Unsere Selbstwahrnehmung – zwischen Überschätzung und Verneinung

Seit dem Sündenfall schwankt das Selbstbild des Menschen zwischen einer ungebührlichen Selbstüberschätzung und einer unangebrachten negativen Selbstverneinung und einem Gefühl von Wertlosigkeit. Der Urtypus beider Abweichungen sind bereits in Adam und Eva vorgebildet:

  • Zuerst wollten sie höher sein als Gott (1. Mose 3,5). Mit der falschen Verheissung der Schlange, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, übernahmen unsere Ureltern etwas in ihre Hände, was nur Gott zustand.
  • Nach dem Sündenfall kippte ihr Selbstbild sofort. Sie schämten sich (1. Mose 3,7) und versteckten sich (1. Mose 3,10). Aus der Scham resultierte Angst gegenüber Gott.

Durch die Versöhnung mit Gott wird auch unsere Selbstwahrnehmung wieder realistisch. Das bedeutet:

  1. Wir können echte Demut kultivieren: „Ich rufe daher aufgrund der Vollmacht, die Gott mir in seiner Gnade gegeben hat, jeden Einzelnen von euch zu nüchterner Selbsteinschätzung auf. Keiner soll mehr von sich halten, als angemessen ist. Maßstab für die richtige Selbsteinschätzung ist der Glaube, den Gott jedem in einem bestimmten Maß zugeteilt hat.“ (Römer 12,3)
  2. Wir rühmen eher andere als hinter Selbst-Ruhm her zu sein: „Rechthaberei und Überheblichkeit dürfen keinen Platz bei euch haben. Vielmehr sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst.“ (Philipper 2,3)
  3. Wir danken dem, der uns die Gaben gegeben hat: „Was bringt dich überhaupt dazu, so überheblich zu sein? Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk ´Gottes`? Wenn es dir aber geschenkt wurde, warum prahlst du dann damit, als hättest du es dir selbst zu verdanken?“ (1. Korinther 4,7)
  4. Im Wissen um unser Unvermögen beziehen wir die Kraft aus der einzig unerschöpflichen Kraftquelle: „Wenn wir mit solchem Selbstbewusstsein von unserem Dienst sprechen, gründet sich das auf Christus und geschieht im Vertrauen auf Gott. Aus eigener Kraft sind wir dieser Aufgabe nicht gewachsen; es gibt nichts, was wir uns als Verdienst anrechnen könnten. Nein, unsere Befähigung verdanken wir Gott.“ (2. Korinther 3,4+5)

Vgl. Anthony A. Hoekema. Created in God’s Image. William B. Eerdmans: Grand Rapids 1994. (104-107)