Input: Tugendethik und christliche Weltsicht

Als Berater in Unternehmen nehme ich immer wieder Bezug auf die Tugendethik (siehe dieser Beitrag für eine Charakterisierung von Aristoteles’ Tugendethik). Ob in der Familie oder mit Führungskräften: Erzählungen wie «Der kleine Hobbit» lassen mich sofort Anknüpfungspunkte finden. Darüber hinaus schaffen sie eine Synthese zur christlichen Weltsicht. Verschiedentlich greifen populäre Autoren für den Ansatz der Rekonstruktion ihres Fachbereichs auf die Tugendethik zurück (siehe hier und hier). Dabei handelt es sich um universal gültige, kultur- und zeitübergreifende Leitlinien für die Charakterentwicklung.

Beim langsamen Studium von Bavincks Ethik, Band 2 – einer sorgfältigen Rekonstruktion seiner Vorlesungsnotizen und studentischen Mitschriften (siehe meine Rezension zu Band 1) – kommt dieser bereits in den Anfangskapiteln bei der Analyse des Begriffs «Pflicht» auf die Tugendethik zu sprechen. 

Ich zitiere zunächst eine Beobachtung des Editors John Bolt im Vorwort zu aktuellen Entwicklungen der theologischen Ethik, die jedoch schon zu Zeiten Bavinck im 19. Jahrhundert verbreitet waren:

(Diese Vertreter) haben sich der “Königreichsethik ” der Einheit mit Christus und der Nachfolge Christi zugewandt, weil diese Betonung als Gegengewicht zur Rolle von Gesetz und Pflicht im christlichen Leben gesehen wird. Tatsächlich haben sich viele, die sich der Tugend- und Charakterethik zugewandt haben, dies getan, weil sie die ethischen Traditionen des göttlichen Gebots, die traditionell protestantische und römisch-katholische Christen in ihrer Nachfolge geschult haben, für gescheitert halten. Der Vorwurf des “Dezisionismus” (Entscheidungs-Ethik) und des “Legalismus” (Gesetzlichkeit) begleitet diese Kritik; es sei wichtig, so heißt es, über Regeln und Prinzipien über richtig und falsch hinauszukommen und die Aufmerksamkeit auf die Erziehung von Menschen mit Charakter und Tugend zu richten, die das Richtige tun, indem sie die Ethik des Reiches Gottes leben.

Bavinck definiert Tugend und Pflicht vom Stoizismus her so:

Tugend ist die erforderliche sittliche Fähigkeit, die in der Kraft der Vernunft in der Natur besteht.  

Die Pflicht ist die Form des sittlichen Verhaltens, d. h. die Bewegung der Tugend auf das höchste Gut hin. (5)

Die Reformation brachte einen Bruch mit der mittelalterlichen, von einer Synthese der Klassik und des Christentums her stammenden Tugendethik:

Im Mittelalter wurde die gesamte Ethik in der dogmatischen Theologie unter der Tugendlehre auf der Grundlage der vier Kardinaltugenden (Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigung) und der drei theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) behandelt. Seit der Reformation haben lutherische und reformierte Theologen die Pflichten gewöhnlich auf der Grundlage des Dekalogs behandelt. Der Dekalog mit seiner ersten und zweiten Tafel schlug gleich eine Klassifizierung der Pflichten gegenüber Gott und dem Nächsten vor. (89)

(Als Beispiel) Luther behauptete die Notwendigkeit guter Werke aufgrund von Gottes Gebot, aufgrund des einzigartigen Wesens des Christen und aufgrund der Dankbarkeit, die ihm gebührt. (13)

Die protestantische Ethik erhielt sofort das Gewand (die Form) des Dekalogs, – nicht weil die Protestanten die Einteilung in zehn Gebote für das Beste hielten, sondern weil diese göttlich war und sie auf dieser Grundlage die Gebote wiederbeleben wollten, wie Sartorius glaubte -, also um den Willen Gottes gegenüber den selbstgesteuerten Werken Roms hervorzuheben. (14)

Bavincks Kritik der Tungendethik im Wortlaut:

Diese (mittelalterliche) Klassifizierung kombiniert die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigung und Besonnenheit, die von den Heiden wie Aristoteles, den Stoikern und Cicero übernommen wurden, mit den drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Ambrosius ist der erste, der die vier heidnischen Tugenden übernimmt, gefolgt von Augustinus und Cassiodorus (sechstes Jahrhundert). Papst Gregor I. fügte die drei theologischen Tugenden hinzu. Diese Einteilung ist seit Lombardus üblich. Es gab also sieben Tugenden, denen sieben Kardinalssünden gegenüberstanden.

Diese Einteilung hat einen gewissen Wert, ist aber auch anfechtbar.

(a) Die vier Tugenden sind von den Heiden übernommen und somit nicht aus der Heiligen Schrift. Sie können zwar neu interpretiert und in eine christliche Bedeutung umgewandelt werden, so dass aus Weisheit Gottesverehrung, aus Gerechtigkeit Frömmigkeit, aus Tapferkeit Gottvertrauen und so weiter wird, aber dann verlieren sie ihre ursprüngliche Bedeutung. Das Klassifizierungssystem wird eher zu einem Amalgam als zu einem integrierten Ganzen, zu einer Mischung aus heidnischer und christlicher Ethik.

(b) Diese sieben Tugenden sind auch nicht aufeinander abgestimmt: Der Glaube ist nicht eine Tugend neben den anderen, sondern er ist das Ursprungsprinzip der anderen Tugenden, ihr Ursprung und ihr Leitfaden. Die Tugend der Gerechtigkeit muss die Tugend der Liebe verkörpern, und wenn die Tapferkeit auf das christliche Fundament verpflanzt wird, ist sie nichts anderes als die Beharrlichkeit, die die Hoffnung voraussetzt. (95)

Einen interessante Zwischenposition nahm Julius Friedrich Stahl (1802-1861) ein:

Friedrich Stahl schlägt einen etwas anderen Weg ein; er behauptet, dass hier auf Erden Heiligkeit und Seligkeit (Tugend und Glückseligkeit) sich nicht gegenseitig durchdringen.  

… Auf der Erde gibt es eine Art von Zufriedenheit, ein Glück, das unabhängig von Ethos und Tugend ist, aber nicht sündhaft ist, wie Gesundheit, ein guter Ruf und so weiter, und Stahl nennt das “die Sphäre des ethisch Erlaubten”. (44)

In seinem systematischen Durchgang durch die Dogmen- und Ideengeschichte erwähnt er einen weiteren, aus christlicher Weltsicht götzendienerischen Ansatz. Dieser scheint mir gelebt auch in manchen neo-evangelikalen Kirchen vorzuherrschen:

So argumentierte Friedrich Schlegel (1772-1829) zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts: Der Philosoph, der Dichter, ist der wahre Mensch; das Genie ist die wahre Tugend.  (17)

John Bolt umreisst das Herzstück von Bavincks Ethik folgendermassen:

Das Herzstück von Bavincks Verständnis des christlichen Lebens in Band 1 findet sich in Kapitel 9 mit seiner Betonung der Einheit mit Christus und der Nachahmung (imitatio) Christi. Wir müssen zuerst an Christus glauben; er ist unser Erlöser und Herr, unser Prophet, Priester und König. Aber, so Bavinck, er ist noch mehr: “Er ist auch unser Beispiel und Ideal. Sein Leben ist die Form, das Modell, das unser geistliches Leben annehmen muss und zu dem es hinwachsen muss.” (IX)

In dieser Reihenfolge erst gewinnt das gute Leben vor Gott erst seine Bedeutung: Als Folgewirkung der Erlösung, nämlich aus einem willig-dankbaren Herzen.

Vorlesung: Wie Gott sich an Hiob wider dessen Wissen verherrlicht

Ähnlich wie beim Buch Esther neigen wir als Leser des 21. Jahrhunderts beim Lesen des Buches Hiob dazu (und ich schliesse mich da selbst nicht aus), die beschriebene Tragödie gedanklich in ein süffiges Musical zu übersetzen und dann zum Beispiel mit dem Fokus “Happyend” unsere eigene psychologische Deutung dem Text aufzuzwingen. Ich habe vor einigen Jahren den Versuch unternommen Zugang zum Buch Hiob zu schaffen.  

Eric Ortlund hat intensiv zum Buch Hiob gelesen, geforscht und gepredigt (z. B. Piercing Leviathan, Suffering Wisely and Well). In einer stündigen Vorlesung am niederländischen Tyndale Seminary sprach er kürzlich über dieses kunstvoll angeordnete Buch mit seiner zeitlosen Botschaft. Der Alttestamentler empfiehlt darin übrigens die Predigten von Christopher Ash. Allerdings gebe es generell überzeugende Auslegung zum Buch selber. Das eine helfe nicht weiter, das andere gehe in die häretische Richtung.

Jede Kirche, so Ortlund, habe ihre künftigen oder aktuellen Hiob-Vertreter, die von ihrem eigenen Leben bezeugen könnten: “Mein Leben hallt von Hiob wider.” Zwei geläufige Kategorien für Leid, nämlich Sünde (2Samuel 12) und geistliches Wachstum (Römer 5, Jakobus 1), treffen im Fall von Hiob beide nicht primär zu. Sowohl Hiob selbst wie seine Freunde scheitern letztlich auch in ihrer Verteidigung von Gottes Gerechtigkeit. Ja, nicht einmal der professionelle Ankläger – Satan – findet Gründe zur Anklage gegen den Geplagten!

Wir erfahren bereits im Prolog des Buches, dass Gott dem Widersacher erlaubt Hiob Leid zuzufügen. Das Leid, das ihn trifft, ist so offensichtlich und umfassend, dass es nicht verborgen bleiben kann. Es ist jedoch nicht wie bei einem Krebsleiden, wo der Betreffende den (körperlichen) Grund seines Leids kennt.

Es kann sich demnach nicht um die Verteidigung von Gottes Wegen mit der Welt handeln. Der Schlüssel wird uns gleich zu Beginn geliefert, ob nämlich Hiob umsonst so untadelig lebt (1,9). Der mögliche Sarkasmus, der damit aufkommen könnte, wird ebenso schnell beseitigt. Nein, Hiob war nicht wegen den sekundären Segensgütern, die ihm zuteilwurden, zu einem untadeligen Leben gewillt!

Gott ist, wenn wir sein Handeln gesamthaft betrachten, überaus gnädig mit den Seinen. Er segnet sie mit geistlichen und materiellen Gütern. Hiob liess er diese jedoch entziehen. Hiob selbst und seine herbei gereisten Freunde argumentierten alle aus ihrem theologischen Verständnisrahmen heraus. Nicht komplett falsch, aber doch daneben. Die Gesprächsrunden ermüden selbst den Leser. Worum geht es wirklich? Es ist keine menschlich-argumentative Lösung in Sicht.

Hiob anerkennt zwar weiterhin Gottes souveränes Handeln. Doch irrtümlich steigert er sich in die Behauptung hinein, dass Gott ihn willkürlich zerstöre. Er erwartet einen partnerschaftlichen Dialog, aus dem er als Resultat sein Recht behauptet haben wollte.

Gott antwortet dem Leidenden schliesslich aus dem Sturm. Dieses Bild wird im AT für Gott als Verteidiger gebraucht, der die Sache der Seinen führt. Seine Fragen sind nicht in erster Linie als Entlarvung, sondern im Sinne eines weisen Lehrers, der seinen Schüler ermutigen will, gedacht.

Schliesslich re-fokussiert Gott Hiob zurück auf Ihn selbst. Selbst unschuldig, erleidet dieser scheinbar Gottes Zorn. In Wahrheit wird die Anklage des Teufels zunichte gemacht. Hiob verherrlichte Gott wider sein Wissen (siehe Minute 26).

Zitat der Woche: Das Volk der vierten Welt

Der Soziologe Philipp Rieff (1922-2006), der über Freud promovierte, kurz darauf ein weiteres Werk “The Triumph of the Therapeutic: Uses of Faith After Freud” und über drei Jahrzehnte später eine umfassende dreiteilige Kulturkritik herausbrachte, beschrieb die kulturelle Entwicklung als Abfolge dreier Welten. Einer polytheistischen, auf Zauberer und Taboos basierenden Welt folgte eine monotheistische, auf göttlicher Autorität aufgebauten; diese wurde von einer a-theistischen Welt, welche Autorität abschaffte bzw. ins Selbst verlegte, abgelöst. Anstatt jedoch von einer Rückkehr in die zweite Welt zu träumen, schlägt Rieff einen mutig-zukunftsorientierten Ansatz vor. Er wird im lesenswerten Aufsatz “A Theological Sickness unto Death: Philip Rieff’s Prophetic Analysis of our Secular Age” zusammengefasst:

Der Aufbau einer vierten Welt erfordert die Wiederherstellung der heiligen Ordnung und damit auch die Wiederherstellung von Offenbarung und Autorität sowie von transzendentem Sinn und Moral. Eine solche Wiederherstellung vollzieht sich nicht von selbst; sie wartet auf ein Volk, das verantwortlich sprechen und handeln wird. Dieses “Volk der vierten Welt”, so argumentiert Rieff, muss scheinbar überholte Vorstellungen von Wahrheit und Tugend artikulieren und verkörpern – eine gewaltige Aufgabe in unserer radikal entzauberten und moralisch freizügigen Dritte-Welt-Kultur. Doch trotz der gewaltigen Herausforderungen, die die Dritte-Welt-Ordnung darstellt, gibt es bereits Risse im Fundament; obwohl es einst befreiend schien, Gott von seinem Posten zu feuern und ohne Grenzen zu leben, wird die Dritte Welt bald erkennen, dass eine Welt ohne Grenzen ein beängstigender – und nicht ein befreiender – Ort ist. Daher muss sich ein verantwortungsbewusstes Volk erheben, um die Schönheit des “Du sollst” und “Du sollst nicht” zu manifestieren.

Rieffs Analyse floss in das eben in deutscher Sprache erschienene Buchs “Der Siegeszug des modernen Selbst” ein. Ich selbst habe es kurz nach dem Erscheinen im Original hungrig verschlungen, eine Podcast-Serie erstellt und anschliessend einen Vortrag gehalten.

In einem kürzlich übersetzten Interview fasst Trueman die Intention des Buches zusammen:

Ich hoffe, dass es für die Leser die Ursprünge und die Reichweite der Umwälzung deutlich macht, die sich in den letzten 50 Jahren in der Vorstellung vom Selbst auf dramatische Weise in der westlichen Kultur vollzogen hat. Die Wurzeln sind tief, und in gewisser Hinsicht sind wir alle mitschuldig, sodass ein paar kleine Reparaturen, wie die Wahl des richtigen Präsidenten oder die Einsetzung passender Richter, die Situation nicht grundlegend verändern werden.

Rezension: Ein mehrmonatiger Ritt durch die US-amerikanische Geschichte

Über die letzten Monate bewegte ich mich Lektion für Lektion durch die 84-teilige Vorlesung zur US-amerikanischen Geschichte «The History of the United States». Es bildet ein Gemeinschaftswerk dreier Professoren und setzt sich aus drei Teilen zusammen:

  • Beginn europäischer Besiedlung bis zum Grossen Kompromiss (1850)
  • Die Geschichte vor, während und nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg
  • Von der Industrialisierung des späten 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert

Ergänzt wird die Hörproduktion von einem 400-seitigen Kursbuch; zu jedem der drei Teile sind Timeline, Karten und eine ausführliche Bibliografie angefügt. Die 84 Einheiten dauern jeweils 30 Minuten, wobei ich sie mit einer Geschwindigkeit von 1.3 anhörte und mir die Freiheit herausnahm, einzelne Einheiten zweimal durchzuhören. Meine Merkfähigkeit steigerte sich, wenn ich das Anhören mit den Landschaften verknüpfte, durch die ich in meinen täglichen Wegstrecken durchwanderte.

Wie gelingt es den Verfassern, ein solch komplexes Unterfangen in 40 Stunden mit genügend Detaillierungsgrad bei gleichzeitigem Überblicken des Wesentlichen zu Boden zu bringen? Die Faszination dieser Serie bestand gerade im Zusammenspiel unterschiedlicher Kategorien und einzelner Faktoren, und zwar

  • Persönlichkeiten (Erfinder, Unternehmer, Politiker, Künstler, Straffällige)
  • Geografie (Klima, Bodenbeschaffenheit, Wald, Bodenschätze)
  • Geistesgeschichte (Christentum, Aufklärung, nationale Besonderheiten der Einwanderer)
  • Mutterländer (Kriminalität, Entwicklung, Kriege/Notlagen, Abstossungsprozesse)

Von jeder Einheit suchte ich mir einen Eindruck zu bewahren:

  1. Anstoss zur Besiedlung: Weil es im Osten nicht mehr weitergeht, probiert man es im Westen.
  2. Früh ausgestiegene Konkurrenten, die Spuren hinterliessen (Spanien, NL, F)
  3. Anfänge: Kommerzielle Misserfolge nötigten zum Bleiben.
  4. Süden (Kommerz & Politik) vs. Norden (Religion/Ideen)
  5. Die Rolle der Geografie, z. B. Flüsse und Buchten
  6. Arbeitskräftemangel: GB an Emigration nicht interessiert; «forced labor»
  7. Die Zuversicht des 17./18. Jh, dass die US-Kultur die anderen «outperformen» wird
  8. Kein einzelner Promotor, sondern die Grosse Erweckung als Versuch der religiösen Neuausrichtung
  9. GB: 100 Jahre nach erster Besiedlung immer noch uninteressiert und nur an Profit orientiert
  10. Der Wendepunkt: Krieg – Verschuldung – Abschieben – Widerstand
  11. Unabhängigkeitskrieg: Steuerstreit – Reaktion GB – spielt den Radikalen in die Hände
  12. USA: Start mit sehr begrenzten Ressourcen gegen einen wohl platzierten Gegner
  13. Eintritt der Franzosen führt zur Neuausrichtung der Strategie von GB
  14. Der Unabhängigkeit folgt das Problem der Verschuldung; eine neue Generation übernimmt das Ruder.
  15. Der Beginn der Republik: Washington muss erst staatliche Organe schaffen, die Konstitution sah keine vor.
  16. Die Schaffung von Parteien verstiess gegen das republikanische Commitment zur Tugend (gegen die Selbstinteressen).
  17. John Adams, 2. Präsident, legt Weichenstellungen innen- und aussenpolitisch.
  18. Mit Thomas Jefferson folgte ein Neustart des Republikanismus – ein Rückschritt für staatliche Strukturen, Militär etc.
  19. Die Hauptangst der ersten 30 Jahren war der drohende Zerriss durch die grossen europäischen Mächte und eine Re-Kolonisierung.
  20. Thomas Jefferson verfolgte ein agrarisches Ideal, verflochten mit der Idee der Unabhängigkeit.
  21. Es folgte 1812 ein demütigender Seekrieg gegen GB, dessen Folgen für die nächsten 40 Jahre spürbar blieben.
  22. Dem Krieg folgten mehrere Initiativen, ein amerikanisches System zu etablieren (Militär, Bank).
  23. 1824 mit dem 50-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit markierte den Übergang zu einer Generation nach der Amerikanischen Revolution.
  24. 1819 zog das Schliessen regionaler Banken gravierende Folgen für die Bevölkerung nach sich (Armut und Hunger).
  25. Die zweite grosse Erweckung (1835) bedeutete ein bedeutendes Comeback des Christentums – den deistischen Gründern zum Trotz.
  26. Die industrielle Revolution veränderte den Handel für immer; Mühlen stehen sinnbildlich für das ausserordentliche wirtschaftliche Wachstum.
  27. Nach der Erweiterung des Wahlrechts zeigen sich zunehmend Risse innerhalb der Republikaner.
  28. Die Wahl von 1828 markierte den Wechsel von republikanischer zu demokratischer Politik.
  29. Die Zeiten des Aufschwungs wirkte sich dies auf ausufernde Nationalbankaktivitäten aus (exzessive Ausleihen, Steigerung der Geldmenge).
  30. Der Bankenkrieg zerstörte die Einheit der Republikanischen Partei; die Whigs – oftmals Farmer – standen für die ökonomische Dynamik ein.
  31. Amerikanische Kunst entwächst ihren Kinderschuhen, glorifiziert die Landschaft und steht auf die Gothik, im Literarischen auf den Romantizismus.
  32. Die US-Amerikanischer fokussieren sich auf das Experiment und entwickeln eine Mentalität der permanenten Verbesserung.
  33. Die Emanzipation stand in groteskem Gegensatz zur Realität der Sklaverei, welche vor allem der Süden vehement verteidigte.
  34. Ein weiterer Faktor des Optimismus verband sich mit der Besiedlung des Westens: Das Weitertragen von Republikanismus, Zivilisation und Christentum.
  35. Über die Annexion von Texas entspann sich 1845 der Mexikanische Krieg.
  36. Dieser endete im grossen Kompromiss von 1850; dieser klammerte die Frage der Sklaverei aus.
  37. Die 1850er sind als antebellum-Periode zu betrachten; die Menschen wussten nicht, dass sie in einer Periode vor einem Krieg lebten.
  38. Über dem Gerichtsfall eines entflohenen Sklaven in einem befreiten Staat entfachte sich der Konflikt.
  39. Der Wahlkampf von 1860 erwies sich mit 4 Kandidaten entlang den inneren Rissen als traumatisch.
  40. Das erste Jahr des Konflikts zeigte, dass beide Seiden gewinnen konnten; beide Seiten hofften auf die jeweilige Unterstützung der Grenzstaaten.
  41. 1862/63 wechselte das Kriegsglück wiederholt die Seiten.
  42. Die südliche Konföderation bemühte sich diplomatisch um die Anerkennung von GB und F.
  43. Ein massiver Nachteil war die schlechter ausgebaute und zerstörte Infrastruktur des Südens; der Norden erwies sich fähiger in der Nachschubproduktion und -lieferung.
  44. Die Krieg resultierte in der formellen Befreiung von Afro-Amerikanern, liess jedoch eine Menge sozialer und juristischer Fragen offen.
  45. Der Ausgang des Kriegs blieb bis 1864 unsicher, Lincoln zweifelte zwischenzeitlich an seiner Wiederwahl.
  46. Es folgte eine stark vom Präsidenten forcierte Wiederaufbauphase (1863-1877).
  47. 1866-1868 war von Konfrontationen zwischen den Forderungen des Präsidenten und den Vetos der zwei Kammern begleitet.
  48. Trotz 80 % schwarzen Wählern für die Republikaner dominierten die Weissen die Partei in den südlichen Staaten.
  49. Im späten 19. Jahrhundert wuchs die amerikanische Industrie dramatisch, unterstützt durch eine Generation brillanter Erfinder.
  50. Die ersten transkontinentalen Eisenbahnstrecken wurden 1866-69 errichtet; dabei wurde technische Meisterleistungen zum Überwinden des schwierigen Geländes erzielt.
  51. Damit wuchs die technologische Ungleichheit zwischen Besiedlern und Ureinwohnern; in den 1870ern wurden die Büffelherden fast vollständig ausgerottet.
  52. Verbunden mit der Erschliessung durch die Eisenbahn wurde die grossen Ebenen besiedelt und landwirtschaftlich erschlossen.
  53. Nach der Phase des Wiederaufbaus übernahmen Ex-Konföderaten erneut das politische Ruder im Süden, was zu einer Benachteiligung der befreiten Afroamerikanern führte.
  54. In der Mittelklasse wurden Männer und Frauen während des 19. Jahrhunderts in der Bipolarität betont: Muskulär/rational/intellektuell vs. zart/intuitiv/religiös.
  55. Die Viktorianische Religion legte die Betonung auf Jesus als Freund und Begleiter; D. L. Moody betonte das Angebot der göttlichen Liebe für alle.
  56. Aus den Reihen der Farmer, die ökonomisch durch fallende Preise während den 1890er in wirtschaftliche Schieflage gerieten, formierte sich ein Kreis politischer Populisten.
  57. Das späte 19. Jahrhundert war die Zeit von riesigen Wellen von Immigranten, wobei diejenigen von Russland, Indien und China durch ihre unterschiedliche Lebenswelt der Herkunftsländer benachteiligt waren.
  58. Durch die ansteigende Einwanderung wuchsen die Städte unaufhörlich.
  59. Die meisten Bewohner gehörten der Arbeiterklasse an; Gewerkschaften bildeten sich nur langsam.
  60. Theodore Roosevelt steht für eine Welle progressiver Reformer und damit verbundener Zentralisierung, um Regierung und Wirtschaft effizienter zu machen.
  61. Die industrielle Revolution basierte auf den Branchen Textil, Eisen und Stahl sowie Eisenbahn- und Ölproduktion.
  62. Der Kriegseintritt der USA 1917 liess die vorher kleine Armee explosionsartig anwachsen. 
  63. Die Vision des US-Präsidents Wilson setzte sich in Versailles nicht durch – im Gegenteil.
  64. 1921 und 1924 bremste die Einwanderung aus dem südlichen und östlichen Europa, von Asien wurde sie gar ganz unterbunden; ansonsten bedeuteten die 20er Jahre kontinuierlichen wirtschaftlichen Aufstieg.
  65. Dem folgte der Wall Street Crash und die Grosse Depression; die Aktienmärkte fielen nach einer Überhitzung auf ihre realen Gegenwerte zurück.
  66. Roosevelts Interventionen, bekannt geworden als New Deal, versetzten dem Markt zwar Impulse, die definitive Erholung kam aber erst durch die Kriegsproduktion.
  67. Die USA hielten sich erneut heraus, wurden jedoch durch den Angriff der Japaner 1941 in einen Schock versetzt und in die Mitte des militärischen Geschehens katapultiert.
  68. In Europa folgte 1944 die Landung von der Normandie her, massgeblich durch die massiven See- und Landstreitkräfte der USA alimentiert.
  69. Im Pazifik folgte ein jahrelanger harter Krieg von Insel zu Insel, abgeschlossen durch den Abwurf der Atombomben.
  70. Trueman kehrte nicht zum Isolationismus der USA zurück, sondern übernahm für die USA die Rolle der Weltvorherrschaft mit all den verbundenen Bürden.
  71. In den 50ern waren die Ängste vor einem kommunistischen Domino auf dem Höchststand; die USA griff in Korea auf Seiten des Südens massiv ein.
  72. Die 50er Jahre waren begleitet von einer hohen Geburtenrate und eines beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs.
  73. Verschiedene Gerichtsentscheide 1954-56 lösten die Bürgerrechtsaktivitäten aus, was zu einer Bewegung wurde.
  74. Kennedys Wahl als erster Katholischer Präsident reduzierte die inner-religiösen Risse, parallel wuchs der Kalte Krieg auf höchstes Eskalationsniveau.
  75. Nach der Verbreitung des Radios ab den 20ern und durch das Fernsehen ab den späten 40ern entwickelten sich die Massenmedien; es wurden fiktionale Charakteren produziert, zudem übernahmen die Medien eine kritische Rolle bezüglich politischen Entscheidungen.
  76. Das Eingreifen der USA auf Seiten F in Vietnam stellte einen Anachronismus dar – als Gegenleistung für die Teilnahme F an der NATO
  77. Eine Publikation von 1963 zeigte die Frauen der Mittelklasse als gelangweilt und unterfordert; es entwickelte sich eine Bewegung zu deren Emanzipation.
  78. Nixons Watergate-Skandal erschütterte das Vertrauen in Washington und die Regierungskreise…
  79. Und führte den unbescholtenen, widergeborenen Christen Jimmy Carter ins Präsidentenamt; dieser wurde aber von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten und einem aussenpolitischen Desaster im Iran eingeholt.
  80. In den 60er Jahren entwickelte sich schrittweise ein Konsumenten- und Umweltbewusstsein; Energiekrise und Umweltkatastrophen förderten dies.
  81. Das 20. Jh. Erlebte eine beispiellose Integration verschiedener Religionen und Kulte innerhalb der USA.
  82. Reagans Antritt läutete ein Comback der religiösen Rechten ein, die seit den 20ern den Verfall der Gesellschaft brandmarkten.
  83. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs entstand eine neue Weltordnung, die USA als Hüter dieser Ordnung wurden im Nahen Osten vor verschiedene aussenpolitische Hürden gestellt.
  84. Es vergrösserten sich in den 90ern die Abstände zwischen Armen und Reichen; der Vorfall 9-11 sowie die Intervention der USA im Irak zeigte die aussenpolitische Verletzlichkeit und die Grenzen auf.

Input: Wenn ich mit Kritik nicht zurechtkomme

Eine Hörerin der legendären «Ask Pastor John»-Serie legt ein überaus ehrliches Geständnis ab:

Ich mache mir zu viele Gedanken darüber, was die Leute von mir denken. Vor allem, wenn die Leute mich kritisieren, nehme ich mir das sehr zu Herzen. Ich weiß, ich sollte mich auf Jesus konzentrieren. Aber ich versage. Manchmal kann ich nicht schlafen, weil ich darüber nachdenke, was die Leute über mich gesagt haben. Am schlimmsten ist es bei der Arbeit.

John Pipers Matrix zu ungerechtfertigter und gerechtfertigter Kritik ist hilfreich:

  1. Es gibt Kritik, die verdient ist und in Freundlichkeit und Wohlwollen geäußert wird.
  2. Es gibt Kritik, die verdient ist und in harscher und erniedrigender Weise geübt wird.
  3. Es gibt Kritik, die unverdient ist und in Freundlichkeit und Wohlwollen geäußert wird. Das ist ein echter Fehler, er unterläuft in aufrichtiger Absicht.
  4. Es gibt Kritik, die unverdient ist und in harscher und erniedrigender Weise geäußert wird und hinter der echte böse Absichten stehen können.

Es gilt also zu die Rückmeldung so weit möglich im Rahmen der von Gott geschenkten Wirklichkeit zu erkunden.

Sich mit der Wahrheit außerhalb von dir und deinen Gefühlen zu beschäftigen, ist eine wunderbare Gewohnheit, die man sich aneignen kann, eine Gewohnheit der Freiheit von der Knechtschaft verletzter Gefühle.

Das kann zur Folge haben, dass Dinge geklärt werden müssen.

Wenn die Kritik unverdient ist und Sie der Meinung sind, dass der Kritiker etwas falsch verstanden hat oder falsch informiert wurde, dann ist es in einem professionellen Umfeld richtig und gut, mit Bescheidenheit zu der Person zu gehen und ihr alle Beweise zu geben, die Sie haben, dass bei der Beurteilung ein Fehler unterlief.

Daneben ist der Blick auf unser eigenes Inneres entscheidend.

Die tiefere Frage bei all dem … besteht darin, wie wir verhindern können, dass unsere verletzten Gefühle (die wir alle von Zeit zu Zeit haben) uns beherrschen, uns kontrollieren und uns entweder melancholisch oder depressiv werden lassen. Oder wie wir verhindern können, dass sie uns verbittert oder wütend machen, so dass wir in unserer Umgebung unglücklich sind.

Ein weiser therapeutischer Rat ist das innere Selbstgespräch mit biblischen Texten. Piper empfiehlt, sich Verse wie Mt 5,11+12 immer wieder selbst zu predigen.

Wir predigen es aus so vielen Texten, wie uns einfallen. Wir führen ein Tagebuch. Wenn wir für diese Art von Verletzungen anfällig sind, führen wir ein Tagebuch mit Texten wie diesen, wenn wir die Bibel lesen.

Andacht: Was soll ich nur mit den Geschlechtsregistern anfangen?

Über die Geschlechtsregister der Chronik wollte ich schon länger mal predigen (siehe dieser Eintrag von 2015). Ich erlebte zwei Extreme: Der eine übersetzte alle Namen und formte Sätze aus ihnen; am anderen Ende befinden sich die Stimmen, dass diese Kapitel einfach zu überspringen sind.

Der Schlüssel für das Studium ist die Verabschiedung vom rein leserorientierten Ansatz (“was kann ich damit anfangen?”), der die Bibel auf der Folie seiner inneren Erlebenswelt auf Nutzen abscannt. Es sollte umgekehrt sein, denn die Bibel ist Autor-fokussiert und unverschämt historisch. Es handelt sich um Gottes Ansprache an uns. Wir sollten unser Leben also auf der Folie der göttlich gestalteten Auswahl an uns betrachten lernen.

So ging ich zunächst auf Abstand und betrachtete die Chronik als letzten Teil des hebräischen Testaments, nämlich als theologische Reflektion der Geschichte Israels mit Schwerpunkt Treue & Gottesdienst, gerichtet an das Volk, das aus dem Exil zurückgekehrt war.

Der erste Teil enthält zwei grosse Blöcke, nämlich eine sorgfältige Komposition von Geschlechterfolgen zu allen Stämmen. Überhaupt ist das Thema “ganz Israel” – das wiedervereinigte Volk, das sich unter Seine Herrschaft stellt – ein zentrales Thema (siehe 1Chr 9,1; 11,1; 13,5). So erstaunt es auch nicht, dass direkt nach der Schilderung der Übernahme der Königsherrschaft Davids (1Chr 10,14 JHW wandet David die Königsherrschaft zu) nochmals zwei Namenkataloge erscheinen. Es handelt sich um die Helden Davids und – nur in den Chroniken – diejenigen aus allen Stämmen, die sich dem rechtmässigen Herrscher nach dem Herzen Gottes schon vor der offiziellen Übernahme des Amts unterstellten (1Chr 11+12). Es geht also um die Königsherrschaft Davids mit der Betonung auf dem rechten Tempel- und Gottesdienst. Nicht umsonst widmen sich die meisten Texte (1Chr 13-16 und 22-29) der Heimholung der Bundeslade, der Vorbereitung für den Tempelbau sowie der Organisation des Dienstes.

Auf diesem Hintergrund stellte ich drei Hilfestellungen für das Studium vor:

  1. Der Makroblick
    Wie ist die Abfolge gestaltet? (Adam – Abraham – David; übrige Stämme, abgeschlossen mit Benjamin, woraus der erste König Saul stammte)
    Welche Auswahl wird getroffen? Welche Schwerpunkte gesetzt? (Juda, das Königtum, vgl. 5,2; Leviten – das Priestertum, vgl. 6,16ff)
    Was ist der Anfangs-, was der Zielpunkt? (Adam und Abraham; Exil, vgl. 3,17; 5,41; 5,6+25f)
    Wie hört sich der Gesamtklang (melodische Linie) der Kapitel an?
  2. Der Mikroblick
    Welche bekannten Episoden aus Israels Geschichte werden aufgegriffen? (1,10; 2,3+7; 5,1)
    Welche neuen Begebenheiten werden erwähnt? (4,9f; 4,39-43; 5,10; 7,21-23)
    Welche minimalistischen Bemerkungen werden eingeflochten? (2,21+34; 4,14+21+23; 8,8)
  3. Der Jesus-Fluchtpunkt
    Der erlöste Mensch: Ich schaffe es nicht, er muss es richten (5,20)
    Der gefallene Mensch: Ich schaffe es, weil ich es richte (10,6+13f)

Zur Andacht (39 Minuten); ergänzend empfehle ich das Interview mit Richard Pratt.

Vortrag: Hysterisch sein – sich selbst verloren haben

Vor einiger Zeit habe ich auf einen fundierten Vortrag zur Depression von Alfried Längle verwiesen. In einer Fallbesprechung geht Längle auf die Störung der Hysterie ein.

Das Hysterische operiert mit Distanz und Sich-Übergehen, in die Externalisierung gehen, mit dem dissoziativen Schwarz-Weiß-Aufspalten, die Mitte vermeidend. Es ist sehr funktional. Und so erleichtern sich hysterische Menschen ihre Spannungen, ihre Probleme, ihre Konflikte und betäuben ihr Schmerzempfinden. …

„Ich fühle mich so verloren“ kann man von ihnen durchaus hören. Sie sind verloren in der Welt, obwohl sie eine ganz große Geschicklichkeit haben, jedoch haben sie keine festen Wurzeln geschlagen oder Anbindungen. Und sie gehen sich verloren bei sich selbst. Sie kennen sich nicht, sie wissen nicht, was sie wirklich wollen. Deine Patientin weiß es auch nicht. Sie möchte irgendetwas beruflich machen, aber nicht das, was sie zuletzt gemacht hat und sie weiß nicht was sonst. Sie sind verloren bedeutet auch: Sie sind nicht wirklich da. D. h. auf der einen Seite haben die Hysterischen etwas ungemein Feenhaftes, Luftiges, Leichtes, Feuerwerksartiges und auf der anderen Seite sind sie impertinent, fordernd, manipulierend, benutzend, mühsam, sich durchsetzend, nur funktional – aber auch darin sind sie nicht persönlich. Das sind nur Hülsen. Und so sind sie gleich[1]zeitig in beiden Formen – und das Hysterische ist immer schillernd, immer wechselhaft: da ist einerseits das unglaublich Leichte und dann das Verbissene und Zähe. Also es ist sprunghaft, wechselhaft, mit viel Bewegung im Außen, aber innen ist es leer.

… Daher empfindet die hysterische Person dort kein Leben, sondern nur in den äußeren Flügeln des Extremen: „Ich habe wahnsinnige Schmerzen“ oder “das bringt mich um“, „ich habe es dir schon 1000mal gesagt“ …aber in der Mitte, wo es nichts Spektakuläres gibt, wo das Normale, das Gewöhnliche ist, da ist nichts los, da ist es leer, das ist schwer auszuhalten. Durch diese Taubheit der Mitte ist das Spüren der inneren Schwingung oder Stimme betäubt, also das Gefühl: „das bin Ich“ und „das, was ich jetzt spüre, ist Meines“. Dieses Ursprüngliche, Authentische ist nicht zugänglich durch den großen Schmerz darunter. Die Mitte ist betäubt, um vom Schmerz loszukommen – man kennt das vom Zahnarzt, wenn man eine Lokalanästhesie bekommt, dann spürt man keinen Schmerz mehr, und so ist die Mitte beim Hysteriker „lokalanästhesiert“, weil der Schmerz sonst zu groß wäre. In der Mitte ist nichts mehr zu spüren und daher spüren sie auch nicht, was ihr Echtes, ihr Eigenes wäre. Und wie sollen sie da zu einer echten Willensbildung kommen? Im Innen leer geht ihr Leben ins Außen, da ist Wirbelwind und Schaumschlägerei.

…  sie können sehr gewinnend sein und haben ja eine unglaubliche Fähigkeit, sich zu adaptieren und das zu zeigen, von dem sie spüren, dass das dem anderen gefallen wird. Dadurch kommen sie dann auch beim anderen näher heran und bekommen so eine gewisse Aufmerksamkeit, sozusagen einen Ersatz für Beziehung, Nähe, Liebe, was sie ja nicht wirklich fühlen können. Sie sind dafür mit ganz großen, feinen Antennen ausgestattet.

Was bedeutet dies für den Umgang?

… Diese innere Präsenz zu halten vor dem hysterischen, selbstverlorenen Menschen halte ich für ganz zentral in der Therapie und ist in dieser Ausformulierung schon spezifisch für die Existenzanalyse. Das Ernstnehmen der Patienten als Person ist hier natürlich ganz grundlegend. Die hysterischen Menschen werden ja ständig verletzt, weil man über sie hinweggeht, sie belächelt, weil man sie nicht greifen kann – es ist ja auch eine Gegenübertragung ihres eigenen, sich nicht ernstnehmen-könnenden Verhaltens.

Erstens geht es um Beachtung. Wir hören ihnen zu und versuchen sie zu sehen. … „Da muss ja viel vorgefallen sein, wenn Sie so etwas erleben. Was ist denn geschehen?“

(Zweitens um) Ernstnehmen. … Form sein: „Das muss schlimm gewesen sein. Was war denn für sie das Schlimme? Wie kann ich das verstehen, dass es sie so trifft?“

(Drittens um) Stellungnahme: „Wenn sie sich so sehen, merken sie, wie sie mit ihren Problemen umgehen, wie sie da schnell reagieren? Es ist wichtig, dass sie das von sich kennen. Aber sie haben sicher schon auch die Erfahrung gemacht, dass man ganz gut vorankommt, wenn man sich ein bisschen Zeit lässt.“

Aufsatz: Ein Fazit zu den Veränderungen der letzten Jahre

Ich wurde nach meinem Fazit aus der Corona-Zeit und Beschäftigung mit dem Ukraine-Konflikt befragt, die bei mir mit einem neuen beruflichen Abschnitt und familiären Veränderungen bedingt durch das Erwachsenwerden meiner Söhne zusammenfiel.

Im jetzt erschienenen Aufsatz “Mut und Treue statt Resignation und Opportunismus” schöpfe ich Hoffnung für die kommende Zeit:

Die letzten Jahre haben die Verhältnisse in unseren Ländern in bemerkenswerter Weise verändert. Auch wenn die Infrastruktur erhalten geblieben ist, die Schulen wieder geöffnet haben und die Wirtschaft durch enorme Neuverschuldung am Laufen gehalten wurde, haben sich deutliche Verschiebungen ergeben. Viele Betriebe sind de factoteilverstaatlicht. Die Behörden greifen durch Notverordnungen in einem bisher unbekannten Umfang in das Leben der Bürger ein. Christliche Gemeinden haben sich über die Frage nach der Zuständigkeit von Staat und Kirche zerstritten, gespalten oder sind sogar daran zugrunde gegangen.

Ich bin überzeugt: Der vom souveränen Gott durch das Virus herbeigeführte Wandel führte die bereits bestehende gesellschaftliche Misere bloß deutlicher zu Tage. Wie lange können Völker bestehen, die nachhaltig von der christlichen Weltanschauung geprägt sind, sich jedoch willentlich von ihrem Erbe abgewendet haben? Die Antwort lautet: Wir wissen es nicht. 

Ausgehend von der Lebenskrise Jeremias predigte ich übrigens 2020 über “Vom Mut stehen zu bleiben – 12 Lektionen für ein gegenkulturelles Leben”. Weitere Überlegungen habe ich in meiner Eröffnungsrede in Aidlingen angestellt.

Interview: Harte Fragen an Rebecca McLaughlin

Rebecca McLaughlin gehört für mich zu den Entdeckungen der letzten Jahre. Nun werden einige ihrer Bücher in die deutsche Sprache übersetzt. Die britische Literaturwissenschaftlerin und Theologin mit Wohnsitz in den USA stellte sich in München einigen harten Anfragen an den christlichen Glauben. Ich habe mitgeschrieben.

Warum werden die neuen Fragen z. B. zur Sexualethik immer wichtiger? Was hat sich gesellschaftlich verändert?

Es gibt zwei Herangehensweisen, um über Fragen zum Glauben nachzudenken: Ist dies wahr? Ist dies gut? Traditionellerweise ging es um Fragen nach der Wahrheit. Heute geht es vermehrt darum, ob das Christentum gut sei. Bevor unsere Zeitgenossen nicht sehen, dass das Christentum gut für sie ist, werden sie sich nicht der Wahrheit zuwenden. 

Glauben ist schädlich und sollte komplett verschwinden.

Als ich in England aufwuchs, waren die meisten Nichtchristen der Ansicht, dass Religion und Christentum für die Gesellschaft und für die Einzelnen schlecht seien. Aktuellen Studien zufolge sind Religion und der wöchentliche Besuch des Gottesdienstes für die mentale und physische Gesundheit sehr förderlich.

Zu innersten tiefsten Bedürfnissen «Nein» zu sagen und nicht ihnen nachzukommen, steht dem aktuellen gesellschaftlichen Konsens entgegen. Dies sei der schnellste Weg zum Unglück. Jeder müsse sich täglich selbst entscheiden, was zu seinem individuellen Glück führe.

Der Angriff auf überkommene Strukturen wird immer grösser. Unterdrückt das Christentum nicht die Frauen?

Ich habe eben ein Buch über Jesus Beziehungen zu Fragen in den Evangelien geschrieben. Etwas von dem, was der damaligen Gesellschaft am meisten entgegenstand, war die Wertschätzung von Frauen, die zur Randgruppe gehörten. In der westlichen Ideengeschichte war die Gleichwertigkeit von Mann und Frau keine Selbstverständlichkeit, sondern entstammt letztlich dem Christentum.

Zum aktuell schlechten Image des Christentums trägt die Vorstellung der Ehe bei. Dabei ist die Rolle in einer christlichen Ehe etwas vom Besten, was Frauen in der gesamten Geschichte widerfahren ist. Die sexuelle Ausbeutung der Frauen in der Antike war von unvorstellbarem Ausmass. Die Treue eines Mannes zu einer Frau und seine aufopfernde Liebe ihr gegenüber wäre damals unvorstellbar gewesen. Interessant ist zudem, dass in der Kirchengeschichte die Frauen schon immer in der Mehrheit waren.

Kritiker des Glaubens berufen sich oft auf die Naturwissenschaft. Diese hätte gezeigt, dass der Glaube an Gott überflüssig sei.

Das Christentum war das ursprüngliche philosophische Fundament für die Naturwissenschaft. Wissenschaft galt damals niemals als alternative Hypothese zum christlichen Glauben. Christliche Wissenschaftler glaubten an einen Gott, der rational und frei ist. Hans Halversen, Wissenschaftsphilosoph, argumentiert dahin, dass Christen nicht nur die ersten waren, welche die naturwissenschaftliche Forschung betrieben. Sie ist auch mehr auf dem Christentum als auf dem Atheismus gegründet. Christen glauben daran, dass Gott die gesamte Welt geschaffen hat. Er ist damit nicht nur ein Lückenbüsser. Der Glaube an den Schöpfergott lässt sein Wirken in grösserer Detailliertheit erscheinen. Christen diskutieren seit dem 4. Jahrhundert darüber, wie Wissenschaft und Glaube zusammengehen. Sie waren seither auch immer mit dabei, wenn es um bahnbrechende Entdeckungen ging.

Eine Frage, ob der christliche Glaube gut sei, betrifft im Besonderen die Homosexualität. Du selbst empfindest homosexuell. Viele finden für sich keinen Weg, trotz dieser Empfindung sich dem christlichen Glauben zuzuwenden. 

Die zentrale biblische Botschaft ist die Liebe von Jesus für seine Gemeinde. Die Bibel präsentiert die christliche Ehe als Miniatur-Abbild der viel grösseren Ehe zwischen Christus und seiner Gemeinde. Die beste menschliche Romanze ist nur ein schwaches Abbild bzw. Echo der Liebe Jesu. Wenn dies wahr ist, bedeutet es, dass niemand, der gegen seine sexuellen Sehnsüchte Jesus nachfolgt, Gutes vorenthalten bleibt. Umgekehrt heisst es, dass jeder, der sich von Jesus abwendet, um seinen sexuellen Wünschen nachzugehen, der Verzweiflung entgegengeht.

Jemand, der Jesus nachfolgt, verleugnet sich selbst und nimmt sein Kreuz auf sich. Die gleichgeschlechtliche Anziehung fühlt sich wie eine Frage über Leben und Tod an. Sie ist es auch. Die radikale Anfrage, die Jesus stellt, lautet: Meine Liebe ist besser als jede menschliche Liebe. Es geht um den Glauben, dass er uns nichts Gutes vorenthalten möchte. Die Bibel plädiert für die Liebe zwischen Gläubigen desselben Geschlechts, nämlich durch Freundschaft. Ich erlebe diese Art der Liebe in den Beziehungen mit christlichen Freundinnen.

Transgender ist ein anderes hochemotionales Thema. Pubertierenden werden Wachstumsblocker verschrieben. Die einen sind begeistert, die anderen schockiert. Was ist die christliche Antwort?

Gott hat mich gemacht – das ist eine der wichtigsten christlichen Grundannahmen. Er schuf nicht nur meine Seele, sondern auch meinen Körper. Damit verfolgte er eine besondere Absicht. Als Christen können wir die Frage nach unserer Identität nicht von unserem Körper trennen. Eben so wenig glauben wir daran, dass unsere Körper so bleiben, wenn Jesus wiederkommt und unsere Körper auferweckt.

Es gibt viele Wege, unsere Existenz im Körper als schwierig zu erleben. Einige erleben zum Beispiel chronische Rückenschmerzen. Andere kommen ihr ganzes Leben nicht damit klar, dass sie Mann oder Frau sind. Was bedeutet es für Christen, die mit ihrem eigenen Geschlecht nicht klarkommen? Sie können Jesus vertrauen, dass sie mit Absicht als Frau oder Mann geschaffen sind.

Es ist eine säkulare Kuriosität, dass die Menschen keinen Grund dafür sehen, dass wir mehr als unsere Körper sind. Dabei gehen sie von der Annahme aus, dass es etwas gibt, was nicht mit unserem Körper zu tun hat. Sie glauben an eine Geschlechter-Seele, die von unserem geschlechtlichen Körper getrennt ist. Wenn wir diese Trennung zwischen Identität und biologischem Geschlecht machen, können wir letztlich nichts mehr wissen, was das Wort «Frau» bedeutet. Alles, was übrigbleibt, sind Stereotypen. Es gibt Feministen, die aus diesem Grund gegen Transgender sind.

Wie ist zu unterscheiden zwischen einem Gott, der einen Grund hat, warum wir leiden (wir es aber nicht wissen), und einem Gott, dem es egal ist?

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht ein unschuldiger Mann, der einen brutalen Tod gestorben ist. Christen glauben, dass dieser Mann der menschgewordene Gott ist. Dieser liebte die Menschen so sehr, dass er bereit war auf die Erde zu kommen, zu leiden und zu sterben. Dies geschah nicht deshalb, weil wir gut, sondern weil wir böse waren. Wenn Jesus derjenige ist, der die Kontrolle über dein und mein Leben innehat, dann kann es ihm unmöglich egal sein. Er liebt dich so sehr, dass er bereit war, an deiner Stelle zu leiden.

Wie können wir Nichtchristen kommunizieren, dass wir uns in unseren Wünschen einschränken, auch wenn sie direkt niemandem weh tun?

Es besteht die Versuchung für Christen, andere Menschen von christlichen Moralvorstellungen zu überzeugen. Das ist jedoch nicht unsere Aufgabe. Wir sollen die anderen wie uns selbst lieben und anderen Menschen von der Liebe Jesu erzählen. Wenn jemand glaubt, umkehrt und sich ihm anvertraut, ändert sich eine Menge in dessen Leben. Jesus hat nun die Herrschaft übernommen. Vertrauen wir Jesus genug, um ihm zu glauben, um Dinge zu tun, die wir nicht ganz nachvollziehen können? 

Vielfalt ist ein biblisches Konzept. Inwiefern steht dieses in Konkurrenz zum säkularen Diversitätsbegriff?

Diversität umfasst im heutigen Verständnis sowohl die ethnische als auch die sexuelle Vielfalt. Die Argumente von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurden von Aktivisten heute übernommen. In der Bibel geht es um die Liebe zu allen verschiedenen Ethnien. Das Christentum ist bezüglich Rassenfrage die vielfältigste Bewegung der gesamten Menschheitsgeschichte – und auch die grösste. In meiner eigenen Kirche sehe ich diese wunderbare ethnische Vielfalt verbunden mit dem Wunsch, eigene Bedürfnisse um der Liebe zu Jesus willen aufzugeben.

Warum ausgerechnet der christliche Glaube? Sind andere Religionen nicht auch überzeugend?

Ich lese zahlreiche Bücher von nichtchristlichen Autoren und werde gefragt, ob dies nicht meinen Glauben herausfordert. Je mehr ich mich mit Alternativen beschäftige, desto schöner erscheint mir der christliche Glaube.

So hörte ich eben von der Todesnachricht einer krebskranken Person. Die Tochter der Frau, die jetzt gestorben ist, und ihren Vater schon vor zehn Jahren verloren hat, meinte: «Ich sehe den Himmel als den Ort an, an dem ich endlich meinen Papa wiedersehe.» Dies ist jedoch noch zu wenig. Der Himmel ist der Ort, an dem wir Jesus von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Darauf freue ich mich.

Rezension: Harry Potter – Triggerwarnung und eine Einschätzung

Rebecca McLaughlin nimmt in ihren beiden wichtigen Büchern, die neulich in die deutsche Sprache übersetzt worden sind, wiederholt Bezug auf Harry Potter. Seit dem Erscheinen der Serie ist Harry Potter unter Christen höchst umstritten. Ich habe mich eingehend mit den Inhalten beschäftigt.

Grosse Bücher enthalten drei Gütezeichen:

  • Adressieren sie die grossen Fragen des menschlichen Lebens?
  • Werden durch die kunstvolle Darstellung Antworten auf diese Fragen gegeben?
  • Sind diese Antworten erbaulich für die Beziehung zu Gott, Menschen und der übrigen Schöpfung?

Solch grundlegende Fragen des menschlichen Lebens können sein:

  • Was ist der Daseinszweck des menschlichen Lebens?
  • Was ist die Antwort auf das Geheimnis des Todes?
  • Was macht den Menschen gut bzw. böse? Was macht Menschlichkeit grundsätzlich aus?
  • Wie gehen wir mit Veränderung um?
  • Wie gestalten wir Beziehungen?

Die Gütezeichen sind meines Erachtens vollumfänglich erfüllt. Der Rowlings-Experte John Granger war für mich eine wesentliche Quelle für die Urteilsbildung. Er sieht die Erfolgsautorin als Literaturwissenschaftler in der Tradition der englischen bzw. europäischen Literatur. Er nimmt eine wesentliche Unterscheidung zwischen zwei Begriffen vor:

  1. Incantational: Magie, die in der Form einer Geschichte auf den menschlichen Hunger für eine Realität hinter der physischen Welt Bezug nimmt
  2. Inovcational: Schwarze Magie mit dem Zweck des Hervorrufens bzw. In-Kontakt-Tretens

In How Harry Cast His Spell: The Meaning behind the Mania for J. K. Rowling’s Bestselling Books erläutert Granger in den ersten zehn Kapiteln, warum die Serie aus christlicher Weltsicht Wesentliches liefert:

  1. “Gegenzauber” für den rein materialistisch ausgerichteten Westen
  2. Darstellung des kosmischen Konflikts zwischen Gut und Böse
  3. Systematische Führung durch den Dreiklang Leben – Tod – Auferstehung
  4. Der Geschichte-Zyklus ist systematisch um die Phasen der Veränderung herum aufgebaut.
  5. Doppelgänger weisen auf das Spannungsfeld der menschlichen Natur hin: In Gottes Ebenbild geschaffen, in Sünde gefallen
  6. Überraschende Schlusskapitel schlagen eine Lösung zur Überwindung sündiger Vorurteile vor.
  7. Der Tod ist nie fern von der “Sichtlinie” des Lesers – ebenso der letztliche Triumpf der Liebe über den Tod
  8. Die Frage der menschlichen Identität wird durch Harrys Entscheide, Veränderungsprozess und letztlich seine Bestimmung exzellent aufgegriffen.
  9. Die Symbole sind bewusst und gewollt als Zeigefinger auf die geistliche Realität hin angelegt.
  10. Auch die Namen enthalten (bewusst) verborgene geistliche Bedeutung.

Hier sind einige strukturelle Schlüssel:

  • Das Haus der Gryffindor vs. das Haus der Slytherin (in konzentrischen Kreisen): Harry (mit Ron und Hermine) vs. Draco (mit Crabbie und Goyle); James Potter, Remus Lupin und Sirius Black vs. Lucius Malfoy mit den Eltern von Crabbie und Goyle; der Orden der Phönix mit Albus Dumbldore vs. die Totesser mit Lord Voldemort; der Gründer Godric Gryffindor mit dem Sprechenden Hut vs. der Basislisk Salazar Slytherin in der Geheimen Kammer
  • Die Struktur der Geschichten: Start (in der Muggle-Welt bei Familie Dursley), Flucht (durch den Einbruch der unsichtbaren Welt), Geheimnis (geheimnisvolle Vorgänge, die einer Lösung bedürfen), Krise (unvermittelt mit Situtationen des Bösen konfrontiert, die der unmittelbaren Antwort bedürfen), Abstieg/Untertauchen (Aufenthalt in der “Unterwelt”), Kampf (mit überraschendem Ausgang), Christus-Symbole (Tod und Hilfe von aussen), Wiederkehr (Rückkehr in die Welt der Lebendigen), Offenbarung (Zusammenhänge erklärt), Schluss (wieder zurück an den Geleisen in Hogwarts).
  • Rowlings bezeichnete sich 1998 in einem Interview nicht als Hexe, sondern als Alchemist. Die Alchemie widerspiegelt sich in Buchtiteln, in den Charaktern, in Harrys schrittweiser Transformation, in der Anordnung der Bücher, in den Farben, in den drei Zuständen schwarz/unrein, weiss/reinigen, rot/perfekt) und in den vielen Bildern.
  • Systematisch angeordnete charakterliche Gegensätze: Slytherin und Gryffindor; Hagrid und Grawp; Draco und Dudley; Harry und Draco; Sirius und James; Ron und Hermine; Lily und Petunia; Peter und Neville; Harry und Neville; Grindelwald und Dumbledore; Harry und Voldemort

Charakteren, Institutionen und Vorgänge sind herausragend dargestellt. Dazu gehören für mich:

  • Familie Dursley mit dem verwöhnten und verzogenen Einzelkind Dudley
  • Familie Weasley: Grossfamilie, überbehütende Mutter und intellektueller Vater; Geldsorgen, Fleiss, Geschwisterfolge (Gutmütigkeit, Ehrgeiz, Zwillinge mit Flausen und Schulmüdigkeit, Beschämung, die Leiden der jüngsten Tochter)
  • Hermines Einsatz für die Hauselfen (Rechte von Unterdrückten)
  • Rons Beschämung wegen den knappen finanziellen Ressourcen und sein Streben nach Anerkennung
  • Dumbledores Weisheit und Humor in der Führung der Schule
  • Die Herausforderungen der Ausbildung (Lernen als Beziehungsgeschehen zwischen Lehrern und Schülern, schrittweises Aneignen und Wachsen, unterschiedliche Disziplinen und Begabungen, Erfolge und Krisen, das Leben ausserhalb des Klassenzimmers und der Bibliothek, die Verknüpfung mit der Herausforderungen des Lebens)
  • Ambivalenz in der Begegnung mit Snape
  • Harrys charakterliche Entwicklung bis zu seiner Selbsthingabe
  • Der zwischenzeitliche Streit zwischen Harry, Ron und Hermine

Würde ich Harry Potter uneingeschränkt empfehlen? Das gehört für mich in den Bereich des Gewissens. Wenn sie nicht erbauen bzw. anderen zur Erbauung dienen, rate ich davon ab.