Kolumne: 10 Beobachtungen zur christlichen Verlagsszene im deutschsprachigen Raum

Der christliche Buchmarkt im deutschsprachigen Raum rückt immer näher zusammen, sprich, die alten Verlage werden sukzessive aufgekauft. Meine Gedanken dazu:

  1. Die Buchbranche liegt darnieder, bedingt durch das "Dumping" des Netzes. Jaron Lanier, Internetpionier, hat wie andere sein Schuldeingeständnis darüber abgelegt. Er plädiert nachträglich für eine Benutzergebühr für Leistungen, die übers Netz bezogen werden.
  2. Mein Brot verdiene ich anderweitig und nutze jede Ritze für die Leidenschaft des Lesens und Schreibens. Mein Vorbild dafür ist Alexander Solschenizyn. Der russische Schriftsteller memorierte bei minus 40 Grad mit Hunger unterwegs seine Texte, zuerst Poesie, später Prosa. Es hilft nichts, auf günstigen Wind zu warten.
  3. Dank dem Internet kann ich seit Jahren öffentlich schreiben und mit vielen anderen korrespondieren. Das ersetzt einen Teil der Funktion, die früher Bücher abdeckten.
  4. Es erscheinen zahllose Romane. Was jedoch zu fehlen scheint, sind Publikationen verschiedener Couleur, die das Zeitgeschehen kritisch unter die Lupe nehmen, konsequent eine christliche Weltsicht verfolgen und gleichzeitig zum Lesen einladen.
  5. Noch beklemmender ist die Auswahl an Ratgebern. Kürzlich habe ich ein Zitat von Martyn Lloyd-Jones aufgeschnappt: "In dem Maße, wie die Predigt abnimmt, nimmt die persönliche Lebensberatung zu." Damit korrespondiert eine Beobachtung: In Second Hand-Bücherläden stehen unzählige christliche Ratgeber – und praktisch keine Klassiker.
  6. Ich lese und schreibe, seit ich Kind bin. Die offizielle Verlagsszene interessiert mich offen gesagt gar nicht. Weshalb? Weil ich dann schreiben müsste, was und wie es sich die kleine Szene gerade wünscht. Den einen ist es zu philosophisch, den anderen zu abgehackt, den dritten zu theologisch, zu lange oder zu kurz. (Das bedeutet nicht, dass ich für Rückmeldungen unempfänglich wäre – im Gegenteil.)
  7. Es gibt eine wachsende Anzahl christlicher Nischenverlage mit ausgezeichnetem Angebot.
  8. Ich begrüsse Übersetzungen. Doch manche dieser Übersetzungen sind – entschuldige den Ausdruck – einfach grottenschlecht.
  9. Ich profitiere selbst vom reichen Angebot von Klassikern, die umsonst auf dem Netz bezogen werden können.
  10. Lasst es mich wiederholen: Es braucht in unserem Sprachraum neue christliche Think Thanks, Lebensgemeinschaften, Schulen und private Universitäten.
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