vom Einzeller über den Mehrzeller bis zu so hochspezialisierten Geschöpfen wie wir Menschen es sind. Warum sollte Gott diese Entwicklung nicht gesteuert haben?»

Die Bibel berichtet, dass Gott sprach und es dastand (Psalm 33) und dass er das Nichtseiende hervorgerufen hat (Römer 4). Die ersten Kapitel stellen uns den ersten Menschen als erwachsenen, entscheidungsfähigen Menschen vor. Da ist kein Platz für Leben durch Tod. Ohne Metaplan des Evolutionismus käme man nie auf den Gedanken einer langsamen Entwicklung!

Was hältst du von der Lückentheorie?

Es ist ein möglicher Ansatz, der mich exegetisch jedoch nicht überzeugt. Manchmal wird eingewendet: «Der Mensch kann sich vermutlich gar nicht vorstellen wie viel ‘Zeit’ Gott hat.» Einzelne haben die Idee von Arbeitstagen Gottes. Das kann man jedoch gerade so gut umkehren: «Der Mensch kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell Gott Verhältnisse ändern kann.»

Es gibt doch viele bibeltreue Theologen, die auch an die Evolution glauben.

Das ist richtig. Timothy Keller ist einer der bekanntesten. Auch wenn ich viel von ihm profitiert habe, vermag er mich mit seinen exegetischen Argumenten nicht überzeugen. In dieser Hinsicht spricht er einfach wie ein Grossstädter des 21. Jahrhunderts. Ich würde jeden Theologen fragen, wer ihn in seiner Entscheidung letztlich beeinflusste und was sein «Wendepunkt-Erlebnis» in dieser Hinsicht war.

Weiterlesen: In der Buchbesprechung “Der Streit um den Anfang” habe ich verschiedene Ansätze einander gegenüber gestellt.

10 Hinweise … für den Notfall

Aussergewöhnliche Vorfälle wollen vorbereitet sein.

  1. Der Allmächtige hat mich bewusst zu dieser Zeit an diesen Ort gestellt.
  2. Wer ist mein Nächster?
  3. Wen kann ich zur Hilfe rufen?
  4. Wer kann (mit)beten?
  5. Wer ist indirekt betroffen, der gerne vergessen wird?
  6. Wann kann ich nachfragen?
  7. Was erzähle ich anderen davon?
  8. Was kann ich selbst davon lernen und allenfalls vorkehren?
  9. Umgekehrt: Inwiefern erinnert mich das Vorkommnis an meine Begrenzung?
  10. Wie kann Jesus grossgemacht werden?

Buchbesprechung: Ich will mich ändern!

Jim Newheiser. Ich will mich ändern – Taschenhilfe #2. EBTC: Berlin, 2019.

«Viele Gläubige erwarten, dass Gott ihre sündigen Verhaltensweisen und Probleme durch die dramatische Erhörung bestimmter Gebete irgendwie augenblicklich wegzaubert.»
«Die einzige Veränderung, die Gott gefällt, geschieht durch den Glauben, durch seine Kraft und zu seiner Ehre (Heb 11,6; Röm 14,23; 1Kor 10,31).»
«Für Gläubige gibt es keine Verdienstmessuhren, die wir mit Verdienstmünzen füttern müssen.»

Zielsetzung
Im Vorwort wird die Abhandlung darüber angekündigt «… was Gottes Wort über die Dynamiken lehrt, die eine tiefe Veränderung unseres Verlangens und Verhaltens ermöglichen.»

Meine Erwartung an das Buch
Vom Zentrum (Herz) des Menschen her argumentierende und vom Evangelium bestimmte, für unseren westlichen Lebens- und Erfahrungsraum angepasste Perspektive.

Aufbau
Jedes Buch folgt dem gleichen Ablauf: Einstieg mit konkreten Lebenssituationen, biblische Analyse, biblischer Lösungsweg und dann der Weg zur Veränderung. Abgeschlossen wird mit der biblischen Hoffnung, einer Reihe von Fragen sowie Literaturhinweisen.

Aus dem Inhalt

Beispiele: Beispiele wie Pornografie oder Trunksucht habe ich erwartet; Gewichtsprobleme oder mangelnde Konsequenz in der Erziehung – das kam mir unangenehm nahe. Die Ausgangsfrage bleibt dieselbe: «Warum können wir uns nicht ändern?»

Der Autor nennt beispielhaft sechs unbiblische Wege zur Veränderung, nämlich: Befreiungsdienste oder mystische Erfahrungen, Einnahme von Medikamenten, Formeln zur Selbsthilfe bzw. striktes Einhalten von Regeln sowie Entzugsprogramme.

Biblischer Lösungsweg / Zusammenhang mit dem Evangelium: «Im Gegensatz zu all diesen Methoden lehrt uns die Schrift, dass Gott uns verändert, wenn wir die Kraft des Evangeliums verstehen und erfahren und dann durch vom Heiligen Geist gewirkten Gehorsam vorwärts gehen.» (17) Dies zu entfalten, ist ein Hauptanliegen des Büchleins.

Drei Stellen, die mich berührt haben

  1. Denke daran, wer du bist. Newheiser erzählt von Pedro, der mit seiner Gang- bzw. Drogenvergangenheit immer wieder rückfällig wurde. «Ich nahm mit Pedro Römer 6 durch und erinnerte ihn daran, dass er eins mit Christus ist. Ich ermutigte ihn, Römer 6,3–6; Römer 6,11 und Epheser 4,32 auswendig zu lernen.» (30)
  2. Christus ist besser als die Sünden, die eine Versuchung für uns darstellen. Am Beispiel des Autors: «Ich habe von jeher gewusst, was zu tun ist, um gesünder zu werden – nämlich weniger essen und mich mehr bewegen. Zudem war ich mir auch der geistlichen Tragweite bewusst: Dass ich lernen muss, von Christus zu zehren, anstatt mich dem Essensgötzen zuzuwenden (Jes 55,1–2). Im Laufe mehrerer Jahre hatte ich immer wieder versucht, mich zu ändern und bin genauso oft immer wieder auf die Nase gefallen.» (61)
  3. Die Gefahr einer neuen Passivität. «Ich hatte einmal ein Ehepaar in der Seelsorge, das sich hilfesuchend an einen Pastor gewandt hatte, um der Pornographiesucht des Mannes beizukommen. Der Ratschlag ihres Pastors erschöpfte sich in der Aufforderung, einfach ‘auf Christus zu schauen’.» (41)

Erwartung eingelöst?
Es handelt sich um eine gelungene Übersetzung. Die gesamte Abhandlung ist durchdrungen von biblischer Argumentation und durchsetzt mit Beispielen, die auch für den europäischen Kontext passen. Speziell hilfreich empfand ich nicht die krassen Beispiele, sondern das Anknüpfen an den Alltag im «fromm sozialisierten Milieu».

Ich empfehle die Anschaffung für die Arbeitsmappe oder Handtasche und die Rückkehr zum Büchlein in Momenten des Kampfes.

P. S. Ich habe mit einem Rezensionsexemplar gearbeitet.