Input: Kultur und Weltanschauung – eine umfassende Begriffsbestimmung

Christopher Watkin hat den Kulturbegriff klug und umfassend ausgearbeitet (in Critical Biblical Theory, 4-13). Er geht fasst zunächst die unterschiedlichen Konzepte zusammen:

Einige Ansätze betonen den kognitiven Aspekt der Kultur: Ideen, Konzepte und Weltanschauungen. Andere konzentrieren sich auf Erzählungen und Symbole. Wieder andere unterstreichen die verhaltensbezogene, körperliche, gewohnheitsmäßige Dimension oder stellen die Objekte und Artefakte einer Kultur in den Vordergrund.

Zudem nennt er einige Autoren mit eigenen Begriffsbildungen:

Der niederländische Theologe Herman Bavinck spricht von einer “Welt- und Lebenssicht” (world-and-life view, Christian Worldview, 11-13) , Francis Schaeffer von einer “Gesamtsicht” (total view, A Christian Manifesto, 61-62), Cornelius Van Til von einem “Totalitätsbild” (totality picture, The Defense of the Faith, 47), Abraham Kuyper von einem “Lebenssystem” (life system, Lectures on Calvinism, 11+20-26), Al Wolters von einer “Lebensperspektive” (life perspective, Creation Regained, 2) oder “konfessionellen Vision” (confessional vision) und Herman Dooyeweerd von einem “Grundmotiv” (ground motive, The Roots of Western Culture, 9-11).

Charles Taylor nannte es Sozialimagination – “etwas, das viel breiter und tiefer ist als die intellektuellen Schemata, die die Menschen hegen, wenn sie losgelöst über die soziale Realität nachdenken” (Modern Social Imaginaries, 23f)

Nicht zuletzt bleibt der biblische Ausdruck “Kosmos”, ein Begriff, der … “nicht einfach auf alles, was es gibt, verweist, sondern ganz konkret auf die Art und Weise, wie es uns erscheint”, in dem Sinne, den wir meinen, wenn wir “meine Welt” oder “unsere Welt” sagen. (Oliver O’Donovan, Finding and Seeking, 73)

In jedem kulturellen Moment gibt es bestimmte allgemeine Festlegungen und Annahmen, die bestimmen, was Menschen sinnvollerweise denken, sagen und tun können.

In der eigenen Definition spricht Watkin von sechs Dimensionen:

  1. Sprache, Ideen und Geschichten: Die Wörter, Konzepte, Symbole und Erzählungen, die wir verwenden, um unseren Erfahrungen einen Sinn zu geben und um Muster in unserem Leben und Denken zu schaffen.
  2. Zeit und Raum: Die Art und Weise, wie wir die Zeit rhythmisieren, ist eine Reihe von Figuren, von der 24-7-Gesellschaft bis zur modernen Ideologie des historischen Fortschritts.
  3. Die Struktur der Wirklichkeit: Ob wir wie die westliche Moderne denken, dass wir in einem flachen “immanenten Rahmen” leben, in dem es nichts jenseits der Welt gibt, die wir sehen und berühren
  4. Verhaltensweisen: Kultur drückt sich in körperlichen Gewohnheiten oder “Liturgien” aus und wird von ihnen geprägt.
  5. Beziehungen: Wir strukturieren und rhythmisieren unser Leben und unsere Welt durch Beziehungen im Familien- und Freundeskreis und durch Beziehungen in sozialen Medien mit ihren eigenen Codes und Normen.
  6. Objekte: Nicht zuletzt wird unsere Welt durch die Güter und Objekte geformt, die uns umgeben.

Dabei sind die einzelnen Figuren nicht vergleichbar mit Kleidern, die wir uns an- und ausziehen, sondern “sind so etwas wie unsere Nahrung, die wir in uns aufnehmen und aus der unser Körper gemacht ist”. Jede von ihnen ist “umfassend”, aber keine von ihnen ist “erschöpfend”.

Gleichermassen prägt die Bibel als göttliche Ansprache an uns mit demselben Set an Figuren, beispielsweise:

  1. Sprache, Ideen und Geschichten: das biblische Konzept des Bundes oder wiederholte Erzählungen, die das Motiv “die Ersten werden die Letzten sein” verkörpern
  2. Zeit: der Rhythmus von Verheißung und Erfüllung
  3. Raum: die biblische Vorstellung von Gott als Herrscher über den ganzen Raum, nicht wie einer der lokalisierten Götter der alten Welt
  4. Wirklichkeitsstruktur: die biblische Unterscheidung zwischen dem Reich dieser Welt und dem Reich Gottes
  5. Verhalten: die ersten Christen, die am Tag des Herrn zusammenkommen, um zu singen, das Brot zu brechen, zu beten und belehrt zu werden
  6. Beziehungen: die Einheit aller Gläubigen in Christus und Gott als Gesetzgeber
  7. Objekte: der Ort und die Architektur der Stiftshütte oder die verfügbaren Transportmittel für die Missionsreisen des Paulus

Der Prozess der Beeinflussung beschreibt Watkin in Anlehnung an Paul Ricoeur dreifach:

  • Präfiguration: Die Welt, die ich als Leser an den Text herantrage.
  • Konfiguration: Die Art und Weise, in der der Text mit seinen eigenen Figuren an meinen vorgefertigten Erwartungen und Annahmen “herumspielt”.
  • Refiguration: Die Integration der Textwelt in die Welt des Lesers

Zitat der Woche: Religion als reine Herzensangelegenheit

Herman Bavinck analysiert in seiner 8. Vorlesung “Offenbarung und religiöse Erfahrung” treffend die ideengeschichtliche Entwicklung des Westens:

Allen (Versuchen seit der Aufklärung ist) gemeinsam, dass sie sich keiner sogenannten äußeren Autorität, keiner objektiven Offenbarung, keinem gesprochenen Wort Gottes mehr unterwerfen, sondern versuchen, Gott durch den Menschen zu finden.

… Wenn man von Erlebnis in der Religion spricht, meint man damit, dass Religion durch und durch eine persönliche Angelegenheit ist oder jedenfalls werden muss … wenn das Herz berührt wird und eine persönliche Gemeinschaft zwischen Gott und unserer Seele entsteht.

… Religion ist zweifellos eine Herzensangelegenheit, aber sie kann nicht von jeder objektiven Gotteserkenntnis getrennt werden.

Übersetzt aus Herman Bavinck. Philosophy and Revelation. A New Annotated Edition. Hendrickson, 2018. S. 295f.

Input: Zurück zu den goldenen Anfängen des Christentums?

Ab und an höre ich das Argument des «goldenen Anfangs». Im «primitiven» (sprich ursprünglichen) Zustand der Christenheit sei das Neue Testament noch «unverdorben» rezipiert und danach gelebt worden. Daraus entsteht die Legitimation für das Bedürfnis nach einer Rückkehr zur ursprünglichen Form des Christentums (um nicht zu sagen manche Projektion, wie es damals gewesen sein sollte). Hier erscheint mir die Haltung der Reformatoren gesünder:

Eine positive Aufnahme der altchristlichen Theologie ist einerseits seit der Reformation fester Bestandteil reformierter Konfessionen und Theologie. Diese positive Rezeption wurde andererseits von einer kritischen Haltung gegenüber den Kirchenvätern oder zumindest von einem ausgeprägten Bewusstsein ihrer Grenzen begleitet, die durch verschiedene Erwägungen motiviert sein konnte, aber angesichts des reformierten Grundsatzes, dass allein die Bibel in Fragen des Glaubens und des Verhaltens maßgebend ist, in jedem Fall unvermeidlich war. …

Die theologische Kontinuität zwischen der reformierten Theologie und den Kirchenvätern zeigt sich am deutlichsten in der Übernahme frühchristlicher Glaubensbekenntnisse … und in der Tatsache, dass reformierte Theologen ihre eigenen Bekenntnisse mit Hilfe von Zusammenstellungen patristischer Zeugnisse kommentierten und erläuterten … Das Streben nach Katholizität, das sich in zahlreichen anderen Publikationen … und in der entsprechenden Berücksichtigung der patristischen Irrlehren äusserte .., hatte jedoch offensichtliche Grenzen und wurde von Vorbehalten und Kritiken begleitet, die seit dem 16. Jahrhundert formuliert wurden. (Aus: Reformed Theology and the Church Fathers, enthalten in The Oxford Handbook of Reformed Theology, S. 9f)

Input: Denker lesen, die meinen Überzeugungen entgegenstehen

Christopher Watkin gehört zu meinen Entdeckungen der letzten Zeit. Ich empfehle den zweiteiligen Podcast von Grace in Common (Teil ITeil II) zur Einführung. Sein neustes Werk «Biblical Critical Theory» wird viel gerühmt. Zur Einführung empfehle ich drei Rezensionen (Christopher Watkin Against the PagansWatkin’s “Biblical Critical Theory”What is Biblical Critical Theory? A Review Article). Es sind zudem einige ergiebige Interviews verfügbar (Michael BirdMark WardBaker Academic).

Watkin erzählt (Minuten 16-17), dass er in der Bibliothek der von Ranald Macauley, dem Schwiegersohn von Francis Schaeffer gegründeten Organisation «The Christian Heritage» in Cambridge (Interviewweiteres InterviewRekindling the Vision: Christians in the Post-Christian West), ein Buch nach dem anderen aus dem Regal zog und las. Seine Fragestellung bestand weniger darin, welchem theologischen System dieses zugehörig war, sondern wie er einen vom christlichen Glauben geprägten Denkrahmen entwickeln konnte – als Voraussetzung für einen eigenständigen Standpunkt in seinem Fachgebiet der Philosophie. Francis Schaeffer nennt er als frühen Einfluss, von dem er vor allem das Anliegen und das Muster der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie und Kunst übernehmen konnte (bei inhaltlichen Differenzen).

Sehr schön begründet Watkin die Notwendigkeit eines Standpunkts ausserhalb des Textes (gegen die postmodernistische Ansage; ab Minute 20). Es gilt zu lernen, die Fragen, die ein Autor stellt, genau zu erfassen: Was will er beantwortet haben? Sonst besteht die Gefahr eines Rundumschlags. Watkin repräsentiert vorbildlich die Präzision und die Aufrichtigkeit, auch bei fremdartigem Gedankengut mit dem Gegenüber zu ringen. Dies bedeutet – wie er es bei einigen Philosophen selbst erfuhr (siehe seine Einführungen zu Michel FoucaultJacques DerridaGilles Deleuze) – einen Denker hartnäckig zu studieren und über die Zeit in dessen Gedankenführung hineinzukommen. Dies ist wohl zu unterscheiden von der ungeprüften Übernahme unbiblischer Konzepte. Diese kann sich aber gerade dann vollziehen, wer sich einer Auseinandersetzung entzieht.

Watkin hat daraus die Methode der Diagonalisation entwickelt, die er so definiert:

Wenn wir die Wahl zwischen zwei Lagern oder Positionen in unserer Kultur haben, entscheidet sich die Bibel häufig für keines von beiden und präsentiert uns etwas, das reichhaltiger ist als beide, eine subtilere Lösung, die sich keine der beiden Positionen hätte vorstellen können. Immer wieder stellen wir fest, dass die biblischen Figuren die Bandbreite der Optionen, die uns präsentiert werden, überschreiten, nur um bei näherer Betrachtung festzustellen, dass diese Optionen selbst verzerrte und zerstückelte Versionen biblischer Ideen sind. (Biblical Critical Theory, XXXIX)

Ich werde mich bald in die Reihe der Leser einreihen – wie Rebecca McLaughlin oder N. Gray Sutanto. Gelernt aus den bisherigen Audios habe ich vor allem eines: Die unglaublich aufmerksame, das Gegenüber wertschätzende, freudig entdeckende Art und Weise von Watkin. Er möchte keine schnellen Antworten, sondern den Hintergrund und Intention einer Fragestellung genau kennenlernen. Auch die Antworten sind geprägt von einer struktuierten Art und Weise, der es sich lohnt nachzueifern.

Zitat der Woche: Wer einmal einem Menschen wirklich zugehört hat, muss fast alle seine Theorien austauschen

… Freud hat in seinem Leben wenigstens einige Male zugehört. (nach Elias Canetti)

Oder: Für Menschen, die als einziges Werkzeug einen Hammer besitzen, wird jedes Problem zum Nagel. (Chinesisches Sprichwort)

Vor Jahren wurde ich durch den Philosophen Gianfranco Schultz (siehe dessen Einführung zu Alvin Plantinga) auf die Philosophische Praxis (Angebot im Raum Zürich) aufmerksam gemacht. Der philosophische Praktiker Gerd Achterbach(* 1947) definiert sie folgendermassen (Hervorhebungen von mir):

Philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich gegenwärtig als Alternative zur Psychotherapie. Sie ist eine Einrichtung für Menschen, die Sorgen oder Probleme quälen, mit ihrem Leben „nicht zurechtkommen” oder meinen, sie seien irgendwie „steckengeblieben”; die von Fragen bedrängt werden, die sie weder lösen noch loswerden; die sich in der Prosa ihres Alltagslebens zwar bewähren, in vorerst unbestimmter Weise aber „unterfordert” fühlen – weil sie etwa ahnen, daß ihre Lebenswirklichkeit ihren Möglichkeiten nicht entspricht. 

In der Philosophischen Praxis melden sich Menschen, denen es nicht genügt, nur zu leben oder bloß so durchzukommen, die sich vielmehr Rechenschaft zu geben suchen über ihr Leben und sich Klarheit zu verschaffen hoffen über dessen Kontur, sein Woher, Worin, Wohin. Ihr Anspruch ist nicht selten, einmal über die besonderen Umstände, die oftmals sonderbaren Verstrickungen und den seltsam uneindeutigen Verlauf ihres Lebens nachzudenken.

Dabei ist es nahezu nie die Kantische Frage „Was soll ich tun?”, die sie bewegt, häufig hingegen die Frage Montaignes – und die lautet: „Was tue ich eigentlich?” 

Dabei mag im Hintergrund die älteste philosophische Weisheit als Einsicht vorhanden sein, die Maxime des Sokrates nämlich, wonach nur ein geprüftes Leben lebenswert sei.

Womöglich meldet sie sich als schemenhafte Befürchtung, ein bloß so hingelebtes Leben sei im emphatischen Sinne ein „nicht wirklich gelebtes” Leben, ein „vertanes”, irgendwie „verpasstes”, zerstreutes, um sich selbst gebrachtes Leben.

Ich sehe mein eigenes berufliches Wirken auf dieser Linie. In einem Vortrag (2005) stellt Achterbach die philosophische Praxis der Psychoanalyse Freuds gegenüber.

(Minute 23-24) Nach dem Philosophen Hegel geht es darum, sich aus der Sicht eines anderen zu sehen, gewissermassen sich als gesehen zu sehen, sich als gedacht zu denken, sich als gemeint zu meinen. Die Psychotherapie hingegen «zoomt» auf die einzelne Person und deren Innenleben mittels einer mehr oder minder festgelegten Theorie. Der philosophische Praktiker stellt die übergeordnete Frage: Worauf kommt es an? Am Beispiel der Paartherapie: Gelebt laufen viele Therapien auf die Trennung heraus. Weshalb ist dies so? Inwiefern spielt der Therapeut da mit hinein? Weshalb scheinen therapeutische Settings darauf angelegt zu sein? Nach dem Philosophen Hegel geht es darum, sich aus der Sicht eines anderen zu sehen, gewissermassen sich als gesehen zu sehen, sich als gedacht zu denken, sich als gemeint zu meinen. 

(dazu passend, Minute 48) Die Psychoanalyse arbeitet retrospektiv das durch, was in früheren Phasen nicht bewältigt werden konnte. Eines kann sie jedoch nicht: Sie kann nicht entscheiden, ob jemand gut daran tut, einem Patienten eine solche Leistung abzuverlangen. Am Beispiel einer aktuellen Untersuchung der FAZ zu den inhaltlichen Schwerpunkten von Erziehungszeitschriften: Es ging darum, wie man beim Brüten des Nests es schafft, möglichst viele Pausen vom Brüten zu bekommen – konkret: Wie kann ich mein Kind parkieren, wenn ich in London shoppen gehe?

(Minuten 30-35) Wer mit vorgefertigten Theorien eine Person «analysiert», verlässt den Rahmen der Begegnung und wird vorfinden, wonach er gesucht hat. Am Beispiel von Freuds Analyse seines 18-monatigen Enkels Ernest (in Jenseits des Lustprinzips): Er interpretierte die Reaktion auf die Trennung von der Mutter – mit Geräuschen Klötzchen zu werfen – als lustvollen Racheakt. Frage: Bestätigt der Einzelfall die Theorie oder muss sie gar eine geltungssüchtige Theorie (und deren Begründer) bestätigen? Umgekehrt: Die Angemessenheit eines Einzelfalls kann eine Theorie erschüttern bzw. ihn zensieren. Freud war als Forscher hingegen auf wissenschaftsförmige Theoriebildung aus. Diese sollten spätere Analytiker mit deren Patienten anleiten. Resultate, die aus der Praxis einiger gewonnen wurden, sollten für die Praxis anderer verwendet werden. Die Erwartungsgewissheit selektiert Erfahrung.

Zitat der Woche: Wir können das Kriterium der Wahrheit nicht aus uns ableiten

Herman Bavinck in seiner Antrittsrede als Professor in Kampen (1883; Hervorhebungen von mir):

Ja, dieses Wort bindet uns mit einer Autorität an sich, die weder unserem Gefühl, noch unserem Verstand, noch unserem Willen freien Lauf lässt, sondern einfach Unterordnung und Anerkennung verlangt. Das Evangelium, dessen Verkündigung immer dem Glauben vorausgeht, verlangt von uns nichts anderes als den Glauben, d. h. die bedingungslose Annahme. Nie und nirgends fordert es uns auf, die Wahrheit aus uns selbst zu lernen, auch nicht aus unserem Gefühl, das man zwar, wenn man will, sehr tief empfinden kann wie bei Schleiermacher. Zu allen Zeiten predigt sich [das Wort] als die Wahrheit, die uns befreien und heiligen kann. Es zeigt sich auch in der Geschichte am deutlichsten, dass wir ohne das Wort irren und dass uns ohne dieses jede Sicherheit und wahre Erkenntnis der himmlischen Dinge fehlt. Auch wenn es unser aufrichtiger Wunsch wäre, die Wahrheit aus unserem Selbstbewußtsein abzuleiten und sie so rein wie möglich darzustellen, so ist es doch unmöglich, weil es an einem Kriterium fehlt, um zu beurteilen, was von Gott kommt und was dem eigenen sündigen Herzen entspringt. Die Annahme des Gefühls als Erkenntnisquelle führt dazu und kann nur dazu führen, dass man alles Objektive im Wirken Gottes in der Schrift und in der Geschichte verkennt.

… Jede Wissenschaft geht von einem Axiom aus, von einer Voraussetzung, die sie ohne Beweis annimmt. Wem das nicht gefällt, der wird nie zur wissenschaftlichen Erkenntnis gelangen. Ein absolutes Wissen, von dem aus das Wissen der Anfang, die Mitte und das Ende ist, gibt es für uns Geschöpfe nicht. Wir stehen auf dem Fundament des Geschöpflichen. Wir sind nicht mit der Voraussicht, sondern mit der Rückschau begünstigt. Unser Denken muss einen Anfang haben, ein apriori, von dem wir in unserem Streben nach Wissen ausgehen – sonst verdammen wir uns selbst zum aussichtslosen Skeptizismus und streben niemals nach dem Wissen von irgendetwas.

Herman Bavinck. Academic Orations. Brill: Leiden, 2020. (37)

Input: Ideengeschichte und die Französische Revolution

Hinter dem neocalvinistischen Geschichtsverständnis von Abraham Kuyper (1837-1921) standen Gedanken des Staatmanns Groen van Prinsterer (1801-1876). Diese Überlegungen flossen in das zentrale Werk “Unbelief and Revolution” (1847) ein.

Der Historiker James Bratt (* 1949, Verfasser der ausgezeichneten Kuyper-Biografie und des wichtigen Hintergrundwerks zum Dutch Calvinism) zeichnet in der Monografie “Neo-Calvinism and the French Revolution” das Argument über die Veränderungen durch die Französische Revolution nach (S. 3-4):

Jede politische Herrschaft leitet sich von göttlichem Recht ab, das durch Offenbarung und Geschichte übermittelt wird. Die Neuzeit versuchte, diese Autorität durch die Vernunft zu ersetzen, die sich politisch im Republikanismus, in der Theorie des Gesellschaftsvertrags und in Vorstellungen von Volkssouveränität manifestierte. Als der Kult der Vernunft im achtzehnten Jahrhundert an Fahrt gewann, wurde dessen radikale Logik offenkundig: Der milde englische Deismus wich Voltaires radikaler Richtung, dann Diderots Atheismus; Montesquieus Analyse des Nationalcharakters zog Rousseaus Eintreten für die Zivilreligion nach sich. All dies gipfelte in Helvetius und La Mettries unverblümtem philosophischen Materialismus.

Diese Korrosion in der französischen Philosophie destabilisierte zwangsläufig die französische Politik… und die darauf folgende Revolution folgte ihrer radikalen Logik von der Einberufung der Generalstände bis zur Schreckensherrschaft, bis eine verzweifelte Reaktion das Regime von Recht und Ordnung des Direktoriums einführte. Diese waren jedoch lediglich rechte Revolutionäre, die sich nicht auf göttliche Autorität berufen konnten und so einer weiteren Revolution von links Platz machten. Der Kreislauf gipfelte schließlich in der Tyrannei Napoleon Bonapartes, dessen Macht auf Gewalt und Eroberung beruhte und der gezwungen war, endlose Kriege zu führen, um seinen Glanz zu erhalten. Diese Kriege waren gleichzeitig verbreitete den Makel der Revolution in ganz Europa und schürte den Widerstand, der sie überwand. Die Restauration, die aus dem Wiener Kongress hervorging, hatte die Sache jedoch nicht erledigt …, denn die Monarchien erwiesen sich als Variationen menschlicher Erfindungen. Nur die festen Fundamente Gottes und der Geschichte könnten das auflösen, was zu einem chronischen Kreislauf von Umwälzungen und Unterdrückung zu werden drohte.

Die Wurzeln der “Revolution” aus der Sicht von Groen van Prinsterer reichen weit vor die Ausbrüche von 1789 zurück. Das heißt, dass die “Prinzipien” der “Revolution” hinter der gewöhnlich vermuteten Aufklärung durch die Renaissance und bis ins späte Mittelalter zurückreichten. In Groens Theorie qualifizierten sich also die absoluten Monarchen des 17. und 18. Jahrhunderts als “Revolutionäre”, und das Papsttum und die Gegenreformation trugen ihren Teil dazu bei, den “Unglauben” zu fördern, der schließlich nach 1789 in Frankreich zur Explosion gelangte. Die französische katholische Theoretikerin Félicité Lamennais, die Groen als erste den Zusammenhang zwischen Unglauben und Revolution lehrte, veranschaulichte, wie ein Konterrevolutionär schließlich zum Demokraten werden konnte. Theokratische Normen, die scheinbar so anfällig für reaktionäre Tendenzen waren, konnten tatsächlich den Bann des Status quo lösen, indem sie sich auf eine transzendentale Autorität beriefen, die über die konventionellen Möglichkeiten des Augenblicks hinausging. Bloße Behauptungen irdischer Autorität von Seiten der Traditionalisten, seien es die erhabenen Monarchen des alten Regimes oder die unruhigen der Restauration, trugen nicht notwendigerweise das Mandat des Himmels in sich – und konnten Gottes Heiligkeit gerade dadurch herausfordern, dass sie ihre eigene übertrieben.

Buchhinweis: Die Aufregung der theologischen Orthodoxie

Seit Jahren verfolge ich sporadisch das Schreiben und Wirken von Trevin Wax. Sein Buch “Rethink Your Self” war mir eine besondere Hilfe.

In seinem jüngsten Werk “The Thrill of Orthodoxy: Rediscovering the Adventure of Christian Faith”  geht es um eine wichtige Grundwahrheit: 

Ich befürchte, dass es an Vertrauen in die Schönheit und Güte der christlichen Wahrheit mangelt. Und ich denke, dieser Mangel an Vertrauen führt zu einer Abwertung der Lehre. Und, offen gesagt, denke ich, dass jede Generation an den Punkt kommen muss, an dem wir, an dem jede Generation die Schönheit und den Nervenkitzel und das Vertrauen und die Güte und Wahrheit der christlichen Lehre zurückgewinnen muss.

Der Weg nach vorn besteht darin, zurückzublicken und Erneuerung in etwas Altem zu finden – grundlegende Wahrheiten, die durch die Zeit geprüft wurden, eine Quelle des Guten, die erfrischt und befriedigt, längst vergessene Schönheit aus der Vergangenheit, die unsere Augen über das Leid und den Kummer der Gegenwart erhebt.

… Der Reiz der Orthodoxie liegt in ihrer Herausforderung. Wir sind aufgerufen, nicht nur nette Nachbarn zu werden, die freundlich und höflich sind, sondern heilige Menschen, die Jesus immer ähnlicher werden.

In einem Podcast berichtet Wax, wie er selbst diese Frische immer wieder empfängt:

Nun, … ich meine, ich persönlich denke, wenn man Leute findet, die wirklich gut darin sind, das Christentum aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, so dass man etwas, das einem wirklich vertraut ist, in einem ungewohnten Licht sieht. … Ich denke, das ist einer der Gründe, warum die Leute zu Schriftstellern wie Dorothy Sayers und G. K. Chesterton und C. S. Lewis und solchen Leuten zurückkehren, denn sie haben ein Geschick darin. … Sie nehmen etwas, von dem man bereits weiß, dass es wahr ist, etwas, an das man wahrscheinlich glaubt, und lassen es in einem solchen Licht erscheinen, dass man die Brillanz, den Schimmer erkennt. Sie nehmen einfach diesen Diamanten und verschieben ihn gerade so weit, dass er für einen das Licht auf eine neue Art und Weise einfängt.

Wax stellt zudem fest, wie Irrlehren sich im Leben von besonders engagierten Christen festsetzen können:

Ketzer beginnen nicht damit, dass sie die Kirche zerstören wollen. Sie wollen in der Regel zunächst einen Aspekt der Lehre verteidigen, den sie für lebenswichtig halten. Im Laufe der Zeit kann es jedoch vorkommen, dass jemand außerordentlich leidenschaftlich für eine bestimmte Lehre eintritt und bereit ist, jeden mit dem Hammer zu attackieren, der in Bezug auf diese Lehre aus der Reihe tanzt.

Buchhinweis: Biografie zu Timothy Keller

Collin Hansen, leitender Editor bei TGC und seit 2007 mit Timothy Keller verbunden (2015 schrieb ich über seinen Erstling Young, Restlos, Reformed), wird nächstens eine Biografie mit Fokus auf der geistigen und geistlichen Entwicklung (formation) herausbringen.

Im Gespräch mit Melissa Krüger meint Hansen:

Es ist keine traditionelle Biografie. Zunächst einmal ist Tim nach wie vor da, und er leistet großartige Arbeit. Die letzten Nachrichten über seinen Gesundheitszustand nach der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs waren sehr positiv. Zweitens ist es keine kritische Biografie. Denn ich stehe Tim sehr nahe. Ich bewundere Tim, ich schätze Tim, ich arbeite mit Tim zusammen. … Es ist auch nicht in erster Linie eine Erzählung über sein Leben. Tim liebt es nicht, über sich selbst zu sprechen. Das ist einer der Gründe, warum ich glaube, dass die Leute das Buch so faszinierend finden werden.

Hier sind einige berührende Augenblicke seines Lebens:

(ein Freund, der mit ihm das Zimmer teilte und selbst Suchender war) Es war der Geburtstag dieses Mannes, als dieser aufwachte und Tim am Fußende des Bettes auf dem Boden lag. Er hatte sich körperlich verwandelt, man konnte sehen, dass er vom Heiligen Geist verwandelt worden war.

Aus einem anderen Podcast:

(Gebete in der Gründungszeit) Ich finde es toll, wie Kathy zurückkommt und sagt, dass es in der Geschichte der Kirche keine Gemeindegründung gegeben hat, für die mehr gebetet wurde, insbesondere von Frauen, als die Redeemer Presbyterian Church. Und sie sagt: Wenn ihr wirklich wissen wollt, wie man eine erfolgreiche Megakirche gründet, dann findet heraus, wo Gott bereits eine Erweckung bewirkt, und zieht dann dorthin, einen Monat später oder einen Monat zuvor, glaube ich, hat sie gesagt. Und das spricht für ihr Gespür dafür, dass trotz aller harten Arbeit, aller Visionen und aller Planung letztlich nur Gott dieses Wachstum schenken konnte. Und Gott hat dieses Wachstum durch das gemeinsame Gebet ermöglicht.

(in einer Zeit der Prüfung nach dem 11.9.2001) Er sagte, dass sie um den 11. September herum beide in einem schlechten Gesundheitszustand waren. Sie waren ausgebrannt wegen des Traumas und der Folgen von 911, die Kirche in einem schlechten Zustand. Durch die Rezession in New York nach den Anschlägen verloren sie eine Menge Geld.

(Kathys Rolle als Lektorin) Tim hatte die ganze Zeit über einen Lektor in seinem Kopf. Und das war Kathy, und das gilt nicht nur für seine Bücher, sondern natürlich auch für seine Predigten. Und Kathy hat sich nie gescheut, darauf hinzuweisen, wenn sie der Meinung ist, dass Tim etwas nicht versteht oder etwas übersehen hat.

(über den bleibenden Einfluss) Man kann also den Wandel in New York City sehen, aber auch von Stadt zu Stadt (City to City). Und dann durch seine Bücher. Sie erwähnten die Übersetzungen, die in so vielen verschiedenen Sprachen erschienen sind. Ja, ich meine, das ist, glaube ich, das Vermächtnis, das er letztendlich hinterlassen hat, vielleicht kann man das jetzt umdrehen. Aber wenn Sie eine Stadt irgendwo in der Welt besuchen und eine Kirche finden, die sowohl vertraut als auch kontextbezogen ist, dann danken Sie Gott wahrscheinlich für Tim Keller. 

(über Kellers Art zu predigen und zu lehren) Nein, es ist nicht einzigartig. Wenn es einzigartig wäre, wäre es nicht orthodox. Es ist aber auf eine Art und Weise originell, über die man vorher nicht wirklich nachgedacht hat. Es ist originell und frisch. Und diese Frische ist eine Welle des Geistes, die Sie ermutigt, die Sie herausfordert und die Sie überführt.

Ich bin gespannt auf weitere Einsichten wie z. B. die Predigt, die Keller anlässlich des Todes seines einzigen Bruder 1998 gehalten hat. Hier geht es zu einem aktuellen Beitrag über Kellers geistliches Leben nach seiner Krebsdiagnose.

Zitat der Woche: Was van Til an Barth schrieb

Cornelius van Til (hier geht es zu einer Fülle von Ressourcen) wollte Karl Barth 1927 kennenlernen; die Gelegenheit ergab sich erst Jahrzehnte später bei Barths Besuch in den USA 1962. Inhaltlich bestand ein grundsätzlicher Konflikt. Er schrieb zwei Werke: “The New Modernism” (1946) sowie “Christianity and Barthianism” (1962). Van Til blickt in einem persönlichen Schreiben auf die Begegnung zurück:

Als ich mich Ihnen schließlich auf dem Flur näherte und jemand Sie auf meine Anwesenheit aufmerksam machte und Sie mir freundschaftlich die Hand schüttelten und sagten: ‘Sie haben einige schlechte Dinge über mich gesagt, aber ich vergebe Ihnen, ich vergebe Ihnen’, war ich zu überwältigt, um zu antworten. …
Das Wichtigste, was ich sagen möchte, ist, dass ich Sie immer sehr bewundert habe. . . . Die Tatsache, dass meine Ansichten von Ihren veröffentlichten Schriften abwichen und dass ich versuchte zu sagen, warum, schmälerte nicht im Geringsten meine Wertschätzung für Sie persönlich. Und ich habe nie gesagt, dass Sie der ‘größte Ketzer’ aller Zeiten sind. . . . Ich habe niemals, niemals über Ihren persönlichen Glauben an diesen Christus [der Heiligen Schrift] geurteilt. . . . Wenn und soweit ich trotzdem Ihre Ansichten missverstanden und falsch dargestellt habe, bitte ich Sie um Christi willen um Vergebung.

Alex Tseng, der eine eindrückliche intellektuelle und geistliche Reise hinter sich hat (Cornelius van Til, James I. Packer, Herman Bavinck, Kant-, Hegel- und Barthstudien) und in der Tradition Bavincks steht, regt daraus für den Umgang an:

Wenn wir uns also fruchtbar mit Barth auseinandersetzen wollen, schlage ich vor, dass wir zwei notwendige Schritte unternehmen. Erstens: Wenn wir versuchen, Barths Theologie zu verstehen, sollten wir uns an den persönlichen Respekt erinnern, den Van Til für Barth hatte, und an seinen Wunsch, Barth persönlich kennen zu lernen.
Van Tils polemischer Ton mag als feindselig rüberkommen, aber Feindseligkeit war wirklich nicht seine Absicht und sollte es auch nicht unsere sein. Ein einfacher Grund dafür ist, dass Feindseligkeit unser Urteilsvermögen beeinträchtigt und uns unweigerlich von unseren eigenen Annahmen und möglichen Vorurteilen ablenkt. Zweitens, lassen Sie uns für den Moment das, was wir glauben, bereits über Barth zu wissen, zurückstellen, um zu einer fairen und objektiven Neubewertung seiner Theologie zu kommen.