Ein ganz normaler Seminartag: Zugehört, erlitten, vergessen

Ein Morgen wie jeder andere. Ein Dutzend Erwachsene tröpfeln in den Raum. An diesem Tag steht  verordnetes Lernen auf dem Programm. So wie diese Menschen früher zur Schule gehen mussten, sitzen sie an diesem Tag in einem schönen Seminarraum. Es ist strahlendes Wetter, die Aussicht prächtig. Kein Schulhaus, sondern ein kunstvoll restauriertes, stattliches Gebäude. Die Verpflegung ist erstklassig, Kaffee, Handy und Zigaretten in Griffnähe.

Die ersten Blick wandern nach draussen. Man sieht auf den See und erblickt die vielen weissen Segel. „Alle Menschen auf diesen Booten haben heute frei.“ Der Fachreferent wirft auch noch einen letzten Blick auf den See, räuspert sich und setzt die Powerpoint-Präsentation in Bewegung. Eine kurze Vorstellungsrunde; eine verlegene Entschuldigung, dass leider wenig Zeit für Interaktion bleibe.

Die Präsentation gibt den Takt vor. Pfeile werden eingespielt, kurze Videosequenzen ebenfalls. Jede Minute wird ausgenützt. Die einen Referenten sind vertraut mit der Materie und gehen in die Tiefe oder Breite. Andere scheinen eher unsicher und verbergen sich hinter den Inhalten.

Egal, welche Variante zum Zuge kommt: Die Referenten haben sich auf den un- oder halbbewussten Konsens „es kann nichts mehr passieren“ eingelassen. Ob sie die Teilnehmer-Erwartungen erspürt haben? Denen ist der Mechanismus, der abläuft, wohl selbst kaum bewusst. Sie kommen mit der Einstellung „ich habe keine Erwartungen“. Das Energieniveau ist entsprechend tief. Kaum hat die Litanei begonnen, verfallen sie in dumpfe Passivität. Das bedeutet: Auf der Referentenseite steht ein beträchtliches Engagement und ein entsprechender Energieverbrauch. Sie liefern, bieten dar, schleppen Inhalte heran, versuchen zu befriedigen. Auf der anderen Seite sitzen die Empfänger der Botschaften. Sie ertragen es geduldig, lächeln nett, schalten auf Durchzug und lassen die Brocken an sich vorbeischwimmen.

Die Maxime „es kann nichts passieren“ wirft die Echowelle „es passiert nichts“. Man erträgt es freundlich. Die Rückmeldung ist positiv, die Freude über das frühe Ende noch grösser. Endlich ist man entlassen in die herbei gesehnte Freiheit. Dasselbe Spiel hat sich schon hundertfach abgespielt, in Schule und im Unternehmen.

Was fehlte? Eine bewusste Konfrontation mit der Frage: Warum bin ich hier? (Und wenn ich eigentlich gar nicht hier bin: Wo bin ich sonst? Wo möchte ich sonst sein? Weshalb?) Was be-wegt mich? Beziehungs-weise: Wie komme ich in Bewegung? Was ist mein Bezug? Was will ich lernen? Warum will ich es nicht? Warum nicht auf diese Art und Weise?

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