Kolumne: Es ist mir ein Rätsel, wie man so viele Bücher lesen kann

Ein wegweisendes Gespräch

2013 nach der Verteidigung meiner Dissertation führte ich ein Gespräch mit dem Doktorvater, das mir in Erinnerung bleibt. Er meinte, dass er nach der Dissertation erst richtig mit Lesen begonnen habe. Will heissen: Er hat gemerkt, was ihm an Grundlagen alles fehlte. So ermutigte er mich weiterzufahren. Ich steckte mir damals das Ziel, zu 500 lesenswerten Büchern etwas zu schreiben. Dieser Tage werde ich dieser Ziel erreicht haben. Ich wurde gefragt, wie das möglich war.

Ein Lebensfaden

Zuerst einmal muss ich den Bogen in die Vergangenheit spannen, nämlich zu meinen Vorfahren mütterlicherseits. Von dort habe ich wohl die Lese- und Schreibbegabung in den Genen mitbekommen. Bereits als Achtjähriger fertigte ich mir in jeder Predigt Notizen an. Lesen kombiniert mit Schreiben ist also ein roter Faden, den Gott in mein Leben gelegt hat.

Als der „Zwänzger“ fiel

Bis zum 30. Lebensjahr las ich zwar leidlich und breit, jedoch nie systematisch und diszipliniert. (Meine Söhne haben mich in dieser Hinsicht bereits überholt.) Das hat sich mit Beginn meines Zweitstudiums in Theologie geändert. Die rund 15‘000 Seiten Pflichtlesestoff  habe ich mir in zwei Jahren angelesen. (Man rechne: 300 Tage Lektüre pro Jahr, 25 Seiten täglich, also rund eine Stunde.) Dabei brachte ich mein eigen entwickeltes Zeichensystem zur Anwendung und baute es weiter aus. Von jedem Buch durfte ich einen schriftlichen Reflexionsbericht anfertigen.

500 Bücher: Wie kann man so viel lesen und schreiben?

Für das Schreiben der 500 Buchrückmeldungen benötigte ich 44 Monate. Dabei entfielen etwa 100 Berichte auf Bücher, die ich bereits früher gelesen und von denen ich Notizen, Zitate oder sogar bereits über einen Bericht verfügte. Damit bleiben rund 400 Bücher für die Zeit von rund 3,5 Jahren übrig.

Der normale Leseweg

Die allermeisten las ich ganz und mit Hingabe. Die Lesegeschwindigkeit betrug je nach Schweregrad zwischen 25 und 40 Seiten die Stunde. Das heisst für ein anspruchsvolles Werk benötigte ich zwischen 10 und 15 Stunden. Für eine ausführliche Buchbesprechung fielen nochmals drei bis vier Stunden für das Niederschreiben an, wobei ich stets auf handschriftliche Notizen und vor allem auf mein Zeichensystem im Buch zurückgreifen konnte. Viele Besprechungen gestalteten sich kürzer: 300 Worte für eine angereicherte Buchempfehlung, 500 – 600 Worte für eine analytische Kurzbilanz, 1000 Worte für eine mittlere sowohl inhaltlich wie auch reflexiv ansprechende Besprechung, 1500-2000 Worte für einen Buchessay.

Drei weitere Formen des Lesens

Daneben gab es drei weitere Formen des Buchlesens. Bei einigen Dutzend Büchern arbeitete ich mit einer Zeitlimite von zwei bis drei Stunden. Es ist erstaunlich, wie viel man in dieser Zeit von einem Buch mitbekommt. Bei einer Anzahl anderer Bücher las ich einen Teil. Ich kenne nur zwei Gründe ein Buch ganz zu lesen: Ich will den ganzen Inhalt unbedingt erfassen und/oder es packt mich einfach. Die dritte Form des Lesens ist das abschnittsweise Lesen. Ich erfasse den Sinn jedes Abschnitts und gehe dann zum nächsten. Wenn ich nicht mehr mitkomme, lese ich den ganzen Abschnitt. Das geht bei einer gewissen Art von Sachbuch sehr gut (z. B. bei gut strukturierten Ratgebern und Lehrbüchern). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich auf diese Weise mehr erfasse, als wenn ich das gesamte Buch lese.

Die Freude wächst

Kommen wir zurück auf die Zahl von 500. 100 bereits gelesene, 50 teilweise gelesene, 50 abschnittsweise, 300 neu und ganz. Das sind pro Jahr rund 80 – 90 Bücher. Das hört sich nach einer grossen Zahl an. Das ist es auch. Ich lese mit Freude und Leidenschaft. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich keine Freude zum Lesen aufbringen würde. Die einzige Ausnahme: Übermüdung. Ich lese oft unterwegs, stehend und sitzend und werde x-mal unterbrochen. Die Vorstellung ganz störungsfrei zu lesen ist mir fremd. Ebenso kämpfe ich mich bei einem neuen Thema, erst recht auch bei einer neuen Sprache, Satz für Satz und Seite für Seite vorwärts. Ich lese viele Abschnitte zweimal. Manche Bücher lege ich zwischenzeitlich zur Seite. Ich lese immer mehrere Bücher parallel und frage mich für die nächste Leseeinheit stets, welches Buch mir gerade am besten „von der Hand geht“.

Fazit und Ausblick

Das Schreiben von Notizen, inhaltlichen Zusammenfassungen und Reflexionen bereitet mir grosse Freude. Um das Ziel zu erreichen benötigte ich über 3 ½ Jahre und wandte so viel Zeit und Energie auf wie für ein Studium. Wie ich weiterfahre? Ich freue mich daran, breit und intensiv zu lesen und dabei nicht durch Vorgaben von Instituten und Professoren eingeschränkt zu sein. Vor allem möchte ich aber mit meiner Begabung Jesus und Seiner Kirche dienen. Ich bete dafür, dass Er das Geschriebene nützt, um Menschen zu Ihm zu rufen und in Seiner Nachfolge zu stärken. Soli Deo Gloria!

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