Kolumne: Du musst reden!

  • Eine Wolke überzieht das Bubengesicht.
  • Er kneift die Lippen zusammen.
  • Der Blick wendet sich ab.
  • Die Augen gehen nach unten.
  • Er macht einen "Lätsch" (lang gezogenes Gesicht).
  • Man merkt, dass er über etwas nachdenkt.
  • Überrascht hält er inne.
  • Er trottet langsam weg.
  • Auf der Stirn zeigt sich eine Zornesfalte.
  • Er wird bleich.

Ich könnte die Aufzählung fortführen. Äusserlich zeigt sich am Kind eine innere Unzufriedenheit an. Es bewegt ihn etwas. Sein Wunsch wäre gewesen: … Doch jetzt ist es anders gekommen. In seinen Augen wurde der Bruder bevorzugt. Das wurmt ihn. "Wieder wurde ich nicht berücksichtigt." "Ich hätte auch schon lange  Anspruch auf…" "Warum immer ich?"

Als Eltern haben wir verschiedene Möglichkeiten darauf zu reagieren. Entweder überlassen wir das Kind seinen eigenen Gedanken und seiner Laune. Es ist anstregend, eine Auslegeordnung der Gedanken zu erstellen. Oder wir entdecken die nonverbalen Anzeichen auf dem Gesicht des Kindes und lesen ihm – wie es der Volksmund sagt – den Wunsch von den Lippen ab. Es kann noch weiter gehen: Wir fühlen uns durch die Reaktion des Kindes schuldig. Um unseren Frieden wieder herzustellen, gewähren wir den Wunsch des Kindes (einmal mehr).

So formen sich Gewohnheiten, festigen sich Gedankenkonstruktionen, bilden sich Reaktionsmuster. Es verfestigt sich ein gewisses Selbstbild. Aus christlicher Weltsicht gibt es zwei dominante Formen der Ich-Bezogenheit: Überzogener Egoismus und beleidigtes Übergangenwerden. Beides sind Formen des Dienstes an sich selbst, also Götzendienst. Wie können wir dem Kind helfen andere Gewohnheiten zu entwickeln?

Bisweilen ensteht bei mir der Eindruck, dass eine trotzige, abweisende, auflehnende, aggressive, subtil den andern und die Eltern störende Reaktion im ersten Moment sehr angenehm für den anderen ist. Nach dem Motto: "Ich lasse jetzt die Welt spüren, dass es für mich nicht stimmt." Für mich als Vater ist es wie dargestellt am einfachsten mich abzuwenden, zum Kind auf Distanz zu gehen oder mich in eine andere Aktivität zu flüchten.

Mit Gottes Hilfe und durch die hilfreichen Hinweise meiner Frau habe ich mir ein anderes Vorgehen angeeignet. Zuerst wende ich mich im Gebet kurz an meinen himmlischen Herrn und bitte darum, dass ich zum Herz des Kindes vordringen darf. Dann frage ich zurück: "Was geht dir jetzt durch den Kopf?" "Was denkst du jetzt?" Aus Erfahrung weiss ich, dass es eine Weile dauert, das Kind aus der Beschäftigung mit sich selbst herauszuholen. Diese Zeit gebe ich dem Kind. Es wäre unbedacht, durch Ungeduld das Kind weiter in seine eigene Welt zu stossen.

Nach der zweiten oder dritten behutsamen Nachfrage kommt – meist leise – eine Antwort: "Ich will nicht." "Das ist unfair." "Warum immer ich?" "Die anderen haben mich vergessen." "Ich bin traurig." Nach einem Moment der Ruhe frage ich nach: "Was löst das bei dir aus?" "Und was denkst du nachher?" Ich gebe mich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden.

Oftmals ist nach einem kurzen Dialog das Kind aus der Verstocktheit und der Enttäuschung herausgekommen. Dann geht es darum eine Lösung für die Situation zu finden. Hier ist es wichtig, in mehreren Optionen zu denken. Das Kind übernimmt Verantwortung für seine Lösung, indem es mitdenkt und -entscheidet. Ich überprüfe, ob das vereinbarte Vorgehen andere Reaktionen als zuvor hervorruft. Entscheidend: Ich stelle den Bezug zu Gott her. Weshalb ist der Dienst an sich selbst schädlich für den Betroffenen und die Umgebung? Dann danken wir Gott für die Lösung und bitten um Gelingen bei der Umsetzung.

Meine Frau sagt: "Reden musst du!" Recht hat sie. Ein Junge, der nicht reden lernt, frisst vieles in sich hinein. Wie will er später der Ehefrau, den Arbeitskollegen und Freunden mitteilen, was ihn verletzt oder unzufrieden macht, wenn er es als Kind nicht gelernt hat?

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