Kolumne: Joshua Harris – erfolgreich gescheitert?

In einer inhaltlich dürren Mitteilung auf Instagram kündigte der attraktive Mittvierziger Joshua Harris, bekannt geworden durch seine Bücher zur christlichen Dating-Kultur, die Trennung von seiner Frau Shannon an. Die Mitteilung kam vier Jahre nach der Ankündigung, sich aus dem Pastorendienst zurückzuziehen.  Inzwischen hatte Harris «Opferforschung» unter seinen Lesern betrieben. In einem Interview gab er zu Protokoll, dass er nicht mehr in das Pastorenamt zurückkehren wird und ausserdem grundsätzliche Zweifel am Glauben hege. Diese Bekanntmachung hat meine Frau und mich in den vergangenen Tagen beschäftigt.

Es liegt mir fern, mit Fingern auf ihn zu zeigen. Ich trage nicht nur denselben Jahrgang wie Joshua Harris, sondern dasselbe sündige Herz in mir. Unvergesslich bleibt mir der Moment, in dem Asfa Wossen Asserate mir mein Exemplar seines Buches «Manieren» mit der Widmung übergab: «Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.» Meine Haltung soll mehr der des biblischen Buches der Sprüche gleichen, der still steht, aufmerkt und dann zu Jesus aufsieht. Leider tendieren wir dazu, Ziele anzustreben und sie dann «abzuhaken». Der Heiligungsprozess endet erst dann, wenn wir über die irdische Ziellinie stolpern oder gezogen werden. (Freunde, wenn ihr merkt, dass Hanniel zu entschweben droht, dann meldet es ihm.)

Zuerst nehme ich wahr, was Menschen nach vollzogenem Bruch und der Neuorientierung betonen und wovon sie nicht sprechen. Sie sprechen von ihren wundervollen Kindern; sie verschweigen, dass diese bereits schrecklich unter ihrer Sünde gelitten haben und weiter leiden werden. Sie sprechen von einer schwierigen Zeit; sie schweigen darüber, ob und dass sie Busse vor Gott getan haben. Sie führen Interviews über die Pläne und die nächsten Karriere-Meilensteine; sie schweigen über den schrittweisen Rückzug aus Überzeugungen und Diensten. Sie stellen sich in einem hippen Outfit dar; sie schweigen über die Änderung ihrer täglichen Gewohnheiten im geistlichen Bereich.

Vor allem scheint es in der Phase der Neuorientierung ein Zauberwort zu geben: «Gesetzlichkeit». Die vergangene Lebensetappe wird einer alten Truhe gleich mit dem Etikett der Gesetzlichkeit in die Rumpelkammer der Vergangenheit verbannt. Dabei ist zu bedenken: Wer von Gesetzlichkeit spricht, muss über einen Massstab verfügen. Wer etwas als “falsch” beurteilt, muss über eine Vorstellung des Richtigen verfügen. Hierbei spielt der Begriff «Autonomie» eine wesentliche Rolle. Dies bedeutet wörtlich «Selbst-Gesetzlichkeit». Der säkularisierte Mensch, der Gott aus seinem Denken und Handeln ausschliesst, nimmt Mass an sich selbst.

Dabei sage ich nicht, dass Joshua oder ich selbst nicht dazu tendieren würden, eigene Gesetze aufzustellen. Nur zu schnell erklären wir unseren eigenen Lebensweg zum Ideal und Massstab für andere. Dies mag auch in seinen Büchern stellweise der Fall sein. Je nach Lebensverlauf, Begabung und Situation sind andere Betonungen nötig. Ich will hier herausstreichen, dass Harris im Moment, in welcher er das Anathema über seine vergangenen 25 Jahre ausspricht, seinen geänderten Massstab darauf anwendet. Er urteilt mit seiner angepassten persönlichen Ethik, also der gelebten Antwort auf die Frage, was für ihn gutes Leben darstellt, über Äusserungen seiner Vergangenheit.

Aus der Diskussion mit meiner Frau und vielen schmerzlichen Erlebnissen aus der eigenen Lebenswelt stelle ich (vorsichtig) einige Beobachtungen auf. Harris schrieb in seinem Folgebuch zu «Ungeküsst», dass seine Frau aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt. Das ist nun keine Seltenheit, sondern der Regelfall in vielen Ehen. Es bedeutet auch nicht, dass dies langfristig zu Folgeschäden führen muss. Es wird jedoch deutlich, dass wir in unserer sündigen Existenz – auch als gerechtfertigte Sünder – bis zum letzten Atemzug gegen Sünde, Welt und Teufel zu kämpfen haben werden. Eine geistlich gesegnete Anfangszeit der Ehe bedeutet nicht zwingend gutes Vollenden.

In einem anderen Vortrag sprach Harris davon, dass er sich stark genug wähnte, um fehl zu gehen. Er spricht die Kultur des erfolgreichen Scheiterns an. Diese ist der christlichen Weltanschauung entnommen und dann stark verfremdet worden. Inwiefern? Scheitern ist Verfehlen eigener Ziele und Ideale; Sünde ist die Verfehlung gegenüber dem göttlichen Gesetzgeber. Selbstbewusstsein zu behalten bedeutet eine Neudefinition gegenüber sich selbst; seinen Zerbruch einzugestehen und sich gegenüber Gott zu demütigen (wie es David getan hat), ist nicht nur das Anerkennen von Versagen. Es ist auch das Eingeständnis, dass ich es allein nicht schaffe und auch nie schaffen werde. Scheitern erhält in der Definition von Harris eine andere Färbung: Ich stecke mir jetzt neue Ziele und gehe weiter. Das nächste Experiment ist bereits gestartet. Dies ist eine zeitgenössische Form des Verdeckens von Schuld und Scham.

Wie ergeht es den Fraun in Phasen der «Neuorientierung»? Die Denkvoraussetzung scheint zu lauten: Ich kann einen bisherigen Lebensabschnitt beenden. «Ich habe so und so viele Jahre in meine Kinder investiert. Diese Phase ist nun abgeschlossen.» Dann folgt der Schlüsselsatz: «Jetzt bin ich wieder dran.» Wie oft habe ich diese Äusserung schon gehört. Hier liegt meines Erachtens das Unheil begraben. Die Kinderphase war eine mehr oder weniger freiwillige Phase des Opfers und des persönlichen Verlustes. Diese Bewertung ist exakt die des Säkularismus: Es gilt möglich viel herauszuholen. Es geht um Selbstoptimierung. Das «Projekt Kinder» steht damit im Rückblick auch unter der Prämisse der Selbst-Verwirklichung.

Zudem steckt die (irrige) Meinung dahinter, dass Lebensdrehbücher fast beliebt manipulierbar seien. Ja, die Frau nach Vierzig steckt in der zweiten Lebenshälfte. Ihre äussere Attraktivität – gemessen an der Peer der Online-Welt – geht rasant dahin. (Die innere Schönheit und Ausstrahlung kann in dieser Phase rasant zunehmen.) Dies verstärkt die Grundunzufriedenheit. Also gilt es wenigstens in der beruflichen Welt noch zu holen, was zu holen ist. Unsere Biografie ist jedoch ein einziges Stück. Es mag Szenen geben, an die wir uns nie mehr zurückerinnern wollen. Ich sage es in aller Deutlichkeit: Nicht jede Chance, die man packen kann, lohnt sich. Auch die vermeintliche letzte Ausfahrt in der Lebensmitte nicht.

Weisheit ist gefragt. Manche Korrekturen, zum Beispiel bezüglich Wohnort oder beruflicher Orientierung, können und sollen vorgenommen werden. Doch in welcher Perspektive steht diese? Orientiert sie sich am göttlichen Gesetzgeber? Zielt sie über dieses Leben hinaus? Hat sie die nächsten Generationen im Blick? Geht es darum, andere zu lieben? Es ist schade, Dinge über Bord zu werfen, weil wir der Mühen des mittleren Alters einfach überdrüssig geworden sind. Ich orientiere mich an Menschen, die in diesen Jahren durchgehalten haben und in Christus zu Reife gelangt sind. Ich weiss schon, durchhalten widerspricht dem säkularen Evangelium. Grenzen und akzeptieren und noch mehr: Mit den Langzeitfolgen von Sünden aus der Kraft Gottes zu leben. Dies hätte ich mir nicht nur für Joshua und Shannon gewünscht, sondern für jeden von uns und mich zuerst.

Zitat der Woche: Über wahre christliche Toleranz

Der deutsche Rechtsphilosoph Friedrich Julius Stahl (1802-1861) schreibt in seinem gedruckten Vortrag über christliche Toleranz über die fundamentale Verschiebung des Begriffs:

Ja, sogar von der aufgeklärten Kirche, als welche zu betrachten man dem Protestantismus die Ehre erweist, fordert man diese Toleranz, dass sie jedweder Ansicht, der gläubigen wie der ungläubigen, dasselbe Recht auf Lehrstuhl und Kanzel einräume. … Das Äusserste des Tadels trifft daher die Exklusivität, das ist dass eine religiöse Überzeugung den Anspruch auf ausschliessliche Wahrheit und Berechtigung macht.

Dem stellt er das Wesen christlicher Toleranz gegenüber:

Zunächst überbietet das Christentum jedwede andere Denkart in demjenigen, was die allgemeine Grundlage aller Toleranz ist, in der Liebe, die alles trägt und duldet, in der Demut, die, der eigenen Sünde bewusst, über den Nächsten nicht richtet, in der Hochhaltung des Ebenbildes Gottes im Menschen, welche ihm freie, innerliche Entscheidung gönnt, in der Bescheidung, dass der Weltrichter Weizen und Unkraut erst jenseits sondert.

Stahl zählt später folgende Merkmale dieser (wahren) Toleranz auf:

  • Keine Scheidewand des Glaubens bei persönlicher Not des Nächsten
  • Keine scharfe Grenzlinie nach äusseren Kriterien der Rechtgläubigkeit
  • Freude überall, wo Gott verherrlicht wird
  • Kein Ärgernis für Schwächere, die im Gewissen gebunden sind
  • Wehrt sich nicht gegen die, welche im Namen Christi Teufel austreiben
  • Eifer für das, was christlich ist (nicht aber für Paulus oder Apollos)
  • Bekehrung, nicht Vernichtung seiner Feinde

Auch wenn ich Stahl nicht gänzlich folge: Der Vortrag ist eine Goldgrube.

Standpunkt: Die Schweiz, einst Geburtsstätte der Reformation

Christian Schmid von der Immanuel Gemeinde Bern (siehe dieses Interview) schätzt die geistliche Lage in der Schweiz in einem Videobeitrag für IX Marks ein:

  • Die Bauwerke der Reformation sind noch überall sichtbar.
  • Die Kirchen sind theologisch sehr liberal geworden; sie predigen das Evangelium nicht.
  • Die Menschen wissen nicht, um was es bei der Reformation ging.
  • Allenfalls sehen sie die Reformation als etwas, das eine (unnötige) Spaltung innerhalb der Kirche verursachte.
  • Das Erbe der Reformation wird nicht (mehr) als etwas Wichtiges wahrgenommen.
  • Einer der populärsten Konferenzsprecher unter Evangelikalen ist katholischer Herkunft. Es scheint, dass die Kirche zu dieser Einheit zurück will.

Lies auch den Artikel von Matthias Lohmann & Ryan Hoselton „Is the Reformation Relevant for Luther’s Homeland?“ Es geht darum die Reformation fortzuführen. In den Worten von Michael Horton: “Leute, wir sind stark an der Reformation interessiert, nicht, weil es eine Sache ist, die in der Vergangenheit passierte, sondern weil wir in dem gleichen Schlamassel stecken.”

Hanniel hirnt (240): Warum ich Gespräche unterwegs liebe

Seit Jahrzehnten führe ich Gespräche mit Menschen, denen ich unterwegs begegne. Heute dachte ich laut über solche Gespräche nach (22 Minuten).

Zuerst nenne ich drei Gesprächsvoraussetzungen:

  • Ich begegne einem anderen Bildträger Gottes.
  • Ich lebe vor Gott und die Begegnung ist kein Zufall.
  • Ich schäme mich nicht, anders zu sein (gegenkultureller Lebensstil).

Kein Thema und doch ein Thema: Die vertikale Entfremdung

  • Säkular leben heisst: Im Denken und Handeln ohne die Prämisse eines persönlichen-unendlichen Gottes auszukommen.
  • Als Ersatz rückt das Ich als göttliche Instanz nach. Das Ich ist Takt- und Gesetzgeber. Es geht um ein selbstbestimmtes Leben in individueller Passung.
  • Während für das private Leben das Ich höchste Instanz ist, folgt man im öffentlichen Leben Experten (z. B. über Youtube). Die “Wissenschaft” geniesst als übergeordnete Instanz nach wie vor grosse Glaubwürdigkeit.

Ein Hauptthema: Die horizontale Entfremdung

  • Bewusstes Absetzen zur Herkunftsfamilie (“ich bin anders”)
  • Dissonanzen mit der folgenden Generation (z. B. Sicherheitsdenken der Babyboomer)
  • Entfremdung mit dem Lebenspartner (Trennung/en zum Wiedererlangen von Autonomie)
  • Distanz zu Menschen in der unmittelbaren Wohnumgebung

Indirekt sagen mir die meisten, dass sie einsam sind. Wer Gott verliert, verliert die anderen und sich selbst. Ich provozierte mit der Aussage: “Suchen Sie eine Kirche auf.” Es ist spannend zu hören, welche Erfahrung Menschen mit Kirche gemacht haben. Da taucht häufig der Reflex auf: Da gebe ich ein Stück meines selbstbestimmten Lebens ab. Ich muss mich einlassen und regelmässig gehen.

Zitat der Woche: Nicht gewohnt viel zu denken

Atemlos lese ich in Gotthelfs Erstroman “Der Bauernspiegel” aus dem Jahr 1836/37 (Zusammenfassung). Ich denke, dass sich diese Aussagen problemlos in die Familiensituationen des 21. Jahrhunderts übertragen liessen.

Voraus denken: Übrigens war er nicht gewohnt viel zu denken, auch nicht an die Zukunft; er ließ die Dinge gehen, wie sie mochten, und nahm sie, wie sie kamen.

Denkvoraussetzungen nicht hinterfragt: Man glaubte gar vieles, aber zweierlei tat man nicht. Man untersuchte erstlich nicht, woher man das hätte, was man glaubte…

Gesprächskultur: Man war in unserm Hause nicht gewohnt zu zanken; aber gute Worte gab man sich eben auch nicht.

Gelebte Prioritäten: Sie denken halt zuerst an ihren Nutzen, dann an ihre Bequemlichkeit, dann an ihre Weiber, und erst, wenn sie nichts mehr anderes zu denken wissen, an den lieben Gott.

Ablenkungsmanöver: (Wenn ein Mann über den Durst getrunken hat und nach Hause kommt, muss er) eine ordentliche Neuigkeit vorwerfen können, (damit) die Frau die Sünden des Mannes vergißt und sich festbeißt in die Sünden des Nachbars.

Götze Mammon: Zu solcher grenzenlosen Herzlosigkeit und unnatürlichen Härte wird der Mensch gebracht, wenn er im Leben und im Tode Abgötterei treibt mit Geld und Gut.

Schuld abschieben: Vater und Mutter begannen, als sie den Schaden einsahen, einander die Schuld gegenseitig zuzumessen.

Zitat der Woche: Kant öffentlich und privat

Die Welt war kalt, und es gab keine Hoffnung – nicht für Kant, und vielleicht für keinen von uns. Scheffner wusste nur zu gut, dass Kant davon überzeugt gewesen war, nach dem Tode sei nichts zu erwarten. Mochte er auch in seiner Philosophie die Hoffnung auf ein ewiges Leben und eine künftige Existenz hochgehalten haben, in seinem Privatleben hatten ihn solche Ideen kalt gelassen. Scheffner hatte häufig gehört, wie sich Kant verächtlich über Gebete und andere religiöse Praktiken äusserte. Die organisierte Religion erfüllte ihn mit Zorn. Jedem, der Kant persönlich kannte, war klar, dass ihm der Glaube an einen persönlichen Gott fremd war. Gott und Unsterblichkeit hatte er zwar postuliert, glaubte aber selbst an keines von beiden. Seine feste Überzeugung war, dass derartige Glaubensvorstellungen lediglich eine Sache des ‘individuellen Bedürfnisses’ seien. Er selbst empfand kein derartiges Bedürfnis.

Manfred Kühn. Kant. Eine Biografie. dtv: München, 2007.

Zitat der Woche: Erstarrter Konservatismus ist ein geistliches Problem

Die Kirche wird ihre Stellung behaupten, aber nicht, wenn sie erstarrt. Ich glaube, dass wir allzu oft Selbstmord begehen. Wir können nicht unterscheiden zwischen dem, was für Veränderungen offen ist, und dem, was bleiben muss. Wir müssen uns der existenziellen Leitung des Heiligen Geistes öffnen. Und die sieht oft ganz anders aus, als wir es uns vorgestellt haben, besonders für die Konservativen unter uns. Man behauptet manchmal, wir seien nur deshalb konservativ in unserer Theologie, weil wir in allen Dingen konservativ seien. Das ist eine Stichelei, aber manchmal trifft sie zu. …

Wenn wir als Evangelikale also altmodisch werden – nicht im guten, sondern im schlechten Sinn – dann müssen wir einsehen, dass es sich hier nicht in erster Linie um ein intellektuelles, sondern um ein geistliches Problem handelt. …

es muss unter der Leitung des Heiligen Geistes geben, das zu verändern, was verändert werden muss, damit die Kirche an ihrem Ort und z ihrer Zeit veränderten Situationen gerecht werden kann. Andernfalls, glaube ich, wird die Kirche nicht als lebendige Kirche weiterbestehen können. (VD: JP)

Francis Schaeffer. Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts. (1972:82-84)

Zitat der Woche: In diesem Haus stand alles zum Besten

Ferienzeit. Zeit des Ausruhens. Im Epos “Der Herr der Ringe”, der als Reise konzipiert ist, beeindruckt mich der Aspekt des Zwischenhalts und des Ruhens.

In diesem Haus … stand alles zum Besten, ob es einem nun auf gutes Essen oder ruhigen Schlaf ankam, auf spannende Geschichten oder schöne Lieder oder einfach auf ruhiges Dasitzen und Nachdenken oder auf eine angenehme Mischung von alledem. Dort zu sein, heilte allein schon von Müdigkeit Angst und Kummer. (in Bruchtal, Zweites Buch, Erstes Kapitel)

Ein Freund schreibt dazu:

Gerade die Mischung macht’s aus. Sie befreit von einer vulgären Freizeitzerstreuung, die zu geistiger Stumpfheit führt. Ruhe und inhaltliche Kraft (Musik, Lektüre, Geschichten) bedingen sich gegenseitig. Wehe dem Volk, das nicht mehr musiziert, liest und erzählt, das nur noch in simulierten Blasen herumschwebt und von medialen Streiflichtern umhergejagt wird.

Standpunkt: Wenn halbe Gemeinden zu Worthaus ausschwärmen

Es lohnt sich, die Kommentare eines kurzen Posts zu Worthaus zu lesen.

  1. Die dünne theologische Luft in den Jahren und Jahrzehnten zuvor: “Es bestätigt sich, dass ein christliches Denken fehlt. Wenn halbe Gemeinden in Richtung Worthaus ausschwärmen, kann das ja nur bedeuten, dass über lange Zeit evangelische Grundeinsichten gefehlt haben. Worthaus akzeptiert die liberalen Denkvoraussetzungen (z.B. alle Rede von Gott muss vom Menschen reden) und emotionalisiert das einfach ein wenig, so dass Menschen mit einem postmodernen Gemüt „berührt werden“.”
  2. Es geht vordergründig um zwei Spielarten desselbes Glaubens. Dies ist jedoch ein Trugschluss, wie ein Kommentator auf meinem FB-Thread klarstellt: “Ich würde sogar sagen nicht nur evangelische, wenn man dieses Attribut konfessionell faßt. Gresham Machen: ‘The Church of Rome may represent a perversion of the Christian religion; but naturalistic liberalism is not Christianity at all.'” Siehe mein Beitrag & Podcast “Theologischer Liberalismus ist keine Spielart des Christentums, sondern eine andere Religion”
  3. Ich sehe – wie ein anderer Kommentar auf meinem FB-Thread – die Rolle des Elternhauses auch als entscheidend an: “Worthaus polarisiert. Da sind auf der einen Seite die coolen, intellektuellen, liberalen Querdenker und auf der anderen Seite die ewiggestrigen, denkfaulen Fundamentalisten. Wohin wollen sich junge Mensch orientieren, wenn sie kein gefestigtes Schriftverständnis haben? Es ist heute so wichtig, den eigenen Kindern ein Grundvertrauen in die Irrtumslosigkeit der Bibel zu vermitteln! Aber nicht nur das, wir müssen es auch authentisch leben, sonst landen sie irgendwann nur noch bei der Universitätstheologie.”
  4. Sehr angebracht ist der Blick nach vorne. Ich würde den postmodernen Matsch als Botschaft von vorgestern schleunigst hinter mir lassen. “Ich bin also weit davon entfernt, den jungen Leuten, die sich das interessiert anhören, einen Vorwurf zu machen. Ihnen fehlen die Kategorien dafür, die Geister unterscheiden zu können. Die Verantwortung tragen Gemeindeleiter und Familien (und wohl auch Ausbildungsstätte), die es versäumt haben, christliches Denken einzuüben und anzuwenden. Das ging eine zeitlang gut, da wir Frommen sozusagen unter dem Radar in einer Blase gelebt haben. Aber diese Zeiten sind vorbei, da die Welt flach geworden ist und jeder sich seine Nahrung etwa über das Internet selbst zusammenstellt. Also raus aus der Blase und sich der rauen Wirklichkeit gedankenvoll stellen!”
  5. Ich stimme Markus Till zu: “Ich hoffe und bete, dass in unserem Land eine neue Debatte über das Schriftverständnis entsteht. 500 Jahre nach der Reformation muss das Sola Scriptura offenkundig ganz neu verteidigt und durchgefochten werden – gerade auch unter uns Evangelikalen.”
  6. Kubsch sieht folgende Ansatzpunkte für die Arbeit in Gemeinden und Ausbildungstätten:
    “eine vertiefte Beschäftigung mit der (heute so unbeliebten) biblisch-christlichen Dogmatik;
    eine apologetisch-konfrontative Auseinandersetzung mit nicht-christlichen Weltanschauungen, zu der auch die Schulung im philosophischen Denken und die Kulturapologetik gehören (z.B. Medienkritik);
    eine Kampfansage an das Wohlfühlchristentum, welches meint, mit Entertainment, versöhnter Verschiedenheit, populistischem Lobpreis und Lebenshilfepredigten erfülle Gemeinde ihre Berufung;
    eine Wiederbelebung der Katechese unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Familien- und Gemeindeumfeld;
    radikale und greifbare Modelle einer schöpferischen Gegenkultur, die die Wahrheit und Schönheit des evangelischen Glaubens gerade auch für junge Menschen greifbar werden lässt;
    ein Jüngerschaftstraining, welches Nachfolge nicht auf Fragen persönlicher Frömmigkeit reduziert”

Zur weiteren Auseinandersetzung empfehle ich:

Zitat der Woche: Die Reichen haben je und je Gelegenheit, Gott Opfer zu bringen

Über Johannes Calvin kursieren (noch immer) viele Gerüchte und Mythen; die Forschung hat inzwischen viele dieser Überlieferungen korrigiert. Zur Einführung empfehle ich Schirrmachers Vorwort zur Ausgabe der Institutio von 1536. Er schreibt dort:

Es gibt inzwischen umfangreiche Untersuchungen, die gezeigt haben, wie Calvin parallel zu seinen umfangreichen exegetischen Studien, Vorlesungen und Veröffentlichungen entsprechende Temen seiner Dogmatik umgearbeitet und erweitert hat. Calvins umfangreichstes Werk sind seine Kommentare und nur von dorther sind seine anderen Schriften zu verstehen. Die Schrift und ihre Auslegung regieren die Dogmatik, nicht umgekehrt.

Der Geburtstag des Reformators der zweiten Generation hat sich eben gejährt. In einem bisher unveröffentlichten Manuskript habe ich 20 Stellen aus seinem breit angelegten Werk zusammengetragen. Ich zitiere aus seiner Predigt zu Deut 15,11-15 (es lohnt sich, diesen Abschnitt in der Bibel nachzuschlagen):

Wenn er sagt: Es wird immer Arme geben, dann gilt, dass die Reichen je und je Gelegenheit haben werden, Gott Opfer zu bringen, wie er sie verlangt. Von dem, was in ihren Händen ist, sollen sie denen geben, die Mangel leiden. Das muss aber wohlbedacht geschehen, d. h. man soll sich um die kümmern, die es wirklich nötig haben. Demgegenüber aber, wenn man wahllos gibt und der Bettel in Gassen und Häusern erlaubt ist, so ist das eine schlechte Sache und gegen jede rechte Ordnung. So wird nur Verwirrung gestiftet. Man ernährt die, welche die Stirne haben zu betteln, zu ihrem eigenen Schaden, wie gesagt.

Bleibt übrig, jetzt diese Lehre zu praktizieren: Zum ersten sollen wir erkennen, dass Gott uns dringt, Gutes zu tun und uns anzustrengen, wenn Hunger herrscht und Teuerung. Jeder soll eher seinen Bissen teilen als zu dulden, dass andere Mangel leidet, während man im Überfluss lebt. Und wenn viele eine Missernte erwarten, [deshalb] sparen und nach größeren Brocken schnappen, dann sollen wir erst recht erkennen, dass Gott uns ermahnt und – wenn immer wir ihm die Ehre gaben mit den Gaben, die er uns anvertraute – jetzt will, dass wir damit ernst machen. Das wäre das eine. Wo Armut und Bedürftigkeit groß werden, sollen wir erkennen, dass Gott uns wach rütteln will, damit wir nicht einschlafen. Er mahnt uns in Notzeiten an unsere Aufgabe, nämlich dass jedem von uns viele Möglichkeiten zur Hilfeleistung gegeben sind.

Zum andern sollen wir beachten, dass wir Befehl und Order haben, den Bettel nicht zu dulden. Er ist nichts als ein böses Geschwür. Man hilft dem, dem man gibt, im Grunde nicht. Man verdirbt sie vielmehr, und sie verhärten sich, wie gesagt, und zuletzt gefällt ihnen ihre Bettelei sogar, so dass sie ihren Bettelsack mehr lieben als eine sichere Rente.

Calvin-Studienausgabe. Band 7. Predigten über das Deuteronomium und den 1. Timotheusbrief (1555/56). Neukirchener: Neukirchen-Vluyn, 2009. S. 71-72.