Kolumne: 7 Trends, die mich und meine Familie beeinflussen

Sag nicht, dass es früher besser war, meinte der König Salomo (Prediger 7,10). Dessen eingedenk beobachte ich anhaltend Trends, die mich selbst und meine Familie beeinflussen. Die Krux ist dabei, dass ich selbst ein Kind meiner Zeit bin (und bleibe).

Was ich für (über)morgen erwarteWie ich heute darauf reagiere
Digitalisierung: Selbstverständliche Online-Sozialisierung, insbesondere Verehrung von nicht persönlich bekannten Rollenmodellen; Vorgehensweisen für den Alltag holen (Dr. Google), zusammenhangslose Datenfetzen und GeschichtsvergessenheitVolles Alternativprogramm in der zusammenhängenden Realität (Haushalt, Garten, Musik, Literatur, Beziehungen) in frühen Jugendjahren; begleitete Gewöhnung der Heranwachsenden; Förderung des Zusammenhangswissens
Zerstreuung: Bewegte Stimuli, präpariert als Bildabfolgen mit passenden Geräuschen und Musik; dauernd verfügbar und während 24*7 Stunden konsumiertSelbstführung täglich thematisieren, z. B. Müdigkeit, flacher Atem, Überlastung im Kopf. Tägliches Gebet, dass die mir Anvertrauten inkl. ich selber nicht abirren.
Erkaltete Beziehungen: Kurzfristige Absagen, allein stehen gelassen werden, kaum gemeinnützige Arbeit, dafür «ich nehme mir»-MentalitätKlare Ansagen und Training der Fähigkeit zur Rückmeldung; Augenmerk auf «sich ausnützen lassen»; umgekehrt aktive Beziehungspflege mit Menschen aller Generationen, die dies anders leben
Unverbindlichkeit: Geringer Stellenwert von Versprechen, Gefühlsvereinbarungen dauern so lange wie das Gefühl; grosse Enttäuschung und Verletzung, wenn selbst davon betroffenReduktion des Programms inkl. langfristige Absagen/Abmeldungen; Hingabe an den Moment und bewusste Konzentration in Gesprächen; stehen bleiben und hinsehen, wenn ich Unverbindlichkeit erlebe (Sensibilisierung)
Scham- statt Schuldorientierung:Solange es niemand merkt, ist es ok. Unehrlichkeit auch in den engsten Beziehungen mit dem Resultat der Brüchigkeit. Tägliche Beispiele aufgreifen und erklären; ich setze mich und andere bewusst unangenehmen Situationen aus (z. B. fahren wir fast nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln).
Verachtung des Alters: Alterung muss um jeden Preis gebremst/vermieden/versteckt werden; dementsprechende Kleidung und Tätigkeiten Persönliche Beziehungen zu allen Altersgruppen; Lektüre von Biografien; Auseinandersetzung mit der eigenen Alterung und zunehmenden Begrenzung
Vermögensschere: Die einen können es sich leisten, die anderen nicht; Neid und Missgunst; Überschuldung wegen Status-SymbolenMinimalismus (weglassen, was ich nicht brauche); nur was ich weitergegeben habe, besitze ich wirklich; Sparsamkeit und eigene Projekte

Standpunkt: Fortschritt – wohin denn?

Trevin Wax stellt das progressive Paradigma zu Recht in Frage:

Das Problem ist natürlich, dass nicht jede Form des Fortschritt mit der anderen identisch ist. Eine Ehe kann im Laufe der Zeit geschwächt werden und das Paar kann sich dem Scheidungsgericht nähern. Der Alterungsprozess des Körpers führt allmählich zum Zerfall. Die Darstellung des Fortschritts einer Gesellschaft kann Bereiche des gesellschaftlichen Verfalls aufzeigen. Ist der fortschreitende Zustand von etwas ein Zeichen von Evolution oder Devolution? Diese Frage wird nur selten gestellt. Solange wir uns nicht auf ein Ideal – eine aufstrebende Vision einer bestimmten Art – einigen, sind wir nicht in der Lage, etwas als “Fortschritt” oder “Rückschritt” zu definieren.

Für diejenigen, die sich selbst als “fortschrittlich” betrachten, hat der Fortschritt nur eine Richtung – nach oben. Es ist ein Fortschritt in die richtige Richtung, ein Zeichen moralischer und gesellschaftlicher Evolution. Wir könnten diesen Fortschritt als Fortschritt mit großem P (engl. Progression) bezeichnen, da er einer Ideologie entspringt, die im Verständnis der Aufklärung verwurzelt ist, dass die Welt in dem Maße, wie sich das menschliche Wissen erweitert, zunehmend von Gerechtigkeit und Fairness, Frieden und Wohlstand geprägt sein wird. Wir haben den albernen Aberglauben und die geistlosen Dogmen der Vergangenheit abgelegt, während wir uns auf dem Weg zu einem wissenschaftlich fundierten utopischen Zustand der individuellen Freiheit von den moralischen Zwängen anderer Menschen bewegen.

Wenn man so gesehen den Weg zum Fortschritt in Frage stellt, setzt man sich den Kräften des Rückschritts aus. Wenn Sie es wagen zu sagen, dass die vorgeschlagene Utopie am Ende des Weges zum Fortschritt in Wirklichkeit ein dystopischer Alptraum ist, oder wenn Sie glauben, dass die anhaltenden moralischen Mängel der Menschheit (Sünde, Egoismus und dergleichen) unsere Erwartungen an die Errichtung einer perfekten Welt zügeln sollten, verraten Sie die Sache.

Standpunkt: Enttäuschung ohne Respektlosigkeit

Trump-Bashing ist in. Gründe gibt es genug. Brett McCracken stellt die wichtige Frage, wie unsere Generation dann navigieren kann, wenn sie mit der Generation ihrer Eltern nicht einverstanden ist.

Wenn Sie von der Politik Ihrer Eltern oder älterer Führungspersönlichkeiten frustriert sind, fragen Sie sich selbst: Wie kann ich trotz meiner Frustration den biblischen Geboten (nicht den Vorschlägen) folgen, sie zu lieben, zu ehren und zu respektieren (z. B. Lev 19,32; Mt 15,4; Eph 6,1-4; 1 Petr 5,5)? …

Wenn es den Anschein hat, dass unsere Eltern in eine Richtung radikalisiert werden, sind wir dann selbstkritisch genug, um zu erkennen, ob wir in die andere Richtung radikaler werden? Wenn wir uns darüber beklagen, dass unsere Eltern der Politik den Vorrang vor dem Glauben gegeben haben, sind wir dann so sicher, dass wir nicht auf dem Weg sind, dasselbe zu tun, nur mit einer anderen Politik? …

Es geht nicht darum, dass wir unsere Älteren niemals zurechtweisen sollten, sondern dass wir eine harte, scharfe und respektlose Zurechtweisung vermeiden sollten. Leider sind die sozialen Medien nicht oft ein gutes Forum für liebevolle und respektvolle – das heißt biblische – Zurechtweisung.

Standpunkt: Alttestamentliche Gesetze und deren Gebrauch für den Christen

Der dreifache Gebrauch des Gesetzes, für den ich im Podcast “Wie ist das mit dem Gesetz?” plädiere, wird von einigen namhaften reformatorisch gesinnten Theologen verworfen, u. a. Thomas Schreiner, Donald A. Carson und Wayne Grudem. Grudem verweist in seiner Ethik, Kapitel 8, auf interessante Aufsätze von David Dorsey, u. a. The Use of the Old Testament Law in the Christian Life.

In solchen Fragen kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Ich lese mit Interesse die anderen Positionen. U. a. nahm ich dankbar diese Auflistung von Dorsey mit:

Geografisch bedingte Bestimmungen

(1) the cultivation ofthe Mediterranean olive tree and the use ofits fruit (Exod. 23:11; 27:20; 29:40; Lev. 2:4; 8:30; 24:2; Num. 28:5; Dent. 24:20, to list only a few); (2) the production and use of emmer wheat, including plowing (Dent. 22:10), sowing (Exod. 23:10; Lev. 19:19; 25:3:ff.; Dent. 22:9), pluc- king (Dent. 23:25), harvesting (Exod. 34:22; Dent. 16:9; 23:25); threshing (Lev. 15:20; 18:27; 25:4), gleaning (Lev. 19:9; Dent. 24: 19), and its various religious uses (Exod. 23: 15; 25:30; 29:32ff.; 34: 18; 40:23; Lev. 2: 1-16; 6:14-23; 7:12-13; 8:26,32; 21:6:ff.; Num. 4:7; 28:5:ff.; Dent. 16:3,8, etc.); (3) the cultivation of vineyards (Exod. 22:5; 23:11; Lev. 19:10; 25:3-5; Dent. 20:6); (4) the use of grapes and wine (Exod. 29:40; Lev. 23:13; Num. 6:3-4; 15:5:ff.; 28:14, etc.); (5) the production and use offlax (Lev. 13:47-48,52,59; Dent. 22:11)- including its products, such as linen (bad; Exod. 28:42; 39:28; Lev. 6: 10 [Heb. 6:31]; 16:4) and “fine linen” (ses; Exod. 25:4; 26:1,3 l:ff.; 27: 16,18; 28:5:ff., etc.); (6) the cultivation and use of the pomegranate, the date palm, acacia, al- mond, cassia, cinnamon, galbanum, frankincense, hyssop, Near Eastern poplar, bitter herb (Exod. 28:33-34; 39:24:ff., etc.); (7) the raising, safekeeping, slaughtering, eating, and uses of such Palestinian-and non-universal-animals as the Near Eastern ox (Exod. 20:17; 21:28-22:15; 23:12; 34:19; Lev. 3:1; 9:4; 22:23; 27:26; Dent. 5:14; 14:4; 22:10, etc.), the Syrian black goat (Exod. 25:4; 26:7; 36:14; Lev. 1:10; 3:6,12; 4:23:ff.; 5:6; 7:23; 16:1:ff.; 17:3; Num. 18:15-17; Dent. 14:4, etc.), the donkey (Exod. 23:4,12; Dent. 22:10); the camel (Lev. 11:14; Dent. 14:7), the “turtledove” (tar; Lev. 1:14; 5:7,11; 12:6,8; 14:22,30; 15:14,29), and the “pigeon” (y6nci, or guzal; Lev. 1:14; 5:7,11; 12:6,8; 14:22,30; Num. 6:10, etc.); (8) the eating of dozens of various and sundry animals, listed in Leviticus 11 and Deuteronomy 14; many of which are found only in the Levant or in the Mediterranean world-and nearly half of which have not been identified by modem scholars (such as the dilklpat in Dent. 14:18); (9) Also geographically restricted are the many climatically specific re- gulations, such as those which require particular actions at particular times of the calendar year; for example, the commandment to begin harvesting the standing grain seven weeks after Passover, in May/ June (Lev. 23:5-20; Dent. 16:1,9), or the ordinance that a feast be held in September/October at the end ofthe harvesting ofcrops (Lev. 23:33-39; Dent. 16:13-15). 

Kulturell bedingte Gesetze

(1) the style of slavery found in the ancient Near East(Exod. 20:8-10,17; 21:1-11,20-21,26-27,32; 23:12; Lev. 25:6,8-l7,39-55;Deut. 5:14- 15,21; 15:12-18; 16:11,14; 23:15-16);
(2) polygamy (Dent. 25:5-10);
(3) the bride price (m6har; Exod. 22: 16-17);
(4) concubinage (Lev. 19:20);
(5) the “kinsman redeemer” (g6 ‘el; Lev. 25:25-49, etc.);
(6) the giving of gannents in pledge (Exod. 22:26; Dent. 24:6,10-17); (7) gleaning (Lev. 19:10; Dent. 24:21);
(8) stoning (Dent. 13:10; 17:5; 21:21; 22:21,24, etc.);
(9) swearing oaths by invoking a deity (Lev. 5:4; 19:12; Num. 30:2; Dent. 6:13; 10:20, etc.);
(l0) the style of hereditary kingship practiced in the ancient Near East (Deut. ch. 17);
(11) city gates functioning as courtrooms (Deut. 21:19; 22:24; 25:7, etc.); (12) stone houses with plastered interior walls (Lev. 14:33-53);
(13) “town squares” adjacent to a city’s gate (rehiiJot; Deut. 13:16); (14) horse-drawn chariots (Deut. 20:1);
(15) forced labor (mas; Deut. 20:11)
(16) the flat roofs ofprivate homes (Deut. 22:8);
(17) tasseled gannents (Num. 15:38-40);
(18) granting special rights to the first-born son (Deut. 21:15-17);
(19) the tribal organization of society (Exod. 28:21; Num. 33:54; Deut.12:5,14, etc.);
(20) the blood avenger (Deut. 19:6ff.). 

Kultisch-religiöse Elemente des Nahen Ostens

(1) the Near-Eastern-style cultic sanctuary (cf. the Tabernacle regulations);
(2) the cultic altar, particularly the homed altar (Exod. 20:24; 21:14; 29:37,44; 30:27; 34:13; Deut. 7:5; 12:3, etc.);
(3) cultic incense (Exod. 30:8-9; Lev. 10: l; 16: 13, etc.);
(4) Levantine-style cultic offerings and sacrificial meals, including the ‘Old-offering, the minhd-offering, the hatta’t-offering, the ‘asiim- offering, and the .Selem-offering (Lev. chs. 1-7 and throughout the corpus);
(5) religious vows and votive offerings (Lev. 7:16-17; 22:21,27, etc.); (6) cherubim (Exod. 25:18-19; 26:1,31);
(7) the institution of the Nazarite (Num. ch. 6);
(8) the Near Eastern institution of the prophet (Deut. 18:14-22);
(9) the Near Eastern institution of the cultic priest (Exod. chs. 28-29; Lev. chs. 1-10, etc.).

Politisch-nationale Bestimmungen

(1) the selection and behavior of the nation’s king (Deut. 17:14-20); (2) the preservation and maintenance of the tribal system of internal or- ganization and the tribal divisions of the land of Canaan (Num. 34:13-18, etc.);
(3) the appointment of officials and judges over each of the twelve tribes (Deut. 16:18-20);
(4) the legal functions of the Levitical priests (Deut. 17:8-13);
(5) the choosing, function, and maintenance of the six cities of refuge (Deut. 19:1-13);
(6) the nation’s ancient-Near-Eastern-style judicial system (Exod. chs. 21-23);
(7) the rather stern foreign policies involving the countries of Ammon and Moab (Deut. 23:3-6);
(8) the more amicable foreign policies toward the Edomites and Egyptians (Deut. 23:7-8);
(9) the herem procedures to be followed against the Amalekites (Deut. 25:17-19) and Canaanites (Exod. 23:23-33, etc.);
(10) the practice of near-Eastern-style chariot and siege warfare (Deut. ch. 20, etc.);
(11) the treatment of women captured in warfare (Deut. 21: 10-14). 

Kultische Vorschriften der Stiftshütte/des Tempels

… the corpus is designed to establish and maintain a cultic regime which was restricted to ancient Israel and has been discontinued in the Church (cf. Heb. chs. 7-10). Hundreds oflaws in the corpus regulate the Tabernacle and its service (Exod. chs. 2-40, etc.), the Levitical/Aaronic priesthood (Exod. chs. 28-30; Lev. chs. 1-10, etc.), and the sacrificial system (Lev. chs. 1-7; 16-17; 22:17-30, etc.); and many other laws require these three interrelated cultic institutions. For example, the prescribed procedures for observance of Sabbath, New Moon, Passover, Feast ofWeeks, Feast ofTabernacles, and Day of Atonement all involve animal sacrifices (e.g., Lev. 23: 12,18,25; Num. 28:9-29:40, etc.),Leviticalpriests (Lev. 23:11,20, etc.), and the Tabernacle (Deut. 16:5-6,11,15). 

Zitat der Woche: Besessen von Gegenwart und Zukunft, auf Kosten der Vergangenheit

Im Hörbuch “A Free People’s Suicide: Sustainable Freedom and the American Future” wurde ich an die Geschichtsvergessenheit des Westens erinnert:

Von den abgründigen Tiefen der öffentlichen Bildung bis hin zur Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem “Neuer ist wahrer” (newer is truer) und dem “Neuesten ist grossartig” (latest is greatest) demonstrieren die Vereinigten Staaten die unverwechselbar moderne Besessenheit von Gegenwart und Zukunft auf Kosten der Vergangenheit. Fortschritt, Wahlmöglichkeiten, Wandel, Neuerung und jetzt das neue Schlagwort Innovation sind die heiss/cool/in/trendy/muss man sehen/muss man haben-Wünsche in einer Konsumgesellschaft. Die Vergangenheit ist, fast per Definition, passé, veraltet, verstaubt und von gestern. Schließlich gibt es nur zwei Arten von Unternehmen (oder Politik, Kirchen oder Staaten): solche, die sich verändern, und solche, die aus dem Geschäftsleben ausscheiden”, wie es in einem hirnlosen Geschäftsmotto heißt. “Wir Amerikaner scheinen alles über die letzten vierundzwanzig Stunden zu wissen”, bemerkte der Journalist Bill Moyers, “aber sehr wenig über die letzten sechzig Jahrhunderte oder die letzten sechzig Jahre”.
Wandel um des Wandels willen ist natürlich sinnlos und destruktiv – in einem Wort: Nihilismus. Die Weisheit der Zeitalter weist leise auf etwas anderes hin. Die Zeiten mögen sich ändern, und mit ihnen Königreiche und Imperien, aber die menschliche Natur bleibt die gleiche, so dass die Vergangenheit der beständige Wegweiser in die Gegenwart ist.
… Wer nicht auf dreitausend Jahre zurückgreifen kann, lebt von der Hand in den Mund. (Goethe) …
Je länger man zurückschauen kann, desto weiter kann man nach vorne blicken. (Churchill)

Standpunkt: Frustration als Treiber der kritischen Theorie

Albert Mohler unterhielt sich mit James Lindsay über dessen neues Buch «Cynical Theories: How Activist Scholarship Made Everything about Race, Gender, and Identity–And Why This Harms Everybody».

Ich glaube, dass im folgenden Argument die wesentliche motivationale Ebene freigelegt wird:

Nach der Aufklärung setzten die Menschen … diese außerordentlichen Hoffnungen auf die Befreiung des Menschen in eine neue Denkweise, aber die Befreiung kam nie.
… Die Philosophen der Aufklärung, nun ja, ihre Enkelkinder dachten, dass die Aufklärung nichts gebracht hat. Also postulierte die Postmoderne: “Alle Metanarrative der Moderne haben nicht geholfen.” Jetzt gibt es das, was man verdinglichte Postmoderne nennt, und in diesem Fall sagen die Enkel der Postmodernisten: “Die Postmoderne hat nichts gebracht.” Hier gibt es eine Menge Frustration.

Unser Verständnis von dem, was Sie gerade beschrieben haben, ist, dass die Theoretiker, insbesondere die Postmodernen, die sehr frustriert waren, die … zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort arbeiten, Marxisten waren, die den Marxismus scheitern sahen. Sie konnten also nicht an den Liberalismus glauben, sie konnten nicht an das Christentum glauben, sie konnten nicht an den Kapitalismus glauben, und nun hatte auch das, woran sie glaubten, sie im Stich gelassen. Sie waren also sehr, sehr pessimistisch. Was wir bei dieser Ablehnung von Metanarrativen und so weiter immer wieder sehen, ist diese Tendenz, diese Ideale so zu betrachten, als gäbe es den Glauben, dass sie alles perfekt erfüllen sollen. Es ist sehr leicht, zynisch zu werden, wenn die Realität einem auf den Kopf schlägt und sagt: “So einfach sind die Dinge nicht”.

Zitat der Woche: Das wahre Dilemma der Menschheit

Wer das Böse nicht biblisch verortet, nämlich im Herzen der Menschen, muss es anderswo platzieren. Ich liebe Solschenizyn gerade für die langen Dialoge (die ihm Kritik eingebracht haben). Zum Beispiel diesen zwischen dem Leutnant Sanja und dem orthodoxen Feldgeistlichen Sewerjan (in November Sechzehn, Piper 1986, S. 68):

Das wahre Dilemma besteht zwischen dem Friedenswillen und dem Bösen dieser Welt. Krieg ist nur ein Teilereignis des Bösen, ist in Zeit und Ausdehnung begrenzt. Wer den Krieg verneint, ohne vorher auch den Staat zu verneinen, ist ein Heuchler. Und wer nicht sieht, daß vor dem Krieg – und gefährlicher als der Krieg – das Böse schlechthin vorhanden ist und in die Menschenherzen gegossen wird, der ist oberflächlich. Das wahre Dilemma der Menschheit ist: Friede in den Herzen oder Böses in den Herzen. … Dieses Böse muß überwunden werden, das leistet keine Antikriegsdemonstration, die mit Transparenten durch die Straßen zieht. Dazu ist nicht nur eine Generation, ein Jahrhundert, eine Epoche aufgerufen, sondern die gesamte Geschichte von Adam an bis zur Wiederkunft des Herrn. Die ganze bisherige Geschichte hindurch haben wir es nicht fertiggebracht, mit allen gemeinsamen Kräften nicht, das Böse zu überwinden. Sie können nicht Studenten und Geistlichen, die freiwillig in den Krieg zogen, einen Vorwurf daraus machen. Es ist nur natürlich, dorthin zu gehen, wo so viele leiden müssen. Vorwürfe sind dem zu machen, der das Böse nicht bekämpft.

Zitat der Woche: Warum es attraktiv ist Schöpfer und Geschöpf gleichzusetzen

Joe Rigney stellt in seinem Buch “C. S. Lewis on the Christian Life” anschaulich dar, weshalb es so attraktiv ist die Grenzen zwischen Schöpfer und Geschöpf aufzuheben:

Der Gott des Pantheismus stellt keine Forderungen an uns. Der Glaube an einen solchen Gott ist eben aus diesem Grund attraktiv. “Wenn Sie sich fit fühlen und die Sonne scheint und Sie nicht glauben wollen, dass das ganze Universum nur ein mechanischer Tanz der Atome ist, ist es schön, an diese große, geheimnisvolle Kraft denken zu können, die durch die Jahrhunderte rollt und Sie auf dem Gipfel ihrer Woge trägt.  Wenn Sie andererseits etwas eher Schäbiges tun wollen, wird die Lebenskraft, die nur eine blinde Kraft ist, ohne Moral und ohne Verstand, sich niemals wie der lästige Gott … auf Sie einlassen.” Diese pantheistische Lebensenergie ist ein zahmer Gott, der uns den Nervenkitzel der Religiosität ohne jeden Preis gibt. Er ist da, wenn Sie ihn wünschen, aber er wird Sie nicht verfolgen.

Einige von uns möchten über die Lebensenergie hinausgehen.  Wir wollen einen persönlichen Gott, nicht nur eine unpersönliche Kraft. Aber wir gehen nicht den ganzen Weg des christlichen Glaubens. Wir wollen einen persönlichen Gott, aber einen, der sich nicht einmischt. Wir wollen nicht so sehr einen Vater im Himmel als vielmehr einen Großvater im Himmel – “einen senilen Wohltäter, der, wie man sagt, ‘gerne sieht, wie junge Menschen sich amüsieren’, und dessen Plan für das Universum einfach darin bestand, dass am Ende eines jeden Tages wirklich gesagt werden kann: ‘Alle hatten eine gute Zeit’.

Ich beschäftige mich zurzeit anhand des Hörbuchs erneut mit diesem Buch. Hilfreich!

Input: Unterschiede zwischen Online- und physischem Gottesdienst

Carl Trueman denkt über die “protestantische Apokalypse” nach – den Umstand, dass ein beträchtlicher Teil der Gottesdienstbesucher wohl nicht mehr an ihre (physischen) Plätze zurückkehren.

Die Frage, wie der physisch abwesende Christus anwesend sein kann, ist entscheidend dafür, wie wir den Gottesdienst und seine einzelnen Elemente verstehen. Und sie hat daher einen offensichtlichen Einfluss darauf, wie wir über den Online-Gottesdienst im Zusammenhang mit einer physisch abwesenden Versammlung der Gemeinde denken. …
Für Protestanten ist Christus durch die Verkündigung seines Wortes … durch die Sakramente gegenwärtig, aber nur dann, wenn sie in den größeren Rahmen des gepredigten Wortes gestellt werden. Und das macht den Unterschied zwischen einer physischen Versammlung der Kirche und einer, die online stattfindet, auf theologischer Ebene etwas schwieriger zu formulieren. …
Wo es keine Gemeinschaft gibt, kann es auch keine Störung der Gemeinschaft geben. Und Gemeinschaft funktioniert am besten, wenn es echten menschlichen Kontakt und wirkliche Interaktion gibt. Um ein extremes Beispiel zu nennen: Eine Leinwand kann nicht Ihre Hand halten und auf Ihrem Sterbebett für Sie beten.
… Das Zuhören als aktive, getreue Reaktion ist
(durch die Gewöhnung an) Fernseher und unzählige andere Bildschirme auf einen passiven Empfang (reduziert und dadurch) zum Standardmodus (default position) geworden.

Zitat der Woche: Dem sündigen System das Leben entziehen

J. I. Packer zum Leben im Geist (in diesem Interview):

Wenn es darum geht, im Geist zu wandeln, … die Handlungen des Körpers – d. h. die Gewohnheiten, die schlechten Gewohnheiten unseres sündigen Systems – zu beseitigen, so erkläre … ich es gerne so: die schlechten Gewohnheiten unseres sündigen Systems zu töten, d. h. ihnen das Leben zu entziehen, so dass sie nicht mehr funktionieren. … Abhängigkeit – ich glaube, offen gesagt, nicht, dass wir heutzutage in unserer evangelikalen Lehre im Großen und Ganzen genügend aus der Wahrheit machen, dass wir wirklich von Gott – Gott dem Heiligen Geist, ganz konkret – abhängig sind, um uns zu befähigen, alles richtig zu tun, was wir tun.

Meines Erachtens besteht die Vorgehensweise darin, auf den Herrn zu schauen und ihm zu sagen: “All das hängt von dir ab. Ich kann es nicht tun. Ich kann eine sündige Gewohnheit nicht ablegen. Ich kann ohne deine Hilfe kein neues Muster des Gehorsams bilden.” Und nachdem wir auf diese Weise gebetet und deutlich gemacht haben, dass alles von Gott abhängt, liegt es an uns, Pläne zu machen und Vorgehensweisen auszuarbeiten, zu entscheiden, was wir tun werden, als ob alles von uns abhängt. An einigen anderen Stellen in unserer Jüngerschaft und unserer Theologie sind wir, glaube ich, an den Gedanken gewöhnt, dass wir beten und anerkennen, dass alles von Gott abhängt, und dann so vorgehen, als hinge alles von uns ab.