Zitat der Woche: Der Untergang des Morgenlandes

Bernard Lewis (1916-2018) zeichnet in seinem Werk “Der Untergang des Morgenlandes: Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor” die grossen Linien der Konfrontation zwischen Ost und West nach. Der Hinweis auf den Autor erhielt ich durch die Apologetikvorlesungen von Douglas Groothuis (Islam 1, Islam 2).

Hier ein kurzer Ausschnitt der grossen Linien:

Der Vormarsch

Im 7. Jahrhundert rückten islamische Armeen von Arabien aus nach Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika vor und eroberten diese bis dahin christlichen Gebiete. Tatsächlich waren die meisten der neuen Muslime westlich des Irans und Arabiens konvertierte Christen. Im 8. Jahrhundert eroberten arabische Muslime, zu denen sich jetzt auch konvertierte Berber gesellt hatten, von ihren Stützpunkten in Nordafrika aus Spanien und Portugal und drangen in Frankreich ein. Im 9. Jahrhundert nahmen sie Sizilien und Teile des italienischen Festlands in Besitz. Im Jahre 846 drangen arabische Schiffe von Sizilien aus zum Tiber vor und besetzten Ostia und Rom. … Der Islam schuf … eine weltweite Kultur, die aus vielen Völkern und Rassen bestand und die international, ja, man könnte sogar sagen, interkontinental war.

… Auch im 17. Jahrhundert regierten in Budapest und Belgrad immer noch türkische Paschas, und Berber-Korsaren aus Nordafrika überfielen die Küsten von England und Irland, 1627 sogar Island.

… Auch wenn die Muslime den ungläubigen Westen verachteten, wussten sie doch nur zu gut seine Fertigkeiten bei der Bewaffnung und Kriegsführung zu schätzen. … Die Sultane kauften Kriegsmaterial und militärische Kenntnisse gegen Bargeld und betrachteten das als eine rein geschäftliche Transaktion.

Der Rückschlag

Der Verlust Spaniens und Portugals, der Aufstieg Russlands und die zunehmende Präsenz der Europäer in Süd- und Südostasien, all das waren Rückschläge, die der Islam durch die Christenheit erlitten hatte.

Der Anspruch

Als die Osmanen mit einer der größten Krisen ihrer Geschichte konfrontiert wurden, stellten sie eine andere Frage: »Was haben wir falsch gemacht?« Die Debatte … dauert bis zum heutigen Tage an. … Mit anderen Worten lautete die Frage jetzt nicht mehr nur: »Was machen wir falsch?«, sondern auch: »Was machen die anderen richtig?« Und die entscheidende Frage war natürlich: »Wie können wir den Rückstand aufholen und unsere rechtmäßige Vormachtstellung wiedererlangen?«

Als wichtigstes Heilmittel wurde eine Rückkehr zu diesen Sitten und Gebräuchen propagiert. Noch heute werden diese Überlegungen von einem Großteil der Menschen im Nahen Osten als richtig empfunden.

Zitat der Woche: Die fatalen Langzeitfolgen des Egalitarismus in der Bildung

Roger Scruton bemerkt:

Durch eine Art schleichenden Gleichmacherei nähern wir uns der Auffassung, dass der Staat keine Unterschiede machen darf, dass Kinder nicht nach ihren Fähigkeiten und Begabungen eingeteilt werden sollten und dass selbst Prüfungen abgewertet oder zumindest nicht so gestaltet werden sollten, als seien sie das letzte Ziel. Wenn es um die Schulbildung geht, so fügen die Pädagogen hinzu, sind wir, die Experten, zwangsläufig besser informiert als die Eltern, die keine Skrupel haben sollten, ihre Kinder in die wohltätige Obhut eines Staates zu geben, der immer auf unseren weisen Rat hin handelt.

Mit anderen Worten, man ist davon ausgegangen, dass Bildung um des Kindes willen existiert. Meiner Ansicht nach interessiert sich der Staat nur deshalb für Bildung, weil er ein anderes und dringenderes Interesse an etwas anderem hat – nämlich an Wissen (knowledge). Wissen ist ein Gewinn für alle, auch für diejenigen, die es nicht erwerben und nicht erwerben können. Wie viele unserer Bürger könnten ein Kernkraftwerk bauen, einen Fall in der Kanzlei beurteilen, eine Landzuweisung in mittelalterlichem Latein lesen, ein Mozart-Konzert dirigieren, eine Gleichung in der Aerodynamik lösen, eine Lokomotive reparieren? Wir brauchen das Wissen nicht selbst zu haben, vorausgesetzt, es gibt andere, die Experten, die es besitzen. Und je mehr wir unser Gedächtnis und unsere Informationen auf unsere iPhones und Laptops auslagern, desto mehr werden diese Experten gebraucht. Wenn dem so ist, dann muss der Staat dafür sorgen, dass Bildung, wie verfügbar und wie verbreitet sie auch sein mag, unseren Wissensschatz reproduziert und wenn möglich ergänzt.

… Der Staat, so haben sie uns gesagt, hat eine Pflicht gegenüber jedem Kind, und keinem Kind darf das Gefühl vermittelt werden, einem anderen unterlegen zu sein. Das stimmt zwar, aber der Staat hat noch eine andere und größere Pflicht, die eine Pflicht uns allen gegenüber ist – nämlich die Pflicht, das Wissen zu bewahren, das wir brauchen und das nur mit Hilfe der Kinder, die es sich aneignen können, weitergegeben werden kann.

Vereinfacht gesagt: Wissen nützt dem Kind, aber nicht so sehr wie das kluge Kind dem Wissen. Daher hat der Staat ein Interesse an der Auswahl, so dass denjenigen mit einer Begabung für Wissen die Chance gegeben werden kann, es ohne die vielen Ablenkungen zu erwerben, die dadurch entstehen, dass sie von anderen umgeben sind, die kein Interesse am Geistesleben (life of the mind) haben.

Hanniel hirnt (284): Wie gehe ich mit meiner Anspannung um?

In einer kritischen Selbstbeobachtung (19 Minuten) äussere ich meine Gedanken zur Frage, wie ich mit meiner Anspannung, die sich körperlich niederschlägt, umgehe. Dabei flossen ein:

  • Der säkulare Anspruch: Schmerz sofort beseitigen!
  • Das Erfolgskriterium: Es wirkt/nützt (nicht mehr).
  • Der Stellenwert des Gebets
  • Vertikale (Gott-gerichtete) und horizontale (zum Nächsten orientierte) Offenheit
  • Tagebuch der Symptome
  • Unterliegende Motivation: Angst vor Kontrollverlust
  • Fazit: Schnelle Entlastung = verpasste Heiligung
  • Über Verhaltensoptimierung: Heiligung der Gedanken und der Gefühle

Zitat der Woche: Wer beichtet, opfert Stolz, wer vergibt, seinen Groll

Roger Scruton in der deutschen Übersetzung “Von der Idee, konservativ zu sein” über die vom christlichen Erbe herrührende Vorstellung von Bekenntnis und Vergebung (S. 42):

Diese Zivilisation hat ihre Wurzein Im Christentum, und indem ich die Welt aus christlicher Sicht betrachtete, wurde ich in den Stand versetzt, die gewaltigen Veränderungen zu akzeptieren, die sie erschüttert hatten. Akzeptanz kommt von Opfern: Das ist die Botschaft vieler bedeutender Werke unserer Kultur. Und in der christlichen Tradition sind die wichtigsten Schritte des Opferns die Beichte und die Vergebung. Wer beichtet, opfert seinen Stolz, während die, die vergeben, ihren Groll opfern und etwas aufgeben, was ihrem Herzen teuer war. Die Beichte und das Vergeben sind jene Eigenschaften, die unsere Zivilisation möglich gemacht haben. Vergebung kann nur unter bestimmten Bedingungen angeboten werden, und es ist die Kultur der Vergebung, die diese Bedingungen in der Seele des Einzelnen verankert. Man kann nur dann jenen vergeben, die einen verletzt haben, wenn diese ihren Fehler eingestehen. Diese Anerkennung ist nicht erreicht, wenn er sagt: »Ja, es stimmt, das habe ich getan.« Es bedarf der Reue und der Sühne. Durch diesen Akt der Selbsterniedrigung geht der Sündige auf sein Opfer zu und stellt jene moralische Gleichheit her, die Vergebung erst möglich macht. In der jüdisch-christlichen Tradition ist dieser Vorgang wohl bekannt. Er ist enthalten in den Sakramenten der römisch-katholischen Kirche ebenso wie in den Ritualen und der Liturgie des Jom Kippur. Von diesen religiösen Quellen haben wir die Kultur geerbt, die uns befähigt, unsere Fehler zuzugeben, unsere Opfer zu entschädigen und in all jenen Angelegenheiten Verantwortung zu übernehmen, in denen unser frei gewähltes Verhalten die, die sich zu Recht auf uns verlassen haben, geschädigt hat.
Verantwortlichkeit in öffentlichen Ämtern ist eine der Manifestationen dieses kulturellen Erbes, und wir sollten nicht erstaunt sein, wenn sie als Erste verschwindet, wenn Utopisten und Planer die Macht übernehmen.

Zitat der Woche: Da begann eine traurige Zeit für das Haus

Gotthelf schildert in “Geld und Geist” den Beginn einer Entfremdung in einer Ehe:

Als Christen betete: »Vergib mir meine Schulden, wie ich auch vergebe meinen Schuldnern«, da dachte sie, ob er wohl an die Schuld denke, welche er heute gegen sie gemacht. Als er gebetet, erwartete sie seine Rede; als er aber schwieg, als er sich zum Schlafen legte, ohne Wunsch und ohne Segen, da sagte sie zu sich selbst: So, ist das so gemeint; jetzt ists fertig! Kann der seine Sünden nicht mehr bekennen, so bin ich ein armer Tropf; aber so ganz unterntun lasse ich mich nicht. Änneli dachte wunderbarerweise gar nicht daran, daß es heiße von Sünden vergeben, sondern hatte nur Bekennen im Kopf und daß dieses Bekennen Christen zukäme, und weil er es nicht tat, so sah sie darin eine neue Schuld, eine Schuld, die sie gar nicht verzeihen konnte, und als Wunsch und Segen noch ausblieben, da war es ihr, als sei zwischen ihr und Christen ein weiter und tiefer Graben, über den keines Menschen Fuß kommen könne, zu keinen Zeiten mehr. Manchmal war es ihr, als müßte sie reden, als sei alles gefehlt, wenn sie einmal in Groll und Ärgernis niedergegangen und die Sonne darüber aufsteigen ließen; aber solche Regungen wurden immer wieder unterdrückt durch den trotzigen Mut, daß sie einmal zeigen müsse, sie nehme nicht alles an, wolle nicht alles ausbaden, was Andere angerichtet, lasse nicht mit sich umgehen, als ob sie ein Waschlumpen wäre oder als wäre sie mit leeren Händen gekommen.

Selbe Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen, aber auch keine Reue in ihr Herz. Als kaum der Morgen graute, stund sie auf, nur um Christen nicht etwa »Guten Tag gebe dir Gott« wünschen oder ihm auf seinen Wunsch danken zu müssen. Und das war wiederum der erste Tag, den sie ohne Wunsch und Segen begannen. Änneli aber hatte erwartet, Christen werde fragen, warum sie nicht bete, dann wolle sie ihm so recht auspacken. Als nun Christen nicht fragte, nichts sagte, da dachte sie bei sich selbst: He nun so dann, wenn du es so haben willst, so habe es, aber daß du so ein Wüster wärest und daß du mich so wenig lieb hättest, das hätte ich nicht geglaubt, und nicht viel fehlte, es wäre ein heftiges Weinen über sie gekommen, so voll ward ihr auf einmal das Herz. Aber Zorn ward Meister und trieb, was im Herzen war, als heiße Dämpfe in den Kopf hinauf. So begannen Beide erbittert die Nacht, standen am folgenden Morgen wortlos auf, und eine traurige Zeit begann für das Haus.

Zitat der Woche: Theologische Spekulation unter der Schrift und den Bekenntnissen

Die hochinteressante Lektüre von Douglas Kellys Systematischer Theologie – er klärt meines Erachtens viele zentrale Fragen im Verhältnis zur Gegenwartskultur durch den überaus breiten Rückgriff auf Kirchenväter, mittelalterliche und (nach-)reformatorische Theologen sowie orthodoxe Theologen – wird verstärkt durch persönliche Einwürfe wie diesen:

While it would probably be wisest to leave the issue here (especially since I do not in general favor theological speculation), still, many years of reflection on this matter have made me willing at last to speculate, albeit hesitantly and humbly – always under Scripture and the Creeds. Thus I append these reflections as a sort of ‘theologoumenon’; a personal opinion, not an authoritative teaching clearly based on exegesis of Scripture or on generally received Church Confessions. I believe that there are two grounds (closely involved in one another) to suggest a tentative ‘yes’ to the possibility of the eternal salvation of multitudes who have lived before the gospel came to their culture. These two grounds are God’s relationship to the time and space in which He created His image-bearers to dwell. (Systematic Theology (Volume 1): Grounded in Holy Scripture and understood in light of the Church, Kindle-Position 5764)

Kolumne: Der “Erfolg” der Technologie in der Schaffung eines neuen Menschen

Ein Gedanke zur Entwicklung der Technologie beschäftigt mich. Peter Kreeft stellt fest: Trotz oder sogar wegen der vielen Geräte, die zur Erleichterung unseres Alltags geschaffen wurden, haben wir nicht mehr, sondern weniger Zeit als unsere Vorfahren. Das heisst, diese Gerätschaften absorbieren einen wichtigen Teil der Zeit und Energie.

Warum haben heute alle weniger Zeit als je zuvor? Weil wir über mehr zeitsparende Geräte verfügen als je zuvor. Das ist weder ein Witz noch ein Selbstwiderspruch; es ist eine Tatsache. Der offensichtliche Unterschied zwischen dem Leben heute und dem Leben gestern ist die immense Expansion der Technologie. Aber die gesamte Technologie besteht aus einer Reihe von zeitsparenden Geräten, vom Kamin zum Mikrowellenherd, vom Streitwagen zum Flugzeug, vom Telegrafen zum Smartphone, von der Bibliothek zum Internet. Je mehr von diesen zeitsparenden Geräten wir besitzen, desto weniger Freizeit haben wir. Unsere Eltern hatten mehr Zeit als wir, und unsere Großeltern noch mehr. Und warum? Weil sie weniger Technologie hatten. Der offensichtliche Grund für dieses Paradoxon ist, dass wir süchtig geworden sind, Sklaven unserer Sklaven. (Ask Peter Kreeft, Prayer and Meditation)

In der von Kreeft empfohlenen Studie «The Illusion of Technique: A Search for Meaning in a Technological Civilisation», verfasst vom Philosophen William Barrett, entwickelt dieser eine über diese Beobachtung hinausgehende These. Er stellt fest, dass Technologie letztlich das entscheidende Instrument in der «Züchtung» eines neuen Menschentypus sei. Wie meint er dies?

Barrett hat das naturalistische Verständnis des Menschen, wie es in den 1970ern im Kommunismus gepflegt wurde, vor Augen. Um in künftigen Generationen Abweichler zu eliminieren, sollte ein neuer Menschentypus herangezüchtet werden. Das vor 50 Jahren in aller Munde gewesene Buch «Beyond Freedom and Dignity»behauptete einen verhaltensbasierten Determinismus für das Menschentier. Diese radikale Sicht stellte Barrett Solschenizyns «Archipel Gulag» gegenüber. Er stellte erstmals umfassend das grauenhafte Schicksal von Millionen Menschen im Lagersystem der Sowjets bloss – eines menschenverachtenden Apparats, der letztlich die Freiheit des Einzelnen zu zerstören trachtete. 50 Jahre später ist dieses System zusammengebrochen.

Erschreckend ist jedoch diese Erkenntnis: Durch die rasante Beschleunigung der Technologie finden die Technokraten scheinbar trotzdem einen Weg zur Schaffung eines neuen Menschentypus. Barrett: 

Der Determinist wird von einem durch und durch menschlichen undhartnäckigen Impuls, der allen Intellektuellen gemeinsam ist, angetrieben. Er hat eine Überzeugung, und er möchte dies um jeden Preis beweisen. Wenn die Natur nicht mehr seiner Position verpflichtet ist, wird er fortfahren, indem er gründlich determinierte Menschen “produziert”. Die Physiker sagen uns, dass wir nicht mehr von der Natur als Maschine in der einfältigen Weise, die Philosophen und Wissenschaftlern einst eigen war, sprechen können. Egal; der Determinist wird das jetzt auszugleichen trachten, indem er mechanische Menschen produzieren. Ohne Zweifel werden praktische Vorteile angeboten, um diese schiere Intellektualität zu verbergen.

Man verspricht uns, dass die Technologie des Verhaltens – oder die Technik der Menschen, um es deutlicher auszudrücken – soziale Konflikte abbaut, die Gesellschaft reibungsloser funktionieren lässt, sie effizienter werden oder die persönliche Neurose sogar austilgen lässt. Doch Handschellen sind Handschellen, was immer die imaginären Vorteile seien, die sie angeblich gewähren sollen.

Ein gewisser Teilerfolg bescheinige ich den Architekten der Technologie. Durch das Internet und die Endgeräte, insbesondere das Smartphone, haben sie eine noch nie dagewesene Vereinheitlichung von Gewohnheiten hervorgebracht. Die Menschen sind abhängig von diesen Geräten – und dies durchgängig durch ihren Alltag. Dazu kommt der Transport von Inhalten und die Bildung von Gefühlen (über bewegte Bilder und Ton).  Das Denken in Zusammenhängen (und damit das kritische Denken) ist nicht mehr gefordert. Es werden Komplett-Erlebnisse in Form von (Kurz-)Filmen angeboten. Die dahinter liegenden Grundüberzeugungen sind buchstäblich Mainstream.

Ein Teilerfolg in der Normierung ist also erfolgt und bereits Tatsache. Das Virtuelle verändert das Reale. Die Lebensgewohnheiten neuer Generation ist tiefgehend verändert durch die Lenkung ihrer Aufmerksamkeit und Zeit. Doch es gibt gute Nachrichten: Das Evangelium befreit von dieser Versklavung. Weiter geht es in meinem Vortrag «Wie das Smartphone unser Leben verändert».

Rezension: Mit Kindern den Zweiten Weltkrieg erarbeiten

Mit meinen beiden Jüngsten gehe ich durch eine Dokumentation (Bilder und Originaldokumente) zum Zweiten Weltkrieg. Wie mich damals als Neunjährigen dieses Thema in den Bann zog, so ist es auch eine Generation später. Dabei greife ich auf dieselbe Dokumentation von 1963 zurück, die ich damals als Kind in der Ortsbibliothek fand.

Hier sind zehn Überlegungen für dieses Unterfangen:

  1. Vor dem 20. Jahrhundert kam ein Jahrhundert der Abwendung von Eliten und zunehmend der Bevölkerung vom christlichen Erbe (z. B. historisch-kritische Kritik der Evangelien, Evolutionismus als alternative Weltanschauung, Nihilismus).
  2. Die schrecklichen Kriege sind Teil unserer europäischen Geschichte. Die neue Technologie, insbesondere der Luftkrieg, ist nur ein Teil der komplexen Zusammenhänge. Zentral sind Fragen wie: Wer ist der Mensch? Was ist eine Nation?
  3. Alles hat eine Vorgeschichte. Die Demütigung der Deutschen und die Nichtanerkennung der Niederlage im Ersten Weltkrieg gehen den Bewegungen voraus (Rheinland, Österreich, Tschechei, Polen, Frankreich).
  4. Damals wie heute kann sich eine kollektive Hörigkeit bilden. Die Bilder zeigen anschaulich die religiös aufgeladenen Inszenierungen der beiden Ideologien (Nationalsozialismus und Kommunismus).
  5. Die Demonstration von Stärke durch die vorher nie dagewesenen Menschen- und Materialmassen offenbaren eine neue Stufe des Schreckens.
  6. Provokation und Vorwände sind nur Auslöser für einen hintergründigen längst aufgeladenen Konflikt. Was in Familien und Unternehmen geschieht, lässt sich auch in solchen Krisenzeiten deutlich zwischen Staaten beobachten.
  7. Ein wesentlicher Teil der nicht-militärischen Anstrengungen bestand in der Ideologisierung der nächsten Generationen (Bildung und Jugendorganisationen). Das haben die totalitären Herrscher sehr gut verstanden.
  8. Ein Teil der unterbliebenen Reaktion ist der Passivität einzelnen Figuren (z. B. Grossbritanniens) zuzuschreiben. Sie unterliessen Massnahmen nach der Annexion Österreichs und der Tschechei. Das gewährte dem Gegner ungehinderte Expansion. Auch die USA zogen sich vorerst zurück, bevor sie ins Geschehen hineingeworfen wurden.
  9. Eine solche sachliche Auseinandersetzung mit (Schwarz-Weiss-)Bildern sowie Originaldokumenten (Briefe, Reden, Medienberichte) lässt die Kinder nach Zusammenhängen fragen. Zudem ergänzt es sich mit Kinderbüchern, die sie bereits über diese Zeit studiert haben.
  10. Wie haben sich Christen innerhalb der Kerngebiete des Konflikts (Deutsches Reich) verhalten? Wie steht es um Mehrheits- und Minderheitsreaktion?

Input: US-Wahl vorbei, und jetzt?

Vor einigen Wochen habe ich mich im Beitrag “Enttäuschung ohne Respektlosigkeit” gegen Politiker-Bashing verwahrt. Diese Reaktion ist letztlich eine Selbstoffenbarung.

Auch nach der US-Wahl – die wir als Familie intensiv verfolgt haben – sollten wir uns sorgfältig der transatlantischen Unterschiede bewusst bleiben. Carl Truemans Artikel über Religion in der amerikanischen Politik kann dabei helfen.

Here, the religious vote is deemed so significant that even those as obviously cynical about Christianity as the two current candidates for president feel the need to draw on the totemic power of religious symbols or commitment. Trump’s posing with a Bible outside an Episcopal church and Biden’s profession of devout Catholicism are both, in different ways, implausible and manipulative.

Trump’s playing to the evangelical base has exposed the pragmatism of at least some evangelical leaders. Those who denounced Bill Clinton because of his loose sexual mores but who now throw their weight behind Trump have exposed themselves to accusations of hypocritical pragmatism. The “court evangelicals,” as their critics have dubbed them, lack moral credibility precisely because of their previous moralism.

Bart Barber hat in CT ein biblisches Vorgehen vorgeschlagen:

  1. I will pray for him sincerely.
  2. On every occasion when I can, I will praise good things he has done.
  3. I will look for opportunities to pass over criticism of bad things he does.
  4. Where I must criticize, I will do so with civility.
  5. I will not tell jokes that are demeaning of him, nor will I encourage others in sharing such jokes with me.
  6. I will not slander him by listening to, sharing, tweeting, or posting conspiracy theories about him.
  7. Whenever I can do so without disobeying God, I will obey him.

Mark Dever dachte in einem Vortrag über Politik und die Ortsgemeinde nach. Hier sind Devers Feststellungen, die zwar banal erscheinen. Doch sie sind entscheidend!

  1. Sin is so deceptive.
  2. Christians disagree.
  3. Action sometimes precedes agreement.
  4. We can be paralyzed for fear of being epically wrong!

Und noch seine (bedenkenswerten) Fragen für die Ortsgemeinde:

  • How important are our differences?
  • Are the political differences we are experiencing today like slavery was? Do they rise to the level of salvation?
  • If our differences are not at the level of salvation, are our political differences at the level of those things we must agree on in order to have a church (subjects of baptism, when and how we will meet)?
  • Or are they matters about which we can sustain disagreement?
  • At which level are various political differences best understood?

Kolumne: Corona-Welle 2, unser Lebenskonzept (erneut) auf dem Prüfstand

Wir befinden uns im grauen November mitten in einer Zeit weiterer Einschränkungen aufgrund des Virus. Während die einen unvermindert von zu Hause aus weiter arbeiten können, trifft es andere wirtschaftlich hart (zum Beispiel den für eine Schweizer Tradition stehenden Zirkus Knie).

Triage bei Engpässen

Da ich selber in und für Spitäler arbeite, nehme ich regen Anteil und verfolge beispielsweise den Stand der Bettenbelegung in der Schweiz. Mit Spannung lese ich die Richtlinien für die Triage bei Engpässen auf der Intensivstation. Dort ist zu lesen:

Das Alter, eine Behinderung oder Demenz per se sind keine Kriterien, die zur Anwendung gelangen dürfen. Sie messen älteren oder behinderten Menschen weniger Wert bei und verletzen daher das verfassungsrechtlich verankerte Diskriminierungsverbot.

Es wird auf die Clinical Frailty Scale verwiesen. Bezüglich Kommunikation wird der Grundsatz der Transparenz aufgestellt:

Wird die Intensivpflege aufgrund einer Triage-Situation nicht angeboten oder nicht mehr fortgeführt, so muss darüber transparent kommuniziert werden. Es ist unzulässig, gegenüber dem Patienten den Behandlungsentscheid mit fehlender Indikation zu begründen, wenn bei genügenden Ressourcen anders entschieden worden wäre. Der urteilsfähige Patient oder die vertretungsberechtigten Angehörigen des urteilsunfähigen Patienten (Art. 378 ZGB) sind über den Entscheidungsprozess offen zu informieren und wenn möglich sollte ein Angebot an weiteren Gesprächen (Spitalseelsorge o.ä.) erfolgen.

Sündenbekenntnis und Fürbitte

Parallel dazu finden wir in der Kirchengeschichte einen reichen Schatz zum Umgang in schwierigen Zeiten. Dazu gehört vornehmlich das Sündenbekenntnis und die Bitte um Barmherzigkeit, wie es Heinrich Bullinger 1571 in einem Jahr mit Pest, Unwetter und Teuerung festhält:

Deshalb erscheinen wir jetzt in Demut und Einfalt unseres Herzens vor dir, o Herr, und bekennen vor dir all unsere Sünden, die wir gegen dich vielfältig begangen haben und um derentwillen wir jetzt bestraft werden. Aber wir rufen dich an, wie du uns befohlen hast, und bitten dich von Herzen, in deinem gerechten Zorn, der dich gegen uns ergriffen hat, gnädig nachzulassen und dich unser zu erbarmen. Denn wir achten in unserem Gebet nicht auf unsere eigene Rechtschaffenheit, weil wir ja arme Sünder sind, sondern allein auf deine grosse Barmherzigkeit und deine Verheissung und insbesondere auf deinen geliebten Sohn, unseren Herrn und einzigen Vermittler und Erlöser Jesus Christus. Durch ihn bitten wir dich, dass du uns zu dir umkehren lässt und du in väterlichen Gnade wieder zu uns umkehrst (vgl. Sacharja 1,3) und uns von Teuerung, Hunger, allem Unwetter, Krieg, Krankheit und bösen Bedrohungen befreist, auf dass wir Lob und Dank sagen und dir weiterhin als unserem lieben Gott und Vater dienen und so die Seligkeit in Jesus Christus, unserem Herrn, erlangen. Amen.

Ob man vor dem Sterben fliehe möge

In der Schweizerischen Ärztezeitung wird auf eine Schrift Luthers von 1527 Bezug genommen. Luther differenziert in diesem Traktat an seinen Kollegen bezüglich der Frage, ob man in einer solchen Zeit fliehen oder bleiben soll:

Das erste, wenn es gegen Gottes Wort und Befehl geschieht, z.B. nämlich, wo jemand um Gottes Wortes willen gefangen wäre und Gottes Wort verleugnete oder widerriefe, auf dass er dem Tode entliefe. In solchem Fall hat jedermann einen öffentlichen Befehl und Gebot von Christus, dass er nicht fliehen sondern lieber sterben…

Ebenso sind die, welche im geistlichen Amt sind, wie Prediger und Seelsorger, auch schuldig, in Sterbens- und Todesnöten zu stehen und zu bleiben. …

Demnach sind auch alle die, welche in weltlichen Ämtern sind, wie Bürgermeister und Richter und dergleichen, schuldig zu bleiben.

Wenn unser gefordertes Lebenskonzept zusammenbricht

Für die allermeisten – mich eingeschlossen – geht es um die erneute Gelegenheit das unbewusste Lebenskonzept auf den Prüfstand zu stellen. Ein gewichtiger Leitsatz des Westens “Leid vermeiden” kommt empfindlich ins Wanken:

  1. Gutes Leben heisst mich ungestört meinen Plänen widmen zu können.
  2. Leid stört.
  3. Ich vermeide Leidvolles.

Hier habe ich vier weitere Denkmuster zusammengefasst. Ein eindrückliches Beispiel ist die Reaktion des kanadischen Bloggers Tim Challies, der vor wenigen Tagen seinen einzigen Sohn verlor. Er schreibt:

Yesterday Aileen and I cried and cried until we could cry no more, until there were no tears left to cry. Then, later in the evening,  we looked each other in the eye and said, “We can do this.” We don’t want to do this, but we can do this—this sorrow, this grief, this devastation—because we know we don’t have to do it in our own strength. We can do it like Christians, like a son and daughter of the Father who knows what it is to lose a Son.

Ich empfehle mit Nachdruck Timothy Kellers Buch “Gott im Leid begegnen”.

Zum Weiterlesen

Während der ersten Corona-Welle habe ich mich in verschiedenen Beiträgen bereits mit der gesellschaftlichen Wirkung der Pandemie auseinandergesetzt: