Verwöhnung als emotionale Lebensversicherung

1998 schrieb der Erziehungsexperte Dr. Albert Wunsch in der ZEIT:

Verwöhnung hat für den Verwöhnenden die Funktion einer emotionalen Lebensversicherung. Der Satz: „Mein Kind ist mein ein und alles“ zeigt überdeutlich, wo Veränderung einzusetzen hat. Denn in der Erziehung zu einem mündigen Menschen geht es nicht um „mein ein und alles“, sondern darum, die uns anvertrauten Kinder zu einem eigenständigen Leben zu befähigen. Das Kind ist kein kuscheliger Schoßhund, darf fehlendes Glück in der Partnerschaft nicht ersetzen.

Verwöhnung treibt das Kind dazu, permanent auf die unterschwelligen Erwartungen des überlegenen Verwöhners fixiert zu sein. Es gibt sich willfährig, hat Angst groß zu werden – weil dann die Zuwendung aussetzen könnte – und konzentriert sich aufs Gefallenwollen. Meist rächen sich solche Kinder später dafür.

Denn wenn Erziehung sich als Verwöhnung etabliert, findet dies gesellschaftlichen Widerhall. Die zukünftige Generation wird zu kraftlosen, ängstlichen, leistungsschwachen, unmotivierten und angepaßten Egoisten, die sich nach Versorgtsein sehnen. Aber auf Dauer wird die vorgegaukelte Leichtigkeit des Seins zur Unerträglichkeit.

Denn so wie der einzelne für seine Verwöhnung zu zahlen hat, muß die Gesellschaft zahlen für jene, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen.