Input: Drei Dogmen der Postmoderne

Die Journalistin Judith Sevenç Basad fasst drei wichtige postmoderne Grunddogmen, Vorläufer des Neuen Moralismus, gekonnt zusammen (in “Schäm dich!”):

Michel Foucault (1926-1984) – Diskurse: »Macht ist überall«, ist einer seiner berühmtesten Sätze. Damit meinte er, dass Macht nicht nur durch den Staat ausgeführt wird, wenn er etwa Gesetze beschließt oder Straftäter ins Gefängnis sperrt. Macht ist also nicht etwas, was eine einzelne Person, eine Gruppe, eine Institution oder eine Klasse besitzt und dann auf andere ausübt. Vielmehr zeigt sich Macht in der Art und Weise, wie wir über Dinge sprechen: durch »Diskurse«. Oder stark vereinfacht: durch soziale Normen, die bestimmen, was »gut« und »schlecht«, was erlaubt oder was nicht erlaubt ist und was gesagt oder was nicht gesagt werden darf. Diese Normen sind niemals absolut. … Die »Diskurse«, die entscheiden, was wir als »gut« und »schlecht« ansehen, werden niemals von einer Gruppe oder einzelnen Personen dominiert. Alle Stereotype, die etwa über Frauen, Männer oder Homosexuelle kursieren, haben keinen Erfinder. Vielmehr entstehen sie einfach dadurch, dass einzelne Mitglieder einer Gesellschaft untereinander Wissen austauschen.

François Lyotard (1924-1988) – Grosse Erzählungen: Wissen kann nicht als objektiv wahr gelten, weil es unter gewissen Machtkonstellationen und politischen Einflüssen entstanden ist. Die Wissensformen nannte Lyotard »Narrative« oder »große Erzählungen«, zu denen er etwa die Aufklärung zählte. Kurz: Auch ganze Denkströmungen und Wissenschaften wie die Schulmedizin oder die Physik verlieren im postmodernen Weltbild ihre Allgemeingültigkeit, weil auch sie nur eine »Konstruktion« historischer Machtausübung sind.

Jacques Derrida (1930-2004) – Rolle der Sprache: (Derrida) brachte in den anarchischen Freiheitsgedanken wieder eine absolute Regel hinein: Er behauptete – stark vereinfacht –, dass es in einer Gesellschaft immer eine herrschende Gruppe gibt, die alle anderen Gruppen ausgrenzt und unterdrückt. Diese Unterdrücker-Gruppe ist so dominant, dass sich die Spuren ihrer Herrschaft über die vergangenen Jahrhunderte so sehr in der Sprache festgesetzt haben, dass wir die Wirklichkeit überhaupt nicht mehr erkennen können. Diese Machtverhältnisse in der Sprache kontrollieren somit alles.

Dekonstruktion als Methode zur (Er)Lösung: Diese Methode ist so etwas wie eine Spurensuche. Ihr Motto: Wir müssen erst die »Diskurse« entlarven, also herausfinden, wer in der Gesellschaft Sprache, Normen und Alltagshandlungen dominiert, um danach die »wahre Bedeutung« der Dinge von dieser Herrschaft freizuschaufeln.

Die mutige Frau hat übrigens kürzlich bei Bild ihre Kündigung eingereicht und dazu einen offenen Brief abgefasst. Die Dame hat wohlgemerkt nichts mit dem christlichen Glauben am Hut und bringt ihr Argument in Kürze auf den Punkt:

Die gesamte Kritik … bezieht sich auf eine unwissenschaftliche Ideologie, die zunehmend den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beeinflusst: Der Behauptung, dass man das biologische Geschlecht durch einen einfachen Sprechakt wechseln kann.

Input: Glück und Erfüllung unabhängig vom Familienstand

Schlüssig auf den Punkt gebracht:

Unsere Kultur beschallt uns ohne Unterlass mit der Botschaft, ein Leben ohne Liebesbeziehung sei überhaupt kein Leben – zumindest kein erfülltes. Einer meiner Freunde schaute einmal auf einem Langstreckenflug drei Filme hintereinander. Eine Komödie, einen Superhelden- und einen eher ernsten Film. Danach berichtete er mir, jeder davon hätte die gleiche Botschaft vermittelt: du bist ein totaler Verlierer, wenn du keine romantische Erfüllung findest.

Selbst in der Gemeinde ist diese Botschaft manchmal ungefähr dieselbe. Wir mögen die Ehe an die Stelle der romantischen Erfüllung stellen, rechnen ihr aber genau die gleiche Bedeutung zu. Ein Großteil des Gemeindelebens ist um Ehepaare und ihre Familien herum aufgebaut, wodurch es Singles erschwert wird, ihren Platz zu finden. Häufig sprechen wir von Ehe, als ob sie das Endziel des Christenlebens sei, ein Zustand, in den wir aus dem Singledasein heraus hineinwachsen.

Ich empfehle ausserdem den Vortrag “5 Dinge für den Umgang mit unserer Sexualität”.

  1. Deine Identität ist in Jesus.
  2. Nachfolge ist schwierig.
  3. Gottes Wort ist gut.
  4. Die Kirche ist wichtig.
  5. Die Zukunft ist herrlich.

Vom gleichen Autor stammt auch der auf deutsch übersetzte Vortrag “Ist Gott homophob?” Das gleichnamige Buch gibt es kostenlos zum Download.

Etwas ausführlicher: Alberrys kürzlich erschienene Theologie der Leiblichkeit “Gute Nachrichten für unseren Körper”.

Vortrag: Das Ende im Blick – eine heilsgeschichtliche und kulturtheologische Perspektive

  1. Mitschnitt des Vortrags in der FEG Bern (52 Minuten)
  2. Bibelstunde zu einem Schlüsseltext (Jesaja 60, 35 Minuten)
  3. Podcast zu den stützenden biblischen Belegstellen zur Heilsgeschichte (25 Minuten)

Der Blick von uns Menschen wandert intuitiv bis zur nächsten Mahlzeit, zum Feierabend oder zum nächsten Urlaub. In unserer Bundeshauptstadt Bern durfte ich über das herrliche Ende der gesamten Heilsgeschichte sprechen. Es steht uns Christen wohl an, unser Haupt zu erheben und über unseren eigenen Tag und unsere eigene Generation hinaus zu blicken! Es ging mir um einen Panoramablick in der Hoffnung, das eigene Forschen anzuregen und den Blick zu weiten mit den roten Faden, der sich durch die gesamte Heilsgeschichte zieht.

Minutenspiegel
00:00 Lernvoraussetzungen + Fragestellung
03:45 Drei Perspektiven (Exegese, Heilsgeschichte, Dogmatik) und unsere eigene Prägung
06:30 Exegetische Hinweise zum Anfang der Heilsgeschichte
08:55 Unsere horizontale Lesart des Paradieses
13:01 Exegetische Hinweise zum Schluss der Heilsgeschichte
17:05 Der heilsgeschichtliche Fokus: Der letzte Adam und das neue Israel
22:00 Vorläufige Schlussfolgerungen
31:21 Zusammenfassung: Der rote Faden des Tempels
36:08 Was uns dies nützt: Die Unterscheidung zwischen erhaltender Gunst …
41:02 … und rettende Gnade
43:20 Kulturtheologische “Sozialisierung”: Transformation, Relevanz, Gegenkultur
46:52 Schluss: Unseren Auftrag nicht verfehlen

Zum Schmökern: Blogeinträge zum Stichwort Heilsgeschichte (Suchergebnisse für „Heilsgeschichte“ – Hanniel bloggt.).

Zum Vertiefen: Predigt zu 2. Petrus 3 von Rudi Tissen. Evangelium21 Konferenz: Biblische Endzeitlehre verändert Leben – Hanniel bloggt.

Zur Korrektur: Die Youtube-Interviews des Jugendnetzwerks Josia zum Thema Neuer Himmel und Neue Erde. Input: Warum heute schon an den Himmel denken? – Hanniel bloggt.

Input: Brücken bauen? Das Gebiet ist bereits verlassen!

Rolf Hille, Jahrzehnte lang national und international im Namen der Evangelischen Allianz tätig, bezeichnet anhand einer neuen Publikation aus dem postevangelikalen Lager sauber auf, dass der vermeintliche Brückenbau in Wahrheit ein Verlassen des eigenen Gebiets darstellt. Das lässt sich auch mit Gelehrsamkeit und Rhetorik nicht übertünchen. Manchen scheint jedoch die Tünche zu genügen.

Wo also ist die Grenze, an der er sein evangelikales Zuhause verlässt? Nun, Dietz sucht die Zeitgenossenschaft und den bruchlosen Anschluss an die Neuzeit. Er möchte als Vermittlungstheologe die gegenwärtige Kultur mit der christlichen Offenbarung versöhnen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn er die Autorität der Bibel neu interpretiert, denn Biblizismus oder gar Fundamentalismus sind ihm – wie er nicht zu wiederholen müde wird – zuwider.

Als moderner Theologe übt er souverän die Deutungshoheit über die Schrift aus – auch wenn er für sich in Anspruch nimmt, „unter der Schrift“ zu stehen. Wissenschaft, Aufklärung und modernes Lebensgefühl müssen mit dem ehrwürdigen Buch der Bücher aus dem Alten Orient und der Antike so verknüpft werden, dass Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts damit weder intellektuell noch emotional in Konflikt geraten. Damit ist vonseiten des Autors ein Bruch im Sinne des Postevangelikalismus vollzogen und eine Grenze überschritten.

Der von Dietz ausgemachte „garstige Graben“ zwischen gegenwärtiger Kultur und Schriftbindung lässt sich nicht zuschütten. Das Überraschende besteht darin, dass der Autor für sich und seine Freunde bei „Worthaus“ ungeachtet aller Schwierigkeiten Hindernisse zu überwinden beansprucht. Immer wieder bemüht er sich, an der möglichen Einheit von Evangelikalen und Liberalen festzuhalten. Bei aller Trennschärfe im Urteil fordert er dazu auf, Gemeinschaft zu leben, obwohl ihm die Widersprüche in der Hermeneutik, also dem Schriftverständnis, sehr wohl bewusst sind.

Input: Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift – keine neue Erfindung, sondern Hauptlinie der Kirchengeschichte

Eine (post-)evangelikale These behauptet, dass erst der moderne Evangelikalismus der 1960er den Begriff der “Unfehlbarkeit” bzw. “Irrtumslosigkeit” (inerrancy) der Bibel erfunden hätte. John D. Woodbridge überprüft diese auf ihre Zuverlässigkeit und kommt zu einem anderen Schluss. Diese These sei selbst neueren Datums:

(Die Vertreter dieser These) behaupteten, dass nur Fundamentalisten die biblische Irrtumslosigkeit hochhalten, nicht aber Evangelikale. … Diese neue Geschichtsschreibung schlug vor, dass die biblische Irrtumslosigkeit angeblich weder eine evangelikale Lehre noch eine zentrale Lehre der westlichen christlichen Kirchen ist. Vielmehr handle es sich um eine prototypische fundamentalistische Überzeugung, die ihren Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert habe. Der eigentliche Begriff “Fundamentalist” wurde erst um 1920 allgemein verwendet. …

Nach einem Gang durch die Dogmengeschichte kommt Woodbridge zum Schluss:

Die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel ist keine späte, fantasievolle Schöpfung von A. A. Hodge und B. B. Warfield aus dem Jahr 1881 oder des amerikanischen Fundamentalismus des 20. Jahrhunderts. Vielmehr ist sie eine wesentliche evangelische Überzeugung, die sich auf eine biblische Begründung stützt. Sie steht ganz in der augustinischen Tradition der Wahrhaftigkeit der Bibel. Sowohl die römischen Katholiken als auch die protestantischen Reformatoren haben diese kirchliche Lehre bekräftigt.

Diese Linie wird auch durch Vertreter des Evangelikalismus im 20. Jahrhundert vertreten:

Für Billy Graham gingen biblische Autorität und Evangelisation eine wunderbare Verbindung ein. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass Dr. Graham in seinen Botschaften immer wieder erklärte: “Die Bibel sagt”. In den letzten mehr als 60 Jahren haben Millionen von Menschen auf der ganzen Welt auf Grahams Evangeliumsbotschaft reagiert und Jesus Christus als Herrn und Retter angenommen.

Und schließlich schrieb Carl F. H. Henry, einer der Hauptverantwortlichen für das Wiederaufleben der Evangelikalen nach dem Zweiten Weltkrieg, 1991 einen eleganten Artikel, in dem auch er evangelikale Christen ermutigte, die biblische Autorität hoch zu halten. Dr. Henry erinnert uns daran, dass wir nicht irgendeinem Christus dienen, sondern dem Christus gemäß der Heiligen Schrift.

VD: PB

Input: Modernistische Kirchen sind dem Tod geweiht

Es lohnt sich Voraussagen nach einer geraumen Weile auf ihren Wirklichkeitsgehalt und Eintreffensrealität zu überprüfen. So eine Predigt aus dem Jahr 1922 des theologisch progressiv-liberalen Harry Emerson Fosdick (1878-1969), der einen raschen Untergang des “fundamentalistischen” Christentums kommen sah:

In seiner Predigt von 1922 bezeichnete Fosdick den Fundamentalismus als unheilvolle Bedrohung des progressiven amerikanischen Christentums. Doch der theologische Progressivismus hatte sich innerhalb des Mainline-Protestantismus bereits weitgehend durchgesetzt. Und in den 1920er Jahren waren die theologischen Konservativen weitgehend aus den Lehrstühlen der führenden Seminare verbannt worden. Die Progressiven gingen davon aus, dass der Fundamentalismus und sein beharrliches Festhalten an der christlichen Orthodoxie schließlich mit dem Siegeszug der Moderne verschwinden würden.

… Die Modernisten lehnten das Übernatürliche ab. Traditionalisten aus allen christlichen Traditionen bejahen es. Ist Jesus leibhaftig auferstanden? Orthodoxe Protestanten, Katholiken und Ostorthodoxe haben dies immer bejaht. Die liberalen Protestanten des 20. Jahrhunderts verneinten dies oder waren sich nicht sicher.

Obwohl Fosdicks Glaubensbrüder zuversichtlich waren, dass sie die Zukunft repräsentieren, befinden sich alle Konfessionen, die ihrem Modernismus erlegen sind, seit fast 60 Jahren in einer Todesspirale. Nur Kirchen, die das Übernatürliche bejahen, wachsen, sind ethnisch vielfältig und ziehen junge Menschen an.

VD: GS

Zitat der Woche: Der Mensch, der sich als Unikat wähnt und dabei genau in die Form passt

Monika Hausammann (* 1974) schreibt provokant (in “Die Grosse Verkehrung”, S. 33-34):

Der Mensch lebt dann nicht mehr als sich selbst gehörend in der Welt als Forum sich ihm bietender Handlungsoptionen, sondern in einem Unterordnungsverhältnis in einer vom Staat durchregulierten und gebändigten Welt. …

Wenn Totalitarismus aber dadurch gekennzeichnet ist, dass Mensch und Welt gleichermaßen im Sinn einer Idee und der ihr zugeordneten exklusiven Moral geformt werden sollen, dass zu diesem Zweck eine nicht durch Kompetenz, sondern ausschließlich durch Macht legitimierte und privilegierte Gruppe von Menschen in sämtliche Lebensbereiche hineinzuregieren befugt ist und bei Abweichung belohnend und strafend eingreifen kann, dann haben wir es heute sehr wohl mit genau diesem Phänomen zu tun:

Die Wirtschaft ist via Regulierung und Subventionierung und hinter der Fassade des Noch-Privateigentums zu einem guten Teil schon Planwirtschaft, der Kunstbetrieb einem postulierten Gemeinsinn verpflichtet. Ähnliches gilt zunehmend für Bildung, Wissenschaft, Medien, Kirchen und Versorgung. Der Weg, der bis zum Erreichen des «quasitotalen Allmutterstaats» (Peter Sloterdijk) noch zurückzulegen bleibt, ist um ein Vielfaches kürzer als jener, den man während der letzten fünfzig Jahre bereits hinter sich gebracht hat.

… eine größte Kompetenz scheint das Funktionieren, das Konsumieren und das permanente Sich-Vermarkten als Nicht-Wissender, Nicht- Verwurzelter, Nicht-Aneckender, Nicht-Diskriminierender, Nicht-Verletzender und Nicht-Urteilender zu sein. Er füllt die Form, in welche er hineinerzogen wird, während er glaubt, ganz er selbst, Unikat und mit Ecken und Kanten vollkommen frei zu sein, passgenau aus – und darin erschöpft sich schon seine geistige und seelische Leistung.

Zitat der Woche: Kinder weniger frustrationstolerant und ohne Basisfertigkeiten

Dieser Bericht deckt dich mit zahlreichen persönlichen Unterhaltungen:

Obwohl ich noch vor 15 Jahren wesentlich mehr Kinder zu betreuen hatte, nämlich 25, 26, 27 zusammen mit einer Kinderpflegerin, und wenn die krank war oder frei hatte, auch alleine, empfinde ich die Arbeit heute als wesentlich stressiger und belastender. Ich stelle fest, dass die Kinder sich verändert haben. Sie tun sich viel schwerer damit einfache, allgemein gültige Regeln, zu akzeptieren. Es ist oft wirklich sehr mühselig, wenn man diese Alltagsregeln immer wieder aufs Neue erklären und durchsetzen muss, obwohl sie eigentlich jeder längst kennen müsste.

Die Frustrationstoleranz vieler Kinder ist sehr gering. Es wird wegen Nichtigkeiten sofort geschrien, geweint oder getobt. Oft erschrickt man, weil man denkt, einem Kind müsste irgendetwas Schreckliches zugestoßen sein, dabei hat nur jemand etwas gesagt, was dem anderen nicht gefallen hat. Für die Lösung allerkleinster Konflikte oder den Umgang mit minimalen Abweichungen vom Gewohnten brauchen sie die Hilfe eines Erwachsenen. Die Bereitschaft, sich selbst um eine Lösung zu bemühen, ist enorm gesunken. All das führt dazu, dass schon das ganz normale „Alltagsgeschäft“ im Kiga immer belastender wird und schwieriger zu bewältigen ist.

Hinzu kommt, dass gewisse Basisfertigkeiten, die Kinder früher „automatisch“ gelernt haben, heute mühsam antrainiert werden müssen. Z.B. einen Stift richtig zu halten – das haben sich die Kinder früher im Laufe der Zeit abgeschaut. Wenn sie Vorschulkinder waren, hatten sie sich eine korrekte Stifthaltung angewöhnt, ohne dass ihnen das vorher groß beigebracht worden wäre. Heute habe ich immer mehr Vorschulkinder, denen ich erst zeigen muss, wie man einen Stift richtig hält. Ob das daran liegt, dass Kinder nur noch selten Erwachsene mit einem Stift arbeiten sehen, sei einmal dahingestellt. Fakt ist, dass viele Basisfertigkeiten, die früher noch ganz selbstverständlich erworben wurden, heute, meist vom Kita-Personal, mit den Kindern eingeübt werden müssen.

Die Tendenz geht immer mehr dahin, dass Kinder allgemeine Lebenskompetenzen nicht mehr von den Eltern vermittelt bekommen, sondern dass sich dabei komplett auf den Kindergarten verlassen wird. Was ja auch kein Wunder ist, verbringen ja nicht wenige Kinder unter der Woche dort fast genauso viel Zeit wie zu Hause.

Debatte: Das Recht auf Leben

Die TGC-Plattform hat ein interessantes Format eingeführt: Die Good Faith Debates. Diese umfasst jeweils rund 10-minütiges Plädoyer zweier Vertreter mit unterschiedlichen Perspektiven, gefolgt von einer Diskussion mit einem Moderator. Nr. 3 dieser Serie widmet sich der Pro Life Debatte.

Karen Swallow Prior zeigt verschiedene Gründe auf, die jedoch nicht christlicher Weltanschauung entspringen:

(1) Einige Politiker unterstützen zum Beispiel Gesetze gegen Abtreibung, um Stimmen zu gewinnen und im Amt zu bleiben. Manchmal ist das sogar die einzige Art und Weise, in der sie wirklich gegen Abtreibung zu sein scheinen, wie sich in ihrem wirklichen Leben zeigt. Sie entscheiden sich für die Abtreibung von Frauen, die sie geschwängert haben, oder zwingen sie sogar dazu.
(2) Man kann auch gegen Abtreibung sein, weil man der Meinung ist, dass Frauen, die sich für Sex entscheiden, die Konsequenzen für ihre Entscheidung tragen oder sogar für ihre sexuelle Aktivität bestraft werden sollten. Dies ist meines Erachtens die implizite Ansicht derjenigen, die Ausnahmen von der Abtreibung in Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder anderen Arten von Übergriffen fordern.
(3) Genauso wollen einige Männer, die ich kenne, ihre Hunde nicht kastrieren lassen, weil sie dies in solchen Fällen als eine Art Hindernis für die raue männliche Sexualität ansehen. Und sie empfinden es als persönliche Beleidigung, wie sie es auch bei Abtreibungen tun würden.
(4) Und man kann auch gegen Abtreibung sein, so wie einige politische Diktatoren im Laufe der Geschichte gegen Abtreibung für bestimmte Klassen und Gruppen von Menschen waren

Was sind die tragenden Argumente aus christlicher Weltsicht?

Zu den Grundsätzen, die uns zwingen, die Abtreibung abzulehnen, gehört das auf der Biologie, nicht einmal auf der Religion oder der Theologie beruhende Grundverständnis, dass ein neues menschliches Leben entsteht, wenn sich Ei- und Samenzelle vereinigen. Der zweite Leitsatz ist die Überzeugung, dass alle Menschen als Ebenbild Gottes geschaffen sind. Dies ist für uns Christen von grundlegender Bedeutung und prägt unsere Ansichten zur Abtreibung. Und der dritte Grundsatz für Christen, die für das Leben sind, ist das weitergehende Verständnis, das sich durch die gesamte Heilige Schrift zieht, dass jedes menschliche Leben von Gott geschaffen und von ihm im Mutterleib zusammengefügt wurde und dass jeder Mensch von ihm geliebt wird. Und ein vierter Grundsatz ist, dass das höchste Ziel des menschlichen Rechts darin besteht, das menschliche Leben zu schützen.

Scott Klusendorf weist in seinem Beitrag auf eine problematische Erweiterung des Rechts auf Leben hin:

Man sagt uns zum Beispiel, dass wir, um wirklich für das Leben zu sein, von “pro life” zu “whole life” wechseln müssen. Wie eine Lebensrechtlerin sagte, ist es besorgniserregend, dass wir uns mehr um das ungeborene Leben kümmern, aber nicht in gleichem Maße um Völkermord, Flüchtlinge, Einwanderer und Menschenhandel kümmern. Wir müssen uns, wie sie es ausdrückte, für diese Themen genauso leidenschaftlich einsetzen wie für das Leben im Mutterleib.

Input: Klassiker der Weltliteratur – Schätze der Vergangenheit heben

Wenn ich die Lektüre meiner Söhne in Deutsch, Französisch und Englisch bedenke, überkommt mich die Wehmut. Es finden sich kaum Klassiker darunter. Friedrich Dürrenmatt, Schweizer Literat aus dem 20. Jahrhundert, scheint ein Rückgriff auf längst vergangene Zeiten zu sein. Shakespeare oder gar Dante oder Augustinus? Noch nie gehört. Schon gar nicht Virgil oder Homer. Dies hat zu tun mit der dominanten Geisteshaltung des Historizismus. Im vermeintlichen Anspruch auf eine Art von Neutralität und Objektivität wird die Geschichte komplett der Deutung der Gegenwart unterworfen. Was gestern war, wird heute so gesehen. Morgen wird das Vorgestern schon wieder anders angesehen. Der Referenzpunkt verschiebt sich ständig. Diese Doktrin sorgt für eine grosse Achtlosigkeit gegenüber den Schätzen vergangener Jahrhunderte. Wir sind besessen von Gegenwart, verbunden mit einer punktuellen Begeisterung für zukünftige Entwicklungen – auf Kosten der Vergangenheit (siehe hier). Vor fünf Jahren formulierte ich es so:

Einer meiner Söhne meinte: “Die meisten jungen Leute interessieren sich nicht für Geschichte.” Ich erwiderte: “Das liegt auch daran, dass sie keinen Zugang dazu haben.” Er: “Aber es liegt auch an der Zeit. Es interessiert niemanden, was gestern war.” Diese Geschichtsvergessenheit macht mir zu schaffen.

Umso glücklicher bin ich darüber, dass einzelne Bewegungen die Tradition nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Hebung der Weisheit früherer Generationen wieder betonen. Klassische Texte von der Antike, aus dem Mittelalter und aus den letzten 300 Jahren werden frisch übersetzt und kritisch kommentiert. Auf diese Weise soll auch für uneingeführte Leser rascher Zugang zu den Texten selbst geschaffen werden. Anstatt der starken Leserorientierung mit dem Fokus der unmittelbaren persönlichen Resonanz werden wir zunächst in die grossen Fragen der Menschheit, die über Jahrtausende dieselben bleiben, hineingenommen. Von dieser “Erhöhung” aus können wir uns wiederum in unserer Zeit verorten und Lektionen für heute und morgen ableiten.

Die Serie “Ignatius Critical Editions” bietet rund zwei Dutzend Klassiker in genauer Übersetzung, versehen mit Anmerkungen und eingeführt mit einigen Aufsätzen zur Wiedereinführung in diese Schätze der Vergangenheit an. In 24 Podcasts referiert der Initiator und Editor Joseph Pearce über Klassiker der Weltliteratur. Ich empfehle diese Serie für Heranwachsende und uns im Alter Vorgerückte.

Joseph Pearce lernte ich übrigens durch die überaus reichhaltigen Biografien zu Chesterton (Rezi), Solzhenitsyn (Rezi sowie Zitate I und Zitate II) und Belloc (Rezi) schätzen. In “Literature: What Every Catholic Should Know” erklärt er, weshalb die intensive Beschäftigung mit dem literarischen Reichtum vergangener Generationen aus der Sicht des judeo-christlichen Erbes ungemein hilfreich sein kann.