Buchbesprechung: Menschenrechte und der christliche Glaube

Thomas K. Johnson. Human Rights – A Christian Primer. VKW: Bonn, 2008. (Freier Download)

Eigentlich ist dieses 100-seitige Buch eine kurze Einführung in die christliche Sozialethik am Beispiel der Menschenrechte. Thomas K. Johnson ist, wie er in der Autorenbeschreibung am Schluss offenlegt, inspiriert durch den Kulturkritiker Francis Schaeffer, den britischen Literaturkritiker C. S. Lewis und den evangelischen Theologen Helmut Thielicke (104). Ein so komplexes Thema auf kurzem Raum abzuhandeln, ist eine Herausforderung. Menschenrechte gehören im heutigen Verständnis zur politischen Ethik. Darum sind die Überlegungen für den „Normalbürger“ ungewohnt (18). Am Schluss der Einleitung führt Johnson darum eine Zusammenfassung des Kernarguments aus biblischer Weltsicht an (19-20): Wir sind in Gottes Bild geschaffen, und wir sind Sünder.

Das Buch will diejenigen Christen zum Handeln bewegen, die bisher keinen Bezug zum Thema sahen. Ebenso will es diejenigen, die sich bereits aktiv einsetzen, zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den dahinter stehenden Grundfragen einladen (27-28). Der Autor hat selber eine grosse Erfahrung mit dem Thema, u. a. durch seinen persönlichen Einsatz in Minsk an einer dissidenten Uni in Minsk in den 1990er-Jahren und durch seine Beratungstätigkeit der Weltweiten Evangelikalen Allianz in den Themen Christenverfolgung und Menschenrechte.

Hinter der Entstehung des Buches steht der Gedanke, verständlich auf die grossen Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren  und dabei treu bei Gottes Wort zu bleiben. Das Evangelium hält einerseits die Botschaft der ewigen Errettung bereit. Gleichzeitig beantwortet es auch die grossen Fragen der menschlichen Natur, der Wahrheit und der Ethik (17). Um diese Grundfragen geht es nämlich beim Thema der Menschenrechte. Wer sich mit dem Aufbau des Buches vertraut machen möchte, kann sich auf ein aussagekräftiges Inhaltsverzeichnis verlassen.

Die hauptsächliche Stärke der Abhandlung besteht darin, präzise Fragen zu stellen. So steigt Johnson mit der Frage ein: Warum überhaupt über Menschenrechte sprechen? Überzeugender Ausgangspunkt für die Antwort ist die kurze Beschreibung der erschütternden Fakten der aktuellen Weltgeschichte wie z. B. des Genozids in Rwanda (1994) oder  – etwas weiter zurückliegend – der persönliche Besuch des Autors in Dachau (1972). Im 20. Jahrhundert sind Abermillionen von Menschen sind durch „schiefe“ Ideologien umgebracht worden. Dies schreit nach Antworten über „Menschlichkeit, Sinn, Erlösung, Moral, Gott und das Universum“ (17). Dass ein von der biblischen Offenbarung gespeistes Verständnis zu anderen Handlungen führt, veranschaulicht eine beeindruckende Szene von Corrie ten Boom (aus dem Buch „Die Zuflucht“).

Ausgehend von einer kurzen Sequenz aus dem berühmten Buch von Albert Camus „Die Pest“ (geschrieben 1947) greift Johnson dann vier zentrale Fragen auf:

  1. Warum wissen wir über den Unterschied zwischen gut und böse?
  2. Was am Menschen ist so besonders, dass er Rechte beanspruchen kann?
  3. Warum müssen wir Menschen voreinander geschützt werden?
  4. Wie gelangen wir zu Wissen?

Im dritten Kapitel setzt sich Johnson mit verschiedenen konkurrierenden Ideologien und deren Begründung der Menschenrechte auseinander, z. B. der Abhängigkeit der Rechte von einer spezifischen Rasse, Nation oder Religion. Johnson weist darauf hin, dass die Menschenrechte der beste Schutz gegen die Extreme von Individualismus wie auch Kollektivismus sind (58). Er modifiziert die Annahme, dass der Staat der Rechte begründet, um den Einbezug Gottes. Genau so verfährt er bei der Frage, ob internationales Recht oder das menschliche Selbst die erste Rechtfertigung für Menschenrechte darstellen.

Im Schlusskapitel skizziert Johnson eine von der Bibel getragene Sicht auf die Menschenrechte. Was sind die Grundlagen für die menschliche Würde? Welchen Rechten muss sich der Mensch unterstellen? Bei der Beantwortung dieser Fragen geht Johnson auch den sich sukzessive ausweitenden Katalog an Rechten nach (79ff). Es gilt zu unterscheiden zwischen Zivilrechten und Gott gegebenen menschlichen Rechten (65). Wir können nicht wie ein kleines Kind Wunschlisten für alle möglichen Erleichterungen anfertigen und deren Einhaltung einfordern (66).

Welches Lernfeld ergab sich für mich aus diesem Buch? Stärke dieses Buches sind wie schon erwähnt die Fragen, die ins Zentrum gehen („die Frage hinter der ersten Frage“). Jedes Kapitel enthält Bezüge zur Weltliteratur. Die Fussnoten enthalten deshalb einige wichtige Hinweise auf weitere Literatur, beispielsweise den Hinweis auf das Werk von der westlichen Ideengeschichte von Richard Tarnas. Es ermutigt, sich mit dem Wortlaut der Menschenrechtskonventionen vertraut zu machen, um „die schwächsten unserer Brüder und Schwestern“ besser schützen zu können (19).

Die wichtigste theologische Botschaft besteht in dem, was das Herz christlicher Sozialethik ausmacht: Es ist nicht weise, Gnade auf Gerechtigkeit zu reduzieren, ebenso wie es unklug ist, Gerechtigkeit auf Gnade zu reduzieren. „Weil Gott gerecht ist, muss er Bezahlung für die Sünde in Form von Strafe fordern. Er nahm die Bestrafung auf sich, als er in der Person von Jesus auf dem Kreuz als Stellvertreter starb. „Das Kreuz ist der Platz, an dem Gerechtigkeit und Gnade einander begegnen.“ (22)

Eine zweite wichtige Lektion lernte ich aus der Geschichte von Kain und Abel (1. Mose 4). Der ältere tötete den jüngeren Bruder. „Der Hintergrund dieses frühesten Mordes war religiöse Frustration.“ Feindschaft gegen Gott paarte sich mit fehlgeleitetem Verhalten gegenüber den Mitmenschen (44). So ist es bis heute geblieben.

Ich bin in einem Umfeld einer christlichen Subkultur aufgewachsen. Ich kann mich gut an den Tag erinnern, an dem ich erstmals über das Leid von Menschen in anderen Ländern weinte und mit meiner Familie begann, für einzelne Länder zu beten. Heute schliesse ich mich der Aufforderung Johnsons an, den ganzen Ratschluss Gottes verkünden (Apg 20,27). Sein persönlicher Aufruf hallt in mir nach: „Mutige, gottesfürchtige Menschen können einen Unterschied ausmachen.“ (102)