Predigt: Durch die Versöhnung zueinander gestellt

Die letzten zwei Jahre haben unseren Alltag nachhaltig verändert. Zwei Fragen haben neu an Brisanz gewonnen:

  1. Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen der Kirche und dem Staat?
  2. In welcher Beziehung steht der einzelne Bürger zum Staat?

Die reflexartigen Reaktionen von Einzelnen und Gemeinden offenbaren das bisher unbewusst gelebte Verständnis. Diese zu Tage geförderte Verhältnisbestimmung enthüllt unterschiedliche Grundpositionen. Diese ziehen sich quer durch Gemeinden und Verbände.

Ebenso deutlich zeigt sich die Art der Loyalität und die gelebte Priorität der Gemeinde im Leben des Einzelnen und von Familien. Wurde die Gemeinde als Teil des Freizeitangebots angesehen, die – wenn es die Agenda zuliess – ins Gesamtprogramm integriert wurde?

Der Neutestamentler Thomas Schreiner zeigt in seiner Predigt in der Arche Hamburg zu Epheser 2,11-22 in einer bemerkenswerten Schlichtheit den fundamentalen Zusammenhang zwischen der Versöhnung durch Christus und dem Miteinander des Gottesvolkes auf. Im unversöhnten Zustand ist der Mensch seiner Grundorientierung beraubt. Er befindet sich ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt. Dem Fixpunkt verlustig gegangen, navigiert seine innere Kompassnadel unruhig von einem Gottesersatz zum nächsten.

Die Versöhnung durch Jesus stellt die Grundorientierung wieder her. Gleichzeitig sind die Versöhnten über jegliche nationalen und sozialen Grenzen hinaus als Gottes Volk miteinander vereinigt. Schreiner erwähnt einige konkrete Schritte, wie die Liebe zu anderen Mitgliedern des Gottesvolkes gezeigt werden kann (ab Minute 42). Besonders angesprochen haben mich zwei Überlegungen: Emotional unterkühlte und distanzierte Menschen sind sich ihrer Wirkung oft nicht bewusst – ein Grund mehr auf sie zuzugehen. Zudem trifft die Prüffrage, ob ich mein innerer Schwerpunkt darauf gerichtet ist anderen zu dienen oder ob ich mich ständig am Fragen bin, wie sie mir dienen müssten, ins Schwarze.

Buchhinweis: Meine Top-Entdeckung 2021 – Zeuge für die Wahrheit sein

Eine der wichtigsten Entdeckungen von 2021 war der tschechische Dissident Václav Benda (1946-1999, siehe auch dieser Eintrag). Ich stiess bei der Lektüre von “Live Not By Lies” (ausführliche Rezension) auf ihn. Bereits durch die Lektüre seines berühmten Landsmannes Václav Havel (1936-2011) war ich beeindruckt und nachhaltig bereichert, konkret “Briefe an Olga: Betrachtungen aus dem Gefängnis” (ausführliche Rezension) und “Versuch, in der Wahrheit zu leben”, weniger jedoch von seiner persönlichen Lebensführung (siehe meine Rezension zu einer politischen Biografie).

Alles, was ich bei Havel vermisste, fand ich bei Benda. Zuvorderst ist dies eine starke Verankerung in einer christlich-theistischen Weltsicht. Dies schlug auf seine Persönlichkeit durch. Zum unvergleichlichen Mut für die Wahrheit einzustehen paarte sich persönliche Demut. Er war sich jederzeit bewusst, dass sein Ein- und Hinstehen nicht von heute auf morgen Veränderungen nach sich ziehen würde. Trotzdem war er sowohl von der Existenz einer überpersönlichen als auch einer überstaatlichen Wahrheit überzeugt. Sein Einsatz galt schlicht der Umsetzung der bestehenden Gesetze seines Landes, die durch das damalige kommunistische Regime mit Füssen getreten wurde.

Zweitens war ich beeindruckt davon, dass Benda mehreren beruflichen Rückschlägen – er war Mathematiker und Informatiker und wurde x-mal strafversetzt für “niedere” Arbeiten – trotzte und sich nicht beirren liess. Zudem ist sein Familienleben vorbildlich. Seine Frau, die in seiner häufigen Abwesenheit und während seines Gefängnisaufenthalts nicht nur die Erwerbslast zu tragen hatte, ermutigte ihn nach seiner Wiederkehr aus der Gefangenschaft unverdrossen weiter zu machen. Die Erziehung und Bildung der Kinder nahm sie an die Hand und versorgte sie mit erstklassiger Literatur, u. a. mit dem mehrmaligen Vorlesen des Klassikers “Der Herr der Ringe”. Wie die Nachkommen heute bezeugen, beeinflusste sie die Widerstandskraft von Sam und Frodo wesentlich in ihrem Kampf gegen die Schikanen des Regimes.

Zudem war das Haus Bendas vor, während und nach der Gefangenschaft ein Hort für Dissidenten. Manche von ihnen gingen in ihrer allerletzten Besorgung vor der Haft nochmals bei der Familie vorbei; der erste Besuch nach der Entlassung war wiederum diese Familie. Es gab Tee, Kuchen und angeregte Diskussionen. Rod Dreher, der die Nachkommen besuchte und Interviews führte, zeigte sich beeindruckt von den nachhaltigen Auswirkungen einer solchen vorbildlichen Lebensführung.

Ich empfehle wärmstens Bendas Essays “The Long Night of the Watchman: Essays by Vaclav Benda, 1977-1989”, die es bisher nur als Hardcover zu kaufen gibt. Zwei der wichtigsten Aufsätze sind “Parallel Polis”, in denen er für den Aufbau von Parallelstrukturen in einem totalitaristischen Staat eintritt. Ebenso wichtig ist sein Aufsatz über die Grundfunktion der Familie “The Family and the Totalitarian State”. Ein 2021 abgehaltenes Colloqium zu Benda mit dieser Aufnahme “Totalitarianism, Faith, and Dissent: Czech Catholic Vaclav Benda and Beyond” mag als Einführung dienen. Es erstaunte mich nicht, dass die Redner in Tränen ausbrachen angesichts des mutigen Zeugnisses dieses Mannes (siehe z. B. Minuten 36-38 und 42-44). Daniel J. Mahoney, ein profunder Kenner von Alexander Solzhenitsyn, schrieb eine lesenswerte Buchbesprechung, die ich ebenfalls empfehle.

Buchhinweise: Erste Analysen von Wirtschaftshistorikern zur Covid-Krise

Anfang dieses Jahres nahm ich mir Zeit, um mit die Analysen zweier bedeutender Historiker der Gegenwart zur Covid-Krise zu Gemüte zu führen. Zuerst war dies das neue Buch des Briten Niall Ferguson (* 1964), “Doom: Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft”. Die Verlagsbeschreibung trifft – für einmal – den Nagel auf den Kopf bezüglich zentraler Aussagen:

Der Sinn des Todes: Die Lebenserwartung ist zwar in unserem modernen Zeitalter stetig gestiegen, doch der Tod bleibt unausweichlich, und in absoluten Zahlen wird heute mehr gestorben denn je. Trotzdem haben wir uns dem Tod entfremdet. 

Zyklen und Tragödien: Katastrophen sind naturgemäß unvorhersehbar, da die meisten Unglücksfälle (von Erdbeben bis zu Kriegen) keiner normalen Verteilung unterliegen, sondern zufällig oder nach den Gesetzen der Macht verteilt sind. Zyklische Theorien der Geschichte greifen daher nicht.

Die Illusion der Wissenschaft: Das 19. Jahrhundert war eine Zeit bedeutender Fortschritte, vor allem auf dem Gebiet der Bakterienforschung. Trotzdem sollten wir uns keiner fortschrittsgläubigen Interpretation der Medizingeschichte hingeben. 

Die wirtschaftlichen Folgen der Seuche: Der Umschwung von Selbstgefälligkeit zu Panik Mitte März 2020 führte viele Länder in einen wirtschaftlich verheerenden Lockdown. War das die richtige Antwort auf die vom Coronavirus aufgeworfenen Probleme? Wahrscheinlich nicht.

Zukünftige Schrecken: Wir können nicht wissen, wie die nächste Katastrophe aussehen wird. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, unsere politischen Systeme widerstandsfähiger zu machen und besser noch so aufzustellen, dass sie an Krisen wachsen. Dazu benötigen wir jedoch ein besseres Verständnis von Netzwerkstrukturen und bürokratischer Dysfunktion.

Zudem interessant: Ferguson hebt die Wichtigkeit der mittleren politischen Etagen bei der Bewältigung von Katastrophen hervor. Bürokratische Verzögerung und Vertuschung wirken sich verheerend. Zudem warnt Ferguson davon, die gesamte Schuld einer Person zuzuschieben; dies sei der gewohnte Reflex der westlichen Gesellschaften. Neu war für mich auch das Lob an die Adresse Taiwans für eine vorausschauende, rasch handelnde Politik. Eine zwiespältige Rolle spielen für ihn die sozialen Netzwerke, die am Wiedererstarken eines magischen Denkens beteiligt seien.

Für einen 90-minütige Einführung empfehle ich diese Diskussion; es gibt eine Reihe weiterer Gespräche um die 60 Minuten. Hinweis: Um die grossen Linien eines solchen Denkers zu verstehen, benötige ich jeweils zwei bis drei Anläufe. Diese Rezension ist eine gute Ergänzung.

Das zweite Werk stammt vom britischen Wirtschaftshistoriker Adam Tooze (* 1967). In “Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen” nimmt dieser einen politisch deutlich weniger konservativen Standpunkt ein und plädiert beispielsweise für eine expansive Geldpolitik. In einer Diskussion mit der London School of Economics zeigt er sich sehr beeindruckt vom Ausmass der Krise, deren Zeuge er selbst wurde – das Business der Frau war betroffen, ebenso die Tochter im College. Er analysiert die Interventionen der Notenbanken vor und während der Krise. Wie ein Rezensent treffend feststellt: “Da sich die Globalisierung beschleunigt und die Welt immer mehr verflochten ist, werden immer schneller immer globalere Instrumente nötig.” Besonders interessant fand ich das Statement zu seiner Arbeit als Historiker in derselben Diskussion (um die Minute 40). Er ist sich seiner Standpunkt-Gebundenheit bewusst und scheinbar dem Historismus ausgeliefert: Er publiziert heute etwas über gestern, was morgen überholt sein könnte. Zudem ist eindrücklich, wie er das Verhalten der Staaten beschreibt: Es gab offenbar keine ausführlichen Beratungen und Analysen. Grosse Staaten reihten sich in die Reaktionen der anderen ein. Dies deckt sich mit meinen eigenen (beschränkten) Eindrücken.

Input: Wokeness – Häresie oder alternative sozialethische Sicht?

Der in Mode gekommene Begriff der Wokeness wird von Owen Strachan in “Christianity and Wokeness” so definiert:

Wokeness: Der Zustand, in dem man sich der versteckten, rassistisch motivierten Ungerechtigkeiten, die die gesamte amerikanische Gesellschaft durchdringen, bewusst und “wachsam” ist; dieser Begriff wurde auch auf den Zustand ausgeweitet, in dem man ” wach ” für Ungerechtigkeiten ist, die auf dem Geschlecht, der Klasse usw. basieren. (213).

Allerdings sei dieses Lehrgebäude begrifflich ausgeweitet worden, u. a. auf den “systemischen Rassismus und das Privileg der Weißen, die Überzeugung, dass klassen- und identitätsbasierte Unterdrückung bekämpft werden sollte, und die Aufteilung der Welt in Unterdrücker und Unterdrückte.”

Strachan sieht erstrangige Lehren durch diese Überzeugungen attackiert:

Strachan assoziiert das “Woke” mit der Ablehnung des Schöpfergottes und der absoluten Wahrheit (126), dem Glauben, dass rassisch zugeordnete weiße Menschen vor Gott immer noch verdammt sind, selbst wenn sie auf das Evangelium vertrauen (80), einem grundlegenden Bekenntnis zur “Standpunkt-Epistemologie” als ultimative Quelle der Wahrheit (105), der Glaube, dass soziale Gerechtigkeit eine eschatologische Utopie gewährleisten wird (126), eine neuheidnische Sexualethik (126), die Verleugnung von Autorität jenseits des eigenen Herzens (126), eine therapeutische, werkbasierte Erlösung (126), die Bejahung eines Anti-Evangeliums (85)…

Andrew Bertodatti and Rasool Berry veröffentlichten auf dem Blog “Mere Orthodoxy” eine kritische Rezension, aus der auch obige Zitate stammen. Strachan verwende den Begriff uneindeutig bzw. widersprüchlich. Ausserdem schliesse er woke Christen fälschlicherweise von der Gemeinschaft aus. Drittens schiesse er übers Ziel hinaus, weil er Wokeness als alternative Religion darstelle.

Wollen wir wirklich einen Weg einschlagen, bei dem wir anderen Überzeugungen zuschreiben, die nicht auf dem beruhen, was sie geäußert haben, sondern auf dem, was wir aufgrund ihres sozialethischen Engagements und ihrer Analyse über sie annehmen?

Ähnlich – und ich denke nicht ganz unbegründet – argumentiert auch eine andere Rezension. Ich ahne, dass hier einige anspruchsvolle, heikle Diskussionen auch in Europa auf uns zukommen. In diesem Artikel habe ich bereits über die Schwierigkeiten in der “Bethlehem Baptist Church” berichtet.

Trevin Wax’ Empfehlung, einen Begriff jeweils in einen geweiteten Horizont zu stellen (Maxi-Perspektive) und gleichzeitig einen konkreten Fall genauer auf die dahinter stehende Motivation und Überzeugungen zu prüfen (Mini-Perspektive), scheint mir weise.

Ausserdem rezensierte Neil Shenvi, dessen Blog ich empfehle, vier Werke zur Wokeness aus dem evangelikalen Dunstkreis (hierhierhier und hier). Übrigens haben auch einige lesenswerte Aufsätze (hier und hier) das gesellschaftliche Spaltungspotenzial eines neuen Moralismus für unsere Gesellschaft insgesamt festgestellt. Angesichts der verheerenden Auswirkungen für Rede-, Meinungsfreiheit und Freiheit der Forschung entstand letztes Jahr eine neue private Universität (Artikel der NZZ).

Definition: Reformierte Theologie

Sehr kompakte Definition:

Die reformierte Theologie ist eine katholische (hier in ihrer ursprünglichen Bedeutung von “allgemein”, meine Anm.) protestantische Tradition der Auseinandersetzung mit Gott und allen Dingen, die zu Ihm in Beziehung gesetzt werden. Sie nimmt die Heilige Schrift als Hauptquelle und Norm und richtet sich auf die Ehre Gottes als ihr Hauptziel aus. Die reformierte Theologie ist eine reichhaltige Forschungstradition mit patristischen, mittelalterlichen und reformatorischen Wurzeln.

Im Original:

Reformed theology is a catholic, Protestant tradition of inquiry concerning God and all things in relation to God. It takes Holy Scripture as its principal source and norm and orders itself to the glory of God as its chief end. Reformed theology is a rich tradition of inquiry with patristic, medieval, and Reformation roots.

Scott R. Swain. Michael Allen. The Oxford Handbook of Reformed Theology. Introduction.

Standpunkt: Ich verteidige nicht per se den Status Quo

Volle Zustimmung! Das sehe ich auch für mein Leben so:

Sein Engagement für die Heilige Schrift bedeutete, dass er sich niemals einer (theologisch) liberalen Ideologie anschließen würde, aber auch, dass er niemals ein sklavischer Verfechter des des Status quo sein würde. Jedes Thema wurde auf seine biblischen Grundlagen hin geprüft, mit Einfühlungsvermögen für die Betroffenen und der demütigen Bereitschaft, der Schrift zu folgen, wohin sie führte. Er erkannte, dass er angesichts der aktuellen Nomenklatur der christlichen Welt ein konservativer Evangelikaler war. Aber die Bezeichnung “konservativ” ärgerte ihn. Instinktiv wollte er ein Radikaler sein – nicht in dem Sinne, dass er die Theologie bis an ihre Grenzen treiben wollte, sondern dass er nach Alternativen sowohl zum kirchlichen als auch zum politischen Status quo suchte.

Tim Chester. John Stott on the Christian Life. S. 221f.

Zitat der Woche: Hausfrau? Betriebsleiterin!

Das ist doch der Beschreibung von Sprüche 31 nicht unähnlich (schmunzel):

(In der Hausväterliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts ist die) Hausmutter noch lange nicht mit der Hausfrau des späten 19. Jahrhunderts zu vergleichen, die auch unserem heutigen Verständnis nähersteht. Sie wird … als Betriebsleiterin angesprochen, die den Stand ihres Hauses repräsentiert und meistens über eine je nach Grösse des Besitzes mehr oder weniger grosse Anzahl von Bediensteten verfügt. ‘Hausmutter’ ist zu dieser Zeit noch ein Herrschaftsbegriff. Sie trägt genauso wie ihr Mann zum gemeinsamen Vermögen bei, und das kann nur wachsen, wenn sie als Betriebsleiterin die absolute Kontrolle über Ausgaben, Personal und Arbeitsabläufe ausübt. Sie steht nicht selbst in der Küche, melkt Kühe oder wechselt Windeln, sie muss aber die Kochrezepte und die Wertung der Zutaten kennen, um die Zubereitung standesgemässer Gerichte anzuordnen; sie sollte wissen, wie sich die Mägde beim Melken überwachen lassen, damit möglichst wenig Haare in die Butter gelangen oder damit nicht heimlich Milch abgezweigt wird; und sie sollte im Falle eines Brandes die Rettungsmassnahmen für den Hausrat koordinieren können. Ausserdem muss sie in der Lage sein, das Gut auch ohne ihren Ehemann zu führen.

… Das Konzept der bürgerlichen Hausfrau entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bürgerliche Ehefrauen übernahmen immer mehr der Dienstleistungen, die vorher gegen Bezahlung ausgeführt worden waren (Stillen, Kochen, Kinderversorgung und -erziehung, Kleiderpflege und -herstellung, Einkaufen, Putzen etc.). Es galt als Zeichen von bürgerlichem Wohlstand, dass die Ehefrau nicht ‘arbeiten’ musste, was bedeutete, dass sie kein Geld verdienen durfte, weil es dem Ansehen des Mannes geschadet hätte.

Evke Rulffes. Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung. HarperCollins: Hamburg, 2021. (11-12)

Input: 7 Fragen für jedes Digitalisierungsprojekt

Als technologie-begeisterter Endvierziger lese ich absichtlich ganz andere Positionen. Diese sieben Fragen des Medienforschers Neil Postman (1931-2003) sind wirklich bedenkenswert im Hinblick auf Digitalisierungsprojekte:

1. Welches Problem wird mit dieser neuen Technologie gelöst?
2. Wessen Problem ist es?
3. Welche neuen Probleme schaffen wir durch die Lösung dieses Problems?
4. Welche Menschen und Institutionen werden von einer technologischen Lösung am meisten betroffen sein?
5. Welche Veränderungen in der Sprache ergeben sich aus dem technologischen Wandel?
6. Welche Verschiebungen in der wirtschaftlichen und politischen Macht könnten sich ergeben, wenn diese Technologie eingesetzt wird?
7. Welche alternativen (und unbeabsichtigten) Verwendungsmöglichkeiten gibt es für diese Technologie?

In der Vorlesung “Culture’s Surrender to Technology” (1997) liefert Postman eine ganze Reihe amüsanter Beispiele. Wenn man seine Stimme aushält, seien diese 90 Minuten zum Hören empfohlen, ebenso die deutsche Sendung “Ein Forscher im Mediendschungel”.

In dieser Rezension von Mercer Schuchardts ausgezeichneter Einführung zu Medien und Kommunikation wird im Hinblick auf die Evangelikalen zurecht zu bedenken gegeben:

Unter den christlichen Gemeinschaften sind die Evangelikalen für ihren Eifer bekannt, die Welt mit dem Evangelium zu erreichen. Wir sind der festen Überzeugung, und das zu Recht, dass die Welt in der Finsternis liegt und dass Jesus ihr Licht ist. In Anbetracht dessen versuchen wir, jedes mögliche Medium zu nutzen, von dem wir glauben, dass es uns dabei helfen kann. Bücher, Radio, Zeitungen, Fernsehen, das Internet und sogar die sozialen Medien werden für die weltweite Evangelisierungskampagne eingesetzt. Seit den Tagen der Reformation, der Großen Erweckung, der Missionsbewegung (die das Evangelium in mein eigenes Land brachte) bis hin zum phänomenalen Dienst des verstorbenen Billy Graham im 20. Jahrhundert wurde jedes nur erdenkliche Medium in einem massiven Versuch genutzt, Menschen in das Reich Christi zu bringen und sie zu Jüngern zu entwickeln. Doch könnte … unser unkritischer Eifer unsere Botschaft unterdrücken? Könnte unsere Nachlässigkeit bei der Auswahl der Medien dem Zeugnis der Kirche schaden? Dies sind die Fragen, über die wir nachdenken sollen.

Die Medien sind eindeutig gedanklicher Einflussnehmer Nr. 1 – vor den Eltern:

Nun, die unverblümte Realität ist, dass deine Eltern, Lehrer und religiösen Führer dich die ganze Zeit über belogen haben. Sie haben es gut gemeint, sie wollten das Beste, aber sie haben dir nie die Wahrheit gesagt. Und das liegt nicht daran, dass sie es nicht gewollt hätten oder es nicht versucht hätten – sie sind größtenteils gute Menschen. Aber die Lüge, die sie Ihnen erzählt haben, lag nicht im Inhalt der Worte, die sie gesagt haben. Die Lüge, die sie dir erzählt haben, war, dass sie deine Eltern, deine Lehrer und deine religiösen Führer sind. Die Wahrheit ist, dass sie es nicht waren. Die Medien waren, sind und werden es sein, bis ihr gestorben seid.

Input: Gewinner und Verlierer neuer Technologien, gewandelte Bedeutung

Neil Postman (1931-2003), Medienkritiker, entwickelt ein interessantes Argument bezüglich Gewinner und Verlierer neuer Technologien:

(Diejenigen,) die Kompetenz im Umgang mit einer neuen Technologie entwickeln, (werden) und einer Elitegruppe werden und dass dieser Gruppe von denen, die eine solche Kompetenz nicht besitzen, eine unverdiente Autorität und ein unverdientes Ansehen zugesprochen wird. …

Inwiefern war die Computertechnologie für die grosse Masse der Bevölkerung von Vorteil? …. Ihre Privatangelegenheiten sind für die Instanzen der Macht leichter zugänglich geworden. Sie sind leichter zu ermitteln und zu kontrollieren und werden häufiger überprüft; sie verstehen die über sie getroffenen Entscheidungen immer weniger; und oft werden sie zu blossen Nummern reduziert. …

Wenn sich die Verlierer trotzdem skeptisch zeigen, blenden die Gewinner sie mit den Wunderdingen, zu denen die Computer imstande sind. Doch für das Leben der Verlierer und dessen Qualität sind fast alle diese Leistungen nur von untergeordneter Bedeutung… Und schliesslich geben die Verlierer nach, zum Teil auch deshalb, … weil sie … das Spezialwissen derer, die eine neue Technologie beherrschen, für eine Form von Weisheit halten. Die Herren der neuen Technologie sind … von ihrer eigenen Weisheit ebenfalls überzeugt. (in: Das Technopol, 1991, S. 17-19)

Ebenso bemerkt Postman die Veränderung in der Sprache und den Wortbedeutungen:

In unserer Zeit haben wir unserer Sprache ganz bewusst Tausende von neuen Wörtern und Wendungen einverleibt, die mit neuen Technologien zu tun haben … Aber neue Dinge modifizieren auch alte Wörter, Wörter, die tiefverwurzelte Bedeutungen haben. (ebd. S. 15f)

In einem Interview (1992) sowie in einer Vorlesung (1997) finden sich wesentliche Überlegungen, die hinter seinem Werk “Das Technopol” stecken. Wohlgemerkt: Postman ist sich des Zugewinns neuer Technologien ebenfalls bewusst.

Input: Bundestheologie und Dispensationalismus

Andy Naselli hat einen Einblick in das kürzlich erscheinende Buch “Covenantal and Dispensational Theologies: Four Views on the Continuity of Scripture” gegeben. Besonders hilfreich sind die drei eingefügten Tabellen:

  • Hermeneutischer Rahmen
  • Hermeneutische Priorität
  • Bund in Gen 1-3, Kategorisierung der Bündnisse, in Christus erfüllte Bündnisse
  • Bündnisse, die noch ihrer Erfüllung warten
  • Beziehung zwischen Kirche und Israel
  • Zukünftige nationale Wiederherstellung Israels
  • Israel und das verheissene Land
  • Beschneidung und Taufe

Solche Gegenüberstellung helfen bei der Versachlichung und dabei im Dialog sprachfähig zu werden.