Predigt: Die Grosse Geschichte des Neuen Testaments und die kleinen Geschichten des säkularen Westens

Bei meinen Geschwistern in Freimersheim predigte ich heute zur Grundmelodie des Neuen Testaments. Es ging darum, die Grundtöne der biblischen Botschaft der säkularen Beschallung gegenüberstellen.

Zuerst stellte ich drei Beobachtungen auf:

  • Kein virtuelles, sondern Geschehen in Raum und Zeit
  • Altes und Neues Testament sind eng in einander verflochten
  • Der Text ist eine Mischung von Erzählung, Lehre und Apokalyptik.

Dann ging es um drei melodische Linien:

  1. Der Brennpunkt, auf den alles zufläuft und von dem alles ausgeht: Das Kreuz (Stichwort: Endlich!)
  2. Die Zwischenzeit: Er ist im Himmel und kommt zurück (Stichwort: Jetzt schon.)
  3. Der Zielpunkt: Der doppelte Ausgang und die kommende Herrlichkeit (Stichwort: Dann erst.)

Jeden der Unterpunkte stellte ich den säkularen Hauptbotschaften gegenüber.

Hier geht es zum Mitschnitt (55 Minuten). Zum Alten Testament liegt ebenfalls eine solche Predigt vor (49 Minuten).

Zitat der Woche: Heinrich Bachofner, Bildungspionier aus dem 19. Jahrhundert

Bereits im 19. Jahrhundert gab es in meinem Wohnkanton Zürich einen Schulkampf! Heinrich Bachofner (1828-1897), Pädagoge und Gründer des evangelischen Lehrerseminars Unterstrass, war ein hart arbeitender Lehrer, überaus gebildet und auch theologisch versiert. Er kannte beispielsweise Calvins Institutio (meine Rezension) sehr gut. Ich zitiere aus Konrad Zellers Biographie “Heinrich Bachofner” (1969):

Die zwölf Jahre <1850 – 1862>, die er <als Lehrer> in Fehraltorf nun verbrachte, waren für ihn in jeder Beziehung von allergrößter Bedeutung. Dort, wie er von sich selber sagt, wuchs er aus einer «fatalen», schwärmerischen, in Gefühlen lebenden Frömmigkeit, hauptsächlich durch den Umgang mit dem gelehrten, innig frommen Ortspfarrer H. Breitinger (1801 – 1878), in einen nüchternen, geistig gesunden, fröhlichen Glauben hinein. Er lernte bei Breitinger Latein. Die beiden lasen mit einander nicht nur die Annalen des Tacitus, sondern auch Calvins Institutio, und es öffneten sich ihm die Augen für die Herrlichkeit der Natur und der Wissenschaft, die er im frommen Übereifer eine Zeitlang fast verachtet hatte. Jetzt wurde er durch strenge, methodische Arbeit zu einem ausgezeichneten Lehrer. Er schrieb eifrig Präparationen, dachte, wo er ging und stand, darüber nach, wie er dieses und jenes besser machen könnte, wandte täglich zwei bis drei Stunden für die Korrektur schriftlicher Arbeiten auf und nahm sich mit großer Treue der schwachen Schüler an. Er hat damals unsinnig gearbeitet. «Früh um vier begann ich meine Präparationen, rannte dann in die Schule und trieb meinen Unterricht mit einem Eifer, bei dem Hören und Sehen, Himmel und Erde mir schwanden. Als ich das Schulehalten einigermaßen los hatte, suchte ich die Arbeit zu vertiefen und studierte die pädagogischen Schriften aus der Schule Herbarts.» Der Kraftaufwand war nicht umsonst. Die zunächst mißtrauischen Dorfgenossen anerkannten seine Arbeit dankbar, um so mehr, als er nicht nur ein ausgezeichneter Lehrer, sondern auch ein verständnisvoller Erzieher war, an dem seine Schüler mit großer Liebe hingen. Über das alles hinaus erwarb er sich in unermüdlichem Privatstudium eine nicht alltägliche Bildung auf dem Gebiete der Geschichte, Philosophie und Literatur und erweiterte seine Bibelkenntnis durch tägliche, sorgfältige Lektüre der Heiligen Schrift.

Die Pflege des geistlichen Lebens und der Kampf gegen die Ausbreitung der materialistischen Weltsicht liefen parallel. Bachofner in einer Rede 1894 im Rückblick:

«Wenn … die Naturgesetze richtig erkannt und angewendet werden (wie es der philosophische Materialismus tut), so ist das menschliche Leben nichts anderes als ein Erzeugnis der Naturkräfte; es entsteht und vergeht wie die Blume des Feldes. Es hat nur den Zweck, sich zu entwickeln und zu schmücken, sich zu erhalten und den Sonnenschein der Welt eine Zeitlang zu genießen. Den höchsten Grad der Vollkommenheit aber erreicht es in einem Überschuß von Genüssen und Freuden. Was man früher vom Glauben erwartete, wird jetzt die Naturwissenschaft bringen. Die Verkehrsmittel werden zur höchsten Vollkommenheit gebracht. Der Handel schafft alle Güter der Erde zur Stelle. Die Gewerbe erzeugen immer Schöneres, Bequemeres und Gesünderes; für Nahrung, Kleidung und Wohnung wird ausgiebig gesorgt. Die Maler, Bildhauer und Baumeister sorgen für Schmuck; Musik und Theater bieten geistige Genüsse, und Krankheit und Sterblichkeit werden aufs geringste Maß beschränkt. Das allgemeine Mittel aber, das zu erlangen, ist die Industrie. Der Staat endlich sorgt dafür, daß der Reichtum und die Genüsse der Welt allen Volksklassen gleichmäßig zukommen.»

… Sehr wichtig ist die gemeinsame Schulung der gesamten Jugend. Privatschulen sind nicht mehr zeitgemäß; die Kinder aller Stände und Volksklassen müssen nicht nur bis zum 12., sondern bis zum 16. Jahre die gleiche Schule besuchen. Das ist die Einheitsschule der Zukunft, welche endlich auch den Klassenhaß und den konfessionellen Hader aus der Welt schaffen wird.»

Standpunkt: Vom Marktplatz der Meinungen ausgeschlossen – Testfall Abtreibung

Für den diesjährigen Marsch fürs Läbe in Zürich gab es einige gerichtliche Hürden zu bewältigen. 2018 fanden ein Gebetstreffen in Flüeli-Ranft (Bericht kath.net) sowie der Marsch auf dem Bundesplatz (Bericht AZ) statt.

Der Statthalter bewilligte Mitte Jahr den anfänglich abgelehnten Marsch (Medienmitteilung; Beitrag SRF).

In seinem Rekursschreiben hatte der Anwalt der Veranstalter darauf verwiesen, dass bei Nachdemonstrationen zum 1.-Mai-Umzug im Verlauf der letzten Jahre sehr grosse Sachbeschädigungen erfolgt seien. Bei den Zürcher Märschen fürs Läbe in den Jahren 2010 bis 2015 hingegen sei es lediglich zu minimen Sachbeschädigungen gekommen. Da der 1.-Mai-Umzug jedoch jährlich bewilligt werde, liege hier eine Ungleichbehandlung vor. Der Statthalter folgte dieser Argumentation. Aufgrund der „durchaus voraussehbaren und nicht rein hypothetischen sicherheitspolizeilichen Risiken“ beim 1.-Mai-Umzug müsste der Stadtrat konsequenterweise auch diese Veranstaltung verbieten müssen.

Der Stadtradt rekurrierte gegen diesen Entscheid (Medienmitteilung, Beitrag SRF). André Müller gab in seinem Kommentar der NZZ vom 4.7.19 zu bedenken:

Jede 1.-Mai-Demonstration, das geht aus städtischen Zahlen hervor, führt zu weit höheren Schäden, nicht zuletzt wegen der unbewilligten Nachdemonstrationen. Auch dort verzichtet die Stadt darauf, mit einer zu restriktiven Bewilligungspraxis den ganzen Umzug in Sippenhaft zu nehmen, weil einige Unbelehrbare lieber Scheiben einwerfen, als für die Rechte der Arbeiterschaft zu demonstrieren. Die Frage stellt sich da schon, weshalb der linke Stadtrat bei den rechtskonservativen Abtreibungsgegnern mit anderen Ellen misst.

In diesem Fall kommt stossend hinzu, dass die Gewalt wohl von erklärten Gegnern des «Marschs fürs Läbe» ausginge. Die implizite Drohung, vor welcher der Stadtrat hier einknickt: «Wenn ihr diese Leute demonstrieren lässt, werden wir Chaos säen!» Ein demokratischer Rechtsstaat darf sich aber nicht von Unruhestiftern erpressen lassen, sonst entscheiden am Schluss diese, wer in Zürich noch eine Kundgebung abhalten darf und wer nicht. Die Zürcher Stadtpolizei ist, aufgrund zahlreicher Einsätze am 1. Mai oder an Hochrisiko-Fussballspielen, erfahren genug, um die Sicherheit aller Beteiligten zu garantieren.

Das Verwaltungsgericht bewilligte den diesjährigen Marsch (NZZ-Meldung).

Nun hat das Verwaltungsgericht ihnen zumindest teilweise recht gegeben und die Stadt Zürich damit beauftragt, bis zum 9. September eine Route für den Umzug auszuarbeiten. Die Appellwirkung einer stehenden Kundgebung sei mit einer solchen des ursprünglich beantragten Demonstrationszugs durch die Zürcher Innenstadt nicht vergleichbar…

Eine Gegendemo der Jungsozialisten ist ebenfalls erlaubt worden (NZZ).

Ein Blick noch über die Grenzen: In Nordirland demonstrierten 20‘000 Menschen gegen die Gesetzesanpassung (Meldung idea Schweiz). Am 21. September findet in Berlin der nächste Marsch statt (Veranstalterhinweis).

Zitat der Woche: Die Kontinuität zwischen Neuprotestantismus und dialektischer Theologie

Mit Bezug auf Rendtorffs «Kirche und Theologie» schreibt Stefan Holtmann in seinem Aufsatz «Karl Barth als Theologe der Neuzeit» (in: Karl Barth als europäisches Ereignis)

Um die Theologie selbst der historischen Relativität zu entheben, um ihrer zeitgenössisch relativierbaren radikalen Kulturkritik einen Ort jenseits des etablierten Wissenschaftssystems zu geben, entfalteten die dialektischen Theologen aus der Offenbarungswirklichkeit einen Kirchenbegriff, der innerweltlich, d.h. geschichtlich konturlos bleiben und allein aus der aktualen Offenbarungswirklichkeit seine Wirklichkeit empfangen solle. Nur so lasse sich der Eintritt der Offenbarung, in deren Wirklichkeit sich nunmehr auch die Theologie selbst verorte, in die Geschichte denken. Recht verstanden verdankt sich die dialektische Theologie damit der „Krisis des Historismus“, sie ist Ausdruck des Versuchs, theologischem Denken einen dem Relativismus entzogenen Ort zu geben.

«Der Schritt zur Offenbarung […] erscheint Barth als der Schritt in die Geschichte, die Welt des Menschen, seines Anteils an der Offenbarungswirklichkeit, also in jene Geschichte, der jede theologische Relevanz streitig zu machen identisch ist mit dem Selbstverständnis der dialektischen Theologie. Deshalb steht der Schritt zur Offenbarung unter dem Gebot, die prinzipielle Andersartigkeit Gottes nicht nur in ihrer Voraussetzung, sondern im Vollzüge der Offenbarung zu definieren.»

Bleibt die Theologie Barths damit den Problemen ihrer Zeit verhaftet, so zeige dies, „daß die Situation des Christentums und so auch der Theologie in ihr nicht schon dadurch eine andere wird, daß man sich des in ihr angelegten Horizontes theologischen Denkens entschlägt“. (333-334)

In Rendtorffs „Theorie des Christentums“ wird die Kontinuität zwischen Neuprotestantismus und dialektischer Theologie auf systematisch höherer Ebene näher entfaltet. Hier wird nicht nur ein gemeinsamer Problemhorizont neuzeitlichen Denkens, der Troeltsch und Barth verbindet, nachgezeichnet, sondern darüber hinaus ein durch Barths Denken erreichter konstruktiver Fortschritt der neuzeitlichen Theologiegeschichte rekonstruiert. Rendtorff legt Versuche einer Deutung der Theologie Barths vor, die in dieser – den Missverständnissen des „Barthianismus“ gegenüber – keineswegs die Rückkehr zum „eigentlichen“ Thema oder zur „Sache“ der Theologie sehen, sondern eine Gestalt neuzeitlicher Theologie „auf der Höhe der Zeit“. Dabei ist es Rendtorff durchaus bewusst, dass seine Deutung die Theologie Barths „gegen den Strich ihres Selbstverständnisses bürste“. Den Ausgangspunkt bildet nun Barths Rede von der „Subjektivität“ und „Freiheit“ bzw. „Autonomie“ Gottes. Die Rede von Gott als eines autonomen Subjekts lasse sich allein vor dem Hintergrund des neuzeitlichen Autonomieverständnisses erklären. Die am Orte des individuellen Subjekts problematisch gewordene Freiheit konstruiere Barth durch das Subjekt Gott als „radikale Autonomie“. Jenseits der geschichtlichen Bedingtheit und Relativität des individuellen Subjekts eröffne sich am Ort des Gottesbegriffs die Möglichkeit, der Wirklichkeit von Freiheit als Vorgegebenheit des menschlichen Lebens Ausdruck zu verleihen. Recht verstanden bleibt die Rede von der Freiheit Gottes damit aber konstitutiv auf die Freiheit des Menschen bezogen und stellt eine notwendige Auslegung des Bewusstseins von Freiheit dar. (334-335)

Hervorhebungen von mir

Überblick: Audio-Archiv geordnet

Ich habe Vorlesungen, Vorträge, Predigten und Podcastserien geordnet. Schmökern Sie in den Playlists meines Audioarchivs:

Vogelflüge biblischer Bücher (55 Stunden)

Heidelberger Katechismus (bisher 37 Folgen)

Säkularismus (14 Vorträge & Podcasts)

Gegenwartskultur (31 Podcasts)

Familie & Pädgagoik (31 Vorträge & Podcasts)

Selbstführung & Lebensplanung (24 Podcasts)

Aidlinger Vorlesungen (bisher 17 Vorlesungen & Podcasts)

Predigten, Bibelandachten (total 27)

Zitat der Woche: Emil Brunner zur Bibel in späten Predigten

In den letzten Tagen habe ich in Emil Brunners Werk gelebt. Mein Ausgangspunkt war die magistrale theologische Biografie von Frank Jehle (Rezi), die ich erneut aufmerksam studierte; ebenso Alister McGraths theologischer Überblick (Rezi). In meiner eigenen Podcast-Serie (hier die erste Folge “Persönlicher Bezug”) habe ich – wie bei Barth auch – die Schriftlehre Brunners genau angesehen. Sie zieht sich vom Früh- bis ins Spätwerk. Frank Jehle hat einige Aussage aus späten Fraumünster-Predigten zusammengetragen (S. 549). Zunächst kommentiert er:

Mehrfach grenzte er sich in seinen Predigten von einem fundamentalistischen Bibelverständnis ab. Offenbar hielt er einen Teil seiner Zuhörerinnen und Zuhörer in dieser Hinsicht für gefährdet: «Buchstabenglaube» habe «keine lebendigmachende Kraft wie der echte Glaube». Er beweise «sich als falsch auch darin, dass es ja gar nicht möglich ist, alles zu glauben, was in der Bibel steht». Es sei «ein grosses Unglück, dass dieser falsche Autoritätsglaube – sei es der Glaube an die Lehrautorität der Kirche und des Papstes, sei es der Glaube an den papierenen Papst, die Bibel – in die Christenheit eingedrungen» sei und so «viele irregeführt» habe.

Dann folgen einige Zitate.

«[Der echte Glaube ist] ein Sich-Verlassen auf das, was mir Gott von sich und von mir sagt, [und] durch das ich […] getroffen werde und dadurch in Gemeinschaft mit Gott hineinkomme».35 – «Paulus meint […] in all seinen Briefen mit nicht unser Verhältnis zur Bibel, zur Heiligen Schrift, sondern ganz allein unser Verhältnis zu Jesus Christus.»36 – «[Die Bibel ist nicht] Gottes Offenbarung, sondern […] nur Zeugnis von seiner Offenbarung». – «Die [Muslime] glauben an ein Buch, die Hindus glauben an ihre Bücher, der Christ aber glaubt nicht an ein Buch, sondern an den, der selbst das Wort Gottes heisst.»

Ich kann vorwegnehmen: Viele Aussagen Brunners ähneln denen von (neo-)evangelikalen Vertretern in verblüffender Weise.

Hanniel hirnt (254): Vernünftige Kompromisse und der langsame Tod in der Ehe

Ich sprach nie gerne über mein tägliches Kampffeld. Ehe und Familie sind Rüstplatze für meine Heiligung. Ich sehe mich darin nicht als Spezialist, sondern eher als Dauer-Beschämter.

Angesichts eines herausfordernden Wochenendes sehe ich dennoch hin und stelle fest: Vernünftige Kompromisse führen nicht selten zum langsamen Beziehungstod. Säuberliche Teilung der Aufgaben, Abwechslung in der beruflichen Weiterbildung und den Freizeitveranstaltungen sind aus meiner Sicht Symptom für die verinnerlichte Zweiteilung von lästiger Pflicht und lustiger Freizeit.

Auf diese Weise wird ein bedeutender Teil unseres Lebens nicht geheiligt. Und wir gehen der Freude verlustig, die nicht vom Grad unserer Unabhängigkeit oder der Betäubung durch die Spassgesellschaft abhängig ist.

Hier geht es zum 13-minütigen (nachdenklichen) Beitrag.

Zitat der Woche: Reformatorischer Glaube ist an Gott orientiert

Daß Kants eigene Antwort, die die Religion zu einem Appendix der Moral macht, für beide Teile, insbesondere aber für die Religion unbefriedigend sei, wurde schon zu Kants Lebzeiten erkannt und von niemanden schärfer ausgesprochen als von Schleiermacher. Er versuchte sie aus dieser unwürdigen Abhängigkeit zu befreien, ihr, wie er sagt, ihre eigene Provinz zuzuweisen und als solche erkannte er: das fromme Gefühl. Der Objektivität des Kulturbewußtseins gegenüber vertritt sie die Subjektivität, kann also darum mit ihm nicht in Konflikt geraten. Denn den denkenden und handelnden Menschen begleitet sie bloß, wie eine heilige Musik.

Gerade dieser Rückzug auf die innerste Linie der Subjektivität, der sie scheinbar vor dem Konflikt sichert, war es aber, der Hegels rechten Widerspruch herausforderte. Soll Religion Anteil haben am Geist, so muß sie auch Anteil haben an seiner Objektivität, seiner Gesetzmäßigkeit und Allgemeingültigkeit. Religion des Geistes ist nicht ein stiller Garten, abseits vom Kampfplatz der großen Kulturmächte.

… Evangelischer und reformatorischer Glaube aber ist nicht am Erlebnis, nicht am Menschen, sondern an Gott orientiert. Nicht schrittweise sich realisierende Freiheit, sondern Schuld und Erlösung, nicht der immanente Denkprozeß, sondern der schroffste Dualismus von Gott und Mensch, nicht die gerade stolz aufsteigende Linie der Entwicklung, sondern die gebrochene Linie des Kreuzes — das sind die jedem humanistischen Ohr widerwärtigen Themata der Religion, gerade der Religion, mit der er sich allein identifizieren möchte.

Emil Brunner. Die Grenzen der Humanität. (Habilitationsvorlesung an der Uni Zürich, 1921)

Standpunkt: Kirchliche Bekenntnisse werden vom Säkularismus verschlungen

Ich habe mich mit der Geschichte des Bekenntnisses in den Reformierten Kirche der deutschen Schweiz auseinandergesetzt. Dazu las ich Teile der Dissertation „Umstrittene Bekenntnisfreiheit“ (2003) sowie die Verschriftlichung von Ringlesungen an der Universität Zürich „Freiheit im Bekenntnis“ (2000). Hochinteressant ist dieser Aufsatz über die Abschaffung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses in der Waadt im Jahr 1839.

Sehr interessant sind auch die Aussagen im„Handbuch der Reformierten Schweiz“ (1962), die im Abschnitt „Zum Problem der Volkskirche“ etliche Thesen zu dieser Bekenntnisfreiheit festhält.

1. Unsere Kirchen sind bekenntnisfreie Kirchen. Die einzige bekenntnismäßige Verpflichtung ist das Ordinationsgelübde des Pfarrers. Dieses aber hat nicht einen theologischen, lehrhaften Charakter.

2. Die Bekenntnisfreiheit ist vom Staate nicht und von der Seite der politischen Parteien kaum angefochten. Im Gegenteil. Der Staat hat ein Interesse, daß möglichst weite Kreise des Volkes der mit ihm verbundenen Kirche angehören.

3. Dagegen wird die Bekenntnisfreiheit aus kirchlichen Kreisen attackiert. Es wird geltend gemacht, daß das Bekennen zum Wesen der Kirche gehöre und daß deshalb eine bekenntnisfreie Kirche ein hölzernes Eisen sei. ln der Bekenntnishaltung der Kirche wird ein Ausdruck ihrer Einheit nach innen und außen gesehen.

4 Daß das Bekennen eine legitime Funktion des Glaubens ist, ist nicht zu bestreiten. Jede lebendige Kirche bekennt. Auch unsere Kirche bekennt durch ihre Predigt, ihren Gottesdienst und ihr Gemeindeleben.

5. Das Wortbekenntnis garantiert die Einheit des Glaubens und der Lehre nicht ohne weiteres. Die protestantischen Kirchen Deutschlands sind bekennende Kirchen, aber sie haben deswegen nicht eine größere Einheit. Diese Einheit wäre nur durch den Einsatz einer mit Macht versehenen Entscheidungsinstanz zu erreichen. In der alten Kirche übte diese Funktion erst der Staat aus, in der katholischen Kirche der Papst. Die Forderung nach Bekenntniseinheit erwächst aus der Identifikation von Kirche im Glaubenssinn und Kirche im Rechtssinn. Diese Vertauschung ist evangelisch unangängig. Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen verwehrt uns, innerhalb der Kirche im Rechtssinn die Zugehörigkeit zur Kirche im Glaubenssinn zu entscheiden. Mat. 25 postuliert die Einheit in der Liebe.

6. Hängige Probleme: Als minimale Postulate sind zu erwarten: Taufe als Zugehörigkeitsbedingung zur Kirche, Ausgestaltung des Ordinationsgelübdes, Amtsgelübde der Kirchenpfleger und der übrigen Amtsträger.

Einige Erkenntnisse aus dem Studium:

  • Das wird jeweils nur beiläufig erwähnt: Die Ereignisse der französischen Revolution mit dem ad interim-Regime wirkten sich tief in die Gesetzgebung hinein aus. In der Kirchenordnung von 1803 war die Verpflichtung auf das Zweite Helvetische Bekenntnis stillschweigend verschwunden.
  • Die ur-liberale Theologie und ihre Festsetzung in den 1830ern im Kanton Zürich beschleunigten die Abschaffung sogar des Apostolikums in den Tauf- und Abendmahlformularen 1868.
  • Das Begründungsmuster war stets dasselbe: Die Veränderung des Weltbildes, das keine übernatürlichen Ereignisse mehr zuliess, also das geschlossene Weltbild durch die Säkularisierung. Jungfrauengeburt, Höllenfahrt, aber auch Auferstehung und jüngstes Gericht waren nicht mehr tragfähig.
  • Die Höhergewichtung der menschlichen Vernunft als kritischer Instanz schob sich zwischen die Schrift und damit auch das Bekenntnis. Die Offenbarungsautorität wurde durch die Vernunftautorität abgelöst. In dieser Gefangenschaft blieb die Kirche seither – trotz Barth.
  • Praktisch jeder Rückgriff auf das Praxis des Bekennens nimmt Bezug auf die Position von Karl Barth. Ich habe seine Vorlesung von 1923 zu den Reformierten Bekenntnissen kurz rezensiert. Von Plasger liegt eine Monografie „Die relative Autorität des Bekenntnisses bei Karl Barth“ vor.
  • Der Widerstand im Apostolikumstreit  geschah durch folgende Instrumente: a) Bildung von Netzwerken („Gesellschaften“); b) regelmässige Treffen unter den Pfarrern; c) Publikationen und Flugschriften (heute kommt den Blogs diese Funktion zu; d) öffentlichkeitswirksame Artikel und Stellungnahmen; e) Privatschulen und Lehrerbildung
  • Die Wiederaufnahme des Bekennens hat trotz ihres situativen und individuellen Elements sei im kirchlichen Sand verlaufen (siehe dieser Bericht).
  • Weltweit legen die Religionen wieder an Gewicht zu – die weltweite Säkularisierungsthese ist widerlegt (siehe „Die Welt des 21. Jahrhunderts wird religiöser als je zuvor“).
  • Ich behaupte, dass die verfolgte Kirche weltweit diesen verfremdeten, säkularisierten Glauben längt über Bord geworfen hätten.
  • Vorerst haben wir jedoch die Realität des vollständigen Ausschlusses eines auf die Bibel gegründeten Glaubens auf dem Marktplatz der öffentlichen Meinung zu gewärtigen (siehe „Die grösste Herausforderung für die Kirche im Westen“).

Zitat der Woche: Das Herz von Barths Theologie

Bernhard Rothen schreibt am Ende seiner Studie zu Karl Barth:

Barth hat die Lehre von der Gnadenwahl an den Anfang seiner Dogmatik gestellt (KD II). Unter dieser Voraussetzung der alles bestimmenden Gnade entfaltet er dann die Lehre von der Schöpfung (KD III) und der Versöhnung (KD IV). „Gnade” sollen wir also nicht primär zu verstehen lernen als die Vergebung, als die Annahme des schuldig gewordenen und verunehrten Menschen, als die Liebe, die den Sünder und Ungetreuen wieder einsetzt in seine verlorene Würde und ihn aufrichtet und reinigt (vgl. Lk 15,11 ff.). „Gnade” wird bei Barth viel allgemeiner definiert als die Herablassung und die ungeschuldete Zuwendung Gottes zum Menschen. Ihr Ziel ist nicht primär die Überwindung der Sünde, sondern – scheinbar! – viel umfassender die Stiftung der Gemeinschaft von Gott und Mensch. Immer deutlicher wird darum in der Kirchlichen Dogmatik der Begriff des Bundes zum beherrschenden Moment.

Barth liegt zunächst daran, sich von einer abstrakten Gnadenreligion abzugrenzen. Das spezifisch Evangelische sieht er nicht in der Betonung der Gnade, sondern es ist mit dem Namen Jesus Christus gegeben, mit dem durch den Immanuel geschlossenen Bund. Nun aber betont Barth darüber hinaus, daß schon dieser Bund als Gnade zu verstehen sei, daß schon dieser ursprüngliche Wille Gottes barmherzige Liebe sei. Barth löst also den Begriff der Gnade aus dem Versöhnungsgeschehen heraus und läßt ihn viel allgemeiner bestimmt sein durch eine Gott zugeschriebene uranfängliche Neigung. Die „ewige, freie und beständige Gnade” ist „der Anfang aller Wege und Werke Gottes.”

Die ewige Erwählung und Bestimmung des Menschen wird z.B. Eph 1,4f. und Rom 8,28-39 als ein Werk der Liebe Gottes bezeichnet. Barth will diese Liebe aber sogleich definiert haben als das Werk der gnädigen Liebe. Er nimmt so den für das Versöhnungsgeschehen prägenden Begriff und läßt ihn das ganze Tun Gottes beherrschen.

… Zur größeren Ehre Gottes, aber ebenso zur größeren Ehre des Menschen beharrt also Barth auf der Bindung an die „Gnade allein”. Kein anderes als sie soll den Menschen bestimmen, soll seine Möglichkeiten begrenzen: keine vorfindlichen Gegebenheiten, kein abgeklärter Realismus, kein gutschweizerischer Pragmatismus … einzig die freie Gnade! Höheres, mehr darf der Mensch also von sich und von seinen Mitmenschen erwarten! Wahrhaft revolutionär gilt es für ihn zur ursprünglichsten, zur letztlich einzig maßgebenden Bindung zurückzukehren. (191)

… Barth ist nicht nur der Reformation, sondern er ist – wie mir scheint weit mehr – auch dem religiösen Sozialismus und dem kritischen Idealismus verpflichtet. Die „Gnade allein”, „das Wort” des Christusgeschehens, das er gegen die „Natur” stellt, ist geprägt auch vom „Begriff”, den Hegel und Marx dem Naturrecht und dem Offenbarungspositivismus entgegengestellt haben. (192)

Bernhard Rothen. Die Klarheit der Schrift. Karl Barth – eine Kritik. V & R (1990).