Buchbesprechung: Ein Andachtsbuch der anderen Art

Herman Bavinck. The Sacrifice of Praise. Kregel: Grand Rapids, 1922. Kostenloser Download hier.

Absicht des Buches

Der Titel des Buches knüpft an Hebr 13,15 an. Dort steht, dass Christen „Opfer des Lobes“ darbringen. Das Buch besteht aus Meditationen, hat also erbaulichen Charakter. Die englische Übersetzung, auf die ich mich beziehe, wurde kurz nach dem Tod Herman Bavincks herausgebracht. Die Herausgeber platzierten die Publikation unter dem Eindruck des Todes Abraham Kuyper, Herman Bavinck und Benjamin B. Warfield, deren Erbe sie in Erinnerung halten wollten. Bavincks Werk erhält aus ihrer Sicht den „ersten Platz für die Tiefe der Gedanken und angemessene Forschung“ (11). Das Schlüsselwort für das Buch ist das „Bekenntnis“ (confession). Es geht um eine Einführung in das christliche Bekenntnis, wie es die Kinder und Jugendlichen in den konfessionell-reformierten Elternhäusern erhielten. Das bedeutet, dass sich Bavinck auf die Bundestaufe als Kind, die christliche Erziehung mit Katechismusunterricht und das anschliessende öffentliche Bekenntnis als Jugendlicher als Voraussetzung für die Teilnahme zum Abendmahl bezieht.

Anmerkungen zum Inhalt

Die Basis des Bekenntnisses (Gen 17,7): Während der erste Bund sich an den Menschen richtete und deshalb brüchig und unsicher war, kommt der Gnadenbund von Gott und ist unveränderlich, unverrückbar und ewig (15-16). Durch Gottes Bundeszusage wird die Freundschaft mit Satan gebrochen und die Gemeinschaft mit dem Schöpfer wiederhergestellt (20). So wie er uns das geistliche Leben gibt, so ist der auch der Urheber des natürlichen Lebens durch seine allgemeine Gnade (23). Wir werden im „reichen Leben“ platziert, beschenkt mit dem Erbe unserer Vorfahren (24).

Das Training im Bekenntnis (Mt 4,4): Kinder sind vor der Phase des aktiven Willens in diesem Bund aufgenommen. Die Eltern haben die Aufgabe, sie in der Furcht und Ermahnung des Herrn aufzuziehen (28). Die Kinder leben durch die Fürsorge und Schätze der Eltern. Die Eltern sind von Gott als Instrumente in seiner Hand beauftragt, das geistliche Leben der Kinder zu nähren (30-31). Kirche und Elternhaus unterstützen die Eltern in ihrer Aufgabe. Beide Institutionen sollen in dieselbe Richtung ziehen (32-33).

Die Regel des Bekenntnisses (Ps 119,105): Das Wort Gottes ist Grundlage, Prinzip und Zweck des Bekenntnisses. Gott schenkt das Wachstum (35). Was die Nahrung für den Körper, ist Gottes Wort für den Geist (36). Es wird nur dann wirksam, wenn es im Glauben angenommen (39) und der menschliche Verstand von Gottes Geist erleuchtet wird (40). Die Weitergabe von Gottes Wort sollte jedoch schon vor dem Verstehen anfangen, weil die Kinder ebenso durch den Vorgang wie durch das Wort selber lernen (42). Dabei gilt es wachsam zu bleiben, in eines von zwei Extremen zu fallen: Orthodoxie und Pietismus. Beim ersteren werden die Gefühle aussen vor gelassen, im letzteren werden sie ohne klare Repräsentationen genährt. Klare Ideen und Gefühle müssen Gefährten sein (44).

Die Essenz des Bekenntnisses (Röm 10,9+10): Es gibt zwei Elemente des Bekenntnisses, nämlich echten Glauben und die feste Überzeugung des Herzens sowie das öffentliche Bezeugen. Wer nicht glaubt, kann nicht bekennen. Wer glaubt, muss bekennen (48). Der Heilige Geist hält uns das Bekenntnis in Erinnerung und weist uns stetig darauf hin (52). Wer glaubt, bekennt dort, wo er sich gerade befindet. Das Leben selbst wird zum Bekenntnis und zum Opfer (58).

Der Inhalt des Bekenntnisses (Apg 8,37): Das Bekenntnis besteht erstens aus dem Eingeständnis von Sünde und Schuld und andererseits aus dem Bekenntnis des Namens Gottes (59+63).

Die Diversität des Bekenntnisses (Apg 2,11): Uneinigkeit und Kontroversen begleiteten die Geschichte der Christenheit. Darin liegt ein grosses Potenzial zur Entmutigung, denn eine Einigung ist in dieser Weltzeit nicht mehr zu erwarten (66-67). Auch diese Spaltungen sind innerhalb der Vorsehung und des Ratschlusses Gottes (69). Diese Tatsache ist wohl zu unterscheiden von den Unterschieden zwischen einzelnen Menschen. Gott liebt die Vielfalt in der Einheit. Die Unterschiedlichkeit wird noch reicher in der Neuschöpfung dargestellt werden können.

Die Universalität des Bekenntnisses (1Kor 3,21-23): Die allgemeine Kirche Gottes umfasst alle wahren Gläubigen auf der ganzen Erde (76). Das Christentum beansprucht, die einzige, eine und wahre Religion zu sein. In Christus werden alle Dinge im Himmel und auf der Erde versöhnt werden (77). Bavinck beeilt sich hinzuzufügen, dass die Versöhnung keine Feindschaft zur Natur herstellt und damit eine Weltflucht rechtfertigen könnte. Jesus war nichts Menschliches fremd. Die Ordnungen des natürlichen Lebens wurden in jeder Hinsicht von ihm akzeptiert (81). Die körperliche Auferstehung ist Beweis, dass nichts Natürliches ihm entgegensteht (82). Der beste Christ ist der beste Bürger. Mit seinem Bekenntnis steht er weder über dem natürlichen Leben noch in Opposition (84).

Die Verpflichtung des Bekenntnisses (1Kor 6,20): Die Bibel demaskiert Heuchelei, und sie freut sich über echtes Bekenntnis (87). Das Sprechen selbst ist ein Aspekt der Ebenbildlichkeit Gottes. Der Mensch soll nicht nur denken und fühlen, sondern auch „sprechen und zeugen“ (ebd.) Im Bekenntnis geht zu Gott zurück, was er im Menschen gewirkt hat (90). Dieses Bekenntnis gilt für die Kirche als Ganzes, und es gilt für die jede Generation neu. Das Bekenntnis wurde durch die Schriftlichkeit überliefert. Jeder steht auf den Schultern anderer, die ihm voraus gegangen sind (92).

Der Widerstand gegen das Bekenntnis (Gal 1,11): Das Bekennen ist gegen Fleisch und Blut, gegen Welt und Satan gerichtet (94). Die Kirchengeschichte zeugt von vielen Märtyrern, aber auch von vielen Verrätern. Scham, so führt Bavinck aus, ist auch ein Merkmal des natürlichen Menschen und nicht in jedem Fall die Folge des Glaubens (98). Respekt und die Bewunderung anderer zeugt von der Erschaffung im Bild und damit in der Würde Gottes.

Der Triumpf des Bekenntnisses (Phil 2,9-11): Der Lauf der Geschichte hat gezeigt, dass der Kosmos sich nicht selbst retten kann. Wer ohne Gott und ohne Christus ist der Welt bleibt, steht ohne Hoffnung da (118). Der Fortschritt der Welt mag darüber nicht hinwegzutäuschen. Erst seine Wiederkunft wird die wirkliche Einheit des Bekenntnisses hervorbringen.

Fazit

Interessanterweise ist eine Stelle des Buches, die Bavinck eher im Vorbeigehen geschrieben hat, zu Bekanntheit gelangt. Bavinck formuliert aus, in welchem Verhältnis Natur und Gnade zueinander stehen (71-72). „Die grosse Frage, welche immer und überall wiederkehrt, ist diese: In welcher Beziehung platziert sich die Gnade der Natur gegenüber? Praktisch jedes Kind muss für sich diese Beziehung in seinen Gedanken und seinem Leben, in seinem Willen und seinen Handlungen, regeln. Und (auch) in einem grösseren Feld taucht sie kontinuierlich auf, in Kirche und Staat, in Familie und Gesellschaft, in Wissenschaft und Bildung. Wie ist es um die Beziehung zwischen Schöpfung und Neuschöpfung, zwischen dem Reich der Erde und dem Reich des Himmels, zwischen Menschheit und Christenheit, von dem, was von unten und von dem, was von oben ist, bestellt? In Übereinstimmung mit seinen eigenen Besonderheiten und Charakteristiken wird jeder Mensch diese Beziehung unterschiedlich definieren und auch verschieden in seinem Leben anwenden. Es macht einen grossen Unterschied aus, ob wir von der Gnade als Lehre oder als Leben denken; ob wir sie als übernatürliche Zugabe (addition) zur Natur oder als Heilmittel gegen die Krankheit der Sünde betrachten; ob sie nur für das Herz … bestimmt ist oder für das reiche und volle Leben des Menschen. Ob sie nur dazu dient, die Seele zu retten oder die Tendenz hat die Ehre Gottes aus all seinen Werken vorzubereiten. Über dieser Frage entstehen selbst unter Gläubigen kleinere und grössere Differenzen im Bekenntnis, sogar unter den Mitgliedern ein und derselben Kirche.“

Innerhalb einer klaren Struktur bringt Bavinck eine breite Palette an Themen zusammen. Er zeigt die Parallelen des natürlichen und des übernatürlichen Lebens auf, die Verbindung von Natur und Gnade. Er beginnt bei der Schöpfung und endet beim Wiederkommen von Christus. Er berücksichtigt Eltern und Kinder, Heim und Schule. Bei einem Erbauungsbuch wären wir wohl eher beim Einzelnen stehen geblieben und allenfalls beim Abriss der biblischen Theologie. Bavinck leitet uns an, eine breitere Perspektive ins Blickfeld zu nehmen.