Systematische Theologie für die Familienandacht (3): Christen können das Wort Gottes verstehen

Gib mir Verständnis, so will ich dein Gesetz bewahren und es befolgen von ganzem Herzen. Psalm 119,34

Ich habe gesagt, dass sich Gott den Menschen in verständlicher Sprache kundgetan hat. Nun gibt es zwei Extreme: Eine Richtung innerhalb der Christen, die Katholische Kirche, betont, dass die Auslegung der Bibel eine Sache der gesamten Kirche darstellt. Das heisst, die Amtsträger der Kirche haben über Jahrhunderte darüber entschieden, wie die Bibel auszulegen ist. Dadurch sind viele Präzisierungen hinzugekommen, die den Kanon der biblischen Bücher ergänzen und damit auf gleicher Stufe wie die Bibel selbst stehen.

Das andere Extrem finden wir beim Lesen des 21. Jahrhunderts vor. Er ist es sich vom Internet her gewohnt,  einzelne Datenhappen in seinen eigenen Verstehenshorizont einzufügen. Das Kriterium, ob eine religiöse Aussage glaubwürdig ist, hängt dabei oft von positiven Gefühlen ab. Zudem zählt, ob es unmittelbar Hilfe bietet. Das wirkt sich natürlich auch auf das Lesen der Bibel aus. Der Zusammenhang ist zweitrangig. Auch die Frage, ob der Text sich wirklich in Raum und Zeit abgespielt hat, rückt in den Hintergrund. Wenn die Aussage passt, weil sie tröstet, kann man sich auch gut damit abfinden, dass sie sich vielleicht gar nicht so zugetragen haben könnte oder dass sie Teil der Legendenbildung ist.

Wie sind diese beiden Extreme aus Sicht der Bibel zu beurteilen?

Die Bibel geht davon aus, dass der einzelne Mensch sie liest, für sich interpretiert und auf sein Leben anwendet. Wer den 119. Psalm liest, wird dies bestätigt finden. Das Wort Gottes hinterlässt eine deutliche Wirkung auf die Gefühle. Sie bewirkt zum Beispiel Freude, Sehnsucht und Trost, aber auch Reue und das Verlangen, nach Gottes Ordnung zu leben. Drei weitere Beispiele: Als der König Josia das Gesetz las, erkannte er sofort Missstände in seinem eigenen Reich und ergriff Massnahmen (2. Chronik 34+35). Als Jesus eine Frage zum Thema Ehescheidung gestellt bekam, griff er auf den Schöpfungsbericht zurück (Matthäus 19). Als Paulus erklärte, was Glauben bedeutet, zog er die Beispiele von Abraham und David heran (Römer 4). Josia, Jesus und Paulus wandten also selbstverständlich andere Bibeltexte auf die Gegenwart und Fragen ihrer Empfänger an.

Die Bibel betont nicht aber nicht nur die Sicht des Einzelnen. Der Dichter in Psalm 119 sah sich stets in der Gemeinschaft der Gottesfürchtigen (Psalm 119,38; 63; 74; 79). So ist es auch heute: So gewiss der Einzelne die Bibel auf sich anwenden kann, so entscheidend ist andererseits das Bewusstsein, dass er in eine Gemeinschaft von anderen Christen eingebunden ist. Beim Verständnis der Bibel hört er auf die Predigt und vergleicht sie mit der Aussage des Bibeltextes. Er liest Andachtsbücher, greift nach Nachschlagewerken oder schlägt einen Bibelkommentar auf. Wer sich etwas mehr vertieft, sucht nach Aussagen aus anderen Etappen der Kirchengeschichte. Oft sahen Menschen aus anderen Jahrhunderten klarer auf Fragen, welche die Gegenwart „vernebelt“.

Es gibt noch einen wichtigen Grundsatz. Alles, was besonders wichtig ist, vorab die Frage nach dem Heil, ist in der Bibel an vielen Orten und in einer grossen Klarheit festgehalten. Ein Christ kann diese Aussagen verstehen. Darüber hinaus gibt es Stellen, deren Sinn schwieriger verständlich ist. Zahlreiche Menschen haben schon über die Deutung dieser Stellen nachgedacht und sind zu unterschiedlichen Schlüssen gelangt. Der Reformator Martin Luther sprach darum von hellen und dunklen Stellen der Bibel. Er meinte: Lies die dunklen Stellen immer im Licht der helleren und nie umgekehrt.

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