Andreas war im April 2022 noch vor den Medien und Staatschefs in Irpin bei Kiew gewesen mit einer Lieferung von Hilfsgütern (sein Bericht). Neulich hat er mich aufgrund meiner Langzeitlektüre zu meiner Osteuropa-Lektüre befragt. Dabei ging es vor allem um übergeordnete Überlegungen und den Einbezug der christlichen Weltanschauung.
„Du hast mehrere Bücher gelesen, um den Krieg in der Ukraine besser zu verstehen. Welche Auswahl hast du getroffen, um dieses Verständnis zu bekommen?“
Ich habe den Lesestoff nicht in einem Schub, sondern über zwölf bis vierzehn Jahre hinweg aufgenommen. Große Themen beschäftigen mich in Abständen immer wieder, so dass eine gewisse Tiefe an Zusammenhangswissen entsteht, während viele Detaildaten, Jahreszahlen und Ereignisabfolgen verblassen. Entscheidend war für mich der Einstieg 2014: Im Zug nach Braunwald traf ich eine ehemalige Schulkollegin, deren Mann Professor für osteuropäische Geschichte ist. Im Gespräch über die damaligen Ereignisse um den Maidan empfahl er mir das Buch von Urs Kappeler über die Ukraine, „Ungleiche Brüder“. Dieses relativ kurze Buch war für mich der erste bewusste Rückblick weit über die russische Revolution, den Zweiten Weltkrieg, Stalinismus, Kalten Krieg und Wende hinaus bis ins 11. Jahrhundert. Ich erkannte: Das Verhältnis „großer Bruder – kleiner Bruder“, Machtverhältnisse, Ringen um Vorherrschaft und Unterordnung reichen viele Jahrhunderte zurück; einfache Erklärungsmuster greifen zu kurz. Etwa acht bis zehn Jahre später fiel mir in einem Brockenhaus eine Biografie über den Kreml in die Hände. Darin las ich hunderte Seiten Geschichte: Wie oft Moskau durch Kriege niedergebrannt wurde, wie brutal die Auseinandersetzungen waren, wie sich Machtwechsel der Rus, der Kiewer Herren und die Verschiebung von Zentren über Jahrhunderte vollzogen. Aus beiden Büchern blieb: ein hochkomplexes Geflecht von Rivalitäten und Verwüstungen über lange Zeiträume. Dazu kam, was etwa Karl Schlögel betont: Für viele Westeuropäer war die Ukraine eine „terra incognita“; man schaute auf Moskau und ignorierte, was dazwischen liegt. Diese ersten Lektüren hinterließen bei mir die Warnung: Vorsicht vor vereinfachten Deutungen, die tausend Jahre Geschichte auf ein paar Schlagworte reduzieren.
„Könntest du sagen, was die Komplexität ausmacht? Hast du zwei, drei oder fünf Stichworte, die deutlich machen, worin dieses ‚nicht einfache Antworten‘ besteht?“
Ich sehe mehrere große Stichworte aus unterschiedlichen Feldern. Theologisch zuerst: Nationenbildung. Aus der Perspektive von Gottes Vorsehung (etwa 5. Mose 32) stellt sich die Frage, ob es hier zwei Nationen gibt – Ukrainer und Russen. Ich beantworte das mit Ja: Es gibt zwei Nationen, zwei historische Linien, Herrschaftsverhältnisse, Über- und Unterordnungen, und eine Nationenbildung, die weit vor 1991 zurückreicht. Zweites Stichwort: Gottes Vorsehung in Grenzziehungen und Grenzverschiebungen, vor allem durch die Politik Stalins und die gewaltigen Umsiedlungen im 20. Jahrhundert. Im Donbass etwa haben über Jahrzehnte Umsiedlungen und Industrialisierung zu starker Durchmischung geführt. Russischsprachige Familien leben über Generationen dort; Großeltern und Urgroßeltern sind schon in dieser Region gewesen. Das macht Mehrheits-/Minderheitsfragen, Identität und Nationenbildung extrem kompliziert. Drittes Stichwort: Traumatisierung und Verkrüppelung der Völker, besonders der Ukraine, in den letzten hundert Jahren. Timothy Snyders „Bloodlands“ und die Berichte von Malcolm Muggeridge über den Holodomor zeigen die systematische, millionenfache Vernichtung, Entmenschlichung, Hungersnot in mehreren Wellen, ergänzt durch den Ersten Weltkrieg, den polnisch-sowjetischen Krieg, den Zweiten Weltkrieg mit mehrfachen Frontverschiebungen über genau diesen Landstrich. Diese Ereignisse hinterlassen Narben und Verkrüppelung über Generationen. Viertes Stichwort: die ideologische Dimension des Kommunismus/Sozialismus als generationsübergreifende Sozialutopie. Fünfjahrespläne, brutaler Real-Marxismus, Schizophrenie zwischen Ideal der Gleichheit und extremer Ungleichheit prägen über Jahrzehnte das Denken. Die Doppelmoral erhebt das Kollektiv über die Person, zerstört Vertrauen, und brennt sich tief in die „DNA“ der Gesellschaft ein. Nach dem Kollaps wurde dieses System nicht durch Buße, Aufarbeitung und Neuanfang überwunden, sondern die Herrschaft der kommunistischen Elite verschob sich auf Oligarchen. Das alles – Nationenbildung, Vermischung, Traumatisierung, ideologische Verwerfungen – treibt die Komplexität des heutigen Konflikts in die Höhe.
„Was wäre trivial und verkürzt, und was wäre die komplexe Betrachtung? Könntest du zwei, drei Aussagen nennen, die trivial sind?“
Eine erste triviale Aussage lautet: „Macht doch endlich Frieden.“ Schon das „macht“ und „endlich“ verrät völliges Unverständnis. Selbst in einer verstrittenen Familie ist Versöhnung hochkompliziert; wie viel komplexer ist sie bei mehreren Völkern mit Problemlagen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte zurückreichen, durchzogen von ideologischen, historischen, gesellschaftlichen Verwerfungen und einem laufenden Krieg. Eine zweite triviale Aussage ist: „Putin steht gegen die Gräuel des Westens auf, er ist religiös.“ Hier werden Kategorien wild vermischt. Dass jemand religiöse Sprache verwendet oder Kirchen baut, sagt nichts über die moralische Qualität seiner Politik aus. Man könnte in ähnlicher Weise damals von Hitler sagen, er sei religiös aufgeladen gewesen – das wäre ebenso irreführend. Die religiöse Rhetorik Putins oder orthodoxer Patriarchen, die Kanonen segnen, darf nicht als einfache Gegenfolie zu westlichen Sünden wie Abtreibung missbraucht werden. Eine dritte triviale Ebene: das Reden darüber, „was die da oben machen müssten“. Wer so spricht, unterschätzt die Dimension eines Staatsapparats, der seit Jahrzehnten seine ganze Volkswirtschaft auf Rüstung getrimmt hat. Es ist anmaßend, aus bequemer Distanz schnelle Rezepte zu liefern. Eine vierte Trivialisierung: „Die Ukraine ist im Grunde das Gleiche; alles Ex-Kommunisten.“ Wer so redet, kennt weder die spezielle Geschichte der ukrainischen Hungersnot noch die differenzierten Erfahrungen verschiedener Völker unter dem sowjetischen System. Komplexes Denken nimmt all diese Faktoren ernst und scheut sich, vorschnelle moralische Gleichsetzungen vorzunehmen.
„Wenn du sagst, dass das so komplex ist, was können wir heute trotzdem wissen? Gibt es etwas, das man sagen kann, obwohl es komplex ist?“
Trotz aller Komplexität gibt es einige Feststellungen, die ich für legitim halte. Erstens: Es gibt zwei Nationen. Man kann ohne vollständige historische Herleitung sagen, dass Ukraine und Russland eigenständige Nationen sind, mit eigener Geschichte, Identität und Nationenbildung. Zweitens: Es gibt einen klar identifizierbaren Angreifer. Die Frage, wer wen militärisch überfallen hat, ist nicht in einem Graubereich; diesen Punkt „umzudiskutieren“ oder schönzureden ist nicht überzeugend. Drittens: Es gibt Unterschiede im Umgang mit völkerrechtlichen Normen und Konventionen, insbesondere im Blick auf die Schwächsten – Zivilbevölkerung, Alte, Kinder. Wenn Kinderkrankenhäuser bombardiert oder Städte wie Irpin verwüstet werden und dies durch Augenzeugenberichte und seriöse Dokumentation belegt ist, dann sind das feststellbare Fakten. Natürlich gibt es in jedem Krieg Übergriffe auf beiden Seiten, aber Ausmaß, Systematik und Zielwahl lassen sich vergleichen. Viertens: Wir verfügen über eine Fülle von Augenzeugenberichten, Fotos, Videos, die in ihrer Masse nicht einfach als „Photoshop“ abgetan werden können. Anfangs war viel Desinformation im Spiel, aber inzwischen kann man zentrale Tatsachen nicht mehr plausibel leugnen. Fünftens: Man kann gleichzeitig sagen, dass der Westen vieles falsch gemacht hat, ohne dadurch die Verantwortung des Aggressors zu relativieren. Die Komplexität darf nicht dazu missbraucht werden, Klarheiten zu verdunkeln.
„Was würdest du sagen, hat der Westen relevant falsch gemacht?“
Der Westen hat vieles falsch gemacht, aber ich würde tiefer ansetzen. Unser Grundproblem ist, was Solschenizyn schon formuliert hat: „Wir haben Gott verlassen.“ In Denken, Kultur und Politik haben wir uns von dem abgewandt, was unsere Kultur ursprünglich getragen hat. Dadurch entsteht ein geistliches und geistiges Vakuum: Zerstrittenheit, Unsicherheit, mangelnde Entscheidungsfähigkeit, Unfähigkeit, Stärke zu zeigen. Das ist kein Fehler eines bestimmten Jahres, sondern ein Langzeitversagen. Bei der Lektüre von Autoren wie Vladimir Palko fällt auf: Menschen aus osteuropäischen Ländern, die das reale, marode System des Sozialismus erlebt haben, kamen nach der Wende in den Westen und erkannten dort dieselben Ideen – nur in schöner Verpackung. Die gleiche Sozialutopie, diesmal kulturell und ideologisch anders gerahmt, aber substantiell verwandt. Das hat sie zutiefst erschüttert. Der Westen neigt zudem zu Selbstanklage und gleichzeitig zu moralischer Laxheit: Er betont eigene Schuld, ohne Konsequenzen zu ziehen, und unterschätzt die Notwendigkeit geistlicher Umkehr. Diese Mischung aus ideologischem Relativismus, spirituellem Vakuum und politischer Unentschiedenheit schafft einen Kontext, in dem autoritäre Systeme Raum gewinnen und in dem man Warnsignale (wie in Büchern von Kasparov „Winter is Coming“ oder in einer kürzlich erschienenen Investigativrecherche zur deutschen Aussenpolitik) lange ignoriert.
„Wir waren vorhin bei den tausend Jahren. Lass uns noch einmal in die letzten hundert Jahre gehen. Wie hat sich der Kommunismus bzw. der Block als Ganzes entwickelt, und welche Voraussetzungen hat er für den heutigen Krieg geschaffen?“
Der Kommunismus war ein weltanschaulich monolithisches System, das den Einzelnen dem Kollektiv unterordnete. Theologisch gesprochen: eine extreme Überbetonung der Einheit gegenüber der Vielfalt, völlig unausgewogen. Die Personwürde wird relativiert; das Kollektiv, die Partei, der Staat zählen, der Einzelne wird geopfert. Papst Johannes Paul II. hat seine Dissertation nicht zufällig zur Frage der Personwürde geschrieben: Woher kommt die Würde des Einzelnen, woher die Entscheidungsfähigkeit? Im kommunistischen System wurde genau das verschoben. Die Folge ist eine absolute Menschenverachtung: Regime schicken massenhaft Soldaten in aussichtslose Schlachten; menschliches Leben wird zur verbrauchbaren Ressource. Diese Logik setzt sich fort: Wenn heute ein Regime Tausende und Abertausende an die Front schickt, scheint es ihm gleichgültig zu sein, wie viele der eigenen Leute sterben. Das ist aus meiner Sicht eine direkte Fortsetzung der letzten hundert Jahre, in denen Menschen als Mittel zum Zweck eines ideologischen Projekts betrachtet wurden. Man kann zu Recht auf andere Katastrophen wie die massenhafte Abtreibung zeigen; auch das sind Millionen vernichteter Leben. Aber im konkreten postsowjetischen Kontext ist die kommunistische Entwertung der Person und die Ersetzung von persönlicher Verantwortung durch Kollektivdenken eine zentrale Voraussetzung für die Aggressionsbereitschaft und Brutalität, die wir heute sehen.
„Gehen wir zum Zusammenbruch des Kommunismus, des Ostblocks. Welche Voraussetzungen hat gerade dieser Zusammenbruch für den heutigen Krieg geschaffen?“
Beim Zusammenbruch des Ostblocks sehe ich einen entscheidenden Unterschied zwischen Ländern wie Polen, Tschechien, der Slowakei und Russland. Autoren wie Weigel, Kotkin und andere, sowie ein katholischer Innenminister wie Vladimir Palko, betonen: Wirklicher Wandel verläuft von innen nach außen. Polen etwa hat den Zusammenbruch als Zusammenbruch angenommen. Der polnische Führer in einer ehemaligen kommunistischen Planstadt (Nowa Huta bei Krakow) schilderte uns, wie die Arbeitslosigkeit nach der Wende bei 30–40 % lag, wie ein Fahrrad keine fünf Sekunden unbeaufsichtigt stehen konnte, weil die Not so groß war. Die Wirtschaft brach brutal ein. Und gerade das war der Moment, in dem Polen sagte: Wir erkennen unseren Bankrott an, schließen unsinnige Projekte wie das große Lenin-Stahlwerk auf fruchtbarstem Boden bei Nowa Huta, das weder wirtschaftlich noch ökologisch Sinn machte, und fragen neu: Worin hat Gott unser Land gesegnet? In Bildung, in Universitäten, in Ingenieurs- und IT-Kompetenz. Daraus wuchs über die Jahre ein neuer Wohlstand, sichtbar etwa in Krakau mit sehr tiefer Arbeitslosigkeit. Russland dagegen hat sich seinem moralischen und wirtschaftlichen Bankrott nie wirklich gestellt. Die zentralisierte Planwirtschaft war marode, die Umwelt zerstört, die Bevölkerung verwahrlost; doch statt Buße und Neubeginn gab es ein „Schwamm drüber“ und eine Verschiebung der Macht von der Parteielite zu Oligarchen, verbunden mit der Verscherbelung von Betrieben und Ressourcen. Die Vergangenheit wurde nicht aufgearbeitet, weder die Verbrechen noch der geistliche Bankrott. Solschenizyn hat immer wieder von der Notwendigkeit kollektiver Reue gesprochen; genau das blieb aus. Damit blieben die alten Muster im System. Wenige Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch treten dieselben Probleme wieder hervor: ein autoritäres Regime, eine ausgeraubte Bevölkerung, verwahrloste Veteranen, soziale Verwüstung. Das ist aus meiner Sicht eine direkte Voraussetzung dafür, dass Russland in eine neue aggressive Außenpolitik und in diesen Krieg hineingesteuert ist.
„Bei der Umstellung in Russland, der Rüstungswirtschaft, der aufgebauten Maschinerie: Womit müssen wir rechnen? Worauf zielt diese Maschinerie ab, was kann sie tun?“
Diese Frage ist für mich am schwersten zu beantworten, weil hier sehr viele Akteure und unbekannte Faktoren im Spiel sind. Ich habe bewusst stark weltanschaulich und geistlich argumentiert. Entscheidend ist für mich: Solange keine kollektive Buße und Umkehr erkennbar ist, bleibt es schwierig abzuschätzen, ob und wie Gott die Macht dieses Volkes begrenzen wird. Ich glaube, dass Gott wie im Zweiten Weltkrieg auch heute Grenzen setzt, dass er Herrscherherzen lenkt „wie Wasserbäche“ (Spr 21,1) und dass er oft unscheinbare, kluge Menschen an unerwarteten Stellen gebraucht, um Entwicklungen zu stoppen oder zu wenden (vgl. Pred 4,13-16). Deshalb lehne ich triviale Endzeit-Spekulationen ab, die aus der Situation sofort das „gröbste Endzeitszenario“ ableiten. Gott hat sich in der Geschichte als souverän erwiesen; er baut seine Kirche weltweit – in Afrika, Asien, Südamerika, im Iran und Nordkorea. Es kann sein, dass Europa schwer getroffen wird, dass Wohlstand schwindet, dass unsere „Götzen“ – Sicherheit, Komfort, Selbstbestimmung – erschüttert werden. Es kann sein, dass „unsere Zeit“ im Sinne kultureller Führungsrolle abläuft und andere Regionen die geistliche Hauptlast tragen. Das schürt verständlicherweise unsere Ängste, aber es passt zu einem Gott, der Völker richtet, zurechtweist und neu ausrichtet. Sicher sagen kann ich: Die Zukunft ist in dieser Hinsicht offen; was bleibt, ist die Aufforderung an uns, eigene Götzen zu erkennen, als Volk und als Einzelne Buße zu tun und nicht mit schnellen Deutungen Gottes verborgenen Ratschluss zu vereinnahmen.